Sollen Frauen «sich unterordnen» und «schweigen in der Gemeinde»? Das wird bis heute in vielen Gemeinschaften gelehrt. Dabei beruft man sich auf die Bibel. Die dringende Frage lautet also, ob diese Begründungen stichhaltig sind und die zitierten Bibelstellen das aussagen, was manche lehren? Schauen wir eine solche Bibelstelle an.
Die Stelle im Korintherbrief
In diesem Beitrag schauen wir uns eine bestimmte Bibelstelle aus dem ersten Korintherbrief an. Die Bibelstelle lautet wie folgt:
«Wie es in allen herausgerufenen Gemeinden der Heiligen üblich ist, so sollen die Frauen auch bei euch in den herausgerufenen Gemeinden schweigen, ist es ihnen doch nicht gestattet zu sprechen; Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie etwas lernen wollen, mögen sie zu Hause ihre eigenen Männer fragen, wenn es doch für eine Frau schandbar ist, in der herausgerufenen Gemeinde zu sprechen. Oder ging von euch das Wort Gottes aus? Oder ist es zu euch allein gelangt?»
1. Korinther 14,34-36
Diese Bibelstelle wird in manchen Gemeinschaften gerne zitiert, weil daraus angeblich die Notwendigkeit der Unterordnung der Frau hervorgeht. Es soll hier um Frauen allgemein gehen und darum, dass sie dringend abgestuft werden müssen, damit der Mann oben, die Frau dagegen darunter steht. Es wird eine Hierarchie eingeführt, durch die Männer erstrangig und Frauen zweitrangig erscheinen. Ebenso ist es eine Begründung dafür, dass Frauen in der Gemeinde keine Rolle in der Verkündigung oder Gemeindeleitung haben dürfen. Während in vielen Reformierten Kirchen und seit längerer Zeit Frauen den Männern gleichgestellt sind, ist es in mindestens so vielen anderen Gemeinschaften bis heute nicht der Fall. Das alles wird mit Bibelstellen begründet, wie exemplarisch hier oben eine aufgeführt wurde.
Nun fällt es jedoch auf, dass im zitierten Abschnitt nirgendwo von einer «Unterordnung der Frau unter den Mann» die Rede ist. Zwar wird von Unterordnung gesprochen, aber nicht unter dem Mann. Eher scheint die Unterordnung unter dem Frieden in der Gemeinde zu sein, wie sie Paulus nur einen Vers zuvor erwähnte: «Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens, wie in allen Versammlungen der Heiligen» (1Kor 14,33). Wenn also gleich darauf von Unterordnung die Rede ist, dann geht es darum, in einer Situation der Unordnung wieder Frieden herzustellen. Nicht in Bezug auf Mann und Frau, sondern in Bezug auf das Verhalten in der Gemeinde. Paulus reagiert auf die Situation in der Gemeinde und führt keine Ungleichheit zwischen Männern und Frauen ein.
Hier ist die Grundlage: Es gilt in der Gesellschaft in jener Zeit ein Patriarchat. Paulus verfängt sich jedoch nicht in Grabenkämpfen zwischen den Geschlechtern, noch kümmert er sich um Gender-Ideologien. Ihm gilt ein anderes Anliegen: Frieden in der Gemeinde, in der Mann und Frau gleich sind – im Kontrast zur Situation in der Gesellschaft. Die Begründung dafür ist, dass gerade in der Gemeinde alle eins sind in Christus (Gal 3,28). Wie bereits früher aufgeführt gibt es keinen Unterschied in der Gemeinde zwischen «in Christus» und «im Herrn», wie das hier und dort genutzt wird, um eine Ungleichheit durch die Hintertür wieder einzuschleusen.
Ihm gilt ein anderes Anliegen: Frieden in der Gemeinde.
Zurück zur Unterordnungslehre. Alles geschieht natürlich mit bester Absicht, denn «es steht in der Bibel» und «Gott ist weiser als die Menschen». Man achte sorgfältig darauf, wie und mit welchen Argumenten diese Lehre verteidigt wird. Die Interpretation dieser Bibelstelle wird als Leitfaden für den Alltag in Bezug auf eine «Unterordnung der Frau» betrachtet. Dahinter ist selbstverständlich der Wunsch, sein Leben nach Gottes angeblichen Willen einzurichten. Es heisst hier doch: «Sie sollen sich unterordnen». Dem wünscht man stattzugeben.
