Hiob: Ohne Grund

Ohne Grund


Hiobs leiden war «ohne Grund». Was heisst das?

«Und der HERR sprach zu Satan: Hast du acht gehabt auf meinem Knecht
Hiob? Denn es gibt keinen wie ihn auf Erden, – ein Mann so rechtschaffen und redlich, der Gott fürchtet und das Böse meidet! Und noch hält er fest an seiner Rechtschaffenheit. Und dabei hattest du mich gegen ihn aufgereizt, ihn ohne Grund zu verschlingen»

Hi 2,3

Willkür oder Weisheit?

Wir hören nicht gerne, dass Gott «ohne Grund» jemand «verschlingt». Das löst Unbehagen aus. Eine solche Aussage kann uns unter die Haut gehen, wenn wir uns nicht sicher sind, ob Gott wirklich wirkt, ob Er wirklich da ist, und wenn Er da wäre, ob Er auch tatsächlich zu mir steht. Viele Leute haben ein gespaltenes Verhältnis zu Gott. Sollte er nun etwas «ohne Grund» machen, dann ist die verständliche Reaktion darauf, erst einmal schreiend davon zu laufen.

Denn klingt in diesem «ohne Grund» nicht auch etwas von «Willkür» durch? Kann ich mir denn sicher sein, dass Er sich mir annimmt? Oder kann er Seine Haltung auch schon mal ändern, mir gegenüber? Ohne Grund – das verstehen wir schnell einmal als ungerecht.

Genau um diese Fragen geht es im Buch Hiob. Es geht um das Leiden in dieser Welt, das eben gar nicht gerecht ist. Und zutiefst natürlich auch um ein Leiden, das überhaupt da ist, das uns allen in irgendeiner Weise betrifft. Wir wollen kein Leiden. Die meisten Menschen sehnen sich nach Leben und Harmonie. Leiden verunsichert uns. Leiden bringt Fragen hervor, auch Fragen an Gott.

Man vermutet, dass das Buch Hiob das erste Bibelbuch ist, das verfasst wurde. Andere dagegen platzieren das Buch viel später in der Geschichte. Der Text jedoch scheint in der damaligen Welt fest eingebunden zu sein, sowohl von den Orten her als auch vom Leidensverständnis her. Das Buch Hiob setzt sich mit zentralen Fragen des Menschseins auseinander, insbesondere mit Fragen zum Leiden. Diese Fragen sind zeitlos.

Wie wir die Welt sehen

Wohl niemand stand so nahe zu Hiob wie seine Frau. Sie teilt jedoch nicht die Gottesfurcht, die ihn selbst auszeichnet. In Hiobs dunkler Stunde sieht sie ihren Mann am Ende seiner Gottesfurcht und erklärt seinen Glauben an Gott für nichtig:

«Hältst du noch fest an deiner Vollkommenheit? Fluche Gott und stirb!»
Hi 2,9

Darauf antwortet Hiob:

«Wie eine der Törinnen redet, so redest auch du»
Hi 2,10

Mit dieser Torheit deutet Hiob die Gottlosigkeit seiner Frau an. Vergleiche dazu Psalm 10,4, Psalm 14,1, Psalm 53,2. Aus diesen anderen Texten sehen wir leicht, dass dies auch zu anderen Zeiten ein Thema war. Die Haltung von Hiobs Frau ist also kein Einzelfall.

Es gibt verschiedene Arten, wie wir mit dieser Welt und mit unserem Leben umgehen können. Die Leute die uns lieb und nahe sind, teilen jedoch nicht immer die Erkenntnis, die wir selbst haben. Gott kann weit weg erscheinen, sogar für sehr gottesfürchtige Menschen. Gott können wir eben nicht «fühlen», «sehen», «anrufen» oder «whatsappen». Wir können Ihn in dunkler Stunde nicht direkt wie ein Mensch sehen oder treffen. Ehrlich gesagt habe ich Gott noch nie getroffen, wie ich meinen Nachbar treffen kann. Vieles am Glauben ist in bestem Sinne des Wortes «unfassbar». Deshalb wohl spricht Paulus auch von einem «Geheimnis des Glaubens» (1Tim 3,9).

Hiob steht also an einem anderen Ort des Glaubens als seine Frau. Darin ist eine Tragik erhalten, aber auch eine Realität dieser Welt. Hiob blieb bei sich und bei seinem Erkennen und sah über die aktuelle Situation hinaus.

Glauben ist Vertrauen. Auch wenn ich Gott nicht sehe, rechne ich mit Seinem Wirken und Sein. Hiob hatte keine Bibel. Sein Glauben war dennoch tief und aufrichtig. Er vertraute Gott. Am Schluss vom Buch macht Hiob ein Eingeständnis, dass er zuvor Gott eigentlich nur «vom Hörensagen» her kannte (Hiob 42,5). Nichtdestotrotz hat er geglaubt, nach bestem Wissen und Gewissen. Keine Perfektion bringt uns dahin. Keine Perfektion benötigen wir dafür. Gottvertrauen ist keine Leistung, sondern die Ausrichtung des Herzens.

Hiob sah sich nicht genötigt Gott zu verfluchen. Vielleicht kann man es auch so sehen, dass Hiob sich nicht als Opfer von Gott sah. Er stand nicht in einem Drama-Dreieck, wo er Gott als Verfolger und sich selbst als Opfer meinte zu sehen. Auch wenn Fragen kommen, so schiebt er Gott keine Schuld zu.

«Er aber sagte zu ihr: Wie eine der Törinnen redet, so redest auch du. Das Gute nehmen wir von Gott an, da sollten wir das Böse nicht auch annehmen?»
Hiob 2,10

Gott ist Gott. Ich bin ich. Gott kann machen, was Er will, nicht weil er willkürlich wäre, sondern weil Er Gott ist und über allem steht. Gott ist einer anderen Ordnung. Das ist, was Hiob hier sagt: Das Gute und das Böse können wir aus Seinem Hand nehmen. Das ist nicht weil Gott böse mit Dir oder mir wäre, sondern diese Welt ist oft unfassbar – Gott jedoch steht darüber.

Was Hiob und seine Frau unterscheidet ist die Möglichkeit, das Leben auch anders zu sehen. Hiob, obwohl er leidet, hat den Mut Gott einfach Gott sein zu lassen, während seine Frau im Hier und Jetzt und im Sichtbaren denkt. Glaube sieht darüber hinaus.

Hier können wir auch an den Worten von Paulus denken, der – nun in Bezug auf die Gemeinde – schreibt:

«Auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst ächzen in uns, den Sohnesstand erwartend, die Freilösung unseres Körpers. Denn auf diese Erwartung hin wurden wir gerettet. Erwartung aber, die erblickt wird, ist keine Erwartung; denn das, was jemand erblickt – erwartet er das etwa noch? Wenn wir aber erwarten, was wir nicht erblicken, so warten wir mit Ausharren darauf. In derselben Weise aber hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf…»
Röm 8,23-26

Hiob hat ebenfalls nichts gesehen. Seine Erfahrung war erschütternd. Dennoch sah er nicht nur sich selbst, sondern er sah eine grössere Realität. Glaube hat nichts mit Verneinung einer aktuellen Not zu tun, sondern damit, ob man sich selbst auch auf andere Art sehen kann. Diese Möglichkeit schenkt uns der Weitblick der Schrift. Am Beispiel von Hiob erhalten wir nicht nur einen Blick auf Gottes Wirken, sondern auch auf die eigene innere Lebenshaltung, die wir pflegen können. Glauben schenkt Weitblick, weil es auf Vertrauen auf Gott gründet, und dies ganz unabhängig davon, was gerade passiert.

Grundlos

Aber wie ist das «ohne Grund» zu verstehen? Wir machen uns selbst Gedanken, aber sind das die Gedanken der Menschen aus der Zeit von Hiob? Hier geht es darum, einmal stillzustehen, damit ich verstehen kann. Das Buch Hiob entstand nicht aus meiner Situation, sondern aus seiner Situation. Will ich verstehen, worum es sich bei diesem «ohne Grund» handelt, reichen meine eigenen Gedanken nicht. Ich muss Hiob selbst zu Wort kommen lassen. Und wir müssen Gott selbst zu Wort kommen lassen. Es geht darum hinzuhören ohne voreilige Schlüsse zu ziehen.

Jakobus hat das Buch Hiob zusammengefasst und schrieb: «Vom Ausharren Hiobs habt ihr gehört und den Abschluss des Herrn gewahrt, da der Herr voll innerstem Erbarmen und mitleidig ist» (Jak 5,11). Der Abschluss des Herrn, also wie Gott am Schluss mit Hiob umging, ist entscheidend. Der Abschluss ist voll innerstem Erbarmen. Hiobs Schicksal wurde gewendet (Hi 42). Das «ohne Grund» aus dem Anfang wird durch den Abschluss mehr als wettgemacht (vgl. Rö 8,18).

Satan hat in seiner Anklage gemeint, dass Hiobs Reichtum und Gesundheit der «Grund» für sein frommes Leben war. In den weiteren Kapiteln kommen die Freunde von Hiob zu Wort. Sie meinen, dass Hiob selbst «Grund» gegeben hat, das Gott das Leiden über ihn gebracht hat. All das trifft aber nicht zu. Es gibt keine Gründe für das, was hier geschah. Hiob hat nichts falsch gemacht. Es war wirklich «ohne Grund», sagt Gott selbst.

«Ohne Grund» ist also nicht eine Willkür Gottes. Hiob hat keinen Anlass zu irgendwelchen Beurteilungen oder Verurteilungen gegeben. Hiob hat gar nichts damit zu tun. Es war neutral betrachtet ohne Grund. Gott spricht Hiob mit diesen Worten frei. Er distanziert sich nicht von ihm, sondern steht im Gegenteil zu ihm! Hiobs Leiden waren nicht durch ihn selbst verschuldet. Sie waren nicht hausgemacht. Allerdings steht zu dieser Zeit Hiob noch voll in seiner Not, und weiss vermutlich nicht, wie es weiter geht.

Die wesentlichen Fragen

Das Buch Hiob ermutigt uns dazu, die wesentlichen Fragen zu stellen. Das Buch quillt nur so über vor Fragen. Es ist das Buch der Fragen schlechthin. Fragen zu stellen ist wichtig. Wir können nicht alles wissen und müssen nicht alles wissen. Wer aber Fragen stellt, hat eine bessere Chance Antworten zu bekommen. Fragen zu stellen ist auch eine Art mit dem Leiden der Welt umzugehen.

Eine Erkenntnis kann sein, dass Gott wirklich Gott ist. Er muss weder denken noch handeln wie wir. Er ist nicht unbeteiligt am Leiden dieser Welt. Er erkennt Hiob sehr wohl, aber Hiobs Situation wird dadurch nicht schlagartig ausgebessert. Gott bietet keine Pflaster für die Wunde. Manchmal ist das Leiden wirklich das: Leiden. Damit stehen wir in der Realität.

Wir stehen aber auch in einer Geschichte. Warten wir ab wie es weitergeht: Die Geschichte von Hiob, unsere Geschichte, die Geschichte Gottes mit dieser Welt. Manches ist grösser als wir anfänglich denken.

Austausch

  • Verstehst Du Gott?
  • Verstehst Du Dich selbst?
  • Was hättest Du gerne geklärt?
  • Kennst Du Leid aus eigener Erfahrung?
  • Handelt Gott ohne Grund? Wie weisst Du das?


Gemälde von Corrado Giaquinto, rund 1750

Hiob: Die zwei Prüfungen

Hiob: Die zwei Prüfungen

Ein Vergleich von Kapitel 1 und 2


Die Einführung in das Buch Hiob umfasst zwei Kapitel, und zwei Prüfungen für Hiob. Als wäre die erste Prüfung nicht genug, geht es in der zweiten Prüfung noch weiter.

  • Im ersten Kapitel ging es um den Besitz von Hiob. Es geht um Hab und Gut, um Kinder, Besitz, Haus.
  • Im zweiten Kapitel geht es um Hiob selbst. Es geht um seine Gesundheit, um sein Leben.

Im ersten Kapitel kommt es schlimm, im zweiten Kapitel kommt es schlimmer. Hier einmal der direkte Vergleich.

Kapitel 1

Kapitel 2

1,6
Es geschah aber eines Tages, dass die Söhne Gottes vor den Herrn traten, und unter ihnen kam auch der Satan.

2,1
Es geschah aber eines Tages, dass die Söhne Gottes vor den Herrn traten, und unter ihnen kam auch der Satan, um sich vor den Herrn zu stellen.

