Toten wurde Evangelium verkündigt?

Toten wurde Evangelium verkündigt?

Die Aussagen der Bibel über Leben, Tod und Auferstehung sind recht klar und einheitlich: Tote leben nicht. Sie sind tot. Damit wird der Gegensatz von Leben gemeint. Wer dies nicht so sieht, greift auf eine recht begrenzte Auswahl an «anderslautende» Bibelstellen zurück, womit dann das übrige Schriftzeugnis ausser Kraft gesetzt werden soll. Diese Bibelstellen verlangen besondere Beachtung, wenn wir die Schrift im eigenen Kontext verstehen wollen.

 

Bibelstelle

1Pet 4,6

Thema

Im ersten Petrusbrief steht:

«Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, dass sie zwar nach Menschenweise gerichtet werden im Fleisch, aber nach Gottes Weise leben im Geist.»
1Pet 4,6, Luther 2017)

Traditionelle Auslegung

Auch dieser Text wird gerne dazu zitiert, zu «beweisen», dass Tote nicht tot sind, sondern weiterleben. Passt das nicht wunderbar bei der griechischen Idee eines Totenreiches, worin Tote ein Schattendasein fristen, aber doch noch bei vollem Bewusstsein sind? Bei dieser Ansicht meint man, dass Jesus nach dem Sterben in die Unterwelt abgestiegen ist und dort Scharen von Toten Evangelium verkündigt hat, bevor Er nach drei Tagen wieder auferweckt wurde.

Gegenargument

In einer Nussschale: Den jetzt Toten wurde einst Evangelium verkündigt. Der Verweis wäre also korrekt: Im Hinweis auf diejenigen die jetzt tot sind spricht Petrus davon, dass ihnen Evangelium verkündigt wurde. Dazumal waren sie jedoch am Leben. Es ist eine korrekte Beschreibung und eine Bildsprache.

Begründung

Der Text im Kontext gelesen bringt ganz andere Aussagen ans Licht: Zentral stehen hier nicht die Toten oder eine Lehre über den Tod, sondern das Thema ist das Märtyrertum der Gläubigen:

«Da nun Christus für uns im Fleisch litt, wappnet auch ihr euch mit denselben Gedanken.»
1Pet 4,1

Petrus beschreibt in den folgenden Versen, dass sich die Lebenshaltung der Gläubigen geändert hat. Sie stehen anders im Leben als früher. Einst lebten sie ähnlich wie die Nationen, mit Ausschweifung, Begierden, Trinkgelagen und ähnliches. Nun aber haben sie durch Vertrauen auf Gott und Seinem Wort ihr Leben geändert. Die aus den Nationen haben das gesehen und sich darüber gewundert:

«Das befremdet sie, dass ihr nicht mehr durch dieselbe Pfütze der Liederlichkeit mit ihnen lauft, und darum lästern sie euch.»
1Pet 4,4

Über diese zwei Gruppen spricht Petrus also: Einerseits die Gläubigen, die ähnlich wie Christus Übles erleiden. Andererseits gibt es die Spötter, die den Weitblick des Glaubens nicht erfahren haben. Über diese sagt Petrus jetzt:

«Doch werden sie Rechenschaft erstatten dem, der sich bereithält, Lebende und Tote zu richten. Denn dazu wurde auch Toten Evangelium verkündigt, damit sie zwar dem Fleische nach als Menschen gerichtet würden, dem Geist nach aber Gott gemäss leben.»
1Pet 4,5-6

Das erste «sie» betrifft die Widerstrebenden aus den Nationen. Sie werden sich vor Gott verantworten müssen. Die anderen jedoch, welche wegen ihrem Glauben umgebracht wurden, haben einst Evangelium gehört. Sie wurden zwar gerichtet, aber leben nun vor Gott – nämlich im Hinblick auf die Auferstehung. Vergleiche dazu auch Mt 22,31-32 (Beitrag: «Gott ist nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebendigen»).

Zusammenfassend: Die Verkündigung des Evangeliums war demnach während ihrem Leben. Mit einer Verkündigung an «jetzt» Toten hat es nichts zu tun. Man kann mit dieser Bibelstelle ein «Leben im Tod» nicht begründen.

 

 

 


Gottes Kraft zur Rettung

Das Evangelium ist Gottes Kraft zur Rettung

Paulus setzt über den Römerbrief so etwas wie einen Gesamttitel. Er beschreibt seine Verkündigung mit einem kernigen Ausdruck und sagt, das Evangelium sei eine «Gotteskraft zur Rettung». Man kann diesen Ausdruck als Titel über den Römerbrief sehen, denn alles Weitere betrifft nur die Details.

«Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Gotteskraft zur Rettung für jeden Glaubenden, dem Juden zuerst wie auch dem Griechen. Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin enthüllt aus Glauben für Glauben, so wie es geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben»
Röm 1,16-17

Diese Verse tragen also bereits den Kern des Briefes in sich. Wir können aus diesen Versen einiges lernen.

Denn ich schäme mich nicht

«Denn ich schäme mich nicht…». Mit diesen Worten schliesst Paulus an den vorherigen Sätzen an. Wenn er darauf eine prägnante Kurzfassung des Evangeliums schreibt, so hat dies einen Hintergrund. Der Hinweis darauf, dass er sich nicht schämt, zeigt, dass es hier um seine persönliche Erfahrung geht. Paulus selbst schämt sich nicht für das Evangelium. Er weiss nämlich um was es geht, und warum er jetzt an die Römer schreibt. Es ist eine Aussage voller Kraft und Zuversicht, wenn er anschliessend die Begründung formuliert. Hier aber fing es an:

«Den Griechen wie auch Nichtgriechen, den Weisen wie auch den Unvernünftigen gegenüber bin ich ein Schuldner. Daher also das Verlangen bei mir, auch euch, denen in Rom, Evangelium zu verkündigen»
Röm 1,14-15

Wie kommt es, dass Paulus sich als Schuldner sieht? Das hat alles mit seiner Geschichte zu tun und was er früher einmal war. Dies beschreibt er später in seinem Brief an Timotheus:

«Dankbarkeit habe ich gegenüber dem, der mich mächtig macht, Christus Jesus, unserem Herrn, weil er mich für treu erachtet und in den Dienst eingesetzt hat, der ich zuvor ein Lästerer, Verfolger und Frevler war. Ich habe jedoch Erbarmen erlangt, weil ich es unwissend tat, im Unglauben. Überwältigend aber ist die Gnade unseres Herrn, mit Glauben und Liebe, die in Christus Jesus ist. Glaubwürdig ist das Wort und jeden Willkommens wert, dass Christus Jesus in die Welt kam, um Sünder zu retten, von denen ich der erste bin.  Jedoch, ebendeshalb erlangte ich Erbarmen, auf dass Jesus Christus an mir, als erstem, sämtliche Geduld zur Schau stelle, denen als Muster, die künftig an Ihn glauben, zu ewigem (äonischem) Leben.»
1Tim 1,12-16

Paulus verknüpft sein früheres Verhalten mit der erhaltenen Gnade. Der Apostel verweist immer wieder darauf, dass er einst die Gemeinde verfolgte (1Kor 15,9, Gal 1,13, Gal 1,23, Phil 3,6). Ebenfalls verknüpft er es mit der Erkenntnis, dass Jesus Christus in die Welt kam, um Sünder zu retten, von denen er sich selbst als Rang-Erster betrachtete. Dem biblischen Wortlaut nach gibt es keinen anderen, der ihm diesen Rang ablaufen könnte. Paulus war der schlimmste Sünder. Und weil er das war, konnte er auf ungeahnte Art ein Vorbild der Gnade für alle anderen werden, die nach ihm zum Glauben finden würden.

