Beschneidung des Herzens

Die Beschneidung des Herzens

Geist, Herz und Lobpreis von Gott.


13. Januar 2020By Karsten Risseeuw11 Minutes

Im letzten Abschnitt des zweiten Kapitels vom Römerbrief lesen wir ein weiteres Stück der Argumentation von Paulus. Zuvor hat er darüber geschrieben, dass es bei Gott kein Ansehen der Person gibt (Röm 2,11) und es also vor Gott kein direkter Unterschied zwischen Jude und Nicht-Jude gibt. Anschliessend äusserte er sich kritisch über eine Selbstgerechtigkeit, die auf Äusserlichkeiten aufbaut (Röm 2,17-24).

Hier geht es nun weiter:

«Der du nun den anderen belehrst, dich selbst aber belehrst du nicht! Der du heroldest, nicht zu stehen; du aber stiehlst! Der du sagst, nicht die Ehe zu brechen; du aber brichst die Ehe! Du, dem Götzen ein Gräuel sind, du beraubst Weihestätten! Der du dich im Gesetz rühmst, durch Übertretung des Gesetzes verunehrst du Gott! Denn der Name Gottes wird um euretwillen unter den Nationen gelästert, so wie geschrieben steht (Hes 36,20).»
Röm 2,21-24

Selbstgerechtigkeit braucht keine Selbstreflexion

Wer super-religiös ist (wenn ich das mal salopp so ausdrücken darf), der steht oft an einem unverrückbaren Ort, den man «Wahrheit» oder «ich bin richtig» nennt. Es ist der Ort der Selbstgerechtigkeit, wohin man nicht selten von Angst getrieben wird. Sowohl Jesus wie auch Paulus haben sich in ihrer Zeit und in ihrer Situation mit religiöser Selbstgerechtigkeit auseinandergesetzt. Häufig betraf es die religiöse Führerschaft. Im Römerbrief jedoch richtet sich Paulus an die Juden innerhalb der Gemeinde in Rom. Es ist unwahrscheinlich, dass er alle Juden in der Gemeinde meinte, aber eine selbstgerechte Haltung war sogar Paulus zu Ohren gekommen, obwohl er noch nie in Rom war. Das ist bemerkenswert. Es lag ein echtes Problem vor.

Nun hält er diesen einen Spiegel vor. «Du belehrst andere, dich selbst aber belehrst du nicht?» Der Apostel nimmt kein Blatt vor dem Mund. Er spricht Dinge beim Namen an und erwähnt «stehlen, Ehebruch, Götzendienst, Übertretung der Tora» bei denen, die vor Selbstgerechtigkeit nur so strotzen. Es gibt Menschen, die meinen es zu wissen, aber sie leben nicht nach den eigenen Regeln. Damit verunehren sie dieselbe Tora, die sie vorgeben zu vertreten: «Denn der Name Gottes wird um euretwillen unter den Nationen gelästert».

Der Apostel führt das nicht weiter aus. Er nennt keine Namen, keine konkrete Situationen. Es geht um das Prinzip. Er will aufzeigen, worauf es wirklich ankommt.

Nehmen wir einmal an, die Beschneidung sei nützlich

Paulus wechselt im nächsten Abschnitt die Perspektive. Er will immer noch dieselben Menschen erreichen, aber auf eine andere Art. Er verlässt das Thema eines problematischen Lebenswandel und wendet sich der Grundlage dieser Selbstgerechtigkeit zu. Die angesprochen Menschen bauen auf Ihre Herkunft und Beschneidung. Geht es hier um äusserliche Zeichen?

«Denn Beschneidung ist zwar nützlich, wenn du das Gesetz in die Tat umsetzt; wenn du aber ein Übertreter des Gesetzes bist, ist deine Beschneidung Unbeschnittenheit geworden.»
Röm 2,25

Was zusammengehört sind Beschneidung und das Gesetz (Tora). Wer sich auf seine Beschneidung abstützt und sich dessen rühmt, sollte sich bewusst sein, dass eine Übertretung der Tora die Beschneidung wertlos erscheinen lässt. Die Beschneidung ist nicht verwerflich, aber wenn du dich schon darin rühmst, lasse dein Leben wie aus einem Guss erscheinen. In Konsequenz: Wenn du den Wert des Gesetzes mit den Füssen trittst, dann verkennst du die Beschneidung, worauf du dich rühmst.

Umgekehrt gilt das auch:

«Wenn nun der Unbeschnittene die Rechtsforderungen des Gesetzes bewahrt, wird nicht seine Unbeschnittenheit als Beschneidung angerechnet werden?»
Röm 2,26

Jetzt sollte man nicht folgern, dass «Unbeschnittene» durch das Folgen der Anforderungen der Tora nun plötzlich zu «Beschnittene» werden. Das steht nicht da. Wir sollten immer den Text im Kontext lesen und verstehen. Paulus spricht zu Juden. Ihnen macht er klar, dass «Beschneidung» nicht äusserlich entsteht, sondern durch das Leben der Rechtsforderungen des Gesetzes. Damit wäre sogar ein (äusserlich) Unbeschnittener besser dran als ein Beschnittener, der diese Rechtsforderungen missachtet. Das war bloss ein Vergleich, eine Illustration. Die Lektion richtet sich hier an Juden, nicht an Nicht-Juden.

«Und der von Natur Unbeschnittene, der das Gesetz vollbringt, wird dich richten, der du nach Buchstaben und Beschneidung ein Übertreter des Gesetzes bist.»
Röm 2,27

Selbstgerechtigkeit hat keinen Platz. Wer auf Goyim (Menschen aus den übrigen Nationen, Unbeschnittene) herabsieht, nur weil man selbst Teil des jüdischen Volkes ist, hat nicht verstanden, warum es geht. Wer recht tut, wird richten, nicht wer unrecht tut.

Was wirklich zählt: Beschneidung des Herzens

«Denn nicht der ist Jude, der es sichtbar ist; noch ist das Beschneidung, was sichtbar am Fleisch geschieht; sondern der ist Jude, der es innerlich, im Verborgenen ist; und Beschneidung des Herzens ist im Geist, nicht im Buchstaben; dem wird Lobpreis zuteil, zwar nicht von Menschen, sondern von Gott.»
Röm 2,28-29

Der Apostel räumt jetzt mit allen Äusserlichkeiten auf. Es geht nicht um sichtbare Dinge. Das sind bestenfalls Zeichen. Sie sprechen von etwas anderem. Sie sprechen von verborgenen Dingen. Wer jetzt wirklich Jude sein will, der sollte dies bedenken: Es geht um eine Beschneidung des Herzens, im Geist. Es geht nicht um den Buchstabe, um äusserliche Beschneidung oder vermeintliche Rechtgläubigkeit.

Dasselbe lässt sich natürlich sofort auch auf «Kirchengänger» anwenden. Wer meint, dass eine Kirchenmitgliedschaft oder gar eine Position in einer Kirchgemeinde etwas ist, wer denkt, dass alles in Butter ist, nur weil man Christ ist, der steht am gleichen Ort der Kritik. Was im Verborgenen geschieht, im Herzen, ist weitaus bedeutsamer. Paulus führt auf die persönliche Lebenseinstellung zurück. Das ist auch eine Glaubenseinstellung.

Geistliches Israel?

Noch ein paar Worte zu dieser Ersatztheologie, wonach das Volk Israel durch die heutige Gemeinde, der Körper Christi, ersetzt worden sei. Israel wird nach dieser Lehre ausser Spiel gesetzt, bzw. von der heutigen Gemeinde abgelöst. Es ist eine direkte Folge der Bündnistheologie und es ist auffällig, wie wenig in Kirchen und Gemeinden über das Israel Gottes gesprochen wird. Auch in diversen Sekten wird das noch gelehrt. Immer wieder wird dann behauptet, dass die Christen das «wahre Israel» sind. Dabei wird auf Texte wie diese zurückgegriffen. Um solche Annahmen zu entlarven, muss man den Text nur im Kontext lesen.

Es gibt keine Ersatztheologie in der Bibel. Es gibt kein Ersatz für Israel. Die Gemeinde hat eine andere Aufgabe und eine andere Berufung. Man soll beide würdigen. Als Nationen-Gläubigen wurden wir «Mitbürger der Heiligen und Glieder der Familie Gottes» (Eph 2,13-22). Wir gehören auch dazu, auf andere Art. Wir ersetzen niemanden. Paulus spricht im Römerbrief über ganz andere Dinge. Er ist zwar Theologe, aber auch Pragmatiker. Es geht ihm um die Gemeinde und er will die Gemeinde «gesundschreiben», soweit es ihm möglich ist.


Von der Unmöglichkeit zu glauben

Von der Unmöglichkeit zu glauben

Es braucht ein hörendes Herz


Du glaubst und ich glaube. Trotzdem stehen wir nicht am gleichen Ort. Wir sind weder gleich in der Erkenntnis und im Verständnis, noch ticken wir als Menschen gleich. Was Glaube ist und wie man glauben «sollte» ist deshalb nicht eindeutig zu definieren. Die Verführung liegt darin, dass einige es eindeutig definieren wollen. Das geht aber nicht. Wir können zwar Eckpunkte setzen (Röm 10,8-10), aber definieren damit nichts absolut. Das ist gut so. Glauben ist nicht eine Liste mit Dogmen oder Ideen, die ich zustimmen muss (ein «für wahr halten»), sondern zu glauben heisst «zu vertrauen». Vertrauen ist etwas anderes als «für wahr halten».

Was ist nun die Rolle der Schrift? Sie lässt uns Gottes Wort hören. Sein Geist weht durch die Schrift (2Tim 3,16-17) und eröffnet uns die Bedeutung. Was geschieht, ist eine neue Ausrichtung des Denkens. Wir schöpfen Erwartung, weil wir Seine Worte vertrauen. Wir vertrauen Gottes Wort, weil wir Ihn vertrauen. Glauben ist das Eintreten in eine Beziehung, eine Hinwendung zu Ihm, der Himmel und Erde gemacht hat. Danach können wir diese Beziehung mit Hinweisen aus der Schrift füllen, wir können unser Gottesbild ergänzen. Wir können es aber nur für uns selbst tun.

Paulus spricht trotzdem wiederholt davon, dass in Christus alle Menschen gleich sind. Was meint er damit? Er schreibt zum Beispiel:

«…wo es keinen Griechen und Juden gibt, weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit weder Barbaren noch Skythen noch Sklaven noch Freie, sondern alles und in allen Christus.»
Kol 3,11

Diese Gleichheit basiert nicht auf die Akzeptanz derselben Theologie, sondern sie basiert auf Gottes Werk in uns und dass wir nach dem Bild erneuert werden, der uns erschaffen hat (Kol 3,10). Worin wir gleich sind, ist das Wirken Gottes in unser Leben. Das ist wichtiger als alle «menschliche» Unterschiede.

Können wir das Wirken Gottes im Gegenüber erkennen? Können wir einräumen, dass du und ich unterschiedlich denken und fühlen und dadurch von Gottes Wirken abhängig sind? Weiss ich, dass Du von Gott geliebt bist? Kann ich sehen, dass meine Haltung zu Dir diese Liebe Gottes zu mir und zu Dir widerspiegeln darf?

Mut zur Lücke braucht es noch. Denn mein Verstehen ist vollkommen unvollkommen. Es ist unmöglich zu glauben, wenn alles definiert ist. Denn darum geht es nicht. Es braucht ein hörendes Herz.


Siehe, du nennst dich Jude

Siehe, du nennst dich Jude!

Es reicht nicht, sich auf die Bibel zu berufen


«Siehe, du nennst dich Jude, ruhst auf dem Gesetz aus und rühmst dich in Gott. Du kennst den Willen und prüfst, aus dem Gesetz unterrichtet, das Wesentliche. Du traust dir auch selbst zu, Leiter der Blinden zu sein, Licht derer in Finsternis, Erzieher der Unbesonnenen, Lehrer der Unmündigen, weil du die Form der Erkenntnis und der Wahrheit im Gesetz hast.»
Römer 2,17-20

Paulus nimmt kein Blatt vor dem Mund, wenn er die Gemeinde in Rom anschreibt. Wir jedoch, die fast 2000 Jahre später leben, sollten uns der damaligen Situation bewusst sein. Paulus schreibt an eine Gemeinde. Ich betone das hier, weil ich unzählige Male in christlichen Kreisen die Ideen aus diesem Text als «allgemeingültige Wahrheit über alle Juden aller Zeiten» gehört habe. Das war durchaus eine negative Einschätzung. Das Wort «Pharisäertum» oder die Rede vom «Gesetz» gehen viel zu oft unreflektiert in die christliche Sprache über.

Paulus macht jedoch keine allgemeine Aussage, sondern er richtet sich ganz konkret auf eine bestimmte Situation in der römischen Gemeinde, die ihm zu Ohren gekommen ist. Sein Verständnis ist wichtig und befreiend.

Du nennst Dich…

Halten wir fest, dass Paulus selbst ein jüdischer Mann aus Tarsis ist (Apg 21,39), der eine beispiellose Karriere im jüdischen Glauben vorwies (Phil 3,4-6). Aufgewachsen in Jerusalem hatte er das Vorrecht «Zu den Füssen Gamaliels in genauer Auslegung des väterlichen Gesetzes unterwiesen zu werden und er war ein Eiferer für Gott» (Apg 22,3). Er hatte ein grosses Verständnis für alles, was aus dem Judentum kam. Er kannte es aus eigenem Erleben und schreibt keineswegs als Antisemit. Genauso wenig wie Jesus macht Paulus pauschale Verurteilungen. Das ist ihm fern. Wir müssen verstehen, dass der Apostel auf eine Situation in der Gemeinde in Rom anspielt.

