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Mission oder Evangelisation?

Es gibt einen Unterschied zwischen sogenannter Mission und Evangelisation. Der Unterschied ist beachtlich. Was heute als «Mission» gelehrt und praktiziert wird, ist vielmehr «Evangelisation». Das ist auch logisch, denn der sogenannte «Missionsbefehl» kann heute gar nicht ausgeführt werden.

Dies ist der Unterschied:

  • Mission = Nationen zu Jüngern machen und Gebote unterrichten
  • Evangelisation = Einzelne Menschen Versöhnung verkündigen

Nun sollte man nicht voreilig den Schluss ziehen, dass beide doch «in etwa» das Gleiche meinen. Sie haben nämlich nichts miteinander zu tun. Das fällt aber erst auf, wenn man nach klaren Aussagen der Bibel zu beiden Begriffen sucht, und diese dann nebeneinander stellt. In diesem Artikel wollen wir die zentrale Stellen betrachten und untersuchen, was eigentlich der sogenannte Missionsbefehl für einen Hintergrund und Zusammenhang hat.

Vorab aber noch eine Bemerkung: Es ist gut und nötig, Menschen von der Gnade Gottes in Christus Jesus zu erzählen. Es geht also nicht darum etwa die Verkündigung einer frohen Botschaft als überflüssig darzustellen. Evangelisation ist  eine logische Folge unseres Verständnisses von Gottes Gnade. Die 12 Apostel jedoch hatten ein ganz anderes Bild. Sie haben keine Missionsgesellschaft gegründet und sind selber nie als Missionar tätig gewesen. Der Missionsbefehl hatte ursprünglich einen ganz anderen Sinn als was heute daraus gemacht wurde. Der Missionsbefehl, wie wir sehen werden, ist für eine zukünftige Zeit gedacht. Evangelisation jedoch passt ganz in der heutigen Zeit.

Der Missionsbefehl

Der sogenannte Missionsbefehl finden wir am Schluss des Matthäus-Evangeliums. Die Szene spielt sich nach der Auferstehung und vor der Himmelfahrt Jesu ab. Jesus und die Jünger waren von Jerusalem bereits nach Galiläa gereist und sie treffen sich auf einen Berg.

«Die elf Jünger aber gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Als sie Ihn gewahrten, fielen sie vor Ihm nieder, einige aber zauderten. Da trat Jesus herzu, redete mit ihnen und sagte: 

«Mir ist alle Vollmacht im Himmel und auf Erden gegeben. Daher geht hin, macht alle Nationen zu Jüngern, tauft sie in den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes und lehrt sie alles zu halten, was Ich euch geboten habe.

Und siehe, Ich bin mit euch alle Tage bis zum Abschluss des Äons.» Amen!»
Mt 28,16-20

Dieser Abschnitt wird als Grundlage für die «Mission» genutzt. Es ist eine Aufgabe, ein Befehl von Jesus. Mission ist ein zentrales Anliegen für viele Gemeinden. Was steht hier jedoch geschrieben und wie haben die Apostel selbst das Wort verstanden? Wenn wir das Wort «Mission» einmal so interpretieren wie es heute getan wird, dann werden diese Worte aus dem eigenen Zusammenhang herausgelöst und ohne weitere Prüfung auf die heutige Situation angewendet. Betrachtet man das kritisch, dann wird folgendes klar: Kein Missionar macht Nationen zu Jüngern und lehrt Gebote zu unterhalten. Wenn wir genauer hinschauen, haben nicht einmal die Apostel selbst dies umgesetzt. Keiner der 12 Apostel hat sich je als «Missionar» betätigt. Keiner der 12 Apostel hat je ausserhalb vom Land Israel etwas getan, was als «Mission» zu verstehen ist. Gleich mehr dazu.

Was ist Evangelisation?

In den speziellen Diensten für die Gemeinde erwähnt Paulus Evangelisten, jedoch keine Missionare (Eph 4,11-12). Seinem Mitarbeiter Timotheus ermahnt Paulus die Arbeit eines Evangelisten zu tun (2Tim 4,5). Timotheus musste nicht missionieren. Bei Paulus findet man also nichts von einem Missionsbefehl zurück, und an keiner Stelle geht es bei Paulus darum «Nationen zu Jüngern zu machen».