Gnade ist unverdiente Gunst. Gnade ist das, was bei einem Gerichtsfall erwiesen wird, wenn der Schuldnachweis erbracht ist. Man wird für schuldig befunden, aber begnadet. Als wäre man zum Tode verurteilt, aber man wird begnadet und erhält sein Leben zurück. Es ist ein neues Leben. Paulus leuchtet die Gnade Gottes besonders stark auf. Dies nun ist der Hintergrund, wenn Paulus im Römerbrief darüber spricht, dass er allen Menschen gegenüber ein Schuldner ist. Er weiss aus eigener Erfahrung von wem und wozu er Gnade erhielt.

«Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Gotteskraft zur Rettung für jeden Glaubenden, dem Juden zuerst wie auch dem Griechen»
Röm 1,16

Gotteskraft

Es ist bemerkenswert, dass das Evangelium als Gotteskraft zur Rettung angesehen wird. Es ist also keine Menschenweisheit und keine Eigenleistung, welche uns die Rettung von unserer Unzulänglichkeit und die Wiederherstellung der Gottesbeziehung schenkt. Rettung ist Gottes Werk. Deshalb ist es für uns «aus Gnaden, nicht aus Werken» (Röm 3,24Röm 3,28; Röm 11,6 u.a.).

Aber halt! Oft wird dies ganz anders dargestellt. Einige meinen, das Gesetz muss gehalten werden, während andere behaupten, es muss eine Glaubensleistung erbracht werden. Die freimachende Gnade Gottes wird in der Verkündigung und im eigenen Empfinden oft von unserem eigenen Tun und Lassen abhängig gemacht. Es werden Bedingungen aufgestellt, die es zu erfüllen gilt. Gerade das aber spricht Paulus hier an. Es gibt keine Bedingungen unsererseits zu erfüllen, sondern alle Bedingungen zur Rettung hat Gott selbst erfüllt. Es ist Seine Kraft zur Rettung, nicht meine Kraft. Im Evangelium geht es um das, was Gott macht, und nicht um das was ich mache. Das kann nicht genug betont werden. Er schreibt:

«Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin [im Evangelium] enthüllt…»
Röm 1,17

Damit es ja keiner falsch versteht, schreibt Paulus klipp und klar, dass es in der Verkündigung des Evangeliums nicht um unsere Gerechtigkeit, sondern um Gottes Gerechtigkeit geht. Das ist keine Gerechtigkeit, die wir zu erfüllen oder zu bewirken hätten (wir könnten das nicht), sondern es ist die Gerechtigkeit, die Gott selbst in Christus bewirkt hat, und die nun das Wesen des Evangeliums ausmacht. Gott Selbst hat Rettung und Gerechtigkeit bewirkt, und das ist die frohe Botschaft.

Wenn wir Gnade so darstellen wie es die Bibel tut, dann löst das vielfach Angst oder Ablehnung aus. Es gibt Unmengen an falschen Folgerungen, die beispielsweise so lauten:

  • Wenn es umsonst ist, dann ist es zu einfach.
  • Wenn ich mich selbst nicht anstrengen muss, und aus Gnaden alles erhalte, dann kann ich ja machen, was ich will.
  • Ich muss ja gar nicht glauben, wenn es sowieso gratis ist.

Im englischen Sprachraum gibt es die Aussage «There is no such a thing as a free lunch». Damit will man klarstellen, dass irgendjemand immer bezahlt. Und das stimmt auch. Gnade ist nicht kostenlos. Der Preis aber dafür wurde bereits bezahlt. Das ist gerade die frohe Botschaft: Es wurde bezahlt, und nun ist es für uns umsonst. Es ist ein wahres Geschenk. Wir müssen nicht nochmals bezahlen. Es ist nicht billig, aber es wurde bereits geregelt. Wer also selber noch etwas leisten will, hat die Gnade Gottes noch nicht erkannt. Es ist der fromme Mensch, der unbefreite Mensch, der viel lieber auf eigene Leistung statt auf Gottes Leistung vertraut.

Wirkliche Gnade Gottes löst bei manchen Menschen Angst aus. Zu gross erscheint die Freiheit. Gnade ist jedoch auch das Ende aller falschen Frömmigkeit. Gnade ist der Abschied von eigenen Werken und eigener Leistung. Gnade ist das Vertrauen auf Gottes Werk allein. Wer Bestätigung aus eigener Leistung sucht, wird nicht bei der Gnade Gottes landen. Die Gerechtigkeit und Gnade Gottes stehen sogar in direktem Widerspruch zu jeder Form von Religiosität. Deshalb wird so wenig von Gnade gesprochen. Gnade zu 50% oder vielleicht 80% geht noch. Aber 100% Gnade ist zuviel. – Wirkliche Gnade gibt es aber nur zu 100% und nicht anders.

Gnade ist das Ende aller falschen Frömmigkeit.

In der Praxis der Verkündigung findet deshalb oft eine Verknüpfung von Gesetz und Gnade statt. Es gibt ein bisschen Gnade, und auch ein bisschen eigene Leistung. Das entspricht dem religiösen Menschen und dieser spricht darauf an. Erfolgskonzepte für Gemeindewachstum beispielsweise werden immer die Leistung des Menschen einbeziehen. Eine Mischung aus zwei verschiedenen Töpfen lässt sich besser verkaufen. Es ist ein Mischevangelium, wenn es wie folgt tönt: «Rettung ist aus Gnaden, aber du musst zuerst einen (den!) Glaubensschritt machen, du musst zuerst dieses oder jenes tun oder lassen...». Lassen wir das mal einsinken. Das ist eine toxische Mischung.

Aberglaube und Leistungsevangelium

Ich habe es unzählige Male gehört, in Predigten, Gesprächen, Evangelisationsveranstaltungen. Ich habe es gelesen in Büchern, gehört in Vorträgen. Es ist eine grundlegende Ideologie in vielen Kreisen. Du musst glauben! Du musst den Schritt machen! Glauben wird zur magischen menschlichen Leistung erhoben, ohne die Gott nicht wirken kann. Glaube wird zum Werk. Den wenigsten fällt auf, dass Jesus Glaube nie als Eigenleistung formuliert hat, noch haben es die Apostel so gepredigt. Es war auch in der Tenach nie anders. Glaube war immer ein schlichtes Vertrauen. Die Ideologie sagt jedoch: Es ist zwar alles aus Gnade, aber ohne Werke kannst Du vor Gott nicht gerecht werden. Du musst «glauben», als würde das bei Gott den Kippschalter der göttlichen Annahme betätigen. Das Chaos ist perfekt. Gott wurde entthront und der Mensch muss Leistung erbringen.

