Nach dem Sterben das Gericht?

Kommt nach dem Sterben das Gericht?

Im Hebräerbrief gibt es einen Vers, der gerne zitiert wird, um damit dem Evangelium «mehr ernst» zu geben. Man könnte auch sagen, dieser Vers wird dazu missbraucht, aus der Frohbotschaft des Evangeliums eine Drohbotschaft zu machen. Das ist keine leichte Sache.

Der Vers lautet so:

«Und so gewiß es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht»
Heb 9,27 (Schlachter 2000)

Die Frage lautet: Was genau steht hier? Wer den Vers unvoreingenommen liest, merkt, dass etwas am Satz noch unvollständig ist. Der Anfang «so gewiss es ist…» leitet einen Vergleich ein, der noch ergänzt werden muss. Dazu gleich mehr. Der Vers wird jedoch selten im Kontext gelesen. Vielmehr wird er einfach so zitiert wie hier oben. Das ist problematisch. Alles aber der Reihe nach.

Die Probleme der traditionellen Auslegung

Dies ist die traditionelle Auslegung: Mit «den Menschen» wird die Menschheit, also jeder Mensch gemeint. Dass jeder Mensch stirbt, das ist allen klar. Nun aber soll nach diesem Sterben das Gericht folgen. Oder mit anderen Worten: Wer stirbt, erscheint dann prompt vor Gericht. Die Frage ist nun, ob diese Auslegung stimmt.

Der genannte Vers wird gerne dazu genutzt, bei Evangelisationen die Leute von der «Ernst der Entscheidung» zu überzeugen. Es ist hier nichts anderes als eine Drohung mit Gericht, die dadurch gerechtfertigt wird, dass man auf Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit verweist, die das Gericht fordern würde.  Obwohl es im gerade zitierten Abschnitt keineswegs um einen Glauben an Jesus geht und noch weniger darum, Ungläubige anzusprechen, so zögert man nicht, den Vers ohne Kontext genau in diesem Sinne zu verwenden. Es wird eine «Drohbotschaft» fabriziert, statt eine «Frohbotschaft» verkündigt. Eine solche Formulierung versucht Gott von jedem Schuld oder Bezug zu Seiner Schöpfung reinzuwaschen. Damit stapeln sich die Widersprüche, insbesondere zum rechten Verständnis von Gottes Gerechtigkeit.

Tatsache ist, dass Gottes Gerechtigkeit bereits genüge getan wurde (Röm 1,16-17; Röm 3,21-23; Röm 5,18; Joh 19,30), und das ist die frohe Botschaft (2Kor 5,18-21). Dass nun ein «Gericht nach dem Tod» Gottes Gerechtigkeit herbeiführen könnte oder gar müsste, ist eine krasse Ignoranz gegenüber dem Evangelium. Aus Hebräer 9,27 eine Drohbotschaft herauszulesen ist nicht nur irreführend, sondern hinkt hinter den Tatsachen her. Im Wesen ist die traditionelle Erklärung dieses Verses nichts anderes als eine Leugnung des Kreuzes, wie fromm diese auch verpackt wird.

Es gibt aber mehr Ungereimtheiten. Die Idee, dass gleich nach dem Sterben ein Gericht folgt, ist mit der Schrift in direktem Widerspruch. Nach dem Sterben ist man zuerst einmal Tod. Damit Tote gerichtet werden können, benötigt es eine Auferstehung zum Gericht (Joh 5,29, vgl. Offb 20,12-15). Erst nach der Auferstehung wird also gerichtet, und nicht nach dem Sterben.

Der Zusammenhang im Hebräerbrief

Der Schreiber des Hebräerbriefes hat für diesen Vers einen klaren Kontext gegeben. Dieser gibt Aufschluss darüber, was mit diesem Vers gemeint ist.

«Denn Christus ging nicht in die von Händen gemachten heiligen Stätten hinein, die nur Gegenbilder der wahrhaften sind, sondern in den Himmel selbst, um nun vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen. Auch nicht deshalb, um Sich Selbst oftmals darzubringen, so wie der Hohepriester alljährlich in die Heiligen der Heiligen mit fremdem Blut heineingeht; denn sonst hätte Er oftmals von dem Niederwurf der Welt an leiden müssen. Nun aber hat Er Sich einmal (zur Ablehnung der Sünde für den abschliessenden Zeitraum der Äonen) durch Sein Opfer offenbart.

Und insofern es den Menschen aufbewahrt ist, einmal zu sterben, nach diesem aber ein Gericht, so wird auch Christus, nachdem Er einmal als Opfer dargebracht war, um die Sünden der vielen hinaufzutragen, zum zweiten Mal ohne Sünde denen erscheinen, die auf Ihn warten, zur Rettung durch Glauben»
Heb 9,24-28

Es geht hier um einen Vergleich zwischen Christus und dem Hohepriester. Der Hohepriester ging alljährlich mit dem fremden Blut eines Tieres in den Tempel bis in das Heilige der Heiligen hinein (Heb 9,7; 2Mo 30,10; 3Mo 16,15-21). Christus dagegen ging nicht in das Abbild des wahren Heiligtums (Heb 8,5; Apg 7,44; 2Mo 25,9; 2Mo 25,40), sondern in das einzige wahre Heiligtum, in den Himmel selbst ein, um dort vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen.

«Und insofern es den Menschen aufbewahrt ist, einmal zu sterben…» zieht jetzt den Vergleich zwischen dem Hohepriester und Christus weiter. Der Mensch, das ist im Kontext der Hohepriester. Wenn ein Hohepriester starb, galten spezielle Regelungen. Der Verweis ist nach 4. Mose 35, wo Bestimmungen für Totschläger aufgeführt sind.

Bis zum Tod des Hohepriesters

In 4. Mose 35 geht es um verschiedene Verordnungen, wenn jemand unabsichtlich einen anderen Menschen tötet. Dieser Totschläger soll von seiner Gemeinschaft vor dem Rächer geschützt werden und darf in eine Zufluchtsstadt ausweichen. Dort ist er sicher vor dem Rächer. Er muss solange in diese Stadt bleiben, bis der Hohepriester stirbt. Danach darf er in das Land seines Eigentums zurückkehren.

«Wenn er ihn aber unversehens, nicht aus Feindschaft gestoßen oder ohne böse Absicht irgendein Gerät auf ihn geworfen hat oder, ohne es zu sehen, irgendeinen Stein, durch den man sterben kann, auf ihn hat fallen lassen, so dass er gestorben ist - er war ihm aber nicht feind und suchte seinen Schaden nicht -, dann soll die Gemeinde zwischen dem Schläger und dem Bluträcher nach diesen Rechtsbestimmungen richten: Und die Gemeinde soll den Totschläger aus der Hand des Bluträchers retten, und die Gemeinde soll ihn in seine Zufluchtsstadt zurückbringen, in die er geflohen ist; und er soll in ihr bleiben bis zum Tod des Hohepriesters, den man mit dem heiligen Öl gesalbt hat. […] Denn der Totschläger soll in seiner Zufluchtsstadt bleiben bis zum Tod des Hohepriesters; und nach dem Tod des Hohepriesters darf der Totschläger in das Land seines Eigentums zurückkehren. Und das soll euch zu einer Rechtsordnung sein bei euren Generationen in allen euren Wohnsitzen. […]»
4Mo 35,22-34

Der Tod des Hohepriester resultiert also in einen Freispruch für Totschläger. Das ist die Rechtsordnung, die in Israel gelten sollte. Das ist das genannte Gericht aus Hebräer 9,27. Oder mit anderen Worten: Wo die traditionelle Auslegung eine Verdammung und Verurteilung hineinliest, spricht der Kontext selbst von einem Freispruch. Die Aussage des Textes wurde in den Gegenteil verkehrt. Es ist damit ein gutes Beispiel dafür, welchen Schaden es anrichten kann, wenn ein Text losgelöst vom Kontext betrachtet wird.

Es ist nun diesen Freispruch für Totschläger, aus welchem der Vergleich mit Christus hervorgeht. Zwei bedeutende Situationen gab es, worin der Hohepriester für Freispruch einstand: Einmal beim jährlichen Versöhnungstag (Yom Kippur), als er in das Heilige der Heiligen einging, um dort Blut auf die Bundeslade zu sprengen. Erschien er daraufhin wieder vor dem Volk, kam das einem Freispruch gleich (Heb 9,11-17). Während der Hohepriester seinen Dienst im innersten Heiligtum versah, wartete das Volk draussen (Heb 9,28). Obwohl die jährliche Wiederholung die Begrenzung angab, war der Freispruch dennoch als Ausblick auf eine bessere Lösung gegeben. (Siehe auch den Artikel «Warum Jesus?», wieso das möglich war.) Die zweite Situation betraf den Freispruch für Totschläger nach dem Tod des Hohenpriesters. Der Schreiber des Hebräerbriefes verknüpft beide Situationen aus dem einen Blickwinkel des Freispruchs.

Freispruch oder die Ablehnung der Sünde

Jesus war «eines neuen Bundes Mittler, damit auf Grund eines Todes, geschehen zur Freilösung der Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen die Verheissung des äonischen Losteils erhalten mögen» (Heb 9,15). Die Anlehnung an die Bündnisse und Bilder des Alten Testaments entspricht der Zielgruppe und Leserschaft. Der Hebräerbrief stellt gleich zu Anfang fest, dass «Gott von alters vielfach und auf viele Weise zu den Vätern durch die Propheten gesprochen hat». Der Schreiber richtet sich an eine jüdische Leserschaft. Ebenso «spricht Er an dem letzten dieser Tage zu uns in dem Sohn» (Heb 1,1-2), der «die Reinigung von den Sünden vollbracht hat» (Heb 1,3).

Diese «Reinigung von den Sünden» der Vergangenheit wird zur «Ablehnung der Sünde» in der Zukunft im 9. Kapitel. Dort heisst es, dass Christus sich «einmal durch sein Opfer offenbart» hat, und zwar «zur Ablehnung der Sünde für den abschliessenden Zeitraum der Äonen» (Heb 9,27). Das ist so etwas wie ein Ausblick. Die Sünde selbst wird einst ganz abgelehnt werden. Sie ist heute noch da, aber das wird sich ändern. Auch der Zeitrahmen wird angegeben, nämlich im «abschliessenden Zeitraum der Äonen», sozusagen im letzten Abschnitt von Gottes Plan (vgl. Eph 3,11). Bedeutsam ist hier also nicht nur die vollständige und rückwirkende Wirkung – ähnlich dem alltestamentlichen Opferdienst, sondern auch die vorausschauende abschliessende Wirkung Seines Opfers am Ende der Zeiten.

Das Wort für Ablehnung (gr. athetêtis) kommt sonst nur noch in Heb 7,18 vor, während der Verb «ablehnen» (gr. atheteo) öfters gebraucht wird. Wer etwas ablehnt, weist dies ab (Mk 7,9; Mk 7,30). Es hat aber auch die Kraft etwas abzulehnen, weil es überholt ist (so die «Ablehnung des vorhergehenden Gebotes» in Heb 7,18). Die Ablehnung der Sünde ist die Beseitigung der Sünde. Die Sünde ist nach der Ablehnung kein Thema mehr. Sie ist nicht mehr da. Dies ist der Ausblick, den wir hier erhalten. Es zeigt, dass das Opfer von Jesus tatsächlich genügend ist, die Sünde ein für allemal zu beseitigen, und zwar nicht nur «de jure» (rechtlich), sondern auch «de facto» (faktisch).

Auseinandersetzung

Bei näherer Betrachtung lässt sich Hebräer 9,27 nicht als Argument für oder gegen eine der folgenden Punkte verwenden:

  • Es ist kein Argument gegen eine Allaussöhnung, noch ein Argument für eine Himmel- und Hölle-Lehre.
  • Es ist schlichtweg falsch, diesen Text für Evangelisationen zu nutzen.
  • Es ist irreführend, diesen Text als Begründung für ein sogenannte ewige Verdammung zu missbrauchen.

Sobald man den Text im Kontext liest, verschwinden die Widersprüche einer traditionellen Auslegung. Es wurden hier ganz gewöhnliche Ansätze für ein gesundes Bibelstudium angewandt. Biblische Argumente für oder gegen eine bestimmte Ansicht – egal welcher Art – müssen sich immer an denselben Kriterien messen lassen. Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Lehrmeinungen ist wichtig, weil konkret auf Argumente wie diese eingegangen werden kann.

 


Warum Jesus?

Warum Jesus?

«Gott finde ich OK, aber weshalb braucht es Jesus?»


Letzthin fragte mich jemand, wie denn das mit Jesus sei? Weshalb ist Jesus so wichtig? Als ich nachhakte, kam die Präzisierung: Mit Gott könne er schon etwas anfangen, aber die Geschichte mit Jesus verstehe er nicht ganz. Denn, wenn es einen Gott gibt, dann reicht das doch aus? Ein Gott, der diese Bezeichnung verdient, braucht keine Hilfe. Weshalb dann noch Jesus? Und was ist das mit der Bezeichnung «Christus»? Verwirrend ist das umso mehr, als Christen Jesus zu Gott machen. So die Fragen.

Es sind gute und berechtigte Fragen. Insbesondere aber waren es keine Fragen danach, was die christliche Tradition dazu meint, sondern es war eine Frage nach dem, was wahr ist. Die Fragen wurden gestellt mit Interesse nach der wirklichen Bedeutung. Was steht denn in der Bibel dazu geschrieben? Wozu braucht Gott einen Christus? Kann Er denn nicht allein alles regeln? Oder – und damit nimmt man der Frage bereits eine Teilantwort vorweg – regelt es Gott durch Seinen Sohn Jesus Christus?

Das Gespräch um die Bedeutung und die Aufgabe von Jesus ist wichtig. Es geht hier um den Kern des Neuen Testaments. Jesus ist keine Erfindung des Christentums. Er war die Erfüllung der Verheissungen an Israel. Jesus zeigte in Seinem Wirken, dass Er derjenige war, auf den Israel wartete (vgl. Mt 11,2-6). Er war aber auch mehr als das. Dieses «Mehr» sprengt den Rahmen vereinfachter Vorstellungen. Im Neuen Testament finden sich viele Aussagen, die weiterführen. Einige davon sollen in diesem Artikel genannt werden.

Das Abbild des unsichtbaren Gottes

Im Kolosserbrief schildert uns Paulus einen grösseren Zusammenhang (Kol 1,12-17). Dort wird Jesus der «Sohn Seiner Liebe», also der Sohn von Gottes Liebe, genannt. Als solcher ist Er derjenige, in dem und durch den Gott das All schuf. Denn Jesus war als “Sohn von Gottes Liebe” bereits vor allem anderen da. Das ist eine bemerkenswerte Aussage. Und mehr noch: Alles besteht durch Ihn, so, als trägt Er fortdauernd das gesamte Universum. Alles ist aber auch zu Ihm hin erschaffen, womit Gott das Ziel von allem in diesem Sohn Seiner Liebe festlegt. So finden wir in diesem Abschnitt 3 konkrete Aussagen über den Christus:

  • Alles ist in Ihm erschaffen
  • Alles ist durch Ihn erschaffen.
  • Alles ist zu Ihm hin erschaffen.

All das schreibt Paulus den Kolossern mit folgenden Worten:

«Zugleich danken wir dem Vater, der euch zum Losanteil der Heiligen im Licht tauglich macht, der uns aus der Obrigkeit der Finsternis birgt und in das Königreich des Sohnes Seiner Liebe versetzt, in welchem wir die Freilösung haben, die Vergebung der Sünden. Er ist das Abbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor einer jeden Schöpfung. Denn in Ihm ist das All erschaffen: das in den Himmeln und das auf der Erde, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften, Fürstlichkeiten oder Obrigkeiten. Das All ist durch Ihn und zu Ihm hin erschaffen, und Er ist vor allem, und das All besteht zusammen in Ihm.»
Kol 1,12-17

Fragen wir also «Weshalb Jesus?», dann müssen wir auch diesen Spuren in der Schrift folgen. Sie zeigen uns, dass die ganze Welt zwar von Gott erschaffen wurde, aber konkret durch Seinen Sohn ins Dasein und Leben berufen wurde. Der Sohn ist Derjenige, durch den der Vater Seinen Plan vollführt von Anfang bis zum Schluss. Jesus ist die Schlüsselfigur in Gottes Handeln, was nach Paulus zum Beispiel auch die Schöpfung mit einschliesst.