Mission und Evangelisation sind nicht austauschbar. Sie werden nicht gegenseitig als Erklärung genutzt, wie das heute gern gemacht wird. Evangelisation hat mit Mission gar nichts zu tun. Sogar der Antrieb ist bei beiden Begriffen ein anderer. Der Missionsauftrag ist eine Aufgabe, es ist ein Befehl. Evangelisation jedoch ist eine innere Notwendigkeit, die aus der Erkenntnis erfahrener Gnade wachst. Mission und Evangelisation sind unterschiedlich.

lm zweiten Korintherbrief beschreibt Paulus die Evangelisation als «Dienst der Versöhnung»:

«Denn die Liebe des Christus drängt uns, indem wir dieses urteilen, dass, wenn der Eine für alle starb, sie demnach alle starben. Und für alle starb Er, damit die Lebenden nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie starb und auferweckt wurde. Daher sind wir von nun an mit niemandem mehr dem Fleische nach vertraut. Selbst wenn wir auch Christus dem Fleisch nach gekannt haben, kennen wir Ihn jedoch nun nicht mehr so. Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist da eine neue Schöpfung: das Ehemalige verging, siehe es ist neu geworden.

Das alles aber ist aus Gott, der uns durch Christus mit Sich Selbst versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat. Denn Gott war in Christus, die Welt mit Sich Selbst versöhnend: Er rechnet ihnen ihre Kränkungen nicht an und hat in uns das Wort der Versöhnung niedergelegt. Daher sind wir Gesandte für Christus, als ob Gott durch uns zuspräche. Wir flehen für Christus: Lasst euch mit Gott versöhnen! Denn den, der Sünde nicht kannte, hat Er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit in Ihm würden.»
2Kor 5,14-21

Es ist hier eine ganz andere Aussage als wir gerade zuvor im Matthäus-Evangelium gelesen haben. Mission und Evangelisation sind auch bei oberflächlichem Vergleich nicht dasselbe. Bei der Mission geht es um Nationen, und bei Evangelisation geht es um einzelne Menschen. Legen wir die beiden Bibelstellen nebeneinander, dann gibt es keine übereinstimmende Elemente.

Der Missionsbefehl wurde nie ausgeführt

Das Erstaunliche ist, dass die 11 Apostel (oder später die 12, aber ohne Paulus) diesen «Missionsbefehl» nie ausgeführt haben. Sie waren nie unterwegs zu allen Nationen. Sie haben den Befehl von Jesus nie ausgeführt! Ob Petrus, Johannes oder Jakobus – keiner war je als Missionar unterwegs. Die Frage lautet: Weshalb nicht?

Nur Paulus ist in der Welt herumgezogen und hat überall die frohe Botschaft der Gnade Gottes in Christus Jesus verkündigt. Warum sind die 12 nie hinausgegangen? Hat Paulus etwa die Aufgabe für die 12 erfüllt? Hat Gott einfach gemerkt, dass die 12 ihre Aufgabe verbockt hatten und sendet deshalb einen 13. Apostel, der «mehr arbeitet als alle Andere» (1Kor 15,10)? Oder spielt hier etwas ganz anderes?

Mission und Evangelisation sind – wie sie in der Schrift beschrieben werden – unterschiedlich. Wie lässt sich das nun verstehen? Es hat mit den jeweils unterschiedlichen Aufgaben und Zielgruppen der Apostel zu tun. Die 12 hatten eine andere Aufgabe als Paulus. Deshalb sind ihre Botschaften auch leicht unterschiedlich. Natürlich wirkt sich das auf unser Verständnis von Gottes Wirken in der heutigen Welt aus. Was bezweckt der Missionsbefehl? Und was die Evangelisation?

Die Umdeutung des Missionsbefehls

Der Missionsbefehl wurde oft gegen den Hintergrund der Himmel- und Hölle-Lehre interpretiert. Durch die Mission sollen Menschen vor der Hölle gerettet werden. Die Verkündigung hat also zum Ziel, Leute vor dem Gericht Gottes zu bewahren. Es ist erschreckend wie oberflächlich das Verständnis von Gottes Gnade ist, welches doch auch uns selbst gerettet hat. Die Verkündigung einer Drohbotschaft ist für viele Missionsgesellschaften immer im Hintergrund. Ich habe viele Missionsgesellschaften von Ihrer Arbeit erzählen gehört. Die Arbeit ist meist hervorragend. Die Begründung der Arbeit ist häufig von Ideen über Himmel und Hölle geprägt. Davon hatten allerdings die 12 Apostel nie etwas gehört – zumindest nicht in der Art, wie es heute immer noch ausgelegt wird. Die Apostel (ohne Paulus) wurden dazu angehalten Nationen Gebote zu lehren und diese Nationen zu «Lernenden», also zu «Jüngern» zu machen. Das ist jedoch etwas anderes als Leute «Retten vor dem ewigen Feuer». Oder mit anderen Worten: Der biblische Befehl wurde nicht nur nie umgesetzt sondern im Wortlaut und Aussage sogar umgedeutet. Hier zeigt sich, wie prägend Lehre und Tradition sind.

Tatsächlich ist es heute wohl so, dass Mission eher als Evangelisation praktiziert wird. Mit ganzen Nationen hat das nichts zu tun, und es geht meist nicht darum, Gebote zu unterrichten. Mission fruchtet heute nur, wenn sie von Gnade geprägt ist und im Sinne eines Versöhnungsangebot (2Kor 5) gepredigt wird. Das ist richtig so.

Welche Aufgabe wurde in Matthäus 28 erteilt?

Wenn wir verstehen möchte, um was es in Matthäus 28 geht, können wir den Text nicht blind auf die heutige Zeit projizieren. Wir können hier am besten die Regeln des induktiven Bibelstudiums anwenden. Insbesondere geht es darum, den Text im Kontext verstehen zu wollen. Also: Wer sagt Was zu Wem mit Welchen Worten, in Welchem Kontext und mit Welcher Absicht? Diese Fragen sollten uns zu dem hinführen, was hier tatsächlich gemeint ist.

Das Königreich der Himmel

Jesus verkündete das «Evangelium des Königreichs», nämlich des «Königreichs der Himmel». Das war zuerst eine jüdische Erwartung, und entsprechend hat Er seine Jünger bei der ersten Sendung (innerhalb von Israel) wie folgt instruiert:

«Geht nicht auf den Weg zu den Nationen hin und geht nicht in eine Stadt der Samariter hinein! Geht vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel! Wo ihr geht, da heroldet: Das Königreich der Himmel hat sich genaht! – Heilt Kranke und Schwache, erweckt Tote, reinigt Aussätzige, treibt Dämonen aus!»
Mt 10,5-8

Geht nicht zu den Nationen! Das hatte Jesus früher gesagt. Was war passiert, dass später doch zu den Nationen gegangen werden soll? Der Kontext von Matthäus 28 ist nicht weit von der ersten Anordnung entfernt. Sie steht lediglich etwas weiter in der Entwicklung. Denn zuerst sollte Israel den Messias folgen und von Ihm lernen. Erst in einem zweiten Schritt sollten die Nationen dazu eingeladen werden. Sowohl in Matthäus 10 wie auch in Matthäus 28 geht es um denselben Ausblick: Israel soll das Königreich und den König annehmen. Dann wird sich das messianische Reich bahnbrechen und in aller Welt sich unter allen Nationen ausbreiten.

Dieser Gedanke ist gegen den Hintergrund christlicher Traditionen vielleicht etwas fremd. Wir dürfen aber daran erinnert werden, was die damaligen Zuhörer, und die Apostel selbst das einmal verstanden haben. Sie waren Juden, hörten den Messias zu und hatten von den Propheten her eine ganz klare Erwartung.

Bei Jesaja lesen wir beispielsweise folgendes:

«Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, über Juda und Jerusalem geschaut hat: Und es wird geschehen am Ende der Tage, da wird der Berg des Hauses des HERRN fest stehen als Haupt der Berge und erhaben sein über die Hügel; und alle Nationen werden zu ihm strömen. Und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN, zum Haus des Gottes Jakobs, dass er uns aufgrund seiner Wege belehre und wir auf seinen Pfaden gehen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des HERRN von Jerusalem. Und er wird richten zwischen den Nationen und für viele Völker Recht sprechen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden3 und ihre Speere zu Winzermessern. Nicht mehr wird Nation gegen Nation das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen. Haus Jakob, kommt, lasst uns im Licht des HERRN leben!»
Jes 2,1-5

Ähnliche Worte finden sich auch weiter im Buch Jesaja, insbesondere in den letzten Kapiteln (60–66). Es geht um die Erwartung, dass alle Nationen durch Israel gesegnet werden. Die Nationen zu unterrichten, wie es Jesus als Aufgabe an die Apostel erteilt, spricht von dieser Zeit, da das Königreich aufgerichtet ist und Jesus «Alle Vollmacht im Himmel und auf Erden» nicht nur gegeben ist, sondern sie auch ausübt.

Von dieser künftigen Zeit lesen wir im Buch Offenbarung, bei der siebten Posaune:

«Und der siebte Bote posaunte. Da geschahen laute Stimmen im Himmel, die sagten: «Die Königsherrschaft über die Welt ist unserem Herrn und Seinem Christus zuteil geworden, und Er wird als König für die Äonen der Äonen herrschen! Amen!»
Offb 11,15

Dann kann auch dieser Missionsbefehl endlich umgesetzt werden. Der Kontext für den Missionsbefehl ist dann erstmals gegeben. Das erklärt auch, warum die Apostel es nie umgesetzt haben. Die Aufgabe liegt noch in der Zukunft! Sie kann erst umgesetzt werden, wenn Jesus wiedergekommen ist. Mit dem heutigen Verständnis von «Mission» hat das nichts zu tun. Es geht hier gar nicht um die Gemeinde. Es geht nicht um Evangelisation. Es geht darum, Nationen zu Lernenden, zu Jüngern zu machen. Diese Aufgabe war den Aposteln gegeben, gemäss den Aussagen der Propheten und nach der Aussage von Jesus. Von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des HERRN von Jerusalem. Da machen die Worte aus Matthäus 28 plötzlich Sinn.

Wenn auch diese Aufgabe den 12 Aposteln gegeben war, werden sie diese vermutlich nicht (ganz) selbst ausführen. Jesus hatte nämlich noch weiteres gesagt. Sie werden «auf 12 Thronen sitzen und die 12 Stämme Israels richten» (Mt 19,28). Die Aufgabe gehört nämlich nicht nur den 12 Aposteln, sondern wesentlich dem ganzen jüdischen Volk.

Evangelisation heute

Der sogenannte Missionsbefehl ist ein Ausblick auf die Zeit des messianischen Reiches. Dort hat dieser Auftrag seinen Kontext. Dort wird sie ausgeführt werden. Was gilt aber heute?

Die 12 erwarteten, dass Israels Gehorsam und Glaube zur Aufrichtung des messianischen Reich führen würde. Es geschah jedoch etwas ganz anderes. Israel hat mehrfach den Messias abgelehnt und Gott hat einen 13. Apostel berufen, Paulus, der eine Gnade und einen Zugang zu Gott verkündete ohne die Vermittlung von Israel. Das war ein scharfer Kontrast zum Missionsbefehl, worin Israel als Vermittler für die Nationen auftreten sollte – ein königliches Priestertum, eine heilige Nation, wie Petrus davon spricht (1Pet 2,9). Petrus schrieb an die Juden und war betraut mit dem Evangelium der Beschneidung (Gal 2,7-9).

Heute geht es dagegen nicht um ganze Völker oder Nationen, sondern darum, dass einzelne Menschen aus allen Nationen herausgerufen werden, um Teil von der Körperschaft Christi, der heutigen Gemeinde und weltweiten Kirche zu sein. Das ist das Evangelium der Unbeschnittenheit, wie Paulus es verkündigen musste (Gal 2,7-9). Diese Berufung war erst möglich durch Israels Ungehorsam. Ihre Kränkung wurde der Welt Reichtum, schreibt der Apostel (Röm 11,12). Heute ist ein Ausnahmezustand der Gnade Gottes. Es ist speziell. Es war in früheren Zeiten ein Geheimnis, jedoch Paulus hat es als frohe Botschaft für die Nationen erhalten. Heute gilt es unverdient uns (Eph 3,1-2).

Wir wurden als Nationen nicht nur in die Familie Gottes aufgenommen, sondern wir erhielten einen ganz eigenen Auftrag. Wir wurden mit einer frohen Botschaft betraut: Lasse Dich mit Gott versöhnen, denn Er hat sich bereits lange mit Dir versöhnt! (2Kor 5,14-21).

Einst wird es auch bei Israel weitergehen, und ebenso mit den übrigen Nationen. Während heute also einzelne Menschen gerufen sind, gibt es diese grössere Ebene, wo es um Nationen geht. Heute werden einzelne Menschen sowohl aus Israel als auch aus den übrigen Nationen herausgerufen. Sie bilden die Kirche, die weltweite Gemeinde, von der auch wir teil sind. Einmal jedoch werden die Kreise wieder breiter gezogen, geht es wieder um Israel und um die Nationen.

Denn Gott schliesst alle in die Widerspenstigkeit ein, damit Er sich aller erbarme (Röm 11,32).