Ausharren

Ausharren

Geht es nur um Genuss im Leben?

Hedonismus ist eine Lebensanschauung, die Lebenserfüllung im lustvollen und freudigen Genuss sieht. Vereinfacht dargestellt wird alles dem Lustprinzip untergeordnet. In diesem Beitrag gehe ich vom volkstümlichen Verständnis eines Hedonismus aus: Der eigene Genuss steht im Zentrum. Ein Hedonist ist kraft seiner inneren Ausrichtung stets egozentrisch. Ein Hedonist lebt für Genuss welchen er selbst erfahren will. Bestimmt kann man dem etwas Gutes abgewinnen. Wer will schon leiden? Ein Hedonist strebt nicht nach etwas, was anderen nicht haben wollen. Alle wollen es haben. Alle möchten ein Leben ohne Leid, ohne Stress, ohne Verlust, ohne Krankheit oder Tod. Der Unterschied liegt darin, dass ein Hedonist der gesamte Lebensinhalt ausschliesslich im Genussvollen sieht und alles diesem Genuss unterordnet – was mehr Genuss verspricht hat Vorrang. Nicht «was» ein Hedonist will, sondern «wie» er es will kann rasch zur Problematik innerhalb von Beziehungen, von Ausbildung und Arbeit, oder in der Gemeinschaft werden.

Das Gebet von Jabez

In der biblischen Berichterstattung ist die Geschichte von Jabez bemerkenswert. Er bittet Gott einfach, dass er gesegnet werde und dass er weder Übles noch Schmerz erfahre. «Und Gott liess kommen, was er erbeten hat», hiess es dann nüchtern.

«Jabez war angesehener als seine Brüder; zwar hatte seine Mutter ihm den Namen Jabez gegeben, denn sie sagte: Mit Schmerzen habe ich ihn geboren. Aber Jabez hatte den Gott Israels angerufen und gesagt: Dass du mich doch segnen und mein Gebiet erweitern mögest und deine Hand mit mir sei und du das Übel von mir fern hieltest, dass kein Schmerz mich treffe! Und Gott ließ kommen, was er erbeten hatte.»
1. Chr 4,9–10

War Jabez ein Hedonist? Wohl kaum. Er hat das gemacht, was vielleicht jeder von uns gemacht hat. Er betete ein einfaches Gebet zu Gott und alle Probleme waren gelöst. Nirgendwo sonst lesen wir in der Bibel von einem ähnlichen Gebet. Was sollen wir davon halten? Wenig erstaunlich: Ein solch einfaches Leben ist in der Bibel nicht mehr interessant. Die Bibel ist durch und durch nüchtern in der Betrachtung. Auch wenn Jabez so einfach gesegnet wurde, so sieht die tägliche Realität meist anders aus. Das wurde bereits in dem Beitrag «Geisterlicher Segen» ausführlicher dargestellt. Die Bibel widmet ein ganzes Buch an dem Leiden von Hiob, jedoch nur drei Verse an dem «perfekten» Leben von Jabez. Unsere Lebensrealität liegt wohl näher zu dem von Hiob als zu dem von Jabez. Das Leben ist für die meisten Menschen viel komplexer als das was Jabez erlebt. Leiden werden in der Bibel nicht ausgeblendet, sondern schwierige Situationen werden immer wieder eingeblendet. Hedonismus ist eine Weltanschauung, die quer auf die Lebenserfahrung der meisten Menschen steht.

Ausharren

Die Lebensrealität erlaubt es uns nicht immer den Genuss im Vordergrund zu stellen. Es gibt Situationen, die benötigen Zeit, auch wenn das warten Anstrengung bedeutet. In diesem Zusammenhang wird im Neuen Testament das Wort «ausharren» (gr. hupomonê) genutzt. Die Etymologie führt das Wort auf die beiden Elemente «unter» und «Bleiben» zurück. Man kann dabei an eine Last denken, die man trägt, und man bleibt unter dieser Last stehen. Man läuft nicht weg. Man harrt aus. Ein Hedonist würde eine Last vielleicht abwerfen, weil sie unangenehm ist. Andere jedoch harren aus. Sie bleiben unter der Last stehen und tragen diese weiterhin, weil sie darin einen Sinn sehen. Das Ausharren ist zwar nicht angenehm, aber wer geduldig ist, kann dadurch Dinge erreichen, die mehr Wert haben. Hiob ist das Beispiel schlechthin:

«Vom Ausharren Hiobs habt ihr gehört und den Abschluss des Herrn gewahrt, da der Herr voll innerstem Erbarmen und mitleidig ist.»
Jak 5,11

Paulus schreibt aus seiner Lebenserfahrung:

«… wir mögen uns auch in den Drangsalen rühmen, wissend, dass die Drangsal Ausharren bewirkt, das Ausharren aber Bewährung, die Bewährung aber Erwartung. Die Erwartung aber lässt nicht zuschanden werden, weil die Liebe Gottes in unserem Herzen ausgegossen ist durch den uns gegebenen heiligen Geist.»
Röm 5,3-5

Ausharren bringt Bewährung und die Bewährung fördert eine zuversichtliche Erwartung. Damit erhält das Leben Inhalt und Ausrichtung. Bei Hiob sahen wir, dass Gott erst in der Zeit gewirkt und geantwortet hat. Es gab keine sofortige Lustbefriedigung, aber eine Lebenserfüllung kam später. Auch wenn Hiob das nicht sofort erfahren hat, so spricht das Buch (worin wir ja die ganze Geschichte lesen) von dieser Zuversicht, dass alles Leiden einst von Gott zurechtgebracht wird. So und ähnlich lesen wir auch an anderer Stelle über dieses Ausharren (2Kor 1,6; 2Thess 1,4; 2Tim 3,10 u.a.).

Wenn Zeit eine Rolle spielt

Der Zeitaspekt ist eine wichtige Komponente. Wir können mit Ausharren auf etwas warten, was noch in der Zukunft liegt:

«… Denn auf diese Erwartung hin wurden wir gerettet. Erwartung aber die erblickt wird, ist keine Erwartung; denn das, was jemand erblickt – erwartet er das etwa noch? Wenn wir aber erwarten, was wir nicht erblicken, so warten wir mit Ausharren darauf.»
Röm 8,24-25

Ausharren ist auch Ausdauer. So spricht Paulus beispielsweise vom Ausdauer in guten Werken (Röm 2,7). Ausdauer ist auch eine Qualität des Glaubens. Paulus betet für die Kolosser, dass sie «in der Erkenntnis Gottes wachsen unt mit aller Kraft nach der Gewalt Seiner Herrlichkeit gekräftigt werden zu aller Ausdauer und Geduld mit Freuden» (Kol 1,11). Dasselbe «hupomonê» wird auch im Sinne von Beharrlichkeit genutzt, wenn Paulus von den Thessalonichern bezeugt: «Unablässig gedenken wir vor unserem Gott und Vater eurer Arbeit im Glauben, eures Mühens in der Liebe und eurer Beharrlichkeit in der Erwartung unseres Herrn Jesus Christus» (1Thess 1,3). Damit weist Paulus darauf hin, dass wir hier auf Erden auch in Erwartung unseres Herrns leben. Es gibt noch Dinge, die vor uns liegen, die wir noch nicht haben. Es gibt die Beziehung zu Ihm, die sich noch nicht in jeder Hinsicht erfüllt hat. So schreibt Paulus mit anderen Worten im Epheserbrief:

«In Ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung, hört – in Ihm seid auch ihr, die ihr glaubt, versiegelt mit dem Geist der Verheissung, dem heiligen (der ein Angeld unseres Losteils ist bis zur Freilösung des uns zugeeigneten) zum Lobpreis seiner Herrlichkeit.»
Eph 1,13-14

Wir sind versiegelt mit dem Geist der Verheissung. Dank dieser Versiegelung ist die Verheissung gewiss. Wir warten aber noch auf die Erfüllung. Und so manche Dinge müssen wir mit Beharrlichkeit erwarten. Auszuharren kann eine tiefgeistliche Haltung sein, wenn darin Gottes Wirken erwartet wird. Ausharren ist der Gegensatz von schneller Lustbefriedigung, weil etwas Besseres erwartet wird. Deshalb können wir in bestimmten Situationen unter der Last stehen bleiben. Das ist kein Masochismus, sondern Realismus. Nicht das Leiden wird verherrlicht, sondern in der Realität dieser Welt erwarten wir zur Rechten Zeit Gottes Eingreifen. Ausharren ist auch keine Passivität, als müsste man die Hände in den Schoss legen, sondern es ist das bewusste Umdenken hin zu Gottes Wirken, wodurch die Welt in anderem Licht erscheint. Ausharren ist auch ein Zeichen menschlicher und geistlicher Reife - wenn wir abschätzen können ob es gut und gesund ist, in einer Situation noch etwas auszuharren.

Zuspruch der Schriften

Die Bibel enthält einen Schatz an Verheissungen. Diese können unser Leben prägen. An die Römer schreibt Paulus:

«Denn all das, was vorher geschrieben wurde, ist gerade uns zur Belehrung geschrieben worden, damit wir durch Ausharren und durch den Zuspruch der Schriften Zuversicht haben mögen.»
Röm 15,4-5

Kombinieren wir unser Ausharren mit dem Zuspruch den wir aus den Schriften gewinnen, dann entsteht dadurch viel Zuversicht.