Er kam in die Welt, um Sünder zu retten

Dieser Sohn, Christus Jesus, hat es «nicht für einen Rauben erachtet, ebenso wie Gott zu sein; sondern Er entäusserte Sich Selbst, nahm die Gestalt eines Sklaven an, wurde den Menschen gleichgestaltet und in der Art und Weise wie ein Mensch erfunden; Er erniedrigte Sich Selbst und wurde gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Kreuzestod» (Phi 2,5-8). Zentral in diesem Wirken des Sohnes Gottes ist heute eine frohe Botschaft, ein Evangelium, was Paulus den Korinthern wie folgt in Erinnerung ruft:

«Ich mache euch aber, meine Brüder das Evangelium bekannt, das ich euch verkündigte, das ihr auch angenommen habt, … (…). Denn an erster Stelle habe ich euch das überliefert, was auch ich erhielt: dass Christus für unsere Sünden starb (den Schriften gemäss), dass Er begraben wurde, dass Er am dritten Tag auferweckt worden ist (den Schriften gemäss)»
1Kor 15,1-3

An Timotheus schreibt Paulus:

«Glaubwürdig ist das Wort und jeden Willkommens wert, dass Christus Jesus in die Welt kam, um Sünder zu retten, von denen ich der erste bin.»
1Tim 1,15

Die Bibel erkennt Sünde und Tod als die zwei Kernprobleme der Menschheit. Wir verfehlen unser Ziel («sündigen») und sterben. Wir ermangeln der Herrlichkeit Gottes, sagt Paulus, wenn er diesen Zustand beschreibt (Röm 3,23). Das ist eine sehr nüchterne Beschreibung unserer eigenen Beschränktheit, des eigenen Wollens und Tuns als auch der eigenen Bestimmung über unser Leben. Im Laufe der biblischen Geschichte gab es Anschauungsunterricht darüber, wie der Mensch und die Welt daran leiden und sich nach Befreiung ausstrecken (Röm 8,19-22).

Opfer bilden ab, dass es zur Bereinigung der Verfehlungen eine zusätzliche «externe» Hilfe benötigt, die Hilfe eines unschuldigen Tieres. Natürlich ist es unmöglich, dass das Blut von Tieren die Verfehlungen der Menschen tatsächlich ausmerzen. Als Bild aber ist es ein Hinweis auf das, was nötig ist, weil wir uns selbst nicht retten, nicht unsterblich machen können. Wir brauchen eine Hilfe von ausserhalb. Wir können es nicht selbst. Ausserdem zeigen diese Opfer, die von Gott eingesetzt wurden, dass Er Selbst damit den Ausgang schafft. Die alljährliche Erneuerung der meisten Opfer versinnbildlichen auch, dass es noch keine endgültige Lösung sein konnte. Paulus beschreibt es so, dass Gott über die vorher geschehenen Sünden einfach hinweggegangen ist. Zwar gab es Opfer, aber die waren keine echte Lösung, sonst hätten sie nicht jedes Jahr erneuert werden müssen (Röm 3,25). Was war nun die richtige Lösung und Erlösung?

Wie konnte Jesus ein Opfer werden?

Das Buch «You take Jesus, I’ll take God – how to refute christian missionaries» wurde für eine jüdische Leserschaft geschrieben. In dem Buch wurden Argumente dafür geliefert, wie man als Jude christliche Missionare widerlegen kann. Das ist natürlich eine sehr interessante Lektüre, da hier von einer völlig anderen Sichtweise ausgegangen wird als man vielleicht selbst als Christ gewohnt ist. Eines der Argumente gegen Jesus war, dass Gott nie Menschenopfer eingesetzt hat. Da Jesus ein Mensch war, konnte Jesus kein Gott wohlgefälliges Opfer sein, so die Argumentation. Ich kann mir vorstellen, dass auch andere Menschen sehr ähnliche Bedenken haben – widerspricht es doch auch unserer heutigen Denkart, dass es noch Opfer braucht. Dem ist entgegenzusetzen, dass die biblische Berichterstattung von etwas anderem ausgeht und Opfer eine grosse Bedeutung haben. Wollen wir also den biblischen Gedanken weiter verfolgen, kann man das Opfer und dessen Bedeutung nicht einfach beiseiteschieben.

Dass nun bestimmte Opfer in der biblischen Berichterstattung eine religiöse Bedeutung erhielten, lag nicht in der Tötung der Tiere an sich, sondern an der Bedeutung, die daran gegeben wurde. Die Opfer im alten Israel wurden – so die Bibel – von Gott Selbst eingesetzt. Das verbürgte sozusagen die Wirksamkeit. Es war eine Wirksamkeit jedoch in Erwartung einer besseren Lösung. Es war eine Wirksamkeit durch den Glauben an Gottes Aussage. Nicht Israel, die Priesterschaft oder das unschuldige Tier, sondern Gott Selbst verbürgte Sich für die Wirksamkeit. Israel musste das nur verinnerlichen und umsetzen gemäss den Angaben in der Thora.

Die Vorstellung, dass Jesus als Opferlamm gesehen wird, das die Sünde der Welt wegnimmt (Joh 1,29; Joh 1,36; 1Pet 1,19 u.v.m.), ist eine ureigene jüdische Interpretation. Zwar ist es keine Interpretation nach dem heutigen rabbinischen Judentum (diese ist eine bestimmte jüdische Richtung, die von und seit Rabbi Akiba geformt wurde), aber sowohl Jesus als auch die Apostel waren alle Juden. Die Jünger und die Apostel sahen in Jesus die Erfüllung der Thora und auch die Erfüllung der Verheissungen. Ebenso wie die Tieropfer von Gott eingesetzt wurden, bezeugt das Neue Testament, dass Jesus von Gott bereits vor Grundlegung (oder: Niederwurf) der Welt an als Opferlamm vorher erkannt war (1Pet 1,19) und vom Niederwurf der Welt an geschlachtet war (Offb 13,8). Auch hier muss man folgerichtig erkennen, dass die Tötung eines Menschen keine Wirksamkeit hat. Die Hinrichtung von Jesus hat diese nur, weil es – genau wie in der Tenach – diese Bedeutung von Gott zugeteilt bekam. Wie dies geschah, ist auf vielerlei Arten bezeugt. Es wurden dazu bereits einige Bibelstellen genannt.

Zusammenfassend kann man erkennen, dass es weder bei den Opfern im alten Israel noch beim Kreuzestod von Jesus um irgendeine magische Handlung geht. Die einzige Wirksamkeit liegt daran, dass es für Gott wirksam ist. Jesus wurde bekanntlich nicht als Einziger gekreuzigt, sondern gleichzeitig mit Ihm noch weitere Menschen. Die Bedeutung wird jedoch nur Jesus beigemessen. Was Gott selbst zur Lösung bestimmt hat, regelt das Problem und bringt Gottes eigene Gerechtigkeit hervor (Röm 3,21-30). So ist der Gehorsam von Jesus bis hin zum Tod am Kreuz erst ein Schritt, die Auferstehung jedoch die Bestätigung Gottes zur Rechtfertigung (Röm 4,25). «Darum hat Gott Ihn auch überaus hoch erhöht und Ihn mit einem Namen begnadet, der über jedem Namen ist, damit in dem Namen Jesu sich jedes Knie beuge, der Überhimmlischen, Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge huldige: Herr ist Jesus Christus, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters» (Phi 2,9-11).

Der Sohn trägt das All

«Nachdem Gott vor alters vielfach und auf viele Weise zu den Vätern durch die Propheten gesprochen hat, spricht Er an dem letzten dieser Tage zu uns in dem Sohn, den Er zum Losteilinhaber von allem gesetzt und durch den Er auch die Äonen gemacht hat. Er ist die Ausstrahlung Seiner Herrlichkeit und das Gepräge Seines Wesens und trägt das All durch Sein machtvolles Wort.

Nachdem Er die Reinigung von den Sünden vollbracht und Sich zur Rechten der Majestät in den Höhen niedergesetzt hat, wurde Er insofern um so viel besser als die Boten, als Ihm ein vorzüglicherer Name zugelost ist als ihnen. Denn zu welchen Boten hat Er jemals gesagt: Mein Sohn bist Du! Heute habe Ich Dich gezeugt? Anderswo wieder: Ich werde Ihm Vater sein und Er wird Mir Sohn sein?»
Heb 1,1-5

Diese Aussage ist weit von jeder falschen Frömmigkeit entfernt. Es ist ein Verständnis von Gottes Handeln, das sich ganz auf Gottes Wirken verlässt, welches in und durch Seinen Sohn sichtbar wird. Gott Selbst können wir nicht sehen, aber der Sohn ist die Ausstrahlung Seiner Herrlichkeit und auch die ausgeprägte Form Seines Wesens. Diese Schriftstelle liest sich in vielen Details ähnlich wie der bereits erwähnte Abschnitt aus Kolosser 1,12-17. Der Schreiber des Hebräerbriefes verknüpft hier die Aussagen des Alten Testaments (des Tenachs) mit denen des Neuen Testaments. Das ist für ein durchgehendes Verständnis beim Lesen der Bibel sehr hilfreich.

Es gibt aber noch weitere Zeugnisse.

Die Vervollständigung der Gottheit

Paulus spricht als Apostel der Nationen nicht nur Juden, sondern auch Nicht-Juden an. Auf seinen Reisen wird er mit vielen anderen Gedanken und Ansichten konfrontiert. Gnostische Lehren sind weit verbreitet, und auch diese Sicht steht in Konflikt mit der frohen Botschaft. Auch der griechische Wunsch nach Weisheit konnte mit Jesus nichts anfangen. Denn dort geht es nicht um Personen, sondern um das (richtige) Erkennen, um Weisheit.

In der Antwort zu diesen philosophischen Strömungen schreibt er im Kolosserbrief:

«… und sie [die Gläubigen] zu allem Reichtum der Vollgewissheit des Verständnisses vereinigt sein, zur Erkenntnis des Geheimnisses Gottes und des Vaters Christi, in welchem alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen liegen»
Kol 2,2-3

Das, was die Strömungen bieten, das gibt es in Christus schon lange und viel mehr. «Alle» Schätze der Weisheit und der Erkenntnis liegen in Christus verborgen.

«Dies aber sage ich, sodass euch niemand mit überredenden Worten hintergehe!»
Kol 2,4

«Hütet euch, dass euch niemand beraubt wegführe durch Philosophie und leere Verführung gemäss der Überlieferung der Menschen, gemäss den Grundregeln der Welt und nicht gemäss Christus. Denn in Ihm wohnt die gesamte Vervollständigung der Gottheit körperlich; und ihr seid in Ihm vervollständigt, der das Haupt jeder Fürstlichkeit und Obrigkeit ist.»
Kol 2,8-10

Hier kann man jetzt erahnen, wie es ohne Jesus, ohne diesen Christus, diesen Sohn Gottes, nicht weiter geht. Die Frage «Warum Jesus?» wird aus biblischer Perspektive so beantwortet, dass Er in allem der Erste ist und sein sollte. Es geht kein Weg an Ihm vorbei. Er ist Gottes Lösung. Er ist unsere Erlösung. Im ersten Kapitel des Kolosserbriefes hat Paulus das einprägsam und umfassend beschrieben (Kol 1,12-20). Lesen wir hier nun den letzten Teil dieses Abschnitts:

«Er ist das Haupt der Körperschaft, der herausgerufenen Gemeinde, deren Anfang Er ist als Erstgeborener aus den Toten, sodass Er in allem der Erste werde, da die gesamte Vervollständigung ihr Wohlgefallen daran hat, in Ihm zu wohnen und durch Ihn das All mit Sich auszusöhnen (indem Er durch das Blut Seines Kreuzes Frieden macht), durch Ihn, sei es das auf der Erde oder das in den Himmeln.»
Kol 1,18-20

So kommt Gott mit Seiner Schöpfung und mit uns zum Ziel. Vielleicht fühlen wir mit Thomas mit, der sagte: «Herr, wir wissen nicht, wohin Du gehst; wie können wir den Weg wissen?» Es ist diese Frage, die wir nun in einem grösseren Kontext betrachtet haben.

«Jesus erwiderte ihm: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater ausser durch Mich. Wenn ihr Mich erkannt hättet, würdet ihr auch Meinen Vater kennen. Von jetzt an kennt ihr Ihn und habt Ihn gesehen.»
Joh 14,5-7

Darum Jesus.


Die Quelle des Lebens

Die Quelle des Lebens

Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
in deinem Licht schauen wir (das) Licht.

Psalm 36,10 (Schlachter 2000)

David schreibt über zwei Dinge, die zueinander gehören:

  • beim HERRN ist die Quelle des Lebens
  • in Seinem Licht sehen wir das Licht.

Das eine gehört zum anderen. Kommen wir zur Quelle des Lebens, dann kommen wir zum Ursprung – dort, wo das Leben hinaufsprudelt. Bei Ihm ist diese sprudelnde Quelle des Lebens. Man könnte auch sagen: Fontäne des Lebens. Er schenkt allen das Leben, den Atem und alle Dingen (Apg 17,25).

Wer zum Ursprung seines Lebens zurückfindet, sieht die Welt mit anderen Augen. Kommen wir zu Gott, und sehen wir alles in Seinem Licht, erhellt sich auch unser Leben und unsere Welt. In Seinem Licht schauen wir Licht.

Licht (hb.אור, owr Or) hat mit Ordnung zu tun. Der Wortstamm אר, or, bedeutet Behälter. Ebenso wie Behälter für Ordnung sorgen, bringt auch Licht Ordnung und vertreibt die Finsternis. Im Licht lernen wir Dinge zu unterscheiden. Wenn David bezeugt, dass wir in Seinem Licht das Licht sehen, dann beschreibt das diese Ordnung, die stattfindet.

Kommen wir zum Ursprung des Lebens zurück und stehen wir in Seinem Licht, erkennen wir von Seiner Warte aus die Welt. Dinge fallen an ihren Platz. Friede kehrt ein. Die Welt erhellt sich. Es wird Licht.

Licht scheidet von Finsternis (1Mo 1,3-4 Psalm 112,4 Joh 1,5).

Jesus sagte: «Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben» (Joh 8,12).

Paulus schreibt später: «Denn Gott, der gesagt hat: "Aus Finsternis wird Licht leuchten!", er ist es, der in unseren Herzen aufgeleuchtet ist zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi» (2Kor 4,6)

 

 

(Verweise zum Hebräischen nach Jeff A. Benner, «Ancient Hebrew Lexicon of the Bible».)


Die Sünde, die nicht vergeben wird

Vergebung? Niemals!

Paulus schrieb in seinem ersten Brief an Timotheus: «Glaubwürdig ist das Wort und aller Annahme wert, daß Christus Jesus in die Welt gekommen ist, um Sünder zu retten, von denen ich der größte bin.» (1Tim 1,15).

Befürworter der Himmel- und Höllenlehre machen auf diese frohe Botschaft eine Ausnahme. Es gibt eine Sünde, so sagt man, die nie vergeben werden kann. Jesus kam zwar in die Welt um Sünder zu retten, und das hat Er auch vollbracht (Joh 19,30), aber leider hilft das nicht in jeder Situation. Es handelt sich hier um eine der Argumente, die dazu genutzt werden, die «Rettung aller Menschen, insbesondere der Gläubigen» (1Tim 4,10) zu bezweifeln. Es ist eines der Argumente gegen eine «Allaussöhnung» (Kol 1,20) und für eine Himmel- und Höllenlehre. Man beruft sich auf folgenden Bibeltext:

«…wer aber gegen den Heiligen Geist lästern wird, hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig»
Mk 3,29 (Rev. Elbf.)