Das ist ein Aber-Glauben. Es ist ein Leistungsevangelium. Zutiefst ist es auch eine Drohbotschaft. Eine solche Ideologie ist eine Vermischung von Gesetz und Gnade, von verschiedenen Bibelstellen und Halbwahrheiten, die es in der Bibel als Verkündigung so nicht gibt. Dies ist kein echtes Evangelium und wird deshalb von Paulus unter den Bann gestellt (Gal 1,6-9). Paulus hatte mehrfach damit zu kämpfen. Alle eigene Leistung im religiösen Bereich definiert er unmissverständlich als fromme Eigenleistung, lediglich «zur Befriedigung des Fleisches» (siehe Kol 2,8-23).

Gottes Gerechtigkeit in Christus ist radikal anders und braucht keine Ergänzung. Wer Gottes Gerechtigkeit ergänzen will, verkennt Sein Werk. So lesen wir es bei Paulus.

Reine Gnade tönt für viele jedoch gefährlich. Braucht es dann noch die menschliche Verantwortung? Wäre das kein Freibrief für Anarchismus? Könnten wir dann nicht machen was wir wollten? So wird das manchmal undifferenziert dargestellt. Wenn Gnade wirklich so radikal, so umfassend ist, dann wäre es gar nicht nötig, sich anzustrengen. Man stellt also Folgerungen über die Gnade auf und denkt vom eigenen Unvermögen aus. Reine Gnade soll den Menschen dazu verführen unverantwortlich oder gar unmoralisch zu leben? Tatsächlich? Das ist doch nicht mehr als eine Lästerung des Evangeliums, wie sie Paulus bereits korrigiert:

«Und warum sagen wir dann nicht (wie man uns lästert und wie ja einige behaupten, dass wir sagen): Mögen wir Übles tun, damit Gutes dabei herauskomme? Das Urteil über sie ist berechtigt!»
Röm 3,8

Gnade ist ganz anders

Gnade ist ganz anders. Gnade erzieht:

«Denn erschienen ist die Gnade Gottes, allen Menschen zur Rettung, sie erzieht uns, die Unfrömmigkeit und die weltlichen Begierden zu verleugnen, damit wir vernünftig, gerecht und fromm in dem jetzigen Äon (Zeitalter) leben mögen…»
Tit 2,12-15

Wer aus Angst vor Entgleistungen auf Gnade verzichten möchte, steht auf einem Irrweg. Auf eine gesunde Verkündigung kommt es an. Eine gesunde Verkündigung baut nie auf unser Wirken auf, sondern stets auf Gottes Wirken. Das ist der Fokus, den Paulus hier im Römerbrief setzt. Wir sollten Christus als Fundament wählen, und dann zusehen, wie wir darauf bauen (1Kor 3,10-15). Dast ist keine Eigenleistung, das ist kein Verdienst, sondern es ist die logische Folge der Gnade Gottes (Röm 1,1-5; Röm 1,16-17; Röm 12,1-2). Unser Leben wird dann die Antwort auf Gottes Gnaden formulieren.

Hier ist der Kern: Gottes Gerechtigkeit wurde am Kreuz 100% Genüge getan, weshalb es 100% Gnade geben kann. Alles andere ist bloss Abklatsch. Gehen wir aufs Ganze. Vertrauen wir auf Gottes Wirken in Christus Jesus (Röm 3,24). Das wird unser Leben von Grund auf erneuern.

«Ich will jauchzen und mich freuen über deine Gnade, dass du mein Elend angesehen, die Bedrängnisse meiner Seele erkannt hast, dass du mich nicht überliefert hast in die Hand des Feindes, sondern meine Füße auf weiten Raum gestellt hast.»
Psalm 31,8-9

Vertiefung


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Wir wissen nicht, was wir beten sollen

Wir wissen nicht, was wir beten sollen

Wissen Sie, was wir beten sollen?

Offen gestanden weiss ich es oft nicht. Mir bleiben angesichts so mancher Erlebnisse einfach die Worte im Hals stecken. Ich möchte mich gerne an meinem Gott und Vater wenden, aber ich stehe meist mit leeren Händen und ohne Worte da. Paulus schreibt im Römerbrief:

«…denn wir wissen nicht, was wir bitten sollen…»
Röm 8,26 Rev. Elbf.

Selbstverständlich steht diese Aussage nicht in einem luftleeren Raum. Wir können einen solchen Text nicht einfach aus dem Zusammenhang reissen und willkürlich auslegen. Paulus jedoch, als von Gott berufener Apostel (Röm 1,1), weiss eben auch nicht alles. Wenn man vielleicht gewohnt ist, dass manche Gläubige «alles zu wissen scheinen», so steht Paulus an einer anderen Position und sagt unmissverständlich, dass er etwas nicht weiss. Und nicht nur er weiss etwas nicht. Er sagt ganz ausdrücklich «wir wissen nicht». Damit schliesst er die Gläubigen mit ein. Es ist eine Aussage über den aktuellen Glaubensstand, ebenso wie ein Abbild des realen Lebens. Ich finde das erstaunlich. Es betrifft ihn, und ebenso betrifft es die Gemeinden, worin Menschen aller Lebenslagen zusammenfinden.

Paulus sagt nicht, dass man nicht wissen kann – er ist kein Agnost. Nur etwas weiss er nicht, und das beschreibt er hier im Römerbrief. Wir kommen gleich dazu. Allgemein gesagt bewegen wir uns vermutlich zwischen «alles wissen» und «nichts wissen». Das macht uns zu Menschen. Wir sind im Verständnis begrenzt. Wir wissen beispielsweise nicht, was morgen ist. Etwas wissen wir und anderes eben (noch) nicht. Weil das so ist können wir auch dazulernen, gibt es Wachstum und Entwicklung. Auf einen bestimmten Zeitpunkt reduziert können wir aber durchaus zur Einsicht gelangen, dass wir jetzt gerade nicht alles wissen. Das trifft auch für das Gebet zu und es kann einer Befreiung gleich kommen.

Gebet für den Dienst

Menschen sprechen mit Gott. Gebet ist die natürliche Hinwendung eines Menschen zu Gott. Es gibt davon unzählige Beispiele in der ganzen Schrift. Von Jesus wissen wir, dass Er sich immer wieder zurückzog, um zu beten:

«In diesen Tagen geschah es, dass Er [Jesus] auf einen Berg ging, um zu beten; und Er wachte die Nacht hindurch im Gebet zu Gott».
Lk 6,12 KNT

Nach dieser Nacht im Gebet gewacht zu haben, wurden am nächsten Tag die 12 Apostel ausgewählt (Lk 6,13). Das Gebet war die Vorbereitung dazu. Es war ein «wachen» im Gebet zu Gott. Wie das genau abgelaufen ist wird nicht berichtet, aber es ist diese Zwiesprache mit Gott, ein Hinhören und darin Gott Raum geben, damit auch Weisung für bevorstehende Aufgaben erhalten wurde.

Als Petrus gefangen genommen war, hiess es, dass die Gemeinde sich «inbrünstig» für ihn im Gebet an Gott wandte. Das Gebet für jemand findet hier Ausdruck, wohl auch im Hinblick auf den Dienst des Petrus und die Aufgabe, die er in der Gemeinde in Jerusalem erfüllte.

