Hat Gott einen Plan für mein Leben?

Hat Gott einen Plan für mein Leben?

In evangelikalen Kreisen lebt ein Gedanke, den ich so nirgends in der Bibel gefunden habe. Es ist dieser Gedanke, dass Gott einen Plan für mein Leben hat. Man hört darüber in Predigten, bei Evangelisationsveranstaltungen und es wird als Zuspruch in Büchern, in persönlichen Gesprächen und bei Vorträgen genannt. Dieser Gedanke gehört zum Kern von dem, was viele Leute glauben. Was ist wirklich dran?

Wo steht denn das geschrieben?

Meine spontane Reaktion auf eine solche Aussage ist heute sehr nüchtern. Wenn jemand mir von einem Plan Gottes für mein Leben erzählt, frage ich, wo dieser Plan denn aufgelegt sei? Ich habe zwar danach gesucht, aber keins gefunden, worauf mein Name steht.

Die Antwort «Das steht doch in der Bibel» greift einfach zu kurz. Wenn man behauptet, dass Gott einen Plan für mein persönliches Leben hat, wo steht denn das? Wo lässt sich das auffinden? Danach kommen die ausweichenden Antworte, die Verallgemeinerungen. Eine Antwort bleibt jedoch aus.

Es erinnert mich etwas an das Buch und den Film von Douglas Adams «Per Anhalter durch die Galaxis». In diesem Science Fiction Film gibt es viele absurde Situationen. Gleich zu Anfang erscheint eine Raumflotte vor der Erde und per Lautsprecher wird die Menschheit darauf aufmerksam gemacht, dass gleich die Erde gesprengt wird, um für eine intergalaktische Umfahrungsstrasse Platz zu machen. Pläne dazu lagen bereits seit 50 Jahren im zuständigen Planungsamt in Alpha Centauri auf – keinen Grund zur Überraschung also. Die Pläne waren ja da.

Nur hat es leider kein Mensch mitgekriegt, da wir keine Möglichkeit haben mal schnell auf Alpha Centauri nachzuschauen.

Der Film «Per Anhalter durch die Galaxis» (Hitchhikers Guide to the Galaxy) basiert auf den gleichnamigen Kultroman von Douglas Adams. Der Kinofilm erschien 2005.

Ähnlich absurd und ebenso hilarisch wie die Szene in diesem Film kommt mir die Aussage «Gott hat einen Plan für mein Leben» vor. Denn vermutlich liegt dieser Plan – wenn es ihn gibt –  irgendwo ausser Reichweite auf. Ich habe noch nie jemand getroffen, der einen solchen Plan gesehen hat. Soweit es mich betrifft muss ich deshalb nüchtern festhalten: Es fehlen konkrete Hinweise auf diesen persönlichen Plan und gäbe es sie, so habe ich keinen Zugriff darauf.

Steht das nicht in der Bibel?

Es ist immer etwas ernüchternd, wenn man konkret nachhakt. In der Bibel findet man nirgendwo einen Satz wie «Gott hat einen persönlichen Plan für jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt» oder «Gott hat einen Plan für jeden Gläubigen (dieser oder jener Kirchenzugehörigkeit)». Namentlich werde ich schon gar nicht erwähnt.

Aber, könnte man einwenden, auch wenn nichts davon in der Bibel steht, könnte Gott trotzdem etwas für mich bereithalten? Eine solche Frage lässt sich schon besser beantworten, denn allgemeine Hinweise gibt es glücklicherweise viele in der Schrift. Was ich für mich persönlich daraus ableite ist jedoch ein Verständnis, eine persönliche Anwendung, eine übertragene Bedeutung. Es ist keine Lehre.

Deshalb ist es sogar in dieser übertragenen Bedeutung berechtigt zu fragen, ob dieser angebliche «Plan für mein Leben» Teil der frohen Botschaft sei? Haben die Apostel so etwas gelehrt oder hat beispielsweise Timotheus so etwas seiner Gemeinde in Ephesus unterrichtet? Nichts von all dem trifft zu.

Die Aussage «Gott hat einen Plan für mein Leben» lässt sich als reine Ideologie entlarven.

Kein Fahrplan für unser Leben

Nun muss man natürlich nicht vom einen Extrem ins andere Extrem fallen. Auch wenn Gott vielleicht keinen minutiösen Plan für meinen aktuellen Lebensalltag hat, so heisst das noch lange nicht, dass Er sich unbeteiligt lässt.

In der Zeit als Gott sich mit Israel beschäftigte, lies er die übrigen Nationen einfach ihre eigenen Wege gehen:

«Er liess in den verflossenen Generationen alle Nationen ihre eigenen Wege gehen, obwohl Er Sich nicht unbezeugt gelassen hat, indem Er Gutes wirkte, Regen vom Himmel und fruchtbringende Fristen gab und unsere Herzen mit Nahrung und Fröhlichkeit erquickte.»
Apg 14,16-17

Gott war nicht immer für jeden Menschen dieser Welt hörbar und spürbar. Er liess die meisten von uns einfach unsere eigene Wege gehen. Soweit uns bekannt hat Gott keine Aktenschränke mit Milliarden von Einzelplänen, für jeden einzelnen Menschen. Sogar wenn Er so etwas hätte, wissen wir nicht davon.

Wir müssen lernen umzugehen, mit dem was wir nicht wissen

Bei vielen Gläubigen ist es üblich vom kontinuierlichen Zuspruch Gottes auszugehen. Darin ist viel Gutes enthalten. Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir keinen Fahrplan für unser Leben erhielten. Was es für einen gesunden Glauben braucht ist kein blindes Vertrauen auf nicht-gegebene Verheissungen, sondern eine nüchterne Differenzierung.

«Und dafür bete ich, dass eure Liebe noch mehr und mehr in Erkenntnis und allem Feingefühl dazu überfliesse, dass ihr prüfet, was wesentlich ist, damit ihr auf den Tag Christi aufrichtig und unanstössig seid, erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus ist, zur Verherrlichung und zum Lobpreis Gottes.»
Ph 1,9-11

Wir werden durchgehend in der Bibel erkennen, dass wir selbst aufgefordert werden besser hinzuschauen, uns auseinanderzusetzen. Paulus betet nicht «dass ihr doch endlich Gottes Plan für Euer Leben erkennt», sondern, dass wir unsere Liebe überfliessen lassen müssen in Erkenntnis und allem Feingefühl. Wir müssen lernen zu prüfen, was wesentlich ist.

Das Wesentliche muss also geprüft, entdeckt werden. Es gibt keine tägliche WhatsApp-Mitteilungen aus dem Himmel, in denen «der Plan für unser Leben» enthült wird. Wir müssen uns selbst auf den Weg machen.

Eingebettet in Gottes Plan

Auch wenn wir keinen persönlichen Fahrplan für unser Leben erwarten können, so gibt es doch deutliche Hinweise darauf, dass Gott alles in Händen hat:

«In Ihm [Christus] hat auch uns das Los getroffen, die wir vorherbestimmt sind, dem Vorsatz dessen gemäss, [Gott, ] der alles nach dem Ratschluss Seines Willens bewirkt…»
Eph 1,11

Hier stehen erstaunliche Dinge: In Christus hat uns ein Los getroffen, d.h. ein Teil von etwas grösserem wird uns zugeteilt. Das gehört dann zu uns. Ebenso lesen wir hier, dass Paulus sich an die Gläubigen wendet. Wir gehören zu dieser Gruppe, die «vorbestimmt» sind. All das ist gemäss dem Vorsatz von Gott. Planung ist hier am wirken! Dieser Gott bewirkt sogar alles nach dem Ratschluss Seines Willens.

Nichts ist hier dem Zufall überlassen, auch wenn die Details nicht ersichtlich sind. Gott hat einen Vorsatz und Er führt diesen auch aus. Erstaunlich ist, dass wir wissentlich Teil von diesem Wirken sind, dass wir darin auch einen Platz erhalten haben.

Unser Leben und Erleben sind eingebettet im Vorsatz Gottes. Dazu sagt Paulus im gleichen Brief noch weiteres:

«… die mannigfaltige Weisheit Gottes…, entsprechend dem Vorsatz der Äonen, den Er in Christus Jesus, unserem Herrn, gefasst hat.»
Eph 3,11

 

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich erkennen, dass wir zwar keinen «Plan Gottes für unser Leben» kennen, aber doch eingebettet sind «im Plan Gottes mit dieser Welt». Viele Details sind und bleiben unklar. Wir wissen nicht, was vor uns liegt. Wir benötigen Weisheit, weil es an Verständnis fehlt. Wir wissen nicht einmal, was wir beten sollen, in Übereinstimmung mit dem, was auf uns zukommt. Aber darin bleiben wir nicht ohne Trost und Zuversicht.

Gott wirkt in dieser Welt. Er hat alles in Händen. Wir sind in Christus mit jedem geistlichen Segen gesegnet (Eph 1,3). Wir wurden versiegelt mit dem Geist der Verheissung, der eine Anzahlung des Zukünftigen ist (Eph 1,13).

Betrachten wir nun die vielen Aussagen in der Bibel von einzelnen Personen, dann sprechen die von einem Verständnis für ihr eigenes Leben. Paulus beispielsweise hat spät erkannt, dass er bereits «von seiner Mutter Leib an abgesondert» war (Gal 1,15). Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass dies nun für alle so zutrifft. Paulus gab es nur einmal. Noah bekam die Aufforderung eine Arche zu bauen, jedoch ist das heute kein Thema mehr (1Mo 9,15).

Einzelne Menschen haben Anweisungen erhalten, wurden berufen, oder erkannten im Nachhinein Gottes Wirken in ihrem Leben. Das kann auch unsere persönliche Erfahrung sein. Das heisst aber noch lange nicht, dass «Gott einen Plan für mein Leben hat», als könnte ich das auf Alpha Centauri auf dem zuständigen Amt einfach mal durchlesen.


