Systematische Theologie: Die Bibel als Ganzes sehen

Systematische Theologie als Entwurf

Eine Systematische Theologie ist eine der vielen Hilfen, die Aussagen der Bibel auf die Spur zu kommen. Eine Systematische Theologie will systematisch erfassen, warum es in der ganzen Bibel geht – sie will die Bibel ganzheitlich erkennen und verstehen lernen. Der Versuch, die Bibel zusammenhängend zu verstehen äussert sich beispielsweise in der thematischen Aufarbeitung von Themen durch die ganze Bibel hindurch. So lassen sich verbindende Elemente oder auch Entwicklungen erkennen.

«Systematische Theologie» ist der Versuch, die Bibel zusammenhängend zu verstehen.

Während eine «Biblische Theologie» beabsichtigt, die Aussagen der Bibel möglichst fortzu im eigenen Kontext zu folgen und zu verstehen, geht es bei der Systematischen Theologie darum, grössere Zusammenhänge zu erfassen. Dass diese Betrachtungsweise grundsätzlich möglich ist, hängt damit zusammen, dass die Bibel einen historischen Kontext besitzt und viele Bücher als geschichtliche Enwicklungen erzählt werden.

Die Bibel selbst entstand in einer Zeitspanne von rund 1500 Jahren und es haben etwa 40 Autoren mitgeschrieben. Ihre Hintergründe und persönliche Geschichten könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Berichte über die Entstehung und Werdung der Menschheit, Gottes Handeln mit Abraham, dem Volk Israel und die Erwartung eines Königs und Messias, die Erwartung von Heil für Israel und die übrigen Völker reichen hinein in die Zeit des Neuen Testaments.

Im Neuen Testament – so wird bezeugt – kommen Erfüllung und Ausblick in der Person Jesus Christus, der Gottes Sohn und Menschensohn ist, zusammen. Zwischen der Tenach (das Alte Testament) und den griechischen Schriften des sogenannten Neuen Testaments gibt es unzählige Querverweise. Zitate, Interprationen, Verknüpfungen von Geschichten, Ausblicke und Prophezeiungen. Wie lässt sich diese Fülle vereinfacht darstellen?

Das sind die Fragen, womit sich eine Systematische Theologie auseinandersetzt. Es wird ein Entwurf über Gottes Zeit und Gottes Wort gemacht, worin nicht nur verbindende, sondern auch trennende Elemente einen Platz erhalten. Denn es geht nicht um einzelne Bibelabschnitte, sondern um ein Verständnis «von Anfang bis zum Schluss». Naturgemäss berührt eine Systematische Theologie deshalb auch die Eschatologie (Lehre der letzten Dingen) obwohl sie damit nicht zu verwechseln ist.

Ein zusammenhängendes Verständnis der Bibel hat m.E. eine grosse praktische Bedeutung. Es ist gerade die Kraft einer Systematischen Theologie das «Hier und Jetzt» als «Teil eines grösseren Handeln Gottes» zu erkennen. Sie hilft dabei unsere Zeit und unser Sein als Teil der Welt und Teil von Gottes Wirken zu erkennen und zu deuten. Wie und auf welche Art dies gelingt ist selbstverständlich vom jeweiligen Ansatz und Verständnis abhängig.

Bündnistheologie und Dispensationalismus

Eine Systematische Theologie von Bedeutung gibt es vorwiegend in zwei Ansatzen: Die (reformierte) Bündnistheologie und der evangelikale Dispensationalismus. Beide Ansätze werden hier kurz erläutert. Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, dass es viele Zwischenformen und Varianten gibt.

Wichtiger als die historischen und lehrtechnischen Unterschiede und deren Begründungen erscheint mir das grundsätzliche Verständnis um die beiden Ansätze. Denn von beiden lässt sich etwas lernen.

1. Bündnistheologie

Die Bündnistheologie sieht Gottes Handeln in der Geschichte der Welt als eine Reihe Bündnisse, die sich wie ein roter Faden durch die Bibel nachverfolgen lassen. Stets geht es also um die Beziehung zwischen Gott und den Menschen, die sich in verschiedenen Zeiten unter verschiedenen Bündnissen wiedererkennen lassen. Für die Bündnistheologie steht die Kontinuität von Gottes Handeln zentral.

Bekanntester Exponent dieser Richtung ist die reformierte Bündnistheologie (auch: Föderaltheologie von lat. foedus, «Bund», oder Bundestheologie). Die christliche Aufteilung der Bibel in «Altes Testament» (übersetzt vom hebräischen Ausdruck «Alter Bund») und «Neues Testament» («Neuer Bund») ist auf diese theologische Interpretation zurückzuführen. Dabei wäre das Alte Testament sozusagen für den Alten Bund bzw. für Israel, das Neue Testament für den Neuen Bund, nämlich für die Kirche. Die Bündnistheologie sieht die Kontinuität als linear, das heisst, dass das eine vom anderen abgelöst wird. Die Bündnisse sind nicht parallel, sondern folgen nacheinander.

Diese Interpretation hat zur Folge, dass das Volk des Alten Bundes (Israel) vom Volk des Neuen Bundes (Kirche) abgelöst wird. Israel als «Gottes Volk» wurde durch die heutige Gemeinde ersetzt. Aus dieser Sicht fällt es schwer, für Israel noch eine von Gott gesegnete Zukunft zu sehen, auch wenn darüber in der Bibel berichtet wird. Vielmehr sieht man die Gemeinde als «geistliches Israel» oder als «das wahre Israel» und sogar als Erbe der Verheissungen für Israel. Wer sich in dieser Tradition sieht, stellt oft die Christenheit als «Gottes Volk» dar, auch wenn die Gemeinde heute kein Volk in dem Sinne ist, wie es Israel ist.

Vergleich

Wenn die Geschichte als Strasse dargestellt wird, so fährt in der Bündnistheologie ein einziges Auto auf dieser Strasse. Bei einem Wechsel des Bundes (neuer Bund) wird nicht das Fahrzeug, sondern bloss der Fahrer ausgewechselt. Der neue Fahrer fährt also mit dem alten Fahrzeug und kommt damit weiter. Je nach Ausprägung der Theologie darf der alte Fahrer noch auf dem Rücksitz mitfahren.

2. Dispensationalismus

Der Dispensationalismus sieht Gottes Handeln als eine Reihe von Zeitabschnitten, Dispensationen oder Verwaltungen genannt, jeder mit einem eigenen Charakter. Stets geht es darum, den spezifischen Charakter der Zeit zu erkennen, über die geschrieben wird. Stärker als bei der Bündnistheologie wird der Text vom direkten Kontext aus verstanden und ausgelegt.

Ein Dispensationalist unterscheidet beispielsweise eine Zeit des Gesetzes von einer Zeit der Gnade. So, wie für das Volk Israel das halten des mosaischen Gesetzes massgeblich war, steht die heutige Gemeinde unter dem Zeichen der Gnade. Die Kontinuität im Dispensationalismus ist den einzelnen Zeitabschnitten übergeordnet. Der Dispensationalismus sieht eine Kontinuität in Gottes Handeln aus dem Blickwinkel der Entwicklung und unter Berücksichtigung der Unterschiede der verschiedenen Zeiten. Ganz allgemein ist im Dispensationalismus Zeit ein wichtiger Aspekt. Die Geschichte Gottes mit den Menschen wird als Heilsgeschichte interpretiert, die durch verschiedene Zeiten hindurch zur Vollendung kommt.

Der Dispensationalismus gibt es in vielen Varianten. Oft führt man Dispensationalismus auf John Nelson Darby zurück. Dieser hat aus 7 erkannten unterschiedlichen Zeiten ein «System» entwickelt (wie in «Systematische Theologie»), womit sich die Bibel einfacher im eigenen Licht lesen lässt. Keineswegs war Darby jedoch der erste, der verschiedene Zeiten in der Bibel erkannte, noch ist «sein» System das einzige. Es gibt auch Interpretationen mit 3, 8 oder 12 Verwaltungen. Was dem Dispensationalismus wirklich ausmacht ist nicht die Zahl der Verwaltungen, sondern die Fähigkeit, Zeiten zu unterscheiden. Man kann sich von der theologischen Ausprägung eines John Darbys distanzieren, aber trotzdem alle Wesensmerkmale des Dispensationalismus mittragen. Eschatologische Interpretationen und Richtungen wie «Premillenianismus» oder «Postmillenianismus», wie sie in vielen Freikirchen gepflegt werden, sind bereits im Namen dispensationalistische Aussagen. Die meisten Freikirchen haben eine dispensationalistische Grundlage, auch wenn man sich dessen nicht bewusst ist oder keine ausgesprochene Eschatologie im Stile Darbys gelehrt wird.

Vergleich

Wenn die Geschichte als Strasse dargestellt wird, so fahren im Verständnis des Dispensationalismus verschiedene Autos auf der Strasse. Sie fahren vielleicht unterschiedliche Abschnitten derselben Strasse. Zeitweise können – je nach Verständnis – sogar mehrere Autos auf der Strasse fahren. Die Teilstrecken haben unterschiedliche Landschaften und auch die Strassen sind nicht immer derselben Beschaffenheit. Wenn ein neuer Zeitabschnitt anfängt, wird vielleicht ein ganz neues Auto auf die Strasse gesetzt, mit einem neuen Fahrer oder sogar mit einem alten Fahrer – oder gar mit beiden. Im Verständnis vieler Dispensationalisten hat das Auto von Israel momentan eine Panne, während Gläubigen aus den nicht-israelischen Völker (die bis dorthin in der biblischen Geschichte eher auf die Zuschauertribune sassen) heute als Fahrgemeinschaft mit einem ganz neuen Gefährt unterwegs sind. Die Erwartung ist, dass Defekte bei allen Gefährten noch repariert werden, damit sämtliche Autos die Fahrt nach Plan abschliessen können.

Israel und die Gemeinde

Ein bedeutendes Thema in der Bibel – und deshalb auch in der Systematichen Theologie – ist Israel. Die Bibel spricht fast durchgehend von Israel, nicht nur im Alten Testament (der Tenach), sondern auch im Neuen Testament. Jesus war ein Jude. Die Apostel waren alle Juden. Die erste Gemeinde in Jerusalem war eine durch und durch jüdische Gemeinde, die auf die Erfüllungen der Verheissungen an die Propheten warteten.

Wer die Bibel liest, kommt um Israel nicht herum. Die verschiedenen theologischen Ansätze lassen sich sogar danach einteilen, wie die Position von Israel und den anderen Völkern verstanden werden. Dort, wo die Gemeinde als Ersatz für das Volk Israel gesehen wird  (Substitutionstheologie), ist dies in der Regel eine Folge der Bündnistheologie. Der Dispensationalismus dagegen sieht die christliche Gemeinde und Israel meist als zwei getrennte Gruppen und sieht für Israel noch eine von Gott erfüllte Zukunft – auch wenn es zu den Detailfragen grosse Unterschiede der Interpretation gibt. Karl Barth, als reformierter Theologe, sah zum Beispiel eine Synthese in dieser Frage, und sah das Jesus Christus den «ungekündigten Bund mit Israel» erfüllte und so die ganze Menschheit in die Heilsbotschaft mit einbezog.

Unmittelbar mit dem Verständnis von Israel ist auch das Verständnis der Gemeinde verknüpft. Wer sich als Ersatz von Israel sieht macht auch den Umkehrschluss geltend: Wo immer Israel geschrieben steht, geht es (direkt, oder in übertragenem Sinne) auch um die Gemeinde. Es soll deshalb nicht verwundern, dass beispielsweise in konservativen calvinistischen Kirchen die 10 Geboten als Pfeiler der kirchlichen Lehre verstanden werden. Dagegen sieht der Dispensationalismus die Gemeinde als getrennt von Israel und setzt in der Regel der Anfang der Gemeinde in der Apostelgeschichte. Je nach dispensationalistische Prägung beginnt die Gemeinde in Apostelgeschichte 2 (Pfingsten), Apostelgeschichte 9 oder 13 (Paulus Berufung oder Absonderung zum Dienst) oder gar erst beim Abschluss der Apostelgeschichte. In diesem Artikel geht es nicht darum die eine oder andere Sicht zu werten, sondern nur darum eine einführende und vereinfachte Übersicht zu gewähren.

So klar wie es hier getrennt wird ist es übrigens in den meisten Traditionen, Kirchen und Gemeinschaften nicht. Viele sehen den Anfang der Gemeinde bereits in den Evangelien, zusammenfallend mit dem Auftreten von Jesus, obwohl es offensichtlich ist, dass der Fokus dort noch ganz auf die Erfüllung der alttestamentlichen Verheissungen für Israel liegt (Röm 15,8) und eine Gemeinde aus allen Nationen nicht genannt wird.

Eschatologie und Fehldeutungen

Bereits wurde darauf hingewiesen, dass eine Systematische Theologie zwangsläufig auch Fragen zur Endzeit berührt. Die Bibel spricht über zukünftige Ereignisse. Deshalb gibt es in allen theologischen Richtungen die Eschatologie als «Lehre über die letzten Dinge». Eine Systematische Theologie ist aber nicht mit einer Eschatologie zu verwechseln. Sie berühren sich, sind aber nicht deckungsgleich. Eine Systematische Theologie bietet jedoch wichtige Hilfe für die Entwicklung der Eschatologie, denn sie kann für die Eschatologie den Zusammenhang liefern. So sind die beiden wohl sinnvoll verknüpft.

Die Systematische Theologie, einmal zu einem gesamtheitlichen Bild gekommen, wird massgeblich zur Deutung von Endzeitgeschehen beitragen. Bemerkenswert ist deshalb, dass so wichtige Reformatoren wie Martin Luther oder Johannes Calvin beide zum Buch «Offenbarung» keine klare Aussage machen konnten. Das Buch passte irgendwie nicht im eigenen Verständnis. Vielleicht darf man dies so deuten, dass ihr Verständnis der letzten Dinge durch ihre Systematische Theologie behindert wurde. Ihr systematisches Verständnis der Bibel konnte zwar Licht auf einige Bibelstellen werfen, war aber als Werkzeug für andere Bibelteile keine Verständnishilfe.

Ähnlich unvollkommen ist auch der Dispensationalismus. Die Ansätze vom Dispensationalismus eignen sich hervorragend zur Schematisierung biblischer Zusammenhänge (wie z.B. in den Übersichten von Clarence Larkin). Schematisierung ist sowohl die Stärke dieser Betrachtungsweise als gleichzeitig auch die grösste Schwäche. Die Verführung liegt darin, die schematische Darstellung derselben Autorität wie die Bibel zu verleihen und den Rückschluss zu machen, dass die Bibel sich so zu verhalten hat wie es die Darstellung gezeichnet hat. Damit sei auch gleich angedeutet, dass es nicht der Ansatz des Dispensationalismus ist, der hier zu kritisieren ist, sondern die Rückschlüsse, die aufgrund der Darstellung gemacht werden. Sie ist dann nichts anderes als eine Tradition, durch die hindurch die Bibel gelesen und interpretiert wird. Auch andere Traditionen zeigen diese Symptome.

Es nicht der Ansatz des Dispensationalismus, der hier zu kritisieren ist, sondern die Rückschlüsse, die aufgrund der Darstellung gemacht werden.

Von Henry Louis Mencken stammt das Zitat: «Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die einfach, klar und falsch ist». Das ist zwar kein Makel der dispensationalistischen Sichtweise allein, aber es lässt sich dort gut veranschaulichen. Die Schematisierungen sehen so schön aus – sie müssen deshalb wohl wahr sein! Sie verleiten dazu, die Welt schematisch zu verstehen, die erkannten Unterschiede zu einer Trennung auszuarbeiten, auch wenn sie es in absolutem Sinne nicht sind.

Manche berechnen biblische Jahreszahlen, um die Wiederkunft Christi auf ein Jahr festzulegen. Dann sollte gefragt werden, ob die Folgerungen nicht über das Ziel der Betrachtung hinausschiessen. Obwohl eine kritische Hinterfragung angebracht ist, sollte auch die andere Seite nicht ungenannt bleiben: Es sind die klaren Strukturen und Hinweise aus der Bibel, die zum Denken anregen und eine Auseinandersetzung mit dem Text manchmal erst möglich machen.

Wege ins Wort

Betrachten wir die Systematische Theologie als eine von mehreren unvollkommenen Hilfen, dann können wir sie als Wege ins Wort verstehen. Keine Sicht soll einfach als «die» Wahrheit erkannt werden, sondern alle zeigen Aspekte der biblischen Narrative. Paulus schrieb: «Prüft aber alles, das Gute haltet fest!» (1Thes 5,21).