Wenn Christen voreilig vom «Pharisäertum» sprechen, und pauschal alle Juden als dem «Gesetz» verfallen einordnen, werden sie weder der Bibel gerecht, noch der Erwartung, die für uns und Israel aufbewahrt ist. Paulus ist kritisch und das zurecht, aber seine Kritik ist auf eine spezielle Situation ausgerichtet. Offenbar nämlich gibt es Leute in der Gemeinde, die aus ihrer Abstammung ein besonderer Vorteil sahen.

Paulus beschreibt das so: «Du nennst Dich Jude ruhst auf dem Gesetz aus und rühmst Dich in Gott». Der Apostel referiert an eine bestimmte Situation, worin wohl einige Juden in der Gemeinde in Rom sich selbstgerecht in Szene setzten. Das ist keineswegs neu und es ist keineswegs nur auf das Judentum begrenzt. Im Rahmen vom Brief an die Römer hat die Aussage für den Kontext eine Relevanz. Da gab es einige, die sich durchaus getrauten als Lehrer aufzutreten – auf Basis ihrer Abstammung! «Du traust dir auch selbst zu Leiter der Blinden zu sein, Licht derer in Finster, Erzieher der Unbesonnenen, Lehrer der Unmündigen…» (Röm 1,19-20).

Wir haben die Thora!

Liest man diese Stelle aufmerksam und gerade auch den Schluss vom Abschnitt, dann wird klar, dass Paulus nicht nur etwa von Abstammung sprach, sondern von einem bestimmten Verständnis:

«Du traust dir selbst zu Lehrer zu sein…, weil du die Form der Erkenntnis und der Wahrheit im Gesetz hast.»
Röm 1,19-20

Paulus sieht demnach ein Problem in der Bibelbetrachtung. Man «hat» die Thora, also «hat» man recht und also «kann» man Lehrer sein. Sehen es viele Christen heute nicht genau gleich? Man «hat die Bibel» und «also die Wahrheit gepachtet. Wer nicht so denkt und glaubt wie ich, der liegt daneben». Auch das ist eine Selbstgerechtigkeit, nicht anders als das, was Paulus hier beschreibt.

Für Paulus ist die Thora die «Form der Erkenntnis und der Wahrheit». Die Thora ist nicht mit der Erkenntnis und der Wahrheit selbst zu verwechseln. Es ist nur die Form derselben. Das ist insbesondere im Licht der Lehre der Verbalinspiration eine bedeutende Feststellung.

Wider die Selbstgerechtigkeit

Selbstgerechtigkeit ist das Übel, wogegen Paulus seine Kritik äussert. Insbesondere gilt seine Warnung gegen solche, die sich mit der Bibel brüsten. Natürlich spricht er hier direkt einige Juden in der Gemeinde an und statt «Bibel» geht es hier um die Thora. Das soll unser Blick jedoch nicht von seinem Anliegen ablenken.

Wie bereits in den vorherigen Beiträgen erwähnt, baut Paulus in Römer 1,18 bis Römer 3,20 eine Argumentation auf, worin kein Mensch mehr gerecht ist. Mal kommt diese Gruppe dran, mal jene Gruppe. Am Schluss jedoch gibt es die grosse Gleichschaltung. Keiner schafft es, aus eigener Kraft vor Gott zu bestehen. Wir sind und bleiben alle ausschliesslich von Seiner Gnade abhängig.


Das Leben als Gebet

Das Leben als Gebet

Unsere Glaubenshaltung findet Ausdruck im Gebet.


9. Dezember 2019By Karsten Risseeuw14 Minutes

Gebet als religiöse Übung

Gebet kann vieles sein. In einer organisierten Religion gibt es Zeiten des Gebets (Apg 3,1) und der Tempel wird das Haus des Gebets genannt (Mt 21,13). Es wird eine bestimmte äussere Form daran gegeben, damit man seinem Leben eine Richtung geben kann. Gerade in der Gemeinschaft können solche Fixpunkte hilfreich sein. Die Form soll jedoch nicht mit dem Inhalt verwechselt werden. Wenn Paulus der Gemeinde in Rom schreibt, dass sie «im Gebet anhaltend» sein sollten (Röm 12,12), so spricht er nicht von einer Form, sondern von einer Haltung des Glaubens. Im Abschnitt heisst es:

«Die Liebe sei ungeheuchelt! Seid solche, die das Böse verabscheuen und am Guten haften! In der geschwisterlichen Freundschaft seid einander herzlich zugetan, in der Ehrerbietung einander höher achtend, im Fleiss nicht zögernd, im Geist inbrünstig, dem Herrn als Sklaven dienend, in der Erwartung freudevoll, in der Drangsal ausharrend, im Gebet anhaltend, zu den Bedürfnissen der Heiligen beisteuernd, der Gastfreundschaft nachjagend!»
Röm 12,9-13

Dieses Anhalten im Gebet ist Teil des Abschnitts. Dies alles gehört zusammen. Gebet ist nicht auf eine bestimmte Art beschränkt. Gebet ist oft sehr unbeholfen. Im gleichen Brief hat der Apostel bereits darauf hingewiesen, dass wir nicht wissen, was wir beten sollten (Röm 8,26). Wer nicht weiss, wie er beten soll, ist dadurch in guter Gesellschaft. Es geht beim Gebet nicht um schöne Worte, auch nicht um Wortgewandtheit.

Jesus erwähnte einmal eine religiöse Selbstgerechtigkeit beim Gebet und die Gott wohlgefällige Alternative. Das Gleichnis ging so:

«Einigen, die von sich selbst überzeugt waren, dass sie gerecht seien, und die alle übrigen für nichts hielten, erzählte Er dieses Gleichnis: Zwei Männer gingen zur Weihestätte hinauf, um zu beten. Der eine war ein Pharisäer und der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand da und betete dies zu sich selbst: Gott, ich danke Dir, dass ich nicht so wie die übrigen Menschen bin, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal am Sabbat und verzehnte alles, was ich erwerbe. Der Zöllner aber stand von ferne und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug an seine Brust und sagte: Gott, sei mir Sünder versühnt! Ich sage euch: Dieser ging vor jenem gerechtfertigt in sein Haus hinab; denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.»
Lk 18,9-14

Gebet ist kein Vorzeige-Spiel. Gebet ist nicht schwierig. Wer betet, tritt in einen Raum der Gemeinschaft ein. Gebet ist eine Zwiesprache mit Gott. «Intimität» beschreibt Gebet besser als «Religiosität».

Ausrichtung des Lebens

«Freut euch allezeit! Betet unablässig! Danket in allem!»
1Thess 5,16-17

Diese Wörter schreibt Paulus der Gemeinde in Thessaloniki, Griechenland. Keine Spur von Gebetszeiten oder andere religiöse Regeln. Er geht gleich aufs Ganze: Freuet euch allezeit! Betet unablässig! Danket in allem! Dies im Leben zu integrieren geht nur durch eine Ausrichtung des Glaubens. Ich bezweifle, dass es hier um eine Quantifizierung von «sich freuen», «beten» und «danken» geht. Würden wir diesen Aufruf als Quantifizierung sehen, ständen wir bald am gleichen Ort wie der selbstgerechte Mensch aus dem vorher genannten Gleichnis. Es geht nicht um eine pausenlose Betätigung, aber um eine Ausrichtung des Herzens.

Wenn Gebet als intimes Zweigespräch mit Gott verstanden wird, dann geht es um die Beziehung und den Beziehungsraum, den wir dadurch ermöglichen. Es geht um Beziehung, mehr als um äussere Form. Ein Leben in Dankbarkeit zu führen und sich allezeit zu freuen erscheint nicht jederzeit möglich. Es ist aber jederzeit sinnvoll, das Herz darauf auszurichten. Denn Trost, Kraft und Zuversicht wachsen aus der Beziehung heraus.

Beten im Geist

Allezeit zu beten ist eine Sache, aber wie sollten wir das tun? Sollten wir leise flüsternd durch das Leben gehen und für alle Umstehenden als weltfremde Spinner gelten, die ständig im «Selbstgespräch» sind? Das wäre wohl kaum die Absicht des Apostels gewesen. Der Gemeinde in Ephesus schreibt Paulus:

«Bei allem Gebet und Flehen betet zu jeder Gelegenheit im Geist! In allem seid dazu anhaltend wachsam, auch im Flehen für alle die Heiligen und für mich…»
Eph 1,18

Daraus lässt sich ableiten, dass Gebet zwar nicht «ununterbrochen» ist, aber doch zum täglichen Leben gehört. Gebet ist ein fester Bestandteil. Oft spricht der Apostel von seinen eigenen Gebeten. Er lebt vor, was er schreibt. Im Epheserbrief schreibt er zu beten «im Geist». Das ist etwas anderes als beten «in Worten». Was meint er hier?

An anderer Stelle schreibt der Apostel, dass die Kolosser eine «Liebe im Geist» haben (Kol 1,8). Nun ist Liebe etwas, das sich zeigen muss. Liebe schwebt nicht, sondern sie zeigt sich und ist immer praktisch. Geistlich ist es nur als Ausdruck eines geistlichen Lebens. Ich deute nun auch das «beten im Geist» so, dass es um ein geistliches Gebet handelt, nämlich mit Gottes Zielen vor Augen, und aus Seiner Gnade heraus.

Einige mögen diesen Text charismatisch deuten und das Beten im Geist als «Zungenreden» erklären. Davon spricht Paulus in diesem späten Brief jedoch mit keinem Wort. Bereits im Korintherbrief hat er angegeben, dass dieses Zungenreden aufhören würde, wenn die Reife kommt (1Kor 13,8, vgl. Eph 4,13). Das Reden in Zungen ist ein «sprechen» und kein Gebet. Paulus ermahnt die Korinther, dass derjenige, der in Zungen spricht, beten möge, dass man es auch übersetzt (1Kor 14,13). Beten und Zungenreden sind verschieden.

Paulus geht es in all diesen Texten um die Entwicklung der Gemeinde und um unsere Lebens- und Glaubenshaltung. Es sind Gemeindebriefe, die vom Miteinander sprechen von allen, die dieselbe Berufung und Erwartung teilen. Mit seinen Briefen versucht er allen Zuhörern (Lesern, vgl. Kol 4,16) dieselbe Geisteshaltung zu vermitteln.

Auffällig ist, dass Paulus in vielen Briefen sein eigenes Gebet erwähnt, im Hinblick auf die Gemeinde, an die er schreibt. Ebenso können wir selbst das Gebet handhaben: Beten kommt vor Reden. Beten nämlich ändert den Beter. Gebet ist kein magischer Knopf, womit Gott in Bewegung gesetzt wird. Gebet ist Ausdruck des Vertrauens, des Gottvertrauens, des Glaubens. Es ist der Einstieg in die Gewissheit, dass Gott über allem steht und Er es wohl macht. So beten wir füreinander und für Andere (Jak 5,16, vgl. Kol 4,3, 1Thess 5,25).

In unserer Zeit wird alles danach beurteilt, welches Resultat dabei herauskommt. Resultat orientiertes Beten und Glauben sind wesentlich nichts anderes als ein Wunderglauben. Man will sehen und spüren und Gottes Macht in dieser Welt erfahren. Tatsächlich gibt es davon viele Beispiele in der Bibel, dass Gott in der Geschichte wirkt. Es ist eine Grundlage für unser Gottesverständnis. Aber… Gott handelt nicht zu jeder Zeit gleich, noch ist Gebet eine magische Handlung. Wenn wir verstehen, dass Paulus ein geistliches Gebet vor Augen steht, dann können wir in einen Raum der Begegnung eintreten. Darin bin ich selbst aufgehoben und in der Nähe Gottes darf ich alles von Ihm erwarten.

Gebet als Ausdruck

Wenn ich bete, atme ich. Wenn ich atme, lebe und danke ich. Stehe ich in Gemeinschaft mit meinem Gott und Vater, dann erfüllt mich das mit Freuden. Ich trage Seine Zusagen für diese Welt in mir. Ich bin zuversichtlich wegen Kreuz und Auferstehung, dass Gott Seine Ziele durch Christus auch erreicht. Darauf vertraue ich. Das glaube ich. Das spreche ich aus, mit oder ohne Worte.

Nicht jeder Mensch ist gleich. Wie wir Gemeinschaft erfahren, das ist unterschiedlich. Wie wir Gemeinschaft mit anderen Menschen oder auch mit Gott pflegen möchten, das ist abhängig von unserem Verständnis, unserer Lebenssituation und tausend anderer Sachen. Im Gebet jedoch fallen alle äusserliche Dinge weg. Gebet ist der Platz, wo wir unmittelbar in die Beziehung eintreten können.

Unsere Glaubenshaltung findet Ausdruck im Gebet.


Gesunde Vernunft

Gesunde Vernunft

Ein nüchterner Glaube äussert sich in Kraft, Liebe und gesunde Vernunft.


2. Dezember 2019By Karsten Risseeuw14 Minutes

Was «Glaube» ist oder sein soll ist für viele nicht klar. Nicht wenige fühlen sich unsicher. Das Problem ist häufig die Frage «Wie glaube ich richtig?». Das ist verständlich. Wer unsicher ist, will gerne etwas richtig tun. Solche Not zeigt aber auch, was in Gemeinden und Gemeinschaften gelehrt wird. Leider. Gott selbst wird häufig als derjenige geschildert, der dieses und jenes von uns verlangt. Damit sind wir plötzlich von einem schlichten «Glauben» (wörtlich: Vertrauen) zu einem gesetzlichen Denken abgerutscht – als müssten wir etwas erfüllen, etwas tun, bevor Gott uns begegnen kann. Aber ist das so? Oder spricht das Evangelium der Gnade gerade von etwas anderem?

