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Ausdrucken, PDF generieren und Broschüren erstellen

Beitrage von der Kernbeisser Website lassen sich auch ausdrucken. Das ist nützlich, wenn man sie nicht unbedingt online lesen möchte oder wenn man gemeinsam ein Thema studieren möchte – etwa in einem Hauskreis oder Bibelkreis. Im folgenden Video wird gezeigt wie man Beiträge ausdruckt, PDF-Dateien generiert und mit den PDF-Dateien und einer zusätzlichen Software auch handliche Broschüren erstellen kann.

Idee: Ein Ausdruck oder eine Broschüre lässt sich auch per Post jemand zusenden, mit dem man über das Thema in Gespräch war. So umgeht man beispielsweise die Hürden der Technologie für Menschen, die damit eher Mühe haben.


Suchen und finden auf der Kernbeisser Website

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Wie finde ich Beiträge nach meinen Interessen?


Die Kernbeisser Webseite wächst und immer mehr Leute nutzen diese Texte. Das ist ein Geschenk. Bereits gibt es auf der Webseite über 200 Beiträge. Damit wird es leider auch unübersichtlicher. Deshalb erreichen mich immer wieder Anfragen, ob bereits dieses oder jenes Thema behandelt wurde. Vielfach gibt es bereits einen Beitrag, aber einiges kann man auch selbst recht schnell herausfinden.

Insbesondere gibt es zwei Hilfen:

  1. Themenseiten
    Hier finden man Beiträge zu einem Thema gruppiert. Es sind Einstiegsseiten, die ständig mit neuen Beiträgen erweitert werden, die zum Thema passen.
  2. Suchfunktion
    Hilfreich ist auch die einfache Suchfunktion, die quer über alle Texte läuft. Dort lässt sich nach Wörtern, Bibeltexten oder ähnliche Dinge suchen.

Mit diesen beiden Hilfen findet man meist rasch heraus, ob es zum gewünschten Thema bereits einen Beitrag gibt. Das nachfolgende Video zeigt beide Möflichkeiten.

Kernbeisser YouTube Kanal

Hier gibt es eine wachsende Sammlung mit Videos zu verschiedenen Themen.

Kernbeisser auf YouTube

Der Apostel Paulus im Lockdown

Der Apostel Paulus im Lockdown


21. März 2020By Karsten Risseeuw11 Minutes

Das Corona-Virus legt Europa lahm. Immer mehr Länder haben einen sogenannten «Lockdown». Die Schulen werden geschlossen, viele Einkaufsläden, Restaurants und Geschäfte bleiben ebenso zu. Leute arbeiten daheim im «Home Office». Für viele Menschen kommt diese Entwicklung wie aus heiterem Himmel. Leider verharmlosen viele die eindringlichen Warnungen. Nicht jeder befolgt die Massnahmen, die von den Regierungen zum Schutz der Bevölkerung eingesetzt werden. Dann gibt es solche, die darin eine böswillige Verschwörung zu erkennen meinen. Verschwörungstheoretiker feiern heute Hochkonjunktur. Wer von diesen Verschwörungstheorien infiziert ist, wird meist resistent gegen Fakten. Ausserdem gibt es religiöse Projektionen: Endzeit-Szenarien werden heraufbeschwört. Was wir in diesem Chaos jedoch am meisten benötigen ist eine gesunde Portion Nüchternheit. Wer noch nicht so richtig weiss, was eigentlich los ist, kann sich beispielsweise das folgende Video ansehen.

Harald Lesch ganz nüchtern zum Coronavirus.

Eingrenzungen im Leben

Wir können hier ausführlich über Verschwörungstheoretiker und ihre Ansichten nachdenken. Dazu gibt es jedoch im Internet bereits sehr gute Informationen. Wir sollten lernen die eigene Unsicherheit und Angst ins Angesicht zu schauen, um dann mit gesunder Vernunft die aktuelle Lage zu beurteilen. Verschwörungstheorien sollten wir keinen Raum schenken, sowenig wie eine Panik. Vielmehr braucht es eine beherzte Nüchternheit sowie den Mut Dinge ernst zu nehmen.

Hier in diesem Beitrag jedoch möchte ich über etwas anderes sprechen. Es geht um Lockdowns, die wir alle zu verschiedenen Zeiten unseres Lebens bereits erleben. Jede Nacht sind wir beispielsweise in einem Lockdown daheim.  Wir tun das, damit wir uns vom Tag erholen können. Dieser Aspekt können wir auch jetzt festhalten. Wir sollten Chancen erkennen.

Es gibt noch weitere Situationen, die unser Leben stark beeinträchtigen können. Das ist beispielsweise eine Krankheit, die uns selbst betrifft und die uns für Wochen in Bett hält. Das ist sehr unangenehm, aber normalerweise genesen wir und die Normalität trifft wieder ein. Wenn wir diese Erfahrung einmal gemacht haben, können wir sie auch auf die aktuelle Krise übertragen: Die Krise ist real, aber es wird einmal weitergehen. Normalität (in welcher Form auch immer) wird wieder Einzug halten.

Bei zunehmendem Alter werden wir ebenso mehr Einschränkungen erleben. Die Kräfte nehmen ab. Wir können nicht mehr alles tun. Was wir tun können, können wir weniger lang tun. Wer schon länger jung ist bleibt oft länger daheim. Es ist mit einem langsamen Lockdown zu vergleichen. Trotzdem muss das nicht negativ sein. Jedes Alter und jede Situation kennt seine eigene Möglichkeiten. Nüchternheit akzeptiert die aktuelle Ausgangslage und macht mit Weitblick das Beste daraus.

Möglicherweise erlebt man auch seelisch einen Lockdown, beispielsweise wenn der Partner oder die Partnerin stirbt oder wenn man in andere schwierige Situationen gerät. Solche Erlebnisse können das Lebensgefühl blockieren. Wenn Freunde, Familie oder Lebensgefährten sterben, die ein wichtiger Teil des eigenen Lebens ausgemacht haben, gerät das erlebte Umfeld unter Stress. Man kann es als Lockdown der Gefühle, des Ausblicks, der Hoffnung empfinden. Wir sollten auch diese Dinge in Gedanken mitnehmen. Leben war noch nie einfach. Manchmal kann es richtig schwer sein.

Nichts von all dem ist uns also fremd. Gewollt ist es allerdings nicht. Auch das sollten wir festhalten. Ein Lockdown in welcher Art auch ist unerwünscht. Es kommt über uns, ob wir das wollen oder nicht. Es gehört zur menschlichen Erfahrung.

Paulus im Lockdown.

Gemälde von Rembrandt, 1627. Wikimedia Commons.

Paulus im Lockdown

Der Apostel Paulus war in den letzten Jahres seines Lebens (gerechnet wird mit mindestens 4 bis 5 Jahre) in Gefangenschaft. Das war ein heftiger «Lockdown» für den reisefreudigen jüdischen Mann. Verschiedene Male wurde er für kurze Zeit festgenommen. Dann aber, gegen den Schluss der Apostelgeschichte, ist er ständig in Gefangenschaft.

Er wurde in Jerusalem gefangengenommen (Apg 21,30ff) und war jahrelang (Apg 24,27) sowohl in Jerusalem wie in Caesarea im Gefängnis. Der Text spricht explizit von 2 Jahren und das war nur ein Abschnitt seiner Zeit im Gefängnis. Es war eine seltsame Sache, denn er wurde jahrelang nicht verhört. Dies sind Zustände, die wir heute schnell übersehen, weil wir diese Situationen nicht kennen. Für Paulus war das jedoch eine Realität. Er musste sich mit der Realität in seinem Leben auseinandersetzen, ebenso wie wir das heute machen müssen.

Paulus war von Geburt ein römischer Staatsbürger (Apg 22,27-29). Bei einer Verteidigung hat er sich als römischer Staatsbürger auf den Kaiser berufen (Apg 25,10-11). Das war sein gutes Recht. Daraufhin wurde festgelegt, dass seinen Fall vor dem Kaiser kommen musste (Apg 25,12). Paulus musste als Gefangener nach Rom verschifft werden.

