Paulus, ein Sklave Christi Jesu

Paulus, ein Sklave Christi Jesu

 

Der Briefanfang

Absender und Empfänger werden in biblischer Zeit zusammen am Anfang genannt. So erklären die ersten paar Verse im Römerbrief wer den Brief geschrieben hat und wer den Brief empfangen sollte. Ähnlich wie heute in Emails standen früher Absender und Adresse ganz oben. Denn sollte die Schrift als Rolle geschrieben werden, muss man nur den Anfang aufrollen, um die Anschrift zu erfahren. Der Römerbrief fängt mit diesen Worten an:

«Paulus, Sklave Christi Jesu, berufener Apostel, abgesondert für das Evangelium Gottes…»
Röm 1,1 (KNT)

Paulus also ist der Absender. Die Gemeinde in Rom ist der Empfänger (Röm 1,7). Paulus hat mehrere Briefe an Gemeinden geschrieben. In den meisten Gemeindebriefen erwähnt der Apostel gleich zu Anfang weitere Mitarbeiter, die mit ihm reisen. Nur im Römerbrief und im Epheserbrief ist das nicht der Fall. In diesen beiden Briefe scheint es von besonderer Bedeutung zu sein, dass Paulus den Anfang allein macht.

Als nächstes erklärt er etwas über sich selbst und auch über seine Funktion. Das dürfte für die Römer hilfreich sein, kennen sie ihn doch noch nicht. Paulus war noch nie in Rom. Es gab jedoch bereits eine Gemeinde in der Hauptstadt des römischen Reiches. Diese Gemeinde schreibt er jetzt an, und zwar als ein «Sklave Christi Jesu». Über «Christus Jesus» wird der Bezug hergestellt. Paulus wie die Gemeindeglieder in Rom stellen ihr Vertrauen in Ihn. Das verbindet. Dass er sich als Slave bezeichnet hat ebenfalls eine Bedeutung. Wir kommen gleich darauf zu sprechen. In Bezug auf die Gemeinde kommt er mit einem speziellen Auftrag auf sie zu. Deshalb nennt er ausserdem seine Funktion. Paulus ist ein «berufener Apostel». Zusammen bilden diese Aussagen so etwas wie eine Einführung zu seiner Person.

Ein positiver Einstieg

Ein paar Verse weiter schreibt er:

«Aufs Erste danke ich meinem Gott durch Jesus Christus euer aller wegen, dass euer Glaube verkündet wird in der ganzen Welt. Denn Gott ist mein Zeuge, dem ich in meinem Geist an dem Evangelium seines Sohnes diene, wie unablässig ich euch erwähne allezeit in meinen Gebeten, indem ich flehe, ob ich nun endlich einmal durch den Willen Gottes so glücklich sein möchte, zu euch zu kommen. Denn mich verlangt sehr, euch zu sehen, damit ich euch etwas geistliche Gnadengabe abgebe, um euch zu stärken…»
Röm 1,8-11

Dem Apostel ist es wichtig, sich selbst vorzustellen, denn was er anschliessend schreibt sollte entsprechend aufgenommen werden. Der Einstieg in diesen Brief sollte gelingen, denn er hat noch viel zu erzählen.

Rom war eine Weltstadt und es war Paulus zu Ohren gekommen, dass die Gemeinde dort einen lebendigen Glaube pflegte, sodass ihr Glaube in der ganzen Welt genannt wurde. Ebenso freut sich Paulus bereits auf den Tag, dass er die römischen Gläubigen selbst besuchen kann. Es ist ein positiver und wohlwollender Einstieg. Paulus sucht bereits bei dieser Einführung verbindende Elemente. Er will den Lesern in Rom nicht nur etwas mitteilen, sondern auch in eine Beziehung eintreten.

Paulus ein Sklave?

Als erstes schreibt Paulus er sei ein Sklave Christi Jesu. Viele Übersetzungen schwachen dies zu einem «Diener» oder «Knecht» ab. Im Grundtext ist jedoch die Rede von einem Sklaven. Dass Paulus sich selbst als Sklave Christi Jesu sieht ist bemerkenswert. Hätten wir an seiner Stelle nicht lieber geschrieben, wir sind ein «Kind Gottes» oder «Königskind»? So, als suchen wir stets die Bestätigung, dass wir auch geschätzt und geliebt sind, und von Gott auf Schritt und Tritt bewahrt und behütet werden? Wie anders ist da die Selbsteinschätzung vom Apostel!

Als «Sklave» stellt sich Paulus an einem anderen Standort. Da geht es nicht um ihn selbst, sondern es geht um seinen Herrn. Er verwendet eine Bildsprache aus dem Alltag. Jeder wusste, was ein Sklave ist. Wir müssen das heute nicht beschönigen, sondern es hilft beim Verständnis, wenn wir uns in die damalige Situation einfühlen. Dies unterscheidet ein Sklave von einem Arbeiter: Ein Sklave gehört nicht mehr sich selbst, sondern seinem Herrn – er wurde gekauft (1Kor 7,22-23). Während ein Knecht ein Teil seiner Zeit «verkauft», ist ein Sklave 24 Stunden pro Tag ohne Entlohnung gehorsam schuldig. In dieser Haltung kommt Paulus zu den Römern. Er gehört Christus und er gehorcht Ihm. Wenn er kommt, dann im Auftrag seines Herrn. Wenn er spricht, dann sind es die Worte seines Herrn. Oder anders gesagt: Es geht Paulus nicht um eine Selbstdarstellung. Paulus zeigt wie er zu Christus gehört, und wie er nur in Seinem Namen schreibt.

Es geht um die Lebenshaltung

Es sind keine fromme Worte, sondern es ist eine Erkenntnis und Lebenshaltung. Das wirkt sich aus: Ein Sklave kann man nicht im Studierzimmer sein, sondern nur in der Praxis, im Alltag. Heinz Schuhmacher schreibt:

«… Nur Menschen mit solcher Grundeinstellung des Lebens kann Gott dann auch beauftragen und bevollmächtigen zum Dienst an Seiner Gemeinde. Wo diese wichtigste aller Voraussetzungen fehlt – der Gehorsam eines Sklaven – und sich Eigenwille und Eigenstolz einmischen, kann Gott keinen Auftrag erteilen, keine Vollmacht vermitteln. Wer dann trotzdem der Gemeinde zu dienen versucht, richtet nur Schaden an: Weil der Eigenwille nicht gebrochen ist, kommt es zu «eigenen» Lehren, «eigenen» Parteiungen und Absplitterungen vom Ganzen, zu «eigenem» Eifer und «eigenen» Kämpfen. Wer aber gehorcht, wird fähig, auch andere zum Gehorsam anzuleiten (Röm 1,5).»
Heinz Schuhmacher, Der Römerbrief, Seite 12.

Das Bild eines Sklaven tönt in unseren Ohren negativ und wird schnell verstanden im Sinne von «versklaven», nämlich «unfreiwillig unterdrücken». Im Kontext der biblischen Geschichten aber ist das durchaus differenzierter. So gibt es in den Bestimmungen für das Volk Israel die Möglichkeit, dass ein Sklave frei wird, dieser sich aber dazu entscheidet bei seinem Herrn zu bleiben:

«Falls aber der Sklave sagt: Ich liebe meinen Herrn, meine Frau und meine Kinder, ich will nicht als Freier ausziehen!, so soll ihn sein Herr vor Gott bringen und ihn an die Tür oder an den Türpfosten stellen, und sein Herr soll ihm das Ohr mit einem Pfriem durchbohren; dann soll er ihm für ewig dienen.»
2Mo 21,5-6

Hier wird also ein (wieder) freier Mensch aus Liebe zu seinem Herrn und zu seiner Familie wieder ein Sklave. Ähnlich differenziert nutzt Paulus den Begriff auch im Römerbrief. Er sieht sich selbst als Sklave Christi Jesu, und weist in Römer 12 auch die Gläubigen an sich so zu sehen:

«Die Liebe sei ungeheuchelt! Seid solche, die das Böse verabscheuen und am Guten haften! In der geschwisterlichen Freundschaft seid einander herzlich zugetan, in der Ehrerbietung einander höher achtend, im Fleiss nicht zögernd, im Geist inbrünstig, dem Herrn als Sklaven dienend, in der Erwartung freudevoll, in der Drangsal ausharrend, im Gebet anhaltend, zu den Bedürfnissen der Heiligen beisteuernd, der Gastfreundschaft nachjagend!»
Röm 12,9-13

«…Das Königreich Gottes ist nicht Speise und Trank, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude in heiligem Geist; denn wer in diesem dem Christus als Sklave dient, ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen bewährt»
Röm 14,17-18

Aufmerksames Lesen

Paulus beschreibt sich in einer Bildsprache als Sklave. Er tut das, weil er damit etwas ausdrücken will. Wenn wir aufmerksam und mit kleinen Schritten durch den Römerbrief gehen, werden uns weitere Dinge auffallen. Paulus spricht beispielsweise nicht von Christus als Messias von Israel und seine Botschaft hat nicht das messianische Reich zum Inhalt. Damit weicht er von den Berichten in den Evangelien und auch von den übrigen Aposteln ab. Wenn Paulus von Christus Jesus spricht, hat er den auferstandenen und erhöhten Herrn vor Augen, der ihn gerufen hat für eine besondere Aufgabe: Die Gemeinde aus allen Nationen auszurufen, wozu auch die Gläubigen in Rom gehörten. Die Grundzüge dieser Aufgabe und das dazu gehörende Evangelium werden im Römerbrief breit ausgemessen. Es lohnt sich, hier genau hinzuhören.

 


Saulus von Tarsus

Saulus von Tarsus

Im Neuen Testament finden sich verschiedene Aussagen über den Apostel. Er selbst beschreibt sich so:

«Ich bin ein jüdischer Mann, geboren in Tarsus in Cilicien, aber aufgewachsen in dieser Stadt [Jerusalem]: Zu den Füssen Gamaliels wurde ich in genauer Auslegung des väterlichen Gesetzes unterwiesen und war ein Eferer für Gott.» (Apg 22,3)

Paulus war ausserhalb von Israel, in der Stadt Tarsus als Sohn von jüdischen Eltern geboren. Tarsus liegt am Mittelmeer in der heutigen Türkei. Seine Familie und auch er selbst waren demnach Teil der jüdischen Diaspora, der Zerstreuung von Israel unter allen Nationen. Seine Ausbildung jedoch erhielt er in Jerusalem, an den Füssen eines der ganz grossen jüdischen Lehrer. Gamaliel (Rabban Gamaliel der Ältere) wird als der wichtigste jüdische Lehrer seiner Zeit betrachtet. Gamaliel – und so auch Paulus – gehörten zur Gruppe der Pharisäer (Phil 3,5, Apg 23,6).

Vom Saulus zum Paulus

Zunächst wurde er Saulus oder direkt «Saulus von Tarsus» genannt (Apg 9,11). Saulus ist sein hebräischer Name. Paulus ist sein griechischer Name, den man erst später in der Apostelgeschichte antrifft. In der Apostelgeschichte gibt es einen Wechsel vom Namen «Saulus» zum Namen «Paulus» an dem Moment, wo er seine Aufgabe zu erfüllen beginnt (Apg 13,9).