Ausbruch aus starren Glaubensstrukturen

Ausbruch aus starren Glaubensstrukturen

Ich habe immer grossen Respekt vor Menschen, die positive Veränderungen anstreben. Nicht immer jedoch gelingen diese Änderungen innerhalb der vertrauten sozialen Strukturen. Manchmal ist es gesund und nötig, dass Menschen sich entscheiden, neue Wege zu gehen.

Viele Themen dieser Website widmen sich solcher Überlegungen. Es geht um Themen der Bibel, um die Art des Miteinander in Kirchen und Gemeinden und darum, wie wir denken und glauben dürfen. Es geht bei weitem nicht nur um bestimmte «dogmatische» Positionen, sondern vielmehr geht es um eine gesunde Auseinandersetzung mit sich selbst, mit der Bibel und den Gemeinschaften, worin wir stehen.

Starre und rigide Glaubensstrukturen habe ich an vielen Orten gesehen und erlebt. Dazu zählen Kirchen wie Freikirchen. Nicht aber nur da. Starre und rigide Glaubensstrukturen finden sich an vielen Orten. Sie sind fast unausweichlich, wenn Menschen länger miteinander unterwegs sind. Wenn Gemeinschaften über Generationen hinweg bestehen, findet ganz logisch eine Verfestigung und Institutionalisierung statt. Es entstehen Traditionen und Gepflogenheiten. Wir sprechen von Kultur oder Subkultur. Manche dieser Entwicklungen sind gut, manche aber schränken zu sehr ein und sind nie dafür gedacht, «ewig» Bestand zu haben. So dürfte es für jede Generation wichtig sein, sich selbst und seine Gemeinschaft zu reflektieren und in diesem Prozess gesunde Wege zu finden.

Im Volksmund heisst es «Wer wagt, der gewinnt!» Jedoch wagt sich nicht jeder. Diejenigen aber, die sich trauen, die sich auf den Weg zu neuen Horizonten machen, die sind es, die gewinnen. Nicht selten gewinnen sie auch kostbare Einsichten für viele Andere. Wer umkehrt, hat die Kraft die Welt mitzugestalten.

Von der Not, Neues zu denken

Wer sich auf den Weg macht, Neues zu denken, der erfährt häufig keine Zustimmung. In so manchen Kreisen wird das eigene Denken regelrecht unterbunden. Es kann auch die blanke Angst vor Veränderung grassieren. So und ähnlich habe ich das selbst erlebt und ich höre es immer wieder auch von Anderen. Wer nachdenkt, kann deshalb mit starkem Gegenwind rechnen, sobald ehrliche und offene Fragen gestellt werden. Es gibt nämlich in den wenigsten Kirchen und Gemeinden eine echte Lernkultur. Wer den eigenen Horizont erweitern will, steht deshalb oft zuerst einmal alleine da.

Eine rigide oder starre Glaubensstruktur will nicht nur keine Änderung, sondern es gibt dort häufig ein starkes Schwarzweiss-Denken. Man «weiss», was gut und was böse ist, was dem Glauben förderlich ist, und was nicht, wie man sich benehmen sollte und was gewiss nicht mehr tolerierbar ist. Auch kann es sein, dass «Glaube» einem bestimmten Werdegang entsprechen muss. Wer jedoch Neues denken will, sucht vor allem eine Differenzierung. Schwarz und weiss genügen nicht mehr. Man hat für sich entdeckt, dass es auch Graustufen und vielleicht sogar eine ganze Farbpalette gibt. (Sehenswert in diesem Zusammenhang ist der Film «Pleasantville». Wikipedia | Trailer.)

Wer Differenzierung sucht, wer lernen will, der will eine Auseinandersetzung. Es ist nicht per Definition eine Absage an alte Strukturen, aber eine Auseinandersetzung damit. Es ist keine Absage an die Bibel oder an den Glauben, sondern eine Auseinandersetzung damit. Man will in einen Prozess einsteigen, worin das Leben und auch der Glaube neu entdeckt werden dürfen. Dies war in den starren Strukturen komplett untergegangen. Ich denke, dass jede Kirche oder Gemeinde gerade um solche Leute dankbar sein darf. Sie beleben die Gemeinschaft. Findet jedoch keine Auseinandersetzung statt, wird sie vielleicht sogar unterdrückt, dann wird die Lebendigkeit sich einen eigenen Weg suchen. Dieser Mensch wird umkehren und aussteigen.

Martin Buber, der bekannte jüdische Religionsphilosoph, hat etwa 1920 das Büchlein «Ich und Du» geschrieben, worin er die Grundlage für eine beziehungsorientierte Lebensphilosophie beschreibt. In diesem Büchlein beschreibt er ganz prägnant die Spannung, welche zur Umkehr führt.

Der Mensch, der umkehrt

Martin Buber schreibt:

«Das Dogma kennt den Menschen nicht, der den Allkampf durch die Umkehr überwindet; der das Gespinst der Gebrauchstriebe durch die Umkehr zerreisst; der sich dem Bann der Klasse durch die Umkehr enthebt; – der durch die Umkehr die sicheren Geschichtsgebilde aufrührt, verjüngt, verwandelt. Das Dogma des Ablaufs lässt dir vor seinem Brettspiel nur die Wahl: die Regeln beobachten oder ausscheiden; aber der Umkehrende wirft die Figuren um. Das Dogma will dir immerhin erlauben, die Bedingtheit mit dem Leben zu vollstrecken und in der Seele «frei zu bleiben»; aber diese Freiheit erachtet der Umkehrende für die schmählichste Knechtschaft.»

Martin Buber, Ich und Du

Das Dogma kennt den Menschen nicht

Als ich das Büchlein «Ich und Du» von Martin Buber las, war ich gerade in einem Prozess der Neuorientierung. Es gab einige Jahren, da hatte ich mich bewusst aus Kirchen und Gemeinden verabschiedet. Nicht etwa, weil ich den Glauben verloren hätte, sondern im Gegenteil, weil der Glaube mir in den Glaubensgemeinschaften fast abhanden gekommen wäre. Diese Neuorienterung war eine ganz bewusste Auseinandersetzung. Sie war zuerst eine Bereinigung, nämlich von religiösem Ballast, den ich da und dort aufgegabelt hatte. Dann war sie aber auch eine Suche und Selbstreflektion, wie und wo sich mein Gottvertrauen und mein Glauben ausleben liesse. Ebenfalls war es eine erneute Auseinandersetzung mit der Bibel selbst, denn – so hatte ich verstanden – es war mein Verständnis der Bibel, welches unverdaulich geworden war. Nicht die Bibel war das Problem, sondern mein eigenes verinnerlichtes Verständnis. Es gab zu viele Ungereimtheiten, nicht nur lehrmässig, sondern auch von der Glaubenskultur her. Ich musste mich selber auf den Weg machen, dieses Wirrwarr zu lösen, mir einen neuen Zugang zur Schrift und zu einem gesünderen Glaubensverständnis zu schaffen.

Martin Buber schreibt «Das Dogma kennt den Menschen nicht, der den Allkampf durch die Umkehr überwindet». Mit «Dogma» wird hier kein kirchliches Dogma gemeint, sondern für Buber ist es die Ausprägung einer Annahme, die nicht in Frage gestellt werden darf. Es ist ein allgemeiner Ausdruck, der nicht nur auf Glauben bezogen wird. Die Dogmen, das sind die festgesetzten Anker für die jeweilige Gemeinschaft, an die unter keinem Umstand gerüttelt werden darf. Diese Annahmen werden höher gewertet als die Menschen selbst. Das Dogma kennt den Menschen nicht. Man glaubt mehr an die Regeln als an den Menschen (vgl. Mk 2,27).

Ich habe nun diese allgemeine Aussage von Martin Buber auf meine Entwicklung bezogen. Ich lese dies selektiv als Abbild von religiösen Strukturen, auch wenn Buber selbst von etwas Grösserem spricht. Dennoch kann die Beschreibung sehr gut zur Erfahrung derer passen, die aus einengenden Glaubensvorstellungen ausbrechen und einen neuen Weg finden.

Das Dogma kennt den Menschen nicht, schon gar nicht den fragenden Menschen, der sich selbst und die Gemeinschaft reflektiert. Das Dogma kennt den Menschen nicht, «der den Allkampf durch die Umkehr überwindet». Jeder erfährt nämlich eine Auseinandersetzung in der Welt. Es ist deshalb tatsächlich ein «Allkampf» aller Menschen. Einige jedoch überwinden diesen Kampf durch Umkehr. Sie brechen aus einem System aus, welches zum Leben nicht mehr genügend Platz bot. Der Umkehrende überwindet die Begrenzungen.

Diese Umkehr ist nicht der Abschied wegen Gleichgültigkeit. Es ist die Umkehr mit derselben lebendigen Kraft, womit auch «Bekehrung» stattfindet. Es ist diese Bewegung, dieses Umdenken, womit dem Leben wieder Inhalt und Richtung gegeben wird. Umkehr ist dem Menschen als Möglichkeit gegeben. Nur wenn wir zu uns selbst und zu unserem Menschsein stehen, können wir umkehren. Nur so können wir auch zu Glaubenden werden, zu Vertrauenden. Die Umkehr zu nutzen bleibt vielen jedoch verwehrt. In rigiden und starren Gemeinschaftsidealen gehen Menschen unter. Wohl dem aber, dem es gelingt auszubrechen.