Das Anliegen scheint nobel zu sein. Was aber steht hier wirklich? Möchte Gott so etwas wie Rangordnungen einführen? Und wozu? Was leider verloren geht, ist die Reihenfolge der Überlegungen: Zuerst wird gesagt, dass es eine Unterordnungslehre gibt, die daraufhin aus wenigen Bibelstellen abgeleitet wird. Dabei soll die Unterordnung einer Schöpfungsordnung entsprechen, die von Gott eingestellt ist und die für die Gläubigen gilt, wenn sie glücklich, nämlich «nach Gottes Willen» leben möchten. Folgerungen auf Folgerungen. Die Herausforderung liegt demnach mindestens an zwei Orten, dem Text und der Tradition, und wie diese zusammenspielen.
Das Spiel verstehen
Selbstverständlich mutet das heute etwas fremd an und die Frage ist also, ob man das richtig versteht und wenn ja, weshalb das heute gelten sollte. Dass dafür nur wenige Bibelstellen zitiert werden können, die ausserdem ohne den eigenen Kontext zitiert werden müssen, fällt zunächst niemand auf. Die Auswirkung solcher Ansichten hat jedoch beträchtliche Konsequenzen. Es geht hier nämlich nicht nur um die Bibelstelle und die Tradition, sondern auch um die Umsetzung. Es benötigt für ein Spiel nämlich auch Menschen, die bereit sind, das Spiel mit ihrem eigenen Leben als Einsatz zu spielen.
Ganze Gemeinschaften versuchen durch «Unterordnungslehren» einen Eindruck von Bibeltreue zu gewinnen. Damit das Spiel gelingt, müssen sowohl Männer als auch Frauen das Spiel mitspielen. Die Ernsthaftigkeit, womit auf manche Bibelstellen verwiesen und mit der diese «Anordnung Gottes» umgesetzt wird, bedingt, dass man diese Dinge genauer anschaut.
Damit das Spiel gelingt, müssen sowohl Männer wie Frauen das Spiel mitspielen.
Bereits habe ich auf eine andere Bibelstelle aus dem ersten Timotheusbrief sowie im Epheserbrief hingewiesen, wo angeblich dasselbe gesagt wäre. Diese Bibelstellen wurden bereits ausgelegt. Weiteres dazu findet man hier:
Text im Kontext
Eine gesunde Regel beim Bibelstudium ist die, dass man den Text im eigenen Kontext liest. Für die zitierten Verse in 1Kor 14,34-36 ist das selbstverständlich der 14. Kapitel, aber das Thema ist viel breiter. Es geht um eine Situation in dieser Gemeinde, weshalb Paulus den Brief geschrieben hat. Das Anliegen von Paulus liegt nicht in einer isolierten «Unterordnungslehre». Diese Verse stehen in einem breiteren Kontext. Dem muss man stattgeben.
Liest man diese Verse im Sinne einer Unterordnungslehre, erscheinen sie im Kapitel etwas seltsam. Die Verse 34b–35 werden in manchen älteren Bibeltexten erst am Schluss des Kapitels erwähnt, also nach Vers 40. Ich vermute, weil die Aussage dieser Verse etwas quer auf den Rest des Kapitels steht, wenn man sie im Sinne einer Unterordnungslehre auslegt. Diese paar Verse haben dann nichts mit dem vorherigen Text zu tun und scheinen deplatziert. Ich kann mir also vorstellen, dass einige Menschen dachten, diese Verse gehören besser am Ende des Kapitels, denn mittendrin stimmt die Aussage nicht mit dem Rest überein.
Das ist eine Möglichkeit. Die andere Möglichkeit ist jedoch, dass diese Verse sehr wohl am richtigen Ort stehen, aber etwas ganz anderes aussagen, als die Unterordnungslehre meint zu erkennen. Die Grundlage für eine nähere Betrachtung ist der Kontext. Was ist das Thema von diesem Kapitel? Das wäre die erste Frage. Erkennt man das eigentliche Thema, erscheint die Rede von «Unterordnung» in einem anderen Licht.
Paulus nämlich kannte keine «Unterordnungslehre». Das zu erkennen bedingt jedoch, dass man den Text im eigenen Kontext und nicht im Rahmen einer einzigen Tradition auslegt. Das ganze Kapitel spricht von dem Aufbau der Gemeinde, insbesondere über die Anwendung von Geistesgaben. Es beginnt mit
«Eifert zwar nach euren geistlichen Gaben, doch dabei mehr danach, dass ihr prophetisch reden möget. Denn wer in einer Zunge spricht, der spricht nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn, doch im Geist spricht er Geheimnisse aus. Wer aber prophetisch redet, spricht zu Menschen zur Auferbauung, zum Zuspruch und zum Trost.»
1Kor 14,1-3
Paulus fährt weiter und erklärt, dass es ihm um die ganze Gemeinde und nicht um persönliche Dinge geht. Die ganze Gemeinde sollte aufgebaut werden und kein Egotrip, wie geistlich auch, sollte dem im Wege stehen.
«Ich wollte wohl, ihr sprächet alle in Zungen, doch mehr noch, dass ihr prophetisch redetet. …, damit die herausgerufene Gemeinde Auferbauung erhalte.»
1Kor 14,5
Etwas weiter im Kapitel erklärt der Apostel:
«Ich danke Gott, denn mehr als ihr alle spreche ich in Zungenrede. In der herausgerufenen Gemeinde jedoch will ich lieber fünf Worte mit meinem Denksinn sprechen, um auch andere zu unterrichten, als zehntausend Worte in Zungenrede.»
1Kor 14,18-19
Es hilft bei der Exegese, wenn man diese Absicht des Apostels für den weiteren Verlauf des Kapitels berücksichtigt. Paulus geht es um die Auferbauung in der Gemeinde. Andere Worte will er nicht hören, sogar Zungenrede nicht. Was gesagt wird, sollte der Auferbauung dienen.
Bereits im 12. Kapitel hat Paulus ausführlich über Geistesgaben gesprochen. Die Herausforderung in der Gemeinde in Korinth war das Chaos, das herrschte. Paulus schreibt von Hader (1Kor 1,11), sektenhaftes Verhalten (1Kor 1,12-13), Betonung von Ritualen wie der Taufe (1Kor 1,13-17) und weiterer Dinge, die einem Frieden in der Gemeinschaft im Wege standen. Er konnte mit diesen Gläubigen nicht wie mit geistlich Gesinnten sprechen (1Kor 3,1-4). Er sagt: «Denn Gottes Mitarbeiter sind wir, Gottes Ackerfeld sind ihr, ja das Gebäude Gottes» (1Kor 3,9).
Schritt für Schritt führt Paulus durch seinen Brief immer wieder zur echten Grundlage Gottes: Sein Werk. Keine Weisheit, keine Geistesgaben, nichts beweist Geistlichkeit als nur das Vertrauen auf Gottes Wirken selbst. Der Apostel hat sich selbst als Beispiel für die Korinther dargestellt: «Damit ihr an uns lernt, nicht auf Dinge zu sinnen, die über das hinausgehen, was geschrieben steht, damit ihr nicht aufgeblasen werden, also keiner für den einen Lehrer gegen den anderen Lehrer» (1Kor 4,6. Vergleiche 1Kor 3,4-7).
Paulus begegnet also dem Chaos in der Gemeinde und führt Menschen zu Gott. Das tut er auch in Bezug auf Geistesgaben in Kapitel 12 und 14, wobei Kapitel 13, das Kapitel über die Liebe, in die Erklärung vom Umgang mit Geistesgaben eingeschoben wurde.
Geistesgaben
Das Chaos in Korinth durchzog die Gemeinschaft. Geistesgaben waren da zwar nötig, aber Paulus musste einen besseren, sogar überragenden Weg aufzeigen (1Kor 12,31). Dieser überragende Weg protzt nicht mit Spezialeffekten, sondern zeigt sich in Liebe (1Kor 13). Kapitel 14 spricht dann erneut über Geistesgaben und muss klarstellen, dass Geistesgaben sich dem Propheten unterordnen: «Zudem ordnen sich die prophetischen Geistesgaben den Propheten unter. Denn Er ist nicht der Gott des Aufruhrs, sondern des Friedens!» (1Kor 14,32-33). Unmittelbar danach stehen die Worte, dass die Frauen in der Gemeinde schweigen sollen.
Hier der Zusammenhang: Paulus spricht von Prophezeiungen in der Gemeinde und gleich anschliessend, dass Frauen in der Gemeinde schweigen sollten. Die Aufforderung, dass Frauen in der Gemeinde schweigen sollten, ist keine allgemeine Aufforderung für Unterordnung, sondern diese Aufforderung steht in einem ganz bestimmten Zusammenhang. Dieser Zusammenhang ist das ungehemmte prophetische Reden in der Gemeinde, das nicht zur Auferbauung dient. Es scheint so, dass einige Frauen dermassen auffielen, dass Paulus hier mit einem Machtwort vermerkt, dass Frauen in den Gemeinden schweigen sollte.
Dieser Zusammenhang ist das ungehemmte prophetische Reden in der Gemeinde, das nicht zur Auferbauung dient.
Viel mehr Informationen gibt es nicht. So wie uns der Bibeltext vorliegt, ist dies der einzige Zusammenhang. Es ist keine generelle Aussage, verhindert keine leitenden Funktionen in der Gemeinde und es heisst keineswegs, dass Frauen in der Gemeinde nicht sprechen sollten. Man beachte lediglich den Zusammenhang.
Im gleichen Brief liest man auch von anderen Dingen, die der Apostel mit einem Machtwort klärt. So gross ist das Chaos in der Gemeinde, dass wir hier Einblick haben in die Klarheit, womit sich der Apostel für eine Klärung einsetzt. Wenn Paulus nun ergänzt: «Wenn sie etwas lernen wollen, mögen sie zu Hause ihre eigenen Männer fragen, wenn es doch für eine Frau schandbar ist, in der herausgerufenen Gemeinde zu sprechen.» ist das m. E. ein klarer Hinweis auf die Entgleisung, die der Apostel beobachtet hatte.
Nimmt man eine solche Aussage und möchte man sie universell anwenden, hiesse es automatisch auch, dass dies nur für verheiratete Frauen gelte. Das ist die Aussage, dass sie «zu Hause ihre eigenen Männer fragen» sollten. Keineswegs sollte man hier herauslesen, dass etwa alle Frauen, verheiratet oder nicht, gemeint sind. Das wäre nur sexistisch. Die Begrenzung auf «verheiratete Frauen» in einer generalisierten Aussage spricht von willkür und Anmassung von Vertretern dieser Lehre. Möchte man weder sexistisch, noch willkürlich oder anmassend erscheinen, ist eine nähere Auseinandersetzung mit der spezifischen Situation in der korinthischen Gemeinde und den Aussagen von Paulus unerlässlich.
Der eigentliche Punkt, worum es hier geht ist die Glaubenshaltung. Im Versuch, ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen, haben sich manche in diese Lehre verloren. Das erscheint fromm und nützlich. Es ist aber eine Verirrung, auch wenn die Absicht gut ist. Die Verirrung liegt darin, dass man einen Text aus dem Kontext gezogen hat und nach eigener Tradition auslegt. Das hilft niemand. Das erinnert an die Aussage von Paulus im Kolosserbrief:
«Wenn ihr mit Christo den Elementen der Welt gestorben seid, was unterwerfet ihr euch Satzungen, als lebtet ihr noch in der Welt Berühre nicht, koste nicht, betaste nicht! (Dinge, welche alle zur Zerstörung durch den Gebrauch bestimmt sind) nach den Geboten und Lehren der Menschen (welche zwar einen Schein von Weisheit haben, in eigenwilligem Gottesdienst und in Demut und im Nichtverschonen des Leibes, und nicht in einer gewissen Ehre), zur Befriedigung des Fleisches.»
Kol 2,20-23
Paulus geht klar gegen eigenwilligem Gottesdienst vor, weil es vom Wesentlichen ablenkt und nur zur Befriedigung des eigenen frommen Fleisches dient. Wer im Glauben erwachsen wird, kann solche Dinge loslassen und, wie Paulus, auf den Aufbau der Gemeinde achten.
Dürfen Frauen in der Gemeinde sprechen?
Ausserhalb des von Paulus genannten Kontextes: Selbstverständlich! Hier steht keineswegs, dass nur Männer Pastoren oder Bibellehrer oder andere leitende Funktionen innehaben dürfen. Diese konservative Haltung entspricht einer Tradition, nicht der Schrift. Wer «Frauen im Amt» verhindern möchte, muss in Traditionen verharren, ohne die Bibel ernst nehmen zu wollen.
Die Grundlage für jede Aufgabe in der Gemeinde ist nicht im Geschlecht zu suchen, sondern in der Eignung. Es heisst also keineswegs, dass jetzt alle Frauen irgendwo geeignet wären oder Positionen in der Leitung erhalten sollten. Auch das wäre eine extreme Deutung. Paulus geht es nicht um Ideologien. Ihm geht es um den Frieden in der Gemeinde und wie das Miteinander gelingen kann.
Nichts spricht dagegen, dass Frauen leitende Funktionen erhalten. Sie sollen dafür aber geeignet sein. Denken wir an die Gaben, die Gott an die Gemeinde gibt, hören wir im Epheserbrief von «Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer» (Eph 4,11), wovon Apostel und Propheten das Fundament gelegt haben (Eph 2,20). Diese ersten zwei Gaben waren so etwas wie die Feuerstarter. Das Feuer brennt und seitdem gibt es Evangelisten, Hirten und Lehrer. Es sind Funktionen und Aufgaben, die von Männern wie von Frauen ausgeführt werden können. Die Eignung natürlich vorausgesetzt, was für Männer wie für Frauen gleichermassen gilt.
Das Besondere bei allen dieser Gaben ist, dass sie ihre Gabe wie natürlich ausleben. Es bedingt dafür keine Ordination, keine besonderen Schulabschlüsse. Evangelisten, Hirten und Lehrer tun natürlicherweise das, was man erkennt. Wer vorhandene Gaben, ob bei Männern oder bei Frauen, anerkennt und in der Gemeinde zugänglich macht, pflegt und fördert Gottes Wirken.