Ist jetzt alles irgendwie gleichwertig? Keineswegs. Auf der Suche nach einem durchgängigen guten Verständnis der Bibel habe ich selbst in den verschiedenen Varianten des Dispensationalismus die beste Hilfe gefunden. Ich hatte viele Fragen und bin suchend und vergleichend durch so manche Themen hindurch gegangen. Dabei war nicht entscheidend, was für ein Schema gerade gezeigt wurde, und ich fühlte mich keinesfalls dazu gedrängt, eine bestimmte Sicht kritiklos zu übernehmen. Vielmehr ging es darum, den Text im eigenen Kontext zu verstehen.

Klare dispensationalistische Ansätze haben das Ziel, die Bibel im eigenen Licht zu betrachten. Wenn eine wie auch immer geprägte Theologie dazu beiträgt, die Bibel für sich sprechen zu lassen, dann profitiere ich von dem gezeigten Zusammenhang. Deshalb lässt sich auch von anderen Ansätzen häufig gutes mitnehmen. Das bedingt natürlich eine Lernkultur, die für eine differenzierte Sicht aufgeschlossen ist.

Lehren und Theologien sind Zusammenfassungen und als solche bilden sie nur das Verständnis des Schreibers ab – wie auch dieser Artikel. Gelingt es jedoch biblische Zusammenhänge aufzudecken, dann sind die Ansätze Systematischer Theologie brauchbare Wege ins Wort. Sie sollten dazu dienen, die Bibel transparenter zu machen und differenzierter zu betrachten.  Heute sind diese Ansätze umso wichtiger, als Kirchen und Gemeinden selten mehr fundierte biblische Grundlagen vermitteln. Kirchengänger und Gemeindemitglieder – wenn sie sich nicht selbst auf den Weg machen – erfahren keine Zusammenhänge mehr, sondern nur noch Bruchstücke. Das ist eine Not dieser Zeit, die sich durch Verlust eines geistlichen Horizonts und Verlust geistlichen Tiefgangs kennbar macht. Damit hatte bereits Israel zu kämpfen (vgl. Hos 4,6).

 

Anregungen zum Gespräch

  • Warum ist es wichtig, ein zusammenhängendes Bibelverständnis zu haben?
  • Wird in Deiner Kirche oder Gemeinde auf ein vertieftes Bibelverständnis wert gelegt? Warum ist das so?
  • Gibt es in Deiner Kirche oder Gemeinde eine Lernkultur?
  • Werden in Deiner Kirche oder Gemeinde unterschiedliche Lehransätze offen und unverkrampft diskutiert?
  • Was wäre in Deiner Kirche oder Gemeinde in Bezug auf biblische Lehre wünschenswert?
  • Warum schreibt Paulus im Kolosserbrief «betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür des Wortes öffne, das Geheimnis des Christus zu reden» (Kol 4,2-3)? War dieses Gebet nötig?

 

 

Bildvermerk: Aaron Burden


Es ist gut für mich, Gott zu nahen

Es ist gut für mich, Gott zu nahen

Zuversicht und Lebensmut haben viel damit zu tun, ob wir erkennen, was gut ist für uns. Sich bewusst auf das Gute zu richten ist das Thema dieses Artikels. Anhand eines Psalms lesen wir, wie der Schreiber damit umgeht.

Der Vollblutmusiker

Psalmen sind bekanntlich Lieder. Das Buch der Psalmen ist das Buch der Lieder. Es ist auch das Buch der Liedermacher und Sänger. Asaph war einer von ihnen. Er wurde einst von König David als Oberster über die Tempelmusik eingesetzt, zurzeit als die Bundeslade und das Zeltheiligtum in Jerusalem aufgerichtet wurden (1Chr 15; 1Chr 16,2-6). Er war, was man heute einen «Vollblutmusiker» nennen würde. Unter Asaphs Leitung wurde Gott in Jerusalem gepriesen. Asaph war  ein Sänger, heisst es (2Chr 5,12). Insgesamt hat er 12 Psalmen geschrieben (Psalm 50 und die Psalmen 73–83).

Um den zweiten Psalm in dieser Reihe geht es hier. Er reiht sich in den vielen anderen Psalmen ein. Psalmen sind immer persönliche Zeugnisse. Man erhält einen Einblick in dem, was jemand denkt und bewegt. Viele Menschen lesen die Psalmen deshalb gerne. Was dort geschrieben wird ist erkennbar. Das ganze Spektrum an Emotionen findet sich dort, Verzweiflung und Hoffnung, Dankbarkeit und Freude, Leben und Tod und was dazu gehört.

Auch Asaph schreibt aus seiner eigenen Erfahrung heraus. Wie geht es ihm, der Tag für Tag am Heiligtum in Jerusalem dient? Was prägt wohl seinen Dienst? Das lässt sich ansatzweise aus seinen Psalmen herauslesen.

Asaphs Zuversicht

Aufgefallen ist mir in Psalm 73 seine Zuversicht. Zweimal spricht er darin von «guten» Dingen.

Er beginnt den Psalm mit den Worten:

«Gewiss, Gott ist Israel gut, denen, die reinen Herzens sind»
Psalm 73,1

Er beschliesst den Psalm mit einer weiteren «guten» Feststellung:

«Ich aber, Gott zu nahen ist gut für mich»
Psalm 73,28

Zwischen diesen beiden Aussagen erzählt Asaph jedoch von seiner eigenen Mühe und Not. Das ist ein richtiges Kontrastprogramm. Hat er im ersten Vers von Gott gesprochen und dabei das Gute hervorgehoben, so spricht er in den folgenden Versen von Neid und Hochmut anderer, und von der Not und Bestürzung, die das bei ihm auslöst. Keineswegs fühlte er sich allem gewachsen, was er in sich selbst und um sich herum wahrnahm. Bereits im zweiten Vers heisst es:

«Ich aber – wenig fehlte, so wären meine Füsse abgewichen, um nichts wären meine Schritte ausgeglitten»
Psalm 73,2

Asaph erzählt in diesem Psalm aus eigenem Erleben heraus. Schonungslos berichtet er von dem, was ihn aus der bahn wirft. Wir lesen auch wie er damit ringt, alles wieder auf die Reihe zu bringen, die Erfahrungen und Gedanken einzuordnen. Seine Überlegungen haben ihn erbittert und nicht gut getan. Asaph beschreibt das wie folgt:

«Als mein Herz sich erbitterte und es mich in meinen Nieren stach, da war ich dumm und wusste nichts; ein Vieh war ich bei Dir»
Psalm 73,21-22

Gegen diesen Hintergrund besinnt er sich wieder auf seinen Gott und wie ganz anders dieser ist:

«Doch ich bin stets bei dir: Du hast mich erfasst bei meiner rechten Hand; durch deinen Rat wirst du mich leiten, und nach der Herrlichkeit wirst du mich aufnehmen. Wen habe ich im Himmel? Und neben dir habe ich an nichts Lust auf der Erde. Vergeht mein Fleisch und mein Herz – der Fels meines Herzens und mein Teil ist Gott auf ewig»
Psalm 73,23-26

Gott ist Einer. Einer ist seine Zuversicht. Zuversicht, dass der Allmächtige selbst ihn bei der rechten Hand nimmt. Bemerkenswert, wie Asaph das schreibt. Denn zuerst sagt er «Doch ich bin stets bei Dir» und lässt es unmittelbar folgen von «Du hast mich erfasst bei meiner rechten Hand». Das sind zwei Aussagen. Es gibt sowohl die Aussage, dass er (Asaph) bei Gott ist, als auch die Aussage, dass Gott bei Asaph ist. Daraus spricht Gegenseitigkeit. Das ist persönliche Beziehung. Es zeigt aber auch, dass Asaph nicht auf sich selbst und seiner Leistung abstützt, sondern ganz wesentlich sein Vertrauen auf seinen Gott stellt, dass dieser ihn festhält. Gottvertrauen. Es erinnert mich auch an die Worten des Apostels Paulus, der ganz ähnlich schreibt:

«…Nicht dass ich dies schon erhielt oder hierin schon vollendet sei. Ich jage aber danach, ob ich wohl ergreifen möge, wozu ich auch von Christus Jesus ergriffen worden bin…»
Phil 3,12-14

Die Ausrichtung des Herzens

Nun kommt Asaph zum Schluss des Psalms. Hier fasst er zusammen, um was es ihm geht. Es ist diese Ausrichtung des Herzen, diese klare Haltung, aus den Erfahrungen gewachsen, die ihn sagen lässt:

«Ich aber, Gott zu nahen ist gut für mich; ich habe meine Zuversicht auf den Herrn, HERRN, gesetzt, um alle deine Taten zu erzählen.»
Psalm 73,28

Gott zu nahen ist gut für mich. Es ist eine schlichte Aussage. Dies sagt Asaph gegen den Hintergrund seiner eigenen Verwirrung und aus den eigenen schmerzlichen Erfahrungen heraus. Er hat festgestellt, dass andere «dir fern sind» (Psalm 73,27). Darin sieht er keinen Heil. Es ist eine Erkenntnis, die in ihm gereift ist. «Ich aber – Gott zu nahen ist gut für mich!». Er hat es für sich selbst auf den Punkt gebracht. Gut, wenn wir für uns selbst eine so klare und positive Aussage machen können.

Was gut tut und was nicht

Asaph hat eine sehr positive Aussage gemacht, eine Aussage über seine eigene Glaubenshaltung. Dass andere Menschen ganz andere Wege gehen, hält ihn nicht davon ab, bewusst einen guten Weg zu wählen. Das gelingt nicht jedem, und auch Asaph hat davon berichtet, dass er durch Bitterkeit erfasst wurde und fast völlig auf Abwegen geriet. Er hat sich davon abgewendet. Die Auseinandersetzung wird es vermutlich immer haben, und auch in unserer Zeit.

Paulus hat dem Timotheus ernüchternd geschrieben:

«Dies aber wisse, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten eintreten werden; denn die Menschen werden selbstsüchtig sein, geldliebend, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, unheilig, lieblos, unversöhnlich, Verleumder, unenthaltsam, grausam, das Gute nicht liebend, Verräter, unbesonnen, aufgeblasen, mehr das Vergnügen liebend als Gott, die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen. Und von diesen wende dich weg!»
2Tim 3,1-5

Paulus empfiehlt hier – wie es Asaph getan hat – sich von diesen negativen Dingen abzuwenden. Es reicht aber nicht, sich einfach abzuwenden, ohne sich dem Guten zuzuwenden. Dies beschreibt der Apostel ganz treffend in seinem Brief an die Philipper:

«Übrigens, Brüder, alles, was wahr, alles, was ehrbar, alles, was gerecht, alles, was rein, alles, was liebenswert, alles, was wohllautend ist, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, das erwägt! Was ihr auch gelernt und empfangen und gehört und an mir gesehen habt, das tut! Und der Gott des Friedens wird mit euch sein.»
Phil 4,8-9

Dieser Rat kommt mit einer klaren Verheissung: «…das tut! Und der Got des Friedens wird mit euch sein».


Geistlicher Segen

Geistlicher Segen

Zur Einführung

Was ist denn Segen? Und: Wer will nicht gerne gesegnet sein? Einfach gesegnet sein und aus dem Vollen schöpfen – das kann ich mir gut vorstellen. Das wünsche ich mir. Ich will schönes sehen, mich gut und gesund fühlen und ich möchte, dass es mir in allem gut geht. Das zu erfahren wäre so etwas wie ein Zuspruch, der in der Realität sichtbar wird. Auch ich habe diesen Wunsch. Es ist ein ganz und gar menschlicher Wunsch.

Segen ist etwas Gutes. Jeder will Gutes erfahren. Was für uns wirklich gut ist, das ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Meine Sicht auf die Welt und auf mein eigenes Leben hat immer wieder neue Einsichte gebraucht. Was als gut wahrgenommen wird, ist eben meine Wahrnehmung. Sie wird stark von meinen Erfahrungen geprägt. Wofür man dankbar ist und was man als Segen empfindet, das scheint nicht für jeden gleich zu sein.

Weil ich mir die Bibel und ihre Aussagen zu Herzen nehme, verstehe ich, dass wirklicher Segen von Gott kommt. Ich erkenne das in den Worten von Jakobus:

«Jedes gute Geben und jede vollkommene Schenkung ist von oben, kommt vom Vater der Lichter herab, bei dem es keine Veränderung gibt, keinen Wechsel zu Beschattung»
(KNT, Jak 1,17).

Jedes gute Geben, lerne ich hier, ist wie ein vollkommenes Geschenk, wie ein Geschenk ohne Schattenseiten. Göttlicher Segen ist wie ein vollkommenes Geschenk. Göttlicher Segen ist auch ohne Veränderung, wie Gott selbst beständig ist. Wer sich gesegnet fühlt, kann im Leben vorangehen und sieht, dass es weiter geht. Es ist Zuversicht darin enthalten. Segen ist der Inbegriff aller guten Dingen. In der Sprache des Neuen Testaments, dem Griechischen, heisst das Wort Segen eulogia, was buchstäblich übersetzt soviel heisst wie «Wohl-Wort» oder «Gutes-Wort». Wer segnet, spricht ein gutes Wort aus. Wer gesegnet wird, erhält ein gutes Wort.

Segen erfahren?

Liegt es bei all diesen positiven Aussagen nicht nahe, auch solche Dinge wie Wohlfahrt, Gesundheit und Freude dazuzuzählen? Wären das nicht auch gute Dinge, die von Gottes Segen begleitet sein müssten? Das sind verständliche Fragen und die Beantwortung kann uns dabei helfen im Leben und im Glauben einen Weg zu finden.

Stellen wir dann aber auch die Gegenfrage: Was nun, wenn unser Leben einmal nicht so «gesegnet» aussieht? Was, wenn Not und Leiden, Tod und Krankheit, Verlust und Schmerz auf den eigenen Weg kommen? Soll ich daraus dann ableiten, dass ich nicht-gesegnet bin? Oder gar, dass Gott sich von mir zurückgezogen hat? Wie steht es dann um mein Verständnis von Gottes Segen? Wenn der Wind nicht von hinten, sondern von vorne bläst, wie soll man das dann verstehen? Manchmal kann es helfen, sich diese Fragen zu stellen. Es kann sogar gut tun, sie auszuhalten. Es lohnt sich, schwierige Fragen auszuhalten, damit vielleicht bessere Antworten kommen können. Vielleicht müssten wir uns dann fragen: Machen wir eine richtige Verknüpfung, wenn wir Gottes Nähe mit sichtbarem Segen gleichschalten?

Schauen wir uns zuerst mal einen Fall an, wo dies tatsächlich so war.

Das Gebet von Jabez

Es gibt in der Bibel die erstaunliche Geschichte von Jabez. Nur zwei Bibelverse sprechen von ihm, aber diese zwei Verse haben es in sich. Jabez spricht dort ein Gebet. Dieses «Gebet von Jabez» hat vor einigen Jahren in christlichen Kreisen Wellen geschlagen. Es war in aller Munde. Es erschienen Andachtsbücher, Flyer, Broschüren, Postkarten – alle mit dem Gebet von Jabez als Inhalt.

Die Geschichte liest sich wie folgt:

«Jabez war angesehener als seine Brüder; zwar hatte seine Mutter ihm den Namen Jabez gegeben, denn sie sagte: Mit Schmerzen habe ich ihn geboren. Aber Jabez hatte den Gott Israels angerufen und gesagt: Dass du mich doch segnen und mein Gebiet erweitern mögest und deine Hand mit mir sei und du das Übel von mir fern hieltest, dass kein Schmerz mich treffe! Und Gott ließ kommen, was er erbeten hatte.»
1. Chr 4,9–10

Tatsächlich ist es eine bemerkenswerte Geschichte. Einerseits ist sie bemerkenswert wegen der Geschichte selbst. Dann aber ist die Geschichte auch deshalb bemerkenswert, weil sie so extrem kurz und knapp erzählt ist.

Jabez' Name klingt an dem Wort für «Schmerz» an. Es ist ein Wortspiel der Mutter, die ihn den Namen gegeben hat. Denn «seine Mutter hatte ihm den Namen Jabez gegeben, denn sie sagte: Mit Schmerzen habe ich ihn geboren». Damit ist die Geschichte allerdings nicht abgeschlossen. Zwar hat der Namen die Erfahrung der Mutter wiedergegeben, aber der Sohn stellt dem etwas gegenüber. «Aber Jabez hatte den Gott Israels angerufen und gesagt: Dass du mich doch segnen und mein Gebiet erweitern mögest und deine Hand mit mir sei und du das Übel von mir fern hieltest, dass kein Schmerz mich treffe!» So übernimmt der Sohn nicht einfach die Last seines Namens, aber betet Gott an, den Gott Israels, dass Er ihn segnen möge, Er es ihm gut gehen lassen würde, dass kein Übel oder Schmerz ihn trifft.

Schmerz

Der Name Jabez (hb. יַעְבֵּץ֙) klingt an das hebräische «mit/in Schmerzen» aus dem gleichen Satz an (hb. בְּעֹֽצֶב, be-ozeb, eine Anlehnung und Umkehrung der Buchstaben zu Jaezeb).

