Christus Jesus als Sühnedeckel

Christus Jesus als Sühnedeckel


«Christus Jesus… (den Gott Sich als Sühnedeckel vorsetzte, durch den Glauben an Sein Blut, zum Erweis Seiner Gerechtigkeit, wegen des Hinweggehens über die vormals geschehenen Versündigungen in der Tragkraft Gottes)»
Röm 3,25

Ein Hinweis auf frühere Verheissungen

Der Kern des Evangeliums spricht davon, dass Gott in und durch Christus wirkt. So auch hier. Dazu macht der Apostel jetzt noch einen weiteren Vergleich:

«Christus Jesus… den Gott sich als Sühnedeckel vorsetzte»

Röm 3,25 (KNT)

Was kann das bedeuten? Christ Jesus, sagt Paulus, wurde von Gott in eine bestimmte Funktion eingesetzt. Das ist Gottes Werk. Gott nun hat Ihn als «Sühnedeckel» bestimmt. Das Wort ist eine Anlehnung an die Sprache der Tenach, des Alten Testaments. Das soll uns nicht verwundern, denn Paulus macht andauernd solche Vergleiche. Am Anfang des Briefes hat der Apostel bereits erklärt, dass das Evangelium Gottes in heiligen Schriften zuvor verheissen war (Röm 1,1-2). Beim Briefanfang hat er das lediglich erwähnt. Nun aber, in Römer 3, wird er auf diese Verheissungen konkreten Bezug nehmen.

Entwicklung im Römerbrief

Bedenken wir, dass der Römerbrief sich entwickelt von diesem «Evangelium Gottes», welches bereits im Alten Testament verheissen wurde (Röm 1,1-2) zu dem, was Paulus am Schluss des Briefes «mein Evangelium» nennt. Im letzten Kapitel spricht Paulus wie folgt:

«Ihm aber, der euch festigen kann gemäss meinem Evangelium und der Heroldsbotschaft von Christus Jesus, gemäss der Enthüllung eines Geheimnisses, das in äonischen Zeiten verschwiegen war, nun aber offenbar wurde…»
Röm 16,25

Einiges im Römerbrief werden wir demnach im Alten Testament als Verheissung erkennen können. Anderes dagegen wird Paulus neu bekanntgemacht. Dann spricht er von Dingen, die viel weiter reichen als die alttestamentlichen Enthüllungen. Beides finden wir in diesen Kapiteln. In Römer 3 und Römer 4 macht er den Bezug zu den prophetischen Schriften des Alten Testaments. Die Begriffe, die hier verwendet werden, entstammen der Geschichte von Gott mit dem Volk Israels. Sie werden auf Christus hin gedeutet und auf die Situation der Gemeinde heute. Ab Kapitel 5 folgen dann neue Begriffe, mit einer Bedeutung, die über die der ersten Begriffen hinausgeht.

Es gibt innerhalb des Römerbriefes demnach nicht nur verschiedene Themen, sondern einiges war (im Ansatz) bekannt, während andere Dinge neu hinzukommen. Das Letzte sind Geheimnisse, die Paulus offenbart (weshalb sie dann nicht mehr geheim sind).

Sühnedeckel

Das griechische Wort hilasterion bezeichnet den Deckel auf der Bundeslade. Diese Bundeslade war eine grosse und sehr spezielle Kiste. Sie stand einst in der Stiftshütte und später im Tempel im Allerheiligsten (2Mo 40,22-24). Dasselbe Wort gibt es im Neuen Testament ausser in Röm 3,25 nur noch im Hebräerbrief:

«Es hatte nun zwar auch der erste Bund gottesdienstliche Rechtssatzungen und das weltliche Heiligtum; denn es wurde das erste Zelt errichtet, in dem der Leuchter wie auch der Tisch und die Schaubrote waren, welches das Heilige genannt wird.

Hinter dem zweiten Vorhang aber war das Zelt, das Heilige der Heiligen genannt, (2Mo 26,31-33) wo sich das goldene Räucherfass befand und die überall mit Gold bedeckte Bundeslade, in der die goldene Urne mit dem Manna war und der Stab Aarons, der gekeimt hatte, dazu die Tafeln des Bundes.

Oben, über ihr, aber waren die Cherubim der Herrlichkeit, die den Sühnedeckel (gr. hilasterion) überschatteten, über welche nun nicht im Einzelnen zu reden ist.» (2Mo 25,10-22)
Heb 9,1-5 KNT

Yom Kippur – der Versöhnungstag

In 3. Mose 16 wird beschrieben wie am Versöhnungstag (hb. Yom Kippur) der Hohepriester verschiedene Opfer für sich und  das Volk macht, und von dem Blut bis ins innerste Heiligtum trägt. Die Stiftshütte hat innerhalb der Umzäunung das «Zelt der Begegnung» (3Mo 16,17), mit zwei Teilen – das Heilige zuerst und dann das Heilige der Heiligen, worin die Arche stand. Der Hohepriester nahm von dem Blut der Opfer und sprengte dies auf dem Sühnedeckel (Deckplatte) (3Mo 16,14-15).

Dies war eine jährliche Pflicht für Israel:

«Denn an diesem Tag wird man für euch Sühnung erwirken, um euch zu reinigen; von all euren Sünden werdet ihr rein sein vor dem HERRN.»

3Mo 16,30

An diesem Tag wurde Israel «von all ihren Sünden rein». Es ist der Versöhnungstag zwischen Gott und dem Volk. Die Versöhnung an Yom Kippur war nicht endgültig, sonst hätte sich nicht jährlich wiederholt werden müssen. Es ist ein Symbol. Im Hebräerbrief wird in Kapitel 9 und 10 ausführlich berichtet, wie die alttestamentlichen Satzungen nur ein «Schatten des zukünftigen Guten» sind (Heb 10,1).

Es ist diese Abbildung, die nun im Römerbrief von Paulus aufgegriffen wird. «Christus Jesus (…) den Gott Sich als Sühnedeckel vorsetzte, durch den Glauben an Sein Blut…» (Röm 3,25).

Im innersten Heiligtum wurde einmal im Jahr für die Sünden des Volkes Sühnung bewirkt. Danach verweist Paulus. Er sieht dies als Verheissung. Was dort einmal im Jahr als Beispiel geschah, hat Gott nun in Christus Wirklichkeit werden lassen. Christus ist dieser Sühnedeckel und es ist auch Sein Blut, das vergossen wurde.

Sühnen ist bedecken

Sühne in der Sprache des Alten Testaments ist ein Schutz. Es ist ein Abschirmen, ein Bedecken. Das erst Mal, dass man dieses Wort liest, wird es für die Arche genutzt. Die Arche wurde mit Pech «gesühnt» (hb. kopher, bedecken oder überziehen, wie in «Mache dir eine Arche aus Tannenholz; in Räume sollst du die Arche teilen und sie innen und aussen mit Pech überziehen.» 1Mo 6,14). Das Pech machte die Arche wasserdicht gegen die Flut. Dadurch wurden alle auf dem Schiff vor dem Gericht (des Wassers) bewahrt. Sühne in diesem Sinne ist nicht das Hinwegtun des Gerichts, sondern der Schutz vor dem Gericht. Das ist die Idee, die in der Tenach an dem Begriff «Sühne» hängt. Dasselbe Wort wird sonst bei Opferritual bentutzt, wenn etwas mit Blut gesühnt wird. Auch das ist ein Symbol und soll auf den Schutz hinweisen.

Im Alten Testament ebenso wie hier in Römer 3,25 geht es darum, dass diesen Schutz durch Blut bewirkt wird. Deshalb ist Folgendes festzuhalten:

sühnen = bedecken = durch Blut.

Im weiteren Verlauf des Römerbriefes werden wir entdecken, dass diese Verknüpfung typisch ist für dieses Wort. Andere Wörter für «versöhnen» haben andere Konnotationen. Es ist hilfreich für das Verständnis der Bibel, wenn wir lernen, welche Begriffe zusammengehören und welche nicht.

Verschiedene Wörter für versöhnen

Es gibt im Römerbrief verschiedene Wörter für Versöhnen. Hier wird der Wortstamm «sühnen» genutzt, der diesen Schutz vor dem Zorn Gottes symbolisiert (gr. hilasterion, hilaskomai, hilasmos). Dabei bleibt es im Römerbrief aber nicht. Ab Kapitel 5 führt Paulus ein neues Wort ein, womit etwas ganz anderes gemeint wird. Hier geht es um den alttestamentlichen Begriff. Später wird ein neues Wort eingeführt, gr. katalasso, welches eine andere Bedeutung hat und deshalb neue Aspekte vom Evangelium besser erklären kann. Das wird im weiteren Verlauf dieser Studien ausführlicher beleuchtet werden. An dieser Stelle macht Paulus vor allem einen direkten Bezug zum Alten Testament, womit er die Juden in der römischen Gemeinde mit einem klaren Vergleich den Weg zeigt.

Gottes Gerechtigkeit

Beim Lesen der Bibel sollten wir keine voreilige Schlüsse ziehen. Es geht zuerst darum, den Text selbst zu lesen, die Geschichte und Erzählung zu folgen. Der aufmerksame Leser findet dann bestimmte Wörter am Anfang und andere Wörter später. Was erklärt wird, hat jedoch nichts mit Wörter zu tun, sondern die Wörter werden lediglich dazu benutzt eine geistliche Realität abzubilden. Es wird ein Sachverhalt skizziert und es wird eine Geschichte, nämlich eine Entwicklung erzählt.

Wie kommt es nun zu diesen Ideen und warum geht es hier? Wie im Alten Testament so auch hier im Römerbrief: Lesen wir aufmerksam mit Paulus mit, dann entdecken wir, dass er stets Gottes Handeln zentral stellt. Ein Opfer hat keine Bedeutung an sich, sondern es erhält einen Wert durch die Bedeutung, die Gott daran gibt. Nicht jedes Tier ist ein Opfertier. Trotzdem wurden manche Tiere als Opfer anerkannt, wenn sie nach dem Ritus und den von Gott eingesetzten bildhaften Regeln als Opfer dargebracht werden. Ganz ähnlich kann man von Jesus sagen, dass ein Tod durch Kreuzigung im römischen Reich nichts Besonderes war. Dennoch wurde gerade diesem einen Tod eine besondere Bedeutung zugemessen. Wir dürfen uns bewusst sein, dass es immer um Gott geht, der den Wert bestimmt.

Deswegen schrieb Paulus:

«Christus Jesus… den Gott sich als Sühnedeckel vorsetzte.»

Röm 3,25 (KNT)

Es ist Gottes Handeln. Damit ist das auch in einer Linie mit den Aussagen in der Tenach, denn auch dort ging es um den Wert, den Gott daran gab. Selbstverständlich kann das Blut von Tieren nichts bewirken. Der Opferdienst konnte nur etwas bewirken, weil sie von Gott selbst als vorübergehende Lösung eingesetzt wurde. Das Blut von Tieren kann vor Gott nicht wirklich gerecht machen, also hat Er mit der Bild der Opfer über all diese Vergehen der Menschen hinweggesehen. Jetzt aber, in Christus, hat er etwas völlig neues bewirkt. Dies war keine vorübergehende Lösung, sondern die Lösung, womit Gott Seine eigene bleibende Gerechtigkeit bewirkt.