Der lebendige Mensch jedoch kann umkehren, kann das «Gespinst» der Gewohnheiten zerreissen und sich dem Bann der Gemeinschaft entheben. Martin Buber spricht hier von «Gebrauchstrieben» und «Klassen». Der Bann der Gemeinschaft kann sehr stark sein. Wer das schon einmal erlebt hat, kann sich etwas dabei vorstellen. Es sind diese Annahmen, die in gut und schlecht aufteilen, in schwarz und weiss. Wer sich nicht so und so verhält, der fällt schon fast vom Glauben ab. Angst wird geschürt. Auch wenn das nicht direkt so ausgesprochen wird, so liegt auf vielen Menschen eine unsichtbare Last und man vereinbart stilschweigend, dass dies die Glückseligkeit ist, dass Glauben genau so aussieht, dass Kirche immer diese Form hat, und dass Gläubige nur richtig gläubig sein können, wenn sie sich dieser Vorstellung unterordnen. Und viele merken nicht einmal, wie dies abläuft, denn man hat gar keinen Vergleich – man war noch nie in einer anderen Art der Gemeinschaft, hat noch nie eine andere Kirche von innen her erlebt.

Verjüngung und Verwandlung

Es gibt in diesem Vergleich folgende Pole: Einerseits gibt es das übergeordnete «Dogma», andererseits gibt es die «Umkehr». Etwas neutraler formuliert und mit Distanz betrachtet könnte man auch sagen, dass alte Konzepte mit neuen Konzepten ringen. Wer zu neuen Ufern aufbricht, sucht sich ein besseres Konzept, also eines, das dem Leben und dem Glauben besser angepasst ist. Der Umkehrende erfüllt, trotz allem Eigennutzen, auch für die Gemeinschaft eine Aufgabe. Dieser nämlich ist es, schreibt Buber, «der durch die Umkehr die sicheren Geschichtsgebilde aufrührt, verjüngt, verwandelt.»

Wer umkehrt tut nicht nur sich selbst, sondern auch der Gemeinschaft einen Gefallen. Allerdings ist das gar nicht so einfach, wie es tönt. Ein «Dogma» hat sich über lange Zeit verfestigt. Starre und rigide Strukturen kommen eben nicht aus dem Himmel gefallen, sondern entstehen als sehr menschliche Entwicklungen über längere Zeit. Es sind diese Geschichtsgebilde, welche Verjüngung und Verwandlung benötigen. Wer jedoch halbwegs zufrieden in den Strukturen steht, betrachtet die Umkehrenden oft mit viel Argwohn, während die Umkehrenden selbst oft nur mit Mühe aus den alten Strukturen losbrechen können. Beide müssten sich auseinandersetzen. Für beide wäre es jedoch eine Herausforderung. Könnte man sich gegenseitig Verständnis entgegenbringen?

Schwarz oder weiss?

«Das Dogma des Ablaufs lässt dir vor seinem Brettspiel nur die Wahl: die Regeln beobachten oder ausscheiden.»

Das Dogma, bzw. die traditionelle Kultur, die verinnerlichten Werte sind aus einem Grund starr: sie sollen schützen. Sie sollen bewahren. Sie sollen Sicherheit vermitteln. Und manchmal sollen auch Machtgefüge erhalten bleiben. Es kann Verschiedenes sein oder vielleicht spielt auch alles mit. Deshalb gibt es Regeln und wer nicht nach den Regeln spielt, der wird über Bord geworfen. Es gibt Ausgrenzung, Verketzerung und dergleichen mehr.

Ich habe viel Angst gesehen, Angst vor Veränderung, Angst vor Fragen, Angst vor Reflektion. Das Dogma des Ablaufs, von dem Buber spricht, ist ein einziger Ausdruck. Ablauf und Dogma gehören zusammen. Es ist ein einziger Begriff, der daraus entsteht, dass der Ablauf immer so bleiben muss, wie es immer war.

Dieses Schwarzweiss-Denken lässt dem Umkehrenden keine Wahl. Er muss aufbrechen. Wer in den alten Gebilden keinen Lebensraum findet, wer von dogmatischen Vorstellungen nur eingeengt ist, der wird (Gott schenke es uns nach Seiner Gnade) aus diesem Spiel austeigen.

Der Ausstieg

«Der Umkehrende wirft die Figuren um

Die Figuren umzuwerfen heisst, dass einer nun aus dem Spiel aussteigt. Der Umkehrende verlässt das Spielfeld des Dogmas. Martin Buber sagt noch mehr dazu: «Das Dogma will dir immerhin erlauben, die Bedingtheit mit dem Leben zu vollstrecken und in der Seele «frei zu bleiben»; aber diese Freiheit erachtet der Umkehrende für die schmählichste Knechtschaft». Denn dies hat der Aussteigende erkannt: Er wäre «frei», unter dem Joch des Dogmas zu bleiben. Doch das ist keine Option.

Das Dogma oder die Tradition will uns erlauben, innerhalb der gesetzten Regeln zu laufen. Das ist sozusagen das Lockangebot: Wir können die Eingrenzung als Freiheit annehmen. Für viele Leute ist gerade das sehr interessant und es dürfte für manche Sekten oder radikale Auslegungen bestimmter Religionen der Hauptgrund sein, weshalb man so viele Menschen gewinnt. Das Denken wird einem abgenommen und den Menschen wird ein Regelwerk gegeben.

Das Dogma erlaubt es, «die Bedingtheit mit dem Leben zu vollstrecken». Das Dogma ist ganz für dich, wenn du innerhalb der Richtlinien bleibst. Diese Unfreiheit wird als «Freiheit» verkauft. Es ist nichts anderes als ein Heilsversprechen. Diese Freiheit jedoch erachtet der Umkehrende für die schmählichste Knechtschaft, weil sie nicht wirklich frei macht. Der Umkehrende steigt aus.

Erneuerung ist gut

Umkehr, und dann? Wie geht es weiter? Der Gemeinde in Rom schreibt Paulus:

«Ich spreche euch nun zu, Brüder (im Hinblick auf die Mitleidserweisungen Gottes), eure Körper als ein lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer bereitzustellen (als euren folgerichtigen Gottesdienst) und euch nicht auf diesen Äon einzustellen, sondern euch umgestalten zu lassen durch die Erneuerung eures Denksinns, damit ihr zu prüfen vermöget, was der Wille Gottes sei – der gute, wohlgefällige und vollkommene.»
Röm 12,1-2

Es wird von einem Prozess gesprochen und davon, den Mut zu haben, sich umgestalten zu lassen. Diese Aussage gehört zum Evangelium. Umdenken und Erneuerung sind «biblisch», wenn man das so sagen will. Es gibt dafür nicht nur diese Bibelstelle in einem Brief vom Apostel Paulus, sondern auch viele weitere Beispiele. Menschen kehren um. Das ist, was Bekehrung heisst. Umdenken ist aber nicht nur für «Ungläubige», sondern – wie hier im Römerbrief – gerade auch für Gläubige. Das ist eine wichtige Erkenntnis, wenn man mit der Annahme aufgewachsen ist, dass alles immer sein muss wie es schon immer war. Die Bibel ist weder rigide noch starr. Wir haben einen lebendigen Gott (1Tim 4,10), der auch uns ganz lebendig sucht (Röm 12,1). Dann müssen wir wohl ein bestimmtes Mass an Lebendigkeit an den Tag legen dürfen.

So wie am Anfang dieses Beitrages die Rede von positiven Änderungen war, so ist auch die Aussage von Paulus hier zu verstehen. Es ist «im Hinblick auf die Mitleidserweisungen Gottes». Das ist ein positiver Blickwinkel. Paulus sucht Menschen für Christus zu gewinnen. Das schliesst ein Umdenken von den Gläubigen mit ein.

Der Umkehrende, das ist der Lebendige. Wer ausbricht, muss nicht der Abtrünnige sein, sondern ist vielleicht der, der den Lebens- und Glaubensraum neu erkennen will. Es ist der, der eine lebendige Beziehung den starren Gepflogenheiten vorzieht, der bessere Antworten sucht, der differenzierter denken möchte und bewusster in der Welt stehen will.

Anregungen zum Gespräch

  • Müssen wir perfekt sein? Weshalb (nicht)?
  • Wie findet geistliches Wachstum statt?
  • Wie findet persönliches Wachstum statt?
  • Kannst Du bei persönlichen Fragen auch selbst zur Bibel greifen und eine Antwort finden, oder brauchst Du Input von aussen. Weshalb?
  • Pflegst Du persönlichen Kontakt mit Menschen ausserhalb deiner Kirche oder Gemeinde?
  • Wenn Abraham heute lebte, könnte er in deiner Gemeinschaft als vollwertiges Mitglied teilnehmen? Schliesslich ist er ja «Vater aller Gläubigen» (Röm 4,16). Oder müsste er noch Bedingungen erfüllen?
  • Abraham glaubte Gott und das wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet (1Mo 15,6). Muss ich sonst noch etwas glauben in meiner Gemeinschaft, damit ich «dazu gehöre»? Geht es um Gleichschaltung? Und wenn das nicht so ist, wie frei ist man, selber nachzudenken?
  • Was braucht es zu einer Kultur des guten und freien Austausches?
  • Wie kannst du Mitmenschen dazu ermutigen, selbst einen Weg des Glaubens zu gehen?
  • Paulus schreibt: «Wenn wir aber wahr sind, sollten wir in Liebe alles zum Wachsen bringen, hinein in Ihn, der das Haupt ist, Christus» (Eph 4,15). Reflektiere «wahr», «in Liebe», «alles», «Wachsen», «hinein in Ihn, der das Haupt ist, Christus».