Dies, so die Argumentation, lässt sich in Klarheit wohl nicht überbieten und sei ein deutlicher Hinweis darauf, dass Gott nicht alles vergibt, der Zorn Gottes auf manche Menschen bleibt und dieser Mensch dann für ewig von Gott verstossen wird. Das letzte sei dann die geschönte Beschreibung von dem, was als «ewiger Qual in der Hölle» gelte. Aber ist das die richtige und einzige Interpretation? Das will hier jetzt geprüft werden. Lesen wir zuerst den Vers unmittelbar vorher dazu:

«Wahrlich, ich sage euch: Alle Sünden sollen den Menschenkindern vergeben werden, auch die Lästerungen, womit sie lästern; wer aber gegen den Heiligen Geist lästert, der hat in Ewigkeit keine Vergebung, sondern er ist einem ewigen Gericht verfallen.»
Mk 3,28-29

Jesus sagt hier zuerst etwas ganz bemerkenswertes: «Alle Sünden sollen den Menschenkindern vergeben werden»! Lassen wir zu dieser Aussage einmal innehalten und uns die Tragweite bewusst werden. Wenn wir aufgewachsen sind mit dem Bild eines zornenden und strafenden Gottes, sind solche Aussagen selten beleuchtet worden. Ich hatte Begegnungen mit Menschen, denen Gottes Gnade durch verengte Sichtweisen verwehrt wurde. Es steht hier aber eine sehr ermunternde Aussage. Alle Sünden sollen den Menschenkindern vergeben werden.

Allerdings: Auf diese umfassenden Aussage gibt es scheinbar eine einzige Ausnahme: «wer aber gegen den Heiligen Geist lästert, der hat in Ewigkeit keine Vergebung». Ganz abgesehen davon, was diese Lästerung gegen den Heiligen Geist genau ist, so wird doch klar, dass die grosse Menge der Sünden eben nicht von der Vergebung abhält. Nur eines scheint davon abzuhalten – alles andere geht durch. Die erste Aussage kommt einer Befreiung gleich, auch wenn der zweite Punkt noch weitere Beachtung verdient. Alle Sünden sollen den Menschenkindern vergeben werden! «Sollen» steht hier nicht im Sinne von «müssen», aber im Zusammenhang geht es um einen Vergleich. Das Problem liegt eben nicht bei allen Sünden, sondern bei einer bestimmten Lästerung. Der Fokus ist auf diese eine Lästerung, die erst im Kontext Bedeutung und Tragweite bekommt.

Der Zusammenhang

Es ist erstaunlich, dass in der Theologie von Himmel- und Hölle immer nur der zweite Teil der Aussage zitiert wird, nie der erste Teil, noch seltener der gesamte Kontext. Wie kommt es dazu, dass Jesus klar aussagt, dass alle Sünden den Menschen vergeben werden sollen, und wir nie davon hören? Erst ein Text im Kontext gelesen kann seine Bedeutung preisgeben. Dort findet die Begründung statt, der Anschluss auch am Verständnis der damaligen Zuhörern.

Dies ist die Geschichte:

«Und die Schriftgelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren, sprachen: Er hat den Beelzebul! und: Durch den Obersten der Dämonen treibt er die Dämonen aus!

Da rief er [Jesus] sie zu sich und sprach in Gleichnissen zu ihnen: "Wie kann der Satan den Satan austreiben? Und wenn ein Reich in sich selbst uneins ist, so kann ein solches Reich nicht bestehen. Und wenn ein Haus in sich selbst uneins ist, so kann ein solches Haus nicht bestehen. Und wenn der Satan gegen sich selbst auftritt und entzweit ist, so kann er nicht bestehen, sondern er nimmt ein Ende. Niemand kann in das Haus des Starken hineingehen und seinen Hausrat rauben, es sei denn, er bindet zuvor den Starken; dann erst wird er sein Haus berauben. Wahrlich, ich sage euch: Alle Sünden sollen den Menschenkindern vergeben werden, auch die Lästerungen, womit sie lästern; wer aber gegen den Heiligen Geist lästert, der hat in Ewigkeit keine Vergebung, sondern er ist einem ewigen Gericht verfallen."

Denn sie sagten: Er hat einen unreinen Geist.»
Mk 3,22–30

Erst wenn wir den Zusammenhang verstehen, enthüllt sich auch die Bedeutung. Hier geht es um ein Gespräch zwischen den Schriftgelehrten und Jesus. Die Schriftgelehrten hatten bereits vorhin versucht Jesus dabei zu ertappen gegen die religiöse Gesetze zu verstossen, die sich verschiedene Menschen nach eigenen Interpretationen selbst aufgebaut hatten (z.B. Mk 3,2). Religiösität hat diese Tendenz in sich. Dieselben sind es, die nun das Wirken Jesu in diskredit bringen und behaupten: «Er hat den Beelzebub!» (den obersten der Dämonen). Ein paar Verse erklärt Markus dies, wenn er nochmals darauf Bezug nimmt: «Er hat einen unreinen Geist».

Die Lästerung gegen den Heiligen Geist

Die Aussagen von Jesus zielen auf diese Schriftgelehrten, die von Ihm behaupten, Er sei besessen. Sie verkennen Gottes Wirken durch Jesus. Es war Gottes Geist der durch Ihn wirkte, und kein unreiner Geist, kein Dämon. Die Aussage der Schriftgelehrten war eine Lästerung des Wirken des Heiligen Geistes. Diese Verkennung des Wirken Gottes nun hat Jesus dazu veranlasst zu sagen:

«Wahrlich, ich sage euch: Alle Sünden sollen den Menschenkindern vergeben werden, auch die Lästerungen, womit sie lästern; wer aber gegen den Heiligen Geist lästert, der hat in Ewigkeit keine Vergebung, sondern er ist einem ewigen Gericht verfallen.»

Es sind hier die Schriftgelehrten, die angesprochen werden. Gerade an Seinen Werken hätte man Jesus erkennen müssen. Die Jünger von Johannes der Täufer liessen einmal fragen: «Bist du derjenige, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen:Blinde werden sehend und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden auferweckt, und Armen wird das Evangelium verkündigt. Und glückselig ist, wer nicht Anstoß nimmt an mir!» (vgl. Mt 11,2-6). Die Schriftgelehrte nun haben an Ihn Anstoss genommen, zwar speziell dadurch, dass sie sagten Jesus habe einen unreinen Geist.

In Ewigkeit keine Vergebung

Nachdem die eine Ausnahme auf die Vergebung aller Sünden nun betrachtet wurde, geht es um das empfundene «Strafmass». Die Aussage liest sich so: «wer aber gegen den Heiligen Geist lästert, der hat in Ewigkeit keine Vergebung, sondern er ist einem ewigen Gericht verfallen.» Es geht um die Bedeutung von Ewigkeit (Nomen) und ewig (Adjektiv). Gemeint wird in der Übersetzung und dem allgemeinen Verständnis, dass es sich um eine Endlosigkeit handelt. Nun ist das aber eine sehr selektive Übersetzung und keineswegs Gedanke des Kontextes. Das lässt sich sowohl aus genaueren Übersetzungen als auch aus einem Vergleich mit Paralleltexten ableiten.

Interpretiert wird es so: Wer «in Ewigkeit keine Vergebung» erhält, der erhält nie Vergebung. Das ist hier jetzt die Frage. Geht es um «nie» oder um eine «Ewigkeit»? Und was denn ist eine Ewigkeit?

Die hier zitierte Revidierte Elberfelder Übersetzung hat die Lösung in der Fussnote:

markus0329

Das Wort «Ewigkeit» ist das griechische aion. Es wird an unzähligen Orten mit «Zeitalter» und selektiv mit «Ewigkeit» übersetzt. Die beide Übersetzungen schliessen sich aber gegenseitig aus. Etwas kann nicht gleichzeitig begrenzt und unbegrenzt sein. Die Übersetzungen hier sind verwirrend. Ein Äon ist keine unbegrenzte Zeit, sondern grundsätzlich und immer eine begrenzte Zeit. Zwar ist die Zeit lange, aber nicht ohne Ende. Die Jünger fragten Jesus beispielsweise, was denn das Zeichen Seiner Anwesenheit und des Ende des aktuellen Zeitalters (Äons) sei? (Mt 24,3). Wenn diese Zeit abgelaufen ist, kommt die nächste Zeit, der nächste Aion (Mk 10,30). Jesus hat die Kräfte dieses zukünftigen messianischen Zeitalters gezeigt (vgl. Heb 6,5). Es waren Zeichen und Wunder, die auf dieses Zeitalter und seinen Messias hinwiesen. Eine endlose Ewigkeit ist hier fehl am Platz.

Im Konkordanten neuen Testament wird die Stelle wie folgt wiedergegeben:

«wer aber gegen den Geist, den heiligen, lästert, hat für den Äon keine Erlassung, sondern ist der äonischen Folge der Sünden verfallen»

Äonisch ist das, was dem gerade beschriebenen Äon betrifft. Ewig ist also nicht länger als die Ewigkeit, worauf sie Bezug nimmt. Die Aussage ist klar: Wer gegen den Geist sündigt, hat für den Äon keine Erlassung, sondern hat während diesen genannten Äon die Folgen zu tragen. Ohne in Detail darauf einzugehen: Die Schriftgelehrten, welche gegen den Geist lästern, werden an dem künftigen Äon keinen Anteil haben. Das dies so ist, lässt sich aus einer Parallelstelle in Mt 12,32 ableiten:

«Wer etwa ein Wort gegen den Sohn des Menschen sagt, dem wird es erlassen werden; wer aber gegen den heiligen Geist redet, dem wird es nicht erlassen werden, weder in diesem Äon noch in dem zukünftigen»
Konkordantes Neues Testament

«Und wenn jemand ein Wort reden wird gegen den Sohn des Menschen, dem wird vergeben werden; wenn aber jemand gegen den Heiligen Geist reden wird, dem wird nicht vergeben werden, weder in diesem Zeitalter [gr. aion] noch in dem zukünftigen.»
Revidierte Elberfelder Übersetzung

In dieser Stelle wird besonders deutlich, dass das Wort «Ewigkeit» die Bedeutung von Zeitalter hat, und dass das aktuelle Zeitalter von dem künftigen abgelöst wird. Wer nun gegen den Heiligen Geist redet, wird weder in diesem Zeitalter, noch in dem zukünftigen Zeitalter vergeben werden.

Bemerkenswert: Was danach geschieht ist nicht Teil der Aussage! Die unabänderliche Endlosigkeit, die in diese Stelle hineininterpretiert wird, ist nicht im Text enthalten. Es wird eine Aussage über diese und über die zukommende messianische Zeit gemacht. Das ist der Horizont der Evangelien. Der Horizont ist begrenzt und was danach geschieht liegt ausserhalb Sichtweite.

Wird die Lästerung vergeben werden?

Wird nun diese Lästerung nie vergeben werden? Nun, aufgrund der genannten Textstelle lässt sich das nicht beweisen. Im Gegenteil, der Gedanke einer Endlosigkeit ist nicht enhalten. Es ist als beschreibt man auf einer längeren Route das erste und das nächste Dorf. Was aber dahinter weiter noch auf dem Weg liegt, muss nicht Thema der Beschreibung sein. Während wird also einerseits die Zusage von Jesus haben, dass alle Sünden vergeben werden, so gilt für die Lästerung gegen den Heiligen Geist, dass dieser weder im aktuellen Äon, noch im zukünftigen Äon vergeben wird. Wer daran teil hat, verpasst also die Segnungen des messianischen Zeitalters. Andere jedoch werden in dieser kommenden Äon das äonische Leben erhalten (Mk 10,30). Der Gegensatz kann nicht grösser sein. Eine endlose Ewigkeit ist aber nicht das Thema.

Aus dem Text in den Evangelien können wir allein keine Schlüsse über das Endgeschick dieser Menschen machen. Es geht hier nämlich nicht um das Endgeschick aller Menschen, sondern nur um eine direkte Folge der Lästerung der Schriftgelehrten, im Kontext von Jesus' Verkündigung. Weiteres lässt sich nicht ableiten. Dazu nämlich müssen weitere Bibelstellen herangezogen werden, die über die hier genannten Zusammenhänge hinausgehen. Es gibt dafür genügend Anhaltspunkte in weiteren Schriftabschnitten. Für diesen Artikel soll es genügen festzustellen, dass an dieser Stelle nicht davon die Rede ist, dass es eine Sünde gebe, die nie vergeben werden könnte, denn das war das Argument.

Gehen wir noch einmal zurück zum ersten Zitat aus diesem Artikel, worin Paulus sagte, dass Christus in die Welt gekommen ist, um Sünder zu retten. Er fährt fort mit der Bemerkung, dass er von allen Sündern der erste in Rangordnung ist. Ihm ist Gnade widerfahren, als Beispiel für alle, die nach ihm zum Glauben kommen.

«Überwältigend aber ist die Gnade unseres Herrn,
mit Glauben und Liebe, die in Christus Jesus ist.
Glaubwürdig ist das Wort und jeden Willkommens wert,
dass Christus Jesus in die Welt kam, um Sünder zu retten,
von denen ich der erste bin.
Jedoch, ebendeshalb erlangte ich Erbarmen,
auf dass Jesus Christus an mir, als erstem,
sämtliche Geduld zur Schau stelle,
denen als Muster, die künftig an Ihn glauben,
zu äonischem Leben»

1Tm 1,14-16 KNT

 

 

 

 


Die wahre Grundlage für Gemeinschaft

Die wahre Gemeinschaft

Woraus entsteht die Einheit der Kirche oder der Gemeinschaft?

Für den Apostel Paulus gibt es nicht so etwas wie Denominationen, also Kirchentypen. Die wahre Gemeinschaft ist kein Zusammenschluss von Menschen, die etwas «für wahr» halten. Es gibt nur eine einzige weltweite Glaubensgemeinschaft, der «Körper Christi». Sie entsteht nicht durch Bejahung von Dogmen und man wird auch nicht durch Geburt dort hineingesetzt. Die wahre Gemeinschaft entsteht zwischen Menschen, die dieselbe Berufung erhielten. Gläubige sind per Definition Berufene (Röm 1,6-7).

Diese Gemeinschaft wird nun aufgefordert die Einheit des Geistes zu bewahren:

«So ermahne ich euch nun, ich, der Gebundene im Herrn,
daß ihr der Berufung würdig wandelt, zu der ihr berufen worden seid,
indem ihr mit aller Demut und Sanftmut,
mit Langmut einander in Liebe ertragt
und eifrig bemüht seid, die Einheit des Geistes zu bewahren
durch das Band des Friedens:

  1. Ein Leib und
  2. ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu
  3. einer Hoffnung eurer Berufung;
  4. ein Herr,
  5. ein Glaube,
  6. eine Taufe;
  7. ein Gott und Vater aller,
    über allen und durch alle und in euch allen.»


Eph 4,1-6 (Rev. Elbf.)

Eine siebenfache Einheit

Wahre Gemeinschaft wird von Paulus vorausgesetzt. Sie muss nicht erarbeitet werden, sondern nur berücksichtigt bleiben. Die Einheit ist bereits da, weil sie von Gott her gegeben ist und aus unserer Berufung hervorgeht. Die 7 Punkte stehen in einer Umkehrung:

  1. Ein Körper
  2.    Ein Geist
  3.       Eine Erwartung
  4.          Ein Herr
  5.       Ein Glaube
  6.    Eine Taufe
  7. Ein Gott und Vater aller.

Zentral steht der eine Herr. «Wenn wir aber wahr sind, sollten wir in Liebe alles zum Wachsen bringen, hinein in Ihn, der das Haupt ist, Christus Jesus, von dem aus der gesamte Körper … das Wachstum des Körpers vollzieht, zu seiner eigenen Auferbauung in Liebe» (Eph 4,15-16).