«Christus Jesus… den Gott sich als Sühnedeckel vorsetzte, durch den Glauben an Sein Blut, zum Erweis Seiner Gerechtigkeit, wegen des Hinweggehens über die vormals geschehenen Versündigungen in der Tragkraft Gottes, zum Erweis Seiner Gerechtigkeit zur jetzigen Frist, damit Er gerecht sei und den rechtfertige, der aus dem Glauben Jesu ist – wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen!»

Röm 3,25-27

Gott Selbst bewirkt Gerechtigkeit. Das ist der Schlüssel zum Verständnis des Evangeliums der Gnade, wie Paulus davon spricht. Das wurde bereits im Alten Testament (Tenach) verheissen, und wird nun hier als definitive Lösung offenbart. Einerseits sehen wird damit die Entwicklung, andererseits jedoch die Verwurzelung in der Geschichte von Israel.

Gott hat all das vorausgesehen und hat früher über alle menschliche Verirrungen hinweggeschaut. Das Ziel war es jedoch, die Situation der Entfremdung zwischen Menschen und Gott bleibend zu ändern. Das ist jedoch nur möglich, wenn Gottes eigene Gerechtigkeit zur Geltung kommt.

Die Gerechtigkeit Gottes kommt in Christus Jesus zur Geltung.


Der Kampf gegen Windmühlen

Der Kampf gegen Windmühlen

Don Quijote und fiktive Feindbilder


14. Juni 2020In AuseinandersetzungBy Karsten Risseeuw16 Minutes

Anfangs des 17. Jahrhunderts erschien ein Roman, der eine bis heute bekannte Geschichte erzählt. Die Rede ist von «Don Quijote de la Mancha», geschrieben vom spanischen Autor Miguel de Cervantes Saavedra. In dieser Geschichte geht es um einen Landadliger, der seine Ritterromane liest und bald nicht mehr zwischen Dichtung und Wahrheit unterscheiden kann. Er sieht sich selbst als Ritter und muss für Ruhm und Ehre und für die Befreiung anderer in den Kampf ziehen. Er nimmt den Namen Don Quijote an und stürzt sich in kuriose Abenteuer, worin er sich fiktiven Feinden stellt. So kommt es auch zu einem Kampf gegen Windmühlen.

Selbsternannte Ritter

Die Geschichte von Don Quijote ist interessant, weil sie erkennbar ist. Die Geschichte ist nicht nur irrwitzig, sondern spricht von Situationen, denen auch wir selbst erlegen können. Niemand ist davor gefeit, Dinge falsch einzuschätzen. Es passiert im Alltag, wir kreieren unsere eigene Weltsicht und werden von den Meinungen der Menschen um uns herum beeinflusst. Dazu kommen noch persönliche Ängste und Unsicherheiten, Erfahrungen und viele weitere Einflüsse. Was hat wohl Don Quijote dazu gebracht in eine Parallelwelt abzugleiten und die Realität konsequent umzudeuten?

Was ist Wahrheit und was ist Dichtung? Das ist nicht immer leicht zu erkennen. Diese Welt ist komplex und jeder Mensch ist herausgefordert diese Komplexität irgendwie einzuordnen. Wenn das nicht gelingt, können Parallelwelten eine Notwendigkeit werden. Sie können als Schutzmechanismus dienen.

Selbsternannte Ritter wie Don Quijote gibt es in übertragenem Sinne auch heute noch. Wenn wir uns eine Weltsicht zurechtlegen, die von Verschwörungen und vermeintlichen Feinden nur so wimmelt, machen wir dasselbe wie einst Don Quijote: Wir lesen die Ritterromane, bis wir fest daran glauben, dass alles so ist und plötzlich stehen wir in einem anderen Film. Die Hilfe von Freunden (im Roman: Der Dorfpfarrer und der Barbier) bringt Don Quijote in der Geschichte immer wieder zurück nach Hause. Erst am Ende seines Lebens jedoch erkennt er, wie abstrus seine vermeintlichen Feindbilder waren.

Der Kampf gegen Windmühlen

Ähnlich wie Don Quijote können auch wir nicht-existente Feindbilder aufbauen und in eine Art Parallelwelt abdriften. Ich denke, dass dies bei so manchen Verschwörungstheorien geschieht, die zurzeit aussergewöhnlich populär sind. Dabei geht es nicht um berechtigte Kritik oder Verunsicherung, sondern um die Projektion der Ängste auf andere Personen, Institutionen oder Regierungen. Es ist unerheblich, ob die Theorien stimmen, ob sie widerlegt werden, denn sie entspringen tiefen persönlichen Themen. Eine berechtigte Kritik lässt sich diskutieren, Verschwörungstheorien jedoch sind ganz anderer Art. Eine projizierte Angst ist in der Regel irrational. Wer etwas glauben will, der glaubt es, auch wenn alles dagegen spricht. Don Quijote lässt grüssen.

Don Quijote hat nicht nur etwas geglaubt, sondern er hat auch gemeint, dass er handeln müsse. Er hat sich seine Ritterausrüstung zurechtgelegt, sein alter Gaul gesattelt und ist losgeritten. Seine geänderte Weltsicht hat ihn zu einem neuen Verhalten angetrieben. Ebenso gibt es heute unzählige Menschen, die Verschwörungstheorien kritiklos auf Social Media teilen. Sie sind die neuen Evangelisten und sind immer wieder in wirklicher Not über die Uneinsichtigkeit der restlichen Welt. Sie befinden sich jedoch bei ausgeprägter Anhängerschaft in einer Art Parallelwelt, auch wenn sie das selbst nicht so sehen.

Sowenig wie es in diesem Beitrag um Don Quijote geht, soll es hier eine Widerlegung von Verschwörungstheorien geben. Zu beiden Themen gibt es weit bessere Quellen im Internet. Ahmad Mansour, muslimischer Psychologe in Deutschland, sagt in einem Gespräch mit Rabbiner Daniel Alter über Verschwörungstheorien, dass es sich hier um «einen Kampf um die Köpfe und die Seelen der Menschen» handelt. Ich erwähne die Verschwörungstheorien hier wegen der persönlichen Prozessen, die so sichtbar werden. Deutlich erkennt man, dass die Unsicherheiten der Menschen ins Aussen projiziert werden. Das unterscheidet berechtigter Kritik von Verschwörungstheorien.

Don Quijote schaut nicht nach innen, sondern projiziert seine ganze Welt nach aussen. Ebenso projizieren Verschwörungstheorien alle Ängste auf einfach begreifbare äussere Dinge: die Feindbilder (Bill Gates, die Regierung, die Pharmaindustrien, die Juden…). Durch diese Feindbilder findet eine Vereinfachung der komplexen Realität statt. Verschwörungstheorien gedeihen heute besonders gut, denn es gibt viel Verunsicherung. Die «alternativen Fakten» der Verschwörungstheorien bieten eine Vereinfachung der Komplexität und entlasten dadurch das Gemüt. Dass dabei völlig irrationale Schlussfolgerungen gezogen werden, fällt nicht auf. Die Kräfte, womit wir unsere Welt zurechtbiegen sind stark.

Verschwörungstheorien sind nicht nur schlecht. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass sie für die daran Glaubenden eine Funktion erfüllen. Das ist völlig wertfrei. Für die Anhänger gibt es handfeste Vorteile, daran zu glauben. Die Komplexität der Welt kann unerträglich werden und Verschwörungstheorien bieten einen Ausweg. Die Komplexität wird vereinfacht dargestellt. Es gibt «Schuldige» und «Täter» während man selbst zum «Opfer» wird. Damit lässt sich einfacher umgehen, wie es scheint. Vielleicht lässt sich Stress so besser kanalisieren. Kritisch bleibt natürlich die Ablehnung jeder Vernunft, oder die Ausblendung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Für die Anhänger gibt es verborgene Vorteile, und die sind ernst zu nehmen.

Das Gespräch ist wichtig. Die Empathie ist wichtig, ebenso wie das kritische Hinterfragen. Es ist jedoch kein Gespräch, das man nur mit Fakten begegnen kann, sondern es geht ebenso um das Lebensgefühl und um die Überwindung der Unsicherheit. Hier hat die Bibel und haben christliche Gemeinschaften viel zu bieten. Unter dem Stichwort Solidarität können wir mit den Menschen sowohl kritische Gedanken teilen und aufnehmen, als auch mit lebendiger Gemeinschaft ein deutlich besseres Lebensgefühl kreieren. Keiner ist perfekt. Alle suchen wir einen Weg in diesem Leben.

Christliche Verschwörungstheorien

Die Merkmalen einer Verschwörungstheorie, die diffuse Ängste und die Projektion auf äussere Bösewichten, gibt es im christlichen Umfeld schon lange. Einige betrachten die biblische Botschaft selbst als solche Projektion. Das wird den differenzierten und vielseitigen Aussagen der Bibel m.E. jedoch nicht gerecht.

Etwas häufiger ist erkennbar, dass sich manche Gemeinschaften oder Gruppen wie Sekten organisieren, die Welt oder bestimmte andere Kirchen oder Religionen als «die Bösen» oder als «von Satan» hinstellen. Die eigene Glaubenswelt ist wie ein Zufluchtsort vor der bösen Welt. Vielleicht kann man das nicht direkt als übliche Verschwörungstheorie hinstellen, jedoch gibt es vergleichbare Mechanismen. Innerhalb der Gemeinde sind die Guten, ausserhalb der Gemeinde sind die Bösen. Wir verstehen und die anderen verstehen nicht. Das ist eine Scheinwelt und das Böse wird nach aussen projiziert.

Hat Gott alles im Griff?

Wie wir die Welt verstehen, hat zutiefst mit unserem Selbstbild aber auch mit unserem Gottesbild etwas zu tun. Hängen wir eine Theologie an, die sich der Rettung und Zurechtbringung der Welt verschliesst, dann ist das eine völlig andere Ausgangslage als wenn wir einen Gott kennen, der durch Gnade und Gericht einst alles in allen sein wird (1Kor 15,28). Es ist nicht egal, was wir glauben, denn es beeinflusst unser Leben in dieser Welt. Es geht auch darum, ob wir Gott alles zutrauen oder eben nicht. Lassen wir uns dabei von der Bibel leiten, finden wir eine frohe Botschaft, worin Gottes Gnade in Christus Jesus so umfassend dargestellt wird, dass Er mit allen Menschen zum Ziel kommt (1Tim 4,9-11).

Das Evangelium lehrt nicht, dass wir uns vor der Realität verstecken müssen. Jesus Christus kam, um in der realen komplexen Welt zu wirken und das Leben ganz normaler Menschen von Gottes Gnade verwandeln zu lassen. Dafür braucht es keine alternative Fakten, sondern die Verkündigung einer frohen Botschaft, worin ein allmächtiger Gott letztendlich alles zum Guten führt. Das ist das Ziel. Darauf kann man vertrauen.