Dieser Namenswechsel findet man in dem Ausdruck «vom Saulus zum Paulus werden». Das soll einen Wandel in der Gesinnung bezeichnen. Das ist jedoch ein Missverständnis. Der Wandel vom Verfolger der Gemeinde zu einem glühenden Anhänger von Jesus Christus hat nicht zu diesem Namenswechsel geführt. Er hiess einfach weiterhin Saulus. Der Namenswechsel kam später. Bemerkenswert ist, wie seine Berufung bereits von den Nationen (den nicht-jüdischen Völkern) spricht, und der griechische Name «Paulus» bestens zu diesem internationalen Ansatz gehört.

«Dieser ist Mir [Gott] ein auserwähltes Gerät, Meinen Namen vor die Augen der Nationen wie auch der Könige und der Söhne Israels zu tragen; denn Ich werde ihm anzeigen, wieviel er um Meines Namens willen leiden muss.» (Apg 9,15-16)

Paulus im Neuen Testament

Nebst den Briefen, die Paulus geschrieben hat, finden wir auch hier und dort weitere Angaben über den Apostel als Person. Wir lesen über seine Herkunft, seine Position innerhalb von Israel und über manche andere Dinge. Hier die wichtigsten Bibelstellen:

• Stephanus und Saulus: Apg 6–7
• Saulus wütet gegen die Gemeinde: Apg 8,1-3
• Berufung von Saulus auf dem Weg nach Damaskus: Apg 9
• Einsetzung für den Dienst und Namenswechsel zu Paulus: Apg 13,1-3; Apg 13,9
• Saulus war ein Verfolger der Gemeinde. Diese Erfahrung hat sein Leben und seine Lehre geprägt: 1Tim 1,12-17
• Paulus war ein Jude, ein Schriftgelehrter aus bester Abstammung und Tradition, der eine grosse Zukunft im Judentum vor sich hätte (Apg 22,3). All das aber erachtete er später als Verlust und achtet es als gering, damit er Christus gewinne: Phil 3,4-7.
• Im Rückblick erkennt er Gottes Wirken in Seinem Leben: Gal 1,11-24.

Berufung aus Gottes Gnade

Dieser Paulus wurde von Gott berufen, nicht aufgrund seiner eigenen Leistungen, sondern aufgrund von Gottes Gnade.

«… Gott, der mich von meiner Mutter Leib an abgesondert und durch Seine Gnade berufen hat…» (Gal 1,15)

Diese erlebte Gnade steht in allen seinen Briefen zentral. Bei ihm entwickelt sich eine Perspektive, die in dieser Form weder in den Evangelien noch bei den 12 Aposteln gefunden wird. Der Römerbrief ist eine Grundlage für das was der Apostel zwei Mal mit Recht «sein Evangelium» nennt (Rö 2,16, Rö 16,25). Es geht eine neue Welt auf, wenn Paulus frohe Botschaft verkündigt.

 

 

Bildvermerk:

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz. Rembrandt van Rijn (and Workshop?) (Dutch, 1606 - 1669 ), The Apostle Paul, c. 1657, oil on canvas, Widener Collection, National Gallery of Art, Washington D.C. (USA). Wikimedia Commons.

 


An Paulus scheiden sich die Geister

An Paulus scheiden sich die Geister

«Paulus, Sklave Christi Jesu, berufener Apostel, abgesondert für das Evangelium Gottes…» (Römer 1,1)

Mit diesen Worten fängt der Römerbrief an. Paulus ist der Autor. Er schreibt als «Apostel», nämlich als «Gesandter». Er gehörte jedoch nicht zu den 12 Aposteln, die in Jerusalem verblieben. Er war der dreizehnte Apostel, berufen für eine spezielle Aufgabe. Für das Verständnis des Römerbriefes ist es unerlässlich, den Absender und seine Geschichte zu kennen. Darum wenden wir uns zuerst diesem Mann und seiner Geschichte zu.

Der 13. Apostel

Paulus kommt im Neuen Testament eine besondere Bedeutung zu. Während die 12 Apostel in Jerusalem sind, zieht Paulus als 13. Apostel durchs ganze Römische Reich. Was er sagt und schreibt weicht in wesentlichen Dingen von dem ab, was Jesus in den Evangelien lehrte und er bringt ganz neue Lehren. Wer aufmerksam das Neue Testament liest kommt um die spezielle Position und Bedeutung von Paulus nicht herum. Allerdings versteht nicht jeder, was da eigentlich vor sich geht. Es gibt deshalb eine ganze Reihe Meinungen über Paulus. Lesen wir als Einstieg ein paar dieser Einschätzungen:

Paulus über sich selbst

Dies ist der Anfang vom Römerbrief, worin Paulus von sich selbst schreibt:

«Paulus, Sklave Christi Jesu, berufener Apostel, abgesondert für das Evangelium Gottes…» (Rö 1,1)
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Wie Paulus gesehen wird

Zweifellos hat Paulus eine enorme Arbeit geleistet. Seine Bedeutung für das Christentum ist nicht zu unterschätzen. So würdigen einige seine Arbeit:

«Paulus von Tarsus ist nach biblischer Überlieferung der erste und wichtigste Theologe der christlichen Kirche» (Glaubenskurs).

«Der bedeutendste Missionar des Urchristentums» (Wissen Lexikon).

Es gibt jedoch auch eine andere Seite. Nach der Meinung einiger Menschen hat Paulus nicht nur Hervorragendes geleistet, sondern auch einiges direkt missverstanden. Nebst den vielen positiven Einschätzungen gibt es also auch ganz negative Meinungen von Paulus.

Da können wir z.B. lesen:

«Paulus hat Jesus nicht verstanden» (Spiegel).

Jemand anders schreibt:

«Kein Missionar hat sich in der Verbreitung des Christentums größere Verdienste errungen als Paulus. Und kein anderer hat die ursprüngliche Lehre von Jesus derart massiv verfälscht.» (Zeitenschrift).

Diese und ähnliche Dinge finden sich nicht nur auf die zitierten Webseiten, sondern ganz ähnlich lesen wir bereits über den Widerstand gegen Paulus im Neuen Testament und später in der Kirchengeschichte. Das soll uns nicht erschrecken, sondern das hat Bedeutung. Paulus richtig zu verstehen ist wichtig für unser Verständnis vom Neuen Testament.

An Paulus scheiden sich die Geister

Wer Paulus ist und was er genau will, daran scheiden sich die Geister, die Theologien, die Lehren, und ganz allgemein das Verständnis von Gottes Handeln in dieser Welt. Was Paulus lehrte, war nicht einmal für den Apostel Petrus ganz deutlich, denn der schreibt:

«…und erachtet die Geduld unseres Herrn für Rettung, so wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben hat, wie auch in all den Briefen, wenn er in ihnen auf diese Dinge zu sprechen kommt, in welchen etliches schwer zu begreifen ist…» (2Pet 3,15-16)

Kein Wunder also, wenn bis heute die Lehre und das Zeugnis von Paulus verkannt und verbannt werden. Seine Botschaft ist so radikal und umwerfend, dass es quer auf so manches Verständnis steht. Umso wichtiger ist es deshalb, dass wir den besonderen Auftrag von Paulus verstehen, und dass wir seine Botschaft in Gottes Licht erkennen.

Zwar hat Paulus seine Lehre stets ausführlich begründet und Stellung zu vielen Themen bezogen, doch hiess das nicht automatisch, dass dies Gefallen fand. Nicht einmal in den Gemeinden, die er selbst gegründet hat, war der Erfolg von Dauer. Seinem Mitarbeiter Timotheus schreibt er am Schluss seines Lebens, vermutlich aus dem Gefängnis in Rom, folgende Einschätzung:

«Dies weisst Du, dass sich alle in der Provinz Asien von mir abgewandt haben, unter welchen auch Phygellus und Hermogenes sind» (2Tm 1,15)

Wenn wir die heutige Gemeinde verstehen wollen, dann führt das uns direkt zu den Briefen von Paulus. Er hat diese Gemeinde, die er aus allen Nationen durch Verkündigung einer frohen Botschaft vorantrieb, gegründet. Christus steht zentral, bei den 12 Aposteln ebenso wie bei Paulus. Der Kontext ist in beiden Fällen jedoch leicht anders. Denn so wie es ganz verschiedene Einschätzungen seines Dienstes und seines Wirkens gibt, so lassen sich die offensichtliche Differenzen zwischen seiner Lehre und die von Jesus und den 12 Aposteln aus seinem speziellen Auftrag erkennen. Wer den Auftrag von Paulus nachspürt erhält so etwas wie einen Schlüssel zum Verständnis vom Neuen Testament.

 

Vertiefung

 

 


Woher stammt Weihnachten?

Woher stammt Weihnachten?

Weihnachten ist eine Tradition. Obwohl diese Tradition mit einer biblischen Geschichte verknüpft wird, geschah dies lange nachdem diese Geschichte aufgeschrieben wurde. Weihnachten ist vieles, aber gewiss kein biblisch begründetes Fest. Woher stammt nun Weihnachten?

Ursprung des Names

Der Name «Weihnachten» bezieht sich auf die «12 geweihte Nächte» der Germanen. Sie begannen ursprünglich in der ersten Nacht nach der Wintersonnenwende am 21. Dezember und dauerten bis zum 3. Januar. Mit diesen Nächten wurde der Mondkalender dem Sonnenkalender angeglichen.

Weihnachten ist also alles andere als christlich, sondern bereits der Name ist ein klarer Hinweis auf altgermanische religiöse Praktiken. Das ist zuerst einmal nur ein geschichtlicher Hinweis. Wir erkennen an dieser Feststellung bereits ein Spannungsfeld zwischen heidnischen Ursprüngen und vermeintlich christlicher Praxis.

In der christlichen Tradition wurden diese alt-germanischen Nächte auf die Zeit vom 25. Dezember bis 6. Januar verschoben. Bestehende heidnische Feste aus dieser Winterzeit wurden nach und nach christianisiert (so: Weihnachten, Silvester, Drei Könige). Es war ein Prozess, der Jahrhunderte dauerte.

Weihnachten ist eine Erfindung

Die Apostel feierten keine Weihnachten. Auch Josef und Maria wussten davon nichts. Lange dauerte es, bis die Ideen von Weihnachten Teil der christlichen Tradition wurden. Sie entstanden nicht wegen den biblischen Geschichten, sondern wegen heidnischen Festen, die umgedeutet wurden.

Diese Verknüpfung mit einem heidnischen Hintergrund war für viele Gläubige ein Problem. Man wollte keine heidnische Feste feiern. Viele hatten sich gerade aus diesen heidnischen Bräuchen verabschiedet, um zu Christus zu gehören. Sollten diese Tage nun doch wieder gefeiert werden? Die Ablehnung ist verständlich.

Ein paar Jahreszahlen zur Veranschaulichung dieser Entwickklung: Der Bischof von Rom versuchte 354 das «Fest des unbesiegbaren Sonnengottes» am 25. Dezember mit der Geburt Jesu gleichzusetzen. Das führte zu grossem Widerstand bei den Gläubigen. Erst 813 wurde der 25. Dezember an der Mainzer Synode zum «festum nativitas Christi», zum Fest der Geburt Christi, bestimmt, welches bis 1773 ganze 4 Tage dauerte. Mit diesem Akt wurde die Auseinandersetzung zu einem vorläufigen Schluss gebracht.