Saul in Endor

Saul in Endor

Die Aussagen der Bibel über Leben, Tod und Auferstehung sind recht klar und einheitlich: Tote leben nicht. Sie sind tot. Damit wird der Gegensatz von Leben gemeint. Wer dies nicht so sieht, greift auf eine recht begrenzte Auswahl an «anderslautende» Bibelstellen zurück, womit dann das übrige Schriftzeugnis ausser Kraft gesetzt werden soll. Diese Bibelstellen verlangen besondere Beachtung, wenn wir die Schrift im eigenen Kontext verstehen wollen.

 

Bibelstelle

1Sam 28

Thema

Saul besucht eine Frau in Endor, welche einen wahrsagenden Geist hat und die mit ihm eine spiritistische Seance abhält.

Traditionelle Auslegung

Die Frau gibt einen realen Einblick in das Totenreich. Demnach sind die Toten nicht tot, sondern leben munter weiter. Spiritismus? Stört mich nicht!

Gegenargument

Dies ist eine spiritistische Seance, und keinen Einblick in eine Totenwelt.

Begründung

Saul hatte ein Problem. Samuel der Prophet war gestorben. Ihn könnte Saul nicht mehr um Weisheit und Rat bitten. Wahrsager und Totenbeschwörer hatte er aus dem Land vertrieben. Dann erscheinen aber Feinde an der Grenze und dem König rutscht das Herz in die Hose. Was tun? Wer kann weiterhelfen? (1Sam 28,3-5). In dieser Notsituation wendet er sich zum Herrn, aber dieser antwortet nicht, weder durch Träume, noch durch das Los zu werfen, noch durch Propheten (1Sam 28,6). Saul braucht Hilfe. Dann lässt er jemand suchen, der die Toten befragen kann.

Bei der Spiritistin angekommen wünscht Saul, dass Samuel aus dem Tod heraufbeschwört wird. Er sucht demnach einen alten Vertrauten, damit er seine Fragen stellen kann. Tatsächlich erscheint nun Samuel, allerdings heisst es, dass nur die Frau ihn sah. Es entwickelt sich ein Gespräch zwischen Saul, der Frau und Samuel und Saul erhält eine dramatische Antwort.

Wie real die Situation hier auch erschien, die Frau ist ein Medium. Sie sieht vielleicht etwas, aber es ist nicht real. Samuel war tot und wird nun nicht auferweckt. Die Darstellung lässt sich nicht mit einer Auferstehung vergleichen, die es jedoch zu einem neuen Leben brauchen würde! So steht diese Erscheinung in einem seltsamen Licht. Es ist vor allem Saul selbst, der folgert, dass es Samuel ist. Dass jedoch die Quelle auch eine andere sein kann, und hier etwas anderes geschieht, muss nüchtern überlegt werden.

Saul folgert lediglich, dass er Samuel gegenübersteht. Nur das Medium sieht die Erscheinung.

Das Medium hat nicht die Kraft, Menschen aus dem Tod aufzuerwecken. Tote leben nicht. Was hier beschrieben wird ist mit Sicherheit eine reale Erfahrung. Gleichzeitig ist aber nicht klar, dass dies tatsächlich Samuel sein sollte. Nach der Schrift ist dies gar nicht möglich. Gegen solche dämonische Einflüsse wird wiederholt stark gewarnt:

«Ihr sollt euch nicht den Totenbeschwörern und Wahrsagern zuwenden, dass ihr nicht durch sie unrein werdet; ich bin der HERR, euer Gott»
3Mo 19,31

«Wenn du in das Land kommst, das dir der HERR, dein Gott, geben wird, so sollst du nicht lernen, die Gräuel dieser Völker zu tun, dass nicht jemand unter dir gefunden werde, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt oder Wahrsagerei, Hellseherei, geheime Künste oder Zauberei treibt oder Bannungen oder Geisterbeschwörungen oder Zeichendeuterei vornimmt oder die Toten befragt.»
5Mo 18,9-14

Die Abhängigkeit soll von Gott sein, nicht von solchen Praktiken.

 

 


Die Seelen unter dem Altar

Die Seelen unter dem Altar

Die Aussagen der Bibel über Leben, Tod und Auferstehung sind recht klar und einheitlich: Tote leben nicht. Sie sind tot. Damit wird der Gegensatz von Leben gemeint. Wer dies nicht so sieht, greift auf eine recht begrenzte Auswahl an «anderslautende» Bibelstellen zurück, womit dann das übrige Schriftzeugnis ausser Kraft gesetzt werden soll. Diese Bibelstellen verlangen besondere Beachtung, wenn wir die Schrift im eigenen Kontext verstehen wollen.

 

Bibelstelle

Offb 6,9-10

Thema

Johannes beschreibt in der Offenbarung folgendes:

«Als es das fünfte Siegel öffnete, gewahrte ich unten, unter dem Altar, die Seelen derer, die hingeschlachtet waren um des Wortes Gottes und um des Zeugnisses willen, das sie hatten. Und sie schrien mit lauter Stimme: Bis wann, Du unser Eigner, Heiliger und Wahrhaftiger, richtest und rächst Du nicht unser Blut an den auf Erden Wohnenden?»
Offb 6,9-10

Traditionelle Auslegung

Diese hier genannten Menschen sind tot, aber doch schreien sie. Demnach leben sie und demnach sind alle Toten quicklebendig. So einfach ist das. Oder etwa nicht?

Gegenargument

Nicht die Toten schreien, sondern was an sie geschehen ist «schreit zum Himmel». Sie waren «hingeschlachtet» und ihr Blut war auf Erden vergossen. Es ist die Rede von Märtyrer und die Ungerechtigkeit sollte gerächt werden.

Begründung

Das Buch Offenbarung ist voller Bildsprache. So wird in diesem ganzen Kapitel vom «Lamm» gesprochen, welches «Siegel» öffnet. Das Lamm ist ein Bild von Christus. Die Siegel sind Abbildungen von Geschehnissen. Normalerweise kann ein Lamm auch keine Siegel öffnen. Deswegen sollten wir solche Texte aufmerksam lesen.

Wer umgebracht ist schreit nicht mehr. Toten sind still. Das wird in der Schrift ganz deutlich und wiederholt gelehrt. Trotzdem gibt es Bildsprachen, welches das nun so darstellen. Im Vergleich hat auch das Blut von Abel geschrien, nachdem Abel von Kain umgebracht wurde:

«Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.»
1Mo 4,10

Blut hat keine Stimme, aber doch hat das Blut eine Sprache. Es ist eine Bildsprache. Ebenso ist das in der Offenbarung der Fall. Die «Seelen» sprechen von ihrem «Blut». Auch das hat einen Zusammenhang. Die Seele nämlich wird in der Bibel mit dem Blut in Verbindung gebracht (z.B. 1Mo 9,6). Die Seele steht für den ganzen Menschen. Menschen wurden «lebendige Seelen» (1Mo 2,7) und können sterben. Seele ist das, was uns als Mensch ausmacht heute. Es ist unsere Empfindung damit verknüpft und alles, was wir fühlen. Wenn nun die Seele unter dem Altar sind, so ist das ein Bild dafür, dass diese Menschen wegen ihrem Glauben hingerichtet waren, wie es heisst «um des Wortes Gottes und um des Zeugnisses willen».

Auch hier geht es also nicht um einen Todeszustand, sondern es geht um eine Bildsprache, worin Gerechtigkeit für Märtyrer gefordert wird. Das Thema ist die Gerechtigkeit. Das fünfte Siegel hat dies aufgedeckt.

 

 

 


Toten wurde Evangelium verkündigt?

Toten wurde Evangelium verkündigt?

Die Aussagen der Bibel über Leben, Tod und Auferstehung sind recht klar und einheitlich: Tote leben nicht. Sie sind tot. Damit wird der Gegensatz von Leben gemeint. Wer dies nicht so sieht, greift auf eine recht begrenzte Auswahl an «anderslautende» Bibelstellen zurück, womit dann das übrige Schriftzeugnis ausser Kraft gesetzt werden soll. Diese Bibelstellen verlangen besondere Beachtung, wenn wir die Schrift im eigenen Kontext verstehen wollen.

 

Bibelstelle

1Pet 4,6

Thema

Im ersten Petrusbrief steht:

«Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, dass sie zwar nach Menschenweise gerichtet werden im Fleisch, aber nach Gottes Weise leben im Geist.»
1Pet 4,6, Luther 2017)

Traditionelle Auslegung

Auch dieser Text wird gerne dazu zitiert, zu «beweisen», dass Tote nicht tot sind, sondern weiterleben. Passt das nicht wunderbar bei der griechischen Idee eines Totenreiches, worin Tote ein Schattendasein fristen, aber doch noch bei vollem Bewusstsein sind? Bei dieser Ansicht meint man, dass Jesus nach dem Sterben in die Unterwelt abgestiegen ist und dort Scharen von Toten Evangelium verkündigt hat, bevor Er nach drei Tagen wieder auferweckt wurde.

Gegenargument

In einer Nussschale: Den jetzt Toten wurde einst Evangelium verkündigt. Der Verweis wäre also korrekt: Im Hinweis auf diejenigen die jetzt tot sind spricht Petrus davon, dass ihnen Evangelium verkündigt wurde. Dazumal waren sie jedoch am Leben. Es ist eine korrekte Beschreibung und eine Bildsprache.