Erwartung und Glaube werden gleich daneben erwähnt. Es sind diese beiden Dinge, die einst abgetan werden, aber heute prägend sind. Erwartung ist der Ausblick, der noch nicht erfüllt ist (Röm 8,23-25). Glaube ist das Annehmen von Dingen, die heute noch nicht gesehen werden (Heb 11,1). Beide werden einmal abgetan werden – Glauben wird durch Schauen ersetzt, und die Erwartung wird erfüllt werden. Erwartung und Glaube begleiten uns im Hier und Jetzt und sind deshalb Merkmale einer wahren Gemeinschaft, bis Er kommt. Vom Dreiergespann «Glaube, Erwartung und Liebe» ist deshalb die grösste die Liebe, weil die Liebe das Bleibende von den Dreien ist (1Kor 13,13).

Ein Geist und eine Taufe begleiten uns. Es ist Gottes Geist in uns, wie es heisst: «Der Geist selbst bezeugt mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind» (Röm 8,16). Dieser Geist ist es auch, der uns alle verbindet: «Denn in dem einen Geist sind wir alle in den einen Körper getauft, ob Juden oder Griechen, ob Sklaven oder Freie: wir sind alle mit dem einen Geist getränkt» (1Kor 12,13). Die Taufe dürfte hier nicht an die Wassertaufe referieren, denn es geht hier um Dinge, die Gott gemacht hat – nicht um Handlungen, die wir vollbringen müssten. Die Taufe durch den Geist hinein in den Körper Christi, wie im Brief an die Korinther erwähnt, erscheint da schlüssiger zu sein.

Ein Körper und ein Gott und Vater aller. Auch dieser erste und letzter Punkt stehen in einem Zusammenhang. Unsere Berufung beschreibt Paulus andernorts wie folgt: «so sind auch wir, die vielen, eine Körperschaft in Christus, im einzelnen aber Glieder untereinander» (Röm 12,5). Der gesamte Körper wächst nach Gottes Wachstum (Kol 2,19), denn es ist «ein Gott und Vater aller, über allen und durch alle und in euch allen» (Eph 4,6).

Die Einheit bewahren

Die Einheit des Geistes wird bewahrt durch den Band des Friedens. Das Schaffen der Einheit ist Gottes Werk. Das Bewahren dieser Einheit ist unsere Aufgabe. Wir bewahren sie durch Frieden. Ein Band des Friedens hält zusammen, was sonst auseinander brechen würde. Das Band des Friedens ist siebenfach.

An erster Stelle steht die Anerkennung, dass es nur einen einzigen Körper gibt, nur eine einzige Gemeinde. Es gibt zwar lokale Prägungen, aber hinsichtlich unserer Berufung gibt es nur die eine weltweite Gemeinde (gr. ekklesia, Herausgerufene), welche besteht aus Menschen, die Berufene Christi Jesu sind (Röm 1,6), die in Übereinstimmung mit Gottes Vorsatz berufen sind (Röm 8,28). Das ist die Gemeinde, wozu wir gehören.

An zweiter Stelle steht der eine Geist. Es ist Gott Selbst, der uns versiegelt und das Angeld des Geistes in unseren Herzen gegeben hat (2Kor 1,22). Auch heisst es, dass wer am Herrn haftet ein Geist mit Ihm ist (1Kor 6,17). Deshalb sollten wir entsprechend handeln und wandeln untereinander.

An dritter Stelle bewahren wir die eine Erwartung, denn wir teilen nicht nur die Berufung, sondern auch den Ausblick. Wir dürfen eine Beharrlichkeit in der Erwartung unseres Herrn Jesus Christus haben (1Thess 1,3), die wir mit jedem anderen Glied im Körper teilen. Ermutigen wir uns gegenseitig im Hinblick auf die Erwartung, die vor uns liegt!

An vierter Stelle steht der eine Herr, Christus Jesus. «So ist jedoch für uns nur Einer Gott, der Vater, aus dem das All ist (und wir sind zu Ihm hingewandt), und nur Einer Herr, Jesus Christus, durch den das All geworden ist (und wir sind es durch Ihn)» (1Kor 8,6). Derselbe Herr, der mein und Dein Herr ist. Auch hier gibt es keinen Unterschied.

An fünfter Stelle steht der eine Glaube. Im Grundtext sind «glauben» und «vertrauen» dasselbe Wort. Es gibt nur ein einziges Vertrauen, welches gelten kann, und das ist ein Gottvertrauen auf Sein Wort und Seine Zusagen. «Gott zu glauben» steht in der Bibel zentral, nicht ein «an Gott glauben», noch weniger die Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Organisation. Wenn die Rede ist vom «einen Glauben», dann ist dies Ausdruck des Vertrauens, der Begegnung, der Lebendigkeit. Das Leben steht zentral, nur das kann geteilt werden.

An sechster Stelle steht die eine Taufe. Wir sahen bereits, dass hier keine kultische Handlung gemeint ist. Hier geht es um die eine Taufe, welche uns untereinander verbindet. Es ist keine symbolische Taufhandlung gemeint, sondern Taufe ist hier die Bildsprache, welche die verbindende Handlung von Gottes Geist zeigt (1Kor 12,13). Die eine Taufe ist tatsächlich auch nur eine einzige, und sie wird nicht von uns vorgenommen, sondern ist für alle gleich (also nicht abhängig von kultischen Handlungen).

An siebter Stelle steht ein Gott und Vater aller. Es gibt nicht mehrere, nur einen Einzigen. Die Einheit des Geistes zu bewahren heisst auch, dass wir unseren Gott und Vater als über allen und in allen erkennen. Nicht unsere Meinung ist da die beste, sondern über allen Meinungen und über jedem Verständnis steht da noch Gott, der allen Gott und Vater ist. Demut ist angebracht.

 

«So ermahne ich euch nun, ich, der Gebundene im Herrn,
daß ihr der Berufung würdig wandelt, zu der ihr berufen worden seid,
indem ihr mit aller Demut und Sanftmut,
mit Langmut einander in Liebe ertragt
und eifrig bemüht seid, die Einheit des Geistes zu bewahren
durch das Band des Friedens
»
Eph 4,1-3

 

 

 


Was ist Dispensationalismus?

Was ist Dispensationalismus?

Der Dispensationalismus ist ein theologischer Ansatz zum Verständnis der Zusammenhänge in der Bibel. Das Wort bezieht sich auf die lateinische Bibelübersetzung, worin das griechische oikonomia mit dem lateinischen dispensatio wiedergegeben wird. Beispielsweise im Epheserbrief:

«huius rei gratia ego Paulus vinctus Christi Iesu pro vobis gentibus si tamen audistis dispensationem gratiae Dei quae data est mihi in vobis»
Eph 3,1-2 Vulgata

«Deswegen bin ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch, die Nationen – ihr habt doch wohl von der Verwaltung der Gnade Gottes gehört, die mir im Hinblick auf euch gegeben ist.»
Eph 3,1-2 Rev. Elbf.

«Mithin bin ich, Paulus, der Gebundene Christi Jesu für euch, die aus den Nationen – wenn ihr nämlich von der Verwaltung der Gnade Gottes gehört habt, die mir für euch gegeben ist.»
Eph 3,1-2 KNT

Dispensationalismus wird aufgrund dieser Namensgebung auch als «Verwaltungslehre» beschrieben, nämlich die Lehre der verschiedenen Verwaltungen Gottes, wovon die gerade vorher genannte Verwaltung der Gnade Gottes ein Beispiel ist. Eine Verwaltung ist so etwas wie ein Zeitabschnitt mit einem bestimmten Charakter. Der Dispensationalismus unterscheidet in der Bibel verschiedene Zeiten, die durch einen jeweils eigenen Charakter ausgezeichnet werden. Es wäre jedoch voreilig, möchte man der Grundgedanke des Dispensationalismus auf diese «Verwaltungen» reduzieren. Es gibt viele weitere Zeitbegriffe in der Bibel, die ebenso eine eigene Bedeutung haben.

Der Kern des Dispensationalismus ist die Fähigkeit Unterschiede im Text aus verschiedenen Zeiten ernst zu nehmen und daraus konkrete Fragen zum Textverständnis abzuleiten. Paulus schrieb: «Habt ihr doch wohl von der Verwaltung der Gnade Gottes gehört, die mir [Paulus] im Hinblick auf euch gegeben ist?». Ob dies nun eine Feststellung oder eine Frage ist – sind wir vertraut mit der Verwaltung der Gnade Gottes, die Paulus für die Nicht-Juden erhielt? Dispensationalismus geht diese und anderen Fragen nach, weil sie aus dem Bibeltext selbst hervorgehen und von einem speziellen und eigenen Charakter einer Zeit sprechen.

Können solche Hinweise für das Verständnis der Bibel hilfreich sein? Der Dispensationalismus bejaht diese Frage und lehrt uns, sozusagen mit der Geschichte mitzulesen. Die erste Frage ist stets: Was haben die ursprünglichen Zuhörer verstanden? Was war bekannt, was noch nicht? Was ist der Zusammenhang für die Zielgruppe? Unterschiede zwischen verschiedenen Bibelteilen sollen nicht heruntergespielt, sondern auf Relevanz für das biblische Verständnis geprüft werden.

Worin der Dispensationalismus besonders gut ist

Der Dispensationalismus ist ein Ansatz zum Bibelverständnis. Ein Ansatz soll dabei helfen die Bibel selbst besser auf die Spur zu kommen. Der Dispensationalismus zeigt auf, weshalb Unterschiede in der Bibel keine Widersprüche sind, sondern im jeweils eigenen Kontext (in der eigenen Zeit) eine klare und verständliche Bedeutung haben.

Beispielsweise wurde den Menschen im Garten Eden eine pflanzliche Kost zu essen gegeben:

«Und Gott sprach: Siehe, ich habe euch alles Samen tragende Kraut gegeben, das auf der Fläche der ganzen Erde ist, und jeden Baum, an dem Samen tragende Baumfrucht ist: es soll euch zur Nahrung dienen»
1Mo 1,29

Nach der Sintflut gab es eine Änderung im Speiseplan:

«Alles, was sich regt, was da lebt, soll euch zur Speise sein; wie das grüne Kraut gebe ich es euch alles.»
1Mo 9,3

Der Dispensationalist erkennt: Vor der Sintflut galt ein anderer Speiseplan als nach der Sintflut. Es waren (im Hinblick auf den Speiseplan) zwei verschiedene Zeiten. Gott hat zuerst rein pflanzliche Kost empfohlen, später jedoch eine Erweiterung ausdrücklich angegeben. Der Übergang von der einen in die andere Zeit wurde durch das Ereignis «Sintflut» gekennzeichnet. Es begann danach eine andere Zeit. Würde also jemand kommen und behaupten, dass Gott will, dass wir alle vegetarisch leben (mit Berufung auf die Aussagen vor der Sintflut), dann lässt sich diese Behauptung korrigieren mit den Aussagen nach der Sintflut. Diese Aussagen stehen nicht in Konflikt, sondern die Zeiten haben sich geändert. Sie stehen in einer Entwicklung nacheinander, wobei das spätere das frühere erweitert hat.

Der Dispensationalismus hilft diese Eigenheiten klarer zu erkennen und hebt dabei Schlüsselstellen in der Bibel hervor. Wenn Paulus sagt: «Habt ihr doch wohl von der Verwaltung der Gnade Gottes gehört, die mir [Paulus] im Hinblick auf euch gegeben ist?», dann ist es offensichtlich, dass niemand zuvor davon gesprochen hat. Mit Paulus erscheint etwas Neues auf der Bühne der biblischen Offenbarung. Der Apostel selbst beschreibt dies als Geheimniss und spricht von der «Enthüllung eines Geheimnisses, das in äonischen Zeiten verschwiegen war, nun aber offenbar wurde» (Rö 16,25-26). Im Epheserbrief spricht er in ähnlichen Worten davon, dass ihm

«… diese Gnade gegeben [wurde], den Nationen den unausspürbaren Reichtum des Christus als Evangelium zu verkündigen und alle darüber zu erleuchten, was die Verwaltung des Geheimnisses betrifft, das von den Äonen an in Gott verborgen gewesen war»
Eph 3,8-9

Weiter bittet er den Empfängern des Briefes um Fürbitte,

«dass mir beim Auftun meines Mundes der rechte Ausdruck gegeben werde, um das Geheimnis des Evangeliums in Freimut bekanntzumachen».
Eph 6,19

Einmal also war dies geheim, nämlich «unbekannt», während Paulus es jetzt neu enthüllt. Erst danach war dieses Geheimnis bekannt (ohne in Detail darauf einzugehen). Zwischen beiden Zeiten gibt es einen Unterschied. Es gelten verschiedene Botschaften, die sich nicht einfach gegenseitig austauschen lassen. Das Ereignis, welches den Übergang von der einen Zeit in die andere Zeit markiert war die Berufung des Apostels Paulus, und die sukzessive Absonderung für diesen speziellen Dienst (Röm 1,1 Apg 13,2). Erkennen wir diese Unterschiede und werden wir hellhörig auf die Worte, welche genutzt werden, dann kann dies ein Türöffner für das Verständnis der Bibel sein. Unterschiede zwischen beipielsweise den Evangelien und den Briefen der Zwölf Apostel einerseits und den Briefen von Paulus andererseits müssen nicht auf biegen und brechen harmonisiert werden, sondern gewinnen an Klarheit durch Anerkennung des jeweils eigenen Charakters.

Anhand dieser wenigen Beispiele lassen sich die Stärken einer dispensationalistischen Sichtweise erkennen. Der Dispensationalismus…

  • bezieht sich konkret auf den Bibeltext
  • anerkennt Unterschiede im Bibeltext
  • erklärt Unterschiede aus dem jeweiligen eigenen Kontext heraus
  • erkennt, dass Gott immer Derselbe ist, jedoch nicht immer gleich handelt
  • hilft dabei, biblische Zusammenhänge aufgrund der unterschiedlichen Prägungen der Zeiten klarer zu erfassen
  • zeigt auf, wie Gott einen Plan durch verschiedene Zeiten hindurch verwirklicht
  • zeigt auf, welche Botschaft heute besondere Relevanz hat (und welche nicht).

Verschiedene Verwaltungen

Bleiben wir einmal bei Epheser 3, so erwähnt Paulus dort gleich zweimal eine solche Verwaltung: die Verwaltung der Gnade Gottes (Eph 3,2) und die Verwaltung des Geheimnisses (Eph 3,9). Ebenso im Epheserbrief spricht der Apostel von einer Verwaltung der Vervollständigung der Fristen (Eph 1,10), eine Andeutung auf die Vollendung der Zeit. Das griechische Wort oikonomia spricht von einem Haus-Gesetz (oikos = haus, nomos = gesetz) und Paulus ist sozusagen der Hausverwalter in Bezug auf das, was ihm anvertraut wurde (1Ko 9:17, vgl. 1Kor 4,1-2, Tit 1,7) wie auch Petrus darlegt, dass die Gläubigen selbst und gegenüber einander Verwalter sind (1Pt 4,10).

Diese wenige Verweise erlauben es nicht, auf eine vollständige Liste mit Verwaltungen zu schliessen. Dazu wurden diese Verweise auch nicht gegeben. Beim Lesen der Schrift kann man die Eigenheit der genannten Zeiten erkennen und daraus ableiten, dass womöglich weitere Zeiten eine eigene Prägung haben.

Selbstverständlich ist der Ansatz nicht mit einer weiteren Interpetation zu verwechseln. Es verwundert deshalb nicht, dass es ganz unterschiedliche Schemen gibt, je nach Erkenntnis des Bibelbetrachters oder Lehrers. Zeiten werden nach verschiedenen Kriterien geordnet, wonach es 3, 7, 8, 12 oder 14 solcher Verwaltungen gäbe. Wirklich wichtig sind selbstverständlich nicht die Schemen, sondern die Erkenntnisse, die daran zugrunde liegen. Manche dispensationalistische Interpretation geht weiter als eine andere. Es wäre falsch zu behaupten es gäbe so etwas wie «der» Dispensationalismus, weil es viele Ausprägungen gibt.