So landete Paulus von einem Lockdown in den nächsten. Von Caesarea aus wird Paulus per Schiff nach Rom geschickt. Es folgten viele Erlebnisse, die alle im Buch Apostelgeschichte beschrieben sind. Im letzten Kapitel der Apostelgeschichte kommt das Schiff in Puteoli, unweit von Rom, an (Apg 28,13).

In Rom angekommen wurde es dem Apostel gestattet mit dem ihn bewachenden Krieger allein zu bleiben (Apg 28,16). Er sass also vermutlich nicht im Gefängnis, sondern in einem anderen Unterkommen, vielleicht in einer Kaserne oder Ähnliches.

Danach ändert sich die Situation noch einmal. In den letzten Versen des Buches lesen wir:

«Er [Paulus] bliebt dann zwei ganze Jahre in eigener Mietwohnung und hiess alle willkommen, die zu ihm kamen; er heroldete das Königreich Gottes und lehrte mit allem Freimut und ungehindert, was den Herrn Jesus Christus betrifft.»
Apg 28,30-31

In eigener Mietwohnung! Paulus war also nicht nur mindestens zwei Jahre in Israel im Gefängnis, sondern minimal weitere zwei Jahre in Rom. Dabei hatte er eine eigene Mietwohnung und konnte so doch im Lockdown noch einiges tun. Er konnte zwar nicht raus (es standen Soldaten vor der Tür), aber er konnte Menschen bei sich daheim empfangen.

Bemerkenswert ist also: Die Tür ging nicht nach aussen auf, etwa zu neuen Reisen, sondern nach innen, für den Empfang von Besuchern und von Briefen. Der Apostel hiess alle willkommen, die mehr über das Königreich Gottes hören wollten und er lehrte mit allem Freimut und ungehindert (!), was den Herrn Jesus Christus betrifft.

Mit diesen Worten endet die Apostelgeschichte. Die letzten Jahre jedoch, wo er selbst nicht mehr reisen konnte, hat er mit Gesprächen und dem Schreiben von Briefen erstaunliche Dinge erreicht. So haben wir einen Schatz an geistlichem Reichtum aus dieser Zeit erhalten. Dies betrifft die sogenannten «Gefängnisbriefen» (Epheser, Philipper, Kolosser, 2. Timotheus). Es war eine überaus fruchtbare Zeit. Die Briefe, die er damals schrieb, bewegen Christen bis heute.

Der Lockdown von Paulus wurde uns zum Segen. Paulus hat sich nicht als Gefangener der Römer gesehen, sondern er sprach selbst davon, dass er ein «Gebundener Christi Jesu» war (Eph 3,1-2). Das war die von ihm gewählte und erkannte Perspektive. Denn wie immer sein Leben aussah, er wählte darin bewusst eine von Gnade gefüllte Bedeutung.

Nun frage ich, welcher Segen kann aus unserem Lockdown für andere entstehen? Welche Sicht wählen wir in unserer Situation?


Der Glaube Jesu Christi

Der Glaube Jesu Christi


Nun aber hat sich, getrennt vom Gesetz, Gottes Gerechtigkeit offenbart (vom Gesetz und den Propheten bezeugt), eine Gerechtigkeit Gottes aber durch den Glauben Jesu Christi, die für alle ist und auf alle Glaubenden kommt. Denn da ist kein Unterschied; denn alle sündigten und ermangeln der Herrlichkeit Gottes.
Römer 3,21-23

Wie Gottes Gerechtigkeit entsteht

Paulus ist hier im Römerbrief gerade dabei etwas ganz Neues zu erklären. Siehe dazu auch die bisherigen Beiträge. Es geht in Römer 3,21 weiter, wo der Apostel in Römer 1,17 aufgehört hat. Dazwischen liegt ein Abschnitt über die «Ungerechtigkeit der Menschen». Nun nimmt er den Faden von Römer 1 wieder auf.

In Römer 1,17 schrieb Paulus:

«Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin [im Evangelium] enthüllt 
aus Glauben für Glauben…»


Gottes Gerechtigkeit, so lesen wir in diesem Vers, hat etwas mit Glauben zu tun. Der Frage ist jedoch, wessen Glaube hier gemeint wird. Der etwas seltsam anmutende Ausdruck «aus Glauben für Glauben» wird im ersten Kapitel nicht weiter erklärt. Jetzt, wo Paulus das ursprüngliche Thema von der Gerechtigkeit Gottes ab Römer 3,21 wieder aufgreift, kommt auch diese zweifache Glaubensaussage wieder zum Zug. Zentral geht es um die Frage, wie genau Gottes Gerechtigkeit zustande kommt.

Er schreibt:

«…eine Gerechtigkeit Gottes aber durch den Glauben Jesu Christi, die für alle ist und auf alle Glaubenden kommt»
Röm 3,22

Die Gerechtigkeit Gottes entsteht weder durch meinen Glauben noch durch Deinen Glauben, sondern ausschliesslich durch den Glauben Jesu Christi. Das wird meist anders gelehrt. In vielen Gemeinschaften und Glaubensvorstellungen muss der Mensch selbst leisten. Auch Glaube wird zu einer Leistung, zu einem Werk, zu einer Zahlung an Gott hochstilisiert. Das tönt dann in etwa so: «Du musst Glauben, sonst kann Gott nichts tun. Wenn du nicht glaubst, kann Gott nicht retten. Er ist ohnmächtig, wenn Du den Hebel des Glaubens nicht bewegst.» Wie anders spricht da der Apostel Paulus!

Schauen wir den Text und die enthaltenen Aussagen etwas näher an.

Der Glaube Jesu Christi

Erstens wird hier von dem Glauben Jesu Christi, also von Seinem Glauben, gesprochen. Wer das noch nie so gehört hat, sollte dies einmal auf sich einwirken lassen. Es ist eine bedeutsame Aussage. Es steht hier im Griechischen ein Genitiv: «durch Glauben Jesu Christi» (gr. διὰ πίστεως Ἰησοῦ Χριστοῦ). Hier geht es um den Glauben von Jesus, wodurch Gottes Gerechtigkeit entstand. Paulus lenkt den Blick hinweg von eigener Leistung und richtet unseren Blick auf Gottes Wirken. Vater und Sohn haben hier etwas gemacht. Die beiden haben Gottes Gerechtigkeit ermöglicht. Paulus lenkt den Blick auf Gottes Werk, der zustande kam durch diesen Glauben Jesu Christi. Durch diesen Glauben ging Jesus den Weg des Kreuzes ging und sagte: «Nicht mein Wille, sondern der Deine geschehe» (Luk 22,42).

Eine Übersetzung wie «Glauben an Jesus Christus» oder «in Jesus Christus» ist hier nicht das Thema. Wer das so übersetzt macht eine Projektion. Der Text liest sich ganz anders. Es geht um Seinen Glauben. Dadurch entstand die Gerechtigkeit Gottes. Das ist radikal anders als was viele Menschen hier lesen. Durch Seinen Glauben ist Er an das Kreuz gegangen. Sein Glaube wurde so die Grundlage unserer Rettung. Es geht hier um das, was Gott selbst macht – durch Seinen Sohn. Was dabei herauskommt ist ein Evangelium, eine frohe Botschaft. Gott Selber ist hier am Werk und Jesus führt Seinen Auftrag aus, wenn Er Gottes Wille vollbringt. Das klingt durch in den Worten Jesu am Kreuz: «Es ist vollbracht!» (Joh 19,30).

Gottes Gerechtigkeit betrifft nun «alle»

Zweitens wird uns nun diese Gerechtigkeit geschenkt. Ganz umsonst! Bedenken wir zuerst an wen Paulus sich hier richtet. Es ist keine allgemeine Aussage über die ganze Menschheit. Er schreibt an die Gemeinde in Rom. Seine Zuhörer sind Gläubige. Sie vertrauen Gottes Wort. Sie alle werden nun gleichermassen teilhaben an dieser Gerechtigkeit, die Gottes selbst bewirkt hat.