Begründung

Der Text im Kontext gelesen bringt ganz andere Aussagen ans Licht: Zentral stehen hier nicht die Toten oder eine Lehre über den Tod, sondern das Thema ist das Märtyrertum der Gläubigen:

«Da nun Christus für uns im Fleisch litt, wappnet auch ihr euch mit denselben Gedanken.»
1Pet 4,1

Petrus beschreibt in den folgenden Versen, dass sich die Lebenshaltung der Gläubigen geändert hat. Sie stehen anders im Leben als früher. Einst lebten sie ähnlich wie die Nationen, mit Ausschweifung, Begierden, Trinkgelagen und ähnliches. Nun aber haben sie durch Vertrauen auf Gott und Seinem Wort ihr Leben geändert. Die aus den Nationen haben das gesehen und sich darüber gewundert:

«Das befremdet sie, dass ihr nicht mehr durch dieselbe Pfütze der Liederlichkeit mit ihnen lauft, und darum lästern sie euch.»
1Pet 4,4

Über diese zwei Gruppen spricht Petrus also: Einerseits die Gläubigen, die ähnlich wie Christus Übles erleiden. Andererseits gibt es die Spötter, die den Weitblick des Glaubens nicht erfahren haben. Über diese sagt Petrus jetzt:

«Doch werden sie Rechenschaft erstatten dem, der sich bereithält, Lebende und Tote zu richten. Denn dazu wurde auch Toten Evangelium verkündigt, damit sie zwar dem Fleische nach als Menschen gerichtet würden, dem Geist nach aber Gott gemäss leben.»
1Pet 4,5-6

Das erste «sie» betrifft die Widerstrebenden aus den Nationen. Sie werden sich vor Gott verantworten müssen. Die anderen jedoch, welche wegen ihrem Glauben umgebracht wurden, haben einst Evangelium gehört. Sie wurden zwar gerichtet, aber leben nun vor Gott – nämlich im Hinblick auf die Auferstehung. Vergleiche dazu auch Mt 22,31-32 (Beitrag: «Gott ist nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebendigen»).

Zusammenfassend: Die Verkündigung des Evangeliums war demnach während ihrem Leben. Mit einer Verkündigung an «jetzt» Toten hat es nichts zu tun. Man kann mit dieser Bibelstelle ein «Leben im Tod» nicht begründen.

 

 

 


Gottes Kraft zur Rettung

Das Evangelium ist Gottes Kraft zur Rettung

Paulus setzt über den Römerbrief so etwas wie einen Gesamttitel. Er beschreibt seine Verkündigung mit einem kernigen Ausdruck und sagt, das Evangelium sei eine «Gotteskraft zur Rettung». Man kann diesen Ausdruck als Titel über den Römerbrief sehen, denn alles Weitere betrifft nur die Details.

«Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Gotteskraft zur Rettung für jeden Glaubenden, dem Juden zuerst wie auch dem Griechen. Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin enthüllt aus Glauben für Glauben, so wie es geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben»
Röm 1,16-17

Diese Verse tragen also bereits den Kern des Briefes in sich. Wir können aus diesen Versen einiges lernen.

Denn ich schäme mich nicht

«Denn ich schäme mich nicht…». Mit diesen Worten schliesst Paulus an die vorherigen Sätze an. Wenn er darauf eine prägnante Kurzfassung des Evangeliums schreibt, so hat dies einen Hintergrund. Der Hinweis darauf, dass er sich nicht schämt, zeigt, dass es hier um seine persönliche Erfahrung geht. Paulus selbst schämt sich nicht für das Evangelium. Er weiss nämlich, um was es geht, und warum er jetzt an die Römer schreibt. Es ist eine Aussage voller Kraft und Zuversicht, wenn er anschliessend die Begründung formuliert. Hier aber fing es an:

«Den Griechen wie auch Nichtgriechen, den Weisen wie auch den Unvernünftigen gegenüber bin ich ein Schuldner. Daher also das Verlangen bei mir, auch euch, denen in Rom, Evangelium zu verkündigen»
Röm 1,14-15

Wie kommt es, dass Paulus sich als Schuldner sieht? Das hat alles mit seiner Geschichte zu tun und was er früher einmal war. Dies beschreibt er später in seinem Brief an Timotheus:

«Dankbarkeit habe ich gegenüber dem, der mich mächtig macht, Christus Jesus, unserem Herrn, weil er mich für treu erachtet und in den Dienst eingesetzt hat, der ich zuvor ein Lästerer, Verfolger und Frevler war. Ich habe jedoch Erbarmen erlangt, weil ich es unwissend tat, im Unglauben. Überwältigend aber ist die Gnade unseres Herrn, mit Glauben und Liebe, die in Christus Jesus ist. Glaubwürdig ist das Wort und jeden Willkommens wert, dass Christus Jesus in die Welt kam, um Sünder zu retten, von denen ich der erste bin.  Jedoch, ebendeshalb erlangte ich Erbarmen, auf dass Jesus Christus an mir, als erstem, sämtliche Geduld zur Schau stelle, denen als Muster, die künftig an Ihn glauben, zu ewigem (äonischem) Leben.»
1Tim 1,12-16

Paulus verknüpft sein früheres Verhalten mit der erhaltenen Gnade. Der Apostel verweist immer wieder darauf, dass er einst die Gemeinde verfolgte (1Kor 15,9, Gal 1,13, Gal 1,23, Phil 3,6). Ebenfalls verknüpft er es mit der Erkenntnis, dass Jesus Christus in die Welt kam, um Sünder zu retten, von denen er sich selbst als Rang-Erster betrachtete. Dem biblischen Wortlaut nach gibt es keinen anderen, der ihm diesen Rang ablaufen könnte. Paulus war der schlimmste Sünder. Und weil er das war, konnte er auf ungeahnte Art ein Vorbild der Gnade für alle anderen werden, die nach ihm zum Glauben finden würden.

Gnade ist unverdiente Gunst. Gnade ist das, was bei einem Gerichtsfall erwiesen wird, wenn der Schuldnachweis erbracht ist. Man wird für schuldig befunden, aber begnadet. Als wäre man zum Tode verurteilt, aber man wird begnadigt und erhält sein Leben zurück. Es ist ein neues Leben. Bei Paulus leuchtet die Gnade Gottes besonders stark auf. Dies nun ist der Hintergrund, wenn Paulus im Römerbrief darüber spricht, dass er allen Menschen gegenüber ein Schuldner ist. Er weiss aus eigener Erfahrung, von wem und wozu er Gnade erhielt.

«Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Gotteskraft zur Rettung für jeden Glaubenden, dem Juden zuerst wie auch dem Griechen»
Röm 1,16

Gotteskraft

Es ist bemerkenswert, dass das Evangelium als Gotteskraft zur Rettung angesehen wird. Es ist also keine Menschenweisheit und keine Eigenleistung, welche uns die Rettung von unserer Unzulänglichkeit und die Wiederherstellung der Gottesbeziehung schenkt. Rettung ist Gottes Werk. Deshalb ist es für uns «aus Gnaden, nicht aus Werken» (Röm 3,24Röm 3,28; Röm 11,6 u.a.).

Aber halt! Oft wird dies ganz anders dargestellt. Einige meinen, das Gesetz muss gehalten werden, während andere behaupten, es muss eine Glaubensleistung erbracht werden. Die freimachende Gnade Gottes wird in der Verkündigung und im eigenen Empfinden oft von unserem eigenen Tun und Lassen abhängig gemacht. Es werden Bedingungen aufgestellt, die es zu erfüllen gilt. Gerade das aber spricht Paulus hier an. Es gibt keine Bedingungen unsererseits zu erfüllen, sondern alle Bedingungen zur Rettung hat Gott selbst erfüllt. Es ist Seine Kraft zur Rettung, nicht meine Kraft. Im Evangelium geht es um das, was Gott macht, und nicht um das, was ich mache. Das kann nicht genug betont werden. Er schreibt:

«Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin [im Evangelium] enthüllt…»
Röm 1,17

Damit es ja keiner falsch versteht, schreibt Paulus klipp und klar, dass es in der Verkündigung des Evangeliums nicht um unsere Gerechtigkeit, sondern um Gottes Gerechtigkeit geht. Das ist keine Gerechtigkeit, die wir zu erfüllen oder zu bewirken hätten (wir könnten das nicht), sondern es ist die Gerechtigkeit, die Gott selbst in Christus bewirkt hat, und die nun das Wesen des Evangeliums ausmacht. Gott Selbst hat Rettung und Gerechtigkeit bewirkt, und das ist die frohe Botschaft.

Wenn wir Gnade so darstellen wie es die Bibel tut, dann löst das vielfach Angst oder Ablehnung aus. Es gibt Unmengen an falschen Folgerungen, die beispielsweise so lauten:

  • Wenn es umsonst ist, dann ist es zu einfach.
  • Wenn ich mich selbst nicht anstrengen muss und aus Gnaden alles erhalte, dann kann ich ja machen, was ich will.
  • Ich muss ja gar nicht glauben, wenn es sowieso gratis ist.

Im englischen Sprachraum gibt es die Aussage «There is no such a thing as a free lunch». Damit will man klarstellen, dass irgendjemand immer bezahlt. Und das stimmt auch. Gnade ist nicht kostenlos. Der Preis aber dafür wurde bereits bezahlt. Das ist gerade die frohe Botschaft: Es wurde bezahlt, und nun ist es für uns umsonst. Es ist ein wahres Geschenk. Wir müssen nicht nochmals bezahlen. Es ist nicht billig, aber es wurde bereits geregelt. Wer also selber noch etwas leisten will, hat die Gnade Gottes noch nicht erkannt. Es ist der fromme Mensch, der unbefreite Mensch, der viel lieber auf eigene Leistung statt auf Gottes Leistung vertraut.