E.W. Bullinger weist in einer Fussnote der Companion Bible daraufhin, dass die Umkehrung der Buchstaben als bewusst gewähltes Wortspiel auch auf eine Änderung der Erfahrungen hinweisen könnte. Zwar war Jabez mit Schmerzen geboren, jedoch wünscht ihm die Mutter den Gegenteil. Bullinger schreibt: «The transposition of letters in Heb. may intimate a change of experiences, and mean 'may he have pain or grief reversed'» («Die Umkehrung der Buchstaben im Hebräischen kann auf eine Änderung der Erfahrungen hinweisen und 'möge er Schmerz oder Betrübnis aufgehoben oder umgekehrt erhalten' bedeuten»).

Der Name Jabez verweist auf den Geburtsschmerz. Das erinnert an den Bericht aus dem ersten Buch Mose, wo es heisst:

«Zu der Frau sprach er: Ich werde die Mühsal deiner Schwangerschaft sehr mehren, mit Schmerzen sollst du Kinder gebären…»
1. Mo 3,16

Die Erfüllung des Gebets

Erstaunlich ist, was Jabez nach seinem Gebet erfährt:

«Und Gott ließ kommen, was er erbeten hatte.»

So einfach ist das. Oder zumindest: So einfach scheint das. Denn Gottes Antwort kommt hier postwendend und ohne Vorbehalte. Gott schenkt Jabez, wofür er gebetet hat. Hiermit steigt Jabez in der «Liste der erfolgreichen Gläubigen» auf eines der vordersten Plätze auf, sofern man davon reden könnte. Natürlich gibt es keine solche Liste. Ich beobachte und höre aber immer wieder, dass «Segen» und «Erfolg im Glauben» miteinander verknüpft werden. Wenn man das tut, dann schürt man auch Vergleiche mit anderen. Bereits ist die Erfolgsliste in Gedanken erstellt. Und nicht nur dies – gerade ein sichtbarer Segen steht hoch im Kurs. In manchen Veranstaltungen und Predigten scheinen mir «Segensmeldungen» oft als «Erfolgsbarometer» zitiert zu werden. Wehe! wenn dein Glaube nicht von spektakulären Einsätzen gefärbt wird. Jabez scheint das alles mühelos bekommen zu haben.

Aber… gilt das jetzt auch für mich und für jeden anderen? Es ist berechtigt, dies kritisch zu hinterfragen. Sind «Erfolg im Glauben» und «sichtbarer und spürbarer Segen» tatsächlich so wichtig in der Bibel? Oder versuchen wir hier etwas darzustellen, dass es in der Bibel gar nicht gibt? Denn in der Bibel heissen nicht alle Jabez, und es gibt meines Wissens keine andere vergleichbare Geschichte. Im Gegenteil: Viele Geschichten der Bibel haben einen ganz anderen Verlauf.

Brauchen wir einen Erfolgsglauben?
Benötigt es Wunder, damit unser Glauben «richtig» anfühlt?
Leben wir von Gebetserhöhrung zu Gebetserhöhrung?
Oder geht es um ganz andere Dinge?

Es fällt auf, dass die Geschichte von Jabez nur zwei Verse kurz ist. Dem Leiden von Hiob dagegen wird ein ganzes Buch gewidmet. Das sind Gegensätze, wie wir sie in der Bibel immer wieder feststellen können. Gegensätze sind es, die wir so auch in der Welt selbst begegnen. Auffällig bleibt: Jabez geht es gut und mit keinem Wort lesen wir mehr von ihm – als wäre seine Geschichte nicht weiter interessant. Menschen jedoch, die Leiden erfahren, werden immer wieder erwähnt.

An die Gemeinde in Korinth schreibt Paulus: «Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit» 1. Kor 12,26. Daraus geht hervor, dass Leiden sehr wohl etwas Normales darstellen, was zu dieser Welt und auch zu einem normalen Glaubensleben gehört. Es wird im Normalfall nicht immer lauter Sonnenschein sein. Paulus schreibt über seine eigenen Erfahrungen: «…meinen Verfolgungen, meinen Leiden, die mir in Antiochia, in Ikonion, in Lystra widerfahren sind. Diese Verfolgungen ertrug ich, und aus allen hat der Herr mich gerettet.» 2. Tim 3,11. Das ist eine interessante Aussage: Zwar wurden ihm die Schwierigkeiten nicht erspart, aber darin hat er Rettung erfahren. Worin liegt jetzt der Segen?

Nicht sehen, doch glauben

In scharfem Kontrast zu einem irreführenden Erfolgsglauben stehen die Worte von Jesus selbst. Nach seiner Auferstehung erscheint er immer wieder verschiedenen Jüngern. Doch nicht alle glauben die Geschichten.

«Thomas aber, einer von den Zwölf [Aposteln], der Didymus genannt wurde, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger berichteten ihm dann: «Wir haben den Herrn gesehen!» Er sagte ihnen jedoch: «Wenn ich nicht das Nägelmal in Seinen Händen gewahre und nicht meinen Finger in das Nägelmal und meine Hand in Seine Seite lege (vgl. Joh 19,34), werde ich keinesfalls glauben».
Nach acht Tagen waren Seine Jünger wieder drinnen, und Thomas war bei ihnen. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen herein, trat in ihre Mitte und sagte: «Friede sei mit euch!» Danach sagte Er zu Thomas: «Reiche deinen Finger her und gewahre Meine Hände; dann reiche deine Hand her und lege sie in Meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete Ihm: «Mein Herr und mein Gott!» Jesus aber sagte zu ihm: «Weil Du Mich gesehen hast, hast du geglaubt. Glückselig sind, die nicht gewahren und doch glauben.»»
Joh 20,24-29 (KNT, Konkordantes Neues Testament)

Paulus bezeugt später in seinem zweiten Brief an die Korinther:

«…wir wandeln hier durch Glauben und nicht durch Wahrnehmung»
2. Kor 5,7 (KNT)

Wahrnehmung, sichtbare Erfolge, sind kein Masstab für uns heute. Für Israel gab es (vorwiegend in den Evangelien und in der Apostelgeschichte bezeugt) «Zeichen und Wunder» als Hinweis auf das messianische Reich. Sie erfuhren die «Kräfte des zukünftigen Äons (Zeitalters)» (Heb 6,5). Aber diese Zeit ist noch nicht erfüllt. Segen ist heute ganz anderer Natur.

Wie wir gesegnet sind

Der Apostel Paulus, dessen Leben ganz und gar nicht über Rosen ging, hält einen enormen Reichtum bereit. Der Gemeinde in Rom schreibt er:

«Ich weiss aber, dass ich (wenn ich zu euch komme) in der Vervollständigung des Segens Christi kommen werde.»
Röm 15,29 (KNT)

Ist es nicht das, was wir wollen? Die Vervollständigung des Segens Christi erfahren? Das ist mehr als die Fülle des Segens, denn es ist die Ergänzung der Fülle zur vollständigen Fülle. Es umfasst alles, was noch fehlt. Es ist die «Erfüllung» des vollen Masses. Damit will Paulus zu den Römern kommen. Damit kommt er zur Gemeinde. Damit kommt er auch zu uns. Aber was genau wird damit gemeint? Am besten lesen wir eine Aussage im eigenen Kontext. In diesem Fall ist das der Römerbrief. Auffällig ist, dass in dem Römerbrief kein Wohlstands- oder Erfolgsevangelium zu finden ist. Das Evangelium spricht nicht von unserem Glück oder Unglück, sondern von Gott. Es spricht davon, wie Er in diese Welt hinein wirkt. Im Evangelium stehen nicht wir zentral, sondern Gott selbst. Wenn Paulus von der Vervollständigung des Segens Christi spricht, dann im Anschluss an diesem Evangelium, dessen Kernaussage darin liegt, dass Gott für uns ist (Röm 8,31-32).

In einem Rundschreiben an die Gemeinden schreibt Paulus:

«Gesegnet sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns mit jedem geistlichen Segen … segnet»
Epheser 1,3 (KNT)

Hier lesen wir, dass Gott segnet mit geistlichem Segen. Zumindest so verstand es Paulus für sich selbst und eben für die Gemeinde in Ephesus. Er konnte sagen, dass der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus «uns mit jedem geistlichen Segen… segnet». Da ist der Apostel selbst miteinbezogen. Es ist etwas, das er für sich selbst und für die Gemeinde in gleicher Weise sieht. Es ist wie ein gemeinsamer Boden, auf dem sie stehen – ein so reicher Boden sogar, dass er diesen Gott damit «zurücksegnet». Gleich mehrere Male wird von Segen oder segnen in diesem Vers geredet. Es ist Gott der segnet, gewiss, aber auch Paulus segnet. Paulus segnet Gott als Antwort auf den Segen, den er und die Gemeinde erhalten haben. Segen möchten wir gerne so verstehen, dass sie zu uns fliesst. Sie darf aber auch zurückfliessen.

Das Evangelium spricht nicht von unserem Glück oder Unglück, sondern von Gott. Es spricht davon, wie Er in diese Welt hinein wirkt. Im Evangelium stehen nicht wir zentral, sondern Gott selbst.

Wo wir gesegnet sind

In den anschliessenden Worten beschreibt er auch, wo dieser Segen vermittelt wird. Es heisst: «…der uns mit jedem geistlichen Segen inmitten der Überhimmlischen in Christus segnet». (Eph 1,3) Der Ort ist «inmitten der Überhimmlischen» und dort noch genauer «in Christus». In Ihm sind wir gesegnet. Geistlich sind wir wo Er ist. Gott segnet uns, und wir können diesen Segen widerspiegeln.

Unsere Erfahrung und Situation beschreibt Paulus auch gut in folgendem Abschnitt:

«Denn Gott, der gebot: Aus der Finsternis leuchte das Licht, der lässt es in unserem Herzen aufleuchten zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi. Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefässen, damit das Ausserordentliche der Kraft sich als von Gott und nicht als aus uns erweise: in allem bedrängt, aber nicht eingeengt, ratlos, aber nicht verzweifelt, verfolgt, aber nicht verlassen, niedergeworfen, aber nicht umgekommen.  (…)
Darum sind wir nicht entmutigt, sondern wenn auch unserer äusserer Mensch verdirbt, so wird doch unser innerer Mensch Tag für Tag erneuert. Denn das augenblickliche Leichte unserer Drangsal bewirkt für uns eine alles überragende und zum Überragenden führende äonische Gewichtigkeit der Herrlichkeit, da wir nicht auf das achten, was erblickt wird, sondern auf das, was man nicht erblickt. Denn was erblickt wird, ist kurz befristet; aber was man nicht erblickt, ist äonisch.»
2. Kor 4,6-18

Das ist wirklicher Segen in dieser Welt.

 


Zuerst einmal danke ich

Zuerst einmal danke ich

Was zuerst kommt, hat Bedeutung. Für viele kommt die Arbeit zuerst, oder die Pflicht. Für andere stehen persönliche Herausforderungen zentral. Vielleicht steht man vor einer anspruchsvollen Arbeit und fragt sich, wie es wohl gelingen könnte, oder vor einer wichtigen Begegnung und man überlegt wie das Gespräch aufzugleisen sei. Was immer wir machen, wir machen es mit einer bestimmten Haltung. In dieser Haltung haben wir Prioritäten. Wir gehen auf eine bestimmte Art vor, vielleicht fordernd, oder neugierig, voller Freude oder mit Abneigung. Wie werden nun diese Prioritäten gesetzt? Setzen wir die Prioritäten in unserer Haltung bewusst?

Hier fällt auf, was Paulus an die Gemeinde in Rom schreibt:

«Zuerst danke ich meinem Gott durch Jesus Christus um euer aller willen…»
Röm 1,8 (Schlachter 2000)

Dankbarkeit steht hier an erster Stelle. So fängt Paulus einen besonders langen Brief an. Die Gemeinde in Rom, an die der Brief gerichtet ist, kennt er noch nicht persönlich. Wohl sehnt er sich danach, die Gemeinde einmal zu besuchen (Röm 1,11). Bevor er zu den vielen wichtigen Themen kommt, die er in diesem Brief anspricht, beginnt der Apostel mit Dank.

Ich danke meinem Gott…

«Zuerst danke ich meinem Gott…» Das ist der Anfang und gleich eine Präzisierung. In Paulus' Prioritätenliste setzt er hier einen klaren Akzent. Danksagung kommt zuerst. Und zwar dankt er nicht den Römern, sondern er seinem Gott für die Römer und für was diese im Glauben gelebt haben. Darin schliesst er die ganze Zuhörerschaft in Rom ein. Obwohl er noch nie in Rom war und nur wenige in der Gemeinde kennt (Röm 16), dankt er bereits für alle. Das ist der Ausdruck einer Haltung, die aufs Ganze geht, die die gesamte Gemeinde im Blickfeld hat.

Im Volksmund gibt es den Spruch «Danken schützt vor wanken». Das ist tatsächlich so, denn Danksagung richtet unser inneres Auge auf gute Dinge. So gestalten wir bewusst unser Leben. Wenn wir uns selbst, unseren Mitmenschen und unserem Glaubensleben etwas Gutes tun wollen, dann können wir Danksagung stets als Erstes in Betracht ziehen. Das ist ganz praktisch, weil es unser Leben umgestaltet. Was Paulus hier selbst vorlebt, zeigt er auch als Weg für die Römer auf. Aufbauend auf die Verkündigung des Evangeliums kommt der Apostel in den Kapiteln 12 bis und mit 16 auf den Lebenswandel zu sprechen. Hier verdichtet sich die Auswirkung der frohen Botschaft für unseren Alltag. Der Apostel schreibt:

«Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes, dass ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.»
Röm 12,2

Werdet verwandelt! So fordert Paulus die Römer auf sich auf einen Erneuerungsprozess einzulassen. Oder wie es im Konkordanten Neuen Testament heisst: «…euch umgestalten zu lassen durch die Erneuerung eures Denksinns».

Eine Umgestaltung ist so etwas wie eine Neueinrichtung des Hauses. Es soll im gleichen Haus anders gelebt werden. Es soll besser darin gelebt werden. Es soll ein täglicher Gottesdienst darin stattfinden.

In vielen seiner Briefe stellt Paulus das Gebet voran, und darin oft die Danksagung (1Kor 1,4 2Kor 1,3, Eph 1,3 und Eph 1,15–23, Phi 1,3, Kol 1,3-6, Kol 1,12-14, 1Thess 1,2-3, 2Thess 1,3 und 2Thess 1,11-12, 1Tim 1,12 und 1Tim 1,17, 2Tim 1,3-5). Diese Beispiele können uns zeigen, wie wichtig es für ein gesundes geistliches Leben ist, Dankbarkeit eine hohe Priorität einzuräumen.

Und warum das nicht einfach mal testen, heute zum Beispiel? Zuerst einmal danke ich…

 

 


Gesunde Worte

Gesunde Worte

Im Neuen Testament wird von «gesunder Lehre» gesprochen. Ebenso wird von «gesunden Worten» gesprochen. Die gesunden Worte sind die, die wir beim Überdenken der Bibel besondere Aufmerksamkeit widmen dürfen. Gesunde Worte sind nicht nur einzelne Wörter, sondern auch Worte im Sinne von «zusammenhängende Aussagen». Deswegen können Sie mit «fremden Lehren» in Kontrast stehen, wie Paulus das hier unten tut:

«Wenn jemand fremde Lehren verbreitet und nicht die gesunden Worte unseres Herrn Jesus Christus annimmt und die Lehre, die der Gottesfurcht entspricht, so ist er aufgeblasen und versteht doch nichts, sondern krankt an Streitfragen und Wortgefechten, woraus Neid, Zwietracht, Lästerung, böse Verdächtigungen entstehen.»
1Tim 6,3-4

Weiter spricht der Apostel über ein «Muster gesunder Worte», wie er diese Timotheus weitergegeben hat:

«Halte dich an das Muster der gesunden Worte, die du von mir gehört hast, im Glauben und in der Liebe, die in Christus Jesus ist!»
2Tim 1,13

Gesunde Lehre

Gesunde Lehre besteht aus gesunden Worten. Nichts verschleiert die biblische Botschaft mehr als theologische und philosophische Begriffe, die der Bibel übergestülpt werden, bis sie irgendwann mit den biblischen Aussagen verwechselt werden. Gesunde Worte entsprechen dem Evangelium, ungesunde Worte tun das nicht. Das eine von dem anderen zu unterscheiden ist die Kunst des aufmerksamen Bibellesens.