Das ist eine wichtige Aussage mit grosser Reichweite, denn zu dieser Zeit gab es Unterschiede in der Gemeinde. Es gab Glaubende aus Israel (Juden) und Glaubende aus den Nationen (Nicht-Juden). In den Briefen des Apostels sieht man regelmässig, wie es eine Auseinandersetzung zwischen beiden Gruppen gibt. Mehr als nur einmal haben die Glaubenden aus Israel gemeint, sie hätten Vorrechte und die Nationen-Gläubige stehen nicht am gleichen Ort wie sie. Diese Meinung korrigiert Paulus hier.

Die Gerechtigkeit Gottes ist nun «für alle» und kommt «auf alle Glaubenden» und nicht nur auf ein Teil der Glaubenden. Er räumt falsche Interpretationen auf, die innerhalb der Gemeinde grassierten. Es gibt keine Unterschiede. Alle erhalten die Gerechtigkeit Gottes aus Gnaden und umsonst. Es geht nicht um Deine oder meine Abstammung, nicht um Dein oder mein Glaube, sondern es geht einzig und allein um Gottes eigene Gerechtigkeit, die durch den Glauben Jesu entstand. Alle werden aus Glauben leben, weil Gottes Gerechtigkeit Genüge getan wurde. Sie gilt den gläubigen Juden in der römischen Gemeinde ebenso wie Glaubenden aus den Nationen.

Der Glaube von Jesus Christus sieht Paulus als Grundlage für Gottes Gerechtigkeit. Gott hat es umfassend gelöst. Es gibt keine Unterschiede mehr vom Mensch aus gesehen. So hatte Paulus bereits in Römer 1 geschrieben: «Der Gerechte wird aus Glauben leben» (Röm 1,17, vgl. Hab 2,4). Das ist eine allgemeine Aussage, denn derjenige, der an Gottes Gerechtigkeit teilhaben darf, erhält für sein Leben eine andere Grundlage. Menschliche Unterschiede fallen weg, ebenso wie vermeintliche Vorteile aus einer bestimmten Abstammung. Der Jude erhielt Gottes Gerechtigkeit auf dieselbe Art wie der Glaubende aus den Nationen. Beide haben nichts dazugetan. Beide erhalten es umsonst. Es ist Gottes Gerechtigkeit, die Er selbst nun verschenkt. Sie ist von nichts abhängig, was von mir kommen könnte. Das ist die frohe Botschaft.

Glaube ist kein Ausschlusskriterium

Viele lesen diesen Bibelvers ganz anders. Da wird von einem Glauben «in» oder «an» Jesus Christus gesprochen und der zweite Teil des Verses wird so interpretiert, dass es sich um ein Ausschlusskriterium Gottes handelt. Man projiziert dann folgender Gedanke auf den Text: «Nur wer glaubt, der erhält diese Gerechtigkeit Gottes». Diese Aussage geht jedoch völlig am Text vorbei. Es ist eine Projektion, die vom Text selbst korrigiert wird – wenn wir sie Bibel-nah übersetzen und den Kontext miteinbeziehen.

Paulus macht hier keine Aussage über die ganze Welt, sondern er spricht zu den Gläubigen in der Gemeinde in Rom. Er spricht nicht über Menschen ausserhalb der Gemeinde. Er macht klar, ebenso wie an vielen anderen Stellen, dass es innerhalb der Gemeinde keine Unterschiede gibt. Die neue Menschheit in Christus besagt, dass wir zum Bild von Christus erneuert werden, «wo es keinen Griechen und Juden gibt, weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit, weder Barbaren noch Skythen noch Sklave und Freie, sondern alles und in allen Christus» (Kol 3,10-11). Alle stehen am gleichen Ort.

Dass diese zwei Gruppen («Juden» und «Nicht-Juden») gemeint sind, geht aus den vorher genannten Versen hervor. Paulus hat zuvor erklärt, dass niemand gerecht ist, auch nicht einer (Röm 3,10) und dass die sogenannten Vorzüge des Gesetzes (der Juden) relativ sind, denn das Gesetz bewirkt keine Gerechtigkeit, sondern bringt lediglich Erkenntnis der Sünde (Röm 3,19-20). Was Paulus anschliessend beschreibt ist «getrennt vom Gesetz». Paulus bestätigt nicht irgendwelche Vorzüge aus einer Abstammung, sondern räumt gerade damit auf. Was Paulus schreibt, ist anders. Es gehört einer anderen Kategorie an.

Paulus spricht über die Gerechtigkeit Gottes, die offenbart wird (die also bis dahin verborgen war) und diese Gerechtigkeit entstand «durch den Glauben Jesu Christi». Das sollte die Gemeinde wissen. Sie sollten auch die Konsequenzen davon sehen, nämlich, dass sie «für alle ist, und auf alle Glaubenden kommt». Das ist ohne Unterschied. Alle Glaubenden sind ohne Unterschied einbezogen. Es ist kein Ausschlusskriterium für Ungläubige, sondern ein Einschlusskriterium für die Gläubige aus den Nationen, die auf gleicher Ebene mit den Glaubenden aus Israel stehen.

Der Glaube von Jesus wird öfters erwähnt

Der Text in Römer 3 ist kein Einzelfall. Auch an anderen Stellen wird von diesem «Glauben Jesu Christi» gesprochen. In vielen Übersetzungen wird das falsch übersetzt. Hier eine Liste der weiteren Stellen, damit man selbst nachprüfen kann:

Der Kontrast ist immer mit dem Gesetz und die Aussage gilt immer innerhalb der Gemeinde. Paulus verweist konsequent auf Gottes Handeln in und durch Seinen Sohn.


Zitate von Cecil J. Blay

Zitate von Cecil J. Blay

Zitate aus «Es steht geschrieben»


  • Tatsächlich würden alle unsere geistlichen Schwierigkeiten sich in nichts auflösen, wenn wir Gott in allem glauben würden, unerschütterlich von der Wahrheit Seines Wortes überzeugt waren, ein unbeirrbares Vertrauen in Ihn hätten und uns in unserer festen Erwartung nicht wankend machen liessen. – Wenn das nicht der Fall ist, sind wir selbst schuld daran. – Cecil J. Blay, «Ich glaube Gott»
  • Wir lauschen bereitwillig vielen Stimmen und zimmern uns womöglich ein eigenes Glaubensschema zurecht aus vielerlei verschiedenen Quellen. Viel genannte Prediger nehmen für sich in Anspruch, Gottes Wort zu verkündigen, und wir nehmen nur allzu bereitwillig in uns auf, was so beredt an irrigen menschlichen Auffassungen über Gott an uns von der Kanzel und in der religiösen Presse herangetragen wird. Wann prüfen wir wirklich selbst nach, ob es sich so verhält, wie uns weisgemacht wird? – Cecil J. Blay, «Ich glaube Gott»
  • Wer einer Kirche oder einer religiösen Gemeinschaft beitreten will, der wird in den seltensten Fällen gefragt, ob er Gott glaubt. Er wird von ihm lediglich erwartet, dass er die theologischen Dogmen dieser Organisation anerkennt und sich den vorgeschriebenen Riten unterwirft. – Cecil J. Blay, «Ich glaube Gott»
  • Der Ausgangspunkt jeder richtigen Schlussfolgerung ist die Grundvoraussetzung, dass Gott kein Mensch ist, sondern Gott. – Cecil J. Blay, «Der Geist des Denksinns».
  • «Gott ist Licht.» Welche Auswirkung hat diese Botschaft auf unser eigenes Leben? – Cecil J. Blay, «Die Botschaft»
  • Sind wir nicht alle manchmal in Gefahr, uns in Gedanken das Bild eines rein theologischen Christus aufzubauen und uns so ganz falsche Vorstellungen von Ihm zu machen? – Cecil J. Blay, «Was ist das für ein Mann?»
  • Gott schätzt Seinen Christus über die Massen höher als wir Menschen es tun. Er vertraut Ihm die gesamte Schöpfung an (Heb 1,3 Kol 1,17). – Cecil J. Blay, «Was ist das für ein Mann?»
  • Die Liebe Gottes ist weiter als der Massstab, den die Menschen an sie legen. – Cecil J. Blay, «Werdet weit»
  • Verblüffend, ja geradezu erschreckend ist, dass manche, die in Gottes Gnade umsonst gerechtfertigt sind, die unverdient Seiner Güte teilhaftig wurden, sich heftig gegen den Gedanken auflehnen, dass die gegenwärtig weniger Glücklichen eines Tages ebenfalls mit Gott ausgesöhnt sein werden. – Cecil J. Blay, «Werdet weit»
  • Gott macht uns keinen Vorwurf, wenn wir unseren Verstand gebrauchen, den Er uns gegeben hat, um Sein Wort und Seine Wege zu erfassen. – Cecil J. Blay, «Der überragende Weg»