Für eine systematische Theologie sind Zusammenhänge wichtig. Sie geben Aufschluss darüber, wie die Bibel als Ganzes zu verstehen ist, welche die Kernbotschaft ist und wie sich diese Botschaft durch die Zeit hindurch entwickelt. Der Dispensationalismus ist ein solcher Ansatz zu einer systematischen Theologie. Sie gibt Einblick in die Entwicklung und Kontinuität der biblischen Geschichte, der Heilsgeschichte und schenkt damit auch ein Verständnis für die heutige Zeit.

Zeitbalken und Einteilungen

Der Dispensationalismus kennzeichnet sich durch Epochen aus. Sie lassen sich abgrenzen und auch gut skizzieren. Es gibt ganz viele solcher grafischen Darstellungen. Wer sich gerne ein differenziertes Bild machen möchte, findet via Google Search  leicht unzählige dieser Karten. Über den Wert solcher Karten gibt es unterschiedliche Meinungen. Stets sind sie – was für jede Theologie gilt – Abbild des Verständnis des Theologen, mehr nicht. Gott hat uns in der Bibel eine lebendige Geschichte und keinen Zeitbalken vermittelt. Der Vorzug dieser schematischen Darstellungen liegt in der Vereinfachung. Mit wenigen Anhaltspunkten lässt sich durch eine schematische Darstellung eine Idee vermitteln. Als Grafik ist eine Idee oft leichter zu erfassen. Die Idee aber sollte geprüft werden.

Die hilfreichsten Zeitbalken und Übersichten fand ich auf konkordanter-verlag.de und concordant.org. Hier werden unterschiedliche Zeitbegriffe auf eine gemeinsame Übersicht dargestellt, sodass eine recht umfassende Darstellung der biblischen Zeiten entsteht.

Deutsch

Englisch

Der spekulative Charakter von Übersichten

Die Vereinfachung der Heilsgeschichte durch eine grafische Darstellung hat nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile. Eine Verliebtheit in grafische Bilder kann dazu führen, dass man diese unkritisch als «wahr» akzeptiert. Ein Bild hat die Kraft auch dort ein harmonischer Zusammenhang vorzugaukeln, wo keiner ist. Man tut also gut daran diese theologische Ansätze zu nutzen, aber deren Wert nicht über die Bibel selbst zu stellen.

Von einer anderen Seite her betrachtet ist es jedoch sehr hilfreich, wenn wir versuchen die Struktur von Texten, Geschichten oder gar Bibelbüchern grafisch darzustellen. Das ist so etwas wie der Prüfstein dafür, ob wir den Text, die Geschichte oder das Bibelbuch auch tatsächlich erfasst haben. Denn nur was man gut verstanden hat lässt sich sinnvoll zusammenfassen. Paulus fasst einmal die gesamte Weltgeschichte in einem einzigen Vers zusammen (Rö 11,36). Er hat das offenbar verstanden und verinnerlicht und konnte es so kurz und knapp auf den Punkt bringen. Wir sollten wissen, was uns von Gott aus Gnaden geschenkt ist (1Kor 2,12-13), ebenso sollten wir anerkennen, dass exakte Zeiten und Zeitpunkte der Heilsgeschichte in Gottes Händen liegen (Apg 1,7). Es ist nicht so, dass wir nichts wissen können, sondern nicht alles ist offenbart. Auch Paulus weiss nicht alles. Das hält ihn aber nicht davon ab der gesamte Lauf der Weltgeschichte fest in Gottes Händen zu sehen (Rö 11,33-36).

Negativ aufgefallen sind dispensationalistische Bücher, die versucht haben durch Berechnungen und Deutungen des Zeitgeschehens die Rückkehr des Messias vorauszusagen (z.B. Hal Lindsey). Es ist eine spekulative Eschatologie, die den Wert des Dispensationalismus in diskredit gebracht hat. Keines dieser Aussagen hat sich erfüllt. Trotzdem: Die Idee, dass wir uns in der Endzeit befinden ist fest im Neuen Testament verankert und der Ausblick ist ebenso in der Tenach enthalten. Das dürfen wir festhalten ohne uns auf Spekulationen festzulegen.

Insofern eine Endzeitvision heraufbeschwört wird, kann dies auch Ausdruck einer schwärmerischen Haltung sein. Man empfindet Gott nur dadurch als nahe, weil etwas im Hier und Jetzt passiert. Gott werde sozusagen durch die Endzeitfantasien erst spürbar. Ist das nicht so etwas wie ein Ersatz-Glauben? Ist es nicht der natürliche Mensch, das «Fleisch», welches sich in Fühlen, Spüren und Spezialeffekten baden möchte? Das ist ein ähnlich schwärmerischer Geist als sich unter heilungshungriger Christen breit machen kann. Auch dort geht es m.E. nur darum, Gott sichtbar und spürbar zu machen – durch Heilungen und Prophezeiungen –, koste was es kosten will. Es gibt weitere solcher Entgleisungen, zu denen auch ein christlicher Zionismus gehört, für die das Volk Israel das sichtbare Zeichen von Gottes Wirken in dieser Welt ist. Alle diese Haltungen bringen in letzter Konsequenz zum Ausdruck, dass eben doch noch nichts verstanden ist von dieser «Verwaltung der Gnade Gottes», wovon Paulus spricht. Die Bibel kennt keine Schwärmerei und ist nüchtern in der Verankerung des Glaubens durch Gnade allein. Wer Zeichen und Wunder sucht, will offenbar den Zusammenhang der Evangelien nachspüren – aber entspricht das der Situation der Gemeinde heute?

Alle diese Entgleisungen basieren auf bestimmte dispensationalistische Interpretationen. Sie lassen sich aber ebenso durch eine dispensationalistische Betrachtung korrigieren, denn die Voraussetzungen und Folgerungen lassen sich in der Bibel so nicht zurückfinden. Dies darf klarstellen, dass Dispensationalismus nicht einfach «richtig» oder «falsch» ist, sondern eine Hilfe zum Verständnis bleibt. Wir sind selbst gefordert, dies als Werkzeug richtig einzusetzen.

Theologische Antworte finden

Den praktischen Wert von theologischen Ansätzen lässt sich schnell erkennen, wenn wir konkrete Fragen des Glaubens haben:

  • Wird jeder heute geheilt?
  • Was soll ich beten?
  • Wie wirkt Gott heute in der Welt?
  • Was ist die Aufgabe der Gemeinde?
  • usw.

Wer gesund im Glauben steht, kann diese Fragen auf viele Arten beantworten. Dispensationalismus jedoch bietet häufig eine theologische Begründung für eine Antwort und kann abwegen, weshalb die eine Bibelstelle dies betont, eine andere jedoch etwas ganz anderes bezweckt. Ein gutes Beispiel dafür ist der Unterschied zwischen Paulus und Jakobus in manchen Aussagen:

«Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, hat aber keine Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?»
Jak 2,14

«Dem aber, der Werke tut, wird der Lohn nicht angerechnet nach Gnade, sondern nach Schuldigkeit. Dem dagegen, der nicht Werke tut, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet»
Rö 4,4-5

«Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme.»
Eph 2,8-9

Glaube ohne Werke oder Glaube mit Werken? Was stimmt hier nun? Der Unterschied hat einst Luther dazu gebracht (in seinem Vorwort zum Hebräerbrief) vom Jakobusbrief als eine «stroherne Epistel», also als ein wertloser Brief, zu schreiben. Glaube und Werke stehen bei Paulus diametral einander gegenüber, während bei Jakobus die Werke essentiell sind, damit der Glaube retten kann. Luther konnte das nicht zusammenbringen und hat sich zugunsten des Römerbriefes und den Aussagen von Paulus entschieden.

Oft wird nun versucht beide Texte miteinander zu versöhnen. Das resultiert dann darin, dass «ein bisschen Werke» und «ein bisschen Glaube» übrigbleiben. Etwas von beidem, sozusagen. Es sind konsequenterweise Vergeistlichungen konkreter Aussagen. Das aber führt zu keiner frohen Botschaft, sondern zu einem Mischevangelium, welches Paulus andernorts klar unter den Bann stellt (Gal 1,6). Ein dispensationalistischer Ansatz dagegen schärft den Blick dafür, dass Paulus berufen war als Apostel der Nationen (Röm 11,13 u.a.), während Jakobus zu den Juden in der Zerstreuung schrieb (Jak 1,1). Sie schrieben zu unterschiedlichen Gruppen und taten dies mit unterschiedlichen Botschaften (siehe auch Gal 2,7-9). Jede dieser Botschaften ist wahr im eigenen Kontext aber es führt zu Konflikten, wenn wir sie miteinander zu harmonisieren versuchen.

Dispensationalismus ist eine der einflussreichsten theologischen Strömungen der heutigen Zeit. Diese Position hat sie dadurch errungen, dass sie bibelnahe Antworte lieferte. Nicht immer realisieren sich Gläubige und Gemeinden, dass ihre Glaubensgrundlage dispensationalistisch geprägt ist. Das ist der Fall für fast jede frei-evangelische Gemeinde und für viele weitere Gruppen. Premillenialismus, Postmillenianismus und viele weitere Teilströmungen basieren alle auf eine dispensationalistische Theologie. Sich dieser Hintergrund bewusst zu werden kann dabei helfen eine differenzierte Sicht zu gewinnen.

 

Weiterführende Links

 


Gleichschaltung in der Gemeinde

Gleichschaltung in der Gemeinde

Wenn alle dasselbe denken

Glaubensgemeinschaften basieren in der Regel auf einer gemeinsamen Sicht der Dinge. Das gemeinsame Verständnis wird als tragende Säule angesehen. Das kann eine historische Grundlage haben, indem für die Gemeinschaft ein prägendes gemeinsames Erlebnis genannt wird (so spricht man z.B. von den Kirchen der Reformation) oder ein Name ergibt sich aus einer partiellen Distanzierung zu anderen Gemeinschaften (z.B. Freikirchen, Glaubensgemeinschaften, die frei sind von der Staatsgebundenheit der traditionellen Kirchen). Wieder andere Gemeinschaften bauen auf eine bestimmte Erkenntnis auf, die für die Gemeinschaft als prägend gesehen wird und sich im Namen wiederfindet (z.B. Baptisten, Siebenten-Tags-Adventisten). Derlei Begriffe sind stets Abgrenzungen. Daran ändert sich nichts, wenn man sich ganz allgemein «Gemeinde der Christen» oder «Brüdergemeinde» oder ähnlich nennt, denn auch diese Gemeinschaften prägen sich durch gemeinsame Interessen, was einer Abgrenzung von anderen Interessen gleichkommt.

Eine gemeinsame Sicht der Dinge kann durchaus als pragmatischer Ansatz zur Bildung einer Gemeinschaft gesehen werden. Es ist dieser Teil, welcher verbindet. Man will ja nicht jede Meinungsverschiedenheit immer wieder aufs Neue durchdenken müssen – es gibt schliesslich Wichtigeres zu tun. Sich zu einer Gemeinschaft zu bekennen, muss kein Bekenntnis zur Gleichschaltung sein, sondern es kann ebenso der lebensfrohe Entscheid zur Verbindlichkeit sein, die in der Form der Gemeinschaft wertvolles erkennt und im Austausch das eigene Verständnis relativiert. Das geschieht vor allem da, wo Menschen von der Liebe Gottes getragen die Beziehungen zu Gott und Menschen in den Mittelpunkt stellen (1Joh 4,7-12). Die eigene Berufung wird als Grundlage zum Dienst betrachtet.

Doch kann eine gemeinsame Sicht der Dinge auch als ungesunde Gleichschaltung zutage treten. Das ist dann der Fall, wenn die eigene Sicht als die einzig richtige gesehen wird – und alle andere per Definition falsch liegen. Nicht die gemeinsame Berufung steht dann zentral, sondern das identische Bekennen gewisser Grundsätze. Also: Wir sind OK, die anderen sind nicht OK, weil wir das Richtige denken, die anderen nicht. Das ist ein typisches Merkmal sektiererischer Ausprägung. Auf eine bestimmte Art zu glauben ist dann besser als eine andere Art. Das kann eine religiöse Ausprägung gewisser Lebenshaltungen sein («ein Christ soll nicht rauchen») oder auch eine dogmatische Gleichschaltung bedeuten (die christliche Konzilien sind typische Anlässe solcher Gleichschaltungen). Wer ist «OK» und wer ist «Ketzer»? Was «darf» als richtig gesehen werden und was «ist» falsch? Hier wird das Verbindende nicht mehr im Dienst, sondern im Bekennen gesehen, nicht mehr in der Berufung und im Lebenswandel, sondern in der Lehre und dem Zustimmen bestimmter Dogmen oder religiös geprägten Handlungen. In einer nüchterner Betrachtung sagt Paulus von diesen Dingen, dass sie nichts anderes sind als eine Befriedigung für das Fleisch (siehe Kolosser 2).

Die Notwendigkeit der Differenzierung

Differenzierung scheint bei allen Auseinandersetzungen das dringendste Thema zu sein. Denn: Ganz ohne Klärung eigener Standpunkte wird es nicht gehen. Wir leben in dieser Welt und Abgrenzungen gehören dazu. In Bezug auf den Inhalt des Glaubens gäbe eine bessere Differenzierung sowohl Anhaltspunkte zur Standortbestimmung (und damit Abgrenzung) als auch eine Grundlage für eine erweiterte Sicht, die sich nicht in rigiden Lehrmeinungen verheddert. Zweifellos sind es diese Fragen, die zu allen Zeiten und auch heute zu Auseinandersetzungen führen: Was ist wichtig? Weshalb ist das so? Was ist die Grundlage? Welche Haltung können wir darin einnehmen?

Ein Beispiel: Die Chicago Erklärung (Chicago Statement on Biblical Inerrancy, 1978. Deutscher Text z.B. hier: «Die Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel» – Eine überarbeitete deutsche Übersetzung von Rudolf Ebertshäuser) ist ein Versuch zur Differenzierung und gleichzeitig eine Standortbestimmung. Es geht in der Erklärung um die Bibel, und welche Bedeutung sie hat. Es geht hier nicht um irgendwelche Dogmen oder Lehrmeinungen, sondern um die Zuverlässigkeit der Bibel, die für das Verständnis der biblischen Aussagen und die Bedeutung für den Glaubenden eine weitreichende Bedeutung haben. Es wird an einem grundlegenden Punkt angesetzt und es eröffnet durch die Definition (mit allen Beschränkungen, die Definitionen haben) eine gemeinsame Basis für viele Arten des Selbstverständnisses. Die Erklärung ist nüchtern, einfach zu erfassen und gibt klare Eckdaten. Sie will in der Aussage für Christen eine Grundlage bieten, ohne die es keine Identität gäbe.

Allerdings ist die Chicago-Erklärung ideologisch geprägt. Es ist die Betrachtungsweise der Bibel, die neutral erscheint, aber nicht ganz neutral ist. Die «Neutralität» möchte ich in diesem Zusammenhang definieren als «dem Ziel der Bibel entsprechend». Das zeigt sofort auf, wie heikel eine Standortbestimmung ist. Denn was ist schon das Ziel? Bin ich dabei nicht bereits am Interpretieren? Sich dessen bewusst zu sein, kann dabei helfen, einen gesunden Blick auf die Fragestellung zu erhalten. Es geht um ein bestimmtes persönliches Verständnis.