Wenn man sich intensiv mit biblischen Themen auseinandersetzt, merkt man rasch, dass es nicht endlos viele Standpunkte gibt. Das gilt auch für die Weise, worauf die Ausleger mit den Themen umgehen. Mir fiel immer wieder auf, dass einige Ansichten mit Wörtern beschrieben wurden, die es entweder in der Bibel gar nicht gibt, oder die in den genannten Bibelstellen nicht verwendet werden. Die Lehre und die dazu zitierten Bibelstellen sind häufig nicht kongruent.

Einmal las ich eine Studie zum Thema «Himmel». Dort war eine Aussage: Beim Sterben «geht die Seele in den Himmel». Als Beleg für diese Aussage wurde Prediger 12,7 zitiert, wo es heisst «und der Geist zurückkehrt zu Gott, der ihn gegeben hat». Nun sind Seele und Geist bestimmt nicht dasselbe (siehe Heb 4,12), und «Rückkehr zu Gott» und «in den Himmel gehen» sind auf keinen Fall identisch. Der zitierte Bibelvers begründete die Aussage nicht.

Wer dies kritisch liest, kommt zum Schluss, dass hier entweder eine richtige Bibelstelle zitiert werden muss, woraus die Aussage tatsächlich hervorgeht, oder es ist etwas mit der Aussage (der Lehre) nicht in Ordnung. Wenn ich das erkenne, kann ich entweder die Aussage oder die Begründung korrigieren. Beides wäre OK, denn beides würde die Diskrepanz aufheben.

Machen wir einen neutralen Vergleich: Die Aussage «Der Mond ist gelb» wird nicht erklärt durch die Begründung «das Wasser ist blau». Bei einem solchen Vergleich fällt uns die Diskrepanz sofort auf. In Bezug aber auf theologische Ideen oder Aussagen über die Bibel ist das häufig nicht so klar. Zu lange sind wir mit Ausdrücken konfrontiert, von denen wir meinen, sie bilden einen biblischen Tatbestand, die jedoch in der Bibel gar nicht enthalten sind. Keineswegs soll es hier um Wortklaubereien gehen. Wenn wir aber nicht imstande sind eine biblische Wahrheit in klaren biblischen Worten auszudrücken, dann bezeugen wir damit, dass wir die Bibel in diesem Punkt noch nicht verstehen. Dann sind wir herausgefordert, noch einmal genau hinzuhören. Ein gesundes Bibelverständnis verhilft zu einem gesunden Glaubensleben.

Ein Muster gesunder Worte

Paulus ermahnte Timotheus: «Halte dich an das Muster der gesunden Worte, die du von mir gehört hast» (2Tim 1,13).  Daraus lässt sich ablesen, dass Paulus zu Timotheus mit gesunden Worten gesprochen hat. Es sind also mit Sicherheit die Wörter, wie Paulus sie in seinen Briefen an Timotheus schreibt. Wir haben an diesen Wörtern demnach ein «Muster» oder Beispiel. Daran können wir sehen, wie gesunde Wörter aussehen, und was sie bezwecken. Das gehört immer zusammen. Das griechische Wort für «Muster» (gr. hypotyposis) wird sonst nur noch in 1Tim 1,16 verwendet, wo die Geschichte von Paulus‘ Umkehr ein «Muster» ist für alle, die nachher zum Glauben kommen. In beiden Stellen geht es um ein klares Beispiel, was auf andere und weitere Dinge übertragen werden kann. Gewiss nämlich auf die übrigen Schriftworte. Denn es heisst, dass alle Schrift von Gottes Geist durchdringen oder daraus entstanden ist (2Tim 3,16-17, wörtlich «alle Schrift ist gottgegeistet», gr. theopneustos).

Wörter zu verstehen ist wichtig. Wie soll ich einen Satz verstehen, wenn ich die Wörter nicht begreife, die darin genutzt werden? Als Kind lernen wir die Bedeutung von Wörtern, indem wir dieselben Wörter in immer neuen Situationen hören. Nach und nach erfahren wir so, was gemeint wird, und wie sich die Wörter von anderen abgrenzen. Wir erweitern unser Wortschatz. Zuerst sprechen wir einzelne Wörter, dann kurze Sätze. Und wenn wir geübt sind können wir uns genau mitteilen, und verstehen wir auch, was andere zu uns sagen. Genauso verhält es sich mit Gottes Wort.

Bei «Wort» müssen wir nicht nur an einem einzelnen Wort denken, sondern ebenso an Worte im Sinne von Aussagen. Wenn wir vom «Wort Gottes» sprechen, meinen wir auch nicht ein einziges Wort, sondern eine ganze Bibliothek von 66 Büchern. Wenn wir von «gesunden Worte» sprechen, dann verweist das sowohl auf die einzelnen Wörter, als auch auf die zusammenhängende Aussagen.

Betrachten wir die Bibel einmal als Werkzeugsammlung, dann finden wir darin Schraubenzieher und Schlüssel in vielen verschiedenen Grössen. Verschiedene Werkzeuge, jeder mit einem eigenen Zweck. Ich kenne keinen Handwerker, der sagen würde: «Egal, welche Grösse eines Schlüssels, reiche mir einfach mal irgendeinen». Das wäre so etwas als «Es ist egal ob in der Bibel von Vergebung, Rechtfertigung oder Versöhnung gesprochen wird, Hauptsache es wird etwas Gutes damit gemeint». Der Handwerker, der weiss was er für eine Arbeit erledigen muss, wählt das Werkzeug genau und sagt «ich hätte gerne einen Sechser, oder einen Zehner». So können auch wir diesen genauen Umgang mit Gottes Wort lernen. Dann erhalten Begriffe wie Vergebung, Rechtfertigung oder Versöhnung je eine ganz eigene Bedeutung. Das Wort wird reich und vielfältig. Wir erwerben uns eine Fähigkeit die Bibel gezielt einzusetzen, wie es der Schreiber des Hebräerbriefes beschreibt:

«Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und es dringt durch, bis es scheidet sowohl Seele als auch Geist, sowohl Mark als auch Bein, und es ist ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens.»
Heb 4,12

Ungesunde Wörter

Welche Wörter sind ungesund, und lenken von den biblischen Aussagen ab? Da gibt es verschiedene Kategorien. Hier nur einige Beispiele als Anregung.

  • Dem Wort etwas hinzufügen
    Die Frage der Schlange an Eva, im Garten Edens, war eine Umdeutung und Verkehrung der ursprünglichen Worte Gottes (1Mo 3,1-7). Statt Gottes Wort korrekt zu wiederholen, wurden Gottes Aussagen verdreht, es wurde etwas hinzugefügt, und schon war die Aussage eine andere. Mit verheerenden Folgen.
  • Die Bibel und Bibelworte missbrauchen
    Satan versuchte Jesus in der Wüste mit Bibelzitaten (Mt 4,1-11), um ihn für sich zu gewinnen. Jesus hat Satan widerstanden mit «Es steht geschrieben…», bis Satan von ihm gewichen ist. Ungesund waren die Bibelworte, die Satan zitierte nicht wegen des Wortes an sich, sondern durch die falsche Anwendung. Satan ist der Diabolos oder «Durcheinanderwerfer». Es war eine missbräuchliche Nutzung, die Jesus widerstand mit gesunden Worten.
  • Vergeistlichung und Umdeutung
    Wenn Gott in Seinem Wort «Israel» sagt, dann meint Er «Israel», also nicht etwa die Gemeinde, oder etwas anderes. Dass ein Wort wie Israel umgedeutet wird findet Ausdruck in theologischen Begriffen wie «geistliches Israel», die man in der Bibel nirgendwo findet.
  • Philosophische Bedeutungen in der Bibel
    Das griechische Wort «Hades» beispielsweise wird öfter übersetzt mit «Totenreich». Es suggeriert, dass die «Toten» in einem «Reich» leben, und ein «Reich» deutet an, dass es dort einen «König» gibt. Diese Gedanken finden sich zwar in der griechischen Mythologie, nicht aber in der Bibel. Die Übersetzung ist irreführend. Deswegen sind die Übersetzungen hier nicht einheitlich: In Apg 2,27 schreibt Luther für hades «Tod», die Rev. Elberfelder hat nicht übersetzt und schreibt direkt «Hades», Schlachter 2000 schreibt «Totenreich», Hoffnung für Alle schreibt «Tod», die Neue Genferübersetzung schreibt «Totenreich», usw. Die Elberfelder macht es vor: Eine Wiedergabe mit «Hades» ist einfach, und es lässt sich dadurch das Wort in den verschiedenen biblischen Kontexten einheitlich erkennen. Wer dies schätzt, findet im Konkordanten Neuen Testament die beste Hilfe.
  • Unzutreffende Wortgebilden
    «Ewiger Tod», «geistlicher Tod» oder «Unsterbliche Seele», «ewige Verlorenheit» sind gute Beispiele dieser Kategorie. Die Ausdrücke finden sich nirgendwo, obwohl sie in manchen Lehren grosse Bedeutung haben. Sie lenken von der Schrift ab.
  • Theologische Wörter
    «Dreieinigkeit» oder «Transsubstantiation» sind theologische Wörter, die keine Entsprechung in der Bibel haben. Könnte man ein theologisches Wortgebilde wie «Trinität» (Dreieinigkeit) in den klaren Worten der Schrift ausdrücken, dann gäbe es vermutlich weniger Probleme. Theologische Wörter erklären nicht die Bibel, sondern in der Regel nur die Diskussionen und Lehrentscheide, die zu diesen Ausdrücken geführt haben. Das ist zwar sehr interessant, aber nur als historischer Einblick, nicht als Fundament biblischer Lehre nützlich. Bleiben wir bei der Schrift. Das ist nahe liegend und gesund.
  • Worte zeitlich falsch zugeordnet
    Wir sprachen bereits von Hymenäus und Philetus, und dass sie behaupteten, die Auferstehung «sei schon geschehen» (2Tim 2,15-18). Damit irrten sie von der Wahrheit. Obwohl die Auferstehung eine wichtige biblische Aussage ist, hatten sie über die Auferstehung etwas falsches ausgesagt. Der Zeitpunkt der Auferstehung wurde geändert. Es waren ungesunde Worte. Biblische Worte zur falschen Zeit werden zur Unwahrheit.

Eine gesunde Kultur pflegen

Wir sollten einerseits ein Muster gesunder Worte pflegen, andererseits aber nicht um Worte streiten:

«…bezeuge ernstlich vor dem Herrn, daß man nicht um Worte streiten soll, was zu nichts nütze ist als zur Verwirrung der Zuhörer»
2Tim 2,14

«Die törichten und unverständigen Streitfragen aber weise zurück, da du weißt, daß sie nur Streit erzeugen»
2Tim 2,23

Es geht um die gesunde Richtung. Gesunde Worte, sagt Paulus, sollten wir halten «im Glauben und in der Liebe, die in Christus Jesus ist» (2Tim 1,13). Wenn wir Lehrmeinungen prüfen, stellen wir uns konsequent die Frage, ob «gesunde Worte» genutzt wurden. Diese Worte sollten wir ausdrücklich im Glauben und in der Liebe festhalten. Darum geht es. Ganz positiv. Denn nicht die Lehre ist das Ziel, sondern die Frucht, die daraus wachst.

Andere Worte dürfen wir getrost vergessen.

Fragen für eine Gesprächsrunde

  • Welche Worte sind in deinem Glaubensverständnis wichtig?
  • Weisst Du ob diese Worte aus der Bibel oder aus der Tradition stammen?
  • Es geht bei «gesunden Worten» nicht um «richtig» oder «falsch», sondern um was? (1Tim 6,3-4 2Tim 1,13)
  • Warum sollte man zwar gesunde Worte pflegen, aber dennoch nicht um Worte streiten? (2Tim 2,14 2Tim 2,23)

Was macht gesunde biblische Lehre aus?

Was macht gesunde biblische Lehre aus?

Relevanz für unser Leben


Die Bibel, damit sie Relevanz für unser Leben hat, muss immer wieder neu interpretiert und ausgelegt werden. Nicht etwa, weil sich die Aussage der Bibel ändern sollte, aber wir selbst und die Gesellschaft in der wir leben ändern sich, wie auch die Kultur, von der wir Teil ausmachen.

Die Auseinandersetzung mit der Schrift ist im Kern eine Auseinandersetzung mit Beziehungen – wie Gottes Beziehung zu uns, unsere Beziehung zu Ihm, und selbstverständlich der Umgang mit uns selbst und unseren Mitmenschen. So wie unsere Gesellschaft und unser eigenes Leben sich ständig wandelt, ist auch die Auseinandersetzung mit der Bibel immer wieder nötig. Nur so kann lebendige Beziehung stattfinden. Wir reflektieren uns selbst und unser Verständnis im Licht der Bibel. Nur wenn der Brunnen regelmässig gereinigt ist, kann sie stets frisches Wasser liefern.

Das Ziel biblischer Lehre

Biblische Lehre ist der Versuch, ein zusammenhängendes Verständnis von Gottes Aussagen wiederzugeben. So gesehen sind Lehren eine Art Zusammenfassung vom Verständnis des Lehrers. Wie eine Buchrezension nicht mit dem Buch selbst zu verwechseln sei, so können biblische Lehren nicht mit der Bibel selbst verwechselt werden. Lehren sind per Definition begrenzt in der Aussage. Biblische Lehren sind aber sehr hilfreich, uns (verschiedene) Wege zum Schriftverständnis aufzuzeigen. Je näher wir zum Wort selbst kommen, desto mehr tritt die Lehre in den Hintergrund, weil das Verständnis selbst wächst. Eine gesunde Lehre zeigt die Aussagen der Bibel im eigenen Licht.

Der Zuspruch aus Gottes Wort soll dazu dienen, unsere Realität in Gottes Realität einzubetten. Lehre soll dabei helfen, uns in die Beziehungen hineinzunehmen, uns an Gottes Aussagen heranzuführen, sie verständlich zu machen. Dieser Ansatz ist jedoch ganz anders als die Auffassung, dass Lehre so etwas wie eine Liste von Dogmen sei, die man rigide zustimmen muss, oder als Gesetzesbuch, welches auflistet, was man tun und lassen sollte.

Paulus schreibt an Titus: «Du aber rede, was der gesunden Lehre ziemt!» (Tit 2,1). Hier geht es nicht um Dogmen oder Lehrsätze, sondern um den Lebenswandel, nämlich wie wir aus dem Evangelium heraus leben. Die Aufforderung zu «reden», was der gesunden Lehre ziemt, zeigt, dass es um Beziehungen geht oder besser gesagt, wie wir in Beziehung mit anderen Menschen reden sollten.  Die Lehre dient dazu als Richtschnur. Wohl geht es auch um eine Kultur, die den Mensch nicht individuell, sondern als Teil einer Gemeinschaft sieht. Und in dieser Gemeinschaft soll geredet werden, was «gesund» ist. Das dient dem Sprecher wie auch den Hörenden, und es ist ein Zeugnis Gott gegenüber, der dies durch die frohe Botschaft bewirkt.

Wie sich die Lehre auswirkt, ist von der Lehre nicht zu trennen. Paulus hat Titus nicht etwa geschrieben: «Denke stets an die Liste mit Dogmen und Vorstellungen, damit Du sie stets vor Augen hast und damit Du alles genau so aussprichst, wie es in den Versammlungen formuliert wurde». Das wäre eine sehr abstruse Vorstellung, die sich direkt von jeder Beziehung entfremdet. Das Ziel biblischer Lehre ist nie die Lehre selbst. Das kann nicht genug betont werden. Lehre ist nicht blosse Erkenntnis, denn die bläht auf (1Ko 8,1). Die gesunde Lehre hält sich aber an das Wort (Tit 1,9) und ist verknüpft mit Gottesfurcht (1Tim 6,3).

Was gesunde biblische Lehre nicht ist:

– Wissensanhäufung (1Ko 8,1)
– Redegewandtheit oder Weisheit (1Ko 2,1-5)
– Philosophie oder Tradition (Kol 2,8)

Lehre in der Gemeinde

Unterweisung ist wichtig in der Bibel. Paulus berichtet davon, dass Christus Menschen an die Gemeinde gibt, sie aufzubauen. Dass sind nicht nur Lehrer, sondern es sind mehrere Funktionen:

«Er hat etliche als Apostel gegeben, etliche als Propheten, etliche als Evangelisten, etliche als Hirten und Lehrer, zur Zurüstung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes des Christus, bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zur vollkommenen Mannesreife, zum Maß der vollen Größe des Christus»
Eph 4,11-13 (Schlachter 2000)

Alle Aufgaben zusammen dienen dem einen Ziel, nämlich für «die Zurüstung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes des Christus». Und welche Vision steht Paulus dabei vor Augen? Er beschreibt das gleich anschliessend: «Bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen», was gleichbedeutend ist mit «zur volkommenen Mannesreife, zum Mass der vollen Grösse des Christus». Das ist eine Bildsprache, die ein Wachstum im Glauben mit dem Erwachsen werden beschreibt. Bemerkenswert, dass Paulus hier schreibt «wir alle». Damit ist dieser Prozess ein Werdegang in der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen (vgl. Eph 3,17-19).