Wirkliche Gnade Gottes löst bei manchen Menschen Angst aus. Zu gross erscheint die Freiheit. Gnade ist jedoch auch das Ende aller falschen Frömmigkeit. Gnade ist der Abschied von eigenen Werken und eigener Leistung. Gnade ist das Vertrauen auf Gottes Werk allein. Wer Bestätigung aus eigener Leistung sucht, wird nicht bei der Gnade Gottes landen. Die Gerechtigkeit und Gnade Gottes stehen sogar in direktem Widerspruch zu jeder Form von Religiosität. Deshalb wird so wenig von Gnade gesprochen. Gnade zu 50% oder vielleicht 80% geht noch. Aber 100% Gnade ist zuviel. – Wirkliche Gnade gibt es aber nur zu 100% und nicht anders.

Gnade ist das Ende aller falschen Frömmigkeit.

In der Praxis der Verkündigung findet deshalb oft eine Verknüpfung von Gesetz und Gnade statt. Es gibt ein bisschen Gnade, und auch ein bisschen eigene Leistung. Das entspricht dem religiösen Menschen und dieser spricht darauf an. Erfolgskonzepte für Gemeindewachstum beispielsweise werden immer die Leistung des Menschen einbeziehen. Eine Mischung aus zwei verschiedenen Töpfen lässt sich besser verkaufen. Es ist ein Mischevangelium, wenn es wie folgt tönt: «Rettung ist aus Gnaden, aber du musst zuerst einen (den!) Glaubensschritt machen, du musst zuerst dieses oder jenes tun oder lassen...». Lassen wir das mal einsinken. Das ist eine toxische Mischung.

Aberglaube und Leistungsevangelium

Ich habe es unzählige Male gehört, in Predigten, Gesprächen, Evangelisationsveranstaltungen. Ich habe es gelesen in Büchern, gehört in Vorträgen. Es ist eine grundlegende Ideologie in vielen Kreisen. Du musst glauben! Du musst den Schritt machen! Glauben wird zur magischen menschlichen Leistung erhoben, ohne die Gott nicht wirken kann. Glaube wird zum Werk. Den wenigsten fällt auf, dass Jesus Glaube nie als Eigenleistung formuliert hat, noch haben es die Apostel so gepredigt. Es war auch in der Tenach nie anders. Glaube war immer ein schlichtes Vertrauen. Die Ideologie sagt jedoch: Es ist zwar alles aus Gnade, aber ohne Werke kannst Du vor Gott nicht gerecht werden. Du musst «glauben», als würde das bei Gott den Kippschalter der göttlichen Annahme betätigen. Das Chaos ist perfekt. Gott wurde entthront und der Mensch muss Leistung erbringen.

Das ist ein Aber-Glauben. Es ist ein Leistungsevangelium. Zutiefst ist es auch eine Drohbotschaft. Eine solche Ideologie ist eine Vermischung von Gesetz und Gnade, von verschiedenen Bibelstellen und Halbwahrheiten, die es in der Bibel als Verkündigung so nicht gibt. Dies ist kein echtes Evangelium und wird deshalb von Paulus unter den Bann gestellt (Gal 1,6-9). Paulus hatte mehrfach damit zu kämpfen. Alle eigene Leistung im religiösen Bereich definiert er unmissverständlich als fromme Eigenleistung, lediglich «zur Befriedigung des Fleisches» (siehe Kol 2,8-23).

Gottes Gerechtigkeit in Christus ist radikal anders und braucht keine Ergänzung. Wer Gottes Gerechtigkeit ergänzen will, verkennt Sein Werk. So lesen wir es bei Paulus.

Reine Gnade tönt für viele jedoch gefährlich. Braucht es dann noch die menschliche Verantwortung? Wäre das kein Freibrief für Anarchismus? Könnten wir dann nicht machen, was wir wollten? So wird das manchmal undifferenziert dargestellt. Wenn Gnade wirklich so radikal, so umfassend ist, dann wäre es gar nicht nötig, sich anzustrengen. Man stellt also Folgerungen über die Gnade auf und denkt vom eigenen Unvermögen aus. Reine Gnade soll den Menschen dazu verführen, unverantwortlich oder gar unmoralisch zu leben? Tatsächlich? Das ist doch nicht mehr als eine Lästerung des Evangeliums, wie sie Paulus bereits korrigiert:

«Und warum sagen wir dann nicht (wie man uns lästert und wie ja einige behaupten, dass wir sagen): Mögen wir Übles tun, damit Gutes dabei herauskomme? Das Urteil über sie ist berechtigt!»
Röm 3,8

Gnade ist ganz anders

Gnade ist ganz anders. Gnade erzieht:

«Denn erschienen ist die Gnade Gottes, allen Menschen zur Rettung, sie erzieht uns, die Unfrömmigkeit und die weltlichen Begierden zu verleugnen, damit wir vernünftig, gerecht und fromm in dem jetzigen Äon (Zeitalter) leben mögen…»
Tit 2,12-15

Wer aus Angst vor Entgleistungen auf Gnade verzichten möchte, steht auf einem Irrweg. Auf eine gesunde Verkündigung kommt es an. Eine gesunde Verkündigung baut nie auf unser Wirken auf, sondern stets auf Gottes Wirken. Das ist der Fokus, den Paulus hier im Römerbrief setzt. Wir sollten Christus als Fundament wählen und dann zusehen, wie wir darauf bauen (1Kor 3,10-15). Dast ist keine Eigenleistung, das ist kein Verdienst, sondern es ist die logische Folge der Gnade Gottes (Röm 1,1-5; Röm 1,16-17; Röm 12,1-2). Unser Leben wird dann die Antwort auf Gottes Gnaden formulieren.

Hier ist der Kern: Gottes Gerechtigkeit wurde am Kreuz 100% Genüge getan, weshalb es 100% Gnade geben kann. Alles andere ist bloss Abklatsch. Gehen wir aufs Ganze. Vertrauen wir auf Gottes Wirken in Christus Jesus (Röm 3,24). Das wird unser Leben von Grund auf erneuern.

«Ich will jauchzen und mich freuen über deine Gnade, dass du mein Elend angesehen, die Bedrängnisse meiner Seele erkannt hast, dass du mich nicht überliefert hast in die Hand des Feindes, sondern meine Füße auf weiten Raum gestellt hast.»
Psalm 31,8-9

Vertiefung


Themen in der Übersicht

Die Themen in der Übersicht


Eine aktuelle Übersicht der Kategorien und Themen auf kernbeisser.ch

Bei einer wachsenden Anzahl Beiträgen werden immer wieder neue Themen aufgeschaltet, welche verschiedene Beiträge zusammenfassen. Sie lassen sich als Einstiegsseiten nutzen. Hier eine aktuelle Liste aller Themen und Kategorien. Manche Beiträge erscheinen auch in mehreren Kategorien.

Es gibt also mehrere Möglichkeiten bestimmte Beiträge zu finden. Nutzen Sie auch die Suchfunktion oben an jeder Seite.


Wir wissen nicht, was wir beten sollen

Wir wissen nicht, was wir beten sollen

Wissen Sie, was wir beten sollen?

Offen gestanden weiss ich es oft nicht. Mir bleiben angesichts so mancher Erlebnisse einfach die Worte im Hals stecken. Ich möchte mich gerne an meinem Gott und Vater wenden, aber ich stehe meist mit leeren Händen und ohne Worte da. Paulus schreibt im Römerbrief:

«…denn wir wissen nicht, was wir bitten sollen…»
Röm 8,26 Rev. Elbf.

Selbstverständlich steht diese Aussage nicht in einem luftleeren Raum. Wir können einen solchen Text nicht einfach aus dem Zusammenhang reissen und willkürlich auslegen. Paulus jedoch, als von Gott berufener Apostel (Röm 1,1), weiss eben auch nicht alles. Wenn man vielleicht gewohnt ist, dass manche Gläubige «alles zu wissen scheinen», so steht Paulus an einer anderen Position und sagt unmissverständlich, dass er etwas nicht weiss. Und nicht nur er weiss etwas nicht. Er sagt ganz ausdrücklich «wir wissen nicht». Damit schliesst er die Gläubigen mit ein. Es ist eine Aussage über den aktuellen Glaubensstand, ebenso wie ein Abbild des realen Lebens. Ich finde das erstaunlich. Es betrifft ihn, und ebenso betrifft es die Gemeinden, worin Menschen aller Lebenslagen zusammenfinden.

Paulus sagt nicht, dass man nicht wissen kann – er ist kein Agnost. Nur etwas weiss er nicht, und das beschreibt er hier im Römerbrief. Wir kommen gleich dazu. Allgemein gesagt bewegen wir uns vermutlich zwischen «alles wissen» und «nichts wissen». Das macht uns zu Menschen. Wir sind im Verständnis begrenzt. Wir wissen beispielsweise nicht, was morgen ist. Etwas wissen wir und anderes eben (noch) nicht. Weil das so ist können wir auch dazulernen, gibt es Wachstum und Entwicklung. Auf einen bestimmten Zeitpunkt reduziert können wir aber durchaus zur Einsicht gelangen, dass wir jetzt gerade nicht alles wissen. Das trifft auch für das Gebet zu und es kann einer Befreiung gleich kommen.

Gebet für den Dienst

Menschen sprechen mit Gott. Gebet ist die natürliche Hinwendung eines Menschen zu Gott. Es gibt davon unzählige Beispiele in der ganzen Schrift. Von Jesus wissen wir, dass Er sich immer wieder zurückzog, um zu beten:

«In diesen Tagen geschah es, dass Er [Jesus] auf einen Berg ging, um zu beten; und Er wachte die Nacht hindurch im Gebet zu Gott».
Lk 6,12 KNT

Nach dieser Nacht im Gebet gewacht zu haben, wurden am nächsten Tag die 12 Apostel ausgewählt (Lk 6,13). Das Gebet war die Vorbereitung dazu. Es war ein «wachen» im Gebet zu Gott. Wie das genau abgelaufen ist wird nicht berichtet, aber es ist diese Zwiesprache mit Gott, ein Hinhören und darin Gott Raum geben, damit auch Weisung für bevorstehende Aufgaben erhalten wurde.

Als Petrus gefangen genommen war, hiess es, dass die Gemeinde sich «inbrünstig» für ihn im Gebet an Gott wandte. Das Gebet für jemand findet hier Ausdruck, wohl auch im Hinblick auf den Dienst des Petrus und die Aufgabe, die er in der Gemeinde in Jerusalem erfüllte.

«Daher wurde Petrus inzwischen im Gefängnis verwahrt, während von der herausgerufenen Gemeinde inbrünstig für ihn zu Gott gebetet wurde.»
Apg 12,5 KNT

Paulus schreibt an den Römer, sie mögen sich doch auch für ihn im Gebet einsetzen und spricht dabei von seinem Dienst:

«Ich spreche euch aber zu, meine Brüder, durch unseren Herrn Jesus Christus und durch die Liebe des Geistes, mit mir in den Gebeten für mich zu Gott zu ringen, dass ich vor den Widerspenstigen in Judäa geboren werde und mein Dienst für Jerusalem den Heiligen dort wohlannehmbar werde, damit ich durch Gottes Willen mit Freuden zu euch kommen und mit euch Ruhe finden möge.»
Röm 15,30-32 KNT

Auffällig bei dieser Auswahl ist die Erwähnung speziell für die Ausübung eines Dienstes, im Einklang mit Gottes Wirken. Nicht immer ist das jedoch so offensichtlich, und manchmal haben wir selbst ganz einfache Wünsche, die ganz und gar nichts mit herausragenden Aufgaben zu tun haben. Manchmal ist es der Dank eines überfliessenden Herzens, manchmal auch das Staunen über Gottes Wirken oder der Aufschrei aus tiefer Not. All das gehört zu uns und findet im Gebet einen angemessenen Ausdruck.

Wortschwall und magisches Denken

Wie nun beten wir? Da habe ich schon ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. So unterschiedlich diese Erfahrungen waren, so unterschiedlich war dahinter auch das Verständnis von Gottes Wirken. Manche Schweigen, weil in der Stille die Begegnung liegt. Andere reden, weil kraftvolles Beten offenbar viel vermag. Oft habe ich einen Wortschwall gehört, auch bei mir selbst, bis mir das irgendwann albern erschien. Gott weiss doch was wir benötigen, bevor wir es aussprechen?

«Und es wird geschehen: Ehe sie rufen, werde ich antworten; während sie noch reden, werde ich hören.»
Jes 65,24

«Gott, euer Vater, weiss, wessen ihr bedürft, bevor ihr Ihn bittet»
Mt 6,8 KNT

Es liegt also bestimmt nicht am Wortschwall, ob Gott uns hört oder nicht hört. Es ist nicht die Menge der Wörter, es ist nicht die Dauer des Gebets, es ist nicht das ununterbrochene Flehen, welches «Gott in Bewegung setzt». Am Wortschwall liegt es nicht ob Gott uns in unserem Flehen annimmt. Er ist eben Gott und steht weit über solche Ansichten. Er nimmt uns bereits an bevor wir beten. Es liegt bestimmt nicht daran ob wir «richtig» oder «falsch» beten, etwas tun oder nicht tun. Wer das meint, steht in einem magischen Denken, als könne man Gottes Arm bewegen wenn wir auf diesen oder jenen «Knopf» drücken. Auch wer sich in bester Absicht auf bestimmte Bibelverse bezieht, um damit Gottes Wirken «heraufzubeschwören» steht nicht in einer Beziehung. Jesus hat nie Gottes Wirken heraufbeschwört. Er hat gewacht im Gebet, um Weisung zu erhalten, um Sein Herz und Seine Angst im Gebet vor Ihm auszuschütten (Mt 26,36-46). Jesus hat sich vor allem Gottes Willen unterstellt:

«Und ein klein wenig vorausgehend, fiel Er auf Sein Angesicht und betete: "Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Becher an Mir vorüber! Indes nicht wie Ich will, sondern wie Du willst!"»
Mt 26,39

Das war ein einfaches Gebet. Es war weder ein Wortschwall, wie ich das in Gebetsstunden und an vielen anderen Orten immer wieder gehört habe, noch war es ein Heraufbeschwören von Gottes Handeln. Jesus trat in die Beziehung ein. Alles weitere legt Er in die Hände Seines Vaters zurück.

Wir wissen nicht, was wir beten sollen

Wenn Paulus in Römer 8 erwähnt, dass wir nicht wissen, was wir beten sollen, so steht diese Aussage am Schluss von 8 Kapiteln, worin der Apostel die Grundlagen des Evangeliums erklärt. Die Hochs und Tiefs der menschlichen Natur wurden bereits behandelt, so auch Gottes Gerechtigkeit, die Versöhnung, die Bedeutung Seiner Gnade und die Auswirkungen in unserem Leben. Am Schluss dieses Kapitels kulminiert die Aussage in folgende Zusammenfassung:

«Was wollen wir nun dazu vorbringen? Wenn Gott für uns ist, wer kann wider uns sein? Er, der doch Seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern Ihn für uns alle dahingegeben hat, wie sollte Er uns nicht auch mit Ihm dies alles in Gnaden gewähren? Wer wird die Auserwählten Gottes bezichtigen? Etwa Gott, der Rechtfertiger? Wer sollte sie verurteilen? Etwa Christus Jesus, der gestorben, ja vielmehr auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist, der Sich auch für uns verwendet? Was wird uns von der Liebe Gottes scheiden, die in Christus Jesus ist? Drangsal oder Druck und Verfolgung, Hunger oder Blösse, Gefahr oder Schwert? (…) Denn ich bin überzeugt, das weder Tod noch Leben, weder Boten noch Fürstlichkeiten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Mächte, weder Höhe noch Tiefe, noch irgendeine andere Schöpfung uns werden scheiden können von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.»
Röm 8,31-39

Es ist ein gewaltiger Ausblick, eine umwerfend umfassende Zuversicht auf Gottes Wirken. Das ist der Kern des Römerbriefes, die Zusammenfassung von allem, was Paulus den Römern über das Evangelium sagen will. Gott ist für uns. Christus ist der Beweis. Nichts wird uns von Gott trennen können. Seine Aussage, dass wir nicht wissen, was wir beten sollen, steht auf dem Weg die bis zu dieser Erklärung führt.

Man müsste eigentlich den Römerbrief bis hierhin lesen, um Schritt für Schritt den Reichtum darin zu entdecken. Dafür reicht der Platz in dieser kurzen Betrachtung leider nicht aus. Wir können zumindest einiges aus dem gleichen Kapitel als Anregung für die eigene Betrachtung hervorheben. So schreibt Paulus:

«Denn ihr erhieltet nicht den Geist der Sklaverei, wiederum zur Furcht; sondern ihr erhieltet den Geist des Sohnesstandes, in welchem wir laut rufen: Abba, Vater! – Der Geist selbst bezeugt mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind…»
Röm 8,15-16

Gottes Geist bezeugt mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Wir erkennen uns als Teil der Familie Gottes. Es kommt zur Begegnung mit dem lebendigen Gott, zur Realisierung Seiner Gnade in Christus Jesus. Gleich anschliessend jedoch beschreibt der Apostel unsere Position in dieser Welt. Trotz der hohen Stellung im Sohnesstand stehen wir in einer Welt voller Leiden. Wir selbst haben keinen Geist der Sklaverei, aber die Welt steht in einer Sklaverei der Vergänglichkeit. Während unser Geist befreit sein darf, stehen wir andererseits ebenso fest in und auf dieser Welt. Beides ist wahr. Darin ist Paulus sehr nüchtern. Die Welt seufzt und ist wie in Wehen, wie auch wir selbst, um aus dieser Sklaverei befreit zu werden (Röm 8,21-22). Vieles ist erahnt, aber noch ist die Befreiung nicht da. Es gibt eine Erwartung, aber noch keine Erfüllung.

Gegen diesen Hintergrund nun heisst es:

«In derselben Weise aber hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf; denn das, was wir beten sollten (in Übereinstimmung mit dem, was sein muss), wissen wir nicht: sondern der Geist selbst verwendet sich für uns mit unausgesprochenem Ächzen.»
Röm 8,26

Wir wissen nicht, was wir beten sollen, weil wir im Anbetracht dieser Welt und der vielen Leiden darin gar nichts richtig einschätzen können. Es übersteigt unsere Vorstellungskraft. Wir können anderen Menschen helfen, wir können Positives beitragen, aber wenn es darum geht wie es wirklich weiter geht, was nötig ist, dann wissen wir das nicht. Wir haben keine Ahnung. Und diese Haltung passt zu uns. Uns fehlt der Überblick. Wir wissen nicht, was sein muss im grossen Gefüge der Weltgeschichte. Wir stehen als viel kleinere Menschen im Hier und Jetzt. Weder Wortschwall noch magisches Denken helfen da weiter. Damit versucht man nur Gott zu steuern. Das funktioniert jedoch nicht. Wir wissen nicht, was morgen wirklich am besten ist. Uns fehlen die Worte für unsere eigene Not und für die Not der Welt. Einen Tröster aber haben wir und eine Unterstützung von Gott selbst. Gottes Geist nämlich verwendet sich für uns, heisst es, «mit unausgesprochenem Ächzen». Darin ist etwas tröstliches. Denn nicht alles kann gesagt werden. Nicht einmal Gottes Geist kann oder will alles sagen. Sogar der Geist selbst fleht für uns mit unausgesprochenem Seufzen.