Mancher Glaubensweg fangt wunderbar an, getragen von Gottes Gnade, aber dann kommt die christliche Subkultur, die ein Raster für «Richtig» und «Falsch» vorgibt. Damit sind die Probleme vorprogrammiert. Paulus erkannte dies ähnlich als er die Gemeinde in Galatien schrieb:

«O ihr unvernünftigen Galater, wer hat denn euch bezaubert, vor deren Augen Jesus Christus als Gekreuzigter gezeichnet wurde? Nur dies eine will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist aus euren Gesetzeswerken erhalten oder beim Hören von seinem Glauben? So unvernünftig seid ihr? Habt ihr im Geist den Anfang unternommen, um ihn nun im Fleisch zu vollenden?»
Galater 3,1-3

Man kann gut anfangen, aber falsch enden. Man kann von Gnade in Gesetzlichkeit abrutschen. Man kann von Kraft zu Krampf absteigen. Dabei sollte aber gerade der Gegensatz stattfinden. Paulus schreibt Timotheus, seinem «Kind im Glauben» (1Tim 1,2; 2Tim 1,2):

«Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft und der Liebe und der gesunden Vernunft gegeben.»
2Tim 1,7

Mit diesen Worten ermutigt Paulus seinem Mitarbeiter. Keine Verzagtheit, sondern Kraft, Liebe und gesunde Vernunft! Es ist, als rüttelt Paulus Timotheus wach. Das sind klare Worte. Offenbar hat Timotheus gerade dies gebraucht. Wie gut, dass nun auch wir von diesen Worten lernen können. Es ist auch ein Gegensatz, nämlich «nicht dies», «sondern das». Hier liest man, wie gesunder Glaube auf den Punkt gebracht wird. Kraft, Liebe und gesunde Vernunft sind das, was aus einem gesunden Glauben hervorgehen sollte. Das sollte die Frucht des Evangeliums kennzeichnen. So sollten wir im Leben stehen.

Schauen wir diese Ermutigung etwas näher an.

Kraft

Kraft ist die Fähigkeit zum Vollbringen (Mt 25,15). Das Wort vom Kreuz, schreibt der Apostel, ist zwar denen, die umkommen, eine Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft (1Kor 2,18). Das Kreuz ist der Ausdruck von Gottes Fähigkeit zum Vollbringen. Paulus hat nie auf seine eigene Kraft gebaut, sondern ging stets davon aus, dass er und die anderen Glaubenden von Gottes Kraft getragen sind.

«…und mein Wort und meine Heroldsbotschaft bestand nicht in überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht in der Weisheit der Menschen, sondern in der Kraft Gottes gegründet sei.»
1Kor 2,4-5

Liebe

Die selbstlose Liebe (gr. agape) ist das Wesen Gottes (1Joh 4,8). Sie ist ausgegossen in unseren Herzen:

«Die Erwartung aber lässt nicht zuschanden werden, weil die Liebe Gottes in unseren Herzen ausgegossen ist durch den uns gegebenen heiligen Geist.»
Röm 5,5

Heiliger Geist ist uns gegeben und ebenso ist dadurch die Liebe Gottes in unseren Herzen ausgegossen worden. Es sind zwei positive Bestätigungen der Realität. Wer glaubt, hat die Liebe Gottes erfahren. Sie ist unverrückbarer Teil seiner Gnade. Wir haben die Liebe Gottes nicht nur gesehen und erfahren (in Christus), sondern diese selbe Liebe auch durch seinen Geist erhalten. Wenn wir im Glauben stehen und im Vertrauen leben, wird dieser Glaube durch Liebe nach aussen wirksam werden. Wir dürfen mit seiner Liebe rechnen und sollten keinen Vergleich mit unserer eigenen (fehlenden) Liebe machen. Glaube ist Vertrauen darauf, dass Gott mittels seines Geistes in Dir und mir wirkt, ebenso wie Er an der Welt wirkt. Glaube ist immer auf das Resultat orientiert. Liebe ist davon der Ausdrucksform.

«Denn in Christus Jesus vermag weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit etwas, sondern nur der Glaube, der durch die Liebe wirksam ist.»
Gal 5,6

Liebe ist zentral im Glauben. Liebe ist weit wichtiger als jede Theologie, als jedes Verständnis. Allerdings ist es angebracht immer wieder darauf hinzuweisen. Wir sollten einen guten Kurs beibehalten. Wir stehen darin nie allein.

«Im Übrigen, Brüder, freuet euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch zusprechen, seid gleichgesinnt, haltet Frieden, und der Gott der Liebe und des Friedens wird mit euch sein.»
2Kor 13,11

Gesunde Vernunft

Der dritte Begriff, der Paulus in seinem Brief an Timotheus erwähnt ist «gesunde Vernunft» (gr. sophronismos). Es geht um einen «Geist der … […] …gesunden Vernunft». Als Sprachfigur des Zusammenhangs geht es um geistliche Vernunft, um eine geistliche Haltung. Es ist kein «Ingredient» (als müssten wir diesen Geist irgendwo abholen), sondern es betrifft die Ausrichtung unseres Geistes.

Im Markus-Evangelium lesen wir wie Jesus einen dämonisch Besessenen heilte, der danach bekleidet und ganz «vernünftig» (gr. sophroneo) war (Mk 5,15).

Gesunde Vernunft prägt einen gesunden Glauben. Es braucht keine Schwärmerei, aber auch keine falsche Unterwürfigkeit unter religiöse Regeln. Wenn der gesunde Lebensdrang unterbunden wird, soll man gesunde Vernunft walten lassen und klärend sprechen. Es gibt bereits zu viele Religionsgeschädigte.

Keinen Geist der Verzagtheit

Paulus war fortgeschrittenen Alters als er Timotheus schrieb. Timotheus dagegen war ein junger Mann, betreut mit anspruchsvollen Aufgaben. Nun konnte Paulus dem Timotheus aus seiner Lebens- und Glaubenserfahrung ermutigen. Er soll die «Gnadengabe Gottes, die durch Auflegen meiner Hände in dir ist, wieder anfachen» (2Tim 1,6). Offenbar stand Timotheus in der Gefahr entmutigt zu werden, als würden die Aufgaben ihn über den Kopf wachsen.

«Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft und der Liebe und der gesunden Vernunft gegeben.»
2Tim 1,7

Paulus erinnert ihn daran, was  Gott uns gegeben hat. Timotheus soll an Gottes Zusagen festhalten. Verzagtheit entspringt der eigenen Wahrnehmung. Timotheus soll eine andere Position einnehmen. Was hat Gott uns gegeben? Keinen Geist der Verzagtheit, sondern einen Geist der Kraft und der Liebe und der gesunden Vernunft. Diese drei Dinge gehören zusammen. Wir könnten es vielleicht auch als «kraftvolle, vernünftige Liebe» oder als «liebevolle Vernunft zum Vollbringen» oder ähnlich benennen. Gemeint ist eine Geisteshaltung. Diese drei Dinge ergänzen sich. Sie werden in einem Atemzug genannt und es ist einen Geist «der Kraft und der Liebe und der gesunden Vernunft».

Keine Verzagtheit, aber auch keine falsche Frömmigkeit. Kein Fokus auf die eigene Schwäche, sondern auf Gottes Kraft und Liebe. Daraus wächst Zuversicht und ein durch Glauben gestärktes Menschsein. Als Christ sollten wir nüchtern sein, gesunde Vernunft zeigen, und uns darüber Gedanken machen, was wesentlich ist (Phil 1,9-10). An anderer Stelle schreibt Paulus, dass wir uns sollen «umgestalten lassen durch die Erneuerung eures Denksinns, damit ihr zu prüfen vermöget, was der Wille Gottes sei – der gute, wohlgefällige und vollkommene» (Röm 12,1-2). Dies läuft wie ein roter Faden quer durch seine Briefe hindurch. Gesunde Vernunft zeigen, in Liebe, ist Ausdruck eines kraftvollen Glaubens. Paulus ist nüchtern, aber voller Liebe und Kraft, denn das entspricht dem Evangelium.

Wer so sein Glauben gestaltet, der wird mündig und unabhängig. Überall dort, wo andere über unseren Glauben bestimmen wollen, wo die Gnade Gottes in Christus Jesus durch dogmatische Vorgaben, Traditionen, von vermeintlich geistlichen Spezialeffekten, von ideologischen Vorgaben oder von einer Personenabhängigkeit bedroht sind, sollten wir auf eine gesunde Distanz gehen. Gesunde Vernunft ist eben gerade das, was uns in dieser Welt dabei hilft, einen gesunden Glauben zu entwickeln.


Gibt es die ewige Verdammnis?

Gibt es die ewige Verdammnis?

Ein kritischer Blick auf die Idee einer ewigen Verdammnis


Gerade habe ich ausführlich nach dem Begriff «ewige Verdammnis» gesucht. Erstaunlicherweise gibt es dazu zwar eine Menge Texte, jedoch keine Bibelverweise. Die sogenannte «ewige Verdammnis» ist in der Bibel nicht aufzufinden, wird aber gerne dort hineinprojiziert.

Gibt es eine ewige Verdammnis? Die kurze Antwort lautet: Nein. Die längere Antwort verlangt natürlich Begründungen. Eine grundlegende Feststellung sollte aber sein, dass es ein Begriff wie «ewige Verdammnis» in der Bibel nirgendwo gibt. Mann muss also keine Bibelstellen «widerlegen», denn es gibt keine Bibelstellen dazu.

Die Bibel nennt nirgendwo eine «ewige Verdammnis».

Die Bibel spricht nicht von einer «ewigen Verdammnis», an keiner einzigen Stelle. Der Ausdruck entlarvt sich dadurch als fremdes Gedankengut, das in die Bibel hineingeschleust wurde. Natürlich darf jeder an einer ewigen Verdammnis glauben, aber die Unterstützung aus der Bibel kann man nicht für seine Meinung in Anspruch nehmen.

In der Regel wird so argumentiert: Es gibt eine ewige Verdammnis, weil… Danach folgen dann verschiedene Bibelstellen, die nicht von einer ewigen Verdammnis sprechen, die aber so interpretiert werden. Man sucht sich also Bibelstellen aus, die auf die eigene Lehrmeinung zurechtgebogen werden.

Beispiel «Ewige Strafe»

In Matthäus 25,46 wird folgendes gesagt:

«Und diese werden in die ewige Strafe gehen, die Gerechten aber ins ewige Leben
Schlachter 2000

Diese Stelle wird immer wieder in einem Atemzug mit einer ewigen Verdammnis genannt. Eine grundtextnahe Übersetzung wirft jedoch schon viel Licht auf diese Stelle:

«So werden diese in die äonische Strafe gehen, die Gerechten aber in das äonische Leben.»
Konkordantes Neues Testament (KNT)

Ewig ist nicht endlos

Vergleicht man die beiden Übersetzungen, dann gibt es frappante Unterschiede. Statt «ewig», nämlich «endlos», geht es hier um «äonisch». Die Rede von Jesus in Matthäus 24 und 25 ist die Antwort auf die Frage der Jünger «Sage uns, wann wird dies sein, und welches ist das Zeichen Deiner Anwesenheit und des Abschlusses des Äons?» (Mt 24,3 KNT). Die Jünger standen in einer Erwartung, dass die heutige Zeit durch ein neues Zeitalter, durch einen neuen Äon, abgelöst wird. Jesus hatte ihnen für diesen kommenden Äon äonisches Leben versprochen:

«Dann begann Petrus Ihn zu fragen: Siehe, wir haben alles verlassen und sind Dir gefolgt: was wird wohl unser Teil sein? Jesus entgegnete ihm: Wahrlich, ich sage euch… […] …und im kommenden Äon äonisches Leben.»
Mk 10,28-30 KNT

Die Jünger erhalten «im kommenden Äon äonisches Leben». Ihnen wird kein endloses Leben zugesprochen, sondern ein Leben für die Dauer des kommenden Äons. Was danach kommt ist kein Thema der Aussage.Jesus spricht nicht über eine fiktive Ewigkeit, sondern sehr konkret über die Erfüllung bestimmter Verheissungen. Es ging um das Königreich der Himmel, das jetzt «nahe» gekommen war. Der Anbruch dieses Reiches markiert einen Übergang von dieser Zeit (diesem Äon) in die nächste Zeit (kommender Äon).

Der kommende Äon ist etwas anderes als eine fiktive endlose Ewigkeit, die erst viel später in solche Stellen hineinprojiziert wurde. Was äonisch ist, das betrifft dieses kommende messianische Zeitalter. In den Evangelien spricht Jesus häufig vom kommenden (messianischen) Königreich. Dabei geht es um einen Kontrast zwischen dieser Zeit und der kommenden Zeit, zwischen diesem Zeitalter und dem kommenden Zeitalter, zwischen diesem Äon und dem kommenden Äon (z.B. Mt 12,32; Lk 20,34-35).

Ewig ist nicht endlos. Es geht nicht um eine Quantität, sondern um eine Qualität. Es geht für die Jünger darum, dass sie dann in dieser neuen Zeit dabei sind. Was Jesus erzählt, war für Seine Zuhörer logisch. Es war das, was sie aus der Tenach, dem Alten Testament, als Ausblick kannten. Es war das von den Propheten verheissene Königreich. Von einer endlosen Ewigkeit wusste noch niemand etwas. Mehr dazu in der Artikelreihe «Was ist die Ewigkeit?».

Eine «ewige Strafe» ist demnach keine «endlose Strafe», sondern eine Strafe im Zusammenhang mit diesem kommenden Äon. Zwei Kapitel lang erklärt Jesus wie der Übergang von diesem Äon in den nächsten Äon stattfindet. Es gibt Nationen (darum geht es im Zusammenhang), die eine äonische Strafe über sich bringen.