In der Gemeinde geht es nicht um «spezielle» Einsichten, sondern darum, dass Gott uns mit geistliche Weisheit und geistliche Offenbarung beschenke, dass wir erleuchtete Augen des Herzens erhalten um Ihn zu erkennen und das was Er in Christus bewirkt hat (das Gebet von Paulus in Eph 1,15-22). Lehre ist also gut und nötig, dient aber immer der Auferbauung (Eph 4,11-12). In der Gemeinde geht es darum, dass wir alle einen Beitrag an diesen Wachstumsprozess bringen (Eph 4,15-16).

Aufbau statt Spezialeffekte

Paulus hat ein Gesamtverständnis für das Wachstum der Gemeinde. Darin sieht er viele Einzelteile zusammenarbeiten. Bestimmte Dinge sind wichtig, andere sind weniger wichtig oder vorübergehend. Hier ein Beispiel, wie Paulus Dinge gewichtet:

Paulus selbst bezeugt über das Zungenreden, dass er zwar mehr als alle in Zungen spricht, jedoch in der Gemeinde lieber fünf Worte mit dem Verstand spricht, damit er auch andere unterweist, als Zehntausend Worte in Zungen zu sprechen (1Kor 14,9-19). Dem Apostel sind also nicht die «special effects» wichtig, sondern es geht um die Auferbauung der Gemeinde. Die Zungenreden, sagt er, sind keine Zeichen für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen (1Kor 14,22) und werden einst abgetan werden (1Kor 13,8). Ihm geht es also darum, nicht bei vorübergehenden Dingen hängen zu bleiben, sondern in der Gemeinde auf das Wesentliche und das Bleibende zu sprechen zu kommen.

 

Eine gesunde Lehre lässt sich an folgenden Merkmalen erkennen: Dem Inhalt nach stehen Gott und Sein Wirken in und durch Christus zentral. Das ist die frohe Botschaft. Diese frohe Botschaft wird in der Gemeinde gelebt und getragen mit der Gemeinschaft und dem Verständnis von Gottes Wirken stets vor Augen. Das könnte so umgesetzt werden:

«Ich ermahne euch nun, ihr Brüder, angesichts der Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber darbringt als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer: das sei euer vernünftiger Gottesdienst! Und paßt euch nicht diesem Weltlauf an, sondern laßt euch [in eurem Wesen] verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist. 

Denn ich sage kraft der Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, daß er nicht höher von sich denke, als sich zu denken gebührt, sondern daß er auf Bescheidenheit bedacht sei, wie Gott jedem einzelnen das Maß des Glaubens zugeteilt hat. Denn gleichwie wir an einem Leib viele Glieder besitzen, nicht alle Glieder aber dieselbe Tätigkeit haben, so sind auch wir, die vielen, ein Leib in Christus, und als einzelne untereinander Glieder»

Rö 12,1-5 (Schlachter 2000)

Fremde Lehren – sich fern halten

Was ist nun, wenn wir mit anderen Gedanken und Lehren konfrontiert werden? Oder was ist, wenn wir selbst meinen etwas besonders wichtiges erkannt zu haben? Dann prüfen wir. Was hier oben genannt wurde in Bezug auf eine gesunde Lehre sollte eine Richtlinie für unser eigenes Verhalten sein. Und manchmal halten wir uns fern. Paulus spricht an verschiedenen Stellen über andere Lehren. Er spricht sogar von einem «andersartigen Evangelium, das kein [echtes] anderes ist» (Ga 1,6-7 KNT), ein Mischevangelium aus Gesetz und Gnade, wie es heute weit verbreitet ist und dem es an Kraft fehlt, weil es weder Fisch noch Fleisch ist.

Im ersten Brief an Timotheus heisst es:

«Wenn jemand fremde Lehren verbreitet und nicht die gesunden Worte unseres Herrn Jesus Christus annimmt und die Lehre, die der Gottesfurcht entspricht, so ist er aufgeblasen und versteht doch nichts, sondern krankt an Streitfragen und Wortgefechten, woraus Neid, Zwietracht, Lästerung, böse Verdächtigungen entstehen, unnütze Streitgespräche von Menschen, die eine verdorbene Gesinnung haben und der Wahrheit beraubt sind und meinen, die Gottesfurcht sei ein Mittel zur Bereicherung — von solchen halte dich fern!»
1Tim 6,3-5

«O Timotheus, bewahre das anvertraute Gut, meide das unheilige, nichtige Geschwätz und die Widersprüche der fälschlich so genannten »Erkenntnis«! Zu dieser haben sich etliche bekannt und haben darüber das Glaubensziel verfehlt. Die Gnade sei mit dir! Amen.»
1Tim 6,20-21

Was meint Paulus mit «fremden Lehren»? Es gibt dieses Sprichtwort: «Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht». Das heisst soviel wie: was «fremd» ist, kann er nicht annehmen. Dies ist aber nicht, was Paulus meint. Paulus selbst enthüllt mehrere Geheimnissen, die früher unbekannt wahren (z.B. Eph 3,4-5 und Eph 3,8-9). Paulus wehrt sich also keineswegs gegen alles was «neu» ist. Auch Apollos lernte Neues dazu (Ap 18,24-28). Die gesunde Worte unseres Herrn Jesus Christus und die Lehre, die der Gottesfurcht entspricht – gegen diese ist die Warnung nicht gerichtet. Fremde Lehren sind solche, die dagegen verstossen. Sie münden in Streitfragen, Wortgefechte und es entstehen unnütze Streitgespräche. Wenn immer das passiert, haben wir noch nicht verstanden, worum es geht. Paulus sagt zurecht: Von solchen halte dich fern! Denn das erbaut nicht. Timotheus soll mit gutem Beispiel vorangehen (1Tim 4,16).

Wir sind uns gewohnt alles schnell in richtig und falsch, in schwarz und weiss zu unterteilen. Wir kommen schneller zu einer Verurteilung als einer Beurteilung. Paulus aber scheint mehr zu einer Beurteilung als eine Verurteilung zu kommen. Er sagt nicht: «Verurteile diese oder jene Lehre», sondern «Halte dich fern!», beteilige dich nicht daran, tue nicht auch so. Fremde Lehren sind die, die die gesunde Haltung widersprechen. Wenn eine richtige Erkenntnis mit sektiererischer Haltung gebracht wird, wäre auch dies abzuweisen. Damit meint er dann nicht an erster Stelle die Lehre, sondern vor allem das, wie die vermeintliche «Erkenntnis» zu Streitfragen führt. Ob «gesund» oder «fremd» scheint eher mit der Gemeinschaft und dem Ziel für die Gemeinde zusammenzuhangen. Wir sollten zu einem gesunden Wachstum beitragen, uns dagegen fern halten von allem was dagegen verstosst.

Es geht aber noch einen Schritt weiter.

Gemeinsames Bestreben

Im Philipperbrief gibt es einen Textabschnitt, der mir besonders viel bedeutet. Es ist eine Einschätzung von Paulus über seine eigene Situation. Diesen Text habe ich als Teenager einmal gelesen, lange bevor ich mein Leben Gott anvertraut habe. Immer auf der Suche, hat mich dieser Text fast ein bisschen «verfolgt». Ich dachte mir: So muss es sein! Und da ich die Bibel nicht kannte, habe ich mindestens zweimal das ganze Neue Testament durchgelesen um diesen Text wieder zu finden. Zweimal, denn das erste Mal habe ich wohl den Abschnittt übersehen. Das war sicher nicht verkehrt, aber es war schon etwas mühsam. Diesen Text möchte ich jetzt erwähnen. Gleich darauf aber möchte ich weiterlesen, denn der Text selbst erzählt von zwei Dingen: Das Erste ist, dass Paulus von sich selbst schreibt, von seiner Glaubenshaltung. Das Zweite ist, dass Paulus vom gelebten Glauben untereinander spricht. Und dabei kommt er auch auf «unterschiedliche Meinungen» zu sprechen und wie wir damit umgehen. Wenn ich das so lese, kann ich mir vorstellen, dass in diesen Meinungen auch so mancher theologischer Sprengstoff verborgen war.
Hier nun Paulus‘ eigene Glaubenshaltung:

«Aber was mir Gewinn war, das habe ich um des Christus willen für Schaden geachtet; ja, wahrlich, ich achte alles für Schaden gegenüber der alles übertreffenden Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich alles eingebüßt habe; und ich achte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm erfunden werde, indem ich nicht meine eigene Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus, die Gerechtigkeit aus Gott aufgrund des Glaubens, um Ihn zu erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden, indem ich seinem Tod gleichförmig werde, damit ich zur Auferstehung aus den Toten gelange. Nicht daß ich es schon erlangt hätte oder schon vollendet wäre; ich jage aber danach, daß ich das auch ergreife, wofür ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder, ich halte mich selbst nicht dafür, daß ich es ergriffen habe; eines aber [tue ich]: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt, und jage auf das Ziel zu, den Kampfpreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.»

Phi 3,7-14

Das sind bemerkenswerte Worte. Dieser Paulus sieht sich keinesfalls als perfekt. Auch wenn er Apostel ist, schreibt er ohne Umschweifen, dass er noch nicht vollendet sei. Aber, sagt er, er jagt danach, er streckt sich danach aus. Als erstes nennt er, dass Christus ihn, Paulus, ergriffen hat, ihn sozusagen mit Haut und Haar aus einer alten Situation herausgezogen hat. So ähnlich wie es Jesaja einst für Israel beschrieb: «Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.» (Jes 43,1). Und weil er das erkannt hat, will Paulus nun selbst auch greifen, wozu er von Christus berufen wurde. Das ist es, worum es auch in unserem Leben geht. Er setzt das kompromisslos um. Er vergisst, was hinter ihm ist, und streckt sich aus nach dem, was vor ihm liegt, und jagt dem Ziel zu. Als Teenager war ich fasziniert, auch wenn ich es noch nicht verstand. Paulus hat diese Sätze geschrieben als er etwa 60 Jahre alt war. Die Beschreibung ist zeitlos. Entscheidend ist hier, dass Paulus von sich selbst spricht. Dies ist seine Haltung, sein Verlangen, sein persönliches Bestreben. Er fangt bei sich selbst an.
Gleich anschliessend schreibt der Apostel die Ergänzung für die Gemeinde:

«…und jage auf das Ziel zu, den Kampfpreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus. Laßt uns alle, die wir gereift sind, so gesinnt sein; und wenn ihr über etwas anders denkt, so wird euch Gott auch das offenbaren. Doch wozu wir auch gelangt sein mögen, laßt uns nach derselben Richtschnur wandeln und dasselbe erstreben! Werdet meine Nachahmer, ihr Brüder, und seht auf diejenigen, die so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt.»

Phi 3,14-17

 

Seine persönliche Gesinnung, wie er gerade vorher davon schrieb, stellt er jetzt als Beispiel für alle dar. Oder sagen wir besser: Nicht einfach gar alle, sondern präziser spricht er von «alle, die wir gereift sind!» Also alle, die im Glauben erwachsen sind und die erwachsen werden wollen.

«Und wenn ihr über etwas anders denkt, so wird euch Gott auch das offenbaren». Da sind wir mitten in der Gemeinde, mit allen verschiedenen Meinungen. Paulus bringt sein Verständnis da hinein. Es kann sein, dass nicht alle dies erkennen und verstehen. Gegen denen zieht er nicht als Redner in den Krieg, sondern er rechnet damit, dass Gott denen das auch offenbaren wird. Da wird also gar keine Diskussion gestartet, kein Streitgespräch, sondern erneut geht es um das, was auferbaut. Und Gott wirkt auch dort nach Seiner Gnade. Lassen auch wir Gottes Wirken Raum.

«Doch wozu wir auch gelangt sein mögen, lasst uns nach derselben Richtschnur wandeln und dasselbe erstreben!» Die vorhandene Grundlage ist Ausgangslage. Das bereits gemeinsam erlebte und bereits erreichte steht zentral. Wir sollten nach derselben Richtschnur wandeln und dasselbe erstreben. Es geht um die Glaubenshaltung, worüber Paulus gerade vorher ausführlich geschrieben hat. Werden wir Nachahmer mit Paulus, in dieser Hinsicht, dann werden wir wie er Christus nachahmen (1Ko 11,1, vgl. 1Tim 4,16).
Wenn immer wir auch verschiedene Meinungen haben (und wir werden sie mit Sicherheit haben), finden wir in diesen Abschnitten eine gute Richtschnur für unsere Haltung untereinander. Hier geht es um den Lebenswandel, nicht darum, dass wir dieselbe Meinung haben sollten.

Anregungen zum Gespräch

  • Wie gehst du damit um, wenn jemand mit neuen, anderen Ansichten kommt? Bist du neugierig? Irritiert? Interessiert? Gelangweilt? Überfordert? Herausgefordert? Angespannt? Entspannt? Argwöhnisch? Erfreut? Zuversichtlich?
  • Sind Streitgespräche gut? Sind Gespräche gut? Ist Lernen gut?
  • Was braucht es in einem Gespräch, worin jeder anders denkt?


Religiöse Pseudo-Lösungen

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Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Es ist nicht alles Gold, was glänzt im religiösen Bereich. Kirchen, Freikirchen, Sekten, Gruppierungen – wer weiss schon was da etwas taugt? Einige werfen vorsichtshalber alles Unbekannte schon mal in den grossen Topf «Sekten». Das wäre eine Vermeidungsstrategie. Andere nehmen kritiklos an, was gesagt oder geschrieben wird. Auch dies ist eine Vermeidungsstrategie, und zwar die Vermeidung einer differenzierten Auseinandersetzung, worin Gedankengut abgewogen und auf Wert geprüft wird.

Zwischen oberflächlich und «völlig abgefahren» lässt sich doch noch einiges erkunden. Auch wenn ich selbst von «religiös» nicht sehr viel halte, von diesem schwammigen Begriff, der weder klärt noch definiert, so gibt es doch vieles, was mich als Mensch bewegt. Alltägliche Herausforderungen drängen nach Ausrichtung, Berichtigung, Befreieung, Erlösung und Sinngebung. Es ist eben auch nicht alles Gold was glänzt im Alltag.

Spiritualität

Spiritualität ist hier ein Sammelbegriff für eine Suche nach Lösungen, nach Verständnis, eine Suche danach, die Herausforderungen im Leben einen zuverlässigen Rahmen zu geben. Eine oberflächliche Spiritualität kann gut vermarktet werden. Was aber, wenn die Bedürfnisse tiefer gehen? Was, wenn eine persönliche Not mit konkreten Fragen formuliert wird, und eine blosse Spiritualität als unzureichend erkannt wird, weil es darin an persönlicher Begegnung mit einem lebendigen Gott mangelt? Frömmigkeit kann zu manchem nützlich sein – Lebensfragen kann sie mitunter nicht beantworten. Dann braucht es eine echte Auseinandersetzung, mit sich selbst, vielleicht auch mit Religion, mit seiner Herkunft und dem bisherigen Gedankengut. Wer an diesem Punkt angelangt ist, kann verstehen lernen, was das Evangelium der Gnade Gottes bewirkt, warum es tatsächlich eine befreiende und frei-setzende Botschaft ist.

Pseudo-Lösungen

Manchmal jedoch ist das entstandene Vakuum der perfekte Nährboden für Pseudo-Lösungen. Sekten und sektiererische Haltungen führen hier ins Abseits. Wie aber erkenne ich die? Ich stelle mir die Frage auch als Christ, will mich auseinandersetzen mit meinen Gedanken und auch mit Gedanken anderer.

Pseudo-Lösungen sind nichts Neues. Jesus warnte bereits vor Pseudo-Lösungen:

«Wenn dann jemand zu euch sagen wird: Siehe, hier ist der Christus (Messias), oder dort, so glaubt es nicht! Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten auftreten und werden große Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, auch die Auserwählten zu verführen.»
Mt 24,23-24 (Schlachter 2000, vgl. Mk 13,21-22)

In der Sprache des Neuen Testaments geht es um Pseudo-Christusse und Pseudo-Propheten. Das sind nicht die richtigen, dass sind die falschen. Wie Jesus davor warnt, können (nach biblischer Sprache) sogar die Auserwählten auf eine falsche Fährte gesetzt werden. Die Schrift warnt vor:

  1. Falsche Christusse (gr. pseudochristos). Mt 24,23-24, Mk 13,21-22
  2. Falsche Propheten (gr. pseudoprophetes). Mt 7,15  Mt 24,11Apg 13,62Pet 2,1, u.a.
  3. Falsche Apostel (gr. pseudoapostolos). 2Ko 11,13 (vgl. Offb 2,2 )
  4. Falsche Lehrer (gr. pseudodidaskalos). 2Pet 2,1
  5. Falsche Brüder (gr. pseudoadelphos). 2Ko 11,26, Ga 2,4

Hier gilt die Warnung: Wir müssen uns in acht nehmen vor Menschen, die einen Schein hochhalten. Menschen, die falsches zu sein behaupten und die falsches lehren. Die lassen sich daran erkennen, dass sie nicht zu Christus hinführen, sondern bloss zu sich selbst, zu ihren eigenen Veranstaltungen, zu einer Lehre «nur für Eingeweihte», zu einem Guru oder Wunderheiler, zu einem super-begnadeten-Lehrer oder Mega-Evangelisten, oder gar einem falschen Christus. Da liegt der Fokus falsch, dort entstehen und gedeihen Ideologien.