Es besteht jedoch nach wie vor ein grosser Kontrast zwischen der komplexen Realität und diesem Ziel (Röm 8,22-24). Es wird nicht für jeden einfach sein oder einfach bleiben, sich von «alternativen Fakten» fernzuhalten. Wir stehen in einer «gebrochenen Welt». Wir selbst spüren das. Es gibt keine einfache Lösungen. Die Komplexität dieser Welt verlangt, dass wir manchmal warten müssen, bis Lösungen gefunden werden. Für manche Dinge wird es in unserer Lebenszeit keine Lösung geben. Ob wir deshalb mit uns selbst mit dieser Welt und mit Gott im Frieden sind, kann eine Herausforderung sein. Zuspruch und Weitblick für das eigene Verständnis darf es jedoch in Gottes Wort geben.

Nüchternheit verlangt, dass wir von unseren eigenen Ansichten auch mal auf Distanz gehen. Wir brauchen regelmässig eine Auszeit von Corona-Nachrichten, von Verschwörungstheorien, von Schwermütigkeit und belastenden Situationen. Nüchternheit zeigt sich manchmal einfach darin, dass man die Medien abschaltet, die Laufschuhe anzieht und in den Wald spazieren geht. Es ist oft erstaunlich, welche erholsame Wirkung davon ausgehen kann. Vielleicht kann man sich irgendwo in der Sonne hinsetzen und zur Entspannung die Geschichte von Don Quijote lesen.


Der Anfang der Geschichte von Don Quijote…

«An einem Orte der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Junker, einer von jenen, die einen Speer im Lanzengestell, eine alte Tartsche, einen hagern Gaul und einen Windhund zum Jagen haben. Eine Schüssel Suppe mit etwas mehr Kuh- als Hammelfleisch darin, die meisten Abende Fleischkuchen aus den Überbleibseln vom Mittag, jämmerliche Knochenreste am Samstag, Linsen am Freitag, ein Täubchen als Zugabe am Sonntag – das verzehrte volle Dreiviertel seines Einkommens; der Rest ging drauf für ein Wams von Plüsch, Hosen von Samt für die Feiertage mit zugehörigen Pantoffeln vom selben Stoff, und die Wochentage schätzte er sich’s zur Ehre, sein einheimisches Bauerntuch zu tragen – aber vom feinsten! Er hatte bei sich eine Haushälterin, die über die Vierzig hinaus war, und eine Nichte, die noch nicht an die Zwanzig reichte; auch einen Diener für Feld und Haus, der ebensowohl den Gaul sattelte als die Gartenschere zur Hand nahm. Es streifte das Alter unsres Junkers an die fünfzig Jahre; er war von kräftiger Körperbeschaffenheit, hager am Leibe, dürr im Gesichte, ein eifriger Frühaufsteher und Freund der Jagd. Man behauptete, er habe den Zunamen Quijada oder Quesada geführt – denn hierin waltet einige Verschiedenheit in den Autoren, die über diesen Kasus schreiben -, wiewohl aus wahrscheinlichen Vermutungen sich annehmen läßt, daß er Quijano hieß. Aber dies ist von geringer Bedeutung für unsre Geschichte; genug, daß in deren Erzählung nicht um einen Punkt von der Wahrheit abgewichen wird.»

Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien: Warum sie funktionieren und Menschen dran glauben || PULS Reportage

Bildnachweis: Katia De Juan, Windmühlen in der Mancha, Spanien.


Müssen wir gegen Satan kämpfen?

Müssen wir gegen Satan kämpfen?

Wenig christlich. Wenig hilfreich. Die Waffenrüstung Gottes fehlinterpretiert.


Manche Christen sind felsenfest davon überzeugt, dass diese Welt ein ständiger Kampf ist. Der Christ kämpft gegen Satan und seinen Dämonen. Getrieben von falschen Vorstellungen werden Bibeltexte aus dem Zusammenhang gerissen und die Gläubigen in Angst und Schrecken versetzt. Eine Schlüsselrolle für diese Sicht spielt ein Abschnitt aus dem Epheserbrief.

Sind Christen zum Kampf gegen Satan aufgerufen?

Die Idee, dass Christen gegen Satan in den Krieg ziehen müssen, wird meist mit Epheser 6 begründet. Dort ist die Rede von der Waffenrüstung Gottes. Weil es sich hier um eine Bibelstelle handelt, kann man direkt nachschauen, ob die Auslegung «in den Krieg ziehen» stimmt (vgl. Apg 17,11). Der entsprechende Abschnitt befindet sich in Eph 6,10-17.

Als Erstes fällt beim Lesen dieses Abschnitts auf, dass es sich um eine Bildsprache handelt. Es ist die Rede von der «Waffenrüstung Gottes» und Paulus rät den Empfängern des Briefes, diese «anzuziehen». Natürlich ist keine buchstäbliche Waffenrüstung gemeint, sondern jeder Teil der (damals bekannten!) Waffenrüstung entspricht einer geistlichen Komponente. Paulus verwendet das Bild einer Waffenrüstung dafür, etwas ganz anderes zu erklären. Es geht um den Schutz des Glaubenslebens. Zu diesem Bild lassen sich wunderbare Predigten machen: Die Lenden umgürtet mit Wahrheit, ein Panzer der Gerechtigkeit und die Füsse unterbunden in Bereitschaft für das Evangelium des Friedens. Moment mal – des Friedens?

Es geht hier um Frieden und nicht um Krieg. Gläubige sollten nicht in den Krieg ziehen, sondern lediglich «standhalten» (Eph 6,11; Eph 6,13), um an Ort und Stelle zu «widerstehen» (Eph 6,13). Paulus stellt diese Worte auch nicht als Kriegsplan auf, sondern er spricht im Kontext ganz einfach und konkret über den Lebenswandel (Epheserbrief, Kapitel 4–6). Der Apostel verneint keine Existenz Satans, denn er nennt das Böse direkt. Ebenfalls macht er keine Überbewertung. Satan wird hier nicht für irgendwelche Sonderlehren auf dramatische Weise in Szene gesetzt. Die Gläubigen sollten nüchtern und standfest sein. Einige Kapitel zuvor hat Paulus davon gesprochen, dass die Gläubigen «nicht mehr Unmündige seien, von jedem Wind der Lehre wie von brandenden Wogen hin und her geworfen und umhergetragen durch die Unberechenbarkeit der Menschen, durch die List, die darauf ausgeht, den Irrtum planmässig zu verbreiten». (Eph 4,14). Diese Standfestigkeit beschreibt er auf andere Art jetzt hier in Kapitel 6. Wer meint, wir sollten in den geistlichen Kampf ziehen, hat diesen Text missverstanden.

Hast Du den Text schon einmal aus dieser Perspektive gelesen?

Von Krampf zu Kraft

Wer einen geistlichen Kampf aufnimmt, löst dadurch nichts. Es kann nur die eigene Unzulänglichkeit sichtbar werden. Bleibt man in diesen Vorstellungen hängen, dann landet man schnell in einen geistlichen Krampf. Es geht von Kampf zu Krampf. Der Mensch wird überbewertet, indem man meint, er könne kämpfen, und Gottes Wirken wird unterbewertet. Ich habe nie befreites Christenleben gesehen, wo Menschen diese Lehre von einem Kampf vertraten. Vielmehr erschien mir diese Lehre alte Ängste zu schüren und Menschen in die Unfreiheit zu katapultieren.

Befreiend wirkt dagegen Gottes Gnade. Sie lehrt uns, dass alles aus Ihm ist, dass diese Welt Seine Welt ist und wir getrost alles in Seinen Händen legen können. Gnade führt von Krampf zu Kraft.

«Glücklich ist der Mensch, dessen Stärke in dir ist, in dessen Herz gebahnte Wege sind! Sie gehen durch das Tränental und machen es zu einem Quellort. Ja, mit Segnungen bedeckt es der Frühregen. Sie gehen von Kraft zu Kraft. Sie erscheinen vor Gott in Zion.»
Psalm 84,6-8

Bildnachweis: Photo by Brian McGowan, «Stormtroopers» – Spielzeugfiguren nach der Filmreihe Star Wars. Die Stormtroopers werden in den Filmen als Soldaten der bösen Macht dargestellt.


Ist der Fürst von Tyrus ein Bild von Satan?

Ist der Fürst von Tyrus ein Bild von Satan?

Spricht Hesekiel in geheimnisvoller Sprache von einem «Fall Satans»?


1. Juni 2020In Fall SatansBy Karsten Risseeuw30 Minutes

Der sogenannte «Fall Satans» ist der theologische Versuch, den Ursprung der Sünde von Gott auf ein Geschöpf abzuwälzen. Dazu soll es einen «makellosen Engel» gegeben haben, der als Erster sündigte. Dieser Engel sollte durch «Sündenfall» zum Satan werden. Die Bibel spricht jedoch nirgendwo von diesem Szenario oder von einem «Sündenfall Satans». Ein Fall Satans, wenn es sie schon nicht gibt, muss folglich irgendwo in die Bibel hineingelesen werden. Wo geschieht das? In diesem Beitrag geht es um Hesekiel 28 und den dort genannten «Fürst von Tyrus». Ist hier die Rede von diesem Lichtengel? Was lässt sich aus dem Kapitel ableiten?

Hesekiel 28 und die Tradition

Das grösste Problem bei vielen kontroversen Themen ist die Begründung. Findet man eine Aussage direkt in der Bibel, dann kann man berechtigt sagen: «Siehe, hier steht es!». Gelingt das jedoch nicht, dann muss man den Mut haben zu sagen, dass dies nicht in der Bibel steht. Beim sogenannten Fall Satans geht es um eine solche Situation. Es wird zuerst Eisegese betrieben (es wird hineinprojiziert) bevor man eine Exegese (Auslegung) macht. Was dabei herauskommt ist – gelinde gesagt – zweifelhafter Natur, denn es gibt keine klare Aussagen. Die braucht es jedoch, damit sich eine Lehre begründen lässt.

Die Lehre vom Fall Satans ist ein wichtiger Pfeiler sogenannter Rechtgläubigkeit. Viele Christen zweifeln nicht daran. Wie sollten sie auch? Es wird sogar darüber gepredigt. Immer noch hält man am Fall Satans fest, als handle es sich um eine biblische Wahrheit. Es scheint geradezu ein Merkmal von traditionellem Glauben zu sein, dass man kritiklos hineinliest, was in der Bibel nicht aufzufinden ist.

Man lebt hier mit einem Widerspruch. Einerseits soll alles aus Gott sein (Röm 11,36) und Er bewirkt alles nach dem Ratschluss Seines Willens (Eph 1,11). Andererseits aber rutscht Ihm ein Engel versehentlich aus der Hand (der Fall Satans), der darauf die gesamte Schöpfung in Mitleidenschaft zieht. Oops!

Dies ist das Spannungsfeld, um das es hier geht.