Warum hinterfragen andere die Chicago Erklärung? Weil sie unvollständig ist. Die Bibel ist zwar Gottes Wort, aber sie ist nicht mit Gott selbst zu verwechseln. Biblizistisches Denken sieht hier jedoch kaum eine Differenzierung. Mit nimmt die Bibel in die Hand, und verwechselt dann die eigene Interpretation mit der Autorität der Bibel, und die Autorität der Bibel wird anstelle der Autorität von Gott gesetzt. Gott = Bibel ist die biblizistische Sichtweise, mit allen Folgen, die das mit sich bringt.

Dem könnte man gegenüberstellen, dass Gott grösser ist als die Bibel. Wir sehen das beispielsweise am Bericht von Johannes, der von Jesus sagt: «Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn das im einzelnen aufgeschrieben werden sollte, so würde nach meiner Meinung auch die ganze Welt nicht Raum für alle Rollen haben, die man dann zu schreiben hätte» (Joh 21,25). Wenn das schon von Jesus gilt, wieviel umfangreicher würde eine «vollständige» Bibel sein müssen, die auch von Gott alles sagt? Die Bibel ist nicht umfassend. Die Bibel ist selektiv. In Bezug auf Jesus schreibt Johannes, welches Ziel seine Worte hatten: «Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor den Augen Seiner Jünger, die nicht in dieser Rolle geschrieben sind; diese aber sind geschrieben worden, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist, und damit ihr als Glaubende in Seinem Namen äonisches Leben habt» (Joh 20,30-31). Das ist das Ziel wozu Johannes schrieb.

Die Bibel beschreibt nicht alles. Sie ist Gottes Wort, aber Gott ist grösser als die Bibel. Es ist ein Buch, welches uns in die Beziehung hineinführen will, nicht aber in verengte, dogmatische Sichtweisen einsperren möchte.

Es sind diese prüfende Standortbestimmungen, die wirklich weiterhelfen. Solche Ansätze können auch lokal, also in der lokalen Gemeinschaft (Gemeinde, Kirche, Hauskreis), einen Platz erhalten. Hier kann der gesunde Umgang mit Spannungsfeldern gelehrt und gefördert werden, damit die Lebendigkeit im Körper Christi (der weltweiten Gemeinde) bewahrt bleibt.

Spannungsfelder

Wir leben als Christen in verschiedenen Spannungsfeldern. Es geht nicht bloss um Ethik oder um eine schwammige Spiritualität. Das Christentum erkennt sich als Offenbarungsreligion. Gott spricht durch Sein Wort. Das fordert heraus. «Dein Wort ist Wahrheit», sagte Jesus (Joh 17,17). Somit stehen wahr und nicht-wahr gegenübereinander. Es ist geradezu befreiend für viele Menschen, dass es so etwas wie Wahrheit gibt. Das nämlich ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Wahrheit wird oft nur noch als subjektiv gesehen. Wahrheit in biblischem Sinne ist jedoch stets objektiv und bleibt auch dann Wahrheit, wenn andere das ganz anders sehen.

Braucht es aber nicht gerade in dieser Erkenntnis den Mut, die Bibel als zuverlässig, sein eigenes Verständnis aber als begrenzt anzusehen? Differenzierung kann hier die Antwort auf eine rigide Regelgläubigkeit sein. Ansätze dazu finden wir natürlich in der Bibel, die von einer starren dogmatischen Prägung nichts weiss. Wir können uns auf die Bibel verlassen in dem Sinne wie Abraham nicht «an» Gott glaubte, sondern «Gott glaubte», nämlich Seinem Wort vertraute (1Mo 15,6 Gal 3,6) und wie Paulus schrieb: «Denn ich glaube Gott, dass es so geschehen wird, in der Weise, wie es mir verheissen wurde» (Apg 27,25). Hier erkennen wir, dass Männer des Glaubens nicht von Glaubenssätzen, sondern von der Beziehung zum lebendigen Gott ausgegangen sind. Es wird geglaubt weil Er es sagt. Es ist Ausdruck des persönlichen Vertrauens.

Das Spannungsfeld tritt also dort auf, wo der Gottesbezug durch etwas anderes ersetzt wird, beispielsweise durch ein Dogma. Glauben in biblischem Sinne ist ein Vertrauen, und mehr spezifisch ein Vertrauen auf das, was Gott sagt – in letzter Konsequenz ist es ein Gottvertrauen. Es steht eine Person und eine persönliche Beziehung zentral. Das ist das Einzige, welches sich befreiend auf die Bedeutung der Bibel übertragen lässt: Wir glauben der Bibel, weil wir unser Vertrauen auf Gott setzen. Wir vertrauen Ihm und richten unser Leben nach Seinen Zusagen aus. Das erfüllt mit Erwartung, Zuversicht, Leben (vgl. Joh 6,63).

Die Alternative zur Gleichschaltung

Die Bibel kennt keine Gleichschaltung. Die Gemeinden sind schlicht die Zusammenkünfte an einem Ort. So richtet Paulus seine Briefe an die Gemeinde in Rom, in Kolossäa, in Philippi usw. Als Apostel der Nationen spricht er zu den Nicht-Israeliten (Röm 11,13 u.a.). Dagegen sprechen die 12 Apostel zu den Juden: Jakobus spricht explizit zu den 12 Stämmen in der Zerstreuung (Jak 1,1) und Petrus richtet sich an die «auserwählten Auswanderer in der Zerstreuung» (1Pet 1,1), was nur von Juden ausserhalb von Israel so gesagt werden kann. Diese beiden Gruppen gibt es also, aber weder bei den Jesus-gläubigen Juden noch bei den Jesus-gläubigen Nicht-Juden (jeder mit seinem eigenen Evangelium nach Gal 2,7-9) wird die Gemeinschaft nach menschlicher Erkenntnis gebildet. Es sind die «Berufene Jesu Christi, allen Geliebten Gottes und berufenen Heiligen» (Röm 1,7). Nicht das Unterschreiben eines Glaubensbekenntnis ist hier die Grundlage der Gemeinschaft, sondern das von Jesus Christus berufen sein, das von Gott geliebt sein und Seine Berufung stehen zentral.

Die Alternative zur Gleichschaltung ist die Akzeptanz der Unterschiedlichkeit mit dem Ziel der gegenseitigen Ergänzung. Unsere Erkenntnis wird unterschiedlich bleiben und wir können dieser Erkenntnis ausweichen oder sie bewusst integrieren. Das Letzte wäre mein Ansatz. Viele Meinungen sind gut, denn wir können nicht alles allein verstehen. Paulus kennt diese Herausforderung in der Gemeinde, wenn er schreibt:

«Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, es ergriffen zu haben. Eins aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. So jage ich dem Ziele zu, nach dem Kampfpreis der Berufung Gottes droben in Christus Jesus. Alle von uns nun, die gereift sind, mögen darauf bedacht sein; und wenn ihr in etwas anders gesinnt seid, so wird euch Gott auch dieses enthüllen. Indessen, worin wir andere überholen, sollte man gleichgesinnt sein, um nach derselben Richtschnur die Grundregeln zu befolgen»
Phil 3,13-16

Die gleiche Gesinnung stellt Paulus hier voran, nicht die Gleichschaltung in Lehre, Dogmen oder etwas anderes. Er kann das so sagen, weil er allein von der Berufung Gottes ausgeht. Diese ist nämlich für alle gleich, kennt keinen Unterschied nach Rasse, Geschlecht, Hautfarbe oder Erkenntnis. Unsere Wege und unser Erkennen sind und bleiben unterschiedlich. Das dürfte sogar wünschenswert sein.

Warum viele Meinungen gut sind

So manche persönliche Frage hat sich bei mir nicht sofort gelöst. Viele Fragen habe ich jahrelang mit mir herum getragen, bis sie gelöst wurden. Andere Fragen habe ich durch intensives Bibelstudium für mich befriedigend beantworten können. Und nochmals andere Fragen sind bis heute nicht geklärt. Ich vermute, es geht jedem von uns so. Und das ist gut so, denn: Ich verstehe etwas, und du verstehst auch etwas. Gemeinsam verstehen wir mehr. Das biblische Verständnis von Erkenntnis ist nicht, dass es eine Person allein versteht, sondern wir verstehen das Wesentliche nur gemeinsam, weil es nur in Beziehung verstanden wird.

Paulus betet in diesem Sinne für die Gläubigen:

«Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden den Namen erhält, daß er euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit gebe, durch seinen Geist mit Kraft gestärkt zu werden an dem inneren Menschen, daß der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, damit ihr, in Liebe gewurzelt und gegründet, dazu fähig seid, mit allen Heiligen zu begreifen, was die Breite, die Länge, die Tiefe und die Höhe sei, und die Liebe des Christus zu erkennen, die doch alle Erkenntnis übersteigt, damit ihr erfüllt werdet bis zur ganzen Fülle Gottes.»
Epheser 3,14-19 (Schlachter 2000)

Wirkliches Begreifen, schreibt Paulus, geschieht nur «mit allen Heiligen». Und mit diesen Heiligen meint er alle Gläubigen (Eph 1,1). Wenn also jemand aufsteht und meint, er kennt da eine spezielle Lehre, wodurch wir Gott besonders nahe kommen, dann handelt es sich mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit um eine Irrlehre. Oder es handelt sich um jemand, der trotz guter Lehre sich als Irrlehrer aufstellt, indem er Menschen an sich anstatt an Christus zu binden versucht. Gerade darum ist das Gebet von Paulus so vielsagend. Wir können es nicht allein. Wir können wirklich nur zusammen verstehen.

Begreifen findet in der Gemeinschaft, in der Gemeinde statt. Das ist mehr als nur «Erkenntnis». Plastisch beschreibt Paulus das so, dass es sich um «die Breite, die Länge, die Tiefe und die Höhe» handelt, und darum, die «Liebe des Christus zu erkennen, die doch alle Erkenntnis übersteigt». Auch das ist bemerkenswert. Paulus geht es nicht um eine besondere oder spezielle Lehre, etwa nur für Eingeweihte. Bereits zur Zeit von Paulus gab es Menschen, die der «Erkenntnis» (gr. gnosis) nachjagten, wie man Dingen oder Schätzen nachjagt. Sie wurden Gnostiker genannt. Ihre Lehre hat in den ersten Jahrhunderten der Gemeinde viel Schaden zugefügt. Paulus schreibt aber, dass es darum geht, die Liebe des Christus zu erkennen, die doch alle Erkenntnis übersteigt! Es geht nicht um Gedanken oder Erkenntnis, sondern um eine Person. Es geht nicht um Dinge, sondern um Beziehung. Liebe ist Ausdruck von Beziehung, nicht von Geheimwissen, vermeintlicher Erkenntnis oder Speziallehren.

Der Segen der Unterschiedlichkeit

Viele Meinungen sind also gut. Sie sind das Normale. Damit ist zwar noch nichts im Detail gelöst, etwa wie wir mit Unterschieden umgehen sollen. Hier aber erkennen wir, dass kein Mensch allein alle Wahrheit hat, sondern dass wir nur gemeinsam Begreifen können. Das ist eine nüchterne Feststellung und hat nicht nur die Verheissung, dass wir so «die Liebe des Christus erkennen» werden, sondern Paulus fährt fort mit: «Damit ihr erfüllt werdet bis zur ganzen Fülle Gottes». Es ist demnach mit grossem Gewinn zu rechnen, wenn wir uns als Gemeinde gemeinsam auf diesen Weg begeben.

Merksatz: Wir brauchen einander, wenn wir die Liebe von Christus wirklich begreifen wollen.

Anregungen zum Gespräch

  • Lese und bespreche Epheser 3,14-19
. Dass alle gleich denken müssten, scheint eine romantische Idee, oder es erinnert an einem totalitären Staat. Ist Gleichschaltung wünschenswert? Was ist Pro/Kontra?
  • Lese und bespreche Philipper 3,13-16. Welche Haltung dürfen wir einnehmen?
  • Was ist die Alternative zur Gleichschaltung und welche Grundlage hat die? (Siehe Röm 1,7)
  • Lese und bespreche die Chicago Erklärung (Chicago Statement on Biblical Inerrancy). Was ist gut, was bedarf der Differenzierung?

 

Vertiefung und Auseinandersetzung

 

 

 

 


Sein und Werden

Sein

Leben im Glauben ist von zwei Dingen geprägt: Was wir sind und was wir werden. Was wir sind, das ist Gotteswerk, so wie es heisst:

«Denn wir sind Sein Tatwerk, erschaffen in Christus Jesus…»
Eph 2,10

Das betrifft unsere Stellung vor Ihm. Das ist der Reichtum der Gnade, worin wir stehen, aufgrund des Kreuzes Christi, Seines Todes und Seiner Auferstehung. Das ist der Kern der frohen Botschaft. Gott hat bewirkt – und wir erhalten das umsonst. Es braucht dazu keine Leistungen, keine Verpflichtungen, keine Rituale, keine Ergänzungen. Es ist ganz klar: Wir sind Sein Tatwerk. Dann heisst es aber auch weiter:

«Denn wir sind Sein Tatwerk, erschaffen in Christus Jesus für gute Werke, die Gott vorherbereitet, damit wir in ihnen wandeln.»
Eph 2,10

Nahtlos geht es von Gottes Tatwerk zu unserem Tun über. Das aber ganz stressfrei, weil Er bereits alle gute Werke vorherbereitet hat. Hier erfahren wir, dass unsere Erschaffung in Christus Jesus kein Selbstzweck war. Vielmehr geschah dies mit einem Ziel und zu einem guten Zweck.

Werden

Wir wurden in Ihm erschaffen im Hinblick auf gute Werke, die Gott vorbereitet hat, damit wir darin wandeln. Selbstverständlich ist das keine religiöse Pflicht; Es geht nicht darum, dass wir unsere Stellung vor Gott mit guten Werken ausbessern können. Es ist vielmehr die Aufgabe, wozu wir (geistlich) erschaffen wurden. Es ist die logische Folge unserer Berufung (Röm 12,1-2), dass wir nun Ausschau halten nach den guten Werken, die Gott bereits für uns vorherbereitet hat. Erkennen wir diese, dann dürfen wir darin wandeln. Wir leben dann unsere Berufung aus.

Während Paulus in den ersten drei Kapiteln des Epheserbrief die Grundlage des Evangeliums klarstellt, geht es in den letzten drei Kapiteln um den Lebenswandel, die daraus erst entstehen darf. Darin geht es um die gute Werke, die Gott vorherbereitet, damit wir in ihnen wandeln. Es sind reichhaltige Kapitel mit vielen praktischen Hinweisen. Für die Gemeinde sieht Paulus keine rigide Anforderungen, sondern eine Entwicklung. Es geht um ein «werden», um ein hinwachsen zu dem Ziel, wozu wir berufen wurden.

«Alles an Bitterkeit, Grimm und Zorn, alles Geschrei und alle Lästerung sei von euch genommen, überhaupt jedes üble Wesen. Werdet aber gegeneinander gütig und im Innersten wohlwollend, erweist euch gegenseitig Gnade, wie auch Gott euch in Christus Gnade erweist! Als geliebte Kinder werdet nun Nachahmer Gottes und wandelt in Liebe, so wie auch Christus euch liebt und Sich Selbst für uns als Darbringung und Opfer für Gott dahingegeben hat, zu einem duftenden Wohlgeruch»
Eph 4,31 – 5,2

Räumen wir uns selbst und anderen dieses «werden» ein. Tun wir das, dann leben und bezeugen wir Gottes Gnade. Raum für Entwicklung ist immer auch Lebensraum. Ein solcher Raum wird uns hier geschenkt. Paulus sieht dies auch im Miteinander. Werdet aber gegenander gütig, sagt er, und im Innersten wohlwollend. Erweist euch gegenseitig Gnade! Wenn wir uns auf diesen Weg begeben, sind wir Nachahmer Gottes.

Mein Glaube ist ein Werdegang – Werdet!
Das betrifft die Entscheide, die ich heute mache.