Man könnte zu dieser Entwicklung auch sagen, dass sich die Kirche entschieden hat – aufgrund vieler kleinen Entwicklungsschritte – das Fest nun definitiv als christliches Fest zu etablieren. Das ist gewissermassen eine Errungenschaft, weil es sich dadurch gegen heidnischen Einflüssen durchsetzen konnte. Ob es eine bewusste Entwicklung gewesen ist oder eher eine Anpassung an bereits bestehende Traditionen lässt sich diskutieren.

Allerdings sollte man die Problematik auch erkennen: Weihnachten wird ganz stark über Symbole definiert, die fast ausnahmslos aus der germanischen Mythologie stammen und die mit der biblischen Geschichte nichts zu tun haben. Es bleibt ein seltsames Fest und eine seltsame Tradition. Es ist ein Versuch Gegensätze zu versöhnen. Dem darf man kritisch gegenüberstehen. Aber natürlich gibt es auch eine andere Seite, gibt es schöne Lichter und die dazu passend gemachte biblische Geschichte hat tatsächlich einen Wert. Man kann grosszügig über die Widersprüche hinweg schauen. Man kann die Widersprüche damit jedoch nicht aufheben.

Im alten Israel forderten die Propheten das Volk dazu auf, die grüne Bäume auf den Höhen zu fällen und die damit zusammenhängenden Kultstätten zu vernichten. Heute werden immergrüne Bäume im grossen Stil immer noch abgeholzt, jedoch nur damit wir sie in das Wohnzimmer hineintragen. Das ist ein krasser Gegensatz zu den Aufforderungen an Israel. Mit allem Verständnis für die Schönheit der Christbäume: mit Christus oder mit der Bibel hat dieser Brauch nichts zu tun.

Wo liegt nun die Differenzierung? Das ist hier jetzt die Frage. Es geht nicht darum einfach etwas zu verteufeln. Damit ist niemand gedient. Darüber nachdenken kann man schon. Aber wie? Für manche Leute stellt sich die Frage, welche Feste «biblisch» sind, und welche nicht – als könnte man dadurch zwischen «gut» und «böse» unterscheiden.

Biblische Feste

Es werden in der Bibel eine Reihe von Festen für Israel eingesetzt. Dazu gehören Pesah (das Fest der ungesäuerten Broten und der Auszug aus Ägypten, später Ostern), Shawuoth (das Wochenfest, später Pfingsten) und das Laubhüttenfest (wofür es in der christlichen Tradition keine Entsprechung gibt). Diese drei Festen waren die wichtigsten Feste in Israel. Sie waren alle mit der Geschichte Israels und dem Land Israel verknüpft und erhielten dadurch eine geistliche Bedeutung speziell für dieses Volk. Im dritten Buch Mose liest man von der Einsetzung dieser Festen (3Mo 23).

Das Judentum feiert noch ein Fest, in Anlehnung an einem Event, das jedoch in der Bibel nicht als Fest definiert wurde. Das ist Chanukkah, die Erinnerung an die Einweihung des zweiten Tempels.

Weder Weihnachten noch Chanukkah sind in striktem Sinne «biblische» Feste. In einer biblizistischen Sichtweise sollten diese Feste also gar nicht gefeiert werden. Es findet eine Abschottung gegenüber spätere Traditionen statt. Dass eine solche Abschottung oft selbst nur Resultat einer (lehrmässigen) Tradition ist, fällt nicht jedem auf. Man meint sich in einem absoluten und richtigen biblischen Glauben zu befinden und andere Sichtweisen können bedrohlich wirken. Weihnachten, so die einfache Formel, ist nichts für Christen. Tatsächlich gibt es dafür Argumente.

Allerdings ist damit nicht alles gesagt. Für Viele Menschen hat Weihnachten eine sehr grosse emotionele Bedeutung. Obwohl Weihnachten als Fest nicht aus der Bibel begründet werden kann, sehen viele Weihnachten als das Herzstück christlichen Glaubens. Was ist schlecht daran, miteinander ein Fest zu feiern? Brauchen wir nicht ein Lichterfest in der dunklen Jahreszeit? Ist auch dafür nicht etwas zu sagen? Extreme Sichtweisen liegen also nahe beieinander.

Sind wir frei zu feiern?

Sind wir frei zu feiern, zu danken, zu leben? Das zeigt sich vielleicht auch an unserem Umgang mit emotional beladenen und tief in unserer Kultur verankerten Traditionen und Festen.

Wir können ein Fest als Anlass sehen, uns mit anderen Menschen dankbar zu verbinden. Finde ich dazu eine Gelegenheit, so kann ich frei sein, diesen Moment wahrzunehmen.

Man kann es auch anders sehen, beispielsweise so, dass die heutige Weihnachtskultur, die Symbolik und die Erwartungen, welche landauf und landab mit diesem Fest verknüpft werden, eher vom Wesentlichen ablenken als darauf hinweisen. Alle typische Weihnachtssymbole können auf heidnische Symbole zurückgeführt werden. Manche möchten sich davon distanzieren. Auch mit dem Weihnachtskommerz muss man sich nicht anfreunden. Man kann zum Weihnachtsrummel auf Distanz gehen.

Wieder Andere jedoch geniessen den Kitsch, meinen darauf nicht verzichten zu wollen und geniessen die Tradition. Es ist vielen Schnuppe, woher das kommt. Hauptsache wir feiern den Tag. Ist es ausserdem nicht eine gute Gelegenheit die Familie wieder zu sehen? Auch das ist zweifellos ein Ansatz.

Ich für mich feiere seit über 30 Jahren kein Weihnachten mehr. Das ist mein persönlicher Entscheid, und sie hat mich sehr entlastet – von Meinungen, von Traditionen, von Erwartungen, vom Konsumdrang. Ich fühle mich deshalb sehr entspannt in der Weihnachtszeit. Das hat übrigens Jahre gedauert, bis es soweit war. Denn Weihnachten erscheint ein kollektiver Trance zu sein. Es ist fast unmöglich jemand zu sagen, dass man darauf verzichtet, und dass man lieber bei sich bleibt. Das nimmt fast niemand ernst – so gross ist der Druck der Tradition. Auch Treffen von Weihnachtsabstinentler genau am 24. Dezember bestätigen den kollektiven Trance.

Nicht überall wird es jedoch gleich gefeiert. Weihnachtsbräuche unterscheiden sich von Land zu Land und vielleicht auch von Familie zu Familie. Ich habe sehr schöne und schlichte Feier miterlebt, und solche, die ich bloss «überlebt» habe. Auf die letzte Variante möchte ich heute verzichten.

Auszeit von den Erwartungen

Muss ich Weihnachten feiern? Natürlich nicht. Weihnachten ist genau das, was wir selbst daraus machen. Viele Leute erleben diese Zeit als eine Last. Warum sollte man sich dann nicht auf den Weg machen, etwas besseres aus dieser Zeit zu machen? Alibi-Übungen braucht es  keine. Ich selbst gehöre zu dieser Gruppe von Menschen, die gerne auf das Konstrukt «Weihnachten» verzichten. Ich bin aber nicht im Krieg mit denjenigen, die ein solches Fest sehr gerne feiern. Problematisch wird es lediglich dort, wo Erwartungen über andere Menschen hinübergestülpt werden, sich an diesen oder jenen «Norm» anpassen zu müssen. Von diesen Erwartungen nehme ich gerne eine Auszeit.

Fragen zur Vertiefung

  • Wie fühlt sich die Weihnachtszeit für Dich an?
  • Ist es wichtig Weihnachten zu feiern? Weshalb?
  • Weihnachten ist das wichtigste Fest in der westlichen Kirche. In der östlichen Kirche steht Ostern zentral. Wäre das eine Alternative zu unserer Kultur? Warum?
  • Bist Du frei zu feiern wie Du selbst willst?
  • Was ist Weihnachten für Dich an ersteller Stelle? (Familienfest, …)


Freuet Euch! 2

Freuet Euch! (2)

Die praktische Umsetzung der Zuversicht.


Sich in diesem Leben zurecht zu finden kann eine Herausforderung sein. Im ersten Teil dieser Betrachtung lasen wir wie Paulus den Gläubigen in Philippus etwas «Unglaubliches» sagte. Sie sollten sich einfach «freuen»! Das tönt spannend, aufmunternd, aber wie soll so etwas funktionieren? In dieser Welt gibt es vieles was sehr schwierig ist. Ist die Aussage von Paulus nicht weltfremd?

Die Grundlage ist gelegt

Wie sieht Paulus dieses Leben? Wird er von der unmittelbaren Not dieser Welt und seiner eigenen Erfahrung völlig vereinnahmt, oder geht er besser damit um? Paulus ist ein Mensch wie wir. Er kennt die Not in dieser Welt. Weise geht er damit um. Im Vertrauen auf Gott lässt er die Not los. Er geht ein paar Schritte zurück, und gewinnt eine Übersicht. Er nimmt eine andere Position ein, die nicht von den unmittelbaren Erfahrungen, sondern von Gottes Zusagen und von Seiner Realität geprägt ist. Sich zu freuen, das geht manchmal nur, wenn man bewusst den eigenen Horizont erweitert und einen anderen Standpunkt einnimmt.

In Philipper 4,4-7 hat Paulus die Gemeinde zugesprochen, sich zu freuen. Denn diese Welt erscheint durch das Evangelium der Gnade Gottes in einem anderen Licht. Er wirkt in diese Welt hinein und diese Welt wird von Ihm getragen. Dieser Ausblick und Diese Zuversicht werden aus der Bibel entnommen. Auch darin ist natürlich nicht alles gelöst – keineswegs! Darin ist aber Entwicklung und Ausblick enthalten. Nicht alles geschieht heute, und vieles ist erst für die Zukunft aufbewahrt.

«Freuet euch!» war die Aufforderung, die Welt aus Gottes Sicht zu sehen. Ihm alle unsere Wünsche mit Danksagung bekanntzumachen wird Frieden schenken. Denn in Ihm sind unsere Wünsche geborgen. Im Hinblick auf Sein Ziel sind wir selbst geborgen, auch wenn nicht alle Wünsche erfüllt werden.

«Dann wird der Friede Gottes, der allem Denksinn überlegen ist, eure Herzen und eure Gedanken wie in einer Feste in Christus Jesus bewahren»
Phil 4,7

Das ist eine Verheissung und bestimmt ebenfalls eine eigene Erfahrung von Paulus. Vielleicht so, wie es Dietrich Bonhoeffer einmal formuliert hat:

«Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.»
Dietrich Bonhoeffer, an Eberhard Bethge, 19. März 1944.

Praktische Schritte

Die Friede Gottes ist allem Denksinn überlegen, hat der Apostel geschrieben. Das ist seine persönliche Erfahrung. Was aber, wenn wir diese Zuversicht in den Alltag mitnehmen wollen? Dann braucht es noch etwas mehr. Dann will die innere Zuversicht in praktische Schritte umgelenkt und dort gelebt werden. Deshalb fährt der Apostel weiter mit folgenden Versen:

«Im übrigen, Brüder,
alles was wahr ist,
alles was ehrbar,
alles was gerecht,
alles was lauter,
alles was freundlich,
alles was wohllautend ist,
wenn es irgendeine Tugend
oder wenn es irgendeinen Lobpreis gibt,
so zieht diese in Betracht.»
Phil 4,8

Acht verschiedene Verhaltensweise erwähnt Paulus. Dies sind die Dinge, worauf wir uns nun aktiv ausrichten sollten. Er empfiehlt das im Anschluss an der Aufforderung, dass wir uns freuen sollten. Das eine gehört zum anderen. Vollständig ist die Aussage erst, wenn wir den Zuspruch mit der Praxis verbinden.