Hesekiel 28 im eigenen Kontext

Hesekiel hat sich bereits einige Kapitel mit diesem Fürst von Tyrus und seiner Stadt auseinandergesetzt.

  • In Hesekiel 26 gibt es eine Beurteilung von Tyrus, der Stadt, und eine Warnung über die kommende Zerstörung durch Nebukadnezar, den König von Babylon. «Ein Trockenplatz für Netze soll es werden mitten im Meer [Tyrus lag auf einer Insel vor der Küste, vielleicht nur eine Halbinsel], denn ich habe geredet, spricht der Herr, HERR, und es wird den Nationen zur Beute werden» (Hes 26,5; Hes 26,14).
  • In Hesekiel 27 hat die Zerstörung der Stadt stattgefunden. «Wer ist wie Tyrus, wie die Vernichtete[28] mitten im Meer!» (Hes 27,32). «Jetzt bist du zerbrochen, von den Meeren verschwunden in den Tiefen des Wassers, und deine Tauschwaren und dein ganzes Aufgebot in deiner Mitte ist gesunken.» (Hes 27,34)
  • In Hesekiel 28 geht es nicht mehr um die Stadt, sondern um den Fürst von Tyrus. Er ist der Verwalter und war für das Los der Stadt verantwortlich. Es war seine Hochmut, welche die Zerstörung herbeiführte. In diesem Kapitel wurde erklärt, dass er sterben würde. «In die Grube werden sie dich hinabfahren lassen, und du wirst den Tod eines Erschlagenen sterben im Herzen der Meere. Wirst du dann angesichts deiner Mörder auch noch sagen: “Gott bin ich!”, während du doch nur ein Mensch bist und nicht Gott, in der Hand derer, die dich durchbohren? Den Tod von Unbeschnittenen wirst du sterben durch die Hand der Fremden; denn ich habe geredet, spricht der Herr, HERR.» (Hes 28,8-10).

Hesekiel 28 steht also nicht als einzelne Geschichte da, sondern ist Teil eines grösseren Berichts.

Jerusalem und Tyrus

Bereits wurde klar, dass diese Geschichte vom Fürst von Tyrus nicht im luftleeren Raum steht. Die vorhergehenden Kapitel zeigen auf einen historischen Kontext und verschiedenes, was von Tyrus gesagt wird, wird ebenfalls vom Fürst von Tyrus gesagt. Der Hochmut der Stadt entspricht dem Hochmut des Fürsten:

«Tyrus, du sagst: Ich bin von vollkommener Schönheit!»
Hes 27,3

«Menschensohn, sage zum Fürsten von Tyrus: So spricht der Herr, HERR: Weil dein Herz hoch hinaus will und du sagst: “Gott bin ich, den Wohnsitz der Götter bewohne ich im Herzen der Meere!”, während du doch nur ein Mensch bist und nicht Gott; du aber erhebst dein Herz, als wäre es Gottes Herz»
Hes 28,1-2

Man kann also schwer Kapitel 28 von den vorherigen Kapiteln loslösen. Diese Reden über Tyrus kommen ausserdem nichts aus dem Nichts heraus, sondern sie sind Antwort auf ihren Hohn über Jerusalem:

«Menschensohn, weil Tyrus über Jerusalem sagt: “Haha! Zerbrochen ist das Tor der Völker; es fällt mir zu; ich werde erfüllt, sie ist verwüstet!”; darum, so spricht der Herr, HERR: Siehe, ich will an dich, Tyrus! Und ich werde viele Nationen gegen dich heraufführen, wie das Meer seine Wellen heraufführt. Und sie werden die Mauern von Tyrus zerstören und seine Türme abbrechen; und ich werde seine Erde von ihm wegfegen und es zum kahlen Felsen machen.»
Hes 26,2-4

So stehen diese Kapitel in einem grösseren Zusammenhang. Ausserdem wird nicht nur auf Tyrus verwiesen, sondern es gibt ebenfalls Drohreden gegen beispielsweise Ammon (Hes 25,1-7), Moab und Seïr (Hes 25,8-11), Edom (Hes 25,12-14) und die Philister (Hes 25,15-17).

Ist der Fürst von Tyrus der Satan?

Nein, der Fürst von Tyrus ist nicht der Satan. Warum nicht? Es steht nirgendwo im Text. Diese Feststellung ist grundlegend. In der Regel wird bei Studien zum Thema bereits davon ausgegangen, dass a) der Satan ein gefallener Engel ist und b) dieser Kapitel von seinem Fall spricht. Liest man jedoch unbefangen den Text, dann findet man gar nichts über Satan geschrieben. Wir haben bereits den Kontext betrachtet und gesehen, dass es um eine Stadt mit Namen Tyrus gibt und jetzt den Fürst dieser Stadt angesprochen wird.

Der Fürst von Tyrus ist ein Mensch

«Menschensohn, sage zum Fürsten von Tyrus: So spricht der Herr, HERR: Weil dein Herz hoch hinaus will und du sagst: “Gott bin ich, den Wohnsitz der Götter bewohne ich im Herzen der Meere!”, während du doch nur ein Mensch bist und nicht Gott.»
Hes 28,2

«Wirst du dann angesichts deiner Mörder auch noch sagen: “Gott bin ich!”, während du doch nur ein Mensch bist und nicht Gott.»
Hes 28,9

Diese klare Hinweise kann man nicht übergehen.

Das Klagelied über den König von Tyrus

Im weiteren Verlauf des Kapitels folgt eine ausführliche Beschreibung aus Gottes Sicht. Diese Beschreibung wird für die Idee eines «Fall von Satan» genutzt. Ist das angemessen oder ein Missbrauch des Textes?

«Menschensohn, erhebe ein Klagelied über den König von Tyrus und sage ihm: So spricht der Herr, HERR: Du warst das vollendete Siegel, voller Weisheit und vollkommen an Schönheit, du warst in Eden, dem Garten Gottes; aus Edelsteinen jeder Art war deine Decke: Karneol, Topas und Jaspis, Türkis, Onyx und Nephrit, Saphir, Rubin und Smaragd; und Arbeit in Gold waren deine Ohrringe und deine Perlen an dir; am Tag, als du geschaffen wurdest, wurden sie bereitet. Du warst ein mit ausgebreiteten Flügeln schirmender Cherub, und ich hatte dich dazu gemacht; du warst auf Gottes heiligem Berg, mitten unter feurigen Steinen gingst du einher. Vollkommen warst du in deinen Wegen von dem Tag an, als du geschaffen wurdest, bis sich Unrecht an dir fand. Durch die Menge deines Handels fülltest du dein Inneres mit Gewalttat und sündigtest. Und ich verstiess dich vom Berg Gottes und trieb dich ins Verderben, du schirmender Cherub, aus der Mitte der feurigen Steine. Dein Herz wollte hoch hinaus wegen deiner Schönheit, du hast deine Weisheit zunichtegemacht um deines Glanzes willen. Ich habe dich zu Boden geworfen, habe dich vor Königen dahingegeben, damit sie ihre Lust an dir sehen. Durch die Menge deiner Sünden, in der Unredlichkeit deines Handels, hast du deine Heiligtümer entweiht. Darum habe ich aus deiner Mitte ein Feuer ausgehen lassen, das hat dich verzehrt, und ich habe dich zu Asche auf der Erde gemacht vor den Augen aller, die dich sehen. Alle, die dich kennen unter den Völkern, entsetzen sich über dich; ein Schrecken bist du geworden und bist dahin auf ewig!»
Hes 28,12-19

Vermeintlich soll hier also gesagt sein, dass der hier genannte König von Tyrus jemand anders sei als der gerade vorher genannte Fürst von Tyrus. Der König von Tyrus sei «eigentlich» ein Engel, ein Cherub, gewesen sei. In der Regel meint man damit, dass es hier um eine Art geistliche Realität ginge, die Bildsprache für den König von Tyrus eine Realität der Herkunft Satans sei. Wie ist das nun? Lässt sich diese Trennung machen?

Richtig wird meist erkannt, dass es hier um eine Bildsprache geht. Die ganze Geschichte ist fest eingebunden in der historischen Realität, worüber bereits seit zwei Kapiteln geschrieben wird. Es betrifft den «König von Tyrus» (Hes 28,12) und es ist die Rede von «die Menge deines Handels» (Hes 28,16). Diese Hinweise skizzieren genau das, was bereits in den Kapiteln 26–28 durchgehend gemeint ist. Es geht in Hesekiel 28 nicht um zwei Personen, sondern um denselben Herrscher von Tyrus. Dabei ist also der Abschnitt zwischen den Versen 12 und 16 ist die Bildsprache, worin vom Aufstiegs dieses Fürsten und seiner Stadt die Rede ist.

«Ich habe dich zu Boden geworfen, habe dich vor Königen dahingegeben, damit sie ihre Lust an dir sehen.» (Hes 28,17) zeigt auf die Eroberung durch andere Nationen hin. Ebenso tönt es in den letzten Versen: «Durch die Menge deiner Sünden, in der Unredlichkeit deines Handels, hast du deine Heiligtümer entweiht. Darum habe ich aus deiner Mitte ein Feuer ausgehen lassen, das hat dich verzehrt, und ich habe dich zu Asche auf der Erde gemacht vor den Augen aller, die dich sehen. Alle, die dich kennen unter den Völkern, entsetzen sich über dich; ein Schrecken bist du geworden und bist dahin auf ewig!» (Hes 28,18-19).

Die Geschichte wird nirgendwo verlassen. Es wird nicht plötzlich auf einen Satan gewechselt. Immer noch geht es um diesen Fürst, der über die Stadt Tyrus herrschte. Nur wenn man Bildsprache nicht erkennt, entsteht eine Diskrepanz.

Bildsprache

Die Lehre vom Fall Satans, sollte sie schon hier erwähnt und begründet werden, kreiert ein direktes Problem mit dem eigentlichen Text vom Kapitel. Der Kontext ergibt dann keinen Sinn mehr. Die so entstandene Diskrepanz lässt sich nie klären. Sieht man aber die Beschreibung als Bildsprache, löst sich die Diskrepanz auf. Das gelingt jedoch nur, wenn wir den Text für sich sprechen lassen und nicht blind alles «buchstäblich» nehmen. Denn, sogar wenn wir die Bildsprache verlassen und alles «buchstäblich» interpretieren, gibt es keinen Hinweis auf Satan.

Wie ist nun die Bildsprache zu verstehen? Hesekiel spricht hier an Gottes Stelle und beschreibt den Aufstieg und den Fall dieses Fürsten. Heute hätte man vielleicht vom Börsengang und den gewaltigen Gewinnen berichtet. Das wäre unserer Zeit angemessen, wo das Geld zum alles bestimmenden Gott emporgestiegen ist. In der Zeit Hesekiels lief das noch nicht so. Welche Bilder könnte man zurzeit Hesekiels dafür nutzen? Zwar gab es Reichtum, aber sie wurde an der Religion verknüpft. Man referiert an fast übermenschlicher Reichtum und Erfolg.