«Daher wurde Petrus inzwischen im Gefängnis verwahrt, während von der herausgerufenen Gemeinde inbrünstig für ihn zu Gott gebetet wurde.»
Apg 12,5 KNT

Paulus schreibt an den Römer, sie mögen sich doch auch für ihn im Gebet einsetzen und spricht dabei von seinem Dienst:

«Ich spreche euch aber zu, meine Brüder, durch unseren Herrn Jesus Christus und durch die Liebe des Geistes, mit mir in den Gebeten für mich zu Gott zu ringen, dass ich vor den Widerspenstigen in Judäa geboren werde und mein Dienst für Jerusalem den Heiligen dort wohlannehmbar werde, damit ich durch Gottes Willen mit Freuden zu euch kommen und mit euch Ruhe finden möge.»
Röm 15,30-32 KNT

Auffällig bei dieser Auswahl ist die Erwähnung speziell für die Ausübung eines Dienstes, im Einklang mit Gottes Wirken. Nicht immer ist das jedoch so offensichtlich, und manchmal haben wir selbst ganz einfache Wünsche, die ganz und gar nichts mit herausragenden Aufgaben zu tun haben. Manchmal ist es der Dank eines überfliessenden Herzens, manchmal auch das Staunen über Gottes Wirken oder der Aufschrei aus tiefer Not. All das gehört zu uns und findet im Gebet einen angemessenen Ausdruck.

Wortschwall und magisches Denken

Wie nun beten wir? Da habe ich schon ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. So unterschiedlich diese Erfahrungen waren, so unterschiedlich war dahinter auch das Verständnis von Gottes Wirken. Manche Schweigen, weil in der Stille die Begegnung liegt. Andere reden, weil kraftvolles Beten offenbar viel vermag. Oft habe ich einen Wortschwall gehört, auch bei mir selbst, bis mir das irgendwann albern erschien. Gott weiss doch was wir benötigen, bevor wir es aussprechen?

«Und es wird geschehen: Ehe sie rufen, werde ich antworten; während sie noch reden, werde ich hören.»
Jes 65,24

«Gott, euer Vater, weiss, wessen ihr bedürft, bevor ihr Ihn bittet»
Mt 6,8 KNT

Es liegt also bestimmt nicht am Wortschwall, ob Gott uns hört oder nicht hört. Es ist nicht die Menge der Wörter, es ist nicht die Dauer des Gebets, es ist nicht das ununterbrochene Flehen, welches «Gott in Bewegung setzt». Am Wortschwall liegt es nicht ob Gott uns in unserem Flehen annimmt. Er ist eben Gott und steht weit über solche Ansichten. Er nimmt uns bereits an bevor wir beten. Es liegt bestimmt nicht daran ob wir «richtig» oder «falsch» beten, etwas tun oder nicht tun. Wer das meint, steht in einem magischen Denken, als könne man Gottes Arm bewegen wenn wir auf diesen oder jenen «Knopf» drücken. Auch wer sich in bester Absicht auf bestimmte Bibelverse bezieht, um damit Gottes Wirken «heraufzubeschwören» steht nicht in einer Beziehung. Jesus hat nie Gottes Wirken heraufbeschwört. Er hat gewacht im Gebet, um Weisung zu erhalten, um Sein Herz und Seine Angst im Gebet vor Ihm auszuschütten (Mt 26,36-46). Jesus hat sich vor allem Gottes Willen unterstellt:

«Und ein klein wenig vorausgehend, fiel Er auf Sein Angesicht und betete: "Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Becher an Mir vorüber! Indes nicht wie Ich will, sondern wie Du willst!"»
Mt 26,39

Das war ein einfaches Gebet. Es war weder ein Wortschwall, wie ich das in Gebetsstunden und an vielen anderen Orten immer wieder gehört habe, noch war es ein Heraufbeschwören von Gottes Handeln. Jesus trat in die Beziehung ein. Alles weitere legt Er in die Hände Seines Vaters zurück.

Wir wissen nicht, was wir beten sollen

Wenn Paulus in Römer 8 erwähnt, dass wir nicht wissen, was wir beten sollen, so steht diese Aussage am Schluss von 8 Kapiteln, worin der Apostel die Grundlagen des Evangeliums erklärt. Die Hochs und Tiefs der menschlichen Natur wurden bereits behandelt, so auch Gottes Gerechtigkeit, die Versöhnung, die Bedeutung Seiner Gnade und die Auswirkungen in unserem Leben. Am Schluss dieses Kapitels kulminiert die Aussage in folgende Zusammenfassung:

«Was wollen wir nun dazu vorbringen? Wenn Gott für uns ist, wer kann wider uns sein? Er, der doch Seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern Ihn für uns alle dahingegeben hat, wie sollte Er uns nicht auch mit Ihm dies alles in Gnaden gewähren? Wer wird die Auserwählten Gottes bezichtigen? Etwa Gott, der Rechtfertiger? Wer sollte sie verurteilen? Etwa Christus Jesus, der gestorben, ja vielmehr auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist, der Sich auch für uns verwendet? Was wird uns von der Liebe Gottes scheiden, die in Christus Jesus ist? Drangsal oder Druck und Verfolgung, Hunger oder Blösse, Gefahr oder Schwert? (…) Denn ich bin überzeugt, das weder Tod noch Leben, weder Boten noch Fürstlichkeiten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Mächte, weder Höhe noch Tiefe, noch irgendeine andere Schöpfung uns werden scheiden können von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.»
Röm 8,31-39

Es ist ein gewaltiger Ausblick, eine umwerfend umfassende Zuversicht auf Gottes Wirken. Das ist der Kern des Römerbriefes, die Zusammenfassung von allem, was Paulus den Römern über das Evangelium sagen will. Gott ist für uns. Christus ist der Beweis. Nichts wird uns von Gott trennen können. Seine Aussage, dass wir nicht wissen, was wir beten sollen, steht auf dem Weg die bis zu dieser Erklärung führt.

Man müsste eigentlich den Römerbrief bis hierhin lesen, um Schritt für Schritt den Reichtum darin zu entdecken. Dafür reicht der Platz in dieser kurzen Betrachtung leider nicht aus. Wir können zumindest einiges aus dem gleichen Kapitel als Anregung für die eigene Betrachtung hervorheben. So schreibt Paulus:

«Denn ihr erhieltet nicht den Geist der Sklaverei, wiederum zur Furcht; sondern ihr erhieltet den Geist des Sohnesstandes, in welchem wir laut rufen: Abba, Vater! – Der Geist selbst bezeugt mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind…»
Röm 8,15-16

Gottes Geist bezeugt mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Wir erkennen uns als Teil der Familie Gottes. Es kommt zur Begegnung mit dem lebendigen Gott, zur Realisierung Seiner Gnade in Christus Jesus. Gleich anschliessend jedoch beschreibt der Apostel unsere Position in dieser Welt. Trotz der hohen Stellung im Sohnesstand stehen wir in einer Welt voller Leiden. Wir selbst haben keinen Geist der Sklaverei, aber die Welt steht in einer Sklaverei der Vergänglichkeit. Während unser Geist befreit sein darf, stehen wir andererseits ebenso fest in und auf dieser Welt. Beides ist wahr. Darin ist Paulus sehr nüchtern. Die Welt seufzt und ist wie in Wehen, wie auch wir selbst, um aus dieser Sklaverei befreit zu werden (Röm 8,21-22). Vieles ist erahnt, aber noch ist die Befreiung nicht da. Es gibt eine Erwartung, aber noch keine Erfüllung.

Gegen diesen Hintergrund nun heisst es:

«In derselben Weise aber hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf; denn das, was wir beten sollten (in Übereinstimmung mit dem, was sein muss), wissen wir nicht: sondern der Geist selbst verwendet sich für uns mit unausgesprochenem Ächzen.»
Röm 8,26

Wir wissen nicht, was wir beten sollen, weil wir im Anbetracht dieser Welt und der vielen Leiden darin gar nichts richtig einschätzen können. Es übersteigt unsere Vorstellungskraft. Wir können anderen Menschen helfen, wir können Positives beitragen, aber wenn es darum geht wie es wirklich weiter geht, was nötig ist, dann wissen wir das nicht. Wir haben keine Ahnung. Und diese Haltung passt zu uns. Uns fehlt der Überblick. Wir wissen nicht, was sein muss im grossen Gefüge der Weltgeschichte. Wir stehen als viel kleinere Menschen im Hier und Jetzt. Weder Wortschwall noch magisches Denken helfen da weiter. Damit versucht man nur Gott zu steuern. Das funktioniert jedoch nicht. Wir wissen nicht, was morgen wirklich am besten ist. Uns fehlen die Worte für unsere eigene Not und für die Not der Welt. Einen Tröster aber haben wir und eine Unterstützung von Gott selbst. Gottes Geist nämlich verwendet sich für uns, heisst es, «mit unausgesprochenem Ächzen». Darin ist etwas tröstliches. Denn nicht alles kann gesagt werden. Nicht einmal Gottes Geist kann oder will alles sagen. Sogar der Geist selbst fleht für uns mit unausgesprochenem Seufzen.

In diesem Moment können wir loslassen lernen. Wenn die Worte fehlen, wenn der Ausblick grimmig erscheint, wenn die Not unsere Kräfte übersteigt, wenn unsere Weisheit nicht ausreicht für die Herausforderungen auf unserem Weg, dann verwendet sich der Geist selbst für uns. Nun Paulus diese Worte gesprochen hat, fängt er mit der Zusammenfassung an. Er möchte klarstellen, dass Gott für uns ist. Da sind die Leiden dieser Welt sicher aufgehoben, denn Gott wirkt auf ein Ziel zu, nämlich «dass auch die Schöpfung selbst befreit werden wird von der Sklaverei der Vergänglichkeit zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes» (Röm 8,21).

Gott ist für uns, nie gegen uns. Gott ist für Dich und mich, und Er wird alles auswirken entsprechend Seiner Liebe in Christus Jesus.

Vertiefung


Den Geistern im Gefängnis gepredigt?

Den Geistern im Gefängnis gepredigt

Die Aussagen der Bibel über Leben, Tod und Auferstehung sind recht klar und einheitlich: Tote leben nicht. Sie sind tot. Damit wird der Gegensatz von Leben gemeint. Wer dies nicht so sieht, greift auf eine recht begrenzte Auswahl an «anderslautende» Bibelstellen zurück, womit dann das übrige Schriftzeugnis ausser Kraft gesetzt werden soll. Diese Bibelstellen verlangen besondere Beachtung, wenn wir die Schrift im eigenen Kontext verstehen wollen.

 

Bibelstelle

1Pet 3,19

Thema

Petrus schreibt: «Er ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist. In ihm ist er auch hingegangen und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis, die einst ungehorsam waren, als Gott in Geduld ausharrte zur Zeit Noahs, als man die Arche baute, in der wenige, nämlich acht Seelen, gerettet wurden durchs Wasser hindurch» (1Pet 3,19-20, Luther 2017).

Hat Jesus den Toten gepredigt?

Traditionelle Auslegung

Dieser Textabschnitt wird so interpretiert, dass Jesus nach Seinem Tod «Geistern im Gefängnis» gepredigt hat. Dabei wird dann gedacht an irgendwelche Geistern von Menschen aus der Zeit Noahs. Damit sei nun bewiesen, dass die Toten leben.

Gegenargument

Zwei Dinge sprechen gegen diese Auslegung:

  1. Diese Predigt geschieht nicht im Tod, sondern erst, nachdem Jesus «lebendig gemacht war nach dem Geist», also nach der Auferstehung. Lebendigmachung betrifft die Auferstehung jenseits der Kraft des Todes.
  2. Menschen werden nie Geister genannt, sondern Seelen. Es ist auch der ganze Mensch der stirbt und nicht nur ein Teil von ihm. Der Lebensgeist (das ist nicht die Seele) kehrt nach Gott zurück, und landet nicht irgendwie in einer Unterwelt.

Begründung

Der Kontext spricht davon, dass es besser ist «für Gutestun zu leiden als für Üblestun» (1Pet 3,17). Danach zitiert der Apostel Christus als Beispiel, Der zwar gelitten hat, aber auch wieder lebendiggemacht wurde. Das ist der Ausblick, der hier vermittelt wird: Christus hatte eine Zukunft, auch wenn Er getötet wurde. Er wurde lebendig gemacht. Er wurde über alle Andere erhöht, wie es zwei Verse weiter heisst: «[Jesus Christus], der zur Rechten Gottest ist, seitdem Er in den Himmel ging und Boten, Obrigkeiten und Mächte Ihm ungergeordnet sind» (1Pet 3,22, vgl. Eph 1,20-21).

Wer nun mit den Geistern im Gefängnis gemeint wird ist schwer zu sagen. Menschen sind es nicht, denn Menschen sind keine Geistern. Im Tod ist es auch nicht, denn diese Rede spricht davon, dass Er zuerst lebendiggemacht wurde. Im Kontext wird auf Seine Herrschaft über alle Mächte und Kräfte Bezug genommen.

Es ist ausserdem keine Evangeliumsverkündigung, keine «Frohe Botschaft», sondern Er hat «gepredigt» oder «verkündigt», was einer Bekanntmachung entspricht.

Es geht in diesem Abschnitt ebenfalls nicht über die Verkündigung – das Thema ist die Erfahrung des Üblen, weil man Gutes getan hat. Christus ist nur das Beispiel. Sein «predigen» ist Teil dieses Beispiels, nicht der Kern der Aussage. Es ist sozusagen eine Erläuterung des Themas und kein eigenes Thema. Damit stehen diese «Geister im Gefängnis» nur noch in einem ganz grossen Kontext, worin Christus über alle steht und – wie es Paulus beschreibt – einst alle zu Seinem Gott und Vater hinführt (1Kor 15,24-28).


Lust aus der Welt zu scheiden?

Hatte Paulus «Lust aus der Welt zu scheiden»?

Die Aussagen der Bibel über Leben, Tod und Auferstehung sind recht klar und einheitlich: Tote leben nicht. Sie sind tot. Damit wird der Gegensatz von Leben gemeint. Wer dies nicht so sieht, greift auf eine recht begrenzte Auswahl an «anderslautende» Bibelstellen zurück, womit dann das übrige Schriftzeugnis ausser Kraft gesetzt werden soll. Diese Bibelstellen verlangen besondere Beachtung, wenn wir die Schrift im eigenen Kontext verstehen wollen.

Bibelstelle

Phil 1,23

Thema

Im Bemühen darum, der Tod als Leben darzustellen wird dieses Zitat von Paulus genannt: «Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre» (Phil 1,23).

Traditionelle Auslegung

Nach traditioneller Auslegung sollte Paulus fast so etwas wie eine Todessehnsucht haben. Sagt er in dieser Stelle nicht, dass es viel besser sei zu sterben, denn dadurch sollte man «bei Christus sein»? Geht es hier um eine Todessehnsucht, die als «Christussehnsucht» fromm verpackt wird? Sterben ist super! Man lebt dann einfach bei Christus.

Gegenargument

Erneut wird hier der Text ohne Kontext betrachtet. Paulus hat keine Todessehnsucht, wohl aber eine Sehnsucht nach Christus. Was immer mit ihm passieren würde, so möchte er mit seinem Körper Christus verherrlichen. Am liebsten jedoch möchte er mit Christus zusammensein und erhofft er sich die Rückkehr Christi.

Begründung

Paulus schreibt den Philippen, dass er eine Vorahnung und Zuversicht hat, Christus durch seinen Körper zu verherrlichen, «sei es durch Leben oder Tod». Das ist sozusagen der Kontext, der Anfang des Zusammenhangs. Lesen wir hier sorgfältig, um was es geht. Denn, sagt er, «mir ist das Leben Christus, und das Sterben Gewinn» (Phil 1,19-21). Das Leben gibt ihm die Möglichkeit die Gemeinden zu dienen und Christus auf diese Art zu verherrlichen. So schreibt er: «Wenn es aber das Leben im Fleisch ist, so bedeutet dies für mich Frucht in der Arbeit» (Phil 1,22).

Wenn er jedoch einen Märtyrertod sterben würde, so wäre das ebenfalls Gewinn –nämlich für Christus! Der Gewinn wäre nicht für ihn selbst, sondern für Seinen Herrn. Der Apostel skizziert hier zwei Möglichkeiten, und wie er diese Möglichkeiten zu sehen und zu verstehen wünscht. Wenn er nun Leben und Tod als zwei mögliche Szenarien voraussieht, so macht er doch nicht bekannt, was er von diesen zwei bevorzugt. «Und was ich vorziehen werde, mache ich nicht bekannt» (Phil 1,22). Stattdessen aber spricht er von etwas anderem:

«(Ich werde aber aus den zweien gedrängt, in dem ich das Verlangen nach der Auflösung und dem Zusammensein mit Christus habe; denn das wäre bei weitem das beste für mich). Aber das Verbleiben im Fleisch ist notwendiger um euretwillen»
Phil 1,23-24

Der Apostel wird «aus den zweien gedrängt», nämlich aus den Optionen Leben und Tod, und er beschreibt das das Verlangen nach einer dritten Möglichkeit: Das direkte Zusammensein mit Christus. Das wäre weder Tod noch Leben, sondern es wäre durch Rückkehr Seines Herrn und seine Vereinigung mit ihm. Das ist, was die Wiederkunft bedeutet und was Paulus hier vor Augen stand.

Wenn auch traditionell die Idee vorherrscht, dass man durch Sterben zu Christus gelangt, so kann man dies in der Bibel nirgendwo so lesen. Auch hier steht es nicht. Die Verführung ist sehr gross, diese Bibelstelle im Sinne der Tradition zu interpretieren. Das tut dem Text jedoch unrecht. Das Zusammensein mit Christus steht anstelle von Leben oder Tod. Es ist nicht eines der beiden Optionen, sondern es ist etwas komplett anderes.

Es ist demnach essentiell, dass Christus zurückkommt. Paulus beschreibt dies beispielsweise in einem ähnlichen Kontext – jedoch im Hinblick auf die bereits Entschlafenen aus der Gemeinde – im 1. Thessalonicherbrief (1Thess 4,13-18).


Die Liebe sei ungeheuchelt

Die Liebe sei ungeheuchelt

«Die Liebe sei ungeheuchelt! Seid solche, die das Böse verabscheuen und am Guten haften! in der geschwisterlichen Freundschaft seid einander herzlich zugetan, in der Ehrerbietung einander höher achtend, im Fleiss nicht zögern, im Geist inbrünstig, dem Herrn als Sklaven dienend, in der Erwartung freudevoll, in der Drangsal ausharrend, im Gebet anhaltend, zu den Bedürfnissen der Heiligen besteuernd, der Gastfreundschaft nachjagend!»
Röm 12,9-13

Lebenswandel

So wie Paulus in Römer 12 auf den Lebenswandel zu sprechen kommt, ging es ihm zuerst um den einzelnen Menschen (Röm 12,1-2), danach um die Gemeinschaft untereinander (Röm 12,3-8). Wie aber soll das funktionieren und wie soll das umgesetzt werden? Darauf kommt Paulus jetzt zu sprechen:

«Die Liebe sei ungeheuchelt!»
Röm 12,9

Am besten ist diese Aussage als Überschrift über den aktuellen Abschnitt zu lesen. Paulus fängt gleich mit dem Wichtigsten an. Die Gemeinschaft soll zuerst durch eine ungeheuchelte Liebe getragen werden. An anderer Stelle schreibt Paulus, dass Glaube durch Liebe wirksam wird (Gal 5,6). Auch hier im Römerbrief geht es Paulus um die Wirksamkeit. Durch Liebe soll konkret werden, was Bedeutung hat. Liebe ist wesentliches Merkmal von gelebten Glauben. Liebe ist die Umsetzung des Evangeliums. Sie soll real und spürbar sein.

Ungeheuchelt

Die Liebe soll ungeheuchelt sein. Heuchelei (gr. hypokrisis) in religiösen Kreisen ist keine Ausnahme. Jesus hat bereits darauf hingewiesen, als er bei den religiösen Gruppen seiner Zeit Missstände sah:

«Ich aber sage euch… Folglich, wenn du Almosen gibst, lass nicht vor dir her posaunen, so wie die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen es tun, damit sie von den Menschen verherrlicht werden»
Mt 6,2. Siehe auch Mt 6,5 und Mt 6,16.

Die Heuchler tun zwar etwas, aber nicht mit rechter Absicht. Sie tun es, damit sie selbst verherrlicht werden. Nicht der Nottragende steht im Mittelpunkt, sondern sie selbst. Heuchelei sucht Ehre von anderen Menschen. Heuchelei versteckt sich in letzter Konsequenz vor der wirklichen Begegnung. Heuchelei setzt die Betrachter auf eine falsche Fährte. Es gibt ein Widerspruch zwischen innerer Haltung und der äusserlichen Lebensweise. Jesus spricht die Heuchler auch direkt an:

«Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gleicht getünchten Grüften, die zwar von aussen schön verziert erscheinen, inwendig aber sind sie angefüllt mit Totengebeinen und aller Unreinheit. So erscheint auch ihr den Menschen von aussen zwar gerecht, inwendig aber seid ihr gedunsen vor Heuchelei und Gesetzlosigkeit.»
Mt 23,27-28

Heuchelei gehört zum Menschen. Paulus schreibt an Timotheus über die künftigen Zeiten:

«Der Geist aber sagt ausdrücklich, dass in den nachmaligen Fristen etliche vom Glauben abfallen werden, weil sie auf irreführende Geister und Lehren der Dämonen achtgeben. Solche haben durch Heuchelei in Lügenworten das eigene Gewissen wie mit einem Brenneisen verschorft; Sie verbieten zu heiraten und gebieten, Speisen zu entsagen, die Gott erschaffen hat, um von den Gläubigen mit Dank eingenommen zu werden…»
1Tim 4,1-3

Wer heuchelt, der betreibt Unfug mit seinem eigenen Gewissen. Sie würden das eigene Gewissen «wie mit einem Brenneisen verschorfen», schreibt der Apostel. Heuchelei macht unempfindlich. Oder mit anderen Worten: Das Mitgefühl und die Empathie leiden. Deswegen steht als erstes in unserem heutigen Abschnitt «Die Liebe sei ungeheuchelt!». Nur so bleiben wir ganz Mensch. Nur so hindern wir unseren Glauben nicht daran aktiv und wirksam zu werden.

Wirksamkeit

Wirksam wird Liebe durch klare Aktionen:

  • «Seid solche, die das Böse verabscheuen und am Guten haften!
  • In der geschwisterlichen Freundschaft seid einander herzlich zugetan
  • in der Ehrerbietung einander höher achtend
  • im Fleiss nicht zögernd
  • im Geist inbrünstig dem Herrn als Sklaven dienend
  • in der Erwartung freudevoll
  • in der Drangsal ausharrend
  • im Gebet anhaltend
  • zu den Bedürfnissen der Heiligen beisteuernd
  • der Gastfreundschaft nachjagend»

Römer 12,9-13

Alle diese Dinge lassen sich nur durch tägliche Entscheide umsetzen. Gnade will kein stillstehendes, sondern ein fliessendes Gewässer gleichen. Lebendiger Glauben ist nicht nach innen gekehrt, sondern nach aussen gerichtet. Wer frei gemacht ist, wer sich geliebt und getragen weiss, der kann wirksam werden.

Anregungen

  • Welche praktische Schritte lassen sich aus der Liste ablesen?
  • Mit welchen Worten wird eine Lebenshaltung skizziert?
  • Diskutiere jeden einzelnen Satz und finde praktische Umsetzungen
  • Was willst Du als Nächstes tun?

Gefängnis wurde gefangen genommen

Das Gefängnis wurde gefangen genommen

Die Aussagen der Bibel über Leben, Tod und Auferstehung sind recht klar und einheitlich: Tote leben nicht. Sie sind tot. Damit wird der Gegensatz von Leben gemeint. Wer dies nicht so sieht, greift auf eine recht begrenzte Auswahl an «anderslautende» Bibelstellen zurück, womit dann das übrige Schriftzeugnis ausser Kraft gesetzt werden soll. Diese Bibelstellen verlangen besondere Beachtung, wenn wir die Schrift im eigenen Kontext verstehen wollen.

 

Bibelstelle

Eph 4,8-10

Thema

In Epheser 4 zitiert Paulus Psalm 68,18-19, worin es heisst:

«In die Höhe aufgestiegen hat Er die Gefangenschaft gefangengenommen und den Menschen Gaben gegeben.»
Eph 4,8

Das erklärt der Apostel nun mit

«Das "Er stieg hinauf" aber, was besagt es anderes, als dass Er auch zuvor in die Niederungen der Erde hinabgestiegen war? Er, der Hinabgestiegene ist derselbe, der auch aufgestiegen ist, hoch über alle Himmel, um das All zu vervollständigen.»
Eph 4,9-10

Traditionelle Auslegung

Dass Christus in die Höhe aufgestiegen ist soll auf Seinen Himmelfahrt hinweisen. Seinen Abstieg zuvor «in die Niederungen der Erde» soll danach verweisen, dass Er zuvor im Grab war und in den Hades hinabgestiegen ist. Daraus hervorkommend durch Auferstehung, sollte er das Gefängnis (den Tod) gefangengenommen haben und so den Tod faktisch aufgehoben haben. Seitdem sterben wir nicht mehr richtig, sondern gehen direkt in den Himmel, wenn wir sterben.

Gegenargument

Es geht hier nicht um den Tod oder den Todeszustand, sondern darum, dass der Gemeinde «Gaben gegeben» werden nach dem «Mass des Geschenks Christi». Was wir in der Gemeinde als unterschiedliche Gaben haben, das erhielten wir von Ihm, so wie Er es uns zugeteilt hat. Oder anders ausgedrückt: Christus macht die Gemeinde möglich und hat durch Seinen Tod und durch Seine Auferstehung die Voraussetzung für den Aufbau der Gemeinde gegeben.

Begründung

Text im Kontext: Paulus’ Betonung auf den Dienst und einen Lebenswandel würdig unserer Berufung (Eph 4,1) sollte sich auch in der Beachtung und Bewahrung der Einheit der Gemeinde dienen. Eph 4,11 spricht von Gaben an der Gemeinde, nämlich: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. Sie sollten die Gläubigen anpassen an das «Werk des Dienstes» und zur Auferbauung dienen (Eph 4,12). Nun sind diese Gaben «nach dem Mass des Geschenks Christi gegeben (Eph 4,7). Der Zitat aus Psalm 68,18-19 sollte nun dieses Geschenk deutlich machen, insbesondere für solche Gemeindeglieder, die mit der Tenach (dem Alten Testament) vertraut waren.

Psalm 68 ist die Verdeutlichung eines Prinzips: Es kommt von Ihm. Er hat Gaben gegeben. Das ist sogar verankert in den Psalmen. Und wer ist dieser, der Gaben gibt?

«Das ‘Er stieg hinauf’ aber, was besagt es anderes, als dass Er auch zuvor in die Niederungen der Erde hinabgestiegen war? Er, der Hinabgestiegene, ist derselbe, der auch aufgestiegen ist, hoch über alle Himmel, um das All zu vervollständigen»
Eph 4,9-10

Paulus macht deutlich, dass dieses Psalm-Zitat auf Christus anzuwenden sei. Er, der zuvor auf Erden kam («die Niederungen der Erde») ist Derselbe, der aufgestiegen ist. Da die Gemeinde dies von Christus wusste, kann Paulus den Text nun so auslegen. Es geht um Christus, nicht um die Gefangenschaft. Es geht um Ihn, der hoch hinaufgestiegen ist, um das All zu vervollständigen. «Derselbe gibt die einen als Apostel, die anderen als Propheten, wieder andere als Evangelisten oder Hirten und Lehrer…» (Eph 4,11).

Was aber sei die Gefangenschaft? Es dürfte jetzt klar sein, dass diese mit dem Tod nichts zu tun hat. Was wird aber damit gemeint? Psalm 68 spricht vom Berg Sinai, wo das Gesetz gegeben wurde, sowie vom Tempeldienst. Erst nach dem Aufstieg wird die Gefangenschaft gefangen geführt. Das war nach Tod, Auferstehung und Himmelfahrt. Möglicherweise ist es das Gesetz, das Jesus als Sohn Gottes erfüllt hat, und wodurch Sohnschaft für uns erwirkt wurde (Gal 4,1-7). Es gibt eine geänderte Realität. Die Gaben (nämlich: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten, Lehrer) passen die Gemeinde an diese neue Realität an. Das ist ihre Aufgabe.

 

 


Ein Haus von Gott, ewig, im Himmel

Ein Haus von Gott, ewig, im Himmel

Die Aussagen der Bibel über Leben, Tod und Auferstehung sind recht klar und einheitlich: Tote leben nicht. Sie sind tot. Damit wird der Gegensatz von Leben gemeint. Wer dies nicht so sieht, greift auf eine recht begrenzte Auswahl an «anderslautende» Bibelstellen zurück, womit dann das übrige Schriftzeugnis ausser Kraft gesetzt werden soll. Diese Bibelstellen verlangen besondere Beachtung, wenn wir die Schrift im eigenen Kontext verstehen wollen.

 

Bibelstelle

2Kor 5,1

Thema

Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth:

«Wir wissen doch, dass, wenn unser irdisches Haus, diese Zeltwohnung, abgebrochen wird, wir ein Gebäude von Gott haben, ein äonisches Haus, nicht mit Händen gemacht, in den Himmeln»
2Kor 5,1

Traditionelle Auslegung

Wenn wir sterben und unser Körper (irdisches Haus jetzt) abgebrochen wird, dann werden wir sofort ein anderes, ein ewiges Haus aus dem Himmel erhalten, welches von Gott kommt. Beim Sterben ziehen wir lediglich um, vom einen Haus in das nächste Haus. Also leben wir einfach weiter, auch wenn wir sterben. Der Tod ist eine Illusion. Es ist nur etwas für Hinterbliebene, aber der Glaubende sieht weiter und weiss es besser – hier steht es doch!

Gegenargument

Paulus schenkt keinen Ausblick auf das Sterben, sondern auf die Auferstehung, wie er das wenige Verse zuvor erklärt hat (2Kor 4,14). Sogar wer in den Drangsalen des Lebens untergeht und stirbt, wird einst auferstehen (2Kor 4,16-18). Tod ist kein Freund, sondern nach wie vor ein Feind, worauf erst die Auferstehung eine Antwort bietet.

Begründung

Der Text steht in einem breiteren Kontext. Ab 2Kor 4,7 spricht Paulus über den Glauben als einen Schatz, den wir in «irdenen Gefässen» herumtragen, damit das aussergewöhnliche der Kraft sich als von Gott und nicht als aus uns erweise. Wir sind in allem bedrängt, aber nicht eingeengt, ratlos, aber nicht verzweifelt, verfolgt aber nicht verlassen, niedergeworfen, aber nicht umgekommen. Das betrifft das Leben hier auf Erden.

Wir wissen, schreibt der Apostel, dass Gott, der den Herrn Jesus auferweckt hat, auch uns durch Jesus auferwecken wird. Das ist der Ausblick über den Tod hinaus: Durch Auferstehung werden wir einst neues Leben erhalten. Wir haben also eine konkrete Erwartung, nämlich die Auferstehung. Denn was wir hier vor Augen haben ist «kurz befristet», jedoch was durch Auferstehung dann auf uns wartet ist «äonisch» (2Kor 4,18).

«Wir wissen doch…» (2Kor 5,1) ist eine Referenz von Paulus an bekannten Gedanken. In seinem ersten Brief hat er ausführlich über die Auferstehung geschrieben. Er schilderte die Unterschiede zwischen unserem jetzigen Erleben und der Herrlichkeit die wir erwarten (1Kor 15,42-49). Daran kann Paulus referieren wenn er nun sagt, dass, wenn unser irdisches Haus, diese vorübergehende Zeltwohnung (unser Körper), abgebrochen wird, wir [durch Auferstehung] ein Gebäude von Gott haben, ein äonisches Haus, nicht mit Händen gemacht, in den Himmeln.

In 1Kor 5,2ff beschreibt Paulus drei Seins-Zustände:

  1. Unser Zustand jetzt, eine schlichte und vorübergehende Zeltwohnung dann
  2. das ausziehen des aktuellen Körpers (sterben / Tod) und schliesslich
  3. Ein Gebäude von Gott haben im Himmel

Hier wird klar, dass das «überziehen» nicht durch Tod geschieht, denn zu sterben ist «ausziehen». Danach ist es das Warten auf das «Gebäude von Gott», welches im Kontext durch Auferstehung geschieht.

Paulus spricht aber noch über eine weitere Möglichkeit. Paulus will nicht sterben. Der Tod ist keine schöne Option. Er will «nicht ausgezogen, sondern überzogen werden, damit das Sterbende vom Leben verschlungen werde» (2Kor 5,4). Paulus möchte also am Liebsten den Tod auslassen!

Wie könnte das geschehen? Nun, es wird die Realität sein für alle, die am Leben sind wenn Jesus zurückkommt. Diese werden direkt verwandelt werden (1Kor 15,51-53; 2Kor 4,4). Paulus erwartet und ersehnt Christi Rückkehr (1Thess 4,13-18) und damit zusammenhängend die Verwandlung seines Körpers und die Zusammenführung mit Christus.

Das ist tatsächlich die angenehmste Option.

 

 

 


Nicht sterben in Ewigkeit

Nicht sterben in Ewigkeit

Die Aussagen der Bibel über Leben, Tod und Auferstehung sind recht klar und einheitlich: Tote leben nicht. Sie sind tot. Damit wird der Gegensatz von Leben gemeint. Wer dies nicht so sieht, greift auf eine recht begrenzte Auswahl an «anderslautende» Bibelstellen zurück, womit dann das übrige Schriftzeugnis ausser Kraft gesetzt werden soll. Diese Bibelstellen verlangen besondere Beachtung, wenn wir die Schrift im eigenen Kontext verstehen wollen.

 

Bibelstelle

Joh 11,25 «wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist»
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Joh 11,26 «der da lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit».

Thema

Jesus im Gespräch mit Martha bezüglich ihrem verstorbenen Bruder Lazarus und dem Ausblick der Auferstehung.

Traditionelle Auslegung

«Ewiges Leben heisst, dass wir nicht sterben. Ewiges Leben habe ich schon jetzt, wurde ich gelehrt, also sterbe ich nicht mehr. Gläubige sind unkaputtbar gemacht worden, nur weil sie ihr Vertrauen auf Gott gesetzt haben…». Oder mit anderen Worten: Wer dies so glaubt lebt in einem Widerspruch mit der Realität, worin täglich Menschen sterben. Sterben wird verneint. Der Tod wird geleugnet.

Gegenargument

Jesus und Martha sprechen von der Auferstehung, nicht von einem Leben im Tod. Hier steht etwas anderes, nämlich:

«Jesus entgegnete ihr: «Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an Mich glaubt, wird [für den Äon] leben, wenn er auch stirbt. Und jeder, der dann lebt und an Mich glaubt, wird für den Äon keinesfalls sterben! Glaubst Du dies?»
Joh 11,25-26

Wer also während des künftigen messianischen Zeitalters lebt, wird dann für dieses Zeitalter nicht mehr sterben. Das Leben selbst wird jedoch nur durch Auferstehung wiedererlangt.

Begründung

Jeder Text muss im eigenen Kontext einen Sinn machen. Das Thema hier ist die Auferstehung. Jesus sagte, er sei «die Auferstehung und das Leben». Die beiden gehen also zusammen. Auch wenn jemand stirbt, so wird dieser durch Auferstehung einst wieder leben.

Mit dem Ausblick des messianischen Reiches vor Augen, wenn all diese wunderbare Dinge geschehen, sagt Jesus, dass Leute welche an Ihn glauben für den Äon (für das kommende messianische Zeitalter) wieder leben werden, sogar wenn sie jetzt sterben. Die Verheissung nun ist, dass diejenigen welche durch Auferstehung dann in das Reich hineingehen, während diesem Reich auch leben werden und keinesfalls mehr sterben werden.

Fazit

Diese Bibelstelle kann nicht dazu genutzt werden ein Leben «im Tod» zu begründen. Der Ausblick für die Gestorbenen liegt in der Auferstehung, der die Übergang vom Todeszustand in ein neues Leben markiert.