Diese acht Dinge sollten wir in Betracht ziehen. Möglicherweise müssen wir uns dafür täglich viele Male bewusst entscheiden. Konkret wird etwas nur, wenn wir es umsetzen. Wissen wir uns aber von der Freude und von Gottes Aussicht getragen, dann gelingt uns vielleicht im Alltag immer mehr von dieser Freude auszuleben. Wenn Gott uns zum Segen ist, können wir anderen Menschen zum Segen werden.

Was wahr ist, verdient unsere Zustimmung. Was ehrbar ist definiert unseren Weg in der Gesellschaft und in den Beziehungen mit anderen Menschen. Was gerecht und lauter ist lässt für Schatten keinen Platz. Was freundlich und wohllautend ist sieht das Gute für andere Menschen vor. Tugend spricht von moralisch hohen Werten und der Lobpreis verweist auf unseren Gott und Vater, ebenso wie auf die Menschen, denen wir unseren Dank aussprechen. Denn dies sollte klar sein: Unser Leben lässt sich nicht in einem geistlichen und nicht-geistlichen Teil aufteilen. Menschsein und Christsein gehören unzertrennlich zusammen. Paulus ermutigt uns, unser Leben wie aus einem Guss zu gestalten.

Wir können dies vielleicht einfach so zusammenfassen: Von Gott geliebt und durch Christus nahe gekommen, dürfen wir andere Menschen ebenso vorbehaltlos mit Güte begegnen, Ihm zur Ehre.

Das Beispiel des Paulus

Paulus ist nicht nur Theologe. Er ist auch Praktiker. Hier geht es um die praktische Lebenshaltung. Das ist nicht theoretisch, sondern er setzt sich selbst gleich als Vorbild hin:

«Was ihr auch von mir gelernt und erhalten, gehört und an mir gewahrt habt, das setzt in die Tat um; dann wird der Gott des Friedens mit euch sein.»
Phil 4,9

Wenn die Worte nicht ganz klar sind, dann schaue hin! Schaue auf mich und schaue auf Andere, die ebenso wandeln! Schaue hin und lerne. Lasse Dich ermutigen. An anderer Stelle schreibt er:

«Werdet meine Mitnachahmer, ihr Brüder, und seht auf diejenigen, die so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt».
Phil 3,17

Paulus geht aufs Ganze und will uns dort einbeziehen. Wir sollten lernen das Evangelium in die Tat umzusetzen. Damit ist eine Verheissung verknüpft: «dann wird der Gott des Friedens mit euch sein».

Der Friede Gottes mit uns

Bereits hatte der Apostel erwähnt, dass der Friede Gottes unsere Herzen bewahren wird. Hier in Vers 9 geht er aber einen Schritt weiter. Hier heisst es, dass der Gott des Friedens mit uns wird sein. Darin sind zwei Dinge bemerkenswert. Erstens ist es nicht der Friede von Gott, sondern er spricht von dem «Gott des Friedens». Es ist der Gott, der von Friede gekennzeichnet ist. Es geht hier nicht mehr um den Zustand «Friede», sondern um eine Person, um den «Gott» dessen Wesen von Frieden bestimmt ist. Hier werden wir in die Beziehung hineingenommen, die selbst von Frieden geprägt ist. Kommen wir in Gottes Nähe, dann gilt Friede, weil Er Friede geschaffen hat und weil Er Friede schaffen wird (Kol 1,20).

Leben wir uns Leben in Übereinstimmung mit Gottes Zusagen und rechnen wir damit im Alltag, dann wird das unser Leben positiv beeinflussen. Es wird zuerst unsere Zuversicht, unser Friede im Herzen, beflügeln. Es wird aber auch nach einem Ausdruck im Alltag suchen. Gerade so, wie Paulus das zuvor beschrieben hat.

Plötzlich stehen wir nicht mehr selbst im Mittelpunkt, sondern unser Leben steht in Seinem Licht. Dann ändert alles. Dann erhalten auch unsere Sorgen eine andere Gewichtung. Das ist keine Weltflucht, sondern wir erleben die Welt aus Gottes Perspektive. Nüchtern betrachtet können wir nicht anders als die Welt aus «irgendeiner Perspektive» betrachten. Wir tun gut daran, eine solche Perspektive bewusst zu wählen. Das ist es, wozu die Verkündigung des Evangeliums dient. Wir sollten lernen uns selbst und diese Welt aus Gottes Sicht zu betrachten. Gehen wir darauf ein, dann leuchtet die Welt in anderen Farben auf.

Freuet euch!

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Die perfekte Kirche

Die perfekte Kirche

Es gibt einen bekannten Ausspruch, wonach jede «perfekte Gemeinde», so sie bestehen sollte, in dem Moment fehlerhaft wird, sobald ich selbst dazustosse.

Nirgendwo in der Schrift lesen wir von einer «perfekten Gemeinde». Wir lesen jedoch von einer «Einheit des Geistes» unter allen Gläubigen:

«Befleissigt euch, die Einheit des Geistes durch das Band des Friedens zu halten.»
Eph 4,3

Diese Einheit ist vielleicht mehr als die Vorstellung einer perfekten Kirche je sein könnte. Eine gegebene Einheit erscheint erstaunlich. Paulus beschreibt sie ganz locker: Die Einheit der weltweiten Kirche ist schon da! Wir müssen sie nicht erschaffen. Wir müssen sie lediglich bewahren.

Mit wem sollten wir diese Einheit des Geistes bewahren? Mit allen Christen. Und wer ist Christ? Es sind «alle Heiligen, die auch Gläubige in Christus Jesus sind» (Eph 1,1). Im Römerbrief nennt Paulus sie «Berufene Jesu Christi» (Röm 1,6) und «berufene Heilige» (Röm 1,7). Das umschliesst alle, die auf die frohe Botschaft mit ihrem Leben geantwortet haben. Wer sich selbst als von Gott berufen und als vom Evangelium Seiner Gnade berührt erkennt (Röm 8,15-16), der ist Teil dieser weltweiten Kirche. Es sind diese Menschen, die durch Gottes Geist erfahren haben, dass sie Kinder Gottes sind (Röm 8:16). Diese reale Gemeinde, die von Paulus der Körper Christi genannt wird, ist mit keiner Institution zu verwechseln und sie besteht seit nunmehr 2000 Jahren quer durch alle Denominationen hindurch.

Ein Geschenk

So unterschiedlich unsere Kirchen und Gemeinschaften auch sind, und so verschieden die Erkenntnisse, so klar bleibt doch die Einheit des Geistes bestehen. Diese Einheit nämlich ist nicht von Gleichschaltung geprägt. Es geht nicht darum, dass wir dasselbe Denken. Es geht nicht einmal darum, ob wir bestimmte Dogmen kennen, bejahen oder ablehnen. Unser Glaube ist ein Geschenk (Eph 2,8-10). Wir haben alle dasselbe Geschenk erhalten. Wir sind «berufene Jesu Christi» (Röm 1,6). Dies ist die Grundlage.

Die Einheit des Geistes

Kein Mensch ist perfekt. Keine Gemeinschaft kann alles richtig sehen. Paulus weist vielmehr darauf hin, dass wir – trotz verschiedener Ausprägung – Gott ehren können, indem wir die Einheit des Geistes halten, und vielleicht einmal den Nächsten «aushalten». Wir müssen das nicht tun weil wir mit den Erkenntnissen des Anderen einverstanden wären. Wir dürfen es aber tun, weil wir diese gegebene Einheit respektieren und würdigen. Darin nämlich ehren wir Ihn, der auch uns berufen hat.

Die Einheit ist «des Geistes». Sie ist keine «Einheit des Bekennens» oder «Einheit des Erlebens». Es geht um Geist, um eine geistliche Sicht. Damit werden wir an Gottes Handeln erinnert. Andernorts schreibt Paulus: «Ihr erhieltet nicht den Geist der Sklaverei, wiederum zur Furcht; sonder ihr erhieltet den Geist des Sohnesstandes, in welchem wir laut rufen: Abba, Vater! – Der Geist selbst bezeugt mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind» (Röm 8,15-16). Dieses Wirken Gottes dürfen wir auch in anderen Gläubigen erkennen.

Das Band des Friedens

Das «Band des Friedens» ist eine Bildsprache. Friede soll das Verbindende sein. Wir sollten uns nicht streiten, nicht uns selbst den Anderen überlegen fühlen. Das ist gar nicht selbstverständlich, sodass Paulus darauf hinweisst, dass wir uns dazu «befleissigen» sollten. Auch wenn diese Einheit des Geistes gegeben ist, so braucht es unsere tägliche aktive Zustimmung, entsprechend geistlich mit unserer Berufung umzugehen.

Friede gehört auch zum neunfachen Frucht des Geistes, schreibt Paulus an die Galater: «Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Gutheit, Treue, Sanftmut, Selbstzucht» (Gal 5,22).

Im Kolosserbrief spricht Paulus von der Liebe als von dem «Band der Vollkommenheit» (Kol 3,14). Es geht bei all diesen Texten um unseren Lebenswandel. Wie soll sich unsere Berufung auswirken?

Die nicht-perfekte Kirche

Gerne bin ich Teil einer nicht-perfekten Kirche oder Gemeinschaft. Eine solche Gemeinde erscheint mir viel lebensfähiger als eine, die sich in Lehrmeinungen oder auch religiösen Gemeinplätzen ergötzt. Meine Erfahrung ist es, dass Gottes Wort sehr konkret in diese Welt hinein spricht. Es ist eine frohe Botschaft, nicht weil es die Kirche sagt, sondern weil es eine tatsächlich frohe Botschaft für uns als Menschen ist:

«Gott war in Christus, die Welt mit Sich Selbst versöhnend: Er rechnet ihnen ihre Kränkungen nicht an und hat in uns das Wort der Versöhnung niedergelegt. Daher sind wir Gesandte für Christus, als ob Gott durch uns zuspräche. Wir flehen für Christus: Lasst euch mit Gott versöhnen! Denn den, der Sünde nicht kannte, hat Er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit in Ihm würden.»
2Kor 5,19-21

Das ist der Kern der frohen Botschaft. Gott wirkt. Er tut Gutes in Christus und Er will uns damit beschenken. Es geht um diese Botschaft, dass Gott mit Dir und mir und mit der ganzen Welt versöhnt ist (nota bene: Hier ist die Rede von der Welt, nicht von den Gläubigen!). Von Ihm her ist es geregelt, ist der Weg frei. Das ist umwerfend gut. Kann ich das nun für mich selbst akzeptieren? Dort fängt lebendiger Glaube an. Dort kann ich Ihn und Sein Wort vertrauen, mich auf Seine Liebe einlassen.