Das gerechte Gericht

Das gerechte Gericht

«Denn es wird offenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen»
Röm 1,18

«Nach deiner Störrigkeit und deinem unbussfertigen Herzen aber häufst du dir selbst Zorn auf für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes»
Röm 2,5

Ein Umbruch steht bevor

Die Apostel und die ersten Gläubigen lebten in einer ganz anderen Zeit als wir. Was heute «geläufig» ist, war damals wahrscheinlich «unbekannt» und sogar «unvorstellbar» – und umgekehrt. Damals wie heute gab es bestimmte Annahmen über Gott und die Welt.

Paulus konnte – wie beiläufig – über Gottes Zorn und über ein gerechtes Gericht Gottes sprechen. Für die Zuhörer waren das bekannte Gedanken. Für uns sind sie das vielleicht nicht, aber das soll uns nicht weiter stören. Wir können uns für diese Zusammenhänge etwas interessieren und gewinnen dadurch einen besseren Einblick in die biblischen Geschichten.

Zorn Gottes, Gottes Gericht, der Tag des Herrn – all diese Begriffe waren bei den Zuhörern von Paulus bekannt. Die Propheten von Israel hatten diese Begriffe geprägt. Paulus referiert an bekannten Ideen. Deshalb muss er auch nicht alles erklären. Es reicht vollauf, wenn er hier und dort Referenzen setzt. Wir jedoch müssen uns über diese Referenzen erst einmal Gedanken machen. Uns sind diese Begriffe nicht sehr geläufig.

Worum geht es? In Bezug auf die Zukunft haben alle Propheten – und auch die Schreiber des Neuen Testaments – mit einer Zeit des Umbruchs gerechnet. Gott wird einmal alles gerade rücken, bevor es weiter geht. Ein gerechtes Gericht ist nicht per sé ein Endgericht, und damit das Ende aller Dinge, sondern es ist ein Zwischengericht, das Ende dieses Zeitalters (Mt 24,3), welches durch Gerichte hindurch (Mt 24 und Mt 25) in ein neues Zeitalter hinüber führt. Deswegen hat Jesus häufig von diesem Zeitalter (diesem Äon) im Kontrast zu kommenden Zeitalter (dem kommenden Äon) gesprochen (Mk 10,30 u.a.). Zwischen dieser und der kommenden Zeit liegt eine Zeit des Umbruchs.

Wie findet dieser Umbruch statt? Durch ein Gericht werden Dinge gerade gestellt. Die Ungerechtigkeit dieser Zeit kann nicht einfach in eine neue Zeit hinüber getragen werden. Es braucht einen Tag, an dem das Krumme gerade gerückt wird (vgl. Lk 3,4-6).

Über diese bekannten Ideen und die Funktion einer Gerichtszeit geht es in diesem Beitrag. Das klärt auch einiges beim Verständnis des Römerbriefes – die Themenreihe, worin dieser Beitrag erscheint.

Der Tag des Herrn

Der Zorn Gottes ist eine Begleiterscheinung vom Tag des HERRN. Dieser Tag des Herrn war einer von den Propheten vorhergesagten Gerichtszeit der Nationen (Jes 13,6, Jes 13,9, Hes 30,3, Joel 1,15, Joel 2,1, Joel 2,11, Joel 3,4, Joel 4,14, u.a.). Daran verweist Paulus.

Erst wenige Jahre sind nach dem Tod und der Auferstehung Jesu verstrichen. Für die Gläubigen damals war das lebendig und gerade erlebt. Heute sind wir 2000 Jahre weiter und haben diese unmittelbar bevorstehenden Umbruch meist nicht mehr vor Augen. Paulus erwartete Gottes Eingreifen in diese Welt, ebenso wie Jesus davon gesprochen hat und auch die anderen Apostel das erwarteten (Apg 1,6). Dieser Tag des HERRN wird im Neuen Testament, und auch bei Paulus, mehrfach genannt (Apg 2,20 1Th 5,2 2Th 2,2 2Pet 3,10).

Von einem Zorn Gottes zu sprechen, der «vom Himmel herab» kommt, ist also nichts Neues. Die Annahme ist diese: Erst kommt der Zorn über die Ungerechtigkeit der Menschen und danach folgt das Messianische Reich. Der Tag des Zorns prägt den Übergang von dieser Zeit in die zukünftige Zeit.

Der Zorn kommt «vom Himmel her» (Röm 1,18), und der Tag des Herrn wird von «Zeichen an Sonne und Mond» vorausgegangen (Apg 2,20). Es geht beim Zorn deshalb nicht etwa um ein Endgericht irgendwo ausserhalb der Erde oder im Jenseits, sondern es geht um Gottes Handeln hier auf der Erde.

Dieser Zorn am Tag des Herrn ist auch eines der wichtigen Themen im Buch Offenbarung. Denn Johannes sagt bezüglich der Zeit, wohin er entrückt wurde: «Ich befand mich im Geist in des Herrn Tag» (Offb 1,10 KNT, gr. ἐγενόμην ἐν πνεύματι ἐν τῇ κυριακῇ ἡμέρᾳ).

Das gerechte Gericht

Das Ziel von Zorn und Gericht ist weder die Zorn noch das Gericht. Diese sind bloss Mittel zum Zweck. Es ist eine Übergangszeit, so wie die Wehen die Übergang zur Geburt darstellen. Zorn und Gericht sind schmerzhaft aber nötig, denn sonst geht es nicht weiter.

Was hat das Gericht dort zu bewirken? Die Idee ist diese: Um uns herum ist es chaotisch und die ganze Welt ist in Not und sehnt sich nach Befreiung (Röm 8,19-22). Diese Befreiung kommt, aber sie bedingt auch eine Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Sonst kann keine neue Zeit beginnen. Wenn Gott hier unten Ordnung wiederherstellt, dann ist das «gerecht» und nötig. Darum kann Paulus von der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes sprechen (Röm 2,5).

Diese Art von Gerechtigkeit ist also etwas völlig anderes als das, worüber er wenige Verse zuvor im Römerbrief geschrieben hat. Wir müssen zwei Dinge unterscheiden. Einerseits gibt es die Gerechtigkeit Gottes und andererseits gibt es das gerechte Gericht Gottes. Die beiden Dinge sind unterschiedlich.

Paulus hatte nämlich gerade zuvor erklärt, dass im Evangelium die «Gerechtigkeit Gottes» enthüllt wird (Röm 1,16-17). Diese Gerechtigkeit Gottes basiert auf Kreuz und Auferstehung. Für Gott selbst ist alles im Reinen (2Kor 5,14-21). Es gibt aber auch noch die Erfahrung dieser Welt, in der einiges schief gelaufen ist.

In Römer 1,18-32 geht es deshalb um ein gerechtes Gericht, und um Gottes Zorn, welches vom Himmel herab kommt. Beim Zorngericht geht es um die Ungerechtigkeit der Menschen, die durch das gerechte Gericht Gottes ans Licht gebracht wird. Das gerechte Gericht ist nicht das Ziel, sondern es ist die Aufräumarbeit bevor es weitergeht.

Die Gerechtigkeit Gottes dagegen bildet das Fundament für Gottes Handeln. Es ist das Fundament dafür, dass Er einst alle Menschen freisprechen kann, zur Rechtfertigung des Lebens (Röm 5,18). Das gerechte Gericht Gottes und der Zorn Gottes stehen nie mit diesem Endziel in Widerspruch, sondern es sind Schritte hin zu diesem Ziel.

Zorn Gottes enthüllt sich über die «Unfrömmigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen» heisst es im Römerbrief. Man könnte auch sagen: «Das haben wir selbst eingebrockt». Dafür kann man Gott also nicht verantwortlich machen. Der Mensch wird hier nach seinem eigenen Handeln beurteilt. Die Ungerechtigkeit des Menschen ist der Kontrast zur Gerechtigkeit Gottes.

Der Tag wird es enthüllen

Es gibt noch eine andere Textstelle, die wir hier betrachten können. Die Erwartung, dass einst alles «gerade gerückt» wird, ist bei den Aposteln klar gegeben. Das gilt sogar für die Taten der Gläubigen. Paulus schreibt beispielsweise im 1. Korintherbrief folgendes:

«Gemäss der von Gott gegebene Gnade lege ich als weiser Werkmeister den Grund, ein anderer aber baut darauf weiter. ein jeder aber gebe Obacht, wie er darauf baue! … […] … eines jeden Werk wird offenbar werden; denn der Tag wird es offenkundig darlegen, weil es in Feuer enthüllt wird»
1Kor 3,10-13

Hier geht es darum, wie wir als Glaubende leben. Es ist nämlich nicht egal, wie wir unser Leben führen. Wenn Christus kommt und wir vor der Preisrichterbühne Christi offenbar werden, dann wird unnützes Zeug blossgestellt und abgestreift werden. Die eigenen Fehler und Mängel haben nicht das Potential in eine neue Zeit hinüberzuwechseln. Wenn also der Tag kommt, worauf Christus zurückkommt, wird auch unser Leben beurteilt werden. Alle Werke, bzw. alles was wir in unserem Leben getan haben, wird offenbar werden: «Der Tag wird es offenkundig darlegen». Dann wird aussortiert werden, was keinen Wert hat.

Auch an dieser Stelle also die Idee, dass es einen Tag gibt, an dem das Nutzlose abgetan wird. In einer Bildsprache schreibt der Apostel:

«… denn der Tag wird es offenkundig darlegen, weil es in Feuer enthüllt wird. Und welcher Art eines jeden Werk ist, das wird das Feuer prüfen. Wenn jemandes Werk bleiben wird, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn erhalten. Wenn jemandes Werk verbrennen sollte, so wird er ihn verwirken: er selbst aber wird gerettet werden, jedoch nur so wie durch Feuer hindurch.»
1Kor 3,13-15

Die Rettung steht hier nicht in Frage. Im Rahmen dieser Betrachtung wird aber deutlich, dass es ohne diesen Reinigungsprozess («wie durch Feuer hindurch») nicht weitergeht. Was aber hindurch kommt, wie wenig auch, das hat Ewigkeitswert. Was übrigbleibt ist das, was es in die neue Zeit hinüber geschafft hat. Darin kann sogar Trost liegen! Was keinen Wert hat, das wird nämlich abgestreift werden. Dann kann man auch Altes definitiv hinter sich lassen.