Wie folgert man nun, dass in Hesekiel 28 trotzdem von Satan die Rede ist? Nun, zuerst geht man davon aus, dass hier die Rede von einem Fall Satans ist und anschliessend versucht man das hinauszulesen. Dabei werden die bildhaften Beschreibungen so interpretiert, dass diese «unmöglich» auf einen Menschen zutreffen können. Dann kommt die Folgerung: «Also spricht dieses Kapitel vom Fall Satans». Das ist jedoch ein Zirkelschluss. Mann kann nicht zuerst etwas voraussetzen, um es danach dort zu finden. So funktioniert Bibelstudium nicht. Wir können nur aus der Bibel entnehmen, was auch tatsächlich geschrieben steht.

Bildsprache ist nie (!) das Thema. Bildsprache erläutert lediglich das Thema. Die Idee, dass die blumigen Beschreibungen nicht auf einen Menschen zutreffen können ist eine falsche Beurteilung. Man erklärt hier Bildsprache stillschweigend zur Reportage. Das ist aber etwas völlig anderes. Zudem ist vieles aus dieser Bildsprache nicht zutreffend.

  1. Satan ist nicht Fürst der kleinen Küstenstadt Tyrus, sondern eher ist er «Gott dieses Äons» (1Kor 4,4) und es stehen ihm alle Königreiche der Welt zur Verfügung (Mt 4,8-10).
  2. «Du warst in Eden, dem Garten Gottes» (Hes 28,13) referiert an den Reichtum der Stadt, der ein Kapitel zuvor so beschrieben wird: «Tyrus, du sagst: Ich bin von vollkommener Schönheit! Dein Gebiet ist im Herzen der Meere; deine Bauleute haben deine Schönheit vollkommen gemacht» (Hes 27,3-4). Kein Wunder, dass nun der Palast des Königs mit Eden, dem Garten Gottes, verglichen wird.
  3. «Am Tag als Du geschaffen wurdest» (Hes 28,13) bezieht sich im Kontext auf den Aufstieg des Königs in dieser prächtigen Umgebung.
  4. «Du warst ein … Cherub» (Hes 28,14) spricht von einem leuchtenden Aufstieg und hoher Position. Eine Anwendung auf Satan gestattet sich aus dem Kontext allein nicht – und das ist eine wichtige Feststellung. Die hohe Stellung war dem Fürsten von Gott her gegeben. Die Bildsprache passt. In der Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig wird eine mögliche andere Übersetzung erwähnt: «Mit dem gereckten schirmenden Cherub habe ich dich zusammengetan, auf dem Berg der Gottesheiligung warst Du.» (Hes 28,14). Diese andere Lesart basiert auf den hebräischen Text vor der masoretischen Vokalisierung. Demnach war der Fürst nicht selbst ein Cherub, sondern ihm wurde ein Cherub «zugesellt». Cherubim haben solche Funktionen, weil sie unter Gottes Thron dienen. Das heisst, dass im Himmel über diesen Fürst bestimmt wurde und alles, was er an irdischer Stellung hatte, nicht ohne Gottes Zusage und Wirken möglich gewesen wäre (vgl. Röm 13,1).
  5. «Vollkommen warst du in deinen Wegen von dem Tag an, als du geschaffen wurdest, bis sich Unrecht an dir fand.» (Hes 28,15). Die Erschaffung ist die Einstellung als Fürst. Es gibt keinen Hinweis, dass sich dieser Vers nicht auf den Fürst von Tyrus beziehen würde. Offenbar hat der Mann gut angefangen (vollkommen warst du in deinen Wegen). Dann aber kommt eine andere Seite zum vorschein, «bis sich Unrecht an dir fand». Das kann nicht auf Satan zutreffen. Vom Widerwirker sagt Johannes «Derselbe war ein Menschentöter von Anfang an und hat nicht in der Wahrheit gestanden, weil keine Wahrheit in ihm ist» (Joh 8,44). Während es für einen Menschen möglich ist, dass man eines Tages «Unrecht an dir fand», und bis dahin «vollkommen» war, so ergibt das keinen Sinn in Bezug auf Satan. Weitere Menschen, die «vollkommen» waren: Noah (1Mo 9,6), David (Ps 18,23).
  6. Der weitere Verlauf der Geschichte zeigt, wie Gott diesen Fürst erniedrigt auf Erden. Es gibt keinen Vergleich mit Satan.

Kein Bild vom Fall Satans

Es darf jetzt deutlich sein, dass es hier nicht um einen angeblichen Sündenfall Satans handelt. Es geht nur um den Fürst von Tyrus. Diese spannende Geschichte kann uns sehr viel lehren, über Hochmut, über Gottes Herrschaft und darüber wie der Mensch denkt, aber Gott lenkt. Nichts sagt die Geschichte jedoch über den Ursprung der Sünde aus.

Wer übrigens meint, dass der Ursprung der Sünde bei Satan gesucht werden muss, hat vieles noch nicht geklärt. Wer hat es denn möglich gemacht, dass Satan sündigt? War dies nicht Gott selbst? War es auch nicht Gott, der den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gepflanzt hat? Das Verständnis über diese Welt und über Gottes Handeln wird nicht besser, wenn wir Satan für die Sünde verantwortlich machen. Vielmehr entstehen dadurch neue Fragen, die immer nur in eine Richtung zeigen: Alles ist aus Gott (1Kor 8,6) und alles ist auch durch Ihn und zu Ihm hin (Röm 11,36). Gerade darin liegt die Zuversicht und Hoffnung für diese Welt.


Verschiedene Bibelübersetzungen

Verschiedene Bibelübersetzungen

Welche Übersetzungen werden auf kernbeisser.ch genutzt?


30. Mai 2020In AnleitungenBy Karsten Risseeuw6 Minutes

Mancher Leser stolpert auf der Kernbeisser Website über die verwendete Übersetzungen. Welche Übersetzungen werden genutzt und weshalb? Sie erscheinen ungewohnt, für einige schwierig. Beides lässt sich verstehen, aber es gibt Gründe dafür, gerade diese Bibelübersetzungen zu nutzen. Der Grundsatz lautet: So nah wie möglich am ursprünglichen Text, jedoch in einfach verfügbaren deutschen Übersetzungen.

Wir hören gerne, was bekannt ist

Zuerst sollten wir uns bewusst werden, dass wir gerne das hören, was wir bereits kennen. Haben wir also eine bestimmte Bibelübersetzung seit Langem gelesen, sind uns die Satzwendungen und Wörter «in Fleisch und Blut übergegangen». Eine solche Übersetzung ist uns am nächsten und wir interpretieren das als «einfach». Wenn wir dagegen in einer uns unbekannte Übersetzung lesen, stören uns vielleicht ungewohnte Satzwendungen oder Wörter. Sie kommen uns «fremd» oder gar «schwierig» vor. Das ist weder gut noch schlecht, sondern einfach nur anders.

Auf dieser Website geht es darum, die Bibel näher kennenzulernen. Die Website soll auch dazu ermutigen, Fakt von Fiktion unterscheiden zu lernen. Das gelingt nicht ohne direkte Verweise auf den Grundtext und nicht ohne Verwendung genauer Übersetzungen. Viele theologische Widersprüche kommen aus den Bibelübersetzungen oder werden von diesen weitergetragen (siehe z.B. Hölle oder Ewigkeit). Möchten wir mehr verstehen, braucht es geeignete Hilfsmittel, d.h. genauere Bibelübersetzungen. Deshalb ist einiges vielleicht «schwieriger» zu verstehen, weil es uns unbekannt ist. Möchten wir jedoch mehr erfahren, kommen wir nicht darum herum, das Neue aufmerksam mitzulesen.

Auf der Kernbeisser Website werden vor allem diese Übersetzungen genutzt:

  • Im Alten Testament wird vorwiegend die Elberfelder Übersetzung benutzt.
  • Im Neuen Testament wird vorwiegend das Konkordante Neue Testament benutzt.

Darüber hinaus jedoch gibt es bei jedem Bibelverweis einen direkten Link zur Website bibleserver.com, mit vielen Bibelübersetzungen. Dort lässt sich also jederzeit sehr bequem einen Text mit anderen Übersetzungen vergleichen.

Zitate aus dem Neuen Testament

Zitate aus dem Neuen Testament stammen in der Regel aus dem Konkordanten Neuen Testament. Dies ist die genaueste und noch lesbare Übersetzung im deutschsprachigen Raum, der sich als Ziel gesetzt hat, nicht nur zu übersetzen, sondern dem Leser auch so etwas wie einen Durchblick auf den Grundtext zu schenken. Das Konkordante Neue Testament liegt momentan in sechster Auflage vor und wird vom Konkordanten Verlag in Deutschland herausgegeben.

Diese Übersetzung wird verwendet, da sie weitgehend einheitlich mit Wörtern umgeht und in der beigefügten Konkordanz immer auf den griechischen Grundtext zurückgeht. Es ist wegen dieser Transparenz und der Art wie die Wiedergabe umgesetzt wurde eine einmalig gute Studienbibel. Ausserdem gibt es die Konkordanz auf den Grundtext, Einführungen zur Übersetzungsmethodik, Hinweise auf Sprachfiguren und vieles mehr.

Mehr zum Konkordanten Neuen Testament im folgenden Video:

Zitate aus dem Alten Testament

Die Zitate aus dem Alten Testament sind in der Regel aus der Elberfelder Übersetzung. Ein Konkordantes Altes Testament liegt auf Deutsch leider nicht vor. Es gibt jedoch eine Englische Ausgabe (PDF) vom Concordant Publishing Concern.

Sofern andere Übersetzungen genutzt werden, wird darauf hingewiesen.

Textverlinkung mit Bibleserver.com

Wem diese vorher genannte Übersetzungen zu unbekannt sind, oder gerne einmal eine andere Übersetzung zum Vergleich heranziehen möchte, kann das über die Textverlinkungen tun. Jeder Bibelverweis hat einen Link auf die Website bibleserver.com und zeigt dort die Elberfelder Übersetzung an. Weitere Übersetzungen stehen ebenfalls zur Verfügung und es lassen sich auch Übersetzungen miteinander vergleichen.

Beispiele:

Psalm 23
1Kor 1,9
Kol 1,20
1Tim 4,9-11

Diese Website bietet demnach verschiedene Möglichkeiten, Texte direkt und online zu vergleichen. Es lohnt sich, die zitierten Texte im jeweils eigenen Kontext zu betrachten.


Umsonst gerechtfertigt

Umsonst gerechtfertigt

Gottes Gnade benötigt keine Gegenleistung


In diesem fortlaufenden Studium über den Römerbrief erklärt Paulus die Grundlagen des Evangeliums. Der Apostel hat gerade angefangen über die Gerechtigkeit Gottes zu sprechen (Röm 3,21). Hier nun erklärt er, dass diese Gerechtigkeit in Seiner Gnade zu uns kommt. Verschiedene Wörter gehören unzertrennlich zusammen, wie Gnade und Gottes Gerechtigkeit. Das ist eine wichtige Wahrnehmung, denn Gnade wird nicht an unsere, sondern an Gottes eigene Gerechtigkeit verknüpft. Nicht was ich tun muss, sondern was Er getan hat, ist ausschlaggebend. Das ist eine sehr gute Botschaft.