Eine nicht-perfekte Kirche stellt Gottes Wirken zentral. Eine solche Gemeinschaft wirkt einladend, sie wirkt auf die Mitglieder transformierend und sie ist ohne Angst in der Gesellschaft unterwegs. Sie muss sich selbst nicht beweisen. Sie weist auf Ihn hin, der über allen steht – nicht superfromm, sondern befreiend nüchtern! Eine nicht-perfekte Kirche ist christozentrisch, sie ist fragend und lernend unterwegs. Eine solche Kirche kennt die Not der Welt und die Not in unserem Dasein. Das Evangelium leuchtet in das Dunkel der Not hinein und Menschen sind dankbar.

Innere Bilder

Jeder hat ein eigenes Bild von Kirche oder Christsein. Ob das Bild stimmig ist oder nicht sei hier nicht die Frage. Man kann vermutlich davon ausgehen, dass unsere innere Bilder so begrenzt sind wie wir selbst begrenzt sind. Interessanter wäre deshalb die Frage, wie wir unsere innere Bilder prägen.

Paulus war in seinen Briefen ständig mit verschiedenen Gemeinden in Kontakt. Er hat sich überall für ein gesundes Glaubensleben eingesetzt. Ständig war Korrektur nötig. Offenbar hatten und haben alle Menschen innere Bilder. Der Apostel versuchte die Gläubigen von den eigenen Vorstellungen auf das Wesentliche auszurichten (Phil 1,9-10).

Es war wohl eine Anpassung des Denkens. Fünf Aufgaben sah er für die Gemeinde als grundlegend an. Es waren die folgenden Funktionen: Apostel, Propheten, Evangelisten, sowie Hirten und Lehrer (Eph 4,11-12). Sie alle prägen das Denken, die Erwartung und damit das tägliche Erleben. Ausgehend von der frohen Botschaft werden Glaubende durch den Dienst dieser Menschen in die Freiheit von Christus hinausgeführt. Innere Bilder erhalten eine Korrektur wo nötig und es werden von Gnade geprägten Alternativen bereitgestellt. So entsteht eine Kirche, die nicht fehlerfrei ist, aber worin immer mehr Menschen im Glauben befreit werden.

Denken wir noch einmal zurück an die Aussage von Paulus, wonach wir lediglich die Einheit des Geistes bewahren sollten. Das ist eine Glaubenshaltung. Folgen wir die Aussagen des Apostels Paulus in seinem Brief an die Epheser, dann können wir die Förderung einer gesunden Glaubenshaltung überall als Anliegen erkennen. Seine Hinweise für die Gemeinde kulminieren in diese Aussage:

«Wenn wir aber wahr sind, sollten wir in Liebe alles zum Wachsen bringen, hinein in Ihn, der das Haupt ist, Christus»
Eph 4,15

Eine positive Glaubenshaltung führt zu Christus hin. Eine positive Glaubenshaltung bewahrt nicht nur die Einheit des Geistes, sondern bringt alles in Liebe zum Wachsen. Wenn Paulus diese Worte schreibt, hat er fast 4 Kapitel lang um ein besseres Glaubensverständnis gerungen. Hier skizziert er das Bild einer lebendigen Gemeinschaft, die gegenseitig ein Wachstum fördert, worin Menschen nicht nur auf sich selbst, sondern in allem auch auf Christus fokussiert sind.

Die perfekte Kirche gibt es also nicht, aber es gibt etwas Lebendiges unter den Gläubigen. Sie dürfen sich unabhängig von der lokalen Zugehörigkeit weltweit mit allen anderen Glaubenden verbunden wissen. Diese Einheit darf durch das Band des Friedens bewahrt werden. So gestaltet sich Glaubensrealität. Die von Paulus genannten Wesensmerkmale zeugen von geistlicher Reife und können einer Gemeinschaft als Richtschnur dienen.


Freuet Euch! 1

Freuet Euch! (1)

Die Grundlage einer zuversichtlichen Weltsicht


Mensch zu sein ist nicht unbedingt ein einfacher Spaziergang. An Gott zu glauben löst dann auch nicht alle Fragen und Herausforderungen. Wir bleiben Mensch. Wir stehen nach wie vor in denselben Herausforderungen wie jeder andere Mensch auch. Wie greift nun dieser Glaube, dieses Gottvertrauen, diese Zuversicht des Evangeliums, in unser Leben ein? Das ist für viele oft «unbegreiflich». Wie kann es sein, dass Paulus die Glaubenden in der Gemeinde in Philippi dazu aufruft, sich einfach zu freuen? Ist das noch realitätsnah?

Unser Leben zu leben ist eine Kunst

Unbekümmerte Zeiten im Leben sind wichtig. Wer schon länger jung ist, der weiss, dass dies  nicht immer de Fall ist. Es gibt viele Zeiten, worin wir herausgefordert sind. Lässt sich nun unser Leben, getragen von einer lebendigen Gottesbeziehung, auch anders gestalten? Darum geht es Paulus in seinem Brief an die Philipper.

Nichts Menschliches ist uns fremd. Das ändert sich nicht, wenn wir zum Glauben kommen. Wir haben vielleicht eine grössere Zuversicht, erleben eine tiefe Gemeinschaft mit Gott. Das aber löst nicht alle tägliche Herausforderungen.

Wir sorgen uns um die Zukunft

Wir machen uns Sorgen um Dinge, die noch in der Zukunft liegen. Wir haben vielleicht eine finanzielle Not und verzichten auf vieles. Sorge macht man sich um die Rechnungen, die Ende Monat bezahlt werden müssen. Wer sich sorgt, der schaut voraus auf Dinge, die noch kommen müssen. Man sorgt sich für die Zukunft. Überlebt wird jedoch im Hier und Jetzt.

Sich zu sorgen, las ich letzthin, ist eine falsche Verwendung unserer Vorstellungskraft. Den Vergleich fand ich treffend. Denn tatsächlich ist das, worüber wir uns sorgen, noch nicht da. Wir stellen es uns vor. Wir sorgen uns für das, was noch unklar ist. Wir schätzen vielleicht die Entwicklung richtig ein, jedoch können wir konkret nicht über den aktuellen Augenblick hinaussschauen. Als Mensch leben wir nur im Hier und Jetzt. Wir stehen aber zwischen Vergangenheit und Zukunft. Mit welcher Lebenshaltung und mit welcher Erwartung wir in dieser Zeit stehen, das prägt unser Menschsein. Wer voller Sorgen ist, bekommt das immer wieder auch körperlich zu spüren. Wem es nicht gut geht, spürt das als einengend, beklemmend, als beschwerlich – typische Analogien zu körperlichen Reaktionen. Unsere Gedanken sind eng mit unserem Menschsein verknüpft.

Der Zuspruch des Paulus

Lesen wir nun, was Paulus einmal der Gemeinde in Philippi geschrieben hat. Seine Worte sind weise und zeugen von wirklicher Zuversicht auch im Glauben:

«Freut euch in dem Herrn allezeit! Nochmals will ich betonen: Freut euch!
Lasst eure Lindigkeit allen Menschen bekannt werden: der Herr ist nahe!
Sorgt euch um nichts, sondern lasst in allem eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott bekannt werden.
Dann wird der Friede Gottes, der allem Denksinn überlegen ist, eure Herzen und eure Gedanken wie in einer Fest in Christus Jesus bewahren»
Ph 4,4-7

Paulus fängt nicht mit den Sorgen an. Im Gegenteil! Er fordert uns auf, dass wir uns «freuen im Herrn allezeit». Damit ist keine Weltflucht gemeint, sondern eine echte Freude. Es geht um die Ausrichtung unserer Gedanken. Sich im Herrn zu freuen soll im Alltag nicht untergehen, sondern dort gepflegt werden. Wir sollten unsere Gedanken auf gute Dinge ausrichten. Wir sollten uns dem Evangelium der Gnade Gottes bewusst sein. Der Herr ist nahe!

Paulus sucht hier die Philipper dazu zu bewegen, dass sie der Realität Gottes im Leben einen dankbaren und freudigen Platz geben. Das war das Erste.

Nun aber schreibt er weiter: «Lasst Eure Lindigkeit allen Menschen bekannt werden». Das ist der zweite Aspekt. Hier geht es nicht um unsere Gedanken, sondern um unser Handeln in dieser Welt. Was sollen die Menschen von uns sehen? Lindigkeit! Das ist Milde, Warmherzigkeit, auf Begegnung ausgerichtetes Handeln. Wem gegenüber? Allen Menschen gegenüber. Ohne Ausnahme. Wir sollten also bewusst unsere Gedachten in der Realität Gottes gründen, und ebenso bewusst in der Welt Gottes stehen. Hier dürfen wir von Seiner Gnade, Güte und Milde uns gegenüber zeugen.

Diese beiden Aspekte umfassen uns selbst und die Welt worin wir stehen. Wir lernen uns aus Gottes Perspektive zu sehen. Was bleibt, ist unsere eigene Erfahrung. Diese ist nicht immer positiv. Deshalb ist es menschlich und verständlich, sich immer wieder zu sorgen.

Die bewusste Hinwendung zu Gott

Da schliesst Paulus nun an:

«Sorgt euch um nichts!»

Was immer uns beschäftigt sollte nicht endlos in den eigenen Gedanken kreisen. Wir sollten alles was wir uns wünschen, was uns beschäftigt, vor Gott bekanntmachen. Wir sollten unsere Sorge aus unserem Kopf entlassen und alles bewusst unserem Gott und Vater übergeben. Paulus sagt auch gleich, wie wir das machen sollten: «in Gebet und Flehen mit Danksagung». In der intimen Beziehung mit Gott beten wir. Aus unserer eigenen Betroffenheit flehen wir. Wir schütten unser Herz vor ihm aus. Beides sollen wir mit Danksagung verknüpfen. Danksagung ist die Verpackung unserer Gedanken, unserer Not. Damit ist die Haltung, die Erwartung, die Unmöglichkeit auch unserer eigenen Kräften, eingebettet in einem Vertrauen auf Seinem Wirken. Wenn wir «mit Danksagung» unser Leben ausrichten, wird sich das Leben automatisch positiv prägen. Die Not wird vielleicht nicht kleiner, aber wir stehen anders darin. Wir müssen nicht für das Schlechte oder für die Not danken, jedoch können wir in dem erlebten Übel und in der Not eine Ausrichtung unseres Denkens vornehmen. Wenn uns das nicht auf Anhieb gelingt, dann können wir es üben.

Der Friede Gottes

Es gibt nun auch eine Verheissung. Paulus richtet sich an Menschen wie wir. Sie lebten zu anderen Zeiten aber sie trieben sich mit sehr ähnliche Sorgen herum, die auch uns plagen. Paulus macht klar, dass wir nicht alles erhalten, was wir vielleicht gerne hätten. Es gibt keine Verheissung für Gesundheit, wirtschaftlichen Erfolg, die Erfüllung bestimmter Träume oder andere solcher Dinge. Die Verheissung ist ganz anders:

«Dann wird der Friede Gottes, der allem Denksinn überlegen ist, eure Herzen und eure Gedanken wie in einer Feste in Christus Jesus bewahren»

Der Friede Gottes ist die Verheissung. Wer sich sorgt wird Frieden erfahren, wenn wir uns Gott hinwenden. Ein Herz, das von Sorge geplagt ist, kann Friede finden. Was wünscht man sich sehnlicher? Dieser Friede «ist allem Denksinn überlegen». Vielleicht analysieren wir genau, weshalb unsere Situation katastrophal ist, vielleicht sogar hoffnungslos. Das sind die Gedanken, die in unserem Kopf kreisen. Der Friede Gottes ist nicht die bessere Analyse. Es ist nicht der befreiende Blitzgedanke, womit sich alle Probleme aus der Welt schaffen lassen. Der Friede Gottes übersteigt solche Überlegungen.