1,7
Da sprach der Herr zum Satan: Wo kommst du her? Und der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Vom Durchstreifen der Erde und vom Umherwandeln darauf!

2,2
Da sprach der Herr zum Satan: Wo kommst du her? Und der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Vom Durchstreifen der Erde und vom Umherwandeln darauf!

1,8
Da sprach der Herr zum Satan: Hast du meinen Knecht Hiob beachtet? Denn seinesgleichen gibt es nicht auf Erden, einen so untadeligen und rechtschaffenen Mann, der Gott fürchtet und das Böse meidet!

2,3
Da sprach der Herr zum Satan: Hast du meinen Knecht Hiob beachtet? Denn seinesgleichen gibt es nicht auf Erden, einen so untadeligen und rechtschaffenen Mann, der Gott fürchtet und das Böse meidet; und er hält immer noch fest an seiner Tadellosigkeit, obwohl du mich gereizt hast, ihn ohne Ursache zu verderben!

1,9-10
Der Satan aber antwortete dem Herrn und sprach: Ist Hiob umsonst gottesfürchtig? Hast du nicht ihn und sein Haus und alles, was er hat, ringsum eingehegt.

2,4
Der Satan aber antwortete dem Herrn und sprach: Haut für Haut! Ja, alles, was der Mensch hat, gibt er hin für sein Leben.

1,11
Aber strecke doch einmal deine Hand aus und taste alles an, was er hat; lass sehen, ob er dir dann nicht ins Angesicht absagen wird!

2,5
Aber strecke doch deine Hand aus und taste sein Gebein und sein Fleisch an, so wird er dir sicher ins Angesicht absagen!

1,12
Da sprach der Herr zum Satan: Siehe, alles, was er hat, soll in deiner Hand sein; nur nach ihm selbst strecke deine Hand nicht aus!

2,6
Da sprach der Herr zum Satan: Siehe, er ist in deiner Hand; nur schone sein Leben!

Austausch

  • Es gibt ein Meeting im Himmel. Wer ist alles dabei? Hattest Du Dir den Himmel so vorgestellt – mit Meetings, Satan und jene andere «Wesen»?
  • Satan klagt Hiob an. Gibt es Hinweise dafür, weshalb er das tut?
  • Was könnte der Grund sein, dass eine solche Geschichte in der Bibel steht?
  • Ist es angemessen, bereits jetzt ein «Urteil» über die Situation zu bilden?
  • Lese Jakobus 5,11. Das ist eine viel spätere Erkenntnis. Hiob hat von dem nichts gewusst. Weshalb erscheint die Geschichte von Hiob für uns immer noch nachvollziehbar?
  • Was haltest Du von der Darstellung dieser Szene im Gemälde von Corrado Giaquinto?

Gemälde von Corrado Giaquinto, rund 1750. Vatikan Museum. Public Domain.


Hat Gott ein Ziel?

Hat Gott ein Ziel?


Wenn nein, weshalb nicht? Wenn ja, wie sieht das aus?

30. Juni 2019|By karsten|17 Minutes

Wenn das Ziel Gottes nie ein Thema ist

Mit einer Frage danach, ob Gott ein Ziel hat, kann man hervorragend Verwirrung stiften. Nicht, dass dies je ein Ziel sein sollte. Ich habe jedoch unzählige Male festgestellt, dass diese Frage Verwunderung, wenn nicht Bestürzung auslöst. Darüber hatte man nämlich noch nie nachgedacht – auch nicht wenn man bereits Jahrzehnten in einer Kirche oder Gemeinde ein- und ausging. Dort war eine Frage nach Gottes Ziel nie ein Thema.

Wenn ich das merke, dann bin ich selbst bestürzt und verwundert. Denn Glaube wird als Beziehung beschrieben. Es scheint, als haben viele Leute in dieser Beziehung keine Ahnung von den Gedanken und Plänen des grossen Anderen. Man will vertraut sein mit Gott, hat aber keine Vorstellung davon, auf welches Ziel er hin wirkt – wenn er schon ein Ziel hat. Das ist schlicht unvorstellbar.

Entsprechend diesem Eindruck ist es auch leicht zu erkennen, das «christliche Kultur» wie wir sie heute sehen, oft einfach nur auf den Menschen ausgerichtet ist. Es wird von Gott geredet, aber nur in dem Sinne wie wir selbst etwas davon haben. Es geht um Lobpreis und damit um unser Gefühl. Es geht um Gottesdienst und damit um unsere Gemeinschaft. Es geht um mich, selten um Ihn, sogar dann, wenn in übermässiger Frömmigkeit manche sich selbst ins Aus manövrieren und «nichts» mehr sein wollen. Auch das ist ein sehr selbstsüchtiger Gedanke.

Nichts an all dem ist gänzlich falsch. Die Absichten sind oft sehr gut. Es fehlt einfach etwas. Es fehlen die Gedanken Gottes. Es fehlt die Neugierde danach, was Gott Selbst vor Augen hat.

Gott kennenlernen

Es liegt eine besondere Kraft darin, die Gedanken Gottes näher kennenzulernen. Denn Seine Gedanken sind ganz anders als unsere Gedanken (1Kor 2,11). Dafür braucht es keine Geheimniskrämerei und keine besondere Erleuchtung. Wohl braucht es Verständnis, wofür wir Ihn bitten können, entsprechend dem Gebet von Paulus:

«Deshalb ist es, dass auch ich – da ich von dem euch angehenden Glaubensgut in dem Herrn Jesus höre (auch dem für alle die Heiligen), dass ich nicht aufhöre, für euch zu danken und in meinen Gebeten zu erwähnen, dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch geistliche Weisheit und geistliche Erkenntnis Seiner Selbst gebe (nachdem die Augen eures Herzens erleuchtet wurden).»
Eph 1,15-18

Ist das nicht erstaunlich? Paulus schreibt hier nicht etwa an Ungläubige. Er richtet sich an Gläubige – die benötigen geistliche Weisheit und geistliche Erkenntnis von Gott selbst, und erleuchtete Herzensaugen.

Über den eigenen Horizont hinaus

Paulus schreibt dieses Gebet und bittet um erleuchtete Herzensaugen für die Gläubigen, damit sie etwas erkennen:

«…damit ihr wisst, (1) was das Erwartungsgut Seiner Berufung ist, (2) was der Reichtum der Herrlichkeit Seines Losteils inmitten der Heiligen, (3) was die alles übersteigende Grösse Seiner Kraft ist (für uns, die wir glauben).»
Eph 1,18

Wir sollten lernen, wohin der Weg geht. Diese Erwartung, worauf Paulus hindeutet, ist mit Sicherheit nicht einfach ein Bild vom Himmel, worin wir für endlose Zeiten auf einer Wolke sitzen und Harfe spielen. Vor dieser Vorstellung graut es mir. Paulus sagt auch nichts dergleichen.

Beim aufmerksamen Lesen geht es nicht nur darum, etwas zu erkennen, sondern auch darum, etwas von dem hier und jetzt wahrzunehmen. Etwas soll sichtbar werden. Es geht um den Reichtum der Herrlichkeit innerhalb der Gemeinde, oder wie er schreibt «inmitten der Heiligen». Also geht es um etwas, das in der Gemeinschaft sichtbar werden darf. Paulus schreibt ja an eine Gemeinde.

Wem das noch zu vage ist, für den fügt der Apostel hinzu: «und was die alles übersteigende Grösse Seiner Kraft ist (für uns, die wir glauben)». Da geht es um das Spüren im Hier und Jetzt. Aber Achtung: Es geht hier nicht um uns. Wir selbst stehen nicht im Fokus, auch wenn die Kraft für uns ist. Gott ist keine Tankstelle, wo wir mal schnell die Kraft für den Alltag tanken, um dann auf eigene Wege wieder rasch davon zu brausen. Auch wenn das auf andere Art zutreffen mag, geht es dem Apostel hier um etwas anderes.

Paulus hat ja gerade zuvor erwähnt, dass er dafür betet, dass wir Gott kennenlernen, dass wir Ihn erkennen. Also kann es hier nicht einfach um Trostpflaster für unsere eigene Schwachheiten gehen. Solche Wünsche sind zwar verständlich, aber Paulus spricht von einer anderen Dimension. Es geht hier nicht um uns, aber es geht um etwas, das Gott bewirkt. Daran haben wir zwar Teil, aber nur in zweiter Instanz.

Paulus macht darauf aufmerksam, dass es um einen Horizont geht, der weit hinter unserem eigenen Horizont liegt. Der Apostel spricht von Gottes Horizont.

Christus als Beispiel

Am Beispiel von Christus erklärt Paulus jetzt, wie Gott vorgeht, und was Er vorhat. Denn diese Kraft, von der Paulus gerade zuvor schriebt, ist wie folgt:

«[sie ist]… gemäss der Wirksamkeit der Gewalt Seiner Stärke, die in Christus gewirkt hat, als Er Ihn aus den Toten auferweckte und Ihn zu Seiner Rechten inmitten der Überhimmlischen setzte, hocherhaben über jede Fürstlicheit und Obrigkeit, Macht und Herrschaft, auch über jeden Namen, der nicht allein in diesem Äon, sondern auch in dem zukünftigen genannt wird.»
Eph 1,19-21

Es geht um Wirksamkeit. Das ganze Beispiel zeigt, wie Gott wirkt nach der Gewalt Seiner Stärke. Diese Wirksamkeit sehen wir an Christus, der von Gott auferweckt wurde. An Ihm können wir erkennen worauf Gottes Wirken hinaus will. Nicht nur Auferstehung sei erwähnt – Er erhielt auch einen Platz zu Gottes Rechten im Himmel und inmitten der Überhimmlischen.

Was hier geschieht ist nicht einfach eine Geschichte, sondern die Anpassung für die aktuelle und für die zukünftige Zeit, die Änderung der Zukunft schlechthin. Christus erhält einen Namen über jeden Namen, der in diesem oder im nächsten Äon (Zeitalter) genannt wird.

Die Kraft wird aus der Wirksamkeit Gottes ersichtlich, der in Christus gezeigt wurde. Wir sollten Gott erkennen, und an Christus Sein Wirken erlernen.

Das Ziel Gottes

Wenn Paulus unseren Blick auf Gottes Wirken ausrichtet, dann ist das nicht das Endziel. Wir sollten nicht einfach auf Gott schauen. Er zeigt weiter: Wir sollten auf das schauen, was Gott machen wird. Wir sollten Sein Werk und Sein Ziel erkennen.

«Alles ordnet Er Ihm unter, Ihm zu Füssen; und Ihn gibt Er als Haupt über alles der herausgerufenen Gemeinde, die Seine Körperschaft ist, die Vervollständigung dessen, der das All in allem vervollständigt.»
Eph 1,22-23

Diese zwei Verse stehen voll von Bezügen zu Gott und Christus. Versuchen wir das zu verdeutlichen, dann könnte das so aussehen:

1. Alles ordnet Er [Gott] Ihm [Christus] unter, Ihm [Christus] zu Füssen;
2. und Ihn [Christus] gibt Er [Gott] als Haupt über alles
3. der herausgerufenen Gemeinde, die Seine [Christi] Körperschaft ist,

4. die [Körperschaft ist die] Vervollständigung dessen [Christi],
5. der [Christus] das All in allem vervollständigt»
Eph 1,22-23

In 5 Aussagen fasst Paulus zusammen, was wir so nur an ganz wenigen Orten der Bibel finden. Es geht um das Ziel Gottes und um den Weg dorthin. Und das hat auch etwas mit uns zu tun.

Zuerst einmal skizziert Paulus, dass es Gott ist, der alles unter Christus unterordnet. Da gerade zuvor gesagt wurde, dass Christus zur Rechten Gottes inmitten der Überhimmlischen Wesen steht, geht es hier nicht nur um diese Erde, sondern um alles in dieser Schöpfung. Gott legt Christus das All zu Füssen.

Als Nächstes erwähnt Paulus, dass Gott an Christus (als Haupt) auch etwas Spezielles gegeben hat, nämlich die Gemeinde als Seine «Körperschaft» (vgl. 1Kor 12,13). Er ist das Haupt, wir sind den Rest des Körpers. Diese Bildsprache prägt das Verständnis der heutigen Kirche und sie hat es seit den Zeiten des Neuen Testaments getan. Es ist diese Gemeinde, die nun seit etwa 2000 Jahren herausgerufen wird. Es geht nicht um Denominationen, um bestimmte Kirchen oder Dogmen, sondern um diese Menschen, die Gott berufen hat. Es ist die Berufung, die uns verbindet, nichts anderes.