Ewige Strafe für einige Nationen

Ein nächster Punkt ist der Ausdruck «ewige Strafe». Wen betrifft dies? Nun, Jesus spricht im Kontext von ganzen Nationen (Mt 25,32ff. siehe auch den Beitrag «Schafe und Böcke»). Es geht hier weder um ein Endgericht noch um eine ewige Verdammung von einzelner Menschen, noch darum, ob man an Jesus glaubt. All dies wird mit keinem Wort erwähnt.

Die «ewige Strafe» ist eine Strafe, die im kommenden Äon, in diesem kommenden Zeitalter (und nur dann) eine Rolle spielt. Das ist keine Qual, sondern eine Strafe. Das griechische kolasis ist eine Strafe mit dem Zweck der Gesundung und Korrektur. Es ist unwahrscheinlich, dass dies ein Zuckerschlecken wäre, aber bestimmt wird hier keine endlose Verdammung ausgedrückt. Das Wort erscheint sonst nur noch im ersten Johannesbrief:

«Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die furcht hinaus, weil die Furcht es mit Strafe zu tun hat.»
1Joh 4,18

Weder hier noch im Matthäusevangelium lässt sich eine «ewige Verdammnis» herauslesen. Weitere Vorkommen vom Wort gibt es im Neuen Testament nicht. Der Verb kolazo findet sich noch in 2Pet 2,4, wo es darum geht, dass die zu Bestrafende bis zum Gericht verwahrt werden. Damit ist keine Endgültigkeit, sondern eine vorübergehende Situation gemeint. Es ist kein Gericht, aber die Verwahrung bis zum Gericht. Ebenso lässt sich in Apg 4,21 keine «ewige Verdammnis zurückfinden». Je nach Handschrift gibt es noch ein letztes Vorkommen in 1Pet 2,20, jedoch auch dort gibt es keinen Hinweis darauf, dass Gott Menschen «für ewig verdammt».

Bibelübersetzungen und «Verdammnis»

Für einen interessierten Bibelleser ist es essenziell zu verstehen, dass nicht alles was man von der Bibel hält auch in der Bibel bezeugt wird. Wer eine gesunde Glaubensgrundlage vor Augen hat, muss zwischen beiden unterscheiden. Einiges steht tatsächlich in der Schrift, während anderes dort nur hineinprojiziert wird. Zu den eingeschleusten Gedanken gehören Begriffe wie «Hölle», «Freier Wille», «Ewige Verdammnis» und dergleichen mehr. Sie stehen echt nirgendwo. Allerdings beziehe ich mich bei dieser Aussage auf den Grundtext. Dort werden diese Dinge nicht genannt.

In Übersetzungen dagegen findet man solche Begriffe, jedoch werden sie keineswegs einheitlich übersetzt. Das sieht man am besten, wenn man ein paar Bibelübersetzungen miteinander vergleicht (Link anklicken):

Bei diesen drei Übersetzungen findet man zwar «Verdammnis», in anderen Übersetzungen jedoch gar nirgendwo. Der zusammengestellte Ausdruck «ewige Verdammnis» gibt es aber an keinem Ort. Das ist ein Hirngespinst.

Die Unterschiede zwischen den Übersetzungen sind beträchtlich. Daraus lässt sich auf Anhieb erkennen, dass sich die Übersetzer keineswegs einig sind, wo und wann eine solche Übersetzung angebracht ist. Die Verdammnis wird mal hier oder mal dort hineingelesen. Ausserdem zeigt sich aus der fehlenden Überseinstimmung, das immer wieder andere Wörter genutzt werden, um dieselben Begriffe aus dem Grundtext zu übersetzen, oder unterschiedliche griechische Wörter werden mit Verdammnis übersetzt. Deshalb hören wir heute etwas ganz anderes als die ersten Zuhörer von Jesus oder den Aposteln. Hier muss man konsequent nachfragen, weshalb an jeder Stelle «Verdammnis» genutzt wird und nicht ein anderes Wort?

Luther 2017 übersetzt am häufigsten mit Verdammnis:

  • Mt 7,13 gr. apoleia (Umkommen, Untergang, Verschwendung. Siehe auch hier)
  • Mt 23,33 gr. geenna (Gehenna. Siehe auch hier)
  • Lk 23,40 gr. krima (Urteil, Urteilsspruch, das Ergebnis des Richtens)
  • Röm 3,8 gr. krima (Urteil, Urteilsspruch, das Ergebnis des Richtens)
  • Röm 5,16 gr. krima (Urteil, Urteilsspruch, das Ergebnis des Richtens)
  • Röm 5,18 gr. krima (Urteil, Urteilsspruch, das Ergebnis des Richtens)
  • Röm 8,1 gr. katakrima (Verurteilung, als Urteilsspruch, das Ergebnis des Richtens)
  • 2Kor 3,9 gr. katakrisis (Verurteilung. Sprachfigur «Dienst der Verurteilung»)
  • Phil 1,28 gr. apoleia (Umkommen, Untergang, Verschwendung. Siehe auch hier)
  • Phil 3,19 gr. apoleia (Umkommen, Untergang, Verschwendung. Siehe auch hier)
  • 1Tim 6,9 gr. apoleia (Umkommen, Untergang, Verschwendung. Siehe auch hier)
  • 2Pet 3,7 gr. apoleia (Umkommen, Untergang, Verschwendung. Siehe auch hier)
  • 2Pet 3,16 gr. apoleia (Umkommen, Untergang, Verschwendung. Siehe auch hier)
  • Offb 17,8 gr. apoleia (Umkommen, Untergang, Verschwendung. Siehe auch hier)
  • Offb 17,11 gr. apoleia (Umkommen, Untergang, Verschwendung. Siehe auch hier)
  • (Sir 41,10 Apokryph, nicht berücksichtigt)

Auffallend sind zwei Dinge: Erstens sieht man hier recht deutlich den Willkür der Übersetzung. Zweitens wird am häufigsten das Wort apoleia genutzt, für die Hälfte der Referenzen.

apoleia

Der Wortstamm ist verwandt mit dem Wort für «verlieren, umkommen» (oft übersetzt mit «verloren gehen») und besteht aus den zwei Wortteilen apo und olumi, was etymologisch als «ganz-auflösen» verstanden werden kann. Wenn dieses Wort vorkommt, wird ein Untergang hier auf Erden beschrieben, der dann möglicherweise mit dem Tod endet. Der Begriff beschreibt jedoch nichts über den Tod hinaus. Wer ein Konkordantes Neues Testament besitzt, kann alle diese Informationen bequem in der Stichwortkonkordanz am Schluss der Bibelausgabe nachschlagen. Dort finden sich alle Begriffe, geordnet nach den griechischen Wörtern.

Entwirrung der Verwirrung

Eine ewige Verdammnis wird in der Bibel nirgendwo genannt. Das Wort Verdammnis wurde als willkürliche Übersetzung entlarvt. Wenn sich ein solcher Begriff in Luft auflöst tun wir gut daran, es nicht wieder zu nutzen. Stattdessen geht es um die Begriffe, die tatsächlich erwähnt werden. Es wird schliesslich nichts weggenommen, sondern es wird nur eine Begrifflichkeit als falsch erkannt. Das ist sozusagen die Vorbedingung dazu, dass wir der Bibel näher kommen können. Wir dürfen die Verwirrung entwirren und zu einer besseren Grundlage kommen.


Lebensbejahend glauben

Lebensbejahend glauben

Entwicklung im Glaubensverständnis


Verrückt. Irgendwann ist es passiert. Wann genau, das kann ich nicht mehr sagen. Irgendwann jedoch landete ich in rigiden Glaubensvorstellungen. Es hat Jahre gebraucht, bis ich da wieder rausfand.

Entwicklung ist das Normale

Der Apostel Paulus wies immer wieder auf seinen eigenen Glaubensweg hin, und darauf, dass es eine Entwicklung gab. Er begann seinen Weg als Schüler von Gamaliel, einem berühmten jüdischen Lehrer in Jerusalem. Von einem Eiferer für die Tradition wurde er ein Verfolger der Gemeinde (Phil 3,4-7). Dann, auf dem Weg nach Damaskus, begegnete ihm Jesus in einer Vision (Apg 9,3-6). Diese Begegnung hat sein Leben radikal verändert. Von einem Verfolger der Gemeinde wurde er zu einem glühenden Anhänger von Jesus und zum wichtigsten Theologen der ersten Jahrzehnten.

Paulus hat eine Entwicklung durchgemacht. Das ist nicht bloss ein «Bekehrungserlebnis», sondern er hat in den nachfolgenden Jahren eine weitere Entwicklung durchgemacht. Er hat von Jesus selbst dazu gelernt (Gal 1,11-12).

Paulus ist hier nur ein Beispiel. Es könnten weitere Beispiele aus dem Alten und Neuen Testament genannt werden, woraus eine deutliche persönliche Entwicklung des Menschen hervorgeht. Entwicklung ist das Normale und Gesunde.

Rigide Glaubensvorstellungen

Ich weiss gar nicht wie es passiert ist, aber irgendwann habe ich festgestellt, dass ich in einer Glaubensumgebung gelandet war, der von rigiden Glaubensvorstellungen nur so strotzte. Wie kam es dazu?

Als ich zum Glauben kam war das unspektakulär. Es war das Resultat einer längeren Auseinandersetzung. Ebenso wie bei Paulus, hat diese Erfahrung meinem Leben eine völlig neue Richtung gegeben. Ich trat in eine Beziehung ein. Ich vertraute Gott. Ich glaubte. Dieser Prozess war recht einfach. Ich hatte über viele Monate hinweg die Bibel gelesen und gebetet. Dann war es, wie wenn die Sonne aufging. Ich erfuhr, dass Sein Geist mit unserem Geist bezeugt, dass wir Kinder Gottes sind (Röm 8,15-16). Unspektakulär, aber nachhaltig, lebendig, voller Zuversicht und Neugierde.

Was ich danach wollte war ebenso einfach: Ich möchte Gott kennenlernen und Jesus Christus, meinen Herrn. So hatte ich das gelesen und so hatte ich es erlebt. Das Lesen und das Erfahren war kongruent. Also wollte ich mehr davon.

Zu dieser Zeit war ich in der Evangelisch-reformierten Kirche daheim. Die war sehr offen, aber von der Bibel habe ich kaum etwas erfahren. In der Volkskirche war Glaube nicht unbedingt ein Thema oder ein völlig abstrahierter ferner Gedanke. Für mich war das aber nicht genug. Ich wollte mich konkret mit der Bibel auseinandersetzen. Ich wollte dazulernen. Ich wollte verstehen lernen, was es heisst «Christ» zu sein. Deswegen suchte ich auch Kontakt mit anderen Menschen, die ebenso unterwegs waren.

Das dürfte Vielen so gehen: Durch Mangel an Bezug zur Bibel wandern Menschen zu Freikirchen ab. Hier wurde tatsächlich die Bibel geöffnet. Es wurde aus der Bibel gepredigt. Es wurde lebendig dargestellt. Es gab Hauskreise, Bibelkreise und dergleichen mehr. So konnte ich vom Austausch und von vielen neuen Gedanken profitieren. Es ging vorwärts!

Es geschah jedoch auch etwas anderes. Das fiel mir zuerst gar nicht auf. Ich hatte meinen Glaubensweg gerade angefangen. Ich lernte dazu, sammelte aber auch Eindrücke, die ich noch nicht einordnen konnte. Zweifellos habe ich viel Gutes erlebt. Ruckzuck war ich auch in einer theologischen Ausbildung, denn mein Hunger nach der Bibel war gross. Dort geschah dasselbe: Vieles war grossartig, einiges war unklar. Was noch unklar war, was ich nicht auf Anhieb verstand, das habe ich einmal beiseite gelegt. Das war nicht so wichtig und würde sich schon klären.

Und da geschah es, allmählich, dass bestimmte Glaubensvorstellungen Einzug hielten, rigide Glaubensvorstellungen, beispielsweise über die Frage wer Christ ist, wann Glauben anfängt, wie man sich zu verhalten hat, was gut ist und was schlecht. Rigide Ansichten über Sexualität, Beziehungen und vielen Sachen mehr. Schleichend haben diese Vorstellungen auch mich beeinflusst.

Ein Thema wobei immer wieder Widersprüche auftauchten waren die Ideen über Himmel und Hölle. Bei diesem Punkt habe ich als erstes angesetzt und zu prüfen angefangen. Es gab jedoch auch persönliche Themen, die eine ungünstige Entwicklung beeinflusst haben.

Programme im Kopf

Wie kommt man zu den eigenen Glaubensvorstellungen? Das ist nicht immer so klar. Zwar zögern viele nicht zu sagen, dass ihr Verständnis sich «ganz auf die Bibel abstützt», aber ich habe es selten so erlebt, dass dies tatsächlich der Fall war. Weshalb jemand Christ wird oder weshalb man in dieser oder jener Kirche landet ist oft gar nicht so klar, sondern bloss eine Aneinanderreihung von Zufällen. Darüber hinaus sind wir gar nicht so frei, wie man uns gerne glauben lässt.

Jeder hat Programme im Kopf. Es sind Vorstellungen und Reaktionen, die man gelernt hat. Es sind Glaubenssätze über das Leben, über Beziehungen, über wie Mann und Frau zu sein hat, über Glauben und was das bedeutet und dieser Dinge mehr. Man hat sie gelernt, weil sie das Überleben in bestimmten Situationen gesichert haben. Man hat etwas gemacht, um dazuzugehören, um etwas zu erreichen. Es sind Spielarten des Lebens, Verhaltensweisen, Denkmuster, die oft unbewusst auf Jahrzehnten hinaus unser Leben und Denken beeinflussen. Die eigenen Glaubenssätze oder die der Gemeinde gehören ebenso dazu.

Bestimmt haben sich solche Programme im Kopf einst bewährt, aber das heisst noch lange nicht, dass sie für die Ewigkeit gemacht wurden. Leben ist Veränderung. Das gilt für alle Lebensbereiche. Das gilt für das persönliche Leben ebenso wie für eine Glaubensgemeinschaft. Wer immer die gleichen Programme im Kopf abspult verharrt in der Vergangenheit, statt dass man das Leben zur Fülle bringt. Ein Verharren in «unverrückbaren Erkenntnissen» ist da wenig hilfreich. Fast makaber erscheint die Wahrnehmung, dass man unverrückbar an bestimmten religiösen Annahmen festhält, dabei aber Gottes Gnade und Sein Wirken (für sich selbst oder für andere) ganz aus dem Auge verliert.

Ähnliches gilt auch für die Ausprägung unseres Glaubens. Dieses ist immer persönlich, begrenzt, und auch in der Zeit verankert. Es ist nicht fix, und wer die Ausprägung seines Glaubens an der Realität des Lebens anpasst tut dies nicht weil er etwa Gott oder Jesus den Glauben aufkündigt, sondern gerade weil die Lebendigkeit und Wahrhaftigkeit bewahrt werden sollen. Wenn das Leben mit dem Glauben nicht mehr kongruent ist, gibt es einen Handlungsbedarf. Programme im Kopf werden bei einer gesunden Entwicklung durch bessere Dinge ersetzt werden. Das ist das Normale. Logischerweise werden unpassende, veraltete, nicht-lebensfähige Ideen abgelegt, damit etwas Neues entstehen kann.

Glaubensvorstellungen können und müssen immer wieder neu überdacht werden. Wir wachsen, wir entwickeln uns, und kein Bereich sollte da ausgeschlossen bleiben.

Neuorientierung wagen

Mehrfach habe ich mich in meinem Leben und in meinem Glauben neu orientieren müssen. Es ist nicht nur das Normale, sondern es ist auch von Gott gewollt. Die Analogie vom Erwachsen-werden wird auch in der Bibel zitiert. Von Kind wird man Teenager und vom Teenager wächst man in das Erwachsenenalter hinein. Ebenso sollten wir im Glauben erwachsen werden:

«…bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zum gereiften Mann, zum Mass des Vollwuchses der Vervollständigung des Christus, damit wir nicht mehr Unmündige seien…»
Eph 4,13-14

Hier steht nicht, dass wir alle dasselbe glauben sollten, sondern dass eine «Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes» realisiert wird. Keine Gleichschaltung, sondern ein Erwachsen-werden. Dieser Prozess hat mit der Vervollständigung des Christus zu tun, mit der Fülle, die aus Ihm kommt. Wer immer in der Vergangenheit lebt, im eigenen alten Schmerz, in der Tradition, in der Unfreiheit, der kann nicht zu dieser Fülle gelangen. Paulus dagegen weist darauf hin, dass wir «nicht mehr Unmündige sein sollen…».

Fühle Dich nicht gebunden durch die Unfreiheit der Anderen.

Mündigkeit setzt voraus, dass wir Verantwortung für uns selbst übernehmen. Nur wer Verantwortung für sich selbst übernimmt kann lebensbejahend werden. Keiner kann dich dazu verdonnern, im alten Schmerz hängen zu bleiben, in Unfreiheit sein Dasein zu fristen, in Angst seine Tage zu erfüllen und in nichts zur Freiheit des Christus zu kommen. Das liest sich nirgendwo in der Bibel und das ist nicht Gottes Wille für Dich. Gott ist nicht so. Wenn Deine Glaubensgemeinschaft Dein Leben missachtet, aber nichts von deren Angaben in der Bibel zurückzufinden ist, dann fühle Dich nicht gebunden durch die Unfreiheit der Anderen.

Beispiel

Ein Beispiel aus eigener Erfahrung:

Ich habe in meiner Jugend die Scheidung meiner Eltern erlebt. Das passierte einfach. Ich konnte nichts dafür, aber die Erfahrung wurde Teil meines Lebens. Für mich selbst habe ich dann bestimmt, dass ich keine Scheidung wollte. Ich landete in Kreisen, worin die Scheidung von Christen verpönt war und das war mir recht. Hat Gott nicht gesagt, dass Er Scheidung hasst? (Mal 2,16) Mir fiel nicht auf, dass diese Auslegung ganz und gar nicht mir der Schrift übereinstimmte. Texte wie diese wurden und werden aus dem Zusammenhang gerissen und sollten etwas aussagen, das häufig gar nicht da steht. Diese Erkenntnis kam erst viel später, als ich selbst plötzlich auf der Strasse stand, in eine Scheidung geriet und mein geistlicher Horizon wie weggefegt war.

Meine Ausprägung des Glaubens hatte keine Option für Schiffbruch beinhaltet. Und die Kreisen worin ich mich bewegte, sagten einhellig: Einmal ein Schiffbruch, nie wieder Kapitän! Manche sagten, dass man zwar beim Standesamt eine Scheidung einreichen konnte, aber «vor Gott» bleibt man «trotzdem verheiratet». Oder mit anderen Worten: Mein Leben war vorbei. Ich war in eine Patt-Situation geraten und sollte darin nun fromm verharren. Man hätte versagt und ist ab sofort christlicher Abfall.

Hier sieht man die Folgen ungesunder Lehre. In manchen Gemeinden wird man schnell zum Christ zweiter Rangordnung herabgesetzt. Ich habe das nicht nur selbst erlebt, sondern unzählige Male auch bei anderen gesehen. Man wird herabgesetzt, sprich: Man darf nicht mehr auf der Bühne stehen, wird aus öffentlichen Diensten gewehrt. Zwar darf man in die Gemeinde kommen, aber aktiv teilnehmen oder Verantwortung übernehmen ist gar nicht erlaubt. Es ist eine Zweiklassen-Gesellschaft und eine zutiefst traurige und verstörende Glaubensvorstellung.

Als ich mich einige Jahre später um eine Pastoren-Stelle in einer Freikirche bewarb, hat man nicht einmal die Mühe genommen, mir zu antworten. Ich musste beharrlich nachfragen, bis man mit der Antwort herausrückte: Man wollte kein geschiedener Pastor. Mir blieb die Spucke weg. Vor Augen stand ein «politisch korrektes» Bild einer Pastorenfamilie, mit Mann und Frau und allem was dazu gehört. Anderes war keine Option. Ich denke, ich hätte einiges an Input für ein gesünderes Gemeindeleben geben können, gerade weil (!) ich in meinem Leben auf Gottes Gnade angewiesen war. Mir fiel auf: Paulus hätte als unverheirateter Apostel bei einer solchen Gemeinde schlechte Karten gehabt. Ich fühlte mich deswegen in bester Gesellschaft – mit Paulus.

Neuorientierung war nötig.

Wendepunkt

Diese und ähnliche Erfahrungen wurden ein Wendepunkt für mich. Die verschiedenen existentiellen Erfahrungen hatten meine eigene Glaubensvorstellung erschüttert, jedoch nicht mein Vertrauen auf Gott in Frage gestellt. Ich kam zur Erkenntnis, dass mein Verstehen der Bibel wohl etwas mangelhaft war. Ich habe mich daran gesetzt, mein ganzes biblische Verständnis von Ehe, Scheidung, Wiederheirat und ähnliches neu zu überdenken – und zwar anhand der Bibel selbst. Jede relevante Bibelstelle habe ich auseinandergenommen, Kommentare und Auslegungen gesucht und erstmals habe ich dazu wirkliche Fragen gestellt. Hatte ich bis dahin einfach blind geglaubt, ohne etwas nachzuprüfen, musste ich jetzt dringend wissen ob meine bisherigen Annahmen stimmten oder schlichtweg falsch war.

Sie waren falsch.

Ich habe durch das Lesen und Studieren der Bibel zu einem neuen und lebensbejahenden Glauben zurückgefunden. Es fand ein Prozess der Differenzierung statt. Ich hatte falsch gelesen. Mir wurde falsch gelehrt. Ich selbst habe aber Verantwortung für mein Leben und Glauben. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Gott, den ich als gnädig und liebevoll kennenlernen durfte, nun rigide und lebensfeindlich irgendwelche Vorstellungen über mich stülpen würde. Es war dringend an der Zeit, dass ich den Weg hinaus aus der Enge und zurück in die Gnade finden würde. Es reicht eben nicht über Gnade zu reden – man sollte sie auch leben, sogar dann, wenn die Meinungen anderer Menschen dem zuwider laufen. Wer Christ wird fällt nicht aus der Welt heraus. Der Anspruch der Fehlerfreiheit missachtet die Erlösungsbedürftigkeit, die uns allen anhaftet. Wer für andere definiert, was richtig und falsch ist, gerade dort, wo die Bibel nichts Konkretes aussagt, steht auf dünnem Eis.

Lebensbejahend glauben

Ich musste mir eingestehen, dass mein Wunsch mehr über die Bibel zu erfahren mich in Kreise geführt hat, die zwar über die Bibel reden, aber nicht viel darüber nachdenken. Es hat lange gedauert, bis ich das erkannte. Es hat auch existentiell bedrohliche Situationen wie beispielsweise eine Scheidung gebraucht, damit ich mir darüber mal ernsthaft Gedanken machte. Der Weg hinaus aus der Enge war mühsam aber wichtig. Heute stehe ich an einem anderen Ort. Ich freue mich darüber, viele Menschen zu kennen, denen es ähnlich ergeht und die sich ebenfalls auf den Weg in die Freiheit von Christus gemacht haben. Meine Geschichte ist weder aussergewöhnlich noch bedeutend. Ich erwähne sie aber, damit vielleicht auch andere den Mut finden rigide Glaubensvorstellungen abzulehnen und zu neuen Horizonten aufzubrechen.

Rigide Glaubensvorstellungen sind tödlich. Sie verhindern Wachstum. Sie stehen einer Lebensbejahung im Weg. Sie engen ein, statt in die Freiheit hinauszuführen. Sie reden von Gnade, aber leben es nicht, noch lassen sie zu, dass andere dies leben. Ganz ähnlich hat Jesus mit den religiösen Führern seiner Zeit zu tun gehabt (vgl. Mt 23,13).

Eine christliche Kultur, worin Menschen «fehlerfrei» sein müssen, worin es Christen ersten Ranges und zweiten Ranges gibt, widerspricht dem Geist Christi. Wenn Lehren und Dogmen Menschen von der Bibel entfernen, von einem befreiten Christsein fernhalten, wenn Lebensfrust statt Lebenslust gefrönt wird, kann man nur eines tun: Aussteigen und Neustarten.

Man kann lebensbejahend glauben. Erstaunlicherweise muss man dabei nicht einmal einen lebendigen Glauben über Bord werfen. Gott sei Dank.


Von Natur aus das Gesetz befolgen

Von Natur aus das Gesetz befolgen

Über Gewissen, Moralität, Erbsünde und die Torah


31. Oktober 2019By Karsten Risseeuw22 Minutes

«Denn wenn die Nationen, die das Gesetz [des Mose] nicht haben, von Natur aus das tun, was das Gesetz fordert, so sind diese (die das Gesetz nicht haben) sich selbst Gesetz, die das in ihre Herzen geschriebene Werk des Gesetzes zur Schau stellen, wobei ihnen ihr Gewissen mitbezeugt und ihre Erwägungen sie untereinander verklagen oder auch verteidigen – an dem Tag, wenn Gott das Verborgene der Menschen richten wird, gemäss meinem Evangelium, durch Jesus Christus.»
Römer 2,14-16

Anpassung an die Realität

In den bisherigen Betrachtungen wurde begründet, dass Paulus an die Gemeinde in Rom schreibt, wo er sowohl mit Juden wie auch mit Nicht-Juden zu tun hat. Beide Gruppen sind Teil der Gemeinde. Es geht also nicht um Juden oder Nicht-Juden allgemein, sondern um solche, die Teil der Glaubensgemeinschaft in Rom sind. Sie erwähnt er in seinem Schreiben. Wer kein Jude ist, stammt aus den «Nationen», d.h. aus den übrigen Völkern.

In drei Kapiteln (Römer 1–3) rechnet Paulus mit aller Selbstgerechtigkeit der Menschen ab. Da wir als Menschen gerne den Zeigefinger auf andere richten und uns selbst als «völlig OK» bis «tadellos» betrachten, geht Paulus detailliert auf alle Ausweichmanöver ein, die wir so bedenken können. Natürlich richtet er sich dabei konkret auf die Situation seiner Zuhörer. Er richtet sich also sowohl an die Juden in der Gemeinschaft als auch an die Nicht-Juden. Menschen ausserhalb der Gemeinde nennt er ebenfalls.

Paulus nennt diese Gruppen, wechselt immer wieder mal die Perspektive, damit er am Schluss sagen kann, dass keiner gerecht ist, auch nicht einer (Röm 3,10). Ihm geht es darum, dass eine Gruppe nach der anderen von angeblichen Vorteilen befreit wird und alle Menschen gleichermassen vor Gott stehen.

«Denn bei Gott ist kein Ansehen der Person!»
Röm 2,11

Paulus ist auf bestem Wege, die Gemeinde an die Realität Gottes anzupassen, der Menschen 100% gleich behandelt. Vermeintliche Vorzüge sind trügerisch angesichts der radikalen Betrachtung Gottes.

Die Auseinandersetzung in den frühen Gemeinden

Die Juden in der Gemeinde in Rom kannten das Gesetz. Das Gesetz ist gut. Daraus wurden Vorzüge abgeleitet und immer wieder hat Paulus (selbst auch ein Schriftgelehrter, ein Pharisäer aus bestem Hause. Phil 3,4-6) mit solchen zu tun, die das Gesetz auch innerhalb der Gemeinde verbindlich machen wollten. Der Gedanke war gar nicht so abwegig, denn tat das nicht auch die Gemeinde in Jerusalem?

Der Krux ist jedoch, das Paulus mit seinem Evangelium der Gnade eine andere Richtung eingeschlagen hat. Sein Blickfeld war nicht auf die Erfüllung der Prophezeiungen für Israel ausgerichtet. Er hatte kein messianisches Reich vor Augen, worin jedes Heil für nicht-jüdische Völker via Israel käme. Er sah die Gemeinde, welche er ausrief, nicht als ein auserwähltes Geschlecht, als königliches Priestertum oder als eine heilige Nation, wie es Petrus für die jüdische Gemeinde in Jerusalem tat (1Pet 2,9). Petrus denkt an ein zu Gott zurückgekehrtes Volk, wie es die Propheten voraussahen. Mit der Erfüllung käme dann auch die prophetische Aufgabe, den anderen Nationen priesterlich zu dienen. Wir lesen das nur bei Petrus, nicht bei Paulus. Paulus spricht von anderen Dingen, von einer anderen Berufung, die für Petrus manchmal schwer verständlich waren (vgl. 2Pet 3,15-16).

Dieser Hintergrund und diese Auseinandersetzung waren ganz real. Es gab Unterschiede zwischen den Gemeinden unter Obhut der 12 Apostel einerseits und den Gemeinden, die von Paulus auferbaut wurden andererseits. Der Römerbrief wurde in einer Zeit geschrieben, wo die Apostel alle dabei waren, ihre Aufgaben auszuformulieren. Es war nicht alles von Anfang an klar. Dasselbe galt auch für die Gemeindemitglieder. Nicht alles war für sie in Stein gemeisselt. Es gab kein Neues Testament, worauf man einfach zurückgreifen konnte. Es gab jedoch einzelne Briefe, und die Apostel und reisende Bibellehrer kamen direkt bei den Gemeinden vorbei und lebten manchmal längere Zeit mit ihnen zusammen.

Deswegen gibt es Fragen bei den Menschen, beispielsweise zur Bedeutung des Gesetzes. Und diejenigen, die in der Torah einen grossen Segen sahen, oder gar eine Notwendigkeit, die wurden hier im Römerbrief konkret darauf angesprochen. Paulus macht eine Korrektur, eine Anpassung. Er macht das im Hinblick auf die Universalität der Gerechtigkeit Gottes, die das Gesetz des Mose, die Torah für das Volk Israel, übersteigt. Die Torah ist also nicht falsch und Paulus hat kein negatives Bild vom «Gesetz», sondern er geht von einer anderen Prämisse aus, die breiter ist.

Die Nationen sind sich selbst Gesetz

Das Gesetz wurde von Gott ausschliesslich an Israel gegeben. Keine andere Nation musste das für Israel bestimmte Gesetz befolgen. Die Idee, dass die 10 Gebote etwa für uns gelten, ist völlig abwegig. Es gibt dafür keine «biblische» Begründung. Die heutige Gemeinde hat mit dem Gesetz nichts zu tun (2Mo 19-20, Apg 14,6). Anderes zu behaupten ist völlig abwegig. Wenn in Kirchen und Gemeinden über die 10 Gebote als die Grundlage für Ethik und Gerechtigkeit gesprochen wird, oder auch wenn Glaubende meinen, sie «müssen zumindest diese Gebote» halten, dann fehlt eine nüchterne Betrachtung der Bibel.

Ein Vergleich: Ich wohne in der Schweiz. Logischerweise bin ich den Gesetzen der Schweiz unterstellt. Nun haben auch alle andere Länder Gesetze. Diese Gesetze sind sehr gut und sie müssen nicht bezweifelt werden, jedoch gelten sich nicht mir, weil ich dort nicht daheim bin. Ebenso verhält es sich mit dem Gesetz für Israel. Es galt nur für dieses Volk und es ist kein Gesetz für die Kirche oder Gemeinde von heute. Es es sehr gut, aber es gilt nicht uns, Gläubige aus allen anderen Nationen.

Paulus macht dies hier ganz klar, wenn er spricht von den «Nationen, die das Gesetz nicht haben…» (Röm 2,14). Das ist unmissverständlich. Das Gesetz wurde nie den Nationen gegeben. Der Apostel muss sich hier jetzt dagegen wehren, dass das Gesetz sozusagen via einer Hintertür trotzdem eingeschleust wird. Wenn ich heute als Gläubiger aus den Nationen (den nicht-jüdischen Völkern) lebe, dann gilt das Gesetz für mich nicht. Damit werte ich das Gesetz nicht ab, sondern es hat für mich keine Relevanz, weil es Gott nie den Nationen gegeben hat. Das erfordert Nüchternheit.

Paulus geht jetzt davon aus, fährt aber gleich weiter mit einer erstaunlichen Feststellung:

«…die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was das Gesetz fordert»
Röm 2,14

Paulus sagt hier: Menschen können von Natur aus, also von sich aus, die Forderung des Gesetzes erfüllen. Diese Menschen handeln in ihrem Leben genau so, wie es das Gesetz fordert. Freunde berichteten einmal von einem längeren Einsatz in einem Altersheim in Israel. Sie leisteten Freiwilligenarbeit als Christ in einem jüdischen Umfeld. Es war ein selbstloser Einsatz, getragen von Liebe. Ein älterer Jude sprach davon, dass ihm die Art aufgefallen sei, womit diese junge Menschen ihren Einsatz machten. In seinen Augen waren sie Tzaddikim, Gerechte, auch wenn sie keine Juden waren und nicht das «Gesetz» befolgten. Diese Differenzierung habe ich in christlichen Kreisen selten gehört, aber sie ist wertvoll.

Ebenso spricht Paulus als Jude davon, dass die konkrete Lebenshaltung nicht verborgen bleiben kann. Er spricht von Menschen, die von Natur aus das tun, was die Torah fordert. Damit werden nicht die Reinheitsgebote gemeint oder etwa koscheres Essen, sondern die Lebenshaltung, die Werke, die Barmherzigkeit (Sach 7,9).

Was ist so erstaunlich an diesen Versen? Paulus befreit die Gemeinde von einer partiellen Sicht auf diese Welt. Die Sicht und Realität für Israel ist zwar da, aber es gibt noch eine erweiterte Sicht. Das ist befreiend. Er legt den Gläubigen aus den nicht-jüdischen Völker nicht das jüdische Gesetz auf, sondern erklärt hier, dass es für die Nationen ganz anders funktioniert:

«… so sind diese (die das Gesetz nicht haben) sich selbst Gesetz.»
Röm 2,14

Das Problem mit der Erbsünde

Diese Darstellung dürfte vielen Christen unbequem erscheinen. Das hat vermutlich damit zu tun, dass in vielen christlichen Kirchen ein Dogma verankert ist, das es so nirgendwo in der Bibel gibt. Es ist die Lehre der Erbsünde. Aus dieser Lehre wird abgeleitet, dass der Mensch zu gar nichts fähig ist und von Grund auf, also von Geburt an, nur sündig ist. Es ist ein düsteres Bild vom Menschen, was es so in der Bibel nicht gibt. Weder Mose noch die Propheten, weder Jesus noch die Apostel haben je von einer Erbsünde gesprochen. Alle haben die Sünde ernst genommen, aber es hat nie zu einer Entgleisung vom Menschbild geführt wie es die Idee der Erbsünde lehrt.

Die Erbsünde begründet ganz viel Unheil im Leben von Gläubigen. Menschen sind sündig, können nichts, bringen nichts zustande, sind durch und durch sündig, verloren, düster und es gibt kein Entrinnen. Der Mensch soll von Grund auf schlecht sein! Unübersehbar ist nun der Unterschied mit dem, was Paulus hier sagt. Er bekennt, dass es Leute gibt, die von Natur aus das tun, was das Gesetz fordert. Mit einer Lehre der Erbsünde ist das nicht vereinbar. Ich kann mich deshalb nicht erinnern, jemals eine Predigt über Römer 2,14-16 gehört zu haben. Was dort steht, passt so gar nicht in das traditionelle Verständnis.

Heute darf es einer Befreiung gleich kommen, einfach ein guter Mensch sein zu können, ohne mit der religiösen Keule sofort niedergemacht zu werden. Man muss nur um sich herum schauen und sehen, dass es viele gute Menschen gibt, die auch Gutes tun. Das ist unabhängig von Religion, Staatszugehörigkeit, Alter, Geschlecht oder kirchlicher Zugehörigkeit. Es ist eben nicht so, dass nur die Christen zu den Guten gehören. Wer Gutes tut und tun kann, ist dadurch noch lange nicht fehlerfrei. Hier braucht es Differenzierung.

Die Aussage von Paulus muss im Kontext verstanden werden. Wie vorhin bereits vermerkt, geht es dem Apostel darum, einmal alle Menschen als hoffnungslos überfordert vor der Präsenz Gottes darzustellen. Diese Stelle ist dabei keine Ausnahme. Es heisst hier nicht, dass Menschen alle Gerechtigkeit erfüllen könnten. Das ist nicht das Thema. Paulus geht es darum zu klären, wie denn das für die Nationen sei, die das Gesetz nicht erhalten hatten. Diese sind sich selbst Gesetz.

Das Gewissen eines Menschen

So katastrophal die Lehre der Erbsünde ist, so gesund und nüchtern ist die Ausgangslage für jeden Menschen nach Paulus. Weshalb kann man das so sagen? Nun, Gott hat dem Menschen mit vielen nützlichen Fähigkeiten ausgestattet. Konkret nennt er hier zwei Dinge, die wir als Kompass in dieser Welt nutzen können:

  • Unser Gewissen
  • Unsere Erwägungen.

Es ist nicht so, dass wir uns ohne Gesetz auf einer hoffnungslosen Irrfahrt befinden. Es ist auch nicht so, dass es ohne Gesetz keine Moralität gäbe. Das ist nicht der Fall. Der Wissenschaftler Frans de Waal hat das eindrücklich vor Augen geführt in seinem Buch «Der Mensch, der Bonobo und die Zehn Gebote: Moral ist älter als Religion» (ISBN-13: 978-3608985047). Dort beweist er, dass die Bonobo-Affen eine Moralität besitzen, obwohl sie keiner Religion angehören.

Moral ist ohne Gesetz möglich. Es sind diese Fähigkeiten, die wir als Mensch haben, die unser Handeln beeinflussen. Gott beurteilt uns nach unseren Werken, wie es in jedem Gericht, dass die Bibel nennt, der Fall ist. Unsere Überlegungen sind es, die unserem Tun eine Richtung und Bewertung geben.

«…diese sind sich selbst Gesetz, die das in ihre Herzen Geschriebene Werk des Gesetzes zur Schau stellen, wobei ihnen ihr Gewissen mitbezeugt und ihre Erwägungen sie untereinander verklagen oder auch verteidigen…»
Röm 2,15

Der Tag, wenn Gott das Verborgene der Menschen richten wird

Der Apostel stellt jetzt die bisherige Aussage in einem ganz bestimmten Kontext. Er hat einen klaren Ausblick und eine Weite im Denken, die er gerne den Römern weiter gibt. Die Beurteilung von dem, was Menschen machen, ist nicht an uns gegeben, sondern es ist einmal wichtig vor Gott. Nicht wir sollten beurteilen (und beispielsweise den Nationen-Gläubigen anhalten, das Gesetz zu befolgen), sondern Gott wird einmal «das Verborgene der Menschen» richten.

Dies wird an einem bestimmten Tag sein, der hier nicht näher definiert wird. Der Fokus im Text liegt bei Gott. Er wird richten. Es geht um Seine Beurteilung, nicht um meine Beurteilung von anderen.

Ausserordentlich ist jetzt die Ergänzung von Paulus. Er schrieb, dass dieser Tag kommen wird, aber die Beurteilung ist speziell. Gott richtet…

«…gemäss meinem Evangelium, durch Jesus Christus.»
Röm 2,16

Wer immer noch die Idee hat, dass Gott gnadenlos mit jedem Menschen umgeht und wir uns ständig vor Ihm fürchten müssen, der erfährt hier bei Paulus ganz neue Dinge. Wenn Gott richtet, so wird das «gemäss meinem Evangelium, durch Jesus Christus» sein. Zweimal nennt Paulus im Römerbrief «mein Evangelium» (Röm 2,16; Röm 16,25). Es ist nicht das Evangelium der 12 Apostel, sondern es ist ein eigenes Evangelium, das von Gnade geprägt ist und das durch Jesus Christus zu uns kommt. Manches darin betrifft Geheimnisse, die Paulus immer wieder erhält (Röm 16,25-26). Neues entsteht. Wenn Gott richtet, wenn einmal Jesus Christus selbst auf einem Thron des Gerichts sitzt, dann wird gemäss diesem Evangelium gerichtet. Er nennt es «mein Evangelium» und wir sollten genau hinhören, damit wir das verstehen.

Möchtest Du mehr zu diesem Evangelium erfahren? Wo unterscheidet sich die Predigt von Jesus mit der von Paulus? Welche Entwicklung gibt es hier? Mehr liest sich im nächsten Beitrag:


Glaubensgemeinschaft als Pionierprojekt

Glaubensgemeinschaft als Pionierprojekt

Das gleiche Verständnis und das gleiche Urteil haben


27. Oktober 201913 MinutesBy Karsten Risseeuw

Die grosse Frage für jede Pioniergemeinde ist: Wie können wir Gemeinschaft schaffen und erhalten? Sowohl Jesus als auch Paulus hatten die Frage der Einheit betont. Was hatten sie vor?

Vielfältig, aber mit der gleichen Denkweise

Jesus erklärte seinen Jüngern, dass sie eins sein sollten, so wie er und der Vater eins sind (Johannes 17,1-11). Das ist ein hohes Ziel, aber es setzt den Standard. Paulus beschäftigt sich mit einer chaotischen Gemeinschaft in der griechischen Stadt Korinth. Er fordert sie auf, «denselben Verstand und dasselbe Urteil» zu haben (1. Korinther 1,10-17). Das ist ein wertvoller Input, den wir erforschen können.

«Eins werden» ist nicht zu verwechseln mit «Persönlichkeit aufgeben». Die Jünger waren verschiedene Personen, aber sie waren auf dasselbe Ziel ausgerichtet. Jeder von uns ist einzigartig, aber wir können unser Herz auf die gleichen wichtigen Dinge einstellen lassen. Wenn wir anders denken, können wir immer noch die gleiche Denkweise haben.

Hier ist die Idee: Wir sind die Gemeinschaft. Es geht nie um die Kirche. Es geht um die Menschen und um das, was sie verbindet. Es geht darum, was Hoffnung und Perspektive bietet, was unsere Herzen mit Freude und Dankbarkeit und grenzenloser Neugierde erfüllt. Wenn wir gemeinsam ein Ziel verfolgen, was treibt uns an und worauf drängen wir?

Sich bewusst zu werden, was wir sein möchten, ist ein wichtiger Prozess. Deine Stimme ist wichtig. Dein Beitrag ergibt sich für die Community. Wir mögen bei bestimmten Themen unterschiedlich denken, aber wir können dennoch die gleiche Einstellung und Vision, die gleiche Einstellung und Denkweise haben. Denkweise ist ein cooles Wort. Es entspricht dem englischen «Mindset». Man könnte dies auch als «Denksinn» formulieren, wie es das Konkordante Neue Testament tut. Es geht bei diesem Ausdruck nicht nur ums Denken, sondern darum, was wir im Sinn haben. Es ist das, worauf unsere Gedanken «eingestellt» wurden, was wir «im Sinn» haben und es ist die «Weise worauf wir denken».

Eine Vision und ein Ziel teilen

Paulus äusserte den Wunsch, dass die Gläubigen in Korinth «das gleiche Urteil» haben sollten. Er spricht nicht davon, verurteilend zu sein, sondern von der Fähigkeit «etwas zu beurteilen». Wir sollten wissen, wie man denkt. Und noch mehr, wir sollten wissen, wie man mit einem gesunden Geist liebt. In dieser Hinsicht sollten wir «das gleiche Urteil» oder Verständnis haben.

Wenn wir darauf hinweisen, wird deutlich, dass wir die Kirche nicht länger als einen Ort betrachten können, an dem wir bedient werden, sondern als einen Ort, an dem wir dienen. Ein Grossteil davon resultiert aus den Werten, die wir haben und teilen:

  • Wertschätzung von Menschen
  • Wertschätzung unserer gemeinsamen Berufung durch die Gnade Gottes
  • Wertschätzung dessen, was andere tun können, was man selbst nicht kann.
  • Wertschätzung der Gemeinschaft und die Entscheidung, Teil davon zu sein.
  • Wertschätzung von Veränderung, Wachstum und Lernen.

Wir gehen nicht in die Kirche

Viele von uns sind es gewohnt, dass die Kirchen das Gebäude und die Traditionen sind, zu denen man kommt. Es ist der Ort, an dem man kommen und sitzen und mitsingen kann. Das ist alles wunderbar, aber nicht das Wesentliche. Die Essenz ist: Wir gehen nicht in die Kirche, sondern wir sind die Kirche. Es geht um uns, um diejenigen, die die gleiche Berufung, Vision und Perspektive teilen. Wir erschaffen, wir gedeihen, wir gewinnen oder verlieren und niemand tut dies für uns, es sei denn, wir tun es selbst.

Das ist ein ziemlich nüchterner Standpunkt. Zwischen uns und der Realität steht nichts. Wir sind und leben die Realität. Wir sind Teil des Leibes Christi, dieser weltweiten Gemeinschaft, die seit 2000 Jahren besteht. Die Frage ist, wie können wir eine lebendige und blühende Gemeinschaft auf die bestmögliche Weise sein und werden?

In die Kirche zu kommen ist etwas anderes als der Körper Christi zu sein.

Einstellen und Aktivieren

«Ich spreche euch nun zu, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle das gleiche aussagt und keine Spaltungen unter euch seien; lasst euch vielmehr an denselben Sinn und an dieselbe Meinung anpassen!»
1Kor 1,10 Elbf.

Wenn Paulus «anpassen» schreibt, so weist er auf einen Veränderungsprozess hin. Das griechische Wort hier ist katartizo, was soviel bedeutet wie «anpassen, abstimmen oder für einen Zweck fit machen».

In Matthäus 4,21 lesen wir von Jesus, der am Ufer des Galiläischen Meeres entlanggeht und seine Jünger ruft. Dort fand er Johannes und Jakobus mit ihrem Vater Zebedäus, der am Ufer sass und ihre Netze einstellte, als wären sie Fischer. Die Netze wurden für das Angeln fit gemacht. Die Anpassung kann als Hinzufügen dessen angesehen werden, was fehlt, um es für einen bestimmten Zweck fit zu machen.

«Von dort weiterschreitend, gewahrte Er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, wie sie im Schiff mit ihrem Vater Zebedäus ihre Netze zurechtlegten (gr. katartizo).»

In 1. Thessalonicher 3,10 drückte der Apostel Paulus seine Hoffnung aus, die Thessalonicher zu sehen, dass er helfen könne, die Mängel ihres Glaubens zu beheben. Paulus wollte die Thessalonicher in die Lage versetzen, ihre Berufung zu erfüllen: zu erfüllen, zu vervollständigen, die Lücken zu füllen, ihr Verständnis und ihre Hoffnungen gesund auszurichten und zu ergänzen, wo dies nötig sei.

«Bei Nacht und bei Tag flehen wir über alle Massen, dass wir euer Angesicht gewahren und euch in den Mängeln eures Glaubens zurecht helfen (gr. katartizo) mögen.»

Sich anzupassen und für einen Zweck fit zu machen, soll nicht dazu dienen, dass wir uns verbiegen sollten, sondern es sollte uns helfen, unser eigenes gottgegebenes Potential zu verwirklichen – innerhalb, mit und für die Gemeinschaft. Sein Ziel ist es, alle zu stärken. Das geschieht gegenseitig.

«Ein Jünger steht nicht über seinem Lehrer; recht zubereitet (gr. katartizo), wird jeder nur wie sein Lehrer sein.»
Lukas 6,40

Wachstum und wahres spirituelles Leben

Wachstum und wahres spirituelles Leben hat Paulus im Sinn. Er schreibt an die Gemeinschaft in Korinth, in der Unordnung und Chaos grassierten, aber er schaut über den Chaos hinaus und arbeitet auf eine wahrhaft geistliche Gemeinschaft hin. Er stellte sich Menschen mit einem gesunden Geist und einem gesunden Glauben vor. Sie drücken ihren Glauben nicht in Streitereien, sondern in einem gesunden Fokus auf die Realität aus. Die Realität war: Sie hatten bereits alles erhalten (1. Korinther 1,4-7). Es gab keinen Mangel.

Wie ging Paulus mit diesen Fragen um? Er vertraute Gott. Ein paar Zeilen zuvor schrieb er:

«Gott ist getreu, durch den ihr auch zur Gemeinschaft mit Seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn, berufen wurdet.»
1. Korinther 1,9

Hier lesen wir von seinem Anliegen. Zentral für jede Gemeinschaft ist der Ruf Gottes. Paulus weist darauf hin. Es geht nicht um Konfessionen, nicht um besondere Lehren oder ähnliches. Diese verursachen Streitereien. Es geht vielmehr um die Anerkennung der Gnade, der gleichen Berufung, der guten Dinge, die wir alle bereits empfangen haben. Gott ist treu darin, dies in uns zu verwirklichen. Vertraue Ihm, “sei eins” in diesem Vertrauen.

Abgestimmt auf den gleichen Geist und die gleiche Meinung

Eine weitere Übersetzung des griechischen katartizo ist «sich einstellen», nämlich justieren, den richtigen Ton finden. Wir sollten uns auf der gleichen Geisteshaltung und auf die gleiche Meinung einstellen. Während jeder seine «eigene Melodie» spielt, können wir dennoch «im Einklang» mit der gesamten musikalischen Komposition sein. Wir können unsere eigene Melodie auf eine Weise spielen, die im Einklang mit einem grösseren Zweck steht.

«…lasst euch vielmehr an denselben Sinn und an dieselbe Meinung anpassen!»
1Kor 1,10

Das ist heute gültig wie vor 2000 Jahren. So funktioniert eine Gemeinschaft. Wir sind die Gemeinschaft. Spirituell fehlt uns nichts. Wir können gemeinsam entdecken, die gleiche Perspektive teilen, von demselben Gott und Vater ermutigt werden, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Das sind die Grundlagen der Kirche.

Worauf fokussieren wir unsere Gemeinschaft? Wir sollten uns gegenseitig ermutigen, die gleiche Denkweise und das gleiche Urteil zu haben. Darüber gilt es zu sprechen. Diese Werte soll man entwickeln.

Dieser Beitrag findet sich auf englisch > hier.

.


Der breite und der schmale Weg

Der breite und der schmale Weg

Beschreibt diese Geschichte den Weg zur Rettung?


Kennst Du die Geschichte vom breiten und vom schmalen Weg? Jesus spricht davon in der Bergpredigt und nicht wenige Christen wachsen mit diesem Bild auf. Der breite Weg soll der Weg des Verderbens sein und der schmale Weg soll zur Rettung führen. Gegen den Hintergrund der Himmel- und Hölle-Lehre wird dieses Bild als Aufforderung verstanden. Wir müssten wählen, wo wir die Ewigkeit verbringen wollen. Was ist da dran? Was hat Jesus wirklich gesagt?

Dies ist eines von mehreren Bildern, die von beiden «Wegen» gemacht wurden. Das Bild lässt sich als Poster bestellen (hier). Auf derselben Website kann man auch nachlesen, wie diese Bibelstelle von vielen verstanden wird.

Frohbotschaft und Drohbotschaft

Das Bild vom breiten und vom schmalen Weg liest sich im Matthäus-Evangelium:

«Gehet ein durch die enge Pforte; denn breit ist die Pforte und geräumig der Weg, der zum Untergang hinführt, und viele sind es, die durch sie hineingehen. Wie eng aber ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben hinführt! Doch wenige sind es, die ihn finden.»
Matthäus 7,13-14

Landauf und landab wird dieser Text dazu genutzt, um Menschen zu einer Glaubensentscheidung zu bewegen. Wähle links oder rechts, den breiten oder den schmalen Weg. Glaube oder glaube nicht. Und wer bereits gläubig ist, der interpretiert dieses Bild nicht selten so, dass das Leben mit Christus immer haarscharf an einer Katastrophe vorbei geht, dass wir ständig Verführungen ausgesetzt sind und dass das Leben in dieser «gottlosen Welt» ein wirklich schmaler Weg ist – fast so etwas wie eine Gratwanderung.

Gläubig sein wird als schwieriger Weg empfunden und nicht selten habe ich das als frommen Leidenswille gesehen. Man muss sich ständig von der Welt abgrenzen, von allem, was auf dem «breiten Weg» abläuft. Das nämlich sind die Ungläubigen, das ist die verirrte Gesellschaft, worin wir stehen. Schwarz und weiss. Himmel oder Hölle. Schmaler Weg oder breiter Weg. So oder ähnlich habe ich das unzählige Male gehört und gelesen.

In der Regel interpretiert man den Text ohne Kontext. Das ist problematisch. Nicht der Text ist das Problem, sondern die Auslegung. Es wird nach dieser Lehre nämlich schwierig, gerettet zu werden. Man muss sich anstrengen, sich bemühen, man muss ausharren, erdulden, um durch die enge Pforte und auf diesem schmalen Weg zu gehen. Am Ende jedoch (so die Zeichnung), wartet das himmlische Jerusalem. Es ist ein durch und durch kitschiges Bild, das mit dem biblischen Zusammenhang gar nichts zu tun hat.

Bei diesem Bild geht es um eine Entscheidung. Der Bibeltext wird lediglich dazu genutzt, dich auf diese Entscheidung hin zu bewegen. Welche Entscheidung das sein soll wird willkürlich hineininterpretiert. Die Kurzfassung dieser Ansicht lautet: Entscheide dich für Jesus oder gehe für ewig verloren. Wem fällt schon auf, dass Jesus nichts davon gesagt für oder gegen Ihn zu entscheiden?

Auf der verlinkten Website wird erwähnt: «Gott führt jeden Menschen wenigstens einmal oder sogar mehrmals im Leben auf den Platz der Entscheidung». Das ist natürlich Quatsch. Eine solche Lehre der Entscheidung findet sich nirgendwo in der Bibel zurück. Diese Lehre sagt: Alles hängt von dir ab. Du musst dich entscheiden, ansonsten kann Gott dich nicht retten. Von all dem findet man im Text aber nichts!

Wo kommen solche Gedanken her, wenn nicht aus dem Text? Eine Aussage wie diese gedeiht ausschliesslich im Umfeld einer Verkündigung von Himmel und Hölle. Tatsächlich werden hier zwei Wege aufgezeigt. Dann aber verlässt man den Text der Bibel und projiziert eigene Gedanken hinein, dass nämlich ein Weg ins (ewige) Verderben führt und der andere Weg in eine (ewige) glückselige Zukunft mit Gott. Das ist nicht nur Frohbotschaft, sondern auch eine ausgeprägte Drohbotschaft. Es ist Zuckerbrot und Peitsche, Himmel und Hölle, ewige Rettung und ewige Verdammnis.

Der Mensch im Zentrum

Natürlich hat eine solche Sicht schwerwiegende Folgen. Wer gleichzeitig droht und lockt und auf deine Entscheidung drängt, der verkennt zuerst einmal die wirklich freimachende Gnade Gottes in Christus Jesus. Man vergisst, dass alles vollbracht ist und sagt gerade heraus, dass etwas noch fehlt: Dein Ja-Wort fehlt. Denn wählen muss der Mensch – wählen zwischen zwei Wegen. Der Mensch muss wählen, wo er die Ewigkeit verbringen will. Erst wenn der Mensch wählt, kann Gott handeln. Beängstigend tief ist dieser Gedanke bei vielen Menschen verankert. In der Bibel steht davon nichts, aber manche Texte werden dazu missbraucht – wie dieser hier.

Die Lehre sagt: Zwischen dir und Gottes Rettung steht deine Entscheidung. Gott hätte zwar alles vollbracht, aber dein Entscheid erst macht dies wirksam. Ohne dein Mitwirken ist Gott machtlos, dich zu retten. Dabei ist es gerade umgekehrt: was bei den Menschen unmöglich ist, ist möglich bei Gott (Mt 19,25-26). Diese schmaler-oder-breiter-Weg-Idee ist eine zutiefst anthropozentrische Lehre, die am Evangelium vorbeischiesst. Der Mensch steht zentral, nicht mehr Gottes Gnade in Christus Jesus. Diese Lehre deutet die biblischen Begriffe um und verkehrt die frohe Botschaft in den Gegenteil. Glaube wird zu einer Leistung, zu einem Werk, zu einer Zahlung für die Rettung. (Siehe auch den Beitrag: «Ist Glaube eine Leistung, die ich erbringen muss?»)

Dass eine solche Darstellung trotzdem geglaubt wird, hat einerseits damit zu tun, dass an die Bibel verwiesen wird (der Kurzschluss lautet: «Es steht doch da!») aber andererseits auch dadurch, dass menschliche Anstrengung den Anschein von Wirksamkeit hat. Es ist eine religiöse Verführung, der man auf den Leim geht. Drohbotschaften erscheinen wirksam. An die eigene Entscheidung zu appellieren erscheint vernünftig. Gesetzlichkeit hat hier jedoch ihren Ursprung.

Gesetzlichkeit sagt: Du musst machen, du musst tun, du musst erreichen, du musst entscheiden. Das Evangelium der Gnade Gottes (nach Kreuz und Auferstehung!) sagt jedoch, dass Er (nicht ich!) alles gemacht hat. Glaube erkennt, dass Gott der Handelnde ist: «Denn in der Gnade seid ihr Gerettete, durch Glauben, und dies ist nicht aus euch, sondern Gottes Nahegabe, nicht aus Werken, damit sich niemand rühme. Denn wir sind Sein Tatwerk…» (Eph 2,8-10, vgl. Phil 2,13).

Die Lehre vom schmalen und breiten Weg ist eine perfide Verdrehung von Jesu Worte. Diese Sicht, dass der Mensch sich für eine fiktive Ewigkeit entscheiden muss, war im Judentum unbekannt, sie war den Zuhörern Jesu unbekannt und auch Jesus selbst hat das so nicht gesagt.

Natürlich haben Mose, die Propheten und auch Jesus und die Apostel auf Entscheidungen hingewiesen, aber sie bezogen sich auf dieses Leben, nicht auf eine endlose Ewigkeit. Möglich sind solche Entgleisungen nur, weil man den Text nicht im Kontext liest. Das vorher geschilderte Bild vom breiten und vom schmalen Weg ist eine verheerende Interpretation. Das fällt aber erst auf, wenn man den Text näher betrachtet.

Warum geht es nun im Zusammenhang?

Es geht um das Gesetz

Dies ist der erweiterte Kontext:

«Wenn ihr nun, die ihr doch böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wieviel mehr wird euer Vater in den Himmeln denen Gutes geben, die Ihn bitten! Alles nun, was auch immer ihr wollte, dass euch die Menschen tun, das erweiset auch ihr ihnen ebenso! Denn dies ist das Gesetz und die Propheten. Gehet ein durch die enge Pforte; denn breit ist die Pforte und geräumig der Weg, der zum Untergang hinführt, und viele sind es, die durch sie hineingehen. Wie eng aber ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben hinführt! Doch wenige sind es, die ihn finden.»
Mt 7,11-14

Was ist nun die enge Pforte und was ist der schmale Weg? Es sind das Gesetz und die Propheten, es sind Torah und Neviim. Lesen wir den Zusammenhang noch etwas genauer, dann geht es um die Aussage «…wieviel mehr wird euer Vater in den Himmeln denen Gutes geben, die Ihn bitten! Alles nun, was auch immer ihr wollte, dass euch die Menschen tun, das erweiset auch ihr ihnen ebenso!» Das ist die Zusammenfassung von Gesetz und Propheten. Jesus spricht nicht vom Glauben, spricht nicht von einer Entscheidung für Jesus, dafür, dass man Ihn annehmen muss. Nein, man solle Gesetz und Propheten annehmen und danach handeln. Wenige sind es jedoch, die diesen Weg gehen. Das ist der unmittelbare Zusammenhang im Kontext.

Die enge Pforte und der schmale Weg sind das Gesetz und die Propheten.

Back to the roots

Der grössere Zusammenhang ist die sogenannte Bergrede, worin Jesus den Vergleich der beiden Wege erwähnt. Die Rede läuft von Matthäus 5,1 bis zum Kapitel 7,29. Jesus spricht hier über das «Königreich der Himmel» und wie dies funktioniert. Unmittelbar vor der Bergpredigt lesen wir, dass Jesus Seinen Dienst mit folgenden Worten begann:

«Sinnet um! Denn das Königreich der Himmel hat sich genaht!»
Mt 4,17

In der Bergpredigt dann sagt Er:

«Meinet nur nicht, dass Ich kam, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich kam nicht, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen!»
Mt 5,17

Gesetz und Propheten sind in der Verkündigung von Jesus grundlegend, denn Er führt Israel zu diesem alten Kern zurück – allerdings anders, als es die religiösen Führer des Volkes dachten. «Back to the roots!» ist die Devise – zurück zu den Wurzeln! Zurück zum Gesetz und den Propheten. Diese nämlich werden sich erfüllen.

Mit der heutigen Gemeinde hat das nichts zu tun. Die entsteht erst viel später. Von einer Gemeinde aus allen Nationen ist noch nichts bekannt in den Evangelien. Jesus wurde als Jude geboren, und kam um Sein Volk von ihren Sünden zu retten (Mt 1,21). In diesem Zusammenhang steht auch die Bergpredigt. Er selbst sagte später: «Ich wurde lediglich zu den verlorenen Schafen vom Haus Israels gesandt!» (Mt 15,24). Solche Aussagen müssen wir gelten lassen, wenn wir den Text im Kontext verstehen möchten.

Die Bergrede, worin Jesus zu den Juden spricht, ist eine durch und durch jüdische Angelegenheit. Jesus sollte die Verheissungen an die Väter (von Israel) bestätigen (Röm 15,8).

Der Weg des Lebens

Dass Jesus von zwei Wegen redet, hat ein Ziel. Er will, dass die Menschen den Weg finden, der zum Leben hinführt. Die Aussage erinnert direkt an die Worte von Mose, die dem Volk wohl bekannt waren:

«Ich rufe heute den Himmel und die Erde als Zeugen gegen euch auf: Das Leben und den Tod habe ich dir vorgelegt, den Segen und den Fluch! So wähle das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen, indem du den HERRN, deinen Gott, liebst und seiner Stimme gehorchst und ihm anhängst! Denn das ist dein Leben und die Dauer deiner Tage, dass du in dem Land wohnst, das der HERR deinen Vätern, Abraham, Isaak und Jakob, geschworen hat, ihnen zu geben.»
5Mo 30,19-20

«Und ich gab ihnen meine Ordnungen, und meine Rechtsbestimmungen ließ ich sie wissen, durch die der Mensch, wenn er sie tut, lebt.»
Hes 20,11

Mose sagte: Denn das ist dein Leben und die Dauer deiner Tage, dass du in dem Land wohnst. Es geht um das aktuelle Leben, nicht um ein schwammiges Jenseits.

Und Jesus sagt:

«Und siehe, ein Gesetzeskundiger stand auf, um Ihn auf die Probe zu stellen, und fragte: “Lehrer, was muss ich tun, damit mir äonisches Leben zugelost werde?” Er aber sagte zu ihm: “Was steht im Gesetz geschrieben? Wie liest du da? Da antwortete er: “Lieben sollst du den Herrn, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Vermögen und mit deiner ganzen Denkart sowie deinen nächsten wie dich selbst.” (3Mo 19,18) Darauf entgegenete Er ihm: “Du hast richtig geantwortet; tue dies, so wirst du leben”.»
Lk 10,25-28

Zu leben ist das Ziel. Teilzuhaben am «äonischen» Leben, dem Leben des zukünftigen Zeitalters ist der Wunsch (Mk 10,30). Der Weg zum Leben ist nach Jesu Worten das Befolgen vom Gesetz – wenn richtig interpretiert. Paulus, der zum Gesetz noch sehr viel gesagt hat, bestätigt diese Sicht, die sowohl im Alten Testament wie auch in den Evangelien allgegenwärtig ist: «Denn Mose beschreibt die Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz ist: “Der Mensch, der diese Dinge getan hat, wird durch sie leben.”» (Röm 10,5). Wohlgemerkt: Das ist nicht das, wie es heute nach dem Evangelium der Gnade ist, aber es ist zweifellos so, wie es in der Tenach und in den Evangelien beschrieben ist.

Israel, nicht die Gemeinde, steht hier im Zentrum

Die Lehre von dem breiten und dem schmalen Weg steht in einem Kontext für Israel, dem das Gesetz galt. Davon spricht die Geschichte mit klaren Worten. Mit den Nationen (den nicht-jüdischen Völkern) hat das nichts zu tun. Ihnen galt das Gesetz auch nicht (Apg 14,16). Die Nationengläubigen waren noch lange kein Thema. Oder anders gesagt: Mit der Kirche und der Gemeinde heute hat das nichts zu tun.

Das Problem: Dieser Text wird aus dem Kontext herausgelöst und willkürlich interpretiert. Das hilft nicht. Bedrückend ist dabei nicht nur die falsche Auslegung, sondern eher das, was damit ausgelöst wird: Druck und Not im Leben der Gläubigen. Es ist ein falsches Evangelium mit «etwas Gnade und etwas Gesetz», mit «etwas aus den Evangelien und etwas von Paulus», etwas von «vor dem Kreuz» und etwas von «nach dem Kreuz». Es ist eine Vermischung, ein Misch-Evangelium, wenn dieser Text ohne den Kontext recht willkürlich ausgelegt und ohne weiteres Überlegen auf kuriose  Art angewendet wird.

Paulus nimmt da kein Blatt vor den Mund. Er hatte öfters mit solchen Fehleinschätzungen zu tun. Der Apostel stellt solche Mischbotschaften andernorts direkt unter das Gericht Gottes:

«Ich staune, dass ihr euch so schnell umstellt, hinweg von dem Evangelium, das euch in Christi Gnade berufen hat, zu einem andersartigen Evangelium, das aber nicht ein anderes echtes ist, wenn da nicht etliche wären, die euch beunruhigen und das Evangelium des Christus verkehren wollen. Aber wenn auch wir oder ein Bote aus dem Himmel euch etwas Andersartiges neben dem verkündigt, was wir euch als Evangelium verkündigt haben: er sei in den Bann getan! Wie wir schon zuvor betont hatten, so sage ich auch jetzt wieder: Wenn jemand euch etwas Andersartiges als Evangelium verkündigt, neben dem, was ihr von uns erhalten habt: er sei in den Bann getan!»
Gal 1,6-9

Gilt das jetzt nicht uns?

Bis jetzt haben wir zwei Dinge angeschaut:

  1. Wie legt man diesen Text häufig aus?
  2. Was steht im Kontext?

Zwischen beiden besteht ein starker Kontrast. Das ist unbequem, wenn man das zum ersten Mal hört. Es rüttelt vielleicht an bekannten Bildern. Für andere bedeutet dies jedoch Befreiung, denn Gnade ist ganz anders, als es in diesen Versen beschrieben wird. Man hat diesen Text aus Matthäus 7,13-14 missbraucht. Diese Interpretation loszulassen schafft jedoch wieder Platz für die Geschichte selbst.

Lesen wir den Text im Kontext, dann fällt im Vergleich mit dem späteren Evangelium der Gnade auf, dass eine Entwicklung stattfand. Nicht alles im Neuen Testament (oder: in der ganzen Bibel) spricht vom Gleichen, von der gleichen Zeit, von den gleichen Menschen. Nicht überall wo «Jesus» drauf steht, ist «heutige Gemeinde» drin. Die Entwicklung ist allmählich. Israel hat einen Platz und eine Zukunft. Die Gemeinde aus allen Nationen, die heutige Kirche, kam fast wie überraschend (es handelte sich um «Geheimnisse») und deutlich später dazu.

Die Entwicklung lässt sich im Neuen Testament wie in der ganzen Bibel nachvollziehen. Jesus war nach eigenen Worten (und Angaben der Apostel) ausschliesslich für die verlorenen Schafe des Hauses Israels unterwegs. Das beschreibt die Situation in den Evangelien. Die heutige Gemeinde aus allen Nationen, die wird erst durch die Berufung von Paulus ermöglicht.

Heute müsste man eher sagen: Gnade, das ist der eigentliche breite Weg. Solches lesen wir aber nicht mehr in der Bergpredigt.