Der Friede Gottes, schreibt Paulus, wird unsere Herzen und unsere Gedanken in Christus Jesus bewahren. Das kann man so lesen, dass wir mit unserem Herzen und mit unseren Gedanken in Christus Jesus zur Ruhe kommen dürfen. «Wie in einer Feste in Christus Jesus bewahrt.» Dort kann uns dann nichts mehr erschüttern. Dort sind wir sicher in Gottes Gegenwart geborgen.

Natürlich sind dies alles Bilder, es sind Wörter, die Paulus gebraucht, um uns die Nähe Gottes zu schildern, uns dazu einzuladen. Der Herr ist nahe! Bis die Wörter und deren Bedeutung in unserem Leben hineinwirken, müssen wir sie mit unserem Erleben verknüpfen. Wir speichern Gedanken via Emotionen und konkreten Erlebnissen. Ein Wort bleibt vielleicht nur ein Wort, bis wir uns selbst auf den Weg machen und uns in die vertrauensvolle Nähe Gottes begeben. Dort erleben wir das Wort und deren Kraft. «Lasst in allem eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott bekannt werden.» Paulus sagt: Macht dies und das, und dann wird der Friede Gottes spürbar werden.

Der Friede Gottes ist kein unpersönliches Konzept. Es ist keine Kraft zum anzapfen. Es ist keine friedliche Versenkung oder mystische Erfahrung. Es ist der Friede «von Gott». Es ist Sein Friede. Es ist der Friede, den Er hat, und woran wir teilhaben. Es ist ein Friede, welche durch die Beziehung erlebbar wird. Sie gründet jedoch in einem Verständnis von Gottes Wesen, sowie von Seinem Handeln und Wirken in dieser Welt. Die Reihenfolge ist: hören, denken, handeln, erleben.

Freut euch!

Für den Apostel Paulus war dies klar. Er verkündete keine unpersönliche Ethik. Es ging ihm nicht um Tradition. Er predigte keine Erfolgsrezepte. Für ihn ging es um die Beziehung mit dem lebendigen Gott. Er vertraute Gott. Am Schluss vom Brief fasst er zusammen:

«Mein Gott aber wird all euren Bedarf ausfüllen, nach Seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christus Jesus»
Ph 4,19

Jetzt könnte man erneut bei diesem Vers anknüpfen, und danach fragen, was genau unser «Bedarf» sei. Viel wichtiger aber erscheint, dass Er «nach Seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christus Jesus» diesen Bedarf ausfüllt. Der Fokus liegt auch hier auf Gottes Handeln. Paulus vertraut darauf, dass es Dinge gibt, die grösser und wichtiger sind als unsere unmittelbare Wahrnehmung oder Erfahrung. Wer auf Gott vertraut, der stellt sein Leben in einen grösseren Kontext.

«Freut euch!» ist die Erinnerung an diesen grösseren Kontext Gottes.

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Bibelauslegung: Text im Kontext deuten

Bibelauslegung: Text im Kontext deuten

Die Bibel zu lesen scheint nicht schwer. Sie zu deuten kann dagegen eine Herausforderung sein. Es gibt eine einfache Faustregel, wie man den Aussagen der Bibel auf die Spur kommt: Man soll den Text im Kontext lesen.

Bücher, Predigte und Vorträge zur Bibel – wie präsentieren sie uns die Aussagen der Bibel? Da gibt es grosse Unterschiede. Der Eine versucht ein Thema direkt in der Bibel aufzuspüren oder zumindest nachzuspüren. Andere jedoch habe eigene Themen, und die Bibel wird vorwiegend zur Unterstützung der eigenen Sichtweise zitiert.

Ob die Aussage des Autors bei einer thematischen Betrachtung vom Bibeltext bestätigt wird, lässt sich meist gar nicht prüfen. Das Bibelzitat wird nämlich gar nicht erläutert, sondern nur erwähnt. Das ist das Problem thematischer Betrachtungen, die sich eher an Schlagwörtern als an Basisthemen der Schrift orientieren. Die «richtige Interpretation» von Bibelstellen wird dann beim Leser vorausgesetzt oder suggestiv untergeschoben. Das geschieht in Predigten zuviel, in Büchern zu häufig und es lässt sich in vielen Gesprächen ebenso nachvollziehen: Man zitiert die Bibel, um damit eine bestimmte «Erkenntnis» zu bestätigen. Immer wieder wurde mir eine solche als «biblische Wahrheit» getarnte Ideologie präsentiert. Wer an der Aussage zweifelt, dem wird auch mal schnell unterstellt, dass man der Bibel nicht glaubt. Dann wird eine gesunde Auseinandersetzung sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich gemacht.

Genügt ein Bibelzitat?

Ein Bibelzitat «für sich betrachtet» kann auch fehlinterpretiert werden. Reicht es, einen Bibelvers zu zitieren, um damit etwas zu «beweisen»? Wohl kaum! Es geht jedoch auch anders.

Die Standardregel für eine gesunde Bibelauslegung ist sehr einfach: Lese jeden Text im Kontext. Jeder Bibelvers soll im eigenen Zusammenhang gelesen und auch dort zuerst verstanden und interpretiert werden. Das zeigt Respekt dem Text, dem Schreiber, und nicht zuletzt auch dem ursprünglichen Empfänger gegenüber.

Text im Kontext lesen

Man kann sich dem Bibeltext auf verschiedene Arten annähern. Es ist selbstverständlich hilfreich, die Bibel ganz durchzulesen und dadurch einen Eindruck verschiedener Zusammenhänge zu gewinnen. Allerdings braucht das sehr viel Zeit. Möchte man von einem einzigen Text ausgehen, also so dem Text begegnen, wie das häufig zitiert wird – hier ein Vers, dort ein Zitat – dann kann man sich eine bessere Bibelbetrachtung als konzentrische Zirkel vorstellen:

Ausgehend von einem Wort kann man das Wort im Satz versuchen zu verstehen, dann der Satz im Absatz, der Absatz im Kapitel, das Kapitel im Kontext des Buches und das Buch im Kontext der ganzen biblischen Geschichte. Am Satz allein kann man die Bedeutung nicht immer ablesen. Erst im Zusammenhang leuchtet die Bedeutung auf. Allerdings ist eine solche Annäherung an den Text als Einstieg nicht sehr einfach. Für den geübten Leser jedoch ist es hilfreich.

Ein Text im Kontext zu lesen heisst auch, dass man die eigene Interpretation etwas zurückstellt. Man hört zuerst auf den Text, auf die erzählte Geschichte, auf die Beweggründe der Menschen, die dort genannt werden, auf die Ziele, welche der Schreiber mit diesen Versen vorhatte. Wenn ich das einigermassen verstehe, lässt sich ein Bibelabschnitt oder ein Bibelvers viel besser deuten.

Es kann passieren, dass der erste Eindruck eines Textes täuscht und der Text von unerwarteten Dingen spricht, die erst bei näherer Betrachtung auffallen. Erst den Text im Kontext zu lesen gibt mir die Information zu einer mehr objektiven Interpretation. Nüchtern betrachtet geht es hier um ein Textverständnis. Wie soll ich die Aussage des Textes verstehen, wenn ich die Bedeutung im Kontext nicht kenne?

Basieren die meisten lehrmässigen und dogmatischen Unterschiede auf dieser Missachtung des Kontextes? Vergisst man einmal den lästigen Kontext, dann kann natürlich jeder Text nach Belieben ausgelegt werden. Sobald man den Kontext jedoch einblendet, wird man auf die ursprüngliche Geschichte, auf die ursprüngliche Aussage zurückgebracht. Im Kontext ist keine beliebige Interpretation mehr möglich. Deshalb hilft es immer, den Text im Kontext zu betrachten.

Beispiele

Es gibt viele Beiträge auf dieser Seite, welche den Text im Kontext zu deuten versuchen. Beispiele sind unter anderem hier zu finden:

Weitere Hinweise zum Bibelstudium finden sich hier:


Der Zweck der Auserwählung

Der Zweck der Auserwählung

Ein heikles Thema

«Auserwählung» ist ein heikles Thema. In einigen Gemeinden und Kirchen habe ich noch nie darüber gehört, in anderen ist es Teil einer schwer verdaulichen Theologie. Vielfach wird damit der Gedanke verbunden, dass einige auserwählt sind, andere aber nicht, als bekäme ein Kind ein Eis und ein anderes nicht, und zwar grundlos! Das eine Kind hat einfach Glück gehabt, während das andere Pech hat. Wenn hier die «Problematik» gesehen wird, ist es verständlich, dass viele gar nicht erst darüber nachdenken wollen. Wer kann schon die Idee von Willkür mit einem allmächtigen Gott verbinden?

Es gibt ein handfestes Problem, als würde Gott  Menschen willkürlich auswählen.

Auserwählung wird bekanntlich von jemand anders gemacht. Jemand anders wählt also für uns, und wir haben das einfach hinzunehmen. Wir hätten darauf keinen Einfluss. In diesem Begriff «Auserwählung» scheint so gar keine Gerechtigkeit spürbar zu sein. Und gäbe es jetzt einen Gott, der auserwählt, dann gibt es ein handfestes Problem, als würde Gott  Menschen willkürlich auswählen.

Die Auserwählung, Vorherbestimmung oder Prädestination taucht in unterschiedlichen Gewändern auf. In streng-calvinistischen Kirchen lehrt man unter Umständen noch eine «doppelte Prädestination», wonach Gott die Einen zur Rettung auserwählen würde, während er die Anderen zur Verdammung vorgesehen hätte. Man muss sich das einmal versuchen vorzustellen: Was für ein Gottesbild spricht wohl daraus! In anderen Gemeinden wird auf die Eigenverantwortung des Menschen verwiesen («Freier Wille») und durch einen Kunstgriff wird dann die Auserwählung ausgehebelt. Dort heisst es dann: Wenn Du zum Glauben gekommen bist («wenn Du Dich für Jesus entschieden hast»), dann kannst Du im nachhinein erkennen, dass Gott Dich auserwählt hat. Das tönt fromm und halbwegs plausibel aus dem Blickwinkel der eigenen Erfahrung, es verkennt aber die klare Aussage einer Auserwählung, die ganz von Gott aus geschieht. So wie es heisst:

«Gesegnet sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns mit jedem geistlichen Segen inmitten der Überhimmlischen in Christus segnet, so wie Er uns in Ihm vor dem Niederwurf der Welt auserwählt hat…»
Eph 1,3-4 (KNT)

Wer bringt den entscheidenden Impuls?

Während einige darauf plädieren, dass es immer der Mensch ist, der den entscheidenden Moment liefert, so spricht die Bibel davon, dass es Gott ist, der den entscheidenden Impuls bringt. Es ist der Unterschied zwischen einer eher anthropozentrischen («mensch-zentrierten») Bibelauslegung und einer theozentrischen («gott-zentrierten», bzw. christozentrischen oder «christus-zentrierten») Theologie. Dabei die Balance zu bewahren ist gar nicht so einfach, denn die Realität Gottes will mit unserem Dasein im Einklang gebracht werden.

So berichtete mir einmal jemand von einer Kirche in den USA, die am Strassenrand ein Willkommensschild für die Kirche und den Gottesdienst aufgestellt hat. Gleich davor wurde jedoch ein Strauch gepflanzt, wodurch diese Einladung vollständig verdeckt war. Als nun danach gefragt wurde, weshalb man den Busch nicht zurückschneidet, so war die Antwort, dass man nicht wissen könne, wen Gott zur Rettung und wen Er zur Verdammung auserwählt hat. Sollte jemand, der zur Verdammung auserwählt war, versehentlich das Schild sehen, in die Kirche gehen und zum Glauben kommen, so wäre ja Gottes Plan völlig durcheinander gebracht! Man möchte zwar einladen, fühlte sich jedoch gleichzeitig dazu gedrängt, die Einladung wieder zu verdecken. Eine doppelte Prädestination führt zu seltsamen Blüten und leider oft zu viel Angst im Leben der Menschen, die damit aufwachsen.

In anderen Richtungen steht der Mensch zentral und Gottes Wirken wird ganz in den Hintergrund gedrängt. Steht bei manchen Calvinisten die Gottheit Gottes über allem, steht in so manchem freikirchlichen Verständnis der Mensch und Sein Handeln zentral. Beide Richtungen haben etwas erkannt, aber wie bringt man das zusammen?

Auserwählung ist nicht das Ziel

Auserwählung also, was ist das? Ein Ansatz zur Lösung dieses Dilemmas kann darin liegen das Konzept hinter den bisherigen Aussagen zu verstehen. Obwohl das nicht ausgesprochen wird, sehen viele die Auserwählung (bzw. das «zum Glauben kommen») als eine Endstation. Die Auserwählung führt zur Rettung und «das war's dann». Hier sieht man folgende Gleichung: Auserwählung = Rettung = Endziel.

Auserwählung = Rettung = Endziel?

Das dahinterliegende Konzept besagt: «Sobald du zum Glauben gekommen bist, ist die Auserwählung ans Ziel gelangt». Als ginge es Gott darum, mich und dich zu retten. Obwohl diese Annahme weit verbreitet ist, ist sie falsch. Sie verkennt das Ziel Gottes, einst «alles in allen» zu werden (1Kor 15,28). Auserwählung betrifft nie «alle», sondern immer nur «einen Teil». Die Auserwählung kann nicht das Ziel sein. Die Auserwählung müssen wir irgendwo auf der Zeitachse der Entwicklung bis hin zum Ziel Gottes sehen.

Wenn wir verstehen möchte, was Auserwählung ist, müssen wir uns fragen «wozu» die Auserwählung dient. Wir müssen nach dem Zweck der Auserwählung fragen und danach, wozu wir selbst auserwählt wurden.

Jesus, der Auserwählte

Lukas erzählt von der Verherrlichung auf dem Berg, einer Vision, die laut der Tradition auf dem Berg Tabor im Norden Israels stattgefunden hat. In dieser Vision wird davon berichtet, dass eine Stimme ertönt, die sagt:

«Dies ist Mein auserwählter Sohn, höret auf Ihn!»
Lk 9,35

Auch an anderer Stelle wird Jesu Auserwählung genannt. Spöttisch wird Jesus der Auserwählte genannt und zwar von den Oberen des Volkes, als Jesus am Kreuz hängt:

«Jesus aber sagt: «Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun.» Dann verteilten sie Seine Kleider, in dem sie das Los darüber warfen und das Volk stand dabei und schaute zu. Mit ihnen verspotteten Ihn auch die Oberen und sagten: «Andere hat Er gerettet, Er rette Sich Selbst, wenn Er der Christus Gottes ist, der Auserwählte!»
Lk 23,34-35

Hier tönt mit, was Jesus mit seinem Auftreten im Volk und bei den Oberen des Volkes an Verständnis hinterlassen hat. Sie warteten auf einen Auserwählten, von dem die Propheten gesprochen hatten. Sie erwarteten eine sehr spezielle Person, der Kraft seiner Auserwählung zu gewaltigen Dingen imstande wäre. Sollte Er der Christus Gottes sein, der Auserwählte, dann passte das, was gerade am Kreuz geschah, so ganz und gar nicht zu dem Bild, welches viele vom Messias Gottes hätten. Man könnte auch sagen: Diese Auserwählung, die am Kreuz endet, die fühlt sich nicht ganz stimmig an. Weder Macht noch Prunk ist spürbar. Da kann etwas nicht stimmen. Die Spötter waren skeptisch.

Andere jedoch haben anderes gesehen:

«Rabbi, Du bist der Sohn Gottes! Du bist der König Israels!»
Nathanael, Joh 1,49

«Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!»
Simon Petrus, Mt 16,16

Die Aussagen könnten unterschiedlicher nicht sein. Einige erkannten in Jesus den verheissenen Messias, den Christus Gottes, während andere dies leugneten. Jesus Christus hat die Auserwählung nie selbst behauptet, sondern stets auf Seinen Gott und Vater verwiesen. Im jüdischen Kontext waren es die Propheten, Hohepriester und Könige, die durch Salbung auserwählt und für einen Dienst abgesondert wurden. Wenn Simon Petrus sagt «Du bist der Christus», dann ist das gleichbedeutend mit dem hebräischen «Messias» (hb. maschiach), was «Gesalbter» heisst. Es ist ein Verweis an die jüdische Bedeutung dieses Begriffs. Der Messias ist der Auserwählte Gottes, der für eine Aufgabe in die Welt kam.

Auserwählung ist für eine Aufgabe

In der Bibel ist Auserwählung mit einer Aufgabe verknüpft. Auserwählung ist nie Selbstzweck. Die Idee, dass man entweder «auserwählt, also gerettet» oder «nicht auserwählt, also verloren» ist, ist hochproblematisch und irreführend. Dieses Schwarzweiss-Denken ist der Bibel fremd. Die Verknüpfung von «Auserwählung» mit «Aufgabe» lässt sich jedoch in der ganzen Schrift immer wieder feststellen. Das ist eine ganz positive Verknüpfung. Gott wählt aus, damit durch die Auserwählten eine Aufgabe erfüllt oder ein Ziel erreicht wird. Die Auserwählten sind nicht das Ziel, sondern Mittel zum Ziel.

Das lässt sich anhand verschiedener Beispiele verdeutlichen:

  1. Abraham
    Abram war vielleicht der erste Auserwählte. Er hatte dazu selbst nichts beigetragen, sondern es war Gott, der ihn auserwählt hat. Durch Abraham sollten einst alle Nationen der Erde gesegnet werden: «Sollte ich vor Abraham verbergen, was ich tun will? Abraham soll doch zu einer großen und mächtigen Nation werden, und in ihm sollen gesegnet werden alle Nationen der Erde!» (1Mo 18,17-18).
  2. Israel
    Das Volk Israel gehört zu Gottes Auserwählten (5Mo 7,6-9 Jes 44,1 Jes 45,4 Apg 13,17 u.a.). Sie werden einst zum Segen für alle Nationen sein (Sach 8,13 Zef 3,20). Dies ist sozusagen die Bestätigung von Abrahams Aufgabe. Im Auf und Ab der Geschichte Israels entsteht dieser Ausblick auf den Messias. Als Jesus (hb. Yeshua) kam, wurde er vom grössten Teil des Volkes nicht als Messias anerkannt. Er wurde verworfen und die glaubende Juden aus Israel, die als Gemeinde in Jerusalem verblieb (die Auswahl, Röm 11,5), hat noch keine Erfüllung der Verheissungen gesehen. Stattdessen kam eine Gemeinde aus allen Nationen (der Körper Christi, die heutige Gemeinde. Siehe unten). Paulus jedoch sieht für Israel nicht das Ende, sondern noch eine blendende Zukunft: «Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird die Annahme anders sein als Leben aus den Toten. Wenn aber ihr Fall der Reichtum der Welt ist und ihr Verlust der Reichtum der Nationen, wie viel mehr ihre Vollzahl (Röm 11,12). Auch Paulus sieht also Israel als eine auserwählte Nation, als Segenskanal für die Welt – ganz gleich nach den prophetischen Aussagen. Auf Israel wartet noch eine Aufgabe für die Welt.
  3. Gemeinde aus allen Nationen
    Das Wort Gemeinde bedeutet «Heraus-gerufene» (gr. ek-klesia). Es werden verschiedene Gemeinden genannt. Die heutige Gemeinde, bestehend aus Glaubenden aus allen Nationen, wurde speziell von Paulus (Röm 11,13) berufen, «damit der Segen Abrahams in Christus Jesus zu den Nationen komme, damit wir die Verheissung des Geistes durch den Glauben empfingen» (Gal 3,14, Rev. Elbf.). Allerdings geschah dies ohne Vermittlung vom Volk Israel, wie es die Propheten vorausgesagt hatten. Das macht die heutige Gemeinde speziell. An verschiedenen Stellen schreibt Paulus deshalb von Geheimnissen, die er offenbaren durfte (Röm 16,25 Eph 3,2-3 u.a. Siehe auch den Beitrag «Jesus und Paulus, sagen sie dasselbe aus?»). Diese Gemeinde nun, woran wir Anteil haben, wurde ebenfalls für eine Aufgabe berufen. Diese Aufgabe lesen wir in Epheser 2,6-7: «Er erweckt uns zusammen und setzt uns zusammen nieder inmitten der Überhimmlischen in Christus Jesus, um in den kommenden Äonen den alles übersteigenden Reichtum Seiner Gnade in Güte gegen uns in Christus Jesus zur Schau zu stellen» (KNT). Vereinfacht gesagt: Uns erwartet eine Aufgabe in den Himmeln, um dort Gnade sichtbar zu machen. Bis es soweit ist, sind wir hier jedoch als «Herausgerufene», als ekklesia, als Kirche und Gemeinde Christi unterwegs.

Man könnte Auserwählung als «Berufung zum Dienst» bezeichnen. Allerdings wird damit kein Aktivismus gemeint, sondern vielmehr, dass wir hier die Werke tun, die Er vorbereitet hat, damit wir darin wandeln (Eph 2,8-10). Das ist aber noch nicht alles. Wer nur das Hier und Jetzt vor Augen hat, verkennt, dass Gott uns auf ein grösseres Ziel hin berufen hat. Auserwählung ist auch «Sammlung» der Auserwählten, bis das Dienstwerkzeug vollständig ist. So sieht Paulus beispielsweise, dass einst die «Vervollständigung der Nationen» eintrifft, wonach wieder ein neuer Abschnitt in Seinem Handeln beginnt. Er bezeichnet das als ein Geheimnis (Röm 11,25-27). Es gibt also Zeiten, worin die Auswahl berufen wird, und andere Zeiten, worin das vervollständigte «Werkzeug» seinen Dienst aufnehmen kann. Wir dürfen zwischen dem Heute und dem Morgen differenzieren. Auf uns selbst bezogen können wir erkennen, dass Gott heute «gute Werke für uns vorbereitet, damit wir darin wandeln» (Eph 2,8-10), aber ebenso, dass wir in den künftigen Zeitaltern «Gnade zur Schau zu stellen» werden (Eph 2,6-7). Der Apostel nennt beides in einem Atemzug.