In diesem Moment können wir loslassen lernen. Wenn die Worte fehlen, wenn der Ausblick grimmig erscheint, wenn die Not unsere Kräfte übersteigt, wenn unsere Weisheit nicht ausreicht für die Herausforderungen auf unserem Weg, dann verwendet sich der Geist selbst für uns. Nun Paulus diese Worte gesprochen hat, fängt er mit der Zusammenfassung an. Er möchte klarstellen, dass Gott für uns ist. Da sind die Leiden dieser Welt sicher aufgehoben, denn Gott wirkt auf ein Ziel zu, nämlich «dass auch die Schöpfung selbst befreit werden wird von der Sklaverei der Vergänglichkeit zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes» (Röm 8,21).

Gott ist für uns, nie gegen uns. Gott ist für Dich und mich, und Er wird alles auswirken entsprechend Seiner Liebe in Christus Jesus.

Vertiefung


Den Geistern im Gefängnis gepredigt?

Den Geistern im Gefängnis gepredigt

Die Aussagen der Bibel über Leben, Tod und Auferstehung sind recht klar und einheitlich: Tote leben nicht. Sie sind tot. Damit wird der Gegensatz von Leben gemeint. Wer dies nicht so sieht, greift auf eine recht begrenzte Auswahl an «anderslautende» Bibelstellen zurück, womit dann das übrige Schriftzeugnis ausser Kraft gesetzt werden soll. Diese Bibelstellen verlangen besondere Beachtung, wenn wir die Schrift im eigenen Kontext verstehen wollen.

 

Bibelstelle

1Pet 3,19

Thema

Petrus schreibt: «Er ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist. In ihm ist er auch hingegangen und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis, die einst ungehorsam waren, als Gott in Geduld ausharrte zur Zeit Noahs, als man die Arche baute, in der wenige, nämlich acht Seelen, gerettet wurden durchs Wasser hindurch» (1Pet 3,19-20, Luther 2017).

Hat Jesus den Toten gepredigt?

Traditionelle Auslegung

Dieser Textabschnitt wird so interpretiert, dass Jesus nach Seinem Tod «Geistern im Gefängnis» gepredigt hat. Dabei wird dann gedacht an irgendwelche Geistern von Menschen aus der Zeit Noahs. Damit sei nun bewiesen, dass die Toten leben.

Gegenargument

Zwei Dinge sprechen gegen diese Auslegung:

  1. Diese Predigt geschieht nicht im Tod, sondern erst, nachdem Jesus «lebendig gemacht war nach dem Geist», also nach der Auferstehung. Lebendigmachung betrifft die Auferstehung jenseits der Kraft des Todes.
  2. Menschen werden nie Geister genannt, sondern Seelen. Es ist auch der ganze Mensch der stirbt und nicht nur ein Teil von ihm. Der Lebensgeist (das ist nicht die Seele) kehrt nach Gott zurück, und landet nicht irgendwie in einer Unterwelt.

Begründung

Der Kontext spricht davon, dass es besser ist «für Gutestun zu leiden als für Üblestun» (1Pet 3,17). Danach zitiert der Apostel Christus als Beispiel, Der zwar gelitten hat, aber auch wieder lebendiggemacht wurde. Das ist der Ausblick, der hier vermittelt wird: Christus hatte eine Zukunft, auch wenn Er getötet wurde. Er wurde lebendig gemacht. Er wurde über alle Andere erhöht, wie es zwei Verse weiter heisst: «[Jesus Christus], der zur Rechten Gottest ist, seitdem Er in den Himmel ging und Boten, Obrigkeiten und Mächte Ihm ungergeordnet sind» (1Pet 3,22, vgl. Eph 1,20-21).

Wer nun mit den Geistern im Gefängnis gemeint wird ist schwer zu sagen. Menschen sind es nicht, denn Menschen sind keine Geistern. Im Tod ist es auch nicht, denn diese Rede spricht davon, dass Er zuerst lebendiggemacht wurde. Im Kontext wird auf Seine Herrschaft über alle Mächte und Kräfte Bezug genommen.

Es ist ausserdem keine Evangeliumsverkündigung, keine «Frohe Botschaft», sondern Er hat «gepredigt» oder «verkündigt», was einer Bekanntmachung entspricht.

Es geht in diesem Abschnitt ebenfalls nicht über die Verkündigung – das Thema ist die Erfahrung des Üblen, weil man Gutes getan hat. Christus ist nur das Beispiel. Sein «predigen» ist Teil dieses Beispiels, nicht der Kern der Aussage. Es ist sozusagen eine Erläuterung des Themas und kein eigenes Thema. Damit stehen diese «Geister im Gefängnis» nur noch in einem ganz grossen Kontext, worin Christus über alle steht und – wie es Paulus beschreibt – einst alle zu Seinem Gott und Vater hinführt (1Kor 15,24-28).


Lust aus der Welt zu scheiden?

Hatte Paulus «Lust aus der Welt zu scheiden»?

Die Aussagen der Bibel über Leben, Tod und Auferstehung sind recht klar und einheitlich: Tote leben nicht. Sie sind tot. Damit wird der Gegensatz von Leben gemeint. Wer dies nicht so sieht, greift auf eine recht begrenzte Auswahl an «anderslautende» Bibelstellen zurück, womit dann das übrige Schriftzeugnis ausser Kraft gesetzt werden soll. Diese Bibelstellen verlangen besondere Beachtung, wenn wir die Schrift im eigenen Kontext verstehen wollen.

Bibelstelle

Phil 1,23

Thema

Im Bemühen darum, der Tod als Leben darzustellen wird dieses Zitat von Paulus genannt: «Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre» (Phil 1,23).

Traditionelle Auslegung

Nach traditioneller Auslegung sollte Paulus fast so etwas wie eine Todessehnsucht haben. Sagt er in dieser Stelle nicht, dass es viel besser sei zu sterben, denn dadurch sollte man «bei Christus sein»? Geht es hier um eine Todessehnsucht, die als «Christussehnsucht» fromm verpackt wird? Sterben ist super! Man lebt dann einfach bei Christus.

Gegenargument

Erneut wird hier der Text ohne Kontext betrachtet. Paulus hat keine Todessehnsucht, wohl aber eine Sehnsucht nach Christus. Was immer mit ihm passieren würde, so möchte er mit seinem Körper Christus verherrlichen. Am liebsten jedoch möchte er mit Christus zusammensein und erhofft er sich die Rückkehr Christi.

Begründung

Paulus schreibt den Philippen, dass er eine Vorahnung und Zuversicht hat, Christus durch seinen Körper zu verherrlichen, «sei es durch Leben oder Tod». Das ist sozusagen der Kontext, der Anfang des Zusammenhangs. Lesen wir hier sorgfältig, um was es geht. Denn, sagt er, «mir ist das Leben Christus, und das Sterben Gewinn» (Phil 1,19-21). Das Leben gibt ihm die Möglichkeit die Gemeinden zu dienen und Christus auf diese Art zu verherrlichen. So schreibt er: «Wenn es aber das Leben im Fleisch ist, so bedeutet dies für mich Frucht in der Arbeit» (Phil 1,22).

Wenn er jedoch einen Märtyrertod sterben würde, so wäre das ebenfalls Gewinn –nämlich für Christus! Der Gewinn wäre nicht für ihn selbst, sondern für Seinen Herrn. Der Apostel skizziert hier zwei Möglichkeiten, und wie er diese Möglichkeiten zu sehen und zu verstehen wünscht. Wenn er nun Leben und Tod als zwei mögliche Szenarien voraussieht, so macht er doch nicht bekannt, was er von diesen zwei bevorzugt. «Und was ich vorziehen werde, mache ich nicht bekannt» (Phil 1,22). Stattdessen aber spricht er von etwas anderem:

«(Ich werde aber aus den zweien gedrängt, in dem ich das Verlangen nach der Auflösung und dem Zusammensein mit Christus habe; denn das wäre bei weitem das beste für mich). Aber das Verbleiben im Fleisch ist notwendiger um euretwillen»
Phil 1,23-24

Der Apostel wird «aus den zweien gedrängt», nämlich aus den Optionen Leben und Tod, und er beschreibt das das Verlangen nach einer dritten Möglichkeit: Das direkte Zusammensein mit Christus. Das wäre weder Tod noch Leben, sondern es wäre durch Rückkehr Seines Herrn und seine Vereinigung mit ihm. Das ist, was die Wiederkunft bedeutet und was Paulus hier vor Augen stand.

Wenn auch traditionell die Idee vorherrscht, dass man durch Sterben zu Christus gelangt, so kann man dies in der Bibel nirgendwo so lesen. Auch hier steht es nicht. Die Verführung ist sehr gross, diese Bibelstelle im Sinne der Tradition zu interpretieren. Das tut dem Text jedoch unrecht. Das Zusammensein mit Christus steht anstelle von Leben oder Tod. Es ist nicht eines der beiden Optionen, sondern es ist etwas komplett anderes.

Es ist demnach essentiell, dass Christus zurückkommt. Paulus beschreibt dies beispielsweise in einem ähnlichen Kontext – jedoch im Hinblick auf die bereits Entschlafenen aus der Gemeinde – im 1. Thessalonicherbrief (1Thess 4,13-18).