 

 

 

 


Was geschrieben steht

Was geschrieben steht

«Dies aber, Brüder, habe ich [als] Redefigur um euretwillen auf mich selbst und Apollos angewandt, damit ihr an uns lernt, nicht [auf Dinge] zu sinnen, [die] über [das hinausgehen, was] geschrieben steht, damit ihr nicht aufgeblasen werden, [also k]einer für den einen [Lehrer] gegen den anderen [Lehrer].»
1Kor 4,6 KNT

Nicht auf Dinge sinnen, die über das hinausgehen, was geschrieben steht. Dies ist ein Rat von Paulus an die Korinther. An seinem Vorbild sollte die Gemeinde in Korinth lernen auf was es ankommt. Im Kontext gelesen erhalten wir hier wertvolle Hinweise auf die Art, wie wir mit der Bibel und miteinander umgehen sollten. Die Aussage passt auf die Situation der Korinther. Verstehen wir die Lage, worin sich die Gemeinde in Korinth befand, dann bekommt auch die Aussage von Paulus Gewicht und Klarheit.

Was nun meint Paulus genau mit diesem Satz? Die Aussage ist kein Eröffnungssatz vom Brief, sondern folgt erst im 4. Kapitel. Wir lesen also vom Briefanfang dorthin und erfahren dabei allerhand über die Gemeinde in Korinth. In Kapitel 1 beschreibt der Apostel die Situation in Korinth mit folgenden Worten:

«Ich spreche euch nun zu, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle das gleiche aussagt und keine Spaltungen unter euch seien; lasst euch vielmehr an denselben Sinn und an dieselbe Meinung anpassen! Mir wurde doch von Hausgenossen der Chloe über euch, meine Brüder, offenkundig dargelegt, dass Hader unter euch sei. Ich meine damit dies, dass jeder von euch anders aussagt: Ich stehe zu Paulus! Ich aber zu Apollos! Ich zu Kephas! Ich aber zu Christus! Ist der Christus denn zerteilt worden? Nicht Paulus wurde für euch gekreuzigt!»
1Kor 1,10-13

Dieser Abschnitt setzt das Thema fest. In Korinth gab es handfeste Probleme: Hader, Spaltungen und Sektierertum.

Sektierertum, Spaltungen und Hader

Jeder reitet in Korinth auf seine eigene Steckenpferde herum. Das widerspricht dem Evangelium. Paulus' Verkündigung war gerade nicht in Wortweisheit, damit das Kreuz des Christus nicht inhaltslos würde (1Kor 1,17). Wortweisheit heisst buchstäblich «Weisheit des Wortes». Vielleicht betraf das eine Erkenntnis (Gnosis) bzw. Weisheit, wie sie die Griechen liebten (1Kor 1,22). Eine Wortgewandtheit und eine Fokussierung auf Worte (statt die Verkündigung von Christus und den als gekreuzigt) lenkt vom Evangelium ab.

Paulus kommt von einer ganz anderen Seite her. Er geht von Gottes Macht und von Seinem Handeln in Christus aus. Alle menschliche Weisheit wird damit zuschanden gemacht (1Kor 1,27), denn Gott orientiert sich nicht an menschlicher Weisheit, sondern nur an sich selbst. Gott wirkt dahin in Seinem Plan, dass sich überhaupt keiner vor seinen Augen rühmen könne (1Kor 1,29). Man könnte hier sagen: Das ist mal wieder typisch! Gott ist Gott, und keiner ist Ihm gleich. Er macht, was Er will! Erstaunlich, aber das reicht vollauf: «Aus Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott her zur Weisheit gemacht worden ist, wie auch zur Gerechtigkeit, Heiligung und Freilösung, damit es so sei, wie geschrieben steht: Wer sich rühmt, der rühme sich im Herrn» (1Kor 1,30-31).

In Kapitel 2 setzt Paulus nochmal einen drauf. Von sich selbst sagt er: «Ich bin, als ich zu euch kam, Brüder, nicht mit Überlegenheit des Wortes oder der Weisheit gekommen, um euch das Zeugnis Gottes zu verkündigen…» (1Kor 2,1-4). Wir sollten unser Glaube nicht in der Weisheit der Menschen, sondern in der Kraft Gottes gründen (1Kor 2,5). Das ist wohl das beste Anliegen, welches wir auch füreinander haben können. Es geht hier (im Korintherbrief, in unseren Kirchen und Gemeinden, in Hauskreisen, in unserem Glaubensleben) nicht darum, dass wir bestimmte spezielle Lehren, Lehrer, Strömungen, Dogmen oder Ansichten folgen, sondern dass wir lernen, uns im Herrn zu rühmen und uns auf Gottes Kraft zu verlassen.

Gottes Weisheit und geistliche Worte

Wir haben den «Geist aus Gott erhalten, damit wir wissen, was uns von Gott aus Gnaden gewährt ist, was wir auch aussprechen, nicht mit Worten, wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern mit solchen wie der Geist sie uns lehrt, indem wir geistliche Dinge mit angemessenen geistlichen Worten erklären» (1Kor 2,12-13). Paulus fokussiert hier immer weiter und nennt dabei sehr deutlich immer wieder «Worte», hier auch «angemessene geistliche Worte». Ich gehe jetzt mal davon aus, dass dies auch die Verkündigung des Paulus umfasst, wie er bereits selbst kurz zuvor darauf hingewiesen hat (1Kor 2,1).

Diese «angemessene geistliche Worte» können aber von einem seelisch (auf das Gefühl) orientierten Menschen nicht verstanden werden. Sie sind ihm Torheit (1Kor 2,14). Deshalb konnte Paulus mit den Korinthern «nicht wie mit geistlich Gesinnten sprechen… wie mit Unmündigen in Christus» (1Kor 3,1). Fleischlich waren sie gesinnt, wie das eben aus ihrem Hader ersichtlich sei (vergleiche 1Kor 1111-12 mit 1Kor 3,3-4).

So, jetzt wird es spannend.

Paulus hat bis hierhin über die Misstände gesprochen und erklärt wie es vom Evangelium her ganz anders wäre. Nun kommt er darauf zu sprechen, wie denn die Korinther selbst etwas zur Besserung beitragen können. Er schreibt:

«Gemäss der mir von Gott gegebenen Gnade lege ich als weiser Werkmeister den Grund, ein anderer aber baut darauf weiter. Ein jeder aber gebe Obacht, wie er darauf baue!» (1Kor 3,10). Christus ist das Fundament. Darauf bauen wir. Wir sollten darauf achten, auf welche Weise wir darauf weiterbauen. Es geht hier um «die Art eines jeden Werk» (1Kor 3,13).

Am Schluss des Kapitels 3 warnt Paulus erneut noch einmal vor menschlicher Weisheit (1Kor 3,18-23). In Kapitel 4 sagt Paulus zuerst, dass er Verwalter der Geheimnisse Gottes ist. Da geht es um das Evangelium, welches er verkündigt. Dieses Evangelium spricht von «geistlichen [Dingen] mit angemessenen geistlichen [Worten]» (1Kor 2,13). Immer geht es hier um Gottes Weisheit und Gottes Kraft – durch Christus. Das nun steht in scharfem Kontrast zum Verhalten der Korinther, zu ihrem Hader, zu ihren Spaltungen und Sektierertum.

Nicht über das hinaus sinnen, was geschrieben steht

Schliesslich gelangen wir zum zentralen Vers dieser Betrachtung. Der liest sich jetzt wie eine Art Zusammenfassung:

«…damit ihr an uns lernt, nicht auf Dinge zu sinnen, die über das hinausgehen, was geschrieben steht, damit ihr nicht aufgeblasen werden, also keiner für den einen [Lehrer] gegen den anderen [Lehrer]»
1Kor 4,6

Mehrfach hat der Apostel nun die Misstände in Korinth, den Hader und die Spaltungen, erwähnt. Zwei Dinge stehen einander gegenüber:

  1. In der Gemeinde in Korinth: Hader, Spaltungen, Sektierertum
  2. Evangelium von Paulus: «die [geistlichen] Dinge, die geschrieben sind»

Speziell im Rahmen des Korintherbriefes ist der Kontrast zwischen der (von den Korinthern gesuchten) menschlichen Weisheit – mit aller fleischlichen Gesinnung, Sektierertum und Hader – und der von Paulus mit angemessenen geistlichen Worten erklärten Botschaft von Christus. «Was geschrieben steht» lehrt keine Selbstgerechtigkeit, keinen Hader, keine Spaltungen. Das Evangelium zeigt auf Gott und Seinen Christus hin. Mit Wortgewandtheit oder menschlichen Meinungen hat das nichts zu tun. Deshalb sollten die Korinther am Bespiel von Paulus und Apollos lernen, wie sich das Evangelium in Demut, im Dienst und im Vertrauen auf Gott allein ausleben lässt.

Nicht richten, nicht aufgeblasen werden

Spaltungen und Sektiertum kann es nur geben, wenn man andere überheblich richtet. So kommt es, dass Paulus sagt: «Richtet daher nichts!» (1Kor 4,5) und «damit ihr nicht aufgeblasen werden» (1Kor 4,6). Paulus beteiligt sich also nicht an die Hader und Zwistigkeiten der Gemeinde, noch an ihrer Überheblichkeit. Er zeigt nur die richtige Haltung auf. Alle Streitpunkte lässt er unbeantwortet:

«Richtet daher nichts vor der gebührenden Zeit, bis der Herr kommt, der auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Ratschläge der Herzen offenbaren wird. Dann wird jedem der Lobpreis von Gott zuteil werden»
1Kor 4,5

Die Streitpunkte wird also der Herr einst ans Licht bringen, dann aber zusammen mit den Ratschlägen der Herzen. «Dann wird jedem der Lobpreis von Gott zuteil werden» – eine erstaunlich positive Aussage für eine Gemeinde, die durch Hader gekennzeichnet wird. Paulus öffnet damit den Reichtum der Gnade auch für das Zusammenleben. Danach sollten wir uns ausrichten. Eindrücklich schildert Paulus im weiteren Verlauf des Kapitels wie sich dies bemerkbar macht.

Beim Wort bleiben

Wenn wir den Zusammenhang mit der Gemeinde in Korinth verstanden haben, lässt sich der Text auch noch weiter als Leitfaden nutzen. «Nicht über das hinaus sinnen, was geschrieben steht» ist eine Art Grundregel für ein gesundes Bibelverständnis. Der Leser versucht dabei, die Bibel für sich selbst sprechen zu lassen und keine Gedanken in den Text hineinzuinterpretieren, die nicht da stehen.

3 Tips zum Bibellesen:

  1. Unterscheide zwischen dem, was in der Bibel geschrieben steht und dem, was aus anderer Quelle stammt.
  2. Frage danach, was der Text im Kontext und für die damalige Leser für eine Bedeutung hat
  3. Berücksichtigt die Auslegung den Grundtext?

Mit nur drei Wörtern als Richtschnur («Unterscheide», «Kontext» und «Grundtext») lässt sich die Bibel effizient auf ihre Aussagen hin prüfen. Dieselben Stichwörter eigenen sich mit derselben Methode auch dazu, verschiedene Lehren miteinander zu vergleichen. Welche Lehre bleibt am nächsten beim Wort? Welche Lehre erklärt den Text am besten im eigenen Kontext? Welche Lehre lässt sich auch nach dem Grundtext prüfen und nimmt konsequent darauf Bezug? Gibt es eine klare Unterscheidung in der Auslegung zwischen Gedanken aus der Bibel (begründet) und aus anderen Quellen (erkannt)?

Eine Vergleichsmöglichkeit haben

Nahe beim Wort zu bleiben heisst, eine effektive und effiziente Vergleichsmöglichkeit zu haben. Es lassen sich Gedanken, Lehren und Meinungen besser evaluieren. Der Eichpunkt ist stets die Bibel. Das ist ein objektiver Masstab, weil es ein abgeschlossenes Schriftstück darstellt. Der Bezug darauf ist noch keine Interpretation, sondern ermöglicht erst eine Interpretation «auf Basis der Bibel». Es lassen sich eigene Gedanken über die Bibel, aber ebenso gut auch andere Lehrmeinungen prüfen. Die Vorgehensweise ist dabei stets dieselbe.

Die geistliche Lebenshaltung

Die Hinweise aus dem Korintherbrief schaffen eine gesunde Ausgangslage. Trotzdem beantworten sie keine Detail-Fragen zur Lehre. Entscheidend dürfte sein, dass Paulus hier nicht die Diskussion über Lehrsätze eingeht, sondern auf etwas ganz anderes hinweist. Es geht nicht einfach um richtig oder falsch, sondern um etwas viel besseres:

«Ich spreche euch nun zu, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle das gleiche aussagt und keine Spaltungen unter euch seien; lasst euch vielmehr an denselben Sinn und an dieselbe Meinung anpassen!»
1Kor 1,10

Paulus will, dass die Korinther «alle das gleiche aussagen» und dass es «keine Spaltungen» gibt. Dies sind wohl zwei Seiten derselben Münze. Das gleiche auszusagen bedeutet nicht, dass alle etwa lehrmässig gleichgeschaltet sein müssten. Vielmehr geht es darum, keine Spaltungen zuzulassen. So vertieft er das mit der nachfolgenden Aussage: «lasst euch vielmehr an denselben Sinn und an dieselbe Meinung anpassen!». Auch hier geht es um zwei Seiten derselben Münze. «Dieselbe Meinung» ist dasselbe wie «derselbe Sinn». In Bezug auf die Gemeinde und die verwirrte Situation in Korinth schreibt Paulus über die Haltung, welche wir einnehmen sollten. Wir sollten alle klar auf Christus ausgerichtet sein. Das nämlich sollten wir alle aussagen, und diesen Sinn und diese Meinung sollten wir alle teilen – wie unterschiedlich unsere Lehransichten auch sein sollten.

Es geht demnach nicht um eine lehrmässige Gleichschaltung in der Gemeinde, sondern um eine geistliche Lebenshaltung. Wir fördern diese, wenn wir uns darauf besinnen, woher unser Reichtum kommt, und Wer uns trägt:

«Aus Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott her zur Weisheit gemacht worden ist, wie auch zur Gerechtigkeit, Heiligung und Freilösung, damit es so sei, wie geschrieben steht: Wer sich rühmt, der rühme sich im Herrn!»
1Kor 1,30-31 (Vergleiche dazu auch diesen Artikel)

 

Anregungen zum Gespräch

  • Kennst Du die Situation der Gemeinde in Korinth aus eigenem Erfahren?
  • Hat Dich schon mal jemand «mit Bibeltexten um die Ohren geschlagen»? Wie war das?
  • Wurdest Du schon mal ausgegrenzt, weil Du nicht «linienkonform» gedacht hast?
  • Hast Du schon einmal andere verurteilt, weil sie nicht «linienkonform» gedacht haben?
  • Beschreibe im Zusammenhang dieses Artikels was die Wörter «Sicherheit» und «Zugehörigkeit» für Dich bedeuten.
  • Was für eine Kultur möchte Paulus in Korinth anregen?
  • Was für eine Kultur möchtest Du in Deiner Gemeinde anregen?
  • Was für einen Nutzen hat es, wenn man versucht «nicht über das hinaus zu sinnen, was geschrieben steht»?

 

 

 


Freiheit verpflichtet

Freiheit verpflichtet

100% Freiheit. Mehr können wir nicht erhalten. Das ist es, was Gott uns in Christus schenkt. Die solide Grundlage dafür ist dies: «Umsonst gerechtfertigt in Seiner Gnade durch die Freilösung, die in Christus Jesus ist» (Röm 3,24). Das ist das Startkapital, mit dem wir unser Leben täglich neu angehen dürfen.

Jetzt sind wir nicht nur freigemacht von uns selbst, sondern auch freigemacht für ein neues Leben. Das eine gehört zum anderen. Keine Moralpredigten, keine Verurteilungen, sondern die tägliche Freiheit – um wahre Begegnungen mit sich Selbst, mit Gott und den Menschen um uns herum zu feiern. Diese Freiheit in Christus ist so sicher, dass uns das als Grundlage für eine auf Gott gerichtete Lebenshaltung dienen darf. Freiheit verpflichtet im besten Sinne des Wortes.

«Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht. Stehet nun fest in ihr...»
Gal 5,1

«Ihr wurdet doch zur Freiheit berufen, Brüder; nur lasst die Freiheit nicht zu einem Anlass für das Fleisch werden, sondern sklavet einander durch die Liebe.»
Gal 5,13

«Denn alles ist euer: sei es Paulus oder Apollos, sei es Kephas oder die Welt, sei es Leben oder Tod, sei es Gegenwärtiges oder Zukünftiges. Alles ist euer, ihr aber gehört Christus an und Christus Gott.»
1Kor 3,22-23

«Alles ist mir erlaubt, doch nicht alles fördert mich! Alles ist mir erlaubt, doch ich werde mich durch nichts unter deren Vollmacht stellen lassen.»
1Kor 6,12

«Alles ist mir erlaubt, jedoch nicht alles ist förderlich. Alles ist mir erlaubt, jedoch nicht alles baut auf.»
1Kor 10,23

Die Freiheit ist ein Geschenk. Sie ist auch Ausdruck einer neuen Realität. Darin ist zwar alles erlaubt, aber nicht alles baut auf. Wir werden zu einer differenzierten und aktiven Lebenseinstellung aufgefordert. Wir sind eine neue Schöpfung (2Kor 5,17). Das will gelebt werden. Das will mit einer entsprechenden Lebenshaltung gefeiert werden. Alles ist euer, sagt Paulus, ihr aber gehört Christus an und Christus Gott (1Kor 3,22-23).

Gnade erzieht

«Denn erschienen ist die Gnade Gottes… sie erzieht uns...»
Tit 2,12

Zuerst ist die Gnade. Daraus folgt die Freiheit. Natürlich kann die überfliessende Gnade Gottes als Freibrief missverstanden werden. Freiheit wird immer wieder missverstanden. Das soll aber nicht als Anlass genommen werden, Freiheit als gefährlich einzustufen, oder gar die Freiheit einzuschränken. Paulus gibt im Kolosserbrief an, dass Gnade Gottes «in Wahrheit erkannt» werden soll (Kol 1,6). Denn 100% Gnade stellt das Leben auf den Kopf. Gnade macht frei. Weil Gnade wirklich frei macht, kann es noch viel mehr. Gottes Gnade macht etwas mit uns. Gnade ändert uns und lehrt uns. Gottes Gnade, die zur Freiheit führt, kann viel mehr bewirken als jede Einschränkung, die von Menschen aufgebaut wird.

Manchmal wird behauptet, Gnade macht einfach faul, weil es sich 100% auf Gottes Wirken abstützt. Dann müsse man ja selbst nichts mehr machen (so äussert sich die Eigengerechtigkeit). Dann aber kennen wir weder Gott noch Seine Gnade. Hier lesen wir, was Gnade bei Paulus bewirkt hat:

«In der Gnade Gottes aber bin ich, was ich bin; und Seine Gnade, die in mir wirkt, ist nicht vergeblich gewesen; sondern weit mehr als sie alle mühe ich mich, jedoch nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist. Sei es nun ich oder jene, so herolden wir, und so seid ihr zum Glauben gekommen»
1Kor 15,10-11

«Weit mehr als sie alle mühe ich mich…» Gnade ist keine Anleitung zur Faulheit. Aus Gnade hat Paulus mehr gearbeitet als alle andere.

Zwei weitere Dinge nennt der Apostel in diesem Abschnitt, die eine nähere Betrachtung wert sind. Es sind die Wörter «nicht vergeblich» und «so herolden wir». Zuerst sagt er, dass «Seine Gnade, die in mir wirkt, nicht vergeblich gewesen ist». Bei Paulus hat sich Gottes Gnade ausgewirkt. Gottes Gnade war nicht vergeblich bei Paulus. Das Geschenk wurde nicht nur dankend angenommen, sondern auch täglich genutzt. Das ist ein konkreter Hinweis darauf, wie auch wir selbst darauf achten können, dass Seine Gnade in uns nicht vergeblich sein sollte. Lassen wir Raum dazu, dass Gott in und durch uns wirken kann.

Dann erwähnt Paulus auch, dass dies wesentlich zu seiner Verkündigung gehört: «Sei es nun ich oder jene, so herolden wir, und so seid ihr zum Glauben gekommen». Die Aussage betrifft den ganzen Abschnitt 1Kor 15,1-11. Darin geht es aber ausdrücklich auch um die Gnade, die in Paulus selbst gewirkt hat, wie wir es gerade gelesen haben. Gnade erzieht, und Paulus selbst ist ein gutes Beispiel dafür, was Gnade in jemand bewirken kann. An Timotheus schreibt er:

«Glaubwürdig ist das Wort und jeden Willkommens wert, dass Cristus Jesus in die Welt kam, um Sünder zu retten, von denen ich der erste bin. Jedoch, ebendeshalb erlangte ich Erbarmen, auf dass Jesus Christus an mir, als erstem, sämtliche Geduld zur Schau stelle, denen als Muster, die künftig an Ihn glauben, zu äonischem Leben»
1Tim 1,15-16

Abschied von Gesetzlosigkeit und Gesetzlichkeit

Freiheit fordert heraus. Gnade fordert heraus. Beide sind aber wichtige Pfeiler des Evangeliums. Der Umgang damit will gelernt sein, und es soll ein erklärtes Ziel in jeder Gemeinde und Gemeinschaft sein, jeden auf seinem ganz eigenen Weg darin zu fördern.Wenn Paulus über Freiheit schreibt, dann oft deshalb, weil es Menschen gibt («falsche Brüder»), die die Freiheit einschränken wollen. Damals geschah das häufig durch solche, die das mosaische Gesetz (wieder) einführen möchten. Heute werden oft ganz andere Regeln und Erwartungen aufgestellt, die für die Gemeinschaft bindend sind. Diese lenken aber alle von der Freiheit in Christus Jesu und von der Wahrheit des Evangeliums ab.

«Was aber den eingeschmuggelten falschen Brüder berifft ( die nebenbei hereingekommen waren, um unsere Freiheit, die wir in Christus Jesus haben, auszukundeschaften, um uns völlig [unter dem Gesetz zu] versklaven), so haben wir ihnen nicht einmal für eine Stunde auch nur scheinbar durch Unterordnung nachgegeben, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch fortbestehe.»
Gal 2,4-5

Wir lesen hier, wie wichtig es für Paulus war, die Gemeinden in Galatien (Gal 1,1) klar auf Christus auszurichten. Auch wenn es mit sovielen Worten nicht gesagt wird, aber Freiheit finden wir nur durch eine klare Ausrichtung. Es ist «unsere Freiheit, die wir in Christus Jesus haben». Freiheit steht also immer in Abhängigkeit von Ihm und betrifft den Dingen, die Er bewirkt hat. Dies kann unser Leben radikal und ganz praktisch verändern. Weder Gesetzlosigkeit noch Gesetzlichkeit bringen uns weiter, sondern nur die Bindung an Christus Jesus. Er versetzt uns in Gottes Realität (vgl. 2Kor 5,18-21). Er hat alles «vollbracht» (Joh 19,30) und dadurch eine neue Realität erschaffen.

Die Herausforderung wird durch ein gesundes geistliches Wachstum gemeistert. Es geht darum, im Glauben erwachsen zu werden. Dieser Prozess hat viel mit Differenzierung zu tun. Erst der differenzierte Umgang mit Gnade und Freiheit lässt sie nutzbar werden in unserem Leben. Differenziert bedeutet hier nicht, dass die Gesetzlichkeit durch die Hintertür wieder eingeschleust wird, sondern dass der Umgang mit Gottes Gnade und der Freiheit des Christus als Startpunkt für geistliches Wachstum genutzt werden und jeden weiteren Schritt daran gemessen wird.

Paulus beschreibt das so:

«Derselbe [Christus] gibt die einen als Apostel, die anderen als Propheten, wieder andere als Evangelisten oder als Hirten und Lehrer –

  • zur Anpassung der Heiligen an das Werk des Dienstes,
  • zur Auferbauung der Körperschaft Christi,
  • bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen,
  • zum gereiften Mann, zum Mass des Vollwuchses der Vervollständigung des Christus,
  • damit wir nicht mehr Unmündige seien, von jedem Wind der Lehre wie von brandenden Wogen hin und her geworfen und umhergetragen durch die Unberechenbarkeit der Menschen, durch die List, die darauf ausgeht, den Irrtum planmässig zu verbreiten.»

Dann fasst der Apostel dies alles zusammen:

«Wenn wir aber wahr sind, sollten wir in Liebe alles zum Wachsen bringen, hinein in Ihn, der das Haupt ist, Christus…»

Eph 4,11-16

 Das ist der Abschied von Gesetzlosigkeit und Gesetzlichkeit, weil es mit etwas viel Besserem ersetzt wird.

Die Angst vor der Freiheit

Es besteht viel Angst vor Freiheit und Gnade. Wenn Paulus schreibt «alles ist erlaubt», dann habe ich immer wieder erlebt, wie diese Worte Bestürzung auslösen, auch wenn der Satz nahtlos weitergeht mit «aber nicht alles baut auf» (1Kor 6,23 1Kor 10,23). Paulus differenziert scheinbar besser als andere und lässt sich dadurch nicht daran hindern 100% Gnade und 100% Freiheit in Christus zu proklamieren. Wer wirklich frei ist, hat keine Vermeidungsstrategie, sondern eine klare und positive Lebensausrichtung. Wer wirklich frei ist, kann in sich selbst ruhen, weil er in Christus zur Ruhe gekommen ist, und in Christus kann er ruhen, weil er weiss, dass Gott in Christus zur Ruhe gekommen ist.

«Denn alles ist euer: sei es Paulus oder Apollos, sei es Kephas oder die Welt, sei es Leben oder Tod, sei es Gegenwärtiges oder Zukünftiges. Alles ist euer, ihr aber gehört Christus an und Christus Gott.»
1Kor 3,22-23

So positiv und klar wie Paulus sieht es nicht jeder. Angst vor 100% Gnade und Freiheit ist zäh. Nicht jeder kann damit umgehen, und manchmal, so scheint es mir, wird Freiheit den Gläubigen nicht zugemutet. Nicht jede Gemeinschaft fühlt sich wohl mit kritischen Fragen. Gesund wäre es aber, wenn wir realisieren, dass in jeder Gemeinschaft ganz verschiedene Bedürfnisse und Möglichkeiten bestehen. Freiheit wird bei einigen immer Angst auslösen. Das muss aber nicht dazu führen, dass anderen der Freiheit verwehrt bleibt. Diese Unterschiedlichkeit zu verstehen und trotzdem Menschen gezielt freizusetzen und in eine echte Freiheit einzuführen ist die Aufgabe jeder gesunden Gemeinschaft.

Freiheit kann falsch verstanden werden. Freiheit kann auch missbraucht werden (vgl. Röm 3,8). Das soll aber keinen Rückzug von der Freiheit auslösen. Im Gegenteil – es wäre ein guter Indikator dafür, dass es dringend weitergehen sollte. Es geht hier um das Prinzip. Es ist gesund, wenn Kinder auch erwachsen werden. Es ist gesund, wenn Eltern vorangehen, den Weg zeigen, ihre Kinder in die Freiheit und Unabhängigkeit hineinführen. Ein solches Bild vor Augen zu haben ist das Vorrecht lebendiger Gemeinschaft. Stattdessen habe ich immer wieder erlebt, dass Gemeinschaften sich dagegen wehren. Stabilität, so meint man, erreicht man durch das erstellen von «Leitplanken». Diese Leitplanken in Form von Gesetzen, Richtlinien oder Wertebildung wollen eine äussere Stabilität der Gemeinschaft herstellen, sie lenken aber von einer echten Freiheit in und durch Christus ab. Worauf Paulus hinweist, ist eine innere Stabilität, indem der Mensch in Christus gegründet wird. Der Weg ist ein völlig anderer. Das Resultat wird auch ein anderes sein.

Verhinderungsstrategien für ein gesundes Wachstum im Glauben:

  • Betonung auf das Verhalten, statt auf die innere Glaubensrichtung
  • Betonung auf Gesetze, Regeln, Werte, statt auf die Gnade Gottes in Christus Jesus
  • Vermeiden von biblischer Lehre (Vermeidung einer Lernkultur, dadurch Verhinderung gesunder Differenzierung)
  • Dogmatisch geprägte Lehrmeinungen, die nicht hinterfragt werden dürfen
  • Einseitige Ausprägung (nur Lehre, nur Evangelisation, nur Seelsorge, usw.)
  • Totschweigen oder Verketzerung anderer Sichtweisen
  • Zentralisierung der Lehraussagen (Abhängigkeit von Lehre und Lehrern)
  • Ideologische Prägung
  • Schwarzweiss-Denken (Ausgrenzung, Abgrenzung)[/notification]

Dies sind Merkmale gesunder Ausprägung:

  • Alles ist aus Gott, alles ist durch Christus (christozentrisches Denken, vgl. 1Kor 8,6)
  • Gnade zentral
  • Gottes Wort zentral
  • Förderung einer Lernkultur (nicht: dogmatische Lehrkultur)
  • Förderung diffenzierter Sichtweisen (damit: Wachstum im Glauben)
  • Förderung einer vielseitigen Gemeinschaft (durch: vielseitige Ausprägung mit allen Gaben aus Eph 4,11-12)
  • Förderung eines Wachstums hin zu Christus (vgl. Eph 4,15-16)
  • Offenheit für Dienst, Menschen aller Herkunft
  • Die Einheit in Christus wird erkannt und bewahrt (Eph 4,3-7)[/notification]

Ausblick der Freiheit

Es geht noch einen Schritt weiter. Was heute an Freiheit gewonnen wird, an wirklicher Freiheit, ist auch ein Abbild für Gottes Handeln in und mit der Schöpfung. Paulus schreibt im Römerbrief:

«Denn ich rechne damit, dass die Leiden der jetzigen Frist nicht wert sind der Herrlichkeit, ie im Begriff steht, in uns enthüllt zu werden.
Denn die Vorahnung der Schöpfung wartet auf die Enthüllung der Söhne Gottes. Denn die Schöpfung wurde der Eitelkeit untergeordnet (nicht freiwillig, sondern um des Unterordners willen) in der Erwartung, dass auch die Schöpfung selbst befreit werden wird von der Sklaverei der Vergänglichkeit zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis nun mit uns ächzt und Wehen leidet.
Aber nicht sie allein, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst ächzen in uns, den Sohnesstand erwartend, die Freilösung unseres Körpers. Denn auf diese Erwartung hin wurden wir gerettet.»
Röm 8,18-24

Die Schöpfung hat eine Vorahnung und wartet auf die Bekanntwerdung der Söhne Gottes. Es gibt eine Erwartung, schreibt Paulus, dass auch die Schöpfung selbst befreit werden wird zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Das hat mit Gottes Ziel zu tun, welches Er in der Schöpfung anstrebt. Die Schöpfung selbst soll frei werden, wie es die Kinder Gottes sind. Das ist ein Ausblick der Freiheit, über die nur selten gesprochen wird. Das dies kaum ein Thema in der Verkündigung ist verwundert allerdings nicht, wenn die Kinder Gottes selbst nicht in die Freiheit eingeführt werden. Lernen wir aber die Freiheit in Christus kennen – so wie wir auf Gottes Gnade vertrauen lernen, öffnet das auch unser Verständnis für Gottes Wege in einem viel grösseren Rahmen. Wer sich seine eigene Freiheit in Christus nicht bewusst ist, kann sich auch keine Freiheit für die Schöpfung vorstellen. Diese Dinge hängen zusammen. Erst die Verkündigung der Gnade Gottes und der Freiheit in Christus Jesus, wie Paulus beharrlich und mit Nachdruck immer wieder darüber spricht, bahnt den Weg zu einem befreiten Blick auf Gottes Wirken.