Zusammenfassung

Jeder von diesen Herausgerufenen hat eine Aufgabe vor sich. Bei Abraham war es eine Verheissung für seine Nachkommen. Er war der Kanal dieses Segens. Es fing bei Abraham klein an, aber es sollte einst die ganze Welt einbezogen werden. Ähnliches galt für Israel. Israel wird eine wichtige Aufgabe als Volk haben. Petrus sagt (im «Evangelium der Beschneidung» Gal 2,7-9, nämlich an Israel gerichtet) zu den Glaubenden aus Israel: «Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, eine heilige Nation, ein Volk zum Besitztum, damit ihr die Tugenden dessen verkündigt, der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat» (1Pet 2,9).  Auch wir, die Herausgerufene Gemeinde, wurde auserwählt (Eph 1,4). Auf uns wartet noch eine himmlische Aufgabe.

An diesen Beispielen können wir erkennen, dass Auserwählung nie Selbstzweck ist, sondern als Berufung zum Dienst gedacht ist. Was für ein jeweiliger Dienst gemeint ist, das können wir aus dem jeweiligen Kontext ableiten.

 


Ausharren

Ausharren

Was bedeutet der Begriff «Ausharren» in der Bibel? Wer von «ausharren» spricht, der verweist automatisch an eine schwierige Situation. Wem es gut geht, der geniesst einfach. Wer jedoch in einer schwierigen Situation bleibt, wer «ausharrt», der setzt sich mit unangenehmen Dingen auseinander. Können wir dem Wort «Ausharren» vielleicht auch etwas Gutes abgewinnen?

Geht es nur um Genuss im Leben?

Hedonismus ist eine Lebensanschauung, die Lebenserfüllung im lustvollen und freudigen Genuss sieht. Vereinfacht dargestellt wird alles dem Lustprinzip untergeordnet. In diesem Beitrag gehe ich vom volkstümlichen Verständnis eines Hedonismus aus: Der eigene Genuss steht im Zentrum. Ein Hedonist ist kraft seiner inneren Ausrichtung stets egozentrisch. Ein Hedonist lebt für Genuss, welchen er selbst erfahren will. Bestimmt kann man dem etwas Gutes abgewinnen. Wer will schon leiden? Ein Hedonist strebt nicht nach etwas, was andere nicht haben wollen. Alle wollen es haben. Alle möchten ein Leben ohne Leid, ohne Stress, ohne Verlust, ohne Krankheit oder Tod. Der Unterschied liegt darin, dass ein Hedonist den gesamten Lebensinhalt ausschliesslich im Genussvollen sieht und alles diesem Genuss unterordnet – was mehr Genuss verspricht hat Vorrang. Nicht «was» ein Hedonist will, sondern «wie» er es will, das kann rasch zur Problematik innerhalb von Beziehungen, von Ausbildung und Arbeit, oder in der Gemeinschaft werden.

Das Gebet von Jabez

In der biblischen Berichterstattung ist die Geschichte von Jabez bemerkenswert. Er bittet Gott einfach, dass er gesegnet werde und dass er weder Übles noch Schmerz erfahre. «Und Gott liess kommen, was er erbeten hat», hiess es dann nüchtern.

«Jabez war angesehener als seine Brüder; zwar hatte seine Mutter ihm den Namen Jabez gegeben, denn sie sagte: Mit Schmerzen habe ich ihn geboren. Aber Jabez hatte den Gott Israels angerufen und gesagt: Dass du mich doch segnen und mein Gebiet erweitern mögest und deine Hand mit mir sei und du das Übel von mir fernhieltest, dass kein Schmerz mich treffe! Und Gott ließ kommen, was er erbeten hatte.»
1. Chr 4,9–10

War Jabez ein Hedonist? Wohl kaum. Er hat das gemacht, was vielleicht jeder von uns gemacht hätte. Er betete ein einfaches Gebet zu Gott und alle Probleme waren gelöst. Nirgendwo sonst lesen wir in der Bibel von einem ähnlichen Gebet. Was sollen wir davon halten? Dabei ist wenig erstaunlich: Ein solch einfaches Leben ist in der Bibel nicht mehr interessant. Die Bibel ist durch und durch nüchtern in ihrer Betrachtung. Auch wenn Jabez nach einem kurzen Gebet prompt gesegnet wurde, so sieht die tägliche Realität meist anders aus. Das wurde bereits in dem Beitrag «Geistlicher Segen» ausführlicher dargestellt. Die Bibel widmet ein ganzes Buch dem Leiden von Hiob, jedoch nur drei Verse dem «perfekten» Leben von Jabez. Unsere Lebensrealität liegt wohl näher zu dem von Hiob als zu dem von Jabez. Das Leben ist für die meisten Menschen viel komplexer als das, was Jabez erlebt. Leiden werden in der Bibel nicht ausgeblendet, sondern schwierige Situationen werden immer wieder eingeblendet. Hedonismus ist eine Weltanschauung, die quer auf die Lebenserfahrung der meisten Menschen steht. Es gibt keine Verheissung, dass wir von allem Leiden verschont bleiben. Im Gegenteil, wir sind ganz in dieser Welt eingebettet. Glaube ist nicht etwa eine «Methode», sich dem Leiden zu entziehen.

Ausharren

Die Lebensrealität erlaubt es uns nicht, immer den Genuss in den Vordergrund zu stellen. Es gibt Situationen, die benötigen Zeit, auch wenn das «Warten» Anstrengung bedeutet. In diesem Zusammenhang wird im Neuen Testament das Wort «ausharren» (gr. hupomonê) genutzt. Die Etymologie führt das Wort auf die beiden Elemente «unter» und «bleiben» zurück. Man kann dabei an eine Last denken, die man trägt, und man bleibt unter dieser Last stehen. Man läuft nicht weg. Man harrt aus. Ein Hedonist würde eine Last vielleicht abwerfen, weil sie unangenehm ist. Andere jedoch harren aus. Sie bleiben unter der Last stehen und tragen diese weiterhin, weil sie darin einen Sinn sehen. Das Ausharren ist zwar nicht angenehm, aber wer geduldig ist, kann dadurch Dinge erreichen, die mehr Wert haben. Hiob ist dabei das Beispiel schlechthin:

«Vom Ausharren Hiobs habt ihr gehört und den Abschluss des Herrn gewahrt, da der Herr voll innerstem Erbarmen und mitleidig ist.»
Jak 5,11

Paulus schreibt aus seiner Lebenserfahrung:

«… wir mögen uns auch in den Drangsalen rühmen, wissend, dass die Drangsal Ausharren bewirkt, das Ausharren aber Bewährung, die Bewährung aber Erwartung. Die Erwartung aber lässt nicht zuschanden werden, weil die Liebe Gottes in unserem Herzen ausgegossen ist durch den uns gegebenen heiligen Geist.»
Röm 5,3-5

Ausharren bringt Bewährung und die Bewährung fördert eine zuversichtliche Erwartung. Damit erhält das Leben Inhalt und Ausrichtung. Bei Hiob sehen wir, dass Gott erst in der Zeit gewirkt und geantwortet hat. Es gab keine sofortige Lustbefriedigung, aber eine Lebenserfüllung kam später. Auch wenn Hiob das nicht sofort erfahren hat, so spricht das Buch (worin wir ja die ganze Geschichte lesen) von dieser Zuversicht, dass alles Leiden einst von Gott zurechtgebracht wird. So und ähnlich lesen wir auch an anderer Stelle über dieses Ausharren (2Kor 1,6; 2Thess 1,4; 2Tim 3,10 u.a.).

Wenn Zeit eine Rolle spielt

Der Zeitaspekt ist eine wichtige Komponente. Wir können mit Ausharren auf etwas warten, was noch in der Zukunft liegt:

«… Denn auf diese Erwartung hin wurden wir gerettet. Erwartung aber, die erblickt wird, ist keine Erwartung; denn das, was jemand erblickt – erwartet er das etwa noch? Wenn wir aber erwarten, was wir nicht erblicken, so warten wir mit Ausharren darauf.»
Röm 8,24-25

Ausharren ist auch Ausdauer. So spricht Paulus beispielsweise von der Ausdauer in guten Werken (Röm 2,7). Ausdauer ist auch eine Qualität des Glaubens. Paulus betet für die Kolosser, dass sie «in der Erkenntnis Gottes wachsen und mit aller Kraft nach der Gewalt Seiner Herrlichkeit gekräftigt werden zu aller Ausdauer und Geduld mit Freuden» (Kol 1,11). Dasselbe «hupomonê» wird auch im Sinne von Beharrlichkeit genutzt, wenn Paulus von den Thessalonichern bezeugt: «Unablässig gedenken wir vor unserem Gott und Vater eurer Arbeit im Glauben, eures Mühens in der Liebe und eurer Beharrlichkeit in der Erwartung unseres Herrn Jesus Christus» (1Thess 1,3). Damit weist Paulus darauf hin, dass wir hier auf Erden auch in Erwartung unseres Herrns leben. Es gibt noch Dinge, die vor uns liegen, die wir noch nicht haben. Es gibt die Beziehung zu Ihm, die sich noch nicht in jeder Hinsicht erfüllt hat. So schreibt Paulus mit anderen Worten im Epheserbrief:

«In Ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung, hört – in Ihm seid auch ihr, die ihr glaubt, versiegelt mit dem Geist der Verheissung, dem heiligen (der ein Angeld unseres Losteils ist bis zur Freilösung des uns zugeeigneten) zum Lobpreis seiner Herrlichkeit.»
Eph 1,13-14

Wir sind versiegelt mit dem Geist der Verheissung. Dank dieser Versiegelung ist die Verheissung gewiss. Wir warten aber noch auf die Erfüllung. Und so manche Dinge müssen wir mit Beharrlichkeit erwarten. Auszuharren kann eine tiefe geistliche Haltung sein, wenn darin Gottes Wirken erwartet wird. Ausharren ist der Gegensatz von schneller Lustbefriedigung, weil etwas Besseres erwartet wird. Deshalb können wir in bestimmten Situationen unter der Last stehen bleiben. Das ist kein Masochismus, sondern Realismus. Nicht das Leiden wird verherrlicht, sondern in der Realität dieser Welt erwarten wir zur rechten Zeit Gottes Eingreifen. Ausharren ist auch keine Passivität, als müsste man die Hände in den Schoss legen, sondern es ist das bewusste Umdenken hin zu Gottes Wirken, wodurch die Welt in einem anderem Licht erscheint. Ausharren ist auch ein Zeichen menschlicher und geistlicher Reife - wenn wir abschätzen können, ob es gut und gesund ist, in einer Situation noch etwas auszuharren.

Zuspruch der Schriften

Die Bibel enthält einen Schatz an Verheissungen. Diese können unser Leben prägen. An die Römer schreibt Paulus:

«Denn all das, was vorher geschrieben wurde, ist gerade uns zur Belehrung geschrieben worden, damit wir durch Ausharren und durch den Zuspruch der Schriften Zuversicht haben mögen.»
Röm 15,4-5

Kombinieren wir unser Ausharren mit dem Zuspruch, den wir aus den Schriften gewinnen, dann entsteht dadurch viel Zuversicht. Das nun ist das Ziel des Ausharrens. Wer ausharrt, der richtet sein Leben auf etwas Grösseres aus, und wird durch unmittelbare Erfahrungen nicht abgelenkt.