Diese Gemeinde nun ist etwas sehr Spezielles für Christus. Paulus beschreibt es so, dass diese Gemeinde die «Vervollständigung» von Christus ist. Das Wort deutet auf ein «voll machen» hin. Eine Vervollständigung ist die Ergänzung von dem, was noch fehlt. So passt die Gemeinde zu Christus. Christus wirkt durch die Gemeinde, die Sein Körper ist. Erst zusammen kann die Aufgabe erfüllt werden. Versuchen wir uns das einmal still vor Augen zu führen.

Wozu wird aber dieser Körper und wozu wird diese Verbindung dienen? Die Geschichte ist noch nicht fertig! Es gibt noch eine Aufgabe für Christus und die Gemeinde. Dazu kommt Paulus aber erst im letzten Satz. Der von der Gemeinde vervollständigte Christus ist der jenige, der dann alles in allen anderen vervollständigt. Seine Vervollständigung ermöglicht eine Aufgabe zu erfüllen, bis hin zur Vervollständigung des Alls. Da wird ergänzt, was noch fehlt. So wirkt alles zusammen zum Ziel Gottes.

Und was ist nun dieses Ziel? Nun, Gott will alles in allen werden (1Kor 15,28). Das geschieht nicht einfach automatisch. Es geschieht jedoch sicher. Dafür ist Christus der Auserwählte, und wir sind es mit Ihm. Wir sind die Vervollständigung dessen, der das All in allem vervollständigt.

Gott erkennen

Paulus betet darum, dass die Gemeinde Gott erkennt. Gott aber erkennen wir in und durch Christus. Nicht aber nur das. Gott Selbst schenkt uns als Gemeinde an Christus, als eine Vervollständigung, damit wir unter Christus als Haupt, Gottes Ziel mit-prägen werden. Das ist ein unglaublicher Ausblick, den Paulus gleich im nächsten Kapitel noch einmal aufgreift. Dort heisst es:

«Er erweckt uns zusammen und setzt uns zusammen nieder inmitten der Überhimmlischen in Christus Jesus, um in den kommenden Äonen den alles übersteigenden Reichtum Seiner Gnade in Güte gegen uns in Christus Jesus zur Schau zu stellen.»
Eph 2,5-7

Unsere Aufgabe als Körperschaft, als Gemeinde Christi wird es sein, Gottes Gnade zur Schau zu stellen, bis hin zum Ziel, dass Gott selbst einmal alles in allen ist (1Kor 15,28).

Zielgerichtet leben

Wir können zielgericht leben. Wir können uns von Gottes Ziel her beflügeln lassen. Wir können aufgrund dieser Dinge Gottes Kraft erahnen und erspüren. Dafür benötigen wir aber einen Weitblick, wie ihn Paulus gerade skizziert hat. Ob Gott ein Ziel hat ist keine Nebensächlichkeit, sondern das hat alles mit Dir und mit mir zu tun.

Wenn wir das doch immer besser begreifen können. Wenn wir Gott kennenlernen, ist das alles dort inbegriffen.


Abraham's Bibel

Abraham's Bibel

Wissen Sie, wie man Christen echt irritieren kann? Wenn man nach Abraham's Bibel fragt. Damit ist gemeint: Die Bibel, die Abraham benutzte. Und diese Frage irritiert, weil Abraham gar keine Bibel hatte. Für die einen ist die Frage also absurd, aber für mich ist sie sehr relevant.

Die Frage nach Abraham's Bibel ist wesentlich eine Frage nach unserem Glaubens- und Bibelverständnis. Denn heute ist es klar, dass sich unser Glaube aus der Bibel ernährt. Stehen wir in der Tradition der Reformation, dann sind Ausdrücke wie «Sola Scriptura» (lat. nur die Schrift) Grundlage des Glaubensverständnisses. Natürlich wurden solche Aussagen in einem bestimmten geschichtlichen Kontext gemacht. Sie haben jedoch nachhaltig das Glaubensverständnis bis auf den heutigen Tag geprägt.

Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen: Glaube gibt es für viele Christen nicht losgelöst von der Bibel. Im Extremfall sogar gibt es «richtigen» und «falschen» Glauben, je nachdem, welche Lehre man anhängt. Manche Menschen tauchen immer tiefer in die Schrift ein und verlieren sich in einer Ansicht, wonach Gott und Bibel fast austauschbar sind. Man glaubt an die Bibel, statt an Gott. Deshalb ist die Frage nach Abraham's Bibel so wichtig. Denn Abraham hatte gar keine Bibel. Trotzdem nennt ihn Paulus «unser aller Vater», wenn er über verschiedene Ansichten über die Bedeutung des Gesetzes innerhalb von Israel spricht. Abraham vereint eben die, welche genau nach dem Gesetz leben und ebenso die, die aus Glauben leben. Beides ist nämlich nicht so relevant wie Gottes Verheissung die darunter liegt (Röm 4,16).

Abraham kümmerte sich um all diese Überlegungen nicht ins Geringste – er kannte sie nicht. Seine Geschichte zeigt, was der Kern des Glaubens ausmacht – und es ist nicht die Bibel als Buch. Glaube lässt sich ohne Gesetz leben, und ganz ohne «Religionszugehörigkeit». Das sollte man einmal in Ruhe auf sich einwirken lassen. Damit meine ich nicht, dass alle Religionen dasselbe aussagen, sondern nur, dass Glaube in der Bibel dort anfängt, wo ein Mensch sich auf Gott vertrauensvoll einlässt. Das hat nichts mit Dogmatik zu tun und nichts mit der Zugehörigkeit zu einer Institution. Es hat nicht einmal etwas damit zu tun, ob man Jude oder Christ ist. Ebensowenig hat es etwas damit zu tun, was ich alles damit in Verbindung bringe – Lehren und Sonderlehren, religiöse Praktiken, usw.

Es ist erstaunlich, aber Abraham kam ganz ohne Bibel aus (Ich höre einen Aufschrei: Unmöglich!). Es ist ausserdem nicht überliefert ob er tägliche «Stille Zeit» hielt (Empörung!). In die Synagoge oder Kirche ging er ebenfalls nicht (Unerhört!). Was wir sicher wissen ist, dass er weder Jude noch Christ war, denn diese Religionen kamen erst viel später. Abraham war also jemand, der keine Bibel hatte, weder Jude noch Christ war und trotzdem sprach Gott mit ihm. Und Abraham? Abraham glaubte Gott und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet (1Mo 15,6). Von Reglementen und Kirchenordnungen war da nicht die Rede, und all dies geschah noch bevor er beschnitten wurde. Abraham passt so gar nicht in die heutigen Schemen rein.

Abraham hatte einen Glauben, aber dieser Glaube gestaltete sich ganz anders als wir das heute vielleicht verstehen. Oder ist es vielleicht umgekehrt? Kann es sein, dass die Art wie Abraham einfach «Gott glaubte» (vgl. Apg 27,25) und Seine Worte ernst nahm, die eigentliche Grundlage für jedes weitere Glaubensverständnis ist? So zumindest referiert Paulus daran.

Da gibt es noch ein theologische Problem für heutige Evangelikale. Abraham hatte Jesus nie gekannt. Ist das nicht verstörend? Ist Abraham nun gerettet? Denn darum geht es heute vielen, dass man sich für Jesus entscheidet und dann gerettet wird. Armer Abraham. Er konnte gar nichts von Jesus wissen. Strikt genommen wäre er nach der Himmel- und Hölle-Lehre in einer fiktiven Ewigkeit nicht dabei. Vielleicht darf Abraham hoffen, dass man für ihn ein paar Sonderregelungen erfunden hat? Das aber wäre eher tragisch – nicht für Abraham, sondern für die gerade genannte Theologie. Denn Abraham wird nach einer Aussage von Jesus sehr wohl dabei sein (Mt 8,11). Wenn solche Ungereimtheiten in der Bibel auffallen, folgt daraus nicht vor allem, dass das eigene Glaubensverständnis vielleicht zu eng geknüpft war?

Abraham hatte also keine Bibel. Zum Glück aber hat die Bibel Abraham.

Abraham hatte also keine Bibel. Zum Glück aber hat die Bibel Abraham. Seine Geschichte schenkt Weitblick. Es geht bei dieser Betrachtung auch darum, unseren Weg in dieser Welt zu finden. Häufig sehen Christen auf Andersglaubende herab. Gewiss gibt es da Menschen, die unsere Ansichten nicht teilen. Es gibt aber auch Leute, die nicht in unserem Reli-Club daheim sind, die vielleicht einiges oder vielleicht vieles ganz anders sehen, die aber ebenfalls einen aufrichtigen Glauben pflegen. Aufrichtig nämlich vor Gott. Und die Beurteilung kann ich getrost in Seinen Händen lassen.

Ganz ähnlich kann ich heute Menschen anderer Religionen ganz offen und neugierig begegnen. Vielleicht treffe ich ein echtes Gottvertrauen an, obwohl ich die Ansichten des Gegenübers nicht teile. Früher hielt ich das nicht für möglich. Heute weiss ich, dass es tatsächlich echte Begegnungen gibt. In das Herz des Gegenübers kann ich nicht schauen, aber ich kann dem Anderen zumuten, dass er wie Abraham bei Nacht aus dem Zelt tritt, eingeladen von Gott, dass er hinaufschaut und Gott vertraut.

«Und er führte ihn hinaus und sprach: Blicke doch auf zum Himmel, und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst! Und er sprach zu ihm: So zahlreich wird deine Nachkommenschaft sein! Und er glaubte dem HERRN; und er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an.»
1Mo 15,5-6

 

Vertiefung

  • Woraus bestand der Glaube von Adam und Eva? Glaubten sie? Was für einen Glauben war denn das?
  • Was macht es heute einfacher zu glauben? Was macht es schwerer?
  • Welche Bedeutung hat die Bibel für Dein Glaubensverständnis?
  • Paulus glaubt Gott (Apg 27,25). Vergleiche seine Aussage mit der über Abraham in 1Mo 15,6. Siehe auch den Beitrag «Ich vertraue Gott».
  • Bin ich frei, Andersgläubige zuerst als Mensch und wahrhaft zu begegnen?

 

Bildnachweis:
Ephraim Moses Lilien, 1908. Wikimedia Commons.


Nicht ins Schema passend

Print Friendly, PDF & Email

Nicht ins Schema passend

Die göttliche Ordnung auf den Kopf stellen – wovon spricht Paulus? Und wie ist das mit der Homosexualität?


21. Juni 2019|By karsten|32 Minutes

Gott überlässt den Menschen ihren eigenen Wegen

Im letzten Beitrag über den Römerbrief ging es um die Begründung für den Zorn Gottes, der – so sagte es Paulus – vom Himmel her auf die Erde kommt. In seiner Wahrnehmung wenden sich vele Menschen bewusst von Gott ab und Gott lässt sie gehen.

  1. «Darum hat Gott sie in den Begierden ihrer Herzen dahingegeben…» (Röm 1,24)
  2. «Deshalb hat Gott sie in ehrlose Leidenschaften dahingegeben…» (Röm 1,26)
  3. «Und so wie sie es nicht als bewährt erachteten, Gott in Erkenntnis zu haben, hat Gott sie in ihren unbewährten Denksinn dahingegeben, das zu tun, was sich nicht gebührt» (Röm 1,28)

Der direkte Zusammenhang spricht davon, wie Gott die Situation betrachtet und wie Er darauf reagiert. Es geht keinesfalls darum, dass wir anfangen bestimmte Menschen zu verurteilen. Gott Selbst lässt diese Situationen gewähren. Oder mit den Worten von Paulus: «Gott hat sie… dahingegeben». Es ist, als geht es hier um eine nüchterne Feststellung einer fortschreitenden Kausalität.

Doch muten diese Worte etwas fremd an. Wer meint Paulus hier? Wird hier die ganze Welt pauschal verurteilt? Oder hat Paulus eine bestimmte Situation, ein bestimmtes Beispiel in den Sinn? Oft wird hier eine pauschale Verurteilung der gesamten «nicht-gläubigen» Welt herausgelesen. Das Gottesbild, welches aus dieser Annahme spricht, ist das eines rachsüchtigen, fordernden Gott, der mit Zorn reagiert, wenn es mal nicht nach Seinem Willen geht. Dieser Abschnitt in Römer 1,18-32 wird damit Teil einer Drohbotschaft. Obwohl weit verbreitet, ist diese Annahme falsch.