Zitate von Martin Buber

Zitate von Martin Buber

Zitate aus dem Büchlein «Ich und Du»


  • Im Anfang ist die Beziehung. –Martin Buber
  • Und wirkliche Beziehung ist es, darin ich zu ihr stehe: sie wirkt an mir wie ich an ihr wirke. –Martin Buber
  • Alles wirkliche Leben ist Begegnung. –Martin Buber
  • Das Du begegnet mir von Gnaden – durch Suchen wird es nicht gefunden. –Martin Buber
  • Gefühle werden «gehabt»; die Liebe geschieht. Gefühle wohnen im Menschen; aber der Mensch wohnt in seiner Liebe. Das ist keine Metapher, sondern die Wirklichkeit: die Liebe haftet dem Ich nicht an, so dass sie das Du nur zum «Inhalt», zum Gegenstand hätte; sie ist zwischen Ich und Du. –Martin Buber
  • Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du: hierin besteht, die in keinerlei Gefühl bestehen kann, die Gleichheit aller Liebenden, vom kleinsten bis zum grössten und von dem selig Geborgnen, dem sein Leben in dem eines geliebten Menschen beschlossen ist, zu dem lebelang ans Kreuz der Welt Geschlagenen, der das Ungeheure vermag und wagt: die Menschen zu lieben. –Martin Buber
  • Solange die Liebe «blind» ist, das heisst: solang sie nicht ein ganzes Wesen sieht, steht sie noch nicht wahrhaft unter dem Grundwort der Beziehung. –Martin Buber
  • Das Du kennt kein Koordinatensystem. –Martin Buber
  • Geist in seiner menschlichen Kundgebung ist Antwort des Menschen an sein Du. –Martin Buber
  • Geist ist nicht im Ich, sondern zwischen Ich und Du. –Martin Buber
  • Das Dogma kennt den Menschen nicht, der den Allkampf durch die Umkehr überwindet; der das Gespinst der Gebrauchstriebe durch die Umkehr zerreisst; der sich dem Bann der Klasse durch die Umkehr enthebt; – der durch die Umkehr die sicheren Geschichtsgebilde aufrührt, verjüngt, verwandelt. Das Dogma des Ablaufs lässt dir vor seinem Brettspiel nur die Wahl: die Regeln beobachten oder ausscheiden; aber der Umkehrende wirft die Figuren um. Das Dogma will dir immerhin erlauben, die Bedingtheit mit dem Leben zu vollstrecken und in der Seele «frei zu bleiben»; aber diese Freiheit erachtet der Umkehrende für die schmählichste Knechtschaft. –Martin Buber
  • Der freie Mensch ist der ohne Willkür wollende. –Martin Buber
  • Er glaubt, sagte ich; damit ist aber gesagt: er begegnet. –Martin Buber
  • Das ungläubige Mark des willkürlichen Menschen kann nichts anderes wahrnehmen als Unglauben und Willkür, Zwecksetzen und Mittelersinnen. Ohne Opfer und ohne Gnade, ohne Begegnung und ohne Gegenwart, eine verzweckte und vermittelte Welt ist seine Welt; keine andre kann es sein; und dies heisst Verhängnis. –Martin Buber
  • Der Zweck der Beziehung ist ihr eigenes Wesen, das ist: die Berührung des Du. Denn durch die Berührung jedes Du rührt ein Hauch des ewigen Lebens uns an. –Martin Buber
  • Die verlängerten Linien der Beziehungen schneiden sich im ewigen Du. –Martin Buber
  • Die Liebe selber kann nicht in der unmittelbaren Beziehung verharren; sie dauert, aber im Wechsel von Aktualität und Latenz. –Martin Buber
  • Das Ereignis aber, dessen Weltseite Umkehr heisst, dessen Gottesseite heisst Erlösung. –Martin Buber


Zitate von Richard Imberg

Zitate von Richard Imberg

Zitate aus dem vergriffenen Büchlein «In Christo»


  • Wenn wir die Grösse unserer Berufung erkannt haben, fliesst der dieser Berufung würdige Wandel aus einer inneren Notwendigkeit. –Richard Imberg
  • Gnade, Liebe und Treue Gottes sind die unerschütterlichen Fundamente unseres Lebens. –Richard Imberg
  • Die Liebe ist stark genug, um auch die zu lieben, die anders denken als wir; darum brauchen wir um der Liebe willen die Wahrheit nicht preiszugeben. –Richard Imberg
  • Unsere Aufgabe besteht darin, Gott zu erkennen. –Richard Imberg
  • Nicht nur Liebestat, sondern die Tat eines Liebenden, der in dieser seiner Tat sich selber gibt, das ist – Diakonie. –Richard Imberg
  • Auch diese Welt und diese Zeit stehen unter der Herrschaft Gottes. –Richard Imberg
  • Das Kreuz Jesu Christi ist der Sieg der Liebe über alle Feindschaft im Himmel und auf Erden. –Richard Imberg
  • Das All unter Christum, als «Haupt über alles» zusammenzufassen, ist der Wille Gottes, dem alles dienen muss. –Richard Imberg
  • Jesus Christus überwindet den Hass durch eine Demonstration Seiner Liebe so gewaltig, so unfassbar gross, dass an der Grösse dieser Liebe die Bosheit sich erschöpfen muss und wird. –Richard Imberg
  • Zu erkennen, dass Gott Liebe ist, ist das Grösste, was einem Menschen geschenkt werden kann. –Richard Imberg
  • Erkenntnis, die zur Liebe führt, trägt den Stempel der Wahrheit. –Richard Imberg
  • Nicht der Mensch schlechthin, sondern die neue Menschheit in Christo ist das Ziel und der Zweck aller Wege Gottes. –Richard Imberg
  • Die Bibel ist keine Anweisung zu einem seligen Sterben, sondern die Grundlage zu einem fröhlichen Leben. –Richard Imberg
  • Beten zu dürfen ist die Ehre, die Gott uns gibt. –Richard Imberg
  • Die Freiheit des Menschen ist begrenzt durch die Souveränität Gottes, und über der Verantwortung des Menschen vor Gott steht Gottes Gnade. –Richard Imberg
  • Geheimnisse Gottes werden uns nur offenbar, wenn wir mit Gott wandeln, wenn wir als solche leben, die wohl «in der Welt» sind, aber nicht mehr «von der Welt». –Richard Imberg
  • Den Beweis des neuen Lebens erbringt nicht, wer darüber redet, sondern wer «täglich stirbt». –Richard Imberg
  • Gott hat sich Seine Schöpfung erlitten. –Richard Imberg


Alles ist aus Gott

Alles ist aus Gott

Woher Zuversicht kommt. Startpunkt für ein gesundes Gottvertrauen.


6. März 2020By Karsten Risseeuw9 Minutes

«Alles ist aus Ihm und durch Ihn und zu Ihm hin.»
Römer 11,36

Es ist einfach

Paulus hat ein Gottesbild, das umfassender nicht sein kann. Der Apostel sieht es so: Alles ist aus Ihm, durch Ihn und zu Ihm hin (Röm 11,36). Gott ist für alles zuständig. Für Paulus ist Gott derjenige, aus dem alle Dinge hervorgekommen sind. Gott ist auch derjenige, der heute «diese Welt im Innersten zusammenhält» (nach: Faust, Goethe). Als Drittes wird erwähnt: Alle Dinge werden zu Ihm hinführen. All das gehört für den Apostel zusammen.