Das Geschenk

«Umsonst gerechtfertigt in Seiner Gnade durch die Freilösung, die in Christus Jesus ist.»
Röm 3,24

Gottes Gnade erhalten wir umsonst, d.h. ohne Gegenleistung. Wenn wir «umsonst gerechtfertigt» sind, dann ist das nicht selbst verdient. Es geht um den Geber, nicht um den Empfänger. Der Schenkende ist Gott. Das ist hier die Aussage.

Ausserdem sind wir «gerechtfertigt». Das entspricht einer Statusänderung. Obwohl es offensichtlich ist, dass kein Mensch gerecht ist (Röm 3,10) und alle Menschen an einer Mangelerscheinung leiden (Röm 3,23), benutzt Gott diesen Umstand nicht gegen uns. Vielmehr stellt Er die Lösung bereit. Der Unterschied zwischen Gott und Mensch ist gravierend, hatte Paulus in den Versen zuvor erklärt. Das ist nicht etwa so, weil wir grundsätzlich schlecht wären, sondern es ist eine nüchterne Bestandsaufnahme, speziell im Vergleich mit Gottes Herrlichkeit. Es gibt einen Unterschied zwischen Gott und uns. Die Bildsprache lehnt sich an die eines Gerichts an. Der Unterschied ist so gravierend, dass er eine Begegnung des Wesens ausschliesst. Das ist so etwas wie eine Anklage, wenn wir es in einem bildhaften Vergleich ausdrücken wollen. So macht es Paulus. Wer angeklagt wird, der wird hier jedoch freigesprochen. Wer gerechtfertigt wird, der wird freigesprochen durch eine fehlende Anklage. Es wird keine Verurteilung stattfinden. Wenn Du und ich für gerecht erklärt werden, dann deshalb, weil die Anklage auf jemand anders (auf Christus) bereits angewendet wurde.

Diese Rechtfertigung wird uns geschenkt. Gratis ist sie allerdings nicht. Es hat jemand anders bezahlt. Gott selbst überbrückt diese Kluft. Die Zusage liegt hier: Gott war in Christus die Welt mit sich selbst versöhnend (2Kor 5,14-21). Gottes Gerechtigkeit wurde am Kreuz erreicht. Dort liegt der Ursprung und die Kraft dieser Aussagen.

Bauen wir auf Sein Wirken, können wir zur Ruhe kommen in Ihm. Gottes Gnade kann zu einer unerschöpflichen Quelle werden, die uns nährt und trägt.

Wie geht es weiter?

Wenn wir auf Gottes Gnade antworten, dann treten wir sozusagen in einen neuen Raum ein. In diesem Raum der Gnade Gottes dürfen wir uns als Befreite bewegen. Wie aber geht es weiter? Wenn alles Gnade ist, kann ich dann machen, was ich will?

Paulus hat bereits darüber geschrieben. Gnade ist kein Freibrief zum sündigen (vgl. Röm 3,8). Im Gegenteil: Wir sind zu einem hohen Preis erkauft worden, und sollten daher auf jeden Fall Gott in unserem Körper verherrlichen (1Kor 6,20, 1Kor 7,23). Gnade ist eben ganz anders als wir selbst denken. Gnade ist nicht billig. Gnade entsteht aufgrund von Gottes Gerechtigkeit. Diese wurde in Christus erfüllt. Denn wir sind

«Umsonst gerechtfertigt in Seiner Gnade durch die Freilösung, die in Christus Jesus ist…»

Röm 3,24

Das Wesen von Gottes Gnade ist die Schenkung. Sie ist umsonst. Als Beschenkte können wir mit Dankbarkeit auf dieses Geschenk antworten. Im fünften Kapitel vom Römerbrief kommen wir nochmals darauf zurück, denn Paulus schreibt dort:

«Jedoch ist es mit der Gnadengabe nicht so wie mit der Kränkung. Denn wenn durch die Kränkung des einen, die vielen starben, wie viel mehr fliesst die Gnade Gottes und das Geschenk in Gnaden (das von dem einen Menschen Jesus Christus ist) in die vielen [Versöhnten] über»
Röm 5,15-16

Auch hier sehen wir die Verknüpfung von Gnade und Geschenk. Es könnten viele weitere Stellen angeführt werden, die dasselbe aussagen.

Freilösung

Unsere Rechtfertigung hat eine Grundlage. Sie kam durch die Freilösung, die in Christus Jesus ist. An dieser Stelle wird das griechische apolutrosis (von-lösen) genutzt. Es ist ein anderes Wort als das reguläre lutrosis (Erlösung). Mit der Freilösung liegt die Betonung ganz auf Gottes Handeln. Es handelt sich um ein Loskommen aus Unfreiheit durch ein gezahltes Lösegeld. Freilösung ist die Freisetzung aufgrund einer Zahlung, die durch jemand anders geleistet wurde.

Dasselbe Wort apolutrosis lesen wir in verschiedenen Zusammenhängen:

«Aber nicht sie allein, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst ächzen in uns, den Sohnesstand erwartend, die Freilösung unseres Körpers»
Röm 8,23 – Diese Freilösung steht noch bevor!

«Aus Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott her zur Weisheit gemacht worden ist, wie auch zur Gerechtigkeit, Heiligung und Freilösung, damit es so sei, wie geschrieben steht: Wer sich rühmt, der rühmt sich im Herrn!»

1Kor 1,30–31

«In Liebe hat Er uns für Sich zum Sohnesstand durch Christus Jesus vorherbestimmt, nach dem Wohlgefallen Seines Willens, zum Lobpreis der Herrlichkeit Seiner Gnade, die uns in dem Geliebten begnadet. In Ihm haben wir die Freilösung durch Sein Blut, die Vergebung der Kränkungen nach dem Reichtum Seiner Gnade, die Er in uns überfliessen lässt.»
Eph 1,5-8, vgl. Kol 1,14

Christus zentral

Christus steht bei Paulus im Zentrum. Er ist die Grundlage von Gottes Wirken. Durch Ihn stellt Gott die Gemeinschaft wieder her. Wir erhalten die Freilösung durch Ihn umsonst. Einiges gilt jetzt schon, anderes steht noch aus.

Einerseits sind wir bereits Kinder Gottes (Röm 8,16), andererseits aber erwarten wir noch den Sohnesstand, die Freilösung unseres Körpers (Röm 8,23). Das eine sind wir bereits, das andere liegt noch vor uns. Wir sind Kinder, werden aber den Sohnesstand erhalten, was mit der Freilösung unseres Körpers gleichgestellt wird. Das Wort «Sohn» ist im hebräischen verwandt mit dem Begriff für «Bauen». Dahinter liegt der Gedanke, dass durch die Söhne das Haus gebaut wird. Sohnschaft für alle Gläubigen ist die Einsetzung in Verantwortung. Nicht mehr Kinder sind wir, sondern Söhne. Es wird dafür einen Startschuss besonderer Art geben. Auf diese Erwartung hin wurden wir gerettet (Röm 8,24). Ähnlich schreibt Paulus im Epheserbrief:

«In Ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung, hört – in Ihm seid auch ihr, die ihr glaubt, versiegelt mit dem Geist der Verheissung, dem heiligen (der ein Angeld unseres Losteils ist bis zur Freilösung des uns zugeeigneten) zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit.»
Eph 1,13-14

Es handelt sich noch um eine Verheissung. Wir haben es noch nicht wirklich. Wir haben aber eine Anzahlung und warten auf die Freilösung von dem, was uns einst gegeben wird. Heute ist geistlich, was einst Realität werden wird. Das bestimmt der Ausblick. Paulus beschreibt es so:

«Und betrübt nicht den Geist Gottes, den heiligen, mit dem ihr für den Tag der Freilösung versiegelt seid.»

Eph 4,30

Die «Freilösung, die in Christus Jesus ist» betrifft nach Römer 3 unsere Rechtfertigung und damit Befreiung von Verurteilung und Gericht, also von sämtlichen Herausforderungen unserer Zielverfehlung. Das gilt heute und wir sind geliebt, befreit und von Gott gewollt. Das ist eine Grundlage für befreites Leben im Hier und Jetzt. Freilösung geht noch einen Schritt weiter, weil es auch auf einen zukünftigen Tag der Freilösung hinweist. Dieser Ausblick kann niemand mehr ändern, weil Gott selbst mit Seinem Geist uns dazu versiegelt hat.

Auf diesen Tag hin können wir uns freuen, nicht jedoch ohne bereits das Hier und Jetzt in Gottes Gnade zu feiern. Wenn dann dieser zukünftige Tag kommt, geht’s erst richtig los.

«Er erweckt uns zusammen und setzt uns zusammen nieder inmitten der Überhimmlischen in Christus Jesus, um in den kommenden Äonen den alles übersteigenden Reichtum Seiner Gnade in Güte gegen uns in Christus Jesus zur Schau zu stellen.»
Eph 2,6-7

Vertiefung

  1. Aussagen über Rechtfertigung, Gerechtigkeit und dergleichen mehr sind problematisch. Weshalb? Menschen haben sich öfters vorgestellt, dass Gott mit Argusaugen auf unsere Taten hinabschaut und ständig richtend jeden unserer Schritte beurteilt. Wir leben sozusagen in einem Gerichtssaal, wo Gott der Richter ist. Allerdings: Diese Vorstellung findet keine Begründung in der Schrift. Es gibt keinen Gerichtstermin heute, sondern es handelt sich um eine Bildsprache. Hier wird etwas von Gottes und von unserer Realität abgebildet. Wie lässt sich der Unterschied zwischen Gott und Mensch überbrücken? Das versucht Paulus hier mit dieser Bildsprache zu klären.
    Wie siehst Du das?
  2. Erbsünde, Gericht Gottes scheinen für viele Menschen viel «begreiflicher» zu sein als die Hinweise auf Gottes eigene Gerechtigkeit, die uns geschenkt wird. Wo liegt der Fokus bei Dir? Was verstehst Du, was nicht?


Zuspruch erfahren

Zuspruch erfahren

Komm, steig aus dem Lärm aus und lasse Dich auf ein vertrauensvolles Zwiegespräch ein.


Wir brauchen Zuspruch. Heute und auch morgen. Keiner ist so wie Gott und steht über diese Welt. Wir sind fest in dieser Welt verankert – auch dann, wenn wir ein Bürgertum im Himmel haben (Phil 3,20).

Wir leben in Erwartung. Diese Erwartung kann in Kontrast zur aktuellen Situation stehen. Der Glaubende hat eine Zuversicht, die über das hinausschaut, was gerade stattfindet. Er erkennt geistlich, auch wenn es noch nicht tastbar ist. Wir leben – wie die Welt – in Erwartung einer künftigen Befreiung (Röm 8,18-25).