Damit wir den Text auf die Spur kommen, müssen wir ihn zuerst genauer betrachten. Was steht geschrieben? Was steht nicht da? Wir werden auch feststellen, dass nicht alles aus dem Text allein verstanden werden kann. Es braucht zusätzliche Information aus dem kulturellen Zusammenhang des Briefes. Nur dann werden die Aussagen des Apostels verständlich.

Die Begierden ihrer Herzen

Im letzten Beitrag wurde der erste dieser drei Reaktionen näher betrachtet. Die «Begierden ihrer Herzen» waren religiöser Natur. Der Mensch hat sich selbst Götzen erschaffen statt auf den lebendigen Gott zu achten. Das Erstaunliche ist, dass Gott in dem Moment nicht etwa gegen die «falschen» Dingen wittert, sondern den Menschen in dieser Verirrung sich selbst überlässt. Er hat sie dahingegeben (Röm 1,24).

Paulus hatte bereits daran referiert, dass die Menschen Gott kennen, nicht aber danach handeln (Röm 1,21). Er beschreibt daraufhin eine Situation, die sich die Römer sofort vorstellen konnten. Betrachten wir jetzt kurz diese Situation, dann wird deutlich, dass Paulus Leute vor Augen hatte, die religiös pervertiert lebten – und dies ganz bewusst. Das lässt sich nicht einfach so auf die heutige Zeit übertragen.

Unsere heutige westliche Welt ist ganz anders als die, worin Paulus lebte. Paulus lebte in einer durch und durch religiöse Welt, worin es verschiedenste Kulte gab, viele davon mit Götzenbildern wie er sie gerade beschrieben hat und mit Praktiken, woran er referiert. Wir sollten diese Andersartigkeit einblenden und festhalten. Paulus beschreibt nicht unsere Zeit, sondern er beschreibt seine Zeit und richtet sich an die Gemeinde in Rom dazumal.

Erst wenn wir diesen Zusammenhang ernst nehmen und verstehen, können wir uns dem Text annähern. Und erst dann können wir verstehen, was die ursprünglichen Leser vermutlich gehört haben. Nur so können wir daraus eine Lehre für uns selbst und für die heutige Zeit ableiten. Dies sind die Grundsätze des induktiven Bibelstudiums.

Die bewusste Abwendung von Gott

Paulus wollte klarstellen, dass der Zorn Gottes vom Himmel her über alle Menschen kommt, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit niederhalten (Röm 1,18). Das betrifft einen bewussten Entscheid. Hier geht es um den Lebenswandel. Es geht darum, was Menschen tun, wie sie Gott «nicht verherrlichen oder Ihm danken» (Röm 1,21), wenn sie «vorgebend weise zu sein» (Röm 1,22), «ihre Körper verunehren» (Röm 1,24), wenn sie «die Schöpfung verehren und ihr Gottesdienst darbringen» (Röm 1,25), und als logische weitere Entwicklung «ihre Weiblichen den natürlichen Gebrauch zur Unnatur abänderten» und dies «gleicherweise wie auch die Männer: den natürlichen Gebrauch der Weiblichen verlassend» (Röm 1,26-27).

Es sind diese Verben, die den Zusammenhang skizzieren. Es ist das, was man wissentlich und willentlich tut. Paulus hält nüchtern fest: «Dies» führt zu «das». Er spricht nicht zu den Leuten, die das tun, sondern er spricht zur Gemeinde in Rom, die das nicht tun. Ihnen wird vor Augen geführt, weshalb das Evangelium anders ist. «Der Gerechte wird aus Glauben leben. Denn enthüllt wird der Zorn Gottes…» (Röm 1,17-18).

Ehrlose Leidenschaften

Die Welt der griechischen Mythologie und der römischen Kulten war voller Götter, denen nichts Menschliches fremd waren, die immer wieder auch ein liederliches Leben führten. Ihre Anhänger taten es ebenso. Der Charakter der Götter war pervertiert und viele Menschen folgten diesen Leidenschaften der Unehre. Paulus referiert daran und zeigt, dass die Nachahmer von Christus einen radikal anderen Gott folgen. In der Aussage des Apostels steht nicht die Homosexualität zentral, sondern die andersartige Beziehung zum lebendigen Gott.

Die ehrlosen Leidenschaften – als zweite Gruppe –, sind vor allem dies: ohne Ehre. Ehre (gr. time) als Gegensatz zur Unehre (gr. atimia). Ehre und Unehre findet man an diverse Stellen im Neuen Testament genannt. Wörtlich geht es hier um «Leidenschaften der Unehre». Es ist der Kontrast zur Gemeinde, in der Gläubige ein ehrenvolles Leben anstrebten.

Jeder in Rom konnte sich aus dem Alltag Beispiele vor Augen führen, wonach Menschen ihren Kult mit ehrlosen Leidenschaften auslebten. Deswegen kann Paulus dies hier schreiben. Auch wenn er noch nie in Rom war, so hat er offenbar genug darüber gehört, dass er für die römische Gemeinde relevante Aussagen machen konnte. Paulus beschreibt dies so, dass die Menschen auf die er sich bezieht «in Unreinheit ihre Körper unter sich verunehren» (Röm 1,24). Es ist die Folge der geistlichen Pervertierung und der Abwendung von der Wahrheit.

Die Rede von «Unreinheit» und «verunehren» setzt voraus, dass es auch so etwas wie «Reinheit» und «Ehre» gibt. Wenn es also um moralische Masstäbe geht, welche sind das? Und woher wissen die Zuhörer von diesen Masstäben? Ist es eine Referenz an das jüdische Gedankengut auf Grundlage der Torah? Es ist naheliegend, dass Paulus den Kontrast zum religiösen Umfeld auch gegen den Hintergrund des jüdischen Glaubensguts darstellt. Er ist selbst Jude und in der Gemeinde in Rom gibt es ebenfalls Gläubige aus dem Volk Israel.

Paulus erklärt das nicht gross, sondern setzt etwas voraus. Den einzigen Anhaltspunkt den wir haben ist die bisherige Argumentation. Darin geht es dem Apostel um einen Kontrast, um eine Aussage, die mit verschiedenen Argumenten untermauert wird. Das Ziel der Aussage ist also wichtiger als die Argumente. Oder anders gesagt: Die Details werden nur dazu genannt, einen grösseren Zusammenhang zu verdeutlichen.

Nicht ins Schema passend

An verschiedenen Stellen wird Unehre mit «unnatürlich» verknüpft. So auch in diesem Abschnitt, wenn einen natürlichen Gebrauch verlassen wird und Frauen wie Männer gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen miteinander eingehen.

An anderer Stelle schreibt er beispielsweise:

«Lehrt euch den nicht die Natur selbst, dass, wenn der Mann sein Haupthaar lang trägt, es ihm zur Unehre gereicht? Wenn hingegen die Frau ihr Haupthaar lang trägt, ist es ihre Herrlichkeit, da ihr das Haupthaar anstatt einer Umhüllung gegeben ist. Wenn aber jemand meint, er dürfte rechthaberisch sein: wir haben solche Gewohnheit nicht und auch nicht die herausgerufenen Gemeinden Gottes»
1Kor 11,14-16

Das Wort «Unehre» wird auch als Kategorie genutzt. Paulus schreibt:

«Hat der Töpfer nicht Vollmacht über den Ton, aus derselben Knetmasse das eine Gefäss zur Ehre und das andere zur Unehre zu machen?»
Röm 9,21

Ehre und Unehre haben mit dem Verständnis göttlicher Ordnung zu tun. Sie basiert auf die Schöpfung, und darin waren Mann und Frau einander als Gegenüber gegeben. Homosexualität stellt diese Ordnung auf den Kopf, würde man sie anstelle der Mann-Frau-Beziehung denken. Also in diesem Sinne: Das Konzept Heterosexualität wird durch die religiöse Umdeutung zu Homosexualität, ebenso wie der lebendige Gott durch Götzen ersetzt wird. Dabei sollten wir stets vor Augen haben, dass es sich um Konzepte handelt, nicht um eine Abbildung der vielfältigen Realität dieser Welt. Singles werden hier beispielsweise auch nicht genannt. Wir sollten nie Menschen pauschal aufgrund Ihrer Sexualität verurteilen. Dann schiessen wir an das Ziel vorbei. Hier geht es um eine andere Wahrnehmung der Realität, die von Paulus kritisiert wird.

In Römer 1,27 werden die homosexuelle Handlungen zwischen Männern «Unschicklichkeit» genannt, im Griechischen aschemosune, bzw. nicht-ins-schema-passend.

Ausgehend von der Pervertierung des Gottesbildes folgt hier die Auflösung der göttlichen Ordnung beispielhaft. Die Männer haben den natürlichen (der göttlichen Ordnung entsprechenden) Umgang mit Frauen verlassen, d.h. sie sind nicht grundsätzlich homosexuell in der Ausrichtung, sondern die eigene Sexualität wird im Rahmen der kultischen Handlung für sie selbst pervertiert. Als Folge sind es diese Leidenschaften gegen die Natur, die ein Beispiel der geistlichen Entgleisung darstellen. Nicht die Homosexualität an sich, sondern die kultisch pervertierte Sexualität ist der Kontrast – und dies nur als anschauliches Beispiel.

Alles in Ordnung?

Entsprechend diesem «Schema», dieser «Ordnung», sieht Paulus genau diese bedroht. Das ist in der Tenach nicht anders. Bedenken wir auch, dass Paulus sich vielleicht ganz konkret an die Juden der römischen Gemeinde richtet. Seine Verweise sind an die Torah, an die 5 Bücher Mose, und in Kapitel 2 hebt er die «Hörer des Gesetzes» hervor (Röm 2,13), womit an erster Stelle die jüdische Gemeinschaft gemeint ist, woraus einige Mitglieder der römischen Gemeinde stammten.

Hier im Kontext des Römerbriefes beschreibt er Menschen, die den natürlichen Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau «verlassen» (Röm 1,27), ebenso wie er vorhin darauf hingewiesen hat, dass Menschen «in ihren Folgerungen eitel geworden sind» (Röm 1,21), dass sie «töricht geworden sind» (Röm 1,22), dass sie «die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes… verändert haben» (Röm 1,23).

Auch die Frauen «änderten den natürlichen Gebrauch zur Unnatur ab» (Röm 1,26), wie auch die Männer. Es wird der Eindruck erweckt, als betrifft es hier heterosexuelle Menschen, die bei Gelegenheit, und als Folge ihrer religiösen Abgötterei, ihre heterosexuelle Ausrichtung in eine homosexuelle Ausrichtung änderten, möglicherweise als Teil der Kult (viele Kulte hatten sexuelle Komponenten).

Martin Zehnder weisst darauf hin, dass bei dieser Änderung vom natürlichen Gebrauch stets eine Penetration im Spiel ist. Deswegen wird in 3Mo 20 stets der Mann angesprochen, oder die Frau, wenn Sie sich beispielsweise einem Tier hingibt (3Mo 20,16). Nicht verurteilt werden hingegen zwei Frauen, die beieinander liegen. Sind nun Lesben von dieser Einschätzung ausgenommen? Es scheint so. Ist das aber nicht seltsam? Der aufmerksame Leser kann dadurch erkennen, dass es hier um eine Wahrheit geht, die durch solche Regeln ausgedrückt wird. Es geht um etwas, das hinter den Regeln liegt.

Es ist wichtig diese Fragen zu stellen, wenn wir verstehen wollen, um was es hier geht. Es gibt keine oberflächliche Antworte. Es ist aber wichtig, Antworte zu suchen.

Homosexualität im Römerbrief

Ist dies nun eine Aussage über Homosexualität, wie wir heute im Sinne einer Veranlagung darüber sprechen? Nein. Achten wir auf den Kontext. Paulus spricht von der Abwendung des Einen Gottes, und gleichzeitig über die Zuwendung zu anderen Götzen. Der Abschnitt muss in diesem Kontext verstanden werden. Paulus nennt eine geistliche Abwendung vom einen Gott als die wirkliche Entgleisung. Sein eigentliches Ziel ist keine Beschreibung der Homosexualität, sondern die Beschreibung der Zielverfehlung aller Menschen – ohne Ausnahme. Nirgendwo geht es darum, jemand anders wegen seiner Sexualität zu richten. «Darum bist Du unentschuldbar, o Mensch – jeder, der richtet!» (Röm 2,5).