Ein Reinigungsprozess

Lesen wir nun den Römerbrief, und darin vom Zorn Gottes, dann spielt darin dieser Hintergrund eine Rolle. Für diejenigen, die den Zorn Gottes erfahren werden, ist das kein Zuckerschlecken. Es geht aber um ihre eigene Ungerechtigkeit – genau wie das einst auch bei der Gemeinde der Fall sein wird. Für die Welt als Ganzes ist diese Zeit eine Gerichtszeit, aber auch ein Reinigungsprozess. Es ist der Übergang von dieser Zeit in die nächste Zeit.

Vor Gott ist das letzte Wort dann noch nicht gesprochen.

 


Der Zorn Gottes

Der Zorn Gottes

Nach der einleitenden Zusammenfassung über den Wandel der Menschheit (Römer 1,18-3,20) wenden wir uns jetzt dem Text noch einmal genauer zu. Der Abschnitt beginnt so:

«Denn es wird offenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen»
Röm 1,18

Zorn Gottes? Ist das noch zeitgemäss? Was soll ich mir dabei vorstellen?

Wie wir solche Aussagen lesen, hat viel mit unserem Verständnis vom Neuen Testament zu tun. Wenige erfahren und erkennen, dass unsere heutige Zeit von Gnade geprägt ist. Gnade Gottes ist der Gegensatz von Zorn Gottes. Wenn ich heute etwas falsch mache, kommt nicht sofort ein Blitz aus dem Himmel, um mich zu verzehren. In der heutigen Zeit geht es nicht um das, was ich tue, sondern um das, was Er getan hat. Gott hat sich selbst mit dieser Welt versöhnt und rechnet ihnen aktuellen Kränkungen nicht an (2Kor 5,18-21). Gnade prägt die heutige Zeit, nicht Zorn.

Naherwartung im Neuen Testament

Jesus, die Apostel und auch Paulus lebten in einer Naherwartung. Sie sahen sich nahe am messianischen Reich. Gemäss ihrer Erwartung wäre ihre Zeit vorübergehend und keiner hätte sich vermutlich vorstellen können, dass es mindestens noch 2000 Jahre weitergeht (wo wir jetzt leben). Diese Naherwartung spielt im Kontext vom Neuen Testament immer wieder eine Rolle. So spricht Paulus von einer kommenden Zeit von Gericht. Er sieht einen Wechsel kommen, der mit seiner aktuellen Zeit direkt nichts zu tun hat. Auch Jesus hatte von einem Wechsel von diesem Äon zum kommenden Äon gesprochen (Mk 10,30). Auch die Jünger von Jesus hatten nach dem Abschluss dieses Äons gefragt, und danach, was dann geschieht (Mt 24,3). Jesus gab auf ihre Frage eine ausführliche Antwort, die wir in Matthäus 24 und 25 nachlesen können.

Wenn wir uns selbst im Licht von 2000 Jahren Kirchengeschichte erkennen, dann erscheint eine Änderung unvorstellbar. Gottes Haltung zur Kirche, zu den Gläubigen, ist heute wohl doch genau so wie damals! Das ist richtig, aber niemand im Neuen Testament hätte wohl die Kirchengeschichte vorausgesehen, noch, dass das Gottesreich nach 2000 Jahren immer noch nicht gekommen wäre, wie Jesus darüber gesprochen hat.

Auch wenn es für uns fremd erscheint, so ist die Naherwartung im Neuen Testament ganz real. Deswegen konnte Paulus auch ganz nüchtern vom kommenden Zorn sprechen, weil er eine Änderung der Geschichte als bevorstehend einschätzte.

Zorn ist auf der Erde

«Denn es wird offenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen»
Röm 1,18

Gottes Zorn ist «vom Himmel her», also auf der Erde. Was Paulus vor Augen steht ist keine Hölle, noch ein Gericht irgendwo im nirgendwo, sondern ein nüchternes Eingreifen Gottes hier auf Erden. Das nämlich war der Ausblick von Jesaja, der schrieb:

«Siehe, der Tag des HERRN kommt, grausam mit Grimm und Zornglut, um die Erde zur Wüste zu machen; und ihre Sünder wird er von ihr austilgen.»
Jes 13,9, vgl. Jes 13,13

Es ist die Erde, die an diesem Tag zur Wüste gemacht wird und es werden dann und dort Sünder ausgetilgt. Also auch hier keine Spur von einem ewigen Gericht, sondern von einer Gerichtszeit an diesem «Tag des HERRN». Dieser Tag kommt «mit Grimm und Zornglut». Es ist sozusagen der Anfang, der Beginn vom Tag des Herrns.

Versuchen wir uns vorzustellen, um was es hier geht, so unbeholfen wie das mit wenigen Textverweisen möglich is:

  • Es kommt einen Umbruch von dieser Zeit in die nächste.
  • Die nächste Zeit ist der zukommende Äon, von dem Jesus bereits gesprochen hat.
  • Das ist das messianische Reich, von dem die Propheten sprachen.
  • Dieser Umbruch verläuft nicht glatt, sondern mit «Grimm und Zornglut». Erst durch Gericht hindurch geht es offenbar weiter.
  • Es werden Menschen umkommen (die dann tot sind – schlimm genug, aber nicht schlimmer als das!).

Tag des Zorns bei Paulus

Im nächsten Kapitel vom Römerbrief schreibt Paulus ebenfalls über den Tag des Zorns:

«Gemäss deiner Härte und deinem unumsinnenden Herzen speicherst du dir selbst Zorn auf für den Tag des Zornes und der Enthüllung des gerechten Gerichts Gottes, der jedem seinen Werken gemäss vergelten wird.»
Röm 2,5-6

Dies liest sich wie eine Zusammenfassung. Paulus beschreibt Zorn aus dem Verständnis heraus, dass es der Mensch ist, der durch seine eigene Haltung sich selbst Zorn anhäuft. Und zwar wird das sichtbar werden am «Tag des Zornes», nämlich bei der «Enthüllung des gerechten Gerichts Gottes». Zuerst sollte man hier klarstellen, dass nirgendwo von einem «ewigen Heil» gesprochen wird und es hier nicht um «Himmel oder Hölle» geht. Das wird mit keinem Wort erwähnt. Dieses Gericht wird nur klarstellen, was man selbst gelebt hat. Paulus schreibt:

«[Gott]… der jedem seinen Werken gemäss vergelten wird.»
Röm 2,7

Es geht hier nicht um eine Werkgerechtigkeit (womit man sozusagen sein «ewiges Heil verdienen» könnte, sondern darum, dass beurteilt wird, wie man sein Leben gelebt hat. Das trifft für jedes in der Bibel genannte Gericht zu, dass man nach den eigenen Werken beurteilt wird. Zorn ist das, was man sich mit einem «unumsinnenden Herzen» einhandeln kann. Wer sich das einhandelt, muss es auch verantworten. Wenn das Gericht kommt, dann wird das der Fall sein. Das Gericht wird gerecht sein, und «Zorn und Grimm – Drangsal und Druck» kommen über jeden Menschen, der Übles treibt (Röm 2,8-10).

«Denn bei Gott ist kein Ansehen der Person. Denn alle, die ohne Gesetz sündigten, werden auch ohne Gesetz umkommen; und alle die in dem Gesetz sündigten, werden durch das Gesetz gerichtet werden.»
Röm 2,11-12

Zorn Gottes vom Himmel her

Wenn Paulus im ersten Kapitel über «Zorn Gottes vom Himmel her» spricht, dann ist das kein neuer Gedanke. Vielmehr greift er bekanntes Gedankengut auf. Er verweist danach, was bei den Zuhörern (Gemeinde in Rom) bekannt ist.

Der Zorn Gottes ist der Kontrast zur Gerechtigkeit Gottes. Dazu wurde bereits im letzten Beitrag («Ungerechtigkeit der Menschen») mehr gesagt. Paulus kann an diese Dinge verweisen, weil solche Gedanken bekannt waren. Die Zuhörer waren damit vertraut, dass Gott einmal vom Himmel her ein Königreich aufrichten wird, das von Seiner Gerechtigkeit geprägt ist (vgl. Dan 2,44 Dan 7,27).

«Groß ist die Herrschaft, und der Friede wird kein Ende haben auf dem Thron Davids und über seinem Königreich, es zu festigen und zu stützen durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Der Eifer des HERRN der Heerscharen wird dies tun.»
Jes 9,6

Der Zorn Gottes führt dorthin. Oder anders gesagt: Durch ein Gericht hindurch entsteht die neue messianische Zeit. Wenn wir der Zorn Gottes in diesem Zusammenhang erkennen, dann nimmt das viel vom Furcht, der vielen Menschen plagt. Noch viel wichtiger ist es aber zu verstehen, dass Paulus nicht von uns spricht, sondern von anderen Menschen. Zorn ist nicht etwas, womit wir es zu tun haben. Auch wir werden beurteilt werden, auch als Mitglieder der Gemeinde, und auch wir werden danach beurteilt werden, was wir gemacht haben, aber es berührt nicht unsere Rettung und Befreiung durch Christus (1Kor 3,10-15). Wir selbst stehen in einer anderen Zeit.

Erleben wir den Tag des Zorns?

Der Tag des Zorns gilt nicht uns. Ich habe Menschen kennengelernt, die voller Angst über Gottes Zorn waren. Dieser Begriff wird in manchen Lehren mit ewigem Heil in Verbindung gebracht haben und zwar so, dass man das ewige Heil auch verlieren könne und ein zorniger Gott nur auf uns wartet, dass wir vor Ihm erscheinen. Was für ein Schreckensbild! Angstzustände können die Folge sein. Wie gerade zuvor gezeigt, erscheinen diese Stellen in einem bestimmten Kontext. Dieser Kontext erzählt eine ganz andere Geschichte – oft sehr zur Befreiung von Kirchengeschädigten Menschen.

Es gibt noch eine weitere Angst. Manche befürchten, dass wir etwa durch die «Grosse Drangsal» gehen müssen (Mt 24,21). Eine solche Angst hört man eher bei Menschen mit freikirchlichem Hintergrund. Dort ist die Eschatologie, die Lehre über die Endzeit oft ausgeprägter. Dieser Begriff stammt aus der Endzeitrede von Jesus und es ist eine Antwort auf die Frage der Jünger «Welches ist as Zeichen Deiner Anwesenheit und des Abschlusses des Äons?» (Mt 24,3). Wenig erstaunlich ist es, dass sowohl die Rede vom Tag des Zorns als auch die einer grossen Drangsal beide von dieser Gerichtszeit sprechen, die den Übergang in die neue Zeit markiert. Beide Begriffe sind deshalb zeitlich begrenzt, beide beziehen sich auf eine Situation auf Erden und durch das Gericht hindurch werden manche gerettet und andere verurteilt. Im Detail liesse sich noch viel dazu sagen.

Der Zorn Gottes gilt nicht für die Gemeinde. Paulus schreibt den Thessalonichern, dass wir von Jesus «aus des Zornes Kommen» geborgen werden.

«… und auf Seinen Sohn aus den Himmeln zu harren, den Er aus den Toten auferweckt hat, Jesus, der uns aus des Zornes Kommen birgt.»
1Thess 1,10

Jesus wird uns nach dieser Aussage «aus des Zornes Kommen bergen». Das liegt nahe, dass wir den Zorn kommen sehen, aber bevor sie ganz eintrifft, wird Er uns daraus retten. Er rettet aus dem Kommen des Zorns. Das sagt Paulus auch im Römerbrief noch einmal, und zwar mit folgenden Worten:

«Gott aber hebt uns gegenüber Seine Liebe dadurch hervor, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren. Wieviel mehr folglich (!) werden wir, nun in Seinem Blut gerechtfertigt, durch Ihn vor dem Zorn gerettet werden!»
Röm 5,9

Wir erwarten die Rettung, nicht den Zorn:

«denn Gott hat uns nicht zum Zorn gesetzt, sondern zur Aneignung der Rettung durch unseren Herrn Jesus Christus.»
1Thess 5,9

Voller Gnade und Güte

Unser Gott ist voller Gnade und Güte uns gegenüber. Er sieht uns in Christus an. Das begründet die Gnade, die 100% uns gilt. In der heutigen Zeit ist Gnade das Stichwort. Eine kommende Gerichtszeit war für Jesus, für die Apostel und für Paulus ganz normal. Einmal wird es anders werden und Gottes Reich wird mächtig bahnbrechen. Dann wird das mit einem Tag des Zorns beginnen. Darin wird gerade gerückt, was schräg und schief war. Denn es wird einen Tag geben, wenn Gott das Verborgene der Menschen richten wird, gemäss dem Evangelium von Paulus, durch Jesus Christus (Röm 2,16).

So kann eine neue Zeit anbrechen. Das ist das Ziel vom Zorn Gottes.

 


Ist die Bibel die Antwort auf alle Fragen?

Ist die Bibel die Antwort auf alle Fragen?


Nein.


Torah – eine schematische Übersicht

Thorah

Eine schematische Darstellung der 5 Bücher Mose


Die 5 Bücher Mose, auch Torah genannt, bilden den Kern der Bibel. Hier hat alles angefangen. Von hier aus entwickelt sich die biblische Geschichte bis hin zum Neuen Testament.

Ein Verständnis für diese Bücher ist sehr hilfreich für das Verständnis der restlichen Bibel. Immer wieder wird auf diese Bücher Bezug genommen.

Das Thema in diesen Bücher ist Gott selbst, und zwar in seinem Handeln mit dieser Welt und insbesondere mit dem Volk Israel. Zentral steht das 3. Buch Mose, auch Levitikus genannt, worin es um den Priesterdienst und die Anbetung Gottes geht.

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Übersichten dienen dazu, Zusammenhänge aufzuzeigen und so den Zugang zu vereinfachen. Die schematische Übersicht der Torah soll lediglich als Anregung dienen, sich näher mit diesen Büchern auseinanderzusetzen.


Ungerechtigkeit der Menschen

Die Ungerechtigkeit der Menschen

In dieser Serie über den Römerbrief gelangen wir jetzt an einem neuen Abschnitt, der von Römer 1,18 bis und mit Römer 3,20 läuft. Man kann über diesen Abschnitt den Titel «Ungerechtigkeit der Menschen» oder «Wandel der Menschheit» setzen.

Gerade zuvor hat Paulus betont, dass in dem Evangelium die «Gerechtigkeit Gottes» zentral steht (Rö 1,16-17). Im nächsten Vers jedoch gibt es eine abrupte Änderung. Dort heisst es:

«Denn enthüllt wird der Zorn Gottes vom Himmel her über alle Unfrömmigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen…»
Rö 1,18

Statt der «Gerechtigkeit Gottes» geht es hier um die «Ungerechtigkeit der Menschen». Der Fokus wird auf etwas anderes gelegt. Hier geht es nicht um Gottes Wirken, sondern um den Wandel der Menschheit und was der Mensch hier auf dieser Welt anstellt. Das ist ein unbequemer Blickwechsel für den Menschen, worin auch gleich ein Kontrast herausgearbeitet wird. Gottes Gerechtigkeit steht gegenüber des Menschen Ungerechtigkeit. Wer darin lediglich eine Bestätigung für ein Dramadreieck sucht (Böse Welt, Guter Christ), verpasst jedoch die eigentliche Aussage.

Aufbau des Römerbriefes

Im Aufbau des Römerbriefes kommt der Lebenswandel zweimal vor, nämlich einmal in Bezug auf die gesamte Menschheit und einmal in Bezug auf die Heiligen (die Gläubigen). Mehr zu dieser Gliederung findet sich im Beitrag «Struktur des Römerbriefes». Darin gibt es folgenden Zusammenhang:

Der Lebenswandel der Menschheit, gekennzeichnet von «Ungerechtigkeit» im Vergleich mit Gottes Gerechtigkeit, wird zum Hintergrund für das Evangelium, worin Gott Seine eigene Gerechtigkeit bekanntmacht. Gott Selbst schafft Gerechtigkeit, indem Er Seinen Sohn gibt. Vertrauen wir diese frohe Botschaft, dann werden wir zu Glaubenden. Daraus kommt es dann zum Lebenswandel der Glaubenden. Es wird also einen Bogen gespannt. Zentral in dieser Geschichte ist Gottes Handeln, und Hintergrund für Sein Handeln ist das Handeln der Menschheit. Gemeint sind wir, aber auch für die Welt hat Paulus einen Ausblick.

Es gibt keinen Gerechten

Das Evangelium enthüllt die Gerechtigkeit Gottes (Rö 1,17). Über diese Gerechtigkeit kommt Paulus erst wieder in Kapitel 3 zu sprechen. Dazwischen liegt der Abschnitt über den Wandel der Menschheit, worin er prägnant zusammenfasst:

«Es gibt keinen Gerechten, auch nicht einen! Keiner ist verständig! Es gibt keinen der Gott ernstlich sucht. Alle meiden sie Ihn und sind zugleich unbrauchbar geworden. Es gibt keinen der Güte erweist, da ist nicht einmal einer!»
Röm 3,10-12

«… damit jedem der Mund gestopft werde und die gesamte Welt unter den gerechten Spruch Gottes gerate…»
Röm 3,19

Dies ist die Zusammenfassung von dem, was Paulus in dem Abschnitt 1,18 bis 3,20 beschreibt. Es kann uns helfen, das Ziel dieses eingeschobenen Abschnitts einfacher zu verstehen, wenn wir beim Lesen die Zielformulierung bereits erfassen. Es ist in diesem Licht, dass Paulus alle Aussagen formuliert.

Danach geht es weiter mit:

«Nun aber hat sich, getrennt vom Gesetz, Gottes Gerechtigkeit offenbart (vom Gesetz und den Propheten bezeugt), eine Gerechtigkeit Gottes aber durch den Glauben Jesu Christi, die für alle ist und auf alle Glaubenden kommt.»
Röm 3,21–22

Beim Bibellesen ist es hilfreich, auf diese klare Abgrenzungen im Text zu achten. Mit dem «Nun aber…» schliesst Paulus den vorherigen Abschnitt über die Ungerechtigkeit des Menschen ab, und steigt wieder auf die frohe Botschaft von Gottes Gerechtigkeit ein. Dieses «Nun aber…» markiert den Themenwechsel am Ende.

Wenn wir jetzt auf den Abschnitt zum Wandel des Menschen (Röm 1,18 bis Röm 3,20) einsteigen, so können wir bereits vor Augen haben, dass danach (3,21–8,30) die eigentliche frohe Botschaft folgt. Eingeschoben wird ein dunkler Hintergrund, damit anschliessend das Licht des Evangeliums um so heller leuchten kann.

Es ist unsere Realität, die das Evangelium als Hintergrund hat. Die Not der Welt, Leiden und Tod, Zielverfehlung und Sünde – diese bedingen Erlösung. Wir selbst aber können diese nicht herbeiführen. Wir sind zwar unserem Leben nicht einfach ausgeliefert, und wir können gesund, aktiv und weitgehend selbstbestimmt unser Leben führen. Trotzdem sind unserem eigenen Wirken Grenzen gesetzt. Wir können unsere Sterblichkeit nicht aushebeln. Wir bleiben sehr begrenzt. Deshalb ist das Evangelium eine befreiende Botschaft. Es setzt dort an, wo wir auch mit allem besten Wollen und Wirken nicht weiter kommen.

Die Gerechtigkeit Gottes

Gott selbst macht frei, indem er durch Jesus Christus Seine eigene Gerechtigkeit bewirkt, wo wir es nicht erreichen können. Diese Gerechtigkeit ist nun «umsonst» verfügbar.

Wie kommt es soweit?

Wenn Paulus in diesen Kapiteln die Ungerechtigkeit des Menschen sowie die Gerechtigkeit von Gott ausformuliert, dann geht es erstaunlicherweise nicht um Dinge, die wir «tun sollten», als fordere das Evangelium bestimmte Verhaltensweisen oder Leistungen. Vielmehr geht es um das, was «in der Welt ist». Paulus beschreibt eine Realität. Spricht der Apostel hier über «die Welt», dann ist es, als geht er ein paar Schritte zurück, um eine Übersicht zu gewinnen. Es ist der Blick von oben herab. Es geht um grössere Zusammenhänge.

Zwei Dinge sieht der Apostel hier: Zuerst ist es die Realität des Menschen, mit all seinen Verfehlungen. Danach ist es die Realität des Evangeliums, worin Gott selbst Erlösung schenkt. Paulus fordert uns im Römerbrief auf, uns mit der Realität auseinander zu setzen. Er beschreibt selbstverständlich nur bestimmte Aspekte unserer Realität. Wenn er die Realität beschreibt, so geht es um das Verhältnis zwischen Gott und uns, und selbstredend auch über das, was wir dadurch erreichen (bzw. nicht erreichen).

Paulus führt uns hierhin: Wenn wir unsere Realität im Licht von Gottes Realität erkennen, wächst Glauben.

Worüber das Evangelium (nicht) spricht

Worüber Paulus im Römerbrief spricht ist ebenso wichtig als das, worüber er nicht spricht. Paulus spricht beispielsweise nicht über Himmel und Hölle. Stattdessen spricht Paulus über Gerechtigkeit und Versöhnung, Leben und Tod. Warum ist das so?

Die Bibel beschreibt die Probleme, womit der Menschheit zu kämpfen hat und reduziert sie auf zwei Kernaussagen:

  • Sünde (Zielverfehlung)
  • Tod.

Das Evangelium stellt dem zwei Lösungen entgegen:

  • Gerechtigkeit
  • Leben

Soweit es das Evangelium betrifft, welches Paulus im Römerbrief vorstellt, ist das Problem des Menschen nicht die Hölle. Die Lösung ist nicht der Himmel. Auch wenn es immer wieder mal so dargestellt oder verstanden wird – das Evangelium oder das Christentum ist kein «Ticket in den Himmel» und das Evangelium hat nicht ein «Ort» als Inhalt. Es geht um ganz andere Dinge. Es geht um Leben und um Beziehungen. Beide gingen verloren und beide werden durch Gottes Wirken wiederhergestellt.

Paulus beschreibt die Lage der Menschheit wie folgt:

«…denn alle sündigten und ermangeln der Herrlichkeit Gottes»
Röm 3,23

Als Gott zu Adam und Eva sprach, dass sie nicht von den zwei Bäumen essen sollten, so wurde ihnen bei Übertretung nicht die Hölle angedroht, sondern den Tod in Aussicht gestellt (1Mo 2,16–17). Und genau so passierte es. Paulus fasst zusammen:

«Deshalb, ebenso wie durch den einen Menschen die Sünde in die Welt eindrang, und durch die Sünde der Tod, und so zu allen Menschen der Tod durchdrang, worauf alle sündigten…»
Röm 5,12

Der Lohn (besser: rationierte Kost eines Soldaten, also kein Verdienst, sondern magere Überlebensration, gr. opsonion) der Sünde ist nicht die Hölle, sondern der Tod (Röm  6,23). Sünde führt also nirgendwo hin, wo Überfluss ist. Jedoch stellt der Apostel dem im Evangelium überfliessendes Leben entgegen, und Auferstehung aus den Toten, sowohl bildlich (Röm 6, Eph 5) als auch einmal körperlich (1Kor 15).

In diesem Abschnitt geht es also nicht um Detailfragen, sondern um die grosse Übersicht. Welche sind die Probleme der Menschheit? Was gibt es dafür als Lösungsansatz? Es geht um Konzepte, um die grossen Linien. Der Apostel wird in seinem Brief vom Allgemeinen später auf das Persönliche schliessen. Beim Leser bedingt das die Bereitschaft zur Differenzierung, damit wir den roten Faden in seinem Erzählen nicht verlieren.

 


Zeugen seiner Auferstehung

Zeugen seiner Auferstehung

Pesach

Das jüdische Pesach Fest feiert den Auszug aus Ägypten. Später mutierte das Fest zu Ostern. Pesach markiert das Ende der Sklaverei des jüdischen Volkes. Befreiung und Auszug sind die Stichworte. Ein Volk auf den Weg durch die Wüste, auf den Weg zur Begegnung mit dem lebendigen Gott. Das Ziel: Ein eigenes Land. Die Erfüllung der Verheissungen an Abraham wurde endlich umgesetzt. Hier ist die Rede von einem Gott also, der in der Geschichte wirkt. Ein Gott, der nicht vergisst. Jahrhunderte waren vergangen, seitdem Abraham wegen eines Hungersnotes nach Ägypten auswich und so die Erfüllung der ursprüngliche Verheissung nicht stattfand. Hunderte von Jahren in dem Gott «still» war – bis Mose gerufen wurde. Mose, der das Volk aus Ägypten herausführen und zum verheissenen Land hinführen sollte.

Ostern

Das Pesach Fest wurde als «Ostern» in den christlichen Traditionen übernommen. Ostern hat eine Bedeutung nicht für ein einziges Volk, sondern für die Welt, für die Menschen. Ostern betrifft uns alle. Wie Pesach ist Ostern die Geschichte einer Befreiung, jetzt aber eine Befreiung aus Tod und dessen Folgen. Hier geschieht etwas Gewaltiges, wird der Tod überwunden und eine Verheissung des Lebens spürbar. In der östlichen Kirche ist Ostern das wichtigste Fest im kirchlichen Jahr, viel wichtiger als Weihnachten.

Karsamstag

Zwischen Karfreitag und Ostersonntag: Karsamstag. Ein Tag wie jeder andere? Es gibt Atheisten, die diesen Tag feiern, weil – infolge der Lehre der Dreieinigkeit – dies sozusagen der einzige Tag ist, an dem Gott «tot» ist. Das ist wieder ein Beispiel dafür, welch seltsame Blüten die Lehre einer Dreieinigkeit hervorbringt.

Jesus wurde getötet mit der Absicht, ihn aus dem Weg zu räumen. Gott jedoch hat anderes vorgesehen. Es war alles nach den Schriften (1Kor 15,1-5) und doch war einiges den Jüngern und der restlichen Welt offenbar unbekannt. Gottes Weisheit zeigte sich hier, aber «keiner von den Fürsten dieses Zeitalters (Äons) hat sie erkannt - denn wenn sie sie erkannt hätten, so würden sie wohl den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben» (1Kor 2,8 Rev. Elbf.).

Zeugen der Auferstehung

Ostern war nicht das Ende. Es war ein Neuanfang. Es war unerhört. Die Apostel wurden «Zeugen seiner Auferstehung» (Apg 1,22) und nicht etwa Zeugen der Geburt Jesu (Weihnachten). Ostern fristet in der westlichen Kirche ein Schattendasein. Weihnachten wurde das wichtigste Fest. Ist das Zeugnis einer fehlgeleiteten Fokussierung? Wenn wir, wie die Apostel, die Bedeutung der Auferstehung erfassen könnten, was würde dann passieren?

An mehreren Stellen wiederholen die 12 Apostel die Aussage, dass Sie «Zeugen seiner Auferstehung» sind (siehe Apg 4,2 Apg 4,33). Später ist das auch die Botschaft, womit Paulus seine frohe Botschaft – sein Evangelium – beschreibt (Apg 17,18, siehe auch: Apg 23,6-8, Apg 24,21).

Mit der Auferstehung wurde klar, dass die Worte von Jesus keine leere Versprechen waren. Das Königreich war nahe – immer noch. Die 12 Apostel und die Gemeinde in Jerusalem erwarteten dieses Königreich und stellten Jesus die Frage danach, als er auferstanden war (Apg 1,6). Wenn der König lebt, hat auch das Königreich noch eine Chance, sozusagen. Die Erfüllung der Verheissungen an Israel (Röm 15,8) waren immer noch relevant.

Im Laufe der Apostelgeschichte erfüllte sich diese Hoffnung jedoch nicht (vgl. Apg 1,6-7), aber Paulus erreicht als 13. Apostel eine neue Zielgruppe: die Nationen. Bei ihm geht es nicht mehr um eine Erfüllung der Verheissungen an Israel, sondern es entsteht etwas Neues. Der Apostel beschreibt es als die Enthüllung von Geheimnissen (Eph 3,1-13). Paulus war Apostel der Nationen (Röm 11,13). Bei ihm wird die Auferstehung Christi zur Hoffnung für alle Nachkommen von Adam (1Kor 15,22).

Zeuge der Auferstehung ist das zentrale Thema bei den Aposteln. Ist es das heute noch? Und sehen wir die Unterschiede zwischen der Verkündigung der 12 Apostel und den Weitblick, den Paulus hat? Wohin gehören wir? Was ist die Grundlage für unser Leben und Glauben? Welche Botschaft sollte und darf unser Leben befruchten?

Keine Teillösungen mehr

Diese Fragen lassen sich nicht damit beantworten, dass «irgendwie alles dasselbe aussagt». Hier braucht es Differenzierung, damit wir – mitlesend mit der Geschichte im Neuen Testament – entdecken wie auch hier eine Entwicklung stattfindet. Der Fokus beginnt bei Israel, aber weitet sich auf die ganze Welt aus. Es gibt eine frohe Botschaft, die nicht bei Teillösungen stecken bleibt. Christus ist auferstanden – als Erstling der Entschlafenen. Mit Ihm fängt es an. So wie durch Adam der Tod zu allen Menschen durchdrang (ohne Ausnahme), so werden ebenfalls alls Menschen in Christus lebendiggemacht werden (ohne Ausnahme). Das sagt Paulus in 1Kor 15,20-22.

Gott hat keine Teillösungen vor Auge. Er hat Erlösung vor Augen. Der ganzen Welt. Bis Gott einmal alles in allen sein kann (1Kor 15,20-28). Das ist die Tragweite der Auferstehung Jesu für alle, die es heute mit Dank annehmen können.

 

 


Haderst du noch oder liebst du schon? (3)

Haderst du noch oder liebst du schon? (3)

In diesem dritten und letzten Teil geht es um die Bibelinterpretation, die im Dramadreieck stecken bleibt. Wenn die Bibel im Sinne des Dramadreiecks ausgelegt wird, ermöglicht das eine religiöse Flucht in ein Gedankengebäude, das mit der Bibel und mit einem gesunden Christsein nichts mehr zu tun hat. Dem gilt es vorzubeugen oder zu heilen.

Ist euer Herz auch weit geworden?

Das Dramadreieck wird in frommen Glaubensvorstellungen direkt aus der Bibel heraufbeschworen. Hier findet man Texte, die nahelegen, dass es Verfolger, Opfer und Retter gibt – in irgendeiner Form. Es geht um Kontraste, die man liest und die nun entsprechend der eigenen Beklemmung ausgelegt werden. Vereinfacht gesagt: Es geht um die Guten und die Bösen, um uns selbst und die Anderen. Zwischen beiden gibt es einen Unterschied, was einer Abschottungs- und Angstvermeidungsstrategie entgegenkommt. Die Bibel wird als restriktiv und abgrenzend ausgelegt. Natürlich muss das nicht sein, aber es ist eine Art der Bibelbetrachtung, die leider recht verbreitet ist. Auch wenn in einer Gemeinschaft solche Gedanken nicht vorherrschend sind, schwingen in den Gedanken der Menschen, der Mitglieder, der Gläubigen, oft Unsicherheiten mit. Unsicherheiten führen zu Angst und zu einengenden Lebeneinstellungen.

Auch Paulus hatte es damit zu tun, als er den Korinthern schrieb:

«Ist euer Herz auch weit geworden? Nicht eingeengt seid ihr in uns, eingeengt aber seid ihr in eurem Innersten! Als Gegenlohn dafür (wie zu Kindern spreche ich) werdet auch ihr weit!»
2Kor 6,11-13

«Werdet weit!» ist die gesunde Aufforderung zur Änderung und das gesunde Bild, welches uns die Bibel vorhält. Nicht die Bibel ist einengend, sondern wir selbst können eingeengt sein. Der Zuspruch der Schrift läuft in die entgegengesetzte Richtung als eigene Angstvermeidungsstrategien.

Das Dramadreieck aus der Bibel herauslesen

Das Dramadreieck lebt von diesem Spiel mit Verfolgern und Opfern. Übersetzt auf ein Glaubensverständnis geht es um «falsch» und «richtig», um «wir» und «die Anderen». Wo kann man das herauslesen? Selbstverständlich aus diesen Stellen, die tatsächlich von einem Unterschied sprechen.

Jesus hat seinen Jüngern einmal diesen Kontrast vor Augen geführt:

«Ich habe ihnen Dein Wort gegeben und die Welt hasst sie, weil sie nicht von der Welt sind, so wie auch Ich nicht von der Welt bin. Ich ersuche Dich nicht, dass Du sie aus der Welt nimmst, sondern dass Du sie vor dem Bösen bewahrest. Sie sind nicht von der Welt, so wie auch Ich nicht von der Welt bin. Heilige sie in Deiner Wahrheit: Dein Wort ist Wahrheit.»
Joh 17,14-17

Das sind klare Worte. Versuchen wir hier, jetzt die Interpretation aus dem Blickwinkel des Dramadreiecks nachzuvollziehen.

Die Gegenüberstellung betrifft hier Jesus und die Jünger einerseits und die Welt andererseits. Die «Welt» hasst die Jünger, weil sie nicht «von der Welt» sind. Ich lese hier so etwas wie eine Xenophobie der Welt den Jüngern gegenüber heraus, also eine Angst vor den unbekannten Jesus-Nachfolgern. Das Problem liegt offenbar bei dieser Welt. In frommen Glaubensvorstellungen kehrt sich das Bild jedoch. Das Bild wird umgedeutet, und es ist kein Problem mehr von der Welt, sondern die Welt selbst wird ein Problem, nämlich für die Gläubigen. Zwischen den Gläubigen und der «bösen» Welt gibt es einen Konflikt. Die Gläubigen gehören nicht zur Welt, sondern sollten sich von der Welt fernhalten, denn die Welt ist «böse» oder «sündig». Gerade eine solche Schlussfolgerung wird von der Bibelstelle jedoch nicht unterstützt. Hier wird eine Interpretation aus dem Blickwinkel des Dramadreiecks vollzogen.

Gift für das Denken

Schlussfolgerungen wie hier oben kurz skizziert sind Gift für das Denken. Es ist niemals eine gute Idee, wenn wir eigene Gedanken auf die Bibel projizieren. Das Gegenmittel zu einer solchen Fehlinterpretation wäre gegeben: Wir sollten nicht über das hinaus denken und überlegen, was geschrieben steht (1Kor 4,6). Gleichzeitig zeigt uns diese Aufforderung von Paulus eine heilende Richtung. Die Folgerung ist das Problem, nicht die Bibel selbst. Es ist, als hätte man eine richtige Medizin falsch eingesetzt, so dass daraus Gift wurde. Die Bibel ist nicht eingeengt, aber wir können sie so auslegen. Dann wird die Medizin falsch angewendet. Man könnte sagen, dass wir zurück zur Packungsbeilage gehen sollten und eine korrekte Anwendung lernen müssen.

Was steht im Bibeltext?

Jesus spricht von diesem Unterschied im Text, weil die Jünger tatsächlich etwas haben, was die Anderen ringsherum nicht kennen. Die Jünger haben die Worte Jesu aufgenommen. Diese Erfahrung hat ihrem Leben eine neue Richtung gegeben. Vom Ausblick auf das «Königreich der Himmel» beflügelt stehen die Jünger mit einer anderen Erwartung in der Welt. Es ist verständlich, dass dieser Unterschied eine Resonanz auslöst. Das ist ganz normal. Wir ticken sowieso alle etwas anders, und wenn wir von neuen Ideen beflügelt werden, die unserem Leben eine positive Ausrichtung geben, kann das bei Anderen Angst und Bestürzung oder Abwehr auslösen. Das ist eine Feststellung.

Entscheidend ist hier, wie Jesus im Gebet damit umgeht. Er anerkennt die Unterschiede, aber sagt nun: «Ich ersuche Dich [Gott] nicht, dass Du sie aus der Welt nimmst, sondern dass Du sie vor dem Bösen bewahrest». Interessant: Keine Weltflucht steht Jesus vor Augen, sondern eine Bewährung in der Welt. Wer sein Vertrauen auf Gott stellt, der wird bestimmt nicht von jedem verstanden. Deswegen müssen wir aber noch lange nicht aus der Welt flüchten. Jesu Rede zeigt in die andere Richtung:

«Wie Du Mich in die Welt ausgesandt hast, so sende auch Ich sie in die Welt aus.»
Joh 17,18

Erstaunlich: Jesus führt nicht in eine Weltflucht. Weltflucht hat nichts mit Glauben zu tun. Wer sich mit seinem Glauben und vermeintlicher Erkenntnis im stillen Kämmerlein einschliesst, der lebt dadurch nicht besser, nur einsamer. Jesus hat seine Jünger in die Welt hinausgeschickt. «Welt», das heisst im direkten Kontext dieser Bibelstelle: das jüdische Volk, die Juden in Israel. «Welt» ist also nicht «der Globus», und es ist hier kein Missionsgedanke vorhanden. Der Gegensatz bleibt im Kontext ganz simpel: Es sind etliche da, die «das Wort» von Jesus gehört und angenommen haben. Die Welt, das sind die Anderen, die das nicht so sehen.

Ausstieg aus dem Dramadreieck

Wenn die Bibel im Sinne des Dramadreiecks ausgelegt wird, dann gibt es nur eine Lösung zur Befreiung: Aussteigen. Nicht aus dem Glauben aussteigen, nicht aus der Gottesbeziehung aussteigen, sondern aus dieser fehlerhaften, einengenden Interpretation aussteigen.

Wenn das die einzige Interpretation ist, die man bis dahin kennt, fühlt sich das vielleicht an, als verliert man den Boden unter den Füssen. Da möchte ich Mut zusprechen, die einengenden, nicht lebensfähigen Interpretationen hinter sich zu lassen und sich erneut mit der Schrift auseinanderzusetzen. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass diese Interpretationen mit der Bibel gar nichts zu tun haben. Es sind ideologische Ansätze, die die befreiende Botschaft des Evangeliums zutiefst verhöhnen. Das muss man aber zuerst entdecken.

Was stand Jesus vor Augen?

Dieses Gebet in Johannes 17 spricht Jesus, bevor Er den Weg ans Kreuz geht. Es stehen bewegende Zeiten bevor. Worüber spricht Jesus nun im Kontext? Welches Ziel hat Er vor Augen? Wie geht Er vor? Es gibt diesen Unterschied zwischen der «Welt» und den «Jüngern».

«Für sie heilige ich Mich, damit auch sie in Wahrheit Geheiligte seien. Aber nicht für diese allein ersuche Ich Dich, sondern auch für die, die durch deren Wort an Mich glauben, damit sie alle eins seien; wie Du, Vater, in Mir bist und Ich in Dir bin, so mögen auch sie in Uns sein, damit die Welt glaube, dass Du Mich ausgesandt hast.»
Joh 17,19-21

Jesus sieht diese Welt, aber sein Blick sieht auch darüber hinaus. Er hat ein Ziel vor Augen und sieht wie Sein Leben eine Auswirkung auf das Leben der Jünger hat. Er hat Gottes Ziel vor Augen und ist gleichzeitig ganz bei Sich Selbst. Das ist, was Glauben bewirkt: Vertrauen auf ein Ziel hin, Vertrauen auf eine grössere Realität, jedoch ohne Aktualitätsverlust. Diese Welt steht für Ihn in einem grösseren Zusammenhang. Jesus steht in Beziehung zu Gott, Seinem Vater. Aus dieser Beziehung heraus spricht Er hier. Er schickt seine Jünger hinaus in die Welt, aber nicht ohne Unterstützung. «Für sie heilige ich Mich, damit auch sie in Wahrheit Geheiligte seien.»

Heilig ist, wer in Beziehung zu Gott steht. Gläubige werden Heilige genannt (z.B. Mt 27,52 Apg 9,13, Röm 1,7). Es gibt keine funktionierende Heiligerklärung von irgendeiner Kirche, aber es gibt Menschen, die in Beziehung zu Gott treten. Heilig ist nicht, wer fehlerfrei ist, sondern wer in dieser Beziehung und Verbindung steht. Jesus sagt «Für sie heilige ich mich». Er lebt aus, was er in den Jüngern sehen wollte. «Damit auch sie in Wahrheit Geheiligte seien.» Aus diesem Zusammenhang lässt sich erkennen, wie Jesus  bei mit Selbst und ebenso mit seinem Gott und Vater verbunden war. Das ist das Gegenteil von Abschottung. Jesus stand in Beziehung. Gerade dadurch konnte Er auch ganz bei seinen Jüngern und ihrer Aufgabe sein. Aus Beziehung entsteht Beziehung. Aus Heiligung folgt Heiligung. Wer Wahrheit lebt, befähigt auch andere dazu. Glauben führt zu Glauben (vgl. Röm 1,17).

Geliebt sein

Im gleichen Gebet schliesst Jesus mit den Worten:

«Gerechter Vater, die Welt erkannt Dich nicht, Ich aber kannte Dich; und diese haben erkannt, dass Du Mich ausgesandt hast. Ich habe ihnen Deinen Namen bekanntgemacht und werde ihn bekanntmachen, damit die Liebe, mit der Du Mich liebst, in ihnen sei und Ich in ihnen.»
Joh 17,25-26

Jesus hat die Welt nicht einfach als «feindlich» abgestempelt. Das steht hier gar nicht zur Diskussion. Er sieht aber die Notwendigkeit zu lieben. Jesus ist vom Vater geliebt. Er ist ein Geliebter (Mt 3,17 Mt 17,5 2Pet 1,17 u.a.). Gerade das sollte auch die Erfahrung der Jünger sein, wenn sie in die Welt hinausgehen. «… damit die Liebe, mit der Du Mich liebst in ihnen sei und Ich in ihnen.» Damit! Das ist das erklärte Ziel und zeigt den Zusammenhang.

Liebender werden

Nun kann man meinen, dass alle Liebe immer von aussen kommt, wir also «am Tropf der Liebe Gottes hängen». Nicht wenige Gläubige sehen das so. Es ist ein furchtbarer Zustand, der am ehesten so beschrieben werden kann: «Ich liebe mich zwar nicht selbst, aber wenigstens liebt mich Gott». Man hat ein Selbstbild, welches durch Ablehnung und Abhängigkeit geprägt ist. Als Opfer der Welt und der eigenen Unfähigkeit, als vermeintlich unwürdiger, ungeliebter, sich selbst nicht akzeptierender Mensch, streckt man sich nach Gott als Erlöser aus, verharrt aber gleichzeitig in der Selbstablehnung. Wer immer Opfer bleibt, kann nicht frei werden. Das ist abartig.

Eine solche Opferhaltung kann aus dem persönlichen Umfeld heraus entstanden sein, aus der Familie und dem eigenen Erleben. Wie in diesem Beitrag beschrieben kann es jedoch auch aus dem theologischen Umfeld entstammen. Die Auflösung solcher Verstrickungen gelingt nur, wenn wir hinschauen, aus diesen Spielen aussteigen und restlos lieben lernen, was wir sehen. Lieben heisst hier: Integrieren, verwandeln, neu ausrichten, gnädig mit sich selbst sein. Liebender werden heisst dann, dass wir anderen zu genau diesen Verwandlungen beistehen, dass wir Gnade erweisen und in Liebe alles zum Wachsen bringen, hinein in Ihn, der das Haupt ist (Eph 4,15).

Es gibt viele Menschen, die den Aufbruch gewagt haben, die zu Reisenden geworden sind, die neue Horizonte entdeckt haben.


Haderst du noch oder liebst du schon? (2)

Haderst du noch oder liebst du schon? (2)

Das christliche Umfeld erkennen

Wer mit der Kirche hadert, tut das womöglich aus den Erfahrungen, die er gemacht hat. In den Freikirchen habe ich selbst viel Unfreiheit erlebt. In den Landeskirchen dagegen empfand ich immer wieder eine Ratlosigkeit gegenüber den Aussagen der Bibel. Beides erscheint mir für einen gesunden Stand im Leben nicht sehr hilfreich. Wenn ich mit Kirchen hadere, dann hat das auch etwas mit mir zu tun. Weshalb stehe ich in der Kirche oder weshalb bleibe ich dort, wenn es mir nicht mehr passt? Werde ich in meiner Gemeinschaft dazu ermutigt zu wachsen, erwachsen zu werden? Wird die Entwicklung meines Menschseins ebenso unterstützt wie das meines Christseins? Oder habe ich die (Frei-)Kirche verlassen, aber es schmerzt immer noch?

Leider gibt es in Gemeinden nicht immer Verständnis für Wachstum. Besonders problematisch wird es, wenn Glaubensvorstellungen aus dem Dramadreieck genährt werden. Das äusserst sich in Erwartungen an die Mitglieder und in Einschätzungen dieser Welt. Wenn die Welt zum Verfolger wird und die Gemeinde zum Retter, der sich an dich als Opfer wendet, dann wird hier das Dramadreieck zelebriert. Will ich jedoch kein Opfer sein, dann passe ich vermutlich gar nicht in das Gemeindekonzept, bzw. in das Glaubensverständnis dieser oder jener Kirche.

Die frommen Verpackungen des Dramadreiecks

In diesem zweiten Teil des Beitrages geht es um die frommen Verpackungen vom Dramadreieck. Menschen können ihre eigene Beklemmung im Leben auf die eigenen Glaubensvorstellungen übertragen und dann diese Beklemmung unter dem Vorwand des Göttlichen für andere verbindlich erklären. Man kann jedoch nicht von der eigenen Beklemmung auf ein «allgemein gültiges Glaubenskonzept» bzw. auf die Gemeinschaft schliessen. Tut man das, wird die Gemeinschaft erneut andere in die Beklemmung einfangen. Es entstehen Opfer, Täter und Helfer, und das Gemeinschaftserlebnis wird ein Spiel im Dramadreieck. Ich habe den Eindruck, dass in vielen – vor allem freikirchlichen – Gemeinschaften das Dramadreieck Teil der Identität ist.

Wer den Eindruck hat, dass Gott ihn nicht mag, wer meint, er müsse sich auf eine bestimmte Art verhalten, damit Gott oder die Gemeinschaft mit ihm ins Reine kommt oder bleibt, der lebt in Abhängigkeit. In einem solchen Umfeld entstehen Religionsgeschädigte.

Die Unterdrückung der Mündigkeit

Im Dramadreieck gibt es nur Unfreie. Das gilt auch für Gemeinschaften, wo das Dramadreieck gelebt wird. Je frommer und repressiver die Gemeinschaft, desto schwerwiegender scheinen die Verletzungen bei Aussteigern – man wagt sich die Verletzungen bei denen, die bleiben, gar nicht vorzustellen!

Der gesunde Lebensdrang wird der Gemeinschaft unterstellt. Auch in guten Gemeinschaften wird es Leute geben, die sich diese Ecke der Erfahrung aussuchen, um darin zu verharren. Sollte eine Gemeinschaft gesund bleiben wollen, dann braucht es den Mut, die Mitglieder zur Mündigkeit anzuleiten. Wo das ausbleibt, entsteht die Gefahr, dass sich das Spiel vom Dramadreieck in der Gemeinschaft ausbreitet.

Die vier Schritte der Verwandlung

Wo immer man das Dramadreieck antrifft, ob in persönlichen Beziehungen oder in Glaubensgemeinschaften, es ist überall problematisch. Das Dramadreieck kann man nicht verwandeln. Man kann nur aussteigen. Nur wer aussteigt, kann in eine Verwandlung einsteigen. Diesen Schritt kann man nur selbst machen. Wer von der Gemeinschaft geschädigt ist, der kann aussteigen, sich zurückziehen und den Prozess der Gesundung und Verwandlung selbst durchlaufen. Das ist die einzig reale Version des Wandels. Es braucht Mut, sich quer auf den Konsens der Gemeinschaft zu stellen – vielleicht zum ersten Mal vorbehaltlos, liebevoll und entschieden für sich selbst einzustehen. Es braucht Mut zum Hinterfragen, Mut für neue Antworten, Mut das Schweigen zu brechen, Mut zum Hinschauen, Mut zum Fühlen, Mut zur Reflektion. Wer sich durch den eigenen Schmerz und durch die Ungewissheit hindurch wagt, der findet zu besseren Antworten.

Es gibt 4 Schritte der Verwandlung:

  1. Erkennen, dass Deine religiöse Welt mit dem Leben im Konflikt steht (traue Dich, hinzusehen)
  2. Ausstieg aus dem Dramadreieck. Rückbesinnung auf Dich Selbst, Dein Menschsein, Deine ureigenen Fragen (gebe dem Raum)
  3. Mensch werden, unabhängig werden, zuständig werden. Sei dankbar für den, der Du bist. (liebe Dich selbst)
  4. Befreiung von dogmatischen und ideologischen Vorgaben. Eine neue Auseinandersetzung mit der Bibel. (frei werden im Glauben)

Immer dort, wo sich jemand aus Gebundenheiten löst, entsteht Angst. Angst in der Gemeinschaft und Angst im persönlichen Loslassen vertrauter Dinge. Der Apostel Johannes schreibt in Bezug auf Angst, wie man dem begegnen kann:

«Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht hinaus, weil die Furcht es mit Strafe zu tun hat. Wer sich aber fürchtet, ist in der Liebe noch nicht vollkommen geworden.»
1Joh 4,18

Erwachsen werden hat mit Liebe zu tun

Geliebt, also angstfrei. So hat es Johannes angedeutet. Wer sich auf den Weg macht, frei zu werden, der darf sich an Gottes Liebe orientieren. Gott ist Liebe. Das ist Sein Wesen. Diese Liebe darf und soll durchdringen – in unser Leben, in unsere Betrachtung der Welt, in unserem Verständnis. Es gibt keinen Grund, in rigiden Lebenshaltungen oder in alten Schmerzen hängen zu bleiben. Liebe treibt die Angst aus. Liebe ist der Start zu etwas Neuem.

Paulus stellt sich die Auferbauung der Gemeinde so vor, dass die Gemeinde «zum gereiften Mann» wird und wir «nicht mehr Unmündige» sind (Eph 4,12-14). Reife und Mündigkeit sind das Ziel, also eine verantwortungsvolle Eigenständigkeit, sowohl in Lebens- wie auch in Glaubensfragen. Gereift sein, mündig sein, unabhängig stehen können, wie ein Fels in der Brandung. Der Apostel sieht dies als erklärtes Ziel für die Gemeinde. Wie aber soll das erreicht werden?

Wahrhaftigkeit

«Wenn wir aber wahr sind, sollten wir in Liebe alles zum Wachsen bringen, hinein in Ihn, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der gesamte Körper (…) das Wachstums des Körpers vollzieht zu seiner eigenen Auferbauung in Liebe.»
Eph 4,15-16

Das ist ein spannender Zusammenhang. «Wahr sein» und «in Liebe zum Wachsen bringen» gehören zusammen. Wahr sein hat mit uns selbst etwas zu tun. Alles zum Wachsen zu bringen hat etwas mit der Gemeinde zu tun. Das sind zwei Aspekte, die zusammengehören. Die Verbindung zwischen beiden ist Liebe. Liebe ist, wie sich unser Glauben manifestiert. Denn nur in Liebe können wir offenbar Dinge zum Wachsen bringen. Diejenigen, die wahr sind, werden aufgefordert in Liebe alles zum Wachsen zu bringen. Ausschliesslich wer «wahr» ist, kann diesen Beitrag liefern. Wer in der Rechtgläubigkeit verharrt, wer im Hadern mit Gott und der Welt verharrt, wer den Schmerz nicht fühlen will, sondern in Vermeidungsstrategien lebt, der kann nicht wahrhaftig werden. Der kann auch nicht frei werden. Es braucht Mut für eine Änderung. Es braucht Mut, sich selbst zu lieben. Es braucht Mut, loszulassen.

Es ist erstaunlich, wie stark dieses «Erwachsenwerden» nach der Bibel von Liebe begleitet ist. Liebe ist das Bleibende (1Kor 13,13). Liebe ist das «Band der Vollkommenheit» schreibt Paulus (Kol 3,14). Glaube wird erst durch Liebe wirksam (Gal 5,6). Man wird zu einem Liebenden in gleichem Mass, wie man erwachsen wird. Paulus fasst eine gesunde und erwachsene Lebenshaltung wie folgt zusammen:

«Als geliebte Kinder werdet nun Nachahmer Gottes und wandelt in Liebe, so wie auch Christus euch liebt…»
Eph 5,1-2

In der biblischen Narrative ist Liebe etwas, das ohne Vorbehalte von Gott her kommt. Das ist die Quelle. Es gibt keine Erwartungen und keine Auflagen, damit diese Liebe fliesst. Gott ist Liebe. Er hebt uns gegenüber Seine Liebe dadurch hervor, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren (Röm 5,8). Es wäre deshalb fehl am Platz, wenn wir im «sich-nicht-geliebt-fühlen» hängen bleiben. Das hat gar keinen Sinn.

Wenn ich hadere, dann mache ich andere für mein Glück verantwortlich. Wenn ich jedoch erwachsen werde, dann übernehme ich Verantwortung für meine Gefühle, für meine Geschichte, für meine Gedanken. Dann kann ich zum Liebenden werden.

Das wünsche ich auch Dir.

 


Haderst du noch oder liebst du schon? (1)

Haderst du noch oder liebst du schon? (1)

Glaubst Du? Und wenn ja, was hat das bei Dir bewirkt? Bist Du ein Liebender geworden? Bestimmt kennst Du viele Menschen, die mit solchen Fragen nichts anfangen können. Manche glauben und vertrauen Gott, andere tun dies nicht. Manche fühlen sich geliebt und wurden zu Liebenden, während andere mit sich selbst, mit der Welt und mit Gott hadern. Auch wenn wir wissen, dass Gott einst «alles in allen» sein wird (1Kor 15,28), so ist es deutlich, dass wir von dieser erfüllten Einheit noch weit entfernt sind. Der Soll-Zustand ist unvergleichlich anders als der Ist-Zustand.

Die gnadenlose Realität

Unsere Erfahrung in dieser Welt kann tatsächlich in krassem Unterschied zur Glaubenserfahrung stehen. Ich meine hier keine real lebensgefährlichen Situationen, sondern das persönliche Erleben in dieser Welt, sogar in «gesicherten» Umständen. Es kann eine gnadenlose Realität sein, die schwerer drückt als Du oder ich ertragen können. Wie gehen wir damit um? Wir haben die Wahl, unseren Schmerz und den der Welt auszublenden oder ihnen im Glauben und in der Liebe Gottes zu begegnen und so zu verwandeln.

Das Ausblenden der Realität, des Empfindens in diesem Leben, kann zu einer Flucht führen. Für einige kann es eine religiöse Flucht werden, nämlich die Flucht in eine eigene Glaubenswelt, der eigenen Überzeugung, die vermeintlich sicherer oder gar näher bei Gott ist. Das Letzte ist natürlich Unfug, denn alles ist aus Ihm, durch Ihn und zu Ihm hin (Röm 11,36). Wir können gar nicht «näher zu Gott» kommen oder etwa «weit von ihm entfernt» sein. Umstände, welcher Art auch immer, können höchstens unser eigenes Gefühl auf eine falsche Fährte setzen (Apg 17,27-29). (Notiz an uns selbst: Eigenes Gefühl prüfen.)

Das Dramadreieck

Eine Flucht vor der eigenen Angst, den eigenen Erfahrungen, der eigenen Unfreiheit, der eigenen Beklemmung, kann auch andere Formen annehmen: Man zieht sich zurück und errichtet hohe Mauern zum Schutz seiner Selbst und ist nicht mehr offen für Begegnung und Berührung jeglicher Art. Oder man gibt anderen die Schuld der eigenen Misère: Der Ex-Partner, die Firma, die Regierung, die Eltern, die Kirche, die Falschgläubigen, die Anderen… Die Abschottung kann auch in Sonderlehren, Rechtgläubigkeit oder in Verschwörungstheorien stattfinden. Oder Mann/Frau flüchtet in immer neue Beziehungen, als Schmerzbekämpfung, wenn man nicht allein sein kann. Vielleicht hindert ein Suchtverhalten in irgendeinem Bereich Dich daran, ein freies und erfülltes Leben zu führen. Ich selbst bin bei diesen Fragen keinesfalls ausgenommen. Logischerweise drängt sich eine andere Frage auf: Was sind die Gründe zu diesem Verhalten und wie kann man anders und lebensbejahender leben?

Es geht immer um dasselbe Spiel. Man steht in einem Dramadreieck von Opfer (ich selbst), Täter (die Anderen) und einem Retter (der neue Partner, Gott, Jesus, die neue Diät oder eine Ideologie), wobei die Rollen in allen Beziehungen auch mal gewechselt werden können. Frei ist in solchen Beziehungen keiner. Alle Beteiligten einigen sich auf das Spiel. Die Flucht vor der eigenen Realität, vor dem eigenen Schmerz, das ist das eigentliche Thema. Die Illusionen darüber, wie man diesem Schmerz auszuweichen vermag, sind sekundär.

Dieses Dramadreeick lässt sich deshalb nicht verwandeln. Aus diesen Verstrickungen kann man nur aussteigen. Danach kann man sich verantwortungsvoll, liebevoll und gnädig mit sich selbst auseinanderzusetzen. Erst dann beginnen Verwandlung und eine neue Erfahrung des Lebens.

Haderst Du noch oder liebst Du schon?

Natürlich gibt es Ansichten, die jede Religion nur im Rahmen des Dramadreiecks deuten, und Gott immer als «Retter» im Sinne des Dramadreiecks betrachten. Das kann tatsächlich geschehen, jedoch nur als Entgleisung. Ich denke nämlich nicht, dass das richtig ist. Der Gott, wie ihn die Bibel skizziert, steht nie in einer Abhängigkeit, wie es das Dramadreeck vorsieht. Auch führt die Bibel nicht in eine Abhängigkeit, sondern sie will uns in ein erwachsenes Selbst hinüberführen, worin Menschen eigenständig die Freiheit von Christus leben und erleben (Gal 5,1). Gott rettet nicht einfach von meinem Schmerz. Gott ist kein Trostpflaster für mein unerlöstes Selbst. Er möchte auch nicht, dass ich in meinem Schmerz hängen bleibe. Die Bibel spricht vielmehr so: «Wenn Gott für uns ist, wer wird gegen uns sein?» (Röm 8,31). Das ist die ultimative Ermutigung, endlich etwas zu ändern. Dazu befähigt das Evangelium.

Es geht um eine komplett neue Ausgangslage. Gerade das ist die frohe Botschaft. Ein Dramadreieck hat das nicht vorgesehen. Die Realität wird geändert, aber es wird mir überlassen, mich darauf einzulassen, damit zu «rechnen», wie es Paulus im Römerbrief häufig erwähnt. Dabei geht es nicht um eine andere Form des Dramadreiecks, als wäre es bloss eine Variante, sondern es geht um eine Beziehung in Freiheit. Gott lädt ein, dass wir aus unserem Dramadreieck aussteigen, uns selbst auf den Weg machen und als Geliebte uns verwandeln lassen, damit wir endlich auch zu Liebenden werden.

Erwachsen werden

Nicht jede Flucht muss übrigens eine religiöse Flucht sein, und ein lebendiger Glaube hat mit einer Flucht gar nichts zu tun. Es ist nur so, dass sie häufig verwechselt werden. So entsteht Krampf statt Kraft und Frust statt Lust. Ein befreites Menschsein und ein befreites Christsein gehören zusammen. Das eine ohne das andere hat keine Zukunft. Darum heisst es, dass wir im Glauben erwachsen werden sollen (Eph 4,11-16, vgl. 1Kor 13,10).

In diesem Zusammenhang fällt auf: Immer dann, wenn in der Bibel von diesem «Erwachsen werden» die Rede ist, geht es um die Liebe. Dazu mehr im zweiten Teil dieses Beitrages.