Eine gesunde Ausrichtung

Kehren wir jetzt noch einmal zurück zum Epheserbrief. Da wird das mit anderen Worten beschrieben. Paulus wünscht dort, dass wir nicht mehr «hin- und hergeworfen und umhergetrieben [werden] von jedem Wind der Lehre durch das betrügerische Spiel der Menschen, durch die Schlauheit, mit der sie zum Irrtum verführen» (Eph 4,14). Wir sollten nicht hin- und hergeworfen werden. Im Gegenteil! Der nächste Vers zeigt den Weg aus alle diese Irrtümer:

«[Wenn wir] aber wahr sind, sollten wir in Liebe alles zum Wachsen bringen, hinein in Ihn, der das Haupt ist, Christus»
(Eph 4,15, KNT),

oder in anderer Übersetzung:

«…sondern, wahrhaftig in der Liebe, heranwachsen in allen Stücken zu ihm hin, der das Haupt ist, der Christus.»
(Eph 4,15, Schlachter 2000).

An diesem Satz erkennen wir, wie Paulus eine gesunde Ausrichtung erkennt. Wahre Lehre führt zu Christus hin, zu Kreuz und Auferstehung, und sonst nirgendwo hin (vgl. 1Kor 2,1-2). Wenn wir wahr sein wollen, tragen wir liebevoll zu diesem Wachstum bei. Führt es anderswo hin oder ist es nicht liebevoll, ist es nicht aus der richtigen Quelle.

Fehllösungen zu erkennen ist oft der erste Schritt hinaus in eine neue Freiheit. Da ist keine Gebundenheit an wertlosen Dingen, sondern ein Neuanfang durch die freisetzende Gnade Gottes in Christus Jesus.

Gespräch

Konkrete Informationen zu Kirchen, Sekten & Co. gibt es unter anderem bei dieser Stelle:

www.relinfo.ch


Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört

Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört

Bloss vom Hörensagen lässt sich niemand richtig kennen. Es braucht schon einen direkten Kontakt, damit man jemand kennenlernt. Höre ich jemand über eine andere Person sprechen, so ist das vielleicht ganz informativ, aber es kann nie die persönliche Begegnung mit dieser Person ersetzen.

Ganz ähnlich geht es auch mit einem lebendigen Glauben. Lebendig ist es nur, wenn wir es nicht vom Hörensagen haben. Auch hier geht nichts ohne die persönliche Begegnung. Ich kann mit anderen Menschen über Gott sprechen, aber ich sollte auch mit Gott selbst sprechen. Ich kann Bücher über die Bibel lesen, sollte aber nicht versäumen die Bibel selbst zu lesen. Ich kann selbst versuchen etwas zu verstehen, will aber auch Gottes Geist dazu raum geben, in mir Klärung und Ausrichtung zu schenken.

Das ist eine Erfahrung, die wir machen dürfen. Ganz so sprechen auch folgende Bibelstellen:

«Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich gesehen. Darum verwerfe ich mein Geschwätz und bereue in Staub und Asche.»
Hiob 42,5-6

«Wir glauben nicht mehr um deines Redens willen, denn wir selbst haben gehört und wissen, dass dieser wahrhaftig der Retter der Welt ist.»

Joh 4,41-42

«Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus seinem Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die…»
Joh 7,37-39

Die drei Zitate stehen in drei Geschichten. Erst die Begegnung mit Gott hat bei Hiob zur bemerkenswerte Aussage geführt, dass er bis dahin Gott wohl nur vom Hörensagen kannte. Jetzt aber hat er Ihn gesehen. Die Leute in Samaria bezeugen im Zusammenhang des zweiten Zitates: «Und noch viel mehr Leute glaubten um seines Wortes willen». Diese hatten ihn nun selbst gehört. Und im Kontext des dritten Zitats heisst es: «An dem letzten, dem großen Tag des Festes aber stand Jesus und rief und sprach: Wenn jemand dürstet, so komme er zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, …». Das ist die persönliche Einladung.

Nicht mehr vom Hörensagen, sondern eine direkte Begegnung – das ist es, was uns zuteil werden will. Das ist die Aussicht, wenn wir uns Ihm zuwenden. Das wünsche ich Dir und mir jeden Tag von neuem.

 


Nachfolgen oder nachahmen?

Nachfolgen oder Nachahmen?


Ein Wortstudium im Neuen Testament über die griechische Wörter akoloutheo (nachfolgen) und mimeomai (nachahmen). Sollten wir heute «Jesus nachfolgen» oder vielmehr «Christus nachahmen»? Diesen Fragen sollen hier nachgegangen werden. Zwischen beiden Ausdrücken gibt es bemerkenswerte Unterschiede.


Zur Einführung

Nachfolgen, wie macht man das?

Es gibt ein berühmtes christliches Buch mit dem Titel «Die Nachfolge Christi» von Thomas von Kempen, aus dem Jahr 1418. Es ist eine Abhandlung wie das Christenleben auszusehen hat und was dies prägt. Das Leben von Jesus, wie in den Evangelien beschrieben, wird als Muster dargestellt. Wohl ist dieses Wort bereits aus den Evangelien entlehnt und es dient bis heute als Beschreibung für das christliche Leben, was auch immer darunter verstanden wird. Denn das sollte man ruhig einmal als konkrete Frage stellen. Klar ist nämlich wenig, wenn man sich auf diesen Begriff «nachfolgen» abstützen möchte. Aber dazu kommen wir gleich.

Wenn Gott unser Herz berührt, Sich Selbst und Seine Rettung im Evangelium von Jesus Christus offenbart, ändert das unser Leben. Das Herz ist wie ein Kompass, womit unser Leben neu ausgerichtet wird, wie Salomo einmal schrieb:

«Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz!
Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens.»


Spr 4,24

Mit dem Herzen glauben wir (Rö 10,8 Eph 3,17), was Gottes Geist über Gottes Wirken deutlich macht (1Kor 2,1-16). Das ruft uns zu einer Antwort mit unserem ganzen Menschsein auf (Rö 12,1-2).

Oft wird dann gesagt, dass wir in die «Nachfolge Jesu» treten können. Damit drücken wir aus, dass wir unser Leben ganz mit Ihm leben wollen. Wir wollen unser Leben von Gott und Seinem Wort, von Seinen Verheissungen prägen lassen. Wir sind eine Neue Schöpfung in Christus Jesus. Und jetzt wollen wir Ihm nachfolgen. Diese Absicht ist richtig. Ich verstehe, was man mit einer solchen Aussage ausdrücken möchte.

In diesem Studium gehen wir jedoch nicht diesem allgemeinen Verständnis von «Nachfolge» nach, sondern wir schauen, was und wie in der Bibel dazu etwas gesagt wird. Das ist weitaus differenzierter und kann eine Bereicherung und Vertiefung für unser Glauben bedeuten. Es wird entdeckt, dass die Situation vor dem Kreuz anders ist als nach dem Kreuz. Nur vor dem Kreuz wird davon gesprochen, dass Menschen «Jesus nachfolgen». Nach dem Kreuz heisst das anders und wird besonders durch das Wort «nachahmen» bei Paulus geprägt. Was Paulus aussagt, ist wiederum eine Hilfe, die Evangelien zu würdigen und zu verstehen, wie wir heute «Christus nachahmen» können. Wenn wir die Begriffe «nachfolgen» und «nachahmen» im Neuen Testament nachlesen, ist das lebendige Glaubensgeschichte mit Bedeutung für unseren Alltag.


Die Herausforderung bei der Interpretation

Jesus nachfolgen – alles klar?

Was Nachfolge genau ist, scheint jeder zu wissen, aber doch ist es nicht so klar. Zwar wird landauf landab in Kirchen und Gemeinden von «Nachfolge» geredet, aber begründet wird es selten. Zugegeben – es ist auch schwierig zu erklären. Denn überall dort, wo im Neuen Testament das Wort «nachfolgen» auftaucht, können wir es buchstäblich nicht umsetzen.

Da heisst es zum Beispiel:

«Als er [Jesus] aber am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder: Simon, genannt Petrus, und Andreas, seinen Bruder, die ein Netz in den See warfen, denn sie waren Fischer. Und er spricht zu ihnen: Kommt, mir nach! Und ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sie aber verließen sogleich die Netze und folgten ihm nach.»
Mt 4,20

Mehrmals hatte ich Gespräche, in denen mein Gegenüber sagte: «Ich will Jesus nachfolgen, aber wie mache ich das? Die Jünger haben alles stehen und liegen gelassen und sind hinter ihm her gelaufen. Das würde ich genauso tun, aber ich kann es nicht. Jesus wandelt nicht mehr auf der Erde. Ich kann also nicht mehr hinter ihm her laufen. Genauso lese ich es aber in der Bibel. Ganz buchstäblich. Wie ist das nun gemeint?».

Nicht selten wird das dann in guter Absicht so beantwortet, dass man sagt: «Das ist halt nicht mehr buchstäblich so, aber wir sollten es «geistlich» machen.» Geistlich? Ernsthaft? Das macht die Verwirrung komplett, denn wie soll ich «geistlich» hinter Jesus herlaufen? Es beantwortet die Frage nicht und erklärt auch den Text nicht. Es wird zwar alles «irgendwie» gelöst, aber es bleibt schwammig. Es wird weder exegetisch verankert noch biblisch klar dargelegt, wie nun der Sachverhalt tatsächlich ist. Dem wollen wir nun nachgehen.

Das Wort «nachfolgen» verschwindet

In diesem Wortstudium gehen wir die Frage nach, was denn in der Bibel selbst mit «nachfolgen» gemeint wird. Wir lesen die Bibelstellen, sehen, was dazu gesagt wird und was nicht. Wir fangen dabei in den Evangelien an, lernen, wie die Jünger von Jesus dieses «nachfolgen» praktizierten. Danach wechseln wir zu den Briefen, die erst nach Tod und Auferstehung und nach der Himmelfahrt von Jesus geschrieben wurden. Ein buchstäbliches «nachfolgen» von Jesus war da nicht mehr möglich – Er wandelte nicht mehr auf der Erde.

So verschwindet das Wort «nachfolgen» nach den Evangelien schlagartig aus der Bibel. Ersetzt wird es durch das Wort «nachahmen». Jesus selbst hat bereits auf eine Veränderung hingewiesen. Er hatte einen «Beistand» versprochen, den «Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht und von mir [Jesus] Zeugnis ablegt» (Joh 15,26). Gottes Geist passte die neu entstehende Gemeinde an die neue Situation an. Davon berichten die Briefe.


Die Nachfolge Jesu im Kontext verstehen

Vor und nach dem Kreuz

Was vor und nach dem Kreuz geschieht ist von Bedeutung. Durch den Gehorsam von Jesus, durch Seinen Tod und Seine Auferstehung wurde das Werk Gottes vollbracht (Joh 19,30). Seitdem wird die Gerechtigkeit Gottes im Evangelium verkündigt (Rö 1,16-17). Jesus wurde um unserer Kränkungen willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt (Rö 4,25). Das Kreuz ist die Achse der Heilsgeschichte, um die sich die Welt dreht. Dort ändert sich alles, und darauf will unser Leben gebaut sein. Auch das «nachfolgen» von Jesus, diesen Begriff, der in den Evangelien eine so grosse Bedeutung hat, wird durch diese neue Situation umgeformt. Das Wort wird von den Aposteln nicht mehr verwendet. Stattdessen erhält u.a. das Wort «nachahmen» Einzug, damit der neuen Situation Rechnung getragen werden kann.

Wenn wir nun nach dem Kreuz leben, dürfen wir erkennen, dass sich alle diese Tatsachen zu unserem Vorteil geändert haben. Gott ist für uns, wer wird noch gegen uns sein? (Rö 8,31-32). Das glaubend, dürfen wir «in Christus» geborgen sein, in Seinem Wirken und Werk, und Gott sieht uns in Ihm an:

«Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist da eine neue Schöpfung: das Ehemalige verging, siehe, es ist neu geworden. Das alles aber ist aus Gott, der uns durch Christus mit Sich Selbst versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat. Denn Gott war in Christus, die Welt mit sich versöhnend: Er rechnet ihnen ihre Kränkungen nicht an und hat in uns das Wort der Versöhnung niedergelegt. Daher sind wir Gesandte für Christus, als ob Gott durch uns zuspräche: Wir flehen für Christus: Lasst euch mit Gott versöhnen! Denn den, der Sünde nicht kannte, hat Er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit in Ihm würden.»
 2Ko 5,17–21

Das ist die Ausgangslage für uns heute. Keiner der Apostel spricht nach dem Kreuz noch von «nachfolgen» weil Jesus nicht mehr auf der Erde ist. Christus nachzuahmen – darauf wird aber grosser Wert gelegt. Was das bedeutet und wie das geht, erfahren wir in den späteren Briefen. Die Briefe zeigen ausserdem, wie wir, rückblickend auf die Evangelien, die Gesinnung von Christus Jesus in uns haben sollten.

Nachfolgen

Nachfolgen bedeutet einfach «hinterher laufen» (Mt 8,1). Das mag verwundern. Denn meist werden alle möglichen Ideen damit verknüpft, nur nicht etwas so Triviales wie jemand hinterher laufen. Das ist zum Verständnis des Wortes aber von wesentlicher Bedeutung.

Vergleichen wir noch einmal die ersten Verse im Neuen Testament, die von einem «nachfolgen» sprechen (Mt 4,20-25). Oft sind die ersten Male, das ein Wort in der Bibel verwendet wird, von besonderer Bedeutung. So auch hier. Das Wort «nachfolgen» (gr. akoloutheuo) lässt sich etymologisch näher betrachten und es besteht dann aus 3 Wortelementen, nämlich:

  • a (Verneinung: un-),
  • kol (zusammenfügen, wie gr. kollao, z.B. 1Kor 6,17) und
  • outheo (vom gr. Wortstamm the, platzieren, z.B. 1Tim 2,7).

Wenn etwas «un-zusammengefügt» wird, dann wird eine Verbindung «aufgelöst». Darauf folgt das «platzieren». Die Etymologie des Wortes zeigt auf etwas, wovon die alte Situation aufgelöst wird, wonach eine neue Situation den Platz einnimmt. Das ist stimmig mit dem Wortgebrauch im Neuen Testament. Denn «nachfolgen» heisst immer etwas hinter sich zu lassen, und sich dafür zu entscheiden, in eine neue Richtung zu gehen – zum Beispiel Jesus nachzufolgen. Im vorgenannten Beispiel der Berufung der ersten Jünger sehen wir diesen Ablauf, nachdem Jesus die Männer rief:

  1. Die Männer entschieden sich, ihre bisherige Tätigkeit zu verlassen
  2. Die Männer folgten Jesus hinterher.

Die «alte Situation» (Fischer) wurde aufgelöst. Sie entschieden sich, in eine «neue Situation» einzusteigen (mit der Folge: «Ich werde euch zu Menschenfischern machen»). Sie folgten Ihm nach. Es war eine persönliche Entscheidung, die auf eine Einladung hin folgte. Aus dem Zusammenhang und dem weiteren Verlauf der Geschichte wird aber klar, dass es sich hier nicht um eine «Lauf-Veranstaltung» handelt, sondern um etwas Grösseres. Was bedeutete es nun, Jesus «nachzufolgen»?

Jünger und Lehrer

Was geschah nun, als Simon und Andreas Jesus nachfolgten? Tatsächlich blieben die beiden Brüder als Fischer in ihrem Beruf und haben auch weiter so gearbeitet. Das wird an vielen Stellen bezeugt. Sie wurden durch ihre Entscheidung jedoch zu «Jünger» (gr. mathètes oder Lernender), die einem «Lehrer» (gr. didaskalos) nachfolgten (vgl. Mt 9,11 Mt 10,25). Konkret heisst das, wie wir es in den Evangelien lesen, dass sie mit Jesus umhergezogen sind, während sie von Ihm gelehrt wurden.

Es sind diese Jünger, die später zu Apostel (gr. apostolos oder Beauftragter, Gesandter mit einem Auftrag) wurden (Mt 10,1-2). Selbstverständlich gab es noch weitere Menschen, die in einem erweiterten Sinn «Jünger» genannt wurden, weil sie sich zu Jesus bekannten, und ihn ebenfalls folgten, nicht jedoch zum engsten Jüngerkreis gehörten.

Ein Jünger ist jemand, der einem Lehrer nachfolgt, von ihm lernt und mit ihm – ganz buchstäblich – durch die Gegend zieht. Aus Jünger können später Gesandter und Beauftragter werden. Das Verhältnis Lehrer–Jünger gab es auch bei anderen Lehrern. In diesem Sinne hatte zum Beispiel auch Johannes der Täufer eigene Jünger (Mk 2,18 u.a.). Es war kein Alleinstellungsmerkmal von Jesus und Seinen Jüngern, sondern es entsprach den Gepflogenheiten damaliger Lehrer in Israel.

Verkaufe alles, was du hast und folge mir nach

Können wir nun dieses Bild der Nachfolge einfach auf unser Leben übertragen? Mal fragte mich jemand, ob er denn sein ganzes Hab und Gut verkaufen sollte, damit er Jesus nachfolgen kann? Das nämlich hat er aus diesem Bericht entnommen:

«Und es fragte ihn ein Oberster und sprach: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Da sprach Jesus zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein! Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht töten! Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht falsches Zeugnis reden! Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!« Er aber sprach: Das alles habe ich gehalten von meiner Jugend an. Als Jesus dies hörte, sprach er zu ihm: Eins fehlt dir noch: Verkaufe alles, was du hast, und verteile es an die Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!»
Lk 18,18-22

Im Kontext von Jesu Verkündigung ist Reichtum kaum etwas, was ins messianische Reich hinüber gerettet werden kann. Halbherzig kann man Jesus nicht nachfolgen (Mk 10,28-31). Die Frage stellt sich nur, ob diese Begegnung auch ein Muster für uns heute ist? Ist dies nun eine generelle Aufforderung, für jeden gültig? Und können wir das überhaupt so? Wir können zwar unser Hab und Gut verkaufen, aber wir können Jesus nicht so nachfolgen, wie es dort beschrieben steht. Jesus nachfolgen heisst an jeder Stelle, in der das erwähnt wird, dass man Jesus hinterher läuft. Buchstäblich. Auf Erden. Hinter ihm her. Und das geht heute nicht. So fragt sich nun: Wie ist das heute – nach dem Kreuz – möglich?

«Jesus nachfolgen» nur in den Evangelien

Es ist erstaunlich, aber das Wort «nachfolgen» verschwindet plötzlich aus der Berichterstattung. Wann ist das und warum ist das so? Es mag zuerst seltsam erscheinen, dass das Wort «nachfolgen» im Laufe des Neuen Testaments verschwindet. Wir haben uns so sehr an dieses Wort gewöhnt, dass wir es vielleicht überall erwarten. Das ist aber nicht der Fall.

Vergleichen wir noch einmal die Vorkommen von diesem griechischen Wort für «nachfolgen» (gr. akoloutheo, am Schluss des Beitrages ist eine Konkordanz mit allen Stellen). Prüfen wir sämtliche Bibelstellen, dann fällt auf, dass Jesus nachzufolgen ausschliesslich in den Evangelien vorkommt. Nachher wird das nicht mehr so erwähnt. In dem Moment, da Jesus nicht mehr auf Erden wandelt, spricht keiner mehr davon, Ihm nachzufolgen – weil es nicht mehr möglich ist. Wir können heute nicht mehr buchstäblich hinter Ihm her laufen.

Bereits in der Apostelgeschichte wird mit keinem Wort mehr von einem «nachfolgen» gesprochen. Auch in den Briefen finden wir keine direkte Nennung dieses Wortes womit etwa unsere aktuelle Situation (nach dem Kreuz) beschrieben wird. Das ist bemerkenswert. Zwar lesen wir in der Apostelgeschichte noch häufig von «Jüngern», aber damit scheint eher die Kontinuität der Glaubensgemeinschaft bezeichnet zu sein. Beispielsweise ist die Rede von «Mnason aus Zypern, einem Jünger des Anfangs, bei dem wir zu Gast sein sollten» (Apg 21,16). Dass Menschen aber «Jesus nachfolgen» hören wir nicht mehr, nachdem Er in den Himmel gefahren ist.

Das ursprüngliche Verständnis von «Jesus nachfolgen» scheint sich auf die Situation zu begrenzen, worin ein Jünger sich ganz praktisch einem Lehrer anschliesst und mit ihm hier auf Erden unterwegs ist.

Nach dem Kreuz

Die Einteilung in «vor dem Kreuz» und «nach dem Kreuz» ist vielleicht etwas grob, hilft aber dabei, das Wesentliche zu erfassen. Wie steht es nun um uns? Wir leben nach dem Kreuz, nach Auferstehung und Himmelfahrt. Wir können Jesus nicht mehr nachfolgen wie es in den Evangelien beschrieben ist. Die Zeit ist vorbei. Wenn Paulus sich auf Tod und Auferstehung von Jesus besinnt und auf die gewaltige Bedeutung dieses Ereignisses, sagt er:

«… Wenn wir aber auch Christus nach dem Fleisch gekannt haben, so kennen wir ihn doch nicht mehr so.»
2Ko 5,14-21

Paulus, der Jesus nie «im Fleisch» gekannt hat, also Jesus nie «nachgefolgt» ist in den Evangelien, holt damit alle Gläubigen ab, die Jesus vielleicht noch vor dem Kreuz gekannt hat. Er will, dass sie nicht in der Vergangenheit leben, sondern ihr Leben nach der Auferstehung Jesu ausrichten. Stellen wir uns einmal vor, was diese Aussage von Paulus für eine Tragweite hat. Er spricht ausdrücklich Menschen an, die Jesus «nach dem Fleisch» gekannt haben, also Jesus kannten aus der Zeit, wo Er noch auf Erden wandelte. Sollte also jemand unter den Zuhörern sein, der dies erlebt hat, dann macht Paulus hier eine unmissverständliche Trennung zwischen der damaligen und der aktuellen Situation. «Wenn wir Christus nach dem Fleisch gekannt haben, so kennen wir ihn doch nicht mehr so!». Dazu können wir nun in den Briefen Weiteres lesen.


Nachahmung ersetzt die Nachfolge

Christus nachahmen

«Seid meine Nachahmer, gleichwie auch ich [Nachahmer] des Christus bin!»
1Kor 11,1

Diese Aufforderung von Paulus zeigt in einem Satz, worauf es ihm ankommt: Es geht darum, Christus nachzuahmen! Er benutzt andere Worte und drückt damit einen tiefgreifenden Wandel der Realität aus. Statt «Jesus nachfolgen» heisst es hier «Nachahmer von Christus» zu werden. Das ist keine Wortspiel oder gar Wortklauberei. Es geht um eine neue Realität. Dazu wurde der geeignete Ausdruck genutzt. Dabei stellt der Apostel sich selbst als Vorbild dar.

Sowie Jesus der Name ist, den Er bei der Geburt erhielt und der Ihn während Seines Erdenlebens begleitete, ist Christus der Titel, der auf Würde und Hoheit hinweist, bei Paulus stets auch ein Hinweis auf den erhöhten Christus, der gestorben und auferstanden ist, und von Gott erhöht wurde. Paulus spricht nach dem Kreuz und nach der Auferstehung.

Der Titel Christus entspricht dem hebräischen Messias (maschiach), welcher im Alten Testament auf gesalbte Könige, Priester und Propheten angewandt wurde. All das fliesst zusammen in Jesus, dem verheissenen Christus. Dieser Würdetitel wird in den Evangelien für Jesus erkannt, aber die volle Bedeutung im Sinne der Propheten wartet noch auf ihre Realisierung. Er ist zwar der Messias, aber Israel hat ihn so nicht empfangen. Er kam als König, aber das Königreich wurde noch nicht mit Macht und Herrlichkeit auf Erden realisiert. Das sind noch zukünftige Ereignisse. Christus wird jedoch auch als Ausdruck benutzt, der Jesus besonders als der erhöhte Herr kennzeichnet. Das ist, was wir glaubend erkennen und bezeugen. Wenn Paulus davon spricht, «Christus nachzufolgen», liegt darin nicht nur eine theoretische Würde, sondern es liegt darin auch eingeschlossen, was es zu dieser Würde benötigte: Tod und Auferstehung, und dass Gott der Vater Ihn zu Seiner Rechten (Hand) erhob (vgl. 1Ko 15,3-4 Eph 1,20-23 u.a.).

Paulus als Beispiel

Bemerkenswert ist, dass Paulus sich selbst als Vorbild hinstellt. Jesus wandelt nicht mehr auf Erden und Menschen brauchen Vorbilder. Wie können wir unser Leben ganz praktisch einrichten? Was kann uns als Vorbild dienen? Paulus nimmt keinen Platz anstelle von Jesus ein, sondern ahmt selber Christus nach. An Paulus können wir erkennen, was es bedeutet, Christus nachzuahmen.


In folgender Grafik wird dargestellt, wie die Wörter «nachfolgen» und «nachahmen» im Neuen Testament verwendet werden.


Mitnachahmer

Wenn Paulus dazu aufruft, ihn nachzuahmen, so ist das ein ganz praktischer Hinweis. Paulus sieht sich in dieser Aufgabe keinesfalls allein. An mehreren Stellen zeigt er, wie in der Gemeinde auf all die Menschen geachtet werden soll, die im Glauben vorangehen. Paulus beschreibt das wie folgt:

«Werdet meine Mitnachahmer, ihr Brüder, und seht auf diejenigen, die so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt»
.
Phil 3,17

Leider ist in manchen Übersetzungen nicht klar, dass es hier wörtlich «Mit-Nachahmer» (gr. summimètès) heisst. Denn Paulus ahmt Christus nach und lädt uns ein «mit ihm» Christus nachzuahmen. Paulus hat also keine Profilierungsneurose – er macht nicht sich selbst gross, sondern will nur eines: Dass die Gemeinde Christus nachahmt. Dafür setzt er sich ein. Gleichzeitig betont er, dass die Brüder auf diejenigen schauen sollten, «die so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt».

Die persönliche Haltung von Paulus geht aufs Ganze. Das beschreibt er in den vorangehenden Versen mit eindrücklichen Worten:

«Nicht dass ich es schon erlangt hätte oder schon vollendet wäre; ich jage aber danach, dass ich das auch ergreife, wofür ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder, ich halte mich selbst nicht dafür, dass ich es ergriffen habe; eines aber [tue ich]: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt, und jage auf das Ziel zu, den Kampfpreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus. Lasst uns alle, die wir gereift sind, so gesinnt sein; und wenn ihr über etwas anders denkt, so wird euch Gott auch das offenbaren. Doch wozu wir auch gelangt sein mögen, lasst uns nach derselben Richtschnur wandeln und dasselbe erstreben!»
Phil 3,12-16

Wenn wir diese Haltung und dieses Verständnis von Paulus nachahmen, sind wir auf dem besten Weg, uns ganz nach Christus auszustrecken. Paulus sagt: «dass ich auch das ergreife, wofür ich von Christus Jesus ergriffen worden bin!». Er macht sich auf den Weg, zu erfassen wozu er von Christus berufen wurde. Diese Entdeckungsreise zu machen ist der Vorrecht und die Herausforderung im Glauben.

 

Vorbilder

Wer Nachahmer wird, wird auch zum Vorbild. So wird das Leben von Christus in der Gemeinde offenbar. Paulus schreibt an die Thessalonicher:

«Und ihr seid unsere und des Herrn Nachahmer geworden, indem ihr das Wort unter viel Bedrängnis aufgenommen habt mit Freude des Heiligen Geistes, so dass ihr Vorbilder geworden seid für alle Gläubigen in Mazedonien und Achaja. Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erklungen; nicht nur in Mazedonien und Achaja, sondern überall ist euer Glaube an Gott bekanntgeworden, so dass wir es nicht nötig haben, davon zu reden.»
1Thess 1,6-8

Paulus schreibt an Timotheus:

«Niemand verachte dich wegen deiner Jugend, sondern sei den Gläubigen ein Vorbild im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Geist, im Glauben, in der Keuschheit! Bis ich komme, sei bedacht auf das Vorlesen, das Ermahnen und das Lehren. Vernachlässige nicht die Gnadengabe in dir, die dir verliehen wurde durch Weissagung unter Handauflegung der Ältestenschaft! Dies soll deine Sorge sein, darin sollst du leben, damit deine Fortschritte in allen Dingen offenbar seien! Habe acht auf dich selbst und auf die Lehre; bleibe beständig dabei! Denn wenn du dies tust, wirst du sowohl dich selbst retten als auch die, welche auf dich hören.»
1Tim 4,12-16

Sei den Gläubigen ein Vorbild! Nicht den Ungläubigen! Die ausserhalb der Gemeinde sind, denen sollte Timotheus als Evangelist begegnen (2Tim 4,5), und ihnen nämlich die frohe Botschaft der rettenden Gnade Gottes in Christus Jesus verkündigen. Die aber ihr Vertrauen bereits auf Christus setzen, die Gemeinde, für die sollte er ein Vorbild sein und mit Beharrlichkeit auch bleiben.

Der Lebenswandel der Gläubigen, in dieser Welt wie auch in der Gemeinde, baut auf das Werk Gottes in Christus Jesus, auf Kreuz und Auferstehung auf. Deswegen sind es gerade die Briefe, welche nach der Auferstehung die Gemeinde aufbauen. Wir sollten diese Briefe (insbesondere die von Paulus, dem einzigen «Apostel der Nationen») regelmässig lesen, damit wir erfassen, wie Gottes Heil heute unser Leben verändern will.


Was sich aus der Unterscheidung der Begriffe lernen lässt

Was besser ist

Diesen Artikel habe ich angefangen mit der Frage von Menschen, die gerne Jesus so nachfolgen wollen, wie es in den Evangelien beschrieben war. Sie merkten jedoch, dass das so nicht ging. Ihre Fragen anhand der Bibel und der biblischen Geschichte zu lösen, einen Kontext für die Aussagen Jesu und der Apostel zu erarbeiten, war das Anliegen dieses Artikels. Wir haben gesehen, dass sich einiges verändert hat. Es kam eine neue Situation, von Gottes Geist vorbereitet und von den Aposteln an die Gemeinde gelehrt.

Die gleiche Herzenseinstellung

Wenn wir nun all diese Dinge gelesen haben, wie schauen wir von den Briefen zurück in die Evangelien? Wie können wir das, was Jesus gelebt und gewirkt hat, verstehen und anwenden? Es wird ja nichts weggenommen, sondern wir lernen hinzu. Es geht nicht darum, ein Wort «richtig» oder «falsch» zu verwenden, sondern es geht darum, zu verstehen, was damit gemeint ist. Dass wir Jesus nachfolgen bzw. Christus nachahmen, setzt die gleiche Herzenseinstellung voraus – von uns her gesehen. Da ändert sich also nichts. Aber von Gottes Heil her gesehen hat sich die Situation umwerfend geändert. Bin ich mir dessen bewusst? Ist es mir Grund zum Danken und hilft es mir, die Bibel differenzierter zu verstehen? Weiss ich, was mir in Gnaden geschenkt ist und kann ich bewusst daraus leben?

Wir können nicht anders vertrauen oder glauben als beispielsweise Abraham oder die Propheten, aber wir können unser Vertrauen und Glauben auf bessere Heilstatsachen gründen als diese frühen Gläubigen. Vieles von dem, was die Väter von Israel und die Propheten als Verheissung erst kennenlernten, wurde im Neuen Testament erfüllt. Dadurch haben wir in mancher Hinsicht mehr als eine Verheissung. Wir haben durch die Auferstehung Jesu eine bestätigte Grundlage erhalten, worauf wir unser Glauben und unser Leben aufbauen dürfen. Als Jesus auf Erden wandelte und als Lehrer Jünger um sich versammelte, gab es dieses Kreuz am Anfang noch nicht. Die Jünger konnten nicht aus der Kraft der Auferstehung leben. Sie kannten auch keine Rechtfertigung von Sünden, wie es nur nach dem Kreuz von Paulus verkündigt wurde. Die Tragweite vom Kreuz übersteigt alles, was bis dahin von Gottes Wirken bekannt war (vgl. 1Kor 2,6-10). Denn Gott wirkt in diese Welt hinein. Er macht eine fortschreitende Offenbarung, dessen Zukunftsperspektive sich bereits in uns am Auswirken ist.

Wachsen in der Erkenntnis

Es ist das Anliegen der Apostel, dass die Gläubigen in jedem guten Werk fruchtbar werden und wachsen in der Erkenntnis Gottes. Im Kolosserbrief beschreibt Paulus im ersten Kapitel einige Schritte, wie sie sich in unserem Glaubensleben ergeben. Im Text sind sie fett markiert:

«Wir danken dem Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, indem wir allezeit für euch beten, da wir gehört haben von eurem Glauben an Christus Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen, um der Hoffnung willen, die euch aufbewahrt ist im Himmel, von der ihr zuvor gehört habt durch das Wort der Wahrheit des Evangeliums, das zu euch gekommen ist, wie es auch in der ganzen Welt [ist] und Frucht bringt, so wie auch in euch, von dem Tag an, da ihr von der Gnade Gottes gehört und sie in Wahrheit erkannt habt. So habt ihr es ja auch gelernt von Epaphras, unserem geliebten Mitknecht, der ein treuer Diener des Christus für euch ist, der uns auch von eurer Liebe im Geist berichtet hat. Deshalb hören wir auch seit dem Tag, da wir es vernommen haben, nicht auf, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr erfüllt werdet mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht, damit ihr des Herrn würdig wandelt und ihm in allem wohlgefällig seid: in jedem guten Werk fruchtbar und in der Erkenntnis Gottes wachsend, mit aller Kraft gestärkt gemäß der Macht seiner Herrlichkeit zu allem standhaften Ausharren und aller Langmut, mit Freuden, indem ihr dem Vater Dank sagt, der uns tüchtig gemacht hat, teilzuhaben am Erbe der Heiligen im Licht. Er hat uns errettet aus der Herrschaft der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe, in dem wir die Erlösung haben durch sein Blut, die Vergebung der Sünden.»
Kol 1,3-14

Wir sehen hier die Glaubensentwicklung in einer Nussschale: 1. Die Gnade Gottes hören, 2. Die Gnade Gottes in Wahrheit erkennen. [GEBET] 3. In jedem guten Werk fruchtbar werden. 4. In der Erkenntnis Gottes wachsen.

Das Gebet ist zentral, damit wir befähigt werden, des Herrn würdig zu wandeln, und damit wir erfüllt werden mit der Erkenntnis Seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht. Der Apostel verweist am Schluss auf «die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden» – das ist nur nach der Auferstehung so möglich, wie wir das bereits an mehreren Stellen erkannt haben.

Die Gesinnung von Christus

Paulus, der die Nachahmung von Christus zentral stellt, fordert uns auf, die Gesinnung von Christus in uns zu haben. Erinnern wir uns daran, dass wir Christus nicht mehr dem Fleische nach kennen sollten (2Ko 5,16). Paulus meint damit keineswegs, dass die Evangelien für uns nun keinen Wert mehr haben. Wenn buchstäbliches «nachfolgen» nicht mehr geht, so geht trotzdem nichts verloren. Wir müssen auch nicht krampfhaft versuchen, dieses «nachfolgen» wieder irgendwie durch die Hintertür reinzubringen. Es geht nur darum nachzuspüren, welchen Wert und welche Botschaft die Evangelien für uns haben. Wie haben es die Apostel gesehen?

Von den Briefen her in die Evangelien zurückschauen

«Habt diese Gesinnung in euch, die auch in Christus Jesus war.»
Phil 2,5

Um die Gesinnung von Christus Jesus geht es. Christus nachahmen heisst, dass wir uns Seine Gesinnung aneignen. Gerade das wird uns in den Evangelien eindrücklich vor Augen geführt. Wir können weder die Situation aus den Evangelien noch den spezifischen Auftrag von Jesus und seinen Jüngern damals ganz in die heutige Zeit verpflanzen. Wir können aber Seine Gesinnung in uns haben. Dazu werden wir einerseits aufgefordert, andererseits aber ist es etwas, das an uns geschieht, wie es ein paar Verse weiter heisst:

«Mit [Ehr]Furcht und Zittern wirket eure Rettung [aus]! Denn Gott ist es, der beides in euch wirkt: das Wollen wie auch das Wirken nach [Seinem] Wohlgefallen»
Phil 2,12-13.

Die Entäusserung Christi

Der ganze Abschnitt liest sich wie folgt:

«Denn ihr sollt so gesinnt sein, wie es Christus Jesus auch war,

[Christus Jesus] der, als er in der Gestalt Gottes war, es nicht wie einen Raub festhielt, Gott gleich zu sein; sondern er entäußerte sich selbst, nahm die Gestalt eines Knechtes an und wurde wie die Menschen; und in seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.

Darum hat ihn Gott auch über alle Maßen erhöht und ihm einen Namen verliehen, der über allen Namen ist, damit in dem Namen Jesu sich alle Knie derer beugen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Darum, meine Geliebten, wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit, verwirklicht eure Rettung mit Furcht und Zittern; denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt nach seinem Wohlgefallen. Tut alles ohne Murren und Bedenken, damit ihr unsträflich und lauter seid, untadelige Kinder Gottes inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, unter welchem ihr leuchtet als Lichter in der Welt, indem ihr das Wort des Lebens darbietet, mir zum Ruhm am Tag des Christus, dass ich nicht vergeblich gelaufen bin, noch vergeblich gearbeitet habe.»

Phil 2,5-16

Die Entäusserung von Christus ist ein Vorbild für uns: Christus Jesus, obwohl Er in der Gestalt Gottes war, hat

  1. sich entäussert
  2. die Gestalt eines Knechtes (wörtlich: Sklaven) angenommen
  3. wurde wie die Menschen
  4. erniedrigte sich selbst
  5. wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz

Darum hat Ihn Gott

  1. über alle Massen erhöht und
  2. Ihm einen Namen verliehen, der über allen Namen ist
  3. damit in dem Namen Jesu sich alle Knie beugen
  4. und alle Zungen bekennen, dass Jesus Christus Herr ist
  5. Zur Ehre Gottes, des Vaters

Hier wird deutlich, mit welcher Gesinnung wir Christus nachahmen können.

Unser Lebenswandel

Ob wir nun in den Evangelien davon lesen, «Jesus nachzufolgen» oder später Paulus davon schreibt «Nachahmer Christi» zu werden – diese Ausdrücke beantworten noch nicht Details unseres Lebenswandels. Zum Abschluss deshalb noch einige Gedanken über unseren Alltag. Wer nur praktische Lebensregeln sucht, findet so etwas wie «Christus nachahmen» vielleicht zu theoretisch. Offen gesagt geht es bei diesen Ausdrücken auch gar nicht um Lebensregeln. Es ist aber die Lebenshaltung, die Motivation, die Gesinnung, welche uns ermöglicht, nun praktisch zu werden.

«Lasst uns alle, die wir gereift sind, so gesinnt sein; und wenn ihr über etwas anders denkt, so wird euch Gott auch das offenbaren. Doch wozu wir auch gelangt sein mögen, lasst uns nach derselben Richtschnur wandeln und dasselbe erstreben! Werdet meine Mitnachahmer, ihr Brüder, und seht auf diejenigen, die so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt.» Phil 3,15-16

Es braucht eine gewisse Reife, damit wir die gleiche Gesinnung pflegen können. Eine Folge davon ist, dass wir nach derselben Richtschnur wandeln und dasselbe erstreben. Wenn wir das nun mit praktischen Angaben aus der Bibel füllen wollen, so können wir das auf zweierlei Art machen:

  • Evangelien
    In den Evangelien können wir die Gesinnung von Christus nachspüren, und diese Gesinnung in unserem Leben nachahmen.
  • Briefe
    In den Briefen – speziell bei Paulus – geht es darum, unseren Lebenswandel als Frucht des Geistes (Ga 5,22) zu sehen, nicht mehr uns selbst zu leben, sondern für Den, der für uns starb und auferweckt wurde (2Ko 5,15), als Kinder des Lichts zu wandeln (Eph 5,9), aufzuwachen aus einem christusfernen Leben – sozusagen geistlich aus den Toten auferstehen – damit Christus uns aufleuchtet (Eph 5,14), Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung, damit wir unser Leben heute als Auferstehungsleben feiern können (Phil 3,10-11 Rö 8,11), mit genau derselben geistlichen Kraft.

Wie wir wandeln dürfen

«Ich spreche euch nun zu – ich, der Gebundene im Herrn, würdig der Berufung zu wandeln, zu der ihr berufen wurdet, mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld einander in Liebe ertragend.»
Eph 4,1-2

Hier zeigt sich, dass ein Lebenswandel, der unserer Berufung entspricht, mit «Demut», «Sanftmut», «Geduld» und «Liebe» einhergeht. Wie sich das in einzelnen Fragen auswirkt, wird oft konkret beantwortet. Paulus beispielsweise zeigt uns in vielen Briefen zwei Teile: Zuerst einen lehrmässigen Teil (z.B. Römer 1–11, Epheser 1–3 oder Kolosser 1–2) und daraufhin einen praktischen Teil, den Lebenswandel betreffend (z.B. Römer 12–16, Epheser 4–6 oder Kolosser 3–4). Dies zeigt, wie Lehre und Wandel ineinander greifen. Wir brauchen beides: Eine gesunde Lehre und einen darauf aufbauenden Lebenswandel («logischer Gottesdienst» Rö 12,1-2). Wer konkrete Hinweise will, findet viele gute Hinweise in den zweiten Briefhälften. Welches Verhalten wir ablegen sollten und wie wir im Geist verjüngt werden, beispielsweise, und wie wir eine neue Menschheit anziehen dürfen und in allem Wahrheit reden dürfen miteinander (Eph 4,17-25).

Erinnern wir uns auch daran, dass Paulus sich selbst als Vorbild sah, Timotheus als Vorbild hinstellte, und auf andere verwies, «die ebenso wandeln» (Phil 3,16). Wir dürfen so gemeinsam «alles zum Wachsen bringen, hinein in Ihn, der das Haupt ist, Christus Jesus» (Eph 4,15-16).

 

 


Schlussgedanken

Wie wichtig ist es jetzt, zwischen «nachfolgen» und «nachahmen» zu unterscheiden? Und wäre es etwa falsch, von «nachfolgen» zu sprechen, wenn dieses «nachfolgen» gar nicht mehr möglich ist?

Diese Frage stellt sich eigentlich nur gegen dem Hintergrund der verschiedenen Traditionen, die beharrlich von «nachfolgen» sprechen. Traditionen werden geschützt mit Begründungen wie «Wir wollen die Leute nicht verunsichern» oder «Das sind ja nur Wortklaubereien». Dem steht gegenüber, dass Jesus und die Apostel sehr wohl einen Unterschied gemacht haben, wie in diesem Artikel dargelegt. Das geschah nicht ohne Grund.

Selbstverständlich geht es nicht um die Wörter an sich. Vielmehr geht es um die Realitäten, die damit ausgedrückt werden. Deswegen darf gefragt werden, welche Realität denn in der Verkündigung zum Tragen kommen sollte? Und auch: Welchen Gewinn gibt es, wenn ich Wörter so benutze, wie sie in der Bibel benutzt werden? Hilft mir das vielleicht, die Botschaft besser zu verstehen? Wenn ich Wörter bewusst nutze, hilft mir das auch, das Evangelium besser in meinem Reden und Denken zu verankern?

Vertiefung: Konkordanz zu «nachfolgen»

Hier unten eine Übersicht aller Bibelstellen wo von «nachfolgen» die Rede ist.

Das Wort «Nachfolge» (als Nomen) gibt es nicht. Es gibt nur den Verb «nachfolgen» also kann nicht von einem Zustand, sondern nur von einer Tätigkeit die Rede sein. Der Verb gibt es vorwiegend in den Evangelien, und ausserhalb der Evangelien nie im Sinne von «Jesus nachfolgen». Es empfiehlt sich, alle Stellen nachzuschlagen, bevor mit dem weiteren Text fortgefahren wird.

nachfolgen

gr. akoloutheo

  • Matthäus: 4:20,22,25; 8:1,10,19,22,23; 9:9 (2x),19,27; 10.38; 12:15; 14:13; 16:24; 19:2,21,27,28; 20:29,34; 21:9; 26:58; 27:55;
  • Markus: 1:18; 2:14 (2x),15; 3:7; 5:24; 6:1; 8:34; 9:38 (2x); 10:21,28,32,52; 11:9; 14:13,51,54; 15:41;
  • Lukas: 5:11,27,28; 7:9; 9:11,23,49,57,59,61; 18:22,28,43; 22:10,39,54; 23:27;
  • Johannes: 1:37,38,40,43; 6:2; 8:12;10:4,5,27; 11:31; 12:26; 13:36 (2x), 37; 18:15; 20:6; 21:19,20,22;
  • Apostelgeschichte: 12:8,9; 13:43; 21:36;
  • 1. Korinther: 10:4;
  • Offenbarung: 6:8; 14:4,8,9,13; 18:5; 19:14.

Quelle: Wigram, The Englishman‘s Greek Concordance of the New Testament.

Vertiefung: Konkordanz von «nachahmen»

Nachfolgend alle Stellen, welche von «nachahmen» sprechen. Beachte jeweils den Kontext.

Quelle: Wigram, The Englishman‘s Greek Concordance of the New Testament.

Vertiefung: Gesinnung im Philipperbrief

Gesinnung, wörtlich «gesinnt sein», gr. phroneo. Ein wichtiges Wort im Philipperbrief, vgl. 
Phil 1,7 Phil 2,2 Phil 2,5 Phil 3,15-19 Phil 4,2 Phil 4,10.


Die Seele mir bringt er zurück

Die Seele mir bringt Er zurück

Psalm 23 birgt noch einige Schätze, die es zu entdecken gilt. Eine solche Entdeckung habe ich letzthin gemacht, als ich mich mit einem Wort aus diesem Psalm etwas näher auseinandergesetzt habe. Hören wir, was der Psalmdichter sagt:

«Ein Harfenlied Dawids.

ER ist mein Hirt,
mir mangelts nicht. |
Auf Grastriften
lagert er mich,
zu Wassern der Ruh
führt er mich. |
Die Seele mir
bringt er zurück,
er leitet mich
in wahrhaftigen Gleisen
um seines Namens willen. – |»

Psalm 23,1-3
in der Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig.

Es gibt Bibelabschnitte, die man immer wieder liest. Vielleicht kennt man sie sogar auswendig. Trotz aller Vertrautheit kann auch nach Jahren oder Jahrzehnten ein Aspekt neu aufleuchten. Etwas wird deutlich, das man bis dahin nie so klar gesehen hat. Mir erging es so bei einem Satz aus diesem Psalm.

David schreibt aus eigener Erfahrung. Es ist zwar ein Psalm, ein Lied, aber gleichzeitig auch so etwas wie ein Erlebnisbericht. Zwar kein Erlebnisbericht aus journalistischer Perspektive, aber doch ein Erfahrungsbericht. Er beschreibt seine Erfahrung mit seinem Gott und was das mit ihm macht. David nutzt dazu eine Bildsprache – ER ist mein Hirt. Und wie ein Hirte für seine Schafe sorgt, erlebt David diese sichere Fürsorge und bezeugt – mir mangelts nicht. Das ist seine erlebte Wirklichkeit. Und wir dürfen daraus die Wirklichkeit Gottes ablesen, uns zum Zuspruch.

Was mir neu aufleuchtete war Davids Aussage: «Die Seele mir bringt er zurück». In der mir geläufigeren Elberfelder Übersetzung heisst es an gleicher Stelle «Er erquickt meine Seele». Das ist zweifellos das Resultat. Was aber vor sich geht, wovon David schreibt, ist weitaus einprägsamer. Im Zusammenhang heisst es: «ER ist mein Hirt… die Seele mir bringt er zurück». Kein erquicken, sondern ein «zurückbringen». Das hebräische Wort (hb. shuv) deutet auf ein Wiederherstellen, auf ein Zurückbringen zu einem alten und bekannten Ort, zu dem, was vertraut ist.

Zurückbringen Der Wortstamm (hb. sh-v) wird laut Jeff A. Benner (Ancient Hebrew Lexicon of the Bible, S. 271) aus zwei Buchstaben geformt, die den Gedanken «(Zähne) zusammenpressen» und «Zelt» vereinen. Es ist der Druck, die Bestimmtheit, mit dem zum Zelt, zum Heim zurückgekehrt wird. Daraus entwickelten sich mehr abstrakte Begriffe wie rückkehren, umkehren, zurückbringen, wiederherstellen.

David bezeugt nun, dass dies mit seiner Seele geschah. Sein Leben war oft anstrengend und gefährlich. In dem Psalm lesen wir das nur indirekt. Hier wird beschrieben, wie er an ruhigen Wassern geführt wurde – was nahelegt, dass es vorher wohl weniger ruhig war.

Herausforderungen führten ihn hinaus. Er fand aber auch wieder zurück. Der HERR war sein Hirte. Liess er sich von Ihm an «Wassern der Ruh» führen, fand er dort auch wieder zu sich selbst. «Die Seele mir, bringt er zurück.» Da kommt David wieder zu sich, findet wieder Kongruenz in seinem Leben.

In Gottes Nähe finden wir nicht nur zu Ihm, sondern auch zu uns selbst und zur Ruhe, denn das geht Hand in Hand. Hier treten wir wieder in eine wahre und belebende Beziehung ein.