Die Menschen, die er beschreibt, stehen nicht in der Gemeinde, sie leben ihr eigenes Leben und sie haben sich vom lebendigen Gott abgewendet, ebenso wie sie sich anderen Götzen zugewendet haben. In diesem Zusammenhang betrachtet waren die Praktiken anderer Kulten immer wieder sexualisiert. Dass dabei die Mann-Frau-Beziehung aus den Angeln gehievt wird, als würde die homosexuelle Beziehung die Realität ersetzen, kommt einer Pervertierung gleich. Die kultische Interpretation passt perfekt im Kontext des Römerbriefes. Jede andere Interpretation oder gar Gleichsetzung mit dem, was heute unter Homosexualität verstanden wird, verfehlt das Ziel.

In der kultischen Interpretation wird auch deutlicher, was Paulus am Schluss des Abschnitts sagt:

«… Unschicklichkeit treibend und so, wie es sein musste, die Heimzahlung ihrer Verirrung an sich selbst wiedererhaltend.»
Röm 1,27

Die Verirrung (hier geht es nicht um Veranlagung!) erhalten diese Menschen wieder an sich selbst zurück. Die Heimzahlung ist ein «Anstatt-Lohn» (gr. antimisthia). Es ist eben kein echter Lohn. Als Abbild einer geistlichen Wirklichkeit «kommt nichts Gescheites dabei raus».

Homosexualität als Wort wurde erstmals 1869 vom ungarischen Arzt Karoly Maria Benkert (1824-1882) genutzt. Es ist ein recht neuer Begriff. Unser heutiges Verständnis ist nicht dasselbe als das, was zur Zeit von Paulus galt oder was einst in den Büchern Mose aufgeschrieben wurde. Damit werden diese Aussagen nicht ausser Kraft gesetzt, sondern es besteht die Aufforderung, die Texte endlich im eigenen Kontext zu lesen und sie nicht aus heutiger Sicht planlos und gedankenlos als «Gott ist gegen Homosexualität» zu verkaufen.

Dieser Beitrag ist keine Darstellung der Homosexualität in der Bibel und kann das auch nicht sein. Soweit dieser Abschnitt aber immer wieder als «Beweis» dafür herhalten muss, dass Gott die Homosexualität verdammt, so kann zuverlässig darauf hingewiesen werden, dass Paulus nicht die Homosexualität aufs Korn genommen hat, sondern eine religiöse Entgleisung, die typischerweise im Umfeld vom damaligen Rom auch mit Homosexualität in Verbindung gebracht wurde.

Unbewährtes Denken

Wir kommen zum dritten Argument:

«Und so wie sie es nicht als bewährt erachteteten, Gott in Erkenntnis zu haben, hat Gott sie in ihren unbewährten Denksinn dahingegeben.»
Röm 1,28

Der Abkehr vom alleinigen Gott führt zu einem «unbewährten Denksinn». Natürlich sind die Folgen erneut beträchtlich. Paulus spricht davon, dass diese Menschen nun

«… das tun, was sich nicht gebührt: erfüllt mit jeder Ungerechtigkeit, Bosheit, üblem Wesen, Habgier, gedunsen vor Neid, Mord, Hader Betrug, Übelwollen; Ohrenbläser, Verleumder, Gott Verabscheueende, Frevler, Stolze, Hoffärtige, Erfinder übler Dinge, gegen Eltern Widerspenstige, Unverständige, Unzuverlässige, Lieblose, Unversöhnliche, Erbarmungslose.»
Röm 1,29-32

Es ist eine erstaunlich lange Liste. Nebenbei vermerkt: Diese Dinge stehen auf derselben Stufe wie die vorhin genannte Homosexualität. Eine selektive Wahrnehmung und Verurteilung von Menschen aufgrund Ihrer Sexualität liesse sich hier mit gleichwertigen Dingen ergänzen. Leider kommt es mir vor als werden diese Dinge gern «übersehen» oder als weniger wichtig angeschaut.

Aus dem unbewährten Denksinn kommt das «Tun». Die ganze Auflistung entsteht zuvor irgendwo im Kopf. Beim Evangelium geht es darum, dass Gottes Wort in unserem Denken und Überlegen einzieht. In Kapitel 12, nach Abschluss der Lehre, spricht Paulus über den Lebenswandel des Gläubigen. Dort sagt er, wir sollten uns «umgestalten lassen durch die Erneuerung unseres Denksinns» (Röm 12,2).

Paulus kommt jetzt zum Abschluss und fasst zusammen:

«… die, die die Rechtsforderung Gottes erkennen, dass die, die solches verüben, den Tod verdienen; nicht nur tun sie es selbst, sondern pflichten auch denen bei die dies verüben. Darum bist du unentschuldbar, o Mensch – jeder, der richtet; denn worin du den anderen richtest, verurteilst du dich selbst.»
Röm 1,32

Alle Dinge, die genannt wurden sind verwerflich. Es gibt uns jedoch kein Recht, Andere zu richten. Tun wir das, dann verurteilen wir gleich uns selbst mit. Paulus will nur klarstellen, dass es bei Gott kein Ansehen der Person gibt (Röm 2,11) und keiner gerecht ist, auch nicht einen (Röm 3,10). Der Apostel spannt einen grossen Bogen und dieser Abschnitt in Kapitel 1 ist nur ein Teil davon.

Puzzle-Stücke

Manchmal sieht es so aus als sind wir Puzzle-Stücke, die nirgendwo rein passen. Einmal ist es unsere Sprache, ein andermal unsere Herkunft. Vielleicht ist es eine Behinderung. Es kann auch die Hautfarbe sein, die Position in der Gesellschaft. Und manchmal ist es die Sexualität, die uns zu einer Minderheit macht.

Alle diese Dinge sind weder gut noch schlecht (wir reden hier nicht von Persversion, Machtsmissbrauch und dergleichen). Es ist die ganze Realität dieser Welt, wofür Gott Seinen Sohn gegeben hat. Diese ganze Welt ist erlösungsbedürftig. Diese ganze Welt wird unser Gott und Vater zu sich zurückbringen und mit sich selbst aussöhnen – Friede machend durch das Blut des Kreuzes (Kol 1,20). Spätestens dann passen alle Puzzlestücke zusammen.

Dies will ich vor Augen haben. Heute schon.

Vertiefung

Zum Hintergrund dieses Abschnitts im Römerbrief:

 

Zum Thema Homosexualität:

Bücher


Bleibe nicht im Mangel stecken

Bleibe nicht im Mangel stecken

Furchtbar, wie viele Menschen sind als ungenügend empfinden.

Kennst Du das? Man empfindet sich nicht als genügend schön, nicht genügend alt, nicht genügend jung, nicht genügend fromm, nicht genügend Christ, nicht genügend, um wahrgenommen zu werden. Es mangelt an allen Seiten. Das Geld fehlt, die Perspektive fehlt, der Erfolg fehlt. Nicht-haben ist der Grundton im Lebensgefühl.

Leben im Mangel

Auch Christen leben häufig im Mangel. Auch Christen können sich so richtig minderwertig fühlen. Das ist eine Katastrophe. Ein Mangel an Geist, an Mangel an Heiligkeit, ein Mangel an allem, was mich zu Christen macht? So und ähnlich kümmern sich viele um die alltägliche Mangelerscheinungen als hat man nichts erhalten. Ein richtiges Armutszeugnis ist es, wenn ich mich ständig nach etwas ausstrecken soll, wofür das Evangelium bereits freigemacht hat. Ist das nicht seltsam?

Gott bezeugt uns Seine Gnade in Christus. Wir sollten nicht so tun, als wüssten wir das nicht. Gott hat uns Seinen Geist gegeben, der mit unserem Geist bezeugt, dass wir Kinder Gottes sind. Wir sollten nicht so tun, als müssten wir diesen Geist immer von neuem vom Himmel herabbeten. Wenn Gott uns ein Geschenk macht und wir verhalten uns Sonntag für Sonntag, als hätten wir das Geschenk nicht erhalten, liegt da kein Problem vor? Sollten wir nicht vielmehr anfangen dafür zu danken, was uns im Evangelium sicher verbürgt ist?

Gott sieht uns in Christus an

Wir sind «in Christus». Gott sieht uns in Christus an (Eph 1,3 Eph 1,13 Eph 2,5). Wenn Gott uns anschaut, dann sieht er Christus. Wenn wir unsere Fehler vor Augen haben, sieht Gott etwas ganz anderes. Er hat Christus vor Augen, wenn Er uns betrachtet. Das ist ein grosser Unterschied. Es ist eine entscheidend neue Grundlage für unser Denken. Unser Leben ist «zusammen mit Christus in Gott verborgen», wie es Paulus schreibt:

«Wenn ihr nun zusammen mit Christus auferweckt wurdet, suchet das droben, wo Christus ist, zur Rechten Gottes sitzend! Auf das droben sinnet, nicht auf das auf Erden! Denn ihr starbet und euer Leben ist zusammen mit Christus in Gott verborgen.»
Kol 3,1-2

Der Weg ist frei

Erst wenn wir von der Realität des Evangeliums ausgehen, ändert sich unsere Lebenseinstellung. Wenn wir anfangen zu danken für das was wir haben, statt im Nicht-Haben hängen zu bleiben, kann Wandlung stattfinden. Wir haben Reichtum empfangen, vielleicht nicht in jeder Hinsicht. Vielleicht mangelt es tatsächlich an vielen Orten in unserem Leben. Vielleicht spüren wir an uns selbst und in den Menschen, die uns nahe sind, grosse Not. Gott aber sieht uns in Christus an. Zu Ihm hin ist der Weg frei.

Danken. Zuerst. Bleibe nicht im Mangel stecken.

 


Wie eine Vogelscheuche im Gurkenfeld

Vom einen Gott zu den selbstgemachten Göttern

Wie die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes abgeändert wird.


Alle unter der Sünde

Paulus malt in Römer 1 ab Vers 18 den Hintergrund für eine bedeutsame Aussage. Es sind mehrere Zusammenhänge, die alle zu einem Schluss hinführen. Es geht nicht um eine einseitige «Verdammung» der Welt, sondern darum, ein weit grösseres Problem zu skizzieren, wovon die Gläubigen ebenfalls betroffen sind. Davon lesen wir jedoch erst in Kapitel 2 und 3 etwas. Paulus spannt einen grösseren Bogen, bis er sagt:

«Was folgt nun daraus? Haben wir [Gläubigen] anderen etwas voraus? Durchaus nicht! Denn wir haben vorhin Juden wie auch Griechen beschuldigt, alle unter der Sünde zu sein, so wie geschrieben steht: Es gibt keinen Gerechten, auch nicht einen! Keiner ist verständig! Es gibt keinen, der Gott ernstlich sucht. Alle meiden sie Ihn und sind zugleich unbrauchbar geworden. Es gibt keinen, der Güte erweist; da ist nicht einmal einer!»
Röm 3,9-12 (vgl. Ps 14,1-3)

Lesen wir in Kapitel 1 vom Römerbrief über die Unfrömmigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, dann ist das also keine «Verdammung der Welt». Wer dies liest, als werde die Welt einseitig kritisiert, der hat den Zusammenhang nicht erfasst. Paulus schreibt weiter und in Kapitel 2 und 3 erweitert er das Blickfeld so, dass die gesamte Menschheit dran kommt. Oder anders gesagt: Die ganze Welt ist aus den Fugen geraten, und alle sind betroffen. Es gibt keine Gerechten, auch nicht einen. Auch wir nicht.

Man könnte hier bemerken, dass Paulus das doch einfacher und schneller hätte sagen können. Das stimmt natürlich. Könnten wir heute mit der Kurzversion vielleicht eher etwas anfangen? Er schreibt jedoch an eine Gemeinde im ersten Jahrhundert und berücksichtigt in seinem Brief das Verständnis, welches in dieser Gemeinde lebendig ist. Es ist davon auszugehen, dass Paulus so schrieb, dass es seine Zuhörer verstanden. Ebenso wie die Rede vom «Zorn Gottes» bei den Vorstellungen seiner Leser anknüpft, so sind auch die übrigen Verweise im damaligen Kontext zu verstehen. Je besser wir den Zusammenhang im Text verstehen und je besser wir uns realisieren, dass Paulus einen Gemeindebrief schrieb, umso entspannter können wir uns den Text annähern.

Die Rettung vor dem Zorn

Im ersten Kapitel des Römerbriefes hat der Apostel zuvor von Seinem Wunsch gesprochen auch in Rom das Evangelium die verkündigen.

«ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Gotteskraft zur Rettung…»
Röm 1,16

«Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin enthüllt…»
Röm 1,17

«Denn enthüllt wird der Zorn Gottes vom Himmel her über alle Unfrömmigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit niederhalten.»
Röm 1,18

Hieraus sieht man, dass Paulus die Rettung mit dem Zorn Gottes über diese Welt in Kontrast setzt. Im Zusammenhang gelesen betrifft es die Rettung von diesem Zorn. Es ist das gerechte Gericht, was auf der Erde einst stattfinden wird. Der Kontrast ist eindeutig – wer dem Evangelium vertraut, d.h. wer auf Gottes eigene Gerechtigkeit vertraut, den Er durch Jesus gewirkt hat, der wird vor diesem Zorn auf der Erde gerettet werden. Diese Aussage ist jedoch nur der Übergang zu einem neuen Abschnitt.

Was über Gott erfahren werden kann

Die Unfrömmigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen zeigt sich darin, dass sie die Wahrheit in Ungerechtigkeit niederhalten. Was heisst das?

«Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit niederhalten, weil das über Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist; denn Gott hat es ihnen offenbart: Denn Seine unsichtbaren Wesenszüge sind seit der Schöpfung der Welt an den Tatwerken begreiflich und ersichtlich geworden (nämlich Seine unwahrnehmbare Kraft und Göttlichkeit), damit sie unentschuldbar seien.»
Röm 1,18-20

Fett hervorgehoben sind die Bindeworte (Konjunktionen) «weil», «denn» und «damit». Sie leiten zu einem erklärenden Nebensatz weiter. An diesen Wörtern erkennt man leicht, dass Paulus Begründungen aufbaut und damit Erklärungen formuliert. Die Wahrheit wird in Ungerechtigkeit niedergehalten, weil sie über einiges von Gottes Wesen Bescheid wissen, denn Gott hat es ihnen deutlich gemacht.

«Wie denn?», könnte man fragen. Paulus verweist dabei auf Gottes unsichtbare Wesenszüge, und dass diese seit der Schöpfung der Welt aus der Natur und der Welt abgeleitet werden können. Insbesondere zeigt er auf Gottes unwahrnehmbare Kraft und Göttlichkeit. Ich stelle mir das so vor, dass die Gemeinde in Rom beim Lesen an dieser Stelle alle einstimmend genickt haben. Das entsprach ihrem Weltverständnis. Für die Römer war das ein klarer Fall – so funktioniert die Welt.

Kann man davon ausgehen, dass Menschen, die heute «Gott in der Natur» begegnen, auch von diesem allgemeinen, häufig diffusen Gottesverständnis ausgehen?

Paulus spricht von Gottes unwahrnehmbare Kraft, wodurch alle Dinge wachsen und blühen und von dem das Leben getragen ist (vgl. Apg 17,23-25). So überwältigend wie die Natur ist, so haben einige dadurch eine Ahnung davon, dass Einer über uns steht. Das spricht von Seiner Göttlichkeit. Deshalb berichten Missionare manchmal, dass sie Menschen zum ersten Mal mit dem Gott der Bibel in Berührung bringen, und dann die Reaktion kommt «Ich wusste immer, dass es diesen Gott gibt, und jetzt habe ich Ihn kennengelernt».

Der lebendige Gott und menschliche Religiösität

Paulus beschreibt nun, was mit dieser Gotteserkenntnis von vielen Menschen gemacht wurde:

«Weil sie, Gott kennend, Ihn nicht als Gott verherrlichen oder Ihm danken, sondern in ihren Folgerungen eitel wurden, ist auch ihr unverständiges Herz verfinstert. Vorgebend, weise zu sein, sind sie töricht geworden und verändern die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in die Gleichgestalt eines Bildes: des vergänglichen Menschen, der Flügler und Vierfässler und Reptilien.»
Röm 1,21-23

Die Erkenntnis von Gott, der alles trägt und über allem steht, entgleitet den Menschen, wenn sie Ihn nicht als solches verherrlichen oder Ihm danken. Religiösität findet hier ihren Ursprung. Statt Gott zu danken, macht man sich einen eigenen Gott – in der Form eines Menschen oder eines Tieres. So gab und gibt es viele Götzenfiguren, die Menschen sich selbst erstellt haben. Für Paulus ist das so etwas wie die Perversion der Wahrheit. Dazu ist es auch noch wirkungslos und überflüssig. In der Bibel wird deshalb der Unterschied von diesen Dingen zum «lebendigen Gott» gemacht. Der «lebendige Gott» ist ein Ausdruck, der von der Torah (5Mo 5,26) über die Propheten bis hin zum Neuen Testament (1Tim 4,9-11) gefunden wird. Der lebendige Gott wird aus seinen Werken erkannt. Er ist nicht tot, wie Götzen aus Holz und Metall.

Eine Vogelscheuche im Gurkenfeld

Im Buch Jeremia liest sich sehr gut, wie der lebendige Gott in Kontrast zu den gemachten Götzen steht:

«3 Denn die Ordnungen der Völker – ein Götze ist es, der sie gab. Ja, ihre Götzen sind Holz, das einer aus dem Wald geschlagen hat, ein Werk von Künstlerhänden, mit dem Schnitzmesser hergestellt. 4 Man schmückt es mit Silber und mit Gold. Mit Nägeln und mit Hämmern befestigen sie es, dass es nicht wackelt. 5 Sie sind wie eine Vogelscheuche im Gurkenfeld und reden nicht; sie müssen getragen werden, denn sie gehen nicht. Fürchtet euch nicht vor ihnen! Denn sie tun nichts Böses, und Gutes tun können sie auch nicht. 6 Keiner ist dir gleich, HERR. Du bist groß, und groß ist dein Name durch deine Macht. 7 Wer sollte dich nicht fürchten, König der Nationen? Denn das gebührt dir! Denn unter allen Weisen der Nationen und in all ihren Königreichen ist niemand dir gleich. 8 Sie sind allesamt dumm und töricht; die Unterweisung der Nichtigkeiten – Holz ist sie. 9 Dünn geschlagenes Silber wird aus Tarsis gebracht und Gold aus Ufas, ein Werk des Kunsthandwerkers und der Hände des Goldschmieds. Violetter und roter Purpur ist ihr Gewand, sie alle sind nur ein Werk von Kunstfertigen. 10 Aber der HERR ist in Wahrheit Gott. Er ist der lebendige Gott und ein ewiger König. Vor seinem Grimm erbebt die Erde, und seinen Zorn können die Nationen nicht ertragen. 11 So sollt ihr zu ihnen sagen: Die Götter, die den Himmel und die Erde nicht gemacht haben, die werden von der Erde und unter diesem Himmel verschwinden.»
Jer 10,3-11

Diese Stelle ist eine gute Illustration für das Umfeld, worin auch Paulus noch verkehrte. Zwar lebte Jeremia viele Jahre vor Paulus, aber die Welt war auch zur Zeit des Neuen Testaments noch überaus religiös. Mit Tempeln und Altären wurde nicht gegeizt und es gab verschiedenste Kulten bis hin zur Kaiser-Verehrung. Gegen diesen Hintergrund lässt sich gut verstehen, dass Paulus von alltäglichen Götzenfiguren schrieb. Wer Jude war und wer Jesus nachfolgte, der erlebte darin ein Spannungsfeld zum lebendigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Die Götzendiener haben die Schöpfung verehrt, statt dem Schöpfer (Röm 1,25).

Die Verirrung wirkt sich aus

Wer Gott nicht ehrt, den lässt Er nun eigene Wege gehen. Gleich dreimal nennt der Apostel im Rest des Kapitels die Folgen der Gottlosigkeit, des Ohne-Gott-Unterwegs-Seins:

  1. «Darum hat Gott sie in den Begierden ihrer Herzen dahingegeben…» (Röm 1,24)
  2. «Deshalb hat Gott sie in ehrlose Leidenschaften dahingegeben…» (Röm 1,26)
  3. «Und so wie sie es nicht als bewährt erachteten, Gott in Erkenntnis zu haben, hat Gott sie in ihren unbewährten Denksinn dahingegeben, das zu tun, was sich nicht gebührt» (Röm 1,28)

Wer Gott «los» ist, macht was er will. Das wäre an sich eine neutrale Aussage, aber Paulus besetzt es hier negativ. Drei Dinge sind es, die der Apostel hier nennt. Diese werden wir noch etwas näher anschauen. Hier wird deutlich auf welche Art der Mensch sich von der Erkenntnis des Einen Gottes entfernt.


Weshalb Paulus vom Gericht spricht

Weshalb Paulus vom Gericht spricht

«Es gibt keinen Gerechten, auch nicht einen!»


In den ersten Kapiteln des Römerbriefes geht es um das Thema Gerechtigkeit. Insbesondere steht Gottes eigene Gerechtigkeit zentral, die im Evangelium bekanntgemacht wird. In Kontrast damit steht die Ungerechtigkeit der Menschen. Was will Paulus damit sagen?

Einen grossen Bogen spannen

Für ein gutes Verständnis von den Gerichtsaussagen in Römer 1 muss man einen grösseren Bogen spannen. Nur wenn man dem Apostel in seinem Brief folgt, kommen seine eigentlichen Beweggründe zum Vorschein.

Im Abschnitt Römer 1,18-32 spricht Paulus von Gottes Zorn über die Gottlosigkeit und die Ungerechtigkeit der Menschen. Das ist gewiss kein populäres Thema und es scheint gar nichts mit unserer Welt zu tun zu haben. Weshalb spricht der Apostel dann davon? Der Bruch im Text kam ohne Vorankündigung. In den beiden Versen zuvor hat er vom Evangelium gesprochen, und hier geht es plötzlich um ein Gericht über die Welt?

Der Kontrast ist zwischen der Gerechtigkeit Gottes, die im Evangelium enthüllt wird (Röm 1,16-17) und der Ungerechtkeit der Menschen (Röm 1,18). Diesen Kontrast wird Paulus in den Kapitel eins bis drei weiter entfalten. Erst in Römer 3,20  wird dieser Abschnitt abgeschlossen. Wie sieht der Kontrast aus?

In Römer 1,16-17 schrieb der Apostel:

«Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Gotteskraft zur Rettung für jeden Glaubenden, dem Juden zuerst wie auch dem Griechen. Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin enthüllt aus Glauben für Glauben, so wie es geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben.»

Der Abschluss vom nächsten grösseren Abschnitt lesen wir in Römer 3,19-20:

«Wir wissen aber, dass all das, was das Gesetz sagt, es zu denen spricht, die unter dem Gesetz sind, damit jedem der Mund gestopft werde und die gesamte Welt unter den gerechten Spruch Gottes gerate, weil aus Gesetzeswerken überhaupt kein Fleisch vor Seinen Augen gerechtfertig werden wird. Denn durch das Gesetz kommt ja nur Erkenntnis der Sünde.»

Der Apostel stellt klar, dass «die gesamte Welt unter den gerechten Spruch Gottes gerate». Niemand ist ausgenommen. Im Vergleich mit Gottes Gerechtigkeit gibt es «keinen Gerechten, auch nicht einen!» (Röm 3,10).

Will Paulus nur bestimmte Gruppen «verurteilen»?

Die Gerichtsaussagen im ersten Kapitel sind nur eine Teilmenge dieser «gesamten Welt», die nach Paulus unter den gerechten Spruch Gottes geraten. Schonungslos stellt er Gruppe nach Gruppe dar. Jeder Mensch kommt dran. Keiner ist gerecht. Das hat eine direkte Wirkung auf das Verständnis dieser Gerichtsaussagen in Römer 1,18-32.

Hier geht es nicht darum, dass einzelne Menschen oder bestimmte Gruppen verurteilt werden, wobei dann alle anderen sozusagen «fein raus wären». Es ist also keine Verurteilung von Selbstgerechten (als gäbe es die Gerechten), von Homosexuellen (als wären die Heterosexuellen fein raus) oder von Nicht-Juden (als wären die Juden fein raus). Das ist nicht sein Ziel. Er zeigt – Gruppe für Gruppe –, dass alle Menschen unter dem gerechten Gericht Gottes gehören. Römer 1 gibt uns keinen Freipass dafür, andere zu verurteilen.

In bestimmten Kreisen, die ihre Identität durch Abgrenzung von anderen Menschen gewinnen (darf ich das mal so sagen?), ist dieser Abschnitt jedoch ein Highlight. Ich habe das immer wieder so erlebt. Wer die Bibel nur als Abgrenzungsbegründung liest (Siehe den Beitrag über das Drama-Dreieck), schiesst jedoch am Ziel von Paulus’ Aussagen vorbei: Keiner ist gerecht!

Die Gemeinde in Rom

Weshalb Paulus nun bestimmte Gruppen oder Zusammenhänge, bestimmte Eigenschaften oder Ansichten verwendet, das hat alles mit seiner Zielgruppe, der Gemeinde in Rom zu tun. Obwohl der Apostel noch nie da war, scheint er die Zusammenstellung der Gemeinde sowie aktuelle Herausforderungen und Probleme zu kennen. Paulus schreibt seinen Brief nicht als «Blindwerbung», sondern er weiss genau, dass sein Schreiben in einer bestimmten Situation landet. Die spricht er an.

Speziell spricht er in diesen Kapiteln die Haltung mancher Menschen in der Gemeinde an. Er spricht von solchen, die andere richten (Röm 2,1-3), aber dadurch für sich selbst Zorn anhäufen. Der Zorn über die Ungerechtigkeit der Menschen ausserhalb der Gemeinde (Röm 1,18) findet den Gegenpol in den unumsinnenden Herzen mancher in der Gemeinde selbst (Röm 2,5-6).

Dies gipfelt in der Erkenntnis von Paulus: «Denn bei Gott ist kein Ansehen der Person» (Röm 2,11). Eine Selbstgerechtigkeit angesichts Verirrungen anderer Menschen ist also nicht angebracht. Paulus hält diesem entgegen, dass es die Güte Gottes ist, die zur Umsinnung führt (Röm 2,4), und nicht das Gericht – schon gar nicht die Verurteilung.

Zorn und Gottlosigkeit sind keine Endstationen

Zorn ist nie das Ziel Gottes. Wenn Gott ein Ziel hat, dann entspricht das Seinem Wesen. Zorn gehört nicht zum Wesen Gottes. Zorn und Gottlosigkeit sind deshalb beide keine Endstationen in der Bibel – nur eine entartete Theologie kann so über Gottes Endziel sprechen, dass daraus ein «ewiger Tod» oder «endloser Qual» wird. Paulus spricht über eine konkrete Situation und über eine Zeit, nicht aber über finale Dinge. Jeder Text muss im eigenen Kontext verstanden werden, ohne dass man eine Endlosigkeit hineininterpretiert, die nirgendwo erwähnt ist.

Der Wandel der Menschheit


Den grossen Bogen spannen.

1,18–1,32
Was nicht aus Glauben ist (vgl. 1.17) wird durch Gericht enthüllt.

2,1–2,29
Bei Gott ist kein Ansehen der Person.

3,1-3,20
Das Vorrecht des Juden und die Ungerechtigkeit aller Menschen.

Das Gericht ist nicht das Thema, sondern es geht darumm den Kontrast zwischen Gottes Gerechtigkeit und der Menschen Ungerechtigkeit aufzuzeigen. Jeden Verweis nach Gericht, jedes Beispiel, welches genutzt wird, ist keine Lehre über Gericht, sondern veranschaulicht das eigentliche Anliegen.

Wenn man die Gerichtsaussagen aus dem ersten Kapitel vom Römerbrief als Teil einer grösseren Aussage sehen kann, klären sich viele bedrohliche Aspekte. Tut man das nicht, dann bleibt vieles verborgen und letztendlich einer willkürlichen Auslegung überlassen. Oft wurden die Gerichtsaussagen oder speziell auch die Angaben über Homosexualität aus dem Kontext herausgelöst und für eigene Interpretationen missbraucht. Das wird dem Kontext nicht gerecht.

Natürlich werden hier Dinge verurteilt. Das Ziel ist es aber nicht, diese Dinge darin zu «erklären», sondern sie dienen lediglich als Bausteine zu einer grösseren Begründung. Paulus geht es nicht darum, bestimmte Menschen zu verurteilen, sondern allen Menschen aufzuzeigen, dass sie der Herrlichkeit Gottes mangeln und wir Seiner Gnade bedürfen. Denn davon spricht das Evangelium. Das Evangelium ist eine frohe Botschaft, die für jeden Menschen Relevanz hat.

Für Paulus ist die Lage dieser Welt, und zwar jedes einelnen Menschen, nicht sehr rosig. Wir bringen unsere Leistung, unser Sein nicht auf einer Ebene mit Gottes Herrlichkeit. Keiner von uns schafft das. Das ist die grosse Gleichschaltung, worin jeder Gottes Gnade erkennen kann. Denn nicht unsere Ungerechtigkeit will der Apostel hervorheben, sondern Gottes Gerechtigkeit. Er malt nur den dunklen Hintergrund, damit die frohe Botschaft heller leuchten kann.


Hat Gott einen Plan für mein Leben?

Hat Gott einen Plan für mein Leben?

In evangelikalen Kreisen lebt ein Gedanke, den ich so nirgends in der Bibel gefunden habe. Es ist dieser Gedanke, dass Gott einen Plan für mein Leben hat. Man hört darüber in Predigten, bei Evangelisationsveranstaltungen und es wird als Zuspruch in Büchern, in persönlichen Gesprächen und bei Vorträgen genannt. Dieser Gedanke gehört zum Kern von dem, was viele Leute glauben. Was ist wirklich dran?

Wo steht denn das geschrieben?

Meine spontane Reaktion auf eine solche Aussage ist heute sehr nüchtern. Wenn jemand mir von einem Plan Gottes für mein Leben erzählt, frage ich, wo dieser Plan denn aufgelegt sei? Ich habe zwar danach gesucht, aber keins gefunden, worauf mein Name steht.

Die Antwort «Das steht doch in der Bibel» greift einfach zu kurz. Wenn man behauptet, dass Gott einen Plan für mein persönliches Leben hat, wo steht denn das? Wo lässt sich das auffinden? Danach kommen die ausweichenden Antworte, die Verallgemeinerungen. Eine Antwort bleibt jedoch aus.

Es erinnert mich etwas an das Buch und den Film von Douglas Adams «Per Anhalter durch die Galaxis». In diesem Science Fiction Film gibt es viele absurde Situationen. Gleich zu Anfang erscheint eine Raumflotte vor der Erde und per Lautsprecher wird die Menschheit darauf aufmerksam gemacht, dass gleich die Erde gesprengt wird, um für eine intergalaktische Umfahrungsstrasse Platz zu machen. Pläne dazu lagen bereits seit 50 Jahren im zuständigen Planungsamt in Alpha Centauri auf – keinen Grund zur Überraschung also. Die Pläne waren ja da.

Nur hat es leider kein Mensch mitgekriegt, da wir keine Möglichkeit haben mal schnell auf Alpha Centauri nachzuschauen.

Der Film «Per Anhalter durch die Galaxis» (Hitchhikers Guide to the Galaxy) basiert auf den gleichnamigen Kultroman von Douglas Adams. Der Kinofilm erschien 2005.

Ähnlich absurd und ebenso hilarisch wie die Szene in diesem Film kommt mir die Aussage «Gott hat einen Plan für mein Leben» vor. Denn vermutlich liegt dieser Plan – wenn es ihn gibt –  irgendwo ausser Reichweite auf. Ich habe noch nie jemand getroffen, der einen solchen Plan gesehen hat. Soweit es mich betrifft muss ich deshalb nüchtern festhalten: Es fehlen konkrete Hinweise auf diesen persönlichen Plan und gäbe es sie, so habe ich keinen Zugriff darauf.

Steht das nicht in der Bibel?

Es ist immer etwas ernüchternd, wenn man konkret nachhakt. In der Bibel findet man nirgendwo einen Satz wie «Gott hat einen persönlichen Plan für jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt» oder «Gott hat einen Plan für jeden Gläubigen (dieser oder jener Kirchenzugehörigkeit)». Namentlich werde ich schon gar nicht erwähnt.

Aber, könnte man einwenden, auch wenn nichts davon in der Bibel steht, könnte Gott trotzdem etwas für mich bereithalten? Eine solche Frage lässt sich schon besser beantworten, denn allgemeine Hinweise gibt es glücklicherweise viele in der Schrift. Was ich für mich persönlich daraus ableite ist jedoch ein Verständnis, eine persönliche Anwendung, eine übertragene Bedeutung. Es ist keine Lehre.

Deshalb ist es sogar in dieser übertragenen Bedeutung berechtigt zu fragen, ob dieser angebliche «Plan für mein Leben» Teil der frohen Botschaft sei? Lautet das Evangelium etwa so: Glaube an Jesus und ich verrate Dir den Plan für jeden Tag für den Rest Deines Lebens? Haben die Apostel so etwas gelehrt oder hat beispielsweise Timotheus so etwas seiner Gemeinde in Ephesus unterrichtet? Nichts von all dem trifft zu.

Die Aussage «Gott hat einen Plan für mein Leben» lässt sich als reine Ideologie entlarven.

Kein Fahrplan für unser Leben

Nun muss man natürlich nicht vom einen Extrem ins andere Extrem fallen. Auch wenn Gott vielleicht keinen minutiösen Plan für meinen aktuellen Lebensalltag hat, so heisst das noch lange nicht, dass Er sich unbeteiligt lässt.

In der Zeit als Gott sich mit Israel beschäftigte, lies er die übrigen Nationen einfach ihre eigenen Wege gehen:

«Er liess in den verflossenen Generationen alle Nationen ihre eigenen Wege gehen, obwohl Er Sich nicht unbezeugt gelassen hat, indem Er Gutes wirkte, Regen vom Himmel und fruchtbringende Fristen gab und unsere Herzen mit Nahrung und Fröhlichkeit erquickte.»
Apg 14,16-17

Gott war nicht immer für jeden Menschen dieser Welt hörbar und spürbar. Er liess die meisten von uns einfach unsere eigene Wege gehen. Soweit uns bekannt hat Gott keine Aktenschränke mit Milliarden von Einzelplänen, für jeden einzelnen Menschen. Sogar wenn Er so etwas hätte, wissen wir nicht davon.

Wir müssen lernen umzugehen, mit dem was wir nicht wissen

Bei vielen Gläubigen ist es üblich vom kontinuierlichen Zuspruch Gottes auszugehen. Darin ist viel Gutes enthalten. Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir keinen Fahrplan für unser Leben erhielten. Was es für einen gesunden Glauben braucht ist kein blindes Vertrauen auf nicht-gegebene Verheissungen, sondern eine nüchterne Differenzierung.

«Und dafür bete ich, dass eure Liebe noch mehr und mehr in Erkenntnis und allem Feingefühl dazu überfliesse, dass ihr prüfet, was wesentlich ist, damit ihr auf den Tag Christi aufrichtig und unanstössig seid, erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus ist, zur Verherrlichung und zum Lobpreis Gottes.»
Ph 1,9-11

Wir werden durchgehend in der Bibel erkennen, dass wir selbst aufgefordert werden besser hinzuschauen, uns auseinanderzusetzen. Paulus betet nicht «dass ihr doch endlich Gottes Plan für Euer Leben erkennt», sondern, dass wir unsere Liebe überfliessen lassen müssen in Erkenntnis und allem Feingefühl. Wir müssen lernen zu prüfen, was wesentlich ist.

Das Wesentliche muss also geprüft, entdeckt werden. Es gibt keine tägliche WhatsApp-Mitteilungen aus dem Himmel, in denen «der Plan für unser Leben» enthült wird. Wir müssen uns selbst auf den Weg machen.

Eingebettet in Gottes Plan

Auch wenn wir keinen persönlichen Fahrplan für unser Leben erwarten können, so gibt es doch deutliche Hinweise darauf, dass Gott alles in Händen hat:

«In Ihm [Christus] hat auch uns das Los getroffen, die wir vorherbestimmt sind, dem Vorsatz dessen gemäss, [Gott, ] der alles nach dem Ratschluss Seines Willens bewirkt…»
Eph 1,11

Hier stehen erstaunliche Dinge: In Christus hat uns ein Los getroffen, d.h. ein Teil von etwas grösserem wird uns zugeteilt. Das gehört dann zu uns. Ebenso lesen wir hier, dass Paulus sich an die Gläubigen wendet. Wir gehören zu dieser Gruppe, die «vorbestimmt» sind. All das ist gemäss dem Vorsatz von Gott. Planung ist hier am wirken! Dieser Gott bewirkt sogar alles nach dem Ratschluss Seines Willens.

Nichts ist hier dem Zufall überlassen, auch wenn die Details nicht ersichtlich sind. Gott hat einen Vorsatz und Er führt diesen auch aus. Erstaunlich ist, dass wir wissentlich Teil von diesem Wirken sind, dass wir darin auch einen Platz erhalten haben.

Unser Leben und Erleben sind eingebettet im Vorsatz Gottes. Dazu sagt Paulus im gleichen Brief noch weiteres:

«… die mannigfaltige Weisheit Gottes…, entsprechend dem Vorsatz der Äonen, den Er in Christus Jesus, unserem Herrn, gefasst hat.»
Eph 3,11

 

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich erkennen, dass wir zwar keinen «Plan Gottes für unser Leben» kennen, aber doch eingebettet sind «im Plan Gottes mit dieser Welt». Viele Details sind und bleiben unklar. Wir wissen nicht, was vor uns liegt. Wir benötigen Weisheit, weil es an Verständnis fehlt. Wir wissen nicht einmal, was wir beten sollen, in Übereinstimmung mit dem, was auf uns zukommt. Aber darin bleiben wir nicht ohne Trost und Zuversicht.

Gott wirkt in dieser Welt. Er hat alles in Händen. Wir sind in Christus mit jedem geistlichen Segen gesegnet (Eph 1,3). Wir wurden versiegelt mit dem Geist der Verheissung, der eine Anzahlung des Zukünftigen ist (Eph 1,13).

Betrachten wir nun die vielen Aussagen in der Bibel von einzelnen Personen, dann sprechen die von einem Verständnis für ihr eigenes Leben. Paulus beispielsweise hat spät erkannt, dass er bereits «von seiner Mutter Leib an abgesondert» war (Gal 1,15). Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass dies nun für alle so zutrifft. Paulus gab es nur einmal. Noah bekam die Aufforderung eine Arche zu bauen, jedoch ist das heute kein Thema mehr (1Mo 9,15).

Einzelne Menschen haben Anweisungen erhalten, wurden berufen, oder erkannten im Nachhinein Gottes Wirken in ihrem Leben. Das kann auch unsere persönliche Erfahrung sein. Das heisst aber noch lange nicht, dass «Gott einen Plan für mein Leben hat», als könnte ich das auf Alpha Centauri auf dem zuständigen Amt einfach mal durchlesen.


Das gerechte Gericht

Das gerechte Gericht

«Denn es wird offenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen»
Röm 1,18

«Nach deiner Störrigkeit und deinem unbussfertigen Herzen aber häufst du dir selbst Zorn auf für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes»
Röm 2,5

Ein Umbruch steht bevor

Die Apostel und die ersten Gläubigen lebten in einer ganz anderen Zeit als wir. Was heute «geläufig» ist, war damals wahrscheinlich «unbekannt» und sogar «unvorstellbar» – und umgekehrt. Damals wie heute gab es bestimmte Annahmen über Gott und die Welt.

Paulus konnte – wie beiläufig – über Gottes Zorn und über ein gerechtes Gericht Gottes sprechen. Für die Zuhörer waren das bekannte Gedanken. Für uns sind sie das vielleicht nicht, aber das soll uns nicht weiter stören. Wir können uns für diese Zusammenhänge etwas interessieren und gewinnen dadurch einen besseren Einblick in die biblischen Geschichten.

Zorn Gottes, Gottes Gericht, der Tag des Herrn – all diese Begriffe waren bei den Zuhörern von Paulus bekannt. Die Propheten von Israel hatten diese Begriffe geprägt. Paulus referiert an bekannten Ideen. Deshalb muss er auch nicht alles erklären. Es reicht vollauf, wenn er hier und dort Referenzen setzt. Wir jedoch müssen uns über diese Referenzen erst einmal Gedanken machen. Uns sind diese Begriffe nicht sehr geläufig.

Worum geht es? In Bezug auf die Zukunft haben alle Propheten – und auch die Schreiber des Neuen Testaments – mit einer Zeit des Umbruchs gerechnet. Gott wird einmal alles gerade rücken, bevor es weiter geht. Ein gerechtes Gericht ist nicht per sé ein Endgericht, und damit das Ende aller Dinge, sondern es ist ein Zwischengericht, das Ende dieses Zeitalters (Mt 24,3), welches durch Gerichte hindurch (Mt 24 und Mt 25) in ein neues Zeitalter hinüber führt. Deswegen hat Jesus häufig von diesem Zeitalter (diesem Äon) im Kontrast zu kommenden Zeitalter (dem kommenden Äon) gesprochen (Mk 10,30 u.a.). Zwischen dieser und der kommenden Zeit liegt eine Zeit des Umbruchs.

Wie findet dieser Umbruch statt? Durch ein Gericht werden Dinge gerade gestellt. Die Ungerechtigkeit dieser Zeit kann nicht einfach in eine neue Zeit hinüber getragen werden. Es braucht einen Tag, an dem das Krumme gerade gerückt wird (vgl. Lk 3,4-6).

Über diese bekannten Ideen und die Funktion einer Gerichtszeit geht es in diesem Beitrag. Das klärt auch einiges beim Verständnis des Römerbriefes – die Themenreihe, worin dieser Beitrag erscheint.

Der Tag des Herrn

Der Zorn Gottes ist eine Begleiterscheinung vom Tag des HERRN. Dieser Tag des Herrn war einer von den Propheten vorhergesagten Gerichtszeit der Nationen (Jes 13,6, Jes 13,9, Hes 30,3, Joel 1,15, Joel 2,1, Joel 2,11, Joel 3,4, Joel 4,14, u.a.). Daran verweist Paulus.

Erst wenige Jahre sind nach dem Tod und der Auferstehung Jesu verstrichen. Für die Gläubigen damals war das lebendig und gerade erlebt. Heute sind wir 2000 Jahre weiter und haben diese unmittelbar bevorstehenden Umbruch meist nicht mehr vor Augen. Paulus erwartete Gottes Eingreifen in diese Welt, ebenso wie Jesus davon gesprochen hat und auch die anderen Apostel das erwarteten (Apg 1,6). Dieser Tag des HERRN wird im Neuen Testament, und auch bei Paulus, mehrfach genannt (Apg 2,20 1Th 5,2 2Th 2,2 2Pet 3,10).

Von einem Zorn Gottes zu sprechen, der «vom Himmel herab» kommt, ist also nichts Neues. Die Annahme ist diese: Erst kommt der Zorn über die Ungerechtigkeit der Menschen und danach folgt das Messianische Reich. Der Tag des Zorns prägt den Übergang von dieser Zeit in die zukünftige Zeit.

Der Zorn kommt «vom Himmel her» (Röm 1,18), und der Tag des Herrn wird von «Zeichen an Sonne und Mond» vorausgegangen (Apg 2,20). Es geht beim Zorn deshalb nicht etwa um ein Endgericht irgendwo ausserhalb der Erde oder im Jenseits, sondern es geht um Gottes Handeln hier auf der Erde.

Dieser Zorn am Tag des Herrn ist auch eines der wichtigen Themen im Buch Offenbarung. Denn Johannes sagt bezüglich der Zeit, wohin er entrückt wurde: «Ich befand mich im Geist in des Herrn Tag» (Offb 1,10 KNT, gr. ἐγενόμην ἐν πνεύματι ἐν τῇ κυριακῇ ἡμέρᾳ).

Das gerechte Gericht

Das Ziel von Zorn und Gericht ist weder die Zorn noch das Gericht. Diese sind bloss Mittel zum Zweck. Es ist eine Übergangszeit, so wie die Wehen die Übergang zur Geburt darstellen. Zorn und Gericht sind schmerzhaft aber nötig, denn sonst geht es nicht weiter.

Was hat das Gericht dort zu bewirken? Die Idee ist diese: Um uns herum ist es chaotisch und die ganze Welt ist in Not und sehnt sich nach Befreiung (Röm 8,19-22). Diese Befreiung kommt, aber sie bedingt auch eine Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Sonst kann keine neue Zeit beginnen. Wenn Gott hier unten Ordnung wiederherstellt, dann ist das «gerecht» und nötig. Darum kann Paulus von der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes sprechen (Röm 2,5).

Diese Art von Gerechtigkeit ist also etwas völlig anderes als das, worüber er wenige Verse zuvor im Römerbrief geschrieben hat. Wir müssen zwei Dinge unterscheiden. Einerseits gibt es die Gerechtigkeit Gottes und andererseits gibt es das gerechte Gericht Gottes. Die beiden Dinge sind unterschiedlich.

Paulus hatte nämlich gerade zuvor erklärt, dass im Evangelium die «Gerechtigkeit Gottes» enthüllt wird (Röm 1,16-17). Diese Gerechtigkeit Gottes basiert auf Kreuz und Auferstehung. Für Gott selbst ist alles im Reinen (2Kor 5,14-21). Es gibt aber auch noch die Erfahrung dieser Welt, in der einiges schief gelaufen ist.

In Römer 1,18-32 geht es deshalb um ein gerechtes Gericht, und um Gottes Zorn, welches vom Himmel herab kommt. Beim Zorngericht geht es um die Ungerechtigkeit der Menschen, die durch das gerechte Gericht Gottes ans Licht gebracht wird. Das gerechte Gericht ist nicht das Ziel, sondern es ist die Aufräumarbeit bevor es weitergeht.

Die Gerechtigkeit Gottes dagegen bildet das Fundament für Gottes Handeln. Es ist das Fundament dafür, dass Er einst alle Menschen freisprechen kann, zur Rechtfertigung des Lebens (Röm 5,18). Das gerechte Gericht Gottes und der Zorn Gottes stehen nie mit diesem Endziel in Widerspruch, sondern es sind Schritte hin zu diesem Ziel.

Zorn Gottes enthüllt sich über die «Unfrömmigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen» heisst es im Römerbrief. Man könnte auch sagen: «Das haben wir selbst eingebrockt». Dafür kann man Gott also nicht verantwortlich machen. Der Mensch wird hier nach seinem eigenen Handeln beurteilt. Die Ungerechtigkeit des Menschen ist der Kontrast zur Gerechtigkeit Gottes.

Der Tag wird es enthüllen

Es gibt noch eine andere Textstelle, die wir hier betrachten können. Die Erwartung, dass einst alles «gerade gerückt» wird, ist bei den Aposteln klar gegeben. Das gilt sogar für die Taten der Gläubigen. Paulus schreibt beispielsweise im 1. Korintherbrief folgendes:

«Gemäss der von Gott gegebene Gnade lege ich als weiser Werkmeister den Grund, ein anderer aber baut darauf weiter. ein jeder aber gebe Obacht, wie er darauf baue! … […] … eines jeden Werk wird offenbar werden; denn der Tag wird es offenkundig darlegen, weil es in Feuer enthüllt wird»
1Kor 3,10-13

Hier geht es darum, wie wir als Glaubende leben. Es ist nämlich nicht egal, wie wir unser Leben führen. Wenn Christus kommt und wir vor der Preisrichterbühne Christi offenbar werden, dann wird unnützes Zeug blossgestellt und abgestreift werden. Die eigenen Fehler und Mängel haben nicht das Potential in eine neue Zeit hinüberzuwechseln. Wenn also der Tag kommt, worauf Christus zurückkommt, wird auch unser Leben beurteilt werden. Alle Werke, bzw. alles was wir in unserem Leben getan haben, wird offenbar werden: «Der Tag wird es offenkundig darlegen». Dann wird aussortiert werden, was keinen Wert hat.

Auch an dieser Stelle also die Idee, dass es einen Tag gibt, an dem das Nutzlose abgetan wird. In einer Bildsprache schreibt der Apostel:

«… denn der Tag wird es offenkundig darlegen, weil es in Feuer enthüllt wird. Und welcher Art eines jeden Werk ist, das wird das Feuer prüfen. Wenn jemandes Werk bleiben wird, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn erhalten. Wenn jemandes Werk verbrennen sollte, so wird er ihn verwirken: er selbst aber wird gerettet werden, jedoch nur so wie durch Feuer hindurch.»
1Kor 3,13-15

Die Rettung steht hier nicht in Frage. Im Rahmen dieser Betrachtung wird aber deutlich, dass es ohne diesen Reinigungsprozess («wie durch Feuer hindurch») nicht weitergeht. Was aber hindurch kommt, wie wenig auch, das hat Ewigkeitswert. Was übrigbleibt ist das, was es in die neue Zeit hinüber geschafft hat. Darin kann sogar Trost liegen! Was keinen Wert hat, das wird nämlich abgestreift werden. Dann kann man auch Altes definitiv hinter sich lassen.

Ein Reinigungsprozess

Lesen wir nun den Römerbrief, und darin vom Zorn Gottes, dann spielt darin dieser Hintergrund eine Rolle. Für diejenigen, die den Zorn Gottes erfahren werden, ist das kein Zuckerschlecken. Es geht aber um ihre eigene Ungerechtigkeit – genau wie das einst auch bei der Gemeinde der Fall sein wird. Für die Welt als Ganzes ist diese Zeit eine Gerichtszeit, aber auch ein Reinigungsprozess. Es ist der Übergang von dieser Zeit in die nächste Zeit.

Vor Gott ist das letzte Wort dann noch nicht gesprochen.