Diese Erwartung erlaubt eine Bejahung des Lebens, indem es das Leben in einem grösseren Kontext sieht (Ps 18,20). Gottes Wirken wird einbezogen. Gottes Gemeinschaft wird zelebriert. Gottes Wort wird als Ausblick und Zuspruch wahrgenommen. Wahrhafte Begegnung tröstet und ermahnt. Es gibt einen Ausblick auf Erfüllung der Erwartung. Das ist, was Zuspruch bezweckt.

Zuspruch (gr. paraklêsis) oder zusprechen (gr. parakaleo) ist wörtlich ein «neben-rufen» oder «abseits-rufen». Das ist so, als wird man beiseite gerufen, damit ein vertrauensvolles Gespräch stattfinden kann. Zuspruch ist nichts für die Masse, sondern etwas für Dich und mich persönlich, das nur abseits vom Lärm stattfinden kann. Wir können jemand zusprechen oder auch selbst zugesprochen werden. Immer geht es dabei um einen Zuspruch im Hinblick auf das Wesentliche. Ob das ermahnend oder tröstend geschieht, ist abhängig vom Kontext.

Paulus schreibt beispielsweise im Epheserbrief:

«Ich spreche euch nun zu – ich, der Gebundene im Herrn, würdig der Berufung zu wanden, zu der ihr berufen wurdet, mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld einander in Liebe ertragend.»
Eph 4,1-2

Obwohl selbst ein «Gebundener» (Gefangener), ermahnt Paulus hier die Empfänger des Briefes, ihre Berufung auszuleben mit einer von Liebe geprägtem Lebenswandel. Paulus schliesst nicht von sich auf Anderen, sondern erinnert daran, was Gott getan hat und noch tut.

In seinem Brief an die Kolosser spricht der Apostel davon,

«Dass ihre Herzen zugesprochen werde und sie in Liebe und zu allem Reichtum der Vollgewissheit des Verständnisses vereinigt seien, zur Erkenntnis des Geheimnisses Gottes und des Vaters Christi, in welchem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind.»
Kol 2,2-3

Die Herzen werden zugesprochen! Paulus lädt ein, dass wir mit unserem ganzen Menschsein in die Realität Gottes eintreten, dort, wo – in Christus – alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind. Zuspruch geschieht dort, wo wir uns auf diesen Reichtum und auf diese Zwiesprache einlassen. Wir dürfen das. Wir können das, weil uns diese Geheimnisse eben nicht mehr verschlossen sind, sondern offenbart wurden. Wir sind dazu eingeladen.

Zuspruch geschieht gegenseitig. Es ist ein Dienst, den wir einander tun können. Darin geht es nicht um ausufernde Theologie oder um komplizierte Gedanken. Es geht um den Zuspruch des Herzens, im Vertrauen und im Staunen über Gottes Realität. Lasse Dich im Gespräch, auch durch den Zuspruch der Schriften (Röm 15,4), vom Gott des Zuspruchs (Röm 15,5) ermutigen.

Komm, steig aus dem Lärm aus, lasse Dich auf ein vertrauensvolles Zwiegespräch ein.


Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind

Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind

Es geht hier nicht um christliche Gemeinschaft


17. Mai 2020By Karsten Risseeuw20 Minutes

Es gibt einen Bibelvers, der landauf und landab als Ausdruck christlicher Gemeinschaft zitiert wird. Es ist dieser Vers: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, dort bin Ich in ihrer Mitte» (Mt 18,20). Ist das jetzt eine Bestätigung der Gemeinschaft in der Gemeinde oder geht es hier um etwas anderes?

Keine Erfolgsformel

Eine gesunde Bibelbetrachtung betrachtet jeden Text immer zuerst im eigenen Kontext. Tut man das nicht, werden die Worte leicht falsch interpretiert. Das geschieht auch mit diesem Vers. Zwei Dinge werden hier oft angenommen, die im Text gar nicht erwähnt sind:

  1. Ab zwei Leute ist Jesus dabei (und mit drei wird’s richtig gemütlich)
  2. Dies ist eine Aussage über die Gemeinde (denn wir haben Jesus gepachtet)

Beide Annahmen sind falsch. Es geht hier weder um eine Formel wonach Jesus ab zwei Teilnehmer dabei ist, noch um eine Beschreibung der heutigen Gemeinde. Das lässt sich mit wenigen Fragen erkennen.

Zum ersten Punkt: Soll hier implizit auch ausgesagt sein, dass Jesus nicht bei Dir ist, wenn Du allein bist? Braucht es mindestens zwei Menschen, damit Jesus sagt «Jetzt lohnt es sich, dass ich dabei bin»? Vermutlich wirst Du dies verneinen, wonach der Vers sofort relativiert ist. Es wird uns intuitiv klar sein, dass es sich hier nicht um eine Art Erfolgsformel für Gemeinschaft handelt, noch um eine Zauberformel, um Jesus in Bewegung zu setzen.

Es wird uns intuitiv klar sein, dass es hier nicht um eine Art Erfolgsformel für Gemeinschaft handelt, noch um eine Zauberformel, um Jesus in Bewegung zu setzen.

Der zweite Punkt lässt sich ebenfalls leicht beantworten. Im Allgemeinen wird angenommen, dass die Gemeinde erst in der Apostelgeschichte beginnt. Vorher gab es noch keine Gemeinde, worin Gläubigen aus den Nationen einen Platz hatten. Die aktuelle Stelle ist noch vor dem Kreuz geschrieben und Jesus hat zuvor sehr konkret angegeben, dass Er ausschliesslich zu den verlorenen Schafen des Hauses Israels geschickt wurde (Mt 15,24). Von einer heutigen Gemeinde aus allen Nationen war wirklich keine Rede. Man kann diesen Text nicht einfach nach Belieben interpretieren. Nicht überall, wo «Jesus» darauf steht, ist auch «heutige Gemeinde» drin. Mehr dazu im Beitrag «Jesus und Paulus – sagen sie dasselbe aus?»

Das Problem mit einer solch populären Aussage ist nicht nur, dass man den Text falsch interpretiert, sondern auch, dass man den Text nicht versteht. Die ursprüngliche Bedeutung geht verloren und damit auch ein Stück Reichtum.

Warum geht es hier wirklich?

Es geht um eine Zurechtweisung

Möchten wir die Aussage im Kontext verstehen, müssen wir den Kontext miteinbeziehen. Dann liest sich diese Geschichte ganz anders.

«Wenn nun dein Bruder sündigt, so gehe hin und überführe ihn zwischen dir und ihm allein. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder gewonnen. Wenn er aber nicht auf dich hört, nimm noch einen oder zwei mit dir, damit jeder Rechtsfall durch zwei oder dreier Zeugen festgestellt wird. Wenn er aber nicht auf sie hört, sage es der herausgerufenen Gemeinde; wenn er auch der herausgerufenen Gemeinde nicht gehorcht, so gelte er dir so viel wie einer aus den Nationen oder ein Zöllner.
Wahrlich, Ich sage euch: Was auch immer ihr auf Erden bindet, wird das sein, was auch im Himmel gebunden ist und was auch immer ihr auf Erden löst, wird das sein, was auch im Himmel gelöst ist.
Wahrlich, wieder sage Ich euch: Wenn zwei von euch hier auf Erden darin übereinstimmen, irgendeine Sache zu erbitten, so wird es Ihnen von Meinem Vater in den Himmeln gegeben werden; denn wo zwei oder drei in Meinem Namen versammelt sind, dort bin Ich in ihrer Mitte.»
Mt 18,15-20

Dieser Abschnitt spricht nicht über willkürliche Themen, sondern die Aussagen gehören zusammen. Der gerade zitierte Abschnitt gehört zu einem Gespräch zwischen Jesus und Seinen Jüngern, das ganz Kapitel 18 beschlagnahmt. Die ursprüngliche Frage der Jünger in diesem Gespräch betrifft das «Königreich der Himmel» und die Antwort von Jesus passt zu diesem speziellen Kontext (Mt 18,1). Die Jünger erlebten mit Jesu Verkündigung sozusagen ein Anfang des kommenden messianischen Reiches. Das ist der Kontext und auch diese Verse gehören dazu.

Logischerweise geht es nicht nur um Zukunftsmusik, sondern auch um praktische Fragen. «Wenn nun dein Bruder sündigt» ist ein solcher Hinweis. Es geht um das gemeinschaftliche Leben. Was tun, wenn es Probleme gibt, wenn jemand «sündigt» und ein ungesundes Verhalten an den Tag legt? Dann gibt Jesus ein paar praktische Hinweise, die zum Schutz aller Menschen sind. Es geht um eine Zurechtweisung:

  1. Ein «Bruder» (jemand aus der Gemeinschaft) sündigt. Du siehst das Verhalten, das nicht in Ordnung ist (Mt 18,15)
  2. Gehe privat zu ihm und rede mit ihm. Das ist der erste Schritt (Mt 18,15)
  3. Reagiert dein Bruder nicht, rede nochmals, aber bringe ein oder zwei Zeugen mit («wo zwei oder drei…»). Mt 18,16)
  4. Reagiert dein Bruder auch dann nicht, bringe den Fall vor der herausgerufen Gemeinde (Mt 18,17)
  5. Reagiert dein Bruder auch nicht auf die Beurteilung durch die gesamte Gemeinde, soll man ihn betrachten als einer aus den Nationen (nicht-israelischen Völkern) oder wie ein Zöllner (Mt 18,17). Von diesen hat man sich distanziert. Dies zeigt auch eindrücklich, dass es hier nicht um die heutige Gemeinde geht.
  6. Die Beurteilung soll nun Gültigkeit haben im Himmel wie auf Erden. Jesus legt Verantwortung beim einzelnen Menschen, dann bei den einigen der Gemeinde, dann bei der gesamten Gemeinde. (Mt 18,18)
  7. Gott wird diese gemeinsamen Entscheide bestätigen, nicht weil Menschen etwa unfehlbar sind, sondern weil hier pragmatische Lösungen gesucht werden, mit Gottes Wirken vor Augen (Mt 18,19)
  8. (jetzt folgt die Begründung)… Denn wo zwei oder drei in Meinem Namen versammelt sind, dort bin Ich in ihrer Mitte.

Das Thema ist Zurechtweisung in der Gemeinschaft und wie man darin vorgeht. Sieht man etwas, das nicht gut ist, soll man zuerst persönlich vorsprechen. Wenn das nicht fruchtet, soll man mit einem oder zwei Zeugen nochmals hingehen. Weicht der Bruder auch dort aus, geht es an die nächste und letzte Instanz: die Gemeinschaft. Gelingt auch da keine Korrektur des Verhaltens, sollte man diese Person als «ausserhalb des Volkes Israels» betrachten. Die jüdische Gemeinde in Jerusalem, die auf die Aufrichtung des messianischen Königreichs warteten, pflegten keinen Kontakt mit Nicht-Juden. Sogar mit frommen Proselyten wurde der Kontakt ausgewichen. Das zeigt beispielsweise die Geschichte von Petrus und Kornelius (Apg 10), wo Petrus sich heftig dagegen gewehrt hat, mit einem Proselyten Kontakt aufzunehmen.