Es ist also sehr einfach: Wenn Gott «Gott» sein darf, ist Er für alles zuständig.

Hat Gott alles in Händen?

An anderer Stelle schreibt Paulus, dass Gott alles bewirkt nach dem Ratschluss Seines Willens (Eph 1,11). Es ist klar, dass hier nichts ausgenommen ist, was nicht von Ihm her kommt. Für viele Menschen ist das aber nicht sehr einfach zu verdauen. «Gottvertrauen» ist zwar salonfähig, aber «Gott» ist es nicht – erst recht nicht, wenn Er für alles zuständig wäre.

Es wird über die Zuständigkeit Gottes gefolgert, als müsste Er sich wie ein Mensch verhalten. Also kommt man zum Schluss: Wenn Gott für alles zuständig ist, lässt sich diese aktuelle Welt nicht erklären. Das ist eine verständliche Aussage, aber sie lässt den Beklagten (Gott) nicht zu Wort kommen.

Im Spannungsfeld zwischen Bibel und Aktualität entstand auch die Frage der Theodizee. Die Frage der Theodizee ist nichts anderes als der Versuch, das Leiden und die Unvollkommenheit dieser Welt mit einem allmächtigen und liebenden Gott in Einklang zu bringen – oder am Glauben zu verzweifeln. Das Problem dieser Fragestellung liegt darin, dass der Mensch von sich aus auf Gott schliessen will. Das Buch Hiob beschreibt jedoch eindrücklich, dass wir an einem anderen Punkt als Gott stehen. Wir können Seine Position nicht einnehmen, weil wir an einem anderen Ort stehen. Wir sind nicht Gott.

Die Bibel schenkt uns eine andere Perspektive. Das Leiden dieser Welt wird nicht ausgeblendet und unser Gott und Vater wirkt auf ein Ziel zu. Das wäre ein Grund zur Freude. Dieses Ziel ist heute jedoch noch nicht realisiert. Der Mensch möchte verständlicherweise, dass das Leiden jetzt aufhört, dass der Tod jetzt nicht mehr ist, obwohl beide ganz fest zu dieser Welt gehören. Das Spannungsfeld liegt also beim Menschen. Gott jedoch scheint keinen Stress zu haben.

Gott spricht in der Bibel davon, dass Er nicht auf unsere kurze Lebenszeit begrenzt ist. Nicht alles geschieht jetzt. Vieles hat sich bereits zugetragen, anderes liegt in der Zukunft. Es gibt ein Ziel. Gott hat ein Ziel. Wir selbst stehen irgendwo zwischen Anfang und Ende. Wir sind unterwegs zum Ziel.

Gottes Ziel

Gottes Ziel ist es, einst «alles in allen» zu werden (1Kor 15,28). Wir leben heute in der Erwartung (Röm 8,23-25). Wenn aber das Ende eintrifft, heisst es «Ende gut, alles gut». Das ist nicht billig, denn Gott hat dafür Seinen Sohn ans Kreuz gehen lassen. Es ist die Vorbedingung dafür, dass Er, Friede machend durch das Blut des Kreuzes, das All mit sich selbst aussöhnt (Kol 1,20).

In diesem Sinne sieht es Paulus. Der Apostel hat das Ziel Gottes vor Augen. Daraus lebt er und schöpft er seine Zuversicht. Denn Paulus weiss, dass alles aus Gott ist.

Die Gottheit Gottes

Die «Gottheit Gottes» ist ein Kernthema im Verständnis der Bibel. Er ist zuständig und niemand sonst. Keiner ist Ihm gleich. Keiner kann Ihm den Rang streitig machen.

In so mancher Lehre wird dazu jedoch anderes gelehrt. Gott wird vermenschlicht und Seine Zuständigkeit wird bezweifelt. Das Bild von Gott wird verharmlost. Deshalb kommt es beispielsweise zu folgenden Annahmen, die allesamt die Gottheit von Gott infrage stellen:

  • Der Ursprung des Bösen liegt bei Satan (Gott war dafür nicht zuständig?)
  • Wenn der Mensch nicht an Jesus glaubt, kann Gott nicht retten (Hebelt mein Wille Seinen Wille aus?)
  • Alles entscheidet sich in diesem Leben (Entscheidet allein der Mensch?)
  • Das Experiment «Welt» wurde halt durch die Sünde durcheinander gebracht. Gott ist überrascht und versucht nur noch zu «flicken», was geht (Wer hat den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gepflanzt?).

Man leugnet, dass alles aus Gott ist. Das ist problematisch. Es gäbe dafür jedoch eine einfache Korrektur: Man müsste nur anfangen, mehr von der Bibel selbst auszugehen anstatt von Meinungen über die Bibel und über Gott. Die Aussagen der Bibel sind vielschichtig, aber nicht kompliziert. Es wird einhellig bezeugt: Gott ist für alles zuständig. Nichts ist Ihm aus den Händen gerutscht. Er wird zum Ziel kommen.

Paulus spricht darüber in vielen Briefen und Situationen. Im Epheserbrief beispielsweise schreibt er davon, dass Gott in Seiner vielseitigen Weisheit einen «Vorsatz der Äonen» (Vorsatz der Zeitalter) gemacht hat, über den Er zum Ziel kommt. Er hat Zeit. Er plant voraus. Diesen Vorsatz der Äonen hat Er «in Christus Jesus» gefasst (Eph 3,11). Das darf uns zuversichtlich stimmen.

Alles ist aus Gott. Das ist einfach und befreiend. Es ist eine Aussage, die vom Ursprung ausgehend auch das Ziel sehen kann.


Gibt es nur ein einziges Evangelium?

Gibt es nur ein einziges Evangelium?

Die Bibel ist vielfarbig und spricht von verschiedenen Evangelien


1. März 2020By Karsten Risseeuw29 Minutes

Für viele Christen gibt es nur ein einziges Evangelium. So wird es schliesslich gelehrt. «Es gibt nur 1 Evangelium und darin geht es nur um Jesus und dass wir an Ihn glauben. Dadurch werden wir schliesslich gerettet und weitere Interessen hat Gott nicht.» Es ist ein verinnerlichtes Glaubensbild, eine Annahme über die Bibel und über das, was die Bibel aussagt. Aus der Bibel selbst lässt sich das jedoch nicht begründen. Dort ist die Verwendung vom Begriff «Evangelium» viel differenzierter und es werden verschiedene Evangelien genannt.

Die Bedeutung des Wortes «Evangelium»

Das Wort «Evangelium» stammt aus dem Griechischen (εὐαγγέλιον) und wird zusammengesetzt aus zwei Wortteilen «eu» (wohl oder gut) und «aggelion» (Botschaft oder Nachricht). Ein Evangelium ist eine «gute Nachricht» oder «Wohlbotschaft». Als neutraler Begriff kann damit jede Art einer guten Nachricht gemeint sein. Ein Beispiel dafür ist die Verkündigung der Geburt Johannes des Täufers an seinen Vater Zacharias durch einen Engel:

«Der Bote antwortete ihm: Ich bin Gabriel, der vor den Augen Gottes steht, und wurde ausgesandt, zu dir zu sprechen und dir dieses als frohe Botschaft zu verkündigen.»
Lk 1,19

An dieser Stelle steht der Verb «Evangelium verkündigen» (gr. εὐαγγελίζω). Tatsächlich ist es für den bereits hochbejahrten Zacharias eine aussergewöhnliche Nachricht und frohe Botschaft. Der Inhalt jedoch ist nicht Jesus, sondern die Geburt von einem Sohn für Zacharias und Elisabeth.

Der Begriff «Evangelium» ist ein neutraler Begriff. Sie wird am meisten auf Jesus angewendet, aber nicht nur dort. Es ist auch nicht so, dass überall dasselbe gemeint wäre. Es gibt eine weitere Geschichte, wo Engel von einer Geburt berichten:

«In derselben Gegend waren Hirten bei den Feldhürden und bewachten in Nachtwachen ihre Herde. Und siehe, ein Bote des Herrn trat zu ihnen und die Herrlichkeit Gottes umstrahlte sie; da fürchteten sie sich und ihre Furcht war gross. Der Bote sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht; denn siehe, ich verkündige euch eine grosse Freudenbotschaft, die für das gesamte Volk sein wird: Euch ist heute der Retter geboren, welcher Christus der Herr ist, in der Stadt Davids…»
Lk 2,8-11

Der Bote «verkündigt… Freudenbotschaft» (εὐαγγελίζω). Hier ist von einer frohen Nachricht die Rede und der Inhalt dieser Botschaft ist die Geburt Jesu, der hier als «Retter» und «Christus» («Messias») beschrieben wird. Die frohe Botschaft ist die Geburt, nicht etwa das Sterben und die Auferstehung Jesu. Soweit war es noch lange nicht. Zuerst einmal sollten sich die Hirten daran freuen, dass der Messias geboren war, und zwar in der Stadt Davids, welche Bethlehem ist (Micha 5,2).

Der Kontext spricht von jüdischen Zuhörern, denen gesagt wird, dass ihr lang erwarteter Messias und Retter geboren wurde. Mehr steht nicht hier. Für die Zuhörer war es eine frohe Botschaft, ein Evangelium.

Der Kontext bestimmt die Aussage

Im Neuen Testament werden verschiedene Evangelien genannt. Es sind verschiedene Botschaften, die alle als «Gute Nachricht» oder «Wohlbotschaft» gelten. Dabei ist das Wort Evangelium ein neutraler Begriff und die Aussage der jeweiligen Botschaft ist aus dem Kontext zu bestimmen.

Wenn Johannes der Täufer predigt, spricht er vom «Königreich der Himmel», dass dieses nahe gekommen war (Mt 3,1-2). Dasselbe macht später Jesus:

«Von da an begann Jesus zu herolden und zu sagen: “Sinnet um! Denn das Königreich der Himmel hat sich genaht!”»
Mt 4,17

Diese Art von Verkündigung und dieses Thema wurde als «Frohe Botschaft», als Evangelium gesehen. Deshalb kann man öfters von dem «Evangelium des Königreichs» lesen (Mt 4,23, Mt 9,35, Mk 1,14):

«Nach der Überantwortung des Johannes kam Jesus nach Galiläa. Dort heroldete Er das Evangelium des Königreichs Gottes und sagte: “Erfüllt ist die Frist, und genaht hat sich das Königreich Gottes. Sinnt um und glaubt an das Evangelium”.»
Mk 1,14-15

Das «Evangelium des Königreichs Gottes» ist eine frohe Botschaft, ein Evangelium, welches das Königreich Gottes als Inhalt hat. Nach Matthäus geht es um das «Königreich der Himmel». In dieser Verkündigung steht das nahe gekommene messianische Reich zentral. Wenn Jesus gleich anschliessend sagt «glaubt an das Evangelium», so ist sonnenklar, dass dieses Königreich der Inhalt der Botschaft ist. Glaubt an die frohe Botschaft des Königreichs!

Der Kontext allein bestimmt die Aussage und Tragweite des Wortes «Evangelium». Im Neuen Testament wird das neutrale Wort deshalb in ganz verschiedenen Kontexten genutzt. Es ist immer eine frohe Botschaft, aber der Inhalt kann sich ändern.

Verschiedene Evangelien

Weil das Wort Evangelium neutral ist und der Kontext die Bedeutung definiert, gibt es im Neuen Testament ganz verschiedene «Evangelien» oder «Wohlbotschaften». Sie können und dürfen nicht einfach miteinander verwechselt werden. Das passiert jedoch häufig. Ein Beispiel dafür ist die Interpretation der sogenannten 4 Evangelien oder der 4 Berichte. Allgemein wird daraus eine Verkündigung von Jesus Christus herausgelesen, obwohl Er selbst von einem «Evangelium des Königreichs» spricht. Natürlich haben Jesus und das erwartete messianische Königreich miteinander zu tun, aber sie sind nicht verwechselbar. Wir haben in unseren Überlieferungen kurzerhand den Fokus anders ausgerichtet. Alles, was wir von Jesus Christus wissen, wird nun auf die Evangelien projiziert und die Aussagen der Evangelien selbst geraten in Vergessenheit (Hast Du je eine Predigt über das von Jesus erwähnte «Evangelium des Königreichs» gehört?). Viel «Bibelverständnis» ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Projektion.

Verschiedene Evangelien sind alle «frohe Botschaften», wobei der Zusatz jeweils den Fokus setzt:

Gewiss gibt es immer wieder Überlappungen in der Bedeutung. Daraus darf man allerdings nicht folgern, dass «also alles gleich wäre». Insbesondere dort, wo zwei Evangelien in direktem Kontrast zueinander gesetzt werden, sollte man die Unterschiede nicht unter den Teppich kehren. Das kann man in folgender Geschichte nachlesen.

Das Evangelium, das Paulus verkündigt

Nach vielen Jahren zieht Paulus einmal nach Jerusalem hinauf, um dort den 12 Aposteln das Evangelium vorzustellen, dass er unter den Nationen verkündigt (Gal 2,1). Paulus sucht dort den Kontakt, will aber in Jerusalem auch etwas erreichen. Es geht um gegenseitiges Verständnis und Anerkennung, dass alle am gleichen Strick ziehen, dass alle von Gottes Werk durch Jesus Christus reden. Paulus will also sein Evangelium den anderen Aposteln vorstellen. Wenn Paulus exakt dasselbe wie die 12 Aposteln erzählen würde, dann wäre ein solcher Besuch gar nicht nötig gewesen. Es gab jedoch offensichtliche Unterschiede. Deshalb machte sich Paulus auf den Weg nach Jerusalem.

Was erkennen nun die Apostel in Jerusalem?

«… mir haben diese Angesehenen doch nichts anderes unterbreitet, sondern im Gegenteil, weil sie einsahen, dass ich mit dem Evangelium der Unbeschnittenheit betraut bin, so wie Petrus mit dem der Beschneidung…»
Aus Gal 2,6-10

Zwei Evangelien, die in Kontrast stehen: Das Evangelium der Unbeschnittenheit (für Nicht-Juden) und das der Beschneidung (für die Juden). Die 12 befolgen nach wie vor das Gesetz und pflegen auch den Kontakt zum Tempel. Ihre Erwartung war nach wie vor die Erfüllung der prophetischen Verheissungen, wie bereits Jesus davon gesprochen hat (Mt 15,24; Röm 15,8). Paulus dagegen hat einen neuen Weg für die Nationen eröffnen dürfen. Das Evangelium der Unbeschnittenheit (der Nicht-Juden) steht in manchen Punkten im Kontrast mit dem Evangelium der Beschneidung (der Juden). Die Apostel haben das gegenseitig anerkannt, aber heute sind diese Anerkennung sowie die unterschiedlichen Botschaften und Zielgruppen meist in Vergessenheit geraten. Es soll nur ein einziges Evangelium geben.

Eine fortschreitende Entwicklung

Es gibt im Neuen Testament eine fortschreitende Entwicklung. Es gibt eine Zeit vor dem Kreuz und eine Zeit nach der Auferstehung. Die Situation ändert sich. Ebenso ändert sich die Botschaft. Die 12 Apostel waren mit der frohen Botschaft des nahenden Königreiches vom Messias betreut. Petrus erhielt den Schlüssel zu diesem Königreich der Himmel (Mt 16,15-20). Jerusalem war der richtige Ort für sie. Wie aus dem Nichts erscheint dann ein weiterer Apostel, Paulus, der direkt von Jesus unterrichtet wird (Gal 1,12; Gal 2,2 u.a.). Paulus sollte etwas anderes erzählen als es Jesus selbst gemacht hat. Er sollte auch anderes tun. Er wird zu den Nationen ausgesandt, was für die jüdischen Gläubigen unerhört war. Sogar Petrus fand einiges nicht sehr einfach:

«… so wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben hat, wie auch in all den Briefen, wenn er in ihnen auf diese Dinge zu sprechen kommt, in welchen etliches schwer zu begreifen ist, was die Ungelehrten und Unbefestigten zu ihrem eigenen Untergang entstellen, wie auch die übrigen Schriften.»
2Pet 3,15-16

Es gibt also verschiedene Evangelien. Die Apostel haben sich selbst damit auseinandergesetzt. Aufgrund der Unterschiede gab es keine persönliche Abgrenzungen, sondern gegenseitige Anerkennung. Gott wirkt Wunder in Israel (durch die 12) aber Er wirkt auch Wunder ausserhalb von Israel (durch Paulus). Die beiden ergänzen sich und was Paulus wirkt und verkündigt, ist für jüdische Ohren manchmal schwer zu verstehen (sagt Petrus), jedoch ist es für die Nationen eine umwerfende Botschaft der Gnade.

So schreibt Paulus im Epheserbrief:

«Mithin bin ich, Paulus, der Gebundene Christi Jesu für euch, die aus den Nationen – wenn ihr nämlich von der Verwaltung der Gnade Gottes gehört habt, die mir für euch gegeben ist, da mir durch eine Enthüllung das Geheimnis bekannt gemacht wurde (so wie ich gerade vorher in Kürze schrieb, woran ihr beim Lesen mein Verständnis für das Geheimnis des Christus begreifen könnt, das in anderen Generationen den Söhnen der Menschen nicht bekannt gemacht wurde, wie es nun Seinen heiligen Aposteln und Propheten enthüllt wurde): Im Geist sind die aus den Nationen gemeinsame Losteilinhaber und eine gemeinsame Körperschaft und gemeinsame Teilhaber der Verheissung in Christus Jesus durch das Evangelium, dessen Diener ich geworden bin.»
Eph 3,1-7

Vorher war es nicht bekannt. Auch die 12 wussten davon nichts. Paulus aber macht es bekannt in einem eigenen Evangelium. Worum geht es? Die Nationen sind auf gleicher Stufe wie die Juden. Paulus nennt diese neue Gemeinde aus allen Nationen den Körper Christi. Nur Paulus spricht davon. Mit der Erwartung von Israel hat diese Gruppe nichts zu tun. Ihre Berufung und ihr Evangelium war bis dahin ein Geheimnis.

Paulus enthüllt es. Dabei geht es nicht um die Erfüllung alttestamentlicher Verheissungen für das jüdische Volk, sondern um etwas ganz Neues, nämlich dass wir durch Christus Jesus, «durch Ihn in einem Geist Zutritt zum Vater haben» (Eph 2,18). Was ist neu daran? Es gibt und braucht keine Vermittlerrolle von Israel mehr. Es benötigt kein Tempeldienst mehr, denn es geschieht «im Geist». Das war umwerfend neu.

Diese von Paulus aus allen Nationen berufene Gemeinde war nicht anstelle von Israel getreten, sondern bestand gleichzeitig neben der Gemeinde aus Israel. Diese Entwicklung wird in der Apostelgeschichte beschrieben.

Auseinandersetzungen im Neuen Testament

Damit wir die Auseinandersetzungen im Neuen Testament nach Wert einschätzen, sollte man hier bedenken, dass in dieser Zeit also zwei Evangelien nebeneinander galten, und die Gemeinde in Jerusalem eine andere Ausrichtung hat (auf den Tempeldienst und die Erwartung eines messianischen Reiches gerichtet) als die Gläubigen unter den Nationen. Gerade weil diese Evangelien nebeneinander existierten, gab es immer wieder Friktionen, speziell wo es um das Halten des Gesetzes ging, wie es in Jerusalem noch praktiziert wurde. Die Gemeinde in Jerusalem lebte mit dem Gesetz, während es die Nationen nach dem Evangelium der Gnade so nicht machen mussten. Paulus erwähnt in Seinen Briefen regelmässig Korrekturen für verschiedene Gemeinden, damit kein Mischevangelium zwischen beiden entsteht, welches er ein «andersartiges Evangelium» nennt, das «kein echtes anderes ist»:

«Ich staune, dass ihr euch so schnell umstellt, hinweg von dem Evangelium, das euch in Christi Gnade berufen hat, zu einem andersartigen (gr. heteron) Evangelium, das aber nicht ein anderes (gr. allo) echtes ist, wenn da nicht etliche wären, die euch beunruhigen und das Evangelium des Christus verkehren wollen.»
Gal 1,6-7

Im Griechischen gibt es zwei Wörter für «anders». Das gr. heteron bezeichnet anders im Sinne von «andersartig» (englisch: different), während das gr. allo etwas anderes ist (englisch: other). Manche der Galater hatten sich zu einem «andersartigen» Evangelium verführen lassen, das aber «kein echtes anderes» ist. Die Vermischung von Gesetz und Gnade, entsprechend den zwei realen Evangelien für die Beschneidung einerseits und der Unbeschnittenheit andererseits (Gal 2,7-9), bringt keine wirkliche Frohbotschaft hervor.

«O ihr unvernünftigen Galater, wer hat denn euch bezaubert, vor deren Augen Jesus Christus als Gekreuzigter gezeichnet wurde? Nur dies eine will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist aus euren Gesetzeswerken erhalten oder beim Hören von Seinem Glauben? So unvernünftig seid ihr? Habt ihr im Geist den Anfang unternommen, um ihn nun im Fleisch zu vollenden?»
Gal 3,1-3

Diese Reden von Paulus lassen sich viel besser verstehen, wenn wir uns den unterschiedlichen Evangelien bewusst sind. Die Zeit der Apostelgeschichte war eine Zeit des Umbruchs. Es fand eine Entwicklung statt. Es war eine Zeit, die von Auseinandersetzungen geprägt war. Was unter den Nationen durch die Verkündigung von Paulus geschah, war umwerfend neu. Daneben stand die Erfahrung der Verkündigung von Jesus, die ausschliesslich zu den Juden gerichtet war (Mt 15,24) und die sich auf die Erfüllung der prophetischen Verheissungen für Israel bezog (Röm 15,8). Beides lässt sich aus dem Neuen Testament herauslesen. Die Gemeinde aus allen Nationen war jedoch umwerfend neu, ebenso wie die Botschaft der Gnade, die diese Gemeinde beflügelte.

Kein Einheitsbrei, sondern Farbpalette

Das Neue Testament (oder: die Bibel) ist kein Einheitsbrei. Es ist irreführend, wenn wir davon ausgehen, dass «alles dasselbe ist». Eine solche Sicht verhindert ein besseres und differenziertes Verständnis. Es werden einfach zu viele Projektionen gemacht. Was als «christlich» gilt, ist häufig nichts anderes als eine verengte Sichtweise der biblischen Geschichte, nicht selten durch Traditionen zusätzlich eingefärbt.

Kann man sagen, dass Gott ein einziger Gott ist, und dass Er ein einziges Ziel vor Augen hat? Gewiss! Das kann man sich bildlich so vorstellen, dass es einen einzigen Künstler gibt, der ein einziges Gemälde malt. Ich erkenne darin eine positive und nüchterne Betrachtung.

Manch anderer meint jedoch zu erkennen, dass alle Farben dieselben sind. Man verneint die Farbpalette. Es darf nur eine Farbe geben. Das entspricht jedoch nicht der Realität, weder der Welt noch der Bibel. Die Bibel ist bunt und vielfarbig. Zwar wird ein einziges Gemälde gemalt, aber es geschieht mit unterschiedlichen Farben. Es gibt nicht nur ein einziges Evangelium. Es gibt verschiedene frohe Botschaften, die verschiedenen Kontexten gerecht werden. Ich vertraue und danke meinem Gott, dass Er mit allen Farben malt. Jeder Strich auf dem Leintuch hat Bedeutung, mal ist es eine Hintergrundfarbe, mal leuchtet etwas auf.

Mir persönlich gelten einige dieser Farben, während andere Farben in anderen Zeiten und an anderen Orten aufgetragen werden. Ich schliesse nicht mehr von mir und meinen Farben auf alle andere Farben. Ich habe den Künstler kennengelernt und habe durch das Lesen der Bibel erfahren, dass gerade ein grosses Kunstwerk entsteht, mit vielen Farben ausdrucksvoll gemalt. Weil ich selbst als Farbe aufgetragen bin, fehlt mir die Distanz, wodurch ich das ganze Kunstwerk betrachten kann. Im Glauben jedoch gewinne ich Distanz und sehe etwas vom ganzen Projekt. Durch das Lesen der Bibel erkenne ich viele unterschiedliche Farben.

Dafür danke ich meinem Gott und Vater.


Ihr aber, was sagt ihr, wer Ich sei?

Ihr aber, was sagt ihr, wer Ich sei?

Wie finde ich einen neuen Zugang zur Bibel?


Die Brille wo hindurch wir schauen

Wie wir die Bibel lesen, ist von unserem Verständnis abhängig. Wir können die Welt und damit auch die Bibel nur durch die Brille unserer eigenen Erfahrung hindurch sehen.

Die Brille, die wir tragen, ist sozusagen die Zusammenfassung verschiedener Einflüsse. Man kann zwar den Wunsch haben, die Bibel «richtig» zu verstehen, aber wir stehen uns selbst mit unserer Erfahrung und unseren Annahmen dabei im Weg. Es hilft auch nichts, zu sagen, dass die Bibel «wahr» ist, oder dass wir durch Gottes Geist geleitet sind. Das alles stimme ich zu, aber es macht uns selbst nicht unfehlbar. Wir stehen uns selbst immer noch im Weg. Trotz aller göttlichen Unterstützung bleibt unsere Brille «unsere» Brille.

Der Absolutheitsanspruch mancher Christen über das eigene Verständnis ist nicht nur absurd und abstossend, sondern schlicht falsch. Damit meine ich nicht, dass es keine eindeutige Wahrheit gäbe, sondern dass unser eigenes Verständnis «bruchteilhaft» bleibt (1Kor 13,12). Der Anspruch auf absolute Erkenntnisse bleibt in Gott verborgen, während wir das Geheimnis des Glaubens nur in reinem Gewissen halten können (1Tim 3,9).

Ist die Bibel zu kompliziert?

Zweifellos projiziere auch ich noch vieles in den Text hinein. Deshalb bemühe ich mich, voreilige Schlussfolgerungen zu vermeiden und beim Lesen der Bibel stets vom Kontext auszugehen. Viele Aussagen über die Bibel müssen dann sofort fallengelassen werden, weil die Annahmen über den Text nicht vom Kontext unterstützt werden. Erst wenn wir dazu den Mut haben, können wir die Aussagen der Bibel wieder selbst zu Wort kommen lassen. Erst dann beginnt ein Prozess der Differenzierung, wodurch wir – Schritt für Schritt – uns den Text und der ursprünglichen Aussage nähern können.

Mancher sagt, die Bibel sei zu kompliziert. Im Wesentlichen geht es darum, dass wir selbst zu kompliziert sind. Das ist meist keine bewusste Entscheidung. Wir tragen Ideen und Projektionen von Theologien vieler Generationen mit uns herum. Diese Projektionen loszuwerden ist die eigentliche Herausforderung. Wir selbst sind die grössten Hürden zum Verständnis. Es sind unsere verinnerlichten Gedanken, Werte, Ideen und Glaubensvorstellungen, die einem «unvoreingenommenen» Lesen der Bibel im Weg stehen. Die Bibel ist nicht kompliziert – wir sind es.

Den eigenen Horizont erweitern

Ebenso wie unser Verständnis ganz logisch von bisherigen Erfahrungen und Sichtweisen geleitet wird, so braucht es neue Erfahrungen und Sichtweisen, damit wir unabhängiger denken können. Wie komme ich zu neuen Erfahrungen und Sichtweisen?

Manch einer wirft vielleicht – frustriert über bisherige Erfahrungen – die Bibel und das Christentum weg. Es gibt jedoch einen anderen Weg. Wir müssen nur anderen Erfahrungen und Sichtweisen einen Entwicklungsraum schenken. Damit meine ich nicht, dass wir bisherige Frustrationen wieder gutheissen müssten, sondern dass wir unseren eigenen Horizont erweitern.

Wer beispielsweise über bisherige Lehrmeinungen, über die eigene Glaubenshaltung, über so manche Annahme über Gott und die Welt frustriert ist, muss dadurch nicht die Bibel, Gott oder den Glauben über Bord werfen. Wenn ich erkenne, dass meine Annahmen so nicht mehr stimmen können, oder wenn ich sehe, dass ich nicht mehr in die Glaubensvorstellungen anderer Menschen hineinpasse, dann braucht es eine Neuorientierung.

An dem Punkt angelangt kann ich mir selbst die Freiheit schenken, die Bibel wieder neu zu lesen. Vielleicht muss ich lernen, sie unvoreingenommen zu lesen. Das kann sehr schwer sein. Vielleicht ist es schmerzhaft, weil viele Bibelstellen mit schmerzhaften oder falschen Erfahrungen behaftet sind. Eventuell habe ich viele Vorstellungen so tief verinnerlicht, dass es mir schwerfällt, sie beim Lesen beiseite zu lassen.

Es ist dieser Schmerz, der mir zeigt, wo der Schuh klemmt. Wenn es so mühsam ist, die Bibel unvoreingenommen zu lesen, zeigt es mir, dass gerade das notwendig wäre.

Projektionen loslassen und mit neuen Eindrücken ersetzen

Werde ich mir bewusst, dass ich unzählige Projektionen mit mir herumtrage, kann ich mich dafür entscheiden, dass sich etwas ändern muss. Aber was? Bisherige Erfahrungen und Sichtweisen führten in eine Sackgasse.

Ich selbst habe aus solchen gedanklichen und theologischen Sackgassen hinausgefunden, indem ich mich erneut mit der Bibel auseinandergesetzt habe. So wie ich erkannte, dass mein Verständnis bruchteilhaft ist (und selbstverständlich auch das Verständnis anderer Menschen), so schenkte mir diese Erkenntnis den Mut, den Text einfach mal für sich sprechen zu lassen. Nach und nach habe ich entdeckt, dass die Bibel nicht dogmatisch ist, dass die Menschen in der Bibel nicht verklemmt sind, dass Glaube nicht sektiererisch ist und dass der lebendige Gott sich vor allem durch Seine eigene Werke (und nicht durch meine Anstrengungen und Annahmen) spürbar und merkbar macht.

Die Bibel ist gar nicht so, wie sie oft dargestellt wird. Es ist kein Gesetzesbuch. Es ist keine Dogmatik. Die Bibel ist kein Buch, worin (nicht ein einziges Mal!) steht «Glaube an Jesus oder du bist für ewig verloren». Das sind alles Projektionen, die man getrost ablegen kann. Allerdings muss man das selbst entdecken. Glaubenssätze sitzen oft sehr tief verankert. Wer jedoch nachprüft, kann aus eigener und neuer Erfahrung sagen, wie es ist. Man gewinnt neue Erfahrungen und neue Sichtweisen. Man gewinnt Unabhängigkeit von Meinungen anderer Menschen.

Es ist ein bisschen wie die Frage von Jesus an Seine Jünger:

«Ihr aber, was sagt ihr, wer Ich sei?»
Mt 16,15

Jesus fragt nach ihrer ganz eigenen Einschätzung. Sie müssen sich selbst Gedanken machen. Er sucht die persönliche Antwort, das persönliche Verständnis. Es nützt nichts, wenn ich nur die Meinungen anderer Menschen reflektiere. Wir sollten uns selbst auseinandersetzen und zu einer eigenen Antwort kommen.