Es handelt sich hier um eine Art Gemeindezucht. Dass nun Gott und Jesus solidarisch zu den Entscheidungen der Gemeinde stehen, ist hier die Aussage. Das ist aussergewöhnlich. Das Vorgehen ist sehr bedachtsam. Es sind mehrere Schritte erforderlich. Am Schluss soll jedoch der Entscheid vor dem Menschen ebenso gelten wie vor Gott.

Hier wird also keiner leichtfertig ins Aus manövriert. Man versucht den Menschen zu gewinnen, der durch sein Verhalten (nicht: andere Lehrmeinung!) aufgefallen war. Sollte man sich aber dazu entschliessen, sich von einem Menschen mit falschem Verhalten zu distanzieren, dann ist das in Ordnung. Mann kann also nicht aufstehen und behaupten, das sei bloss ein «menschlicher» Entschluss, den man direkt wieder anzweifeln kann, sondern es ist ein pragmatischer Entschluss, durch Übereinstimmung mehrerer Menschen gefasst wurde. Das wird gelten.

«Wenn zwei von euch hier auf Erden darin übereinstimmen, irgendeine Sache zu erbitten, so wird es ihnen von Meinem Vater in den Himmeln gegeben werden». Es dürfte jetzt klar sein, dass es nicht irgendwelche Fragen oder Bitten betrifft, sondern, dass es um den überaus schwierigen Entscheid geht, jemand zurechtzuweisen und sich dabei vielleicht zu einem schmerzhaften Schritt der Distanzierung gezwungen sieht. Fasst Mut! Jesus ist in einem solchen Fall dabei. Er ist dann Mitte unter uns. Man darf mit Gottes Führung rechnen, auch dann, wenn nicht alles einfach ist. Der Fokus in diesem Abschnitt ist die Gemeinschaft. Einen solchen Entscheid wird im Hinblick auf die Gemeinschaft gemacht.

Zwei oder drei

Der Ausdruck «zwei oder drei» findet man im Alten wie im Neuen Testament. Paulus schreibt beispielsweise:

«Gegen einen Ältesten nimm keine Anklage an, ausgenommen auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen hin.»
1Tim 5,19

Diese «zwei oder drei» sollen dazu dienen, dass «nur mit mehreren Zeugen» eine Aussage gemacht werden kann. Das ist nötig, weil sonst einzelne Menschen gegen beispielsweise Ältesten in den Krieg ziehen. Das habe ich selbst mehrfach so erlebt und kann deshalb zustimmen, dass diese Aussage von Paulus an Timotheus sehr sinnvoll ist.

Paulus wiederholt dabei Hinweise, die es ebenso bereits in der Tenach (Altes Testament) gab:

«Auf die Aussage zweier Zeugen oder dreier Zeugen hin soll getötet werden, wer sterben soll. Er darf nicht auf die Aussage eines einzelnen Zeugen hin getötet werden.»
5Mo 17,6

«Ein einzelner Zeuge soll nicht gegen jemanden auftreten wegen irgendeiner Ungerechtigkeit oder wegen irgendeiner Sünde, wegen irgendeiner Verfehlung, die er begeht. Nur auf zweier Zeugen Aussage oder auf dreier Zeugen Aussage hin soll eine Sache gültig sein.»
5Mo 19,15

Genau so hiess es auch im Matthäusevangelium, wie bereits zitiert:

«Wenn er aber nicht auf dich hört, nimm noch einen oder zwei mit dir, damit jeder Rechtsfall durch zweier oder dreier Zeugen Mund festgestellt wird.»
Mt 18,16

Mit Gemeinschaft im geselligen oder geistlichen Sinn hat dies nichts zu tun. Es geht um Zeugenaussagen und darum, dass man umsichtig mit einem schwierigen Fall in der Gemeinschaft umgehen soll.

Geht es nicht doch um Gemeinschaft?

Aber geht es nicht doch auch um Gemeinschaft? Nein, nicht nach dem Kontext. Man muss das zuerst hineininterpretieren.

Es gibt allerdings aus der jüdischen Tradition Fragen zur Gemeinschaft. Im Buch «The Life and Times of Jesus the Messiah» beschreibt Alfred Edersheim, ein Jude aus Budapest, die jüdischen Hintergründe zu den Evangelien. Das ist hochinteressant. Zu Matthäus 18,20 erwähnt er (Buch ii, Seite 124) eine Passage aus der Mishnah (Ab. iii.2) und der Talmud (Ber. 6a) und aufgrund von Maleachi 3,16, dass – wo zwei oder drei zusammenkommen und sich mit der Tora auseinandersetzen, die Schechina (die Herrlichkeit Gottes) unter ihnen ist. So versucht man dem Wort auf die Spur zu kommen und interpretierend eine neue Bedeutung daran zu verknüpfen. Man beachte jedoch, dass diese Art der Bibelbetrachtung völlig anders ist, als beispielsweise in evangelikalen Kreisen üblich.

Im gleichen Abschnitt erwähnt Edersheim, dass man in der jüdischen Tradition keineswegs gefolgert hat, dass man auf sich allein gestellt ohne Gottes Anwesenheit auskommen müsste. Auf Basis von Klagelieder 3,28 und 2Mose 20,21 erkannte man, dass Gott auch dann anwesend ist, wenn man allein ist. Er wird auch dann gegenwärtig sein und den einzelnen Menschen segnen.

Vertiefung


Der Fall Satans ist ein Hoax

Der Fall Satans ist ein Hoax

Die Bibel spricht nirgendwo von einem moralischen «Fall Satans».


Der sogenannte «Fall Satans» ist ein Pfeiler traditioneller Theologie. Dieser «Fall» wird auch «Höllensturz» genannt und wird aus ausserbiblischen Quellen abgeleitet. Das Ziel dieser Lehre ist es, den Ursprung der Sünde zu definieren. Die Bibel lässt zwar keinen Zweifel darüber bestehen, dass alles aus Gott ist, aber der Mensch denkt, dass «Sünde» nicht dazugehören sollte. Deshalb soll Satan einmal gut gewesen sein. Irgendwann hat er sich aufgelehnt und so die Abtrünnigkeit erfunden. Der einst makellose Engel sei dann «in Sünde gefallen». Gemeint ist hier also ein «moralischer Fall» und es soll die erste Sünde der Geschichte sein. Dieser «Fall Satans» ist jedoch eine erfundene Geschichte – ein Hoax.

Mit Dreizack und Flammen

Man stellt sich diesen Fall Satans in etwa so vor:

  • Satan war einmal ein perfektes himmlisches Wesen
  • Auflehnung zu Gott führte zu einem moralischen Fall
  • Satan wurde in die Hölle hinabgestossen

Hier entstehen Bilder im Kopf, von einem Satan, der in der Hölle wohnt, in den Flammen steht und einen Dreizack in der Hand hat. Solche Bilder sind der Bibel unbekannt. Die Annahmen jedoch, die zu diesem Bild führen, sind in christlicher Theologie weitverbreitet. Der «Fall Satans» soll vor dem Sündenfall von Adam und Eva stattgefunden haben, da die Schlange (ein Bildsprache von Satan) dort Eva verführte.

Es gibt durchaus unterschiedlich Sichtweisen innerhalb dieser Lehre. Nicht jeder ist der Meinung, dass Satan vom Himmel in die Hölle «umgezogen» ist und nun in der Hölle «wohnt». Man referiert beispielsweise an Hiob 1,6 wo erwähnt ist, dass Satan im Himmel ist. Weil er dort Hiob verklagt, soll diese Sitzung nach dem angeblichen moralischen Fall stattgefunden haben. Es gibt also verschiedene Ausprägungen der Lehre. Was bleibt ist dies: Satan soll für die Sünde verantwortlich sein. Er ist der eigentliche Bösewicht der Geschichte und deshalb ist Gott ausschliesslich gut (ein weiterer Hoax).

Wo Satan fällt

Wenn man die Bibel auf die Lehre prüfen will, soll die erste Frage lauten: Gibt es irgendwo einen Bericht von einem «Fall Satans»? Tatsächlich gibt es eine Stelle, wo Satan aus dem Himmel geworfen wird. Diese Bibelstelle hat jedoch nichts mit dem angeblichen moralischen Fall Satans zu tun. Alles aber der Reihe nach. In der Offenbarung an Johannes finden wir folgende Aussagen:

«Und es entstand eine Schlacht im Himmel. Michael und seine Boten stritten mit dem Drachen, und es stritt auch der Drache und seine Boten. Doch vermochten sie nichts gegen ihn, auch wurde ihre Städte im Himmel nicht mehr gefunden. Dann wurde der grosse Drache, die uralte Schlage, die Widerwirker und Satan heisst, hinabgeworfen. Der die ganze Wohnerde irreführt, wurde auf die Erde geworfen; und seine Boten wurden mit ihm hinabgeworfen. Da hörte ich im Himmel eine laute Stimme sagen: «Jetzt ist die Rettung, die Macht und die Königsherrschaft unserem Gott und die Vollmacht Seinem Christus zuteil geworden! Denn der Verkläger unserer Brüder, der sie vor den Augen unseres Gottes Tag und Nacht verklagte, wurde hinabgeworfen
Offb 12,7-10

Das ganze Buch betrifft eine Vision (Offb 1,1). Das trifft auch für diesen «Rausschmiss Satans aus dem Himmel» zu. Zwar wird hier nicht von einem «Fall Satans» im traditionellen Sinne gesprochen, aber er wird hier zumindest aus dem Himmel auf die Erde «hinabgeworfen». Das ist irgendwie schon nahe dran. Die Tradition spricht jedoch von etwas anderem.

Vergleichen wir die Tradition mit dieser Stelle aus der Offenbarung:

Zeitlich platziert die Tradition den Fall Satans noch vor dem Sündenfall von Adam und Eva. Johannes dagegen spricht von einem Hinabwerfen von Satan auf die Erde (nicht: in die Hölle) als ein zukünftiges Ereignis. Im Buch Offenbarung geht es auch nirgendwo darum, dass Satan einmal gut war und plötzlich die Sünde erfand. Er ist hier – wie an jedem anderen Ort der Bibel – von Grund auf schlecht.

Die Verführung der Christenheit

Die Lehre vom «Fall Satans» ist ein Hoax – eine erfundene Geschichte. Der Begriff «Hoax» wird heute im Internet viel verwendet. Dort kursieren zahllose erfundene Geschichten und «alternative Fakten». Das Problem mit diesen Falschmeldungen ist, dass viele Menschen sie ungeprüft teilen. So verbreiten sich falsche Informationen manchmal wie ein Lauffeuer und richten grossen Schaden an. Viele Falschmeldungen werden bewusst zur Desinformation und Beeinflussung von Massen genutzt. Mit manchen theologischen Ideen ist das nicht anders.

Für viele Christen ist die Lehre vom Fall Satans ein biblischer Tatbestand, den man unvoreingenommen einfach glauben sollte. Diese Sicht ist aus vielen Gründen problematisch. Nicht nur steht von dieser Lehre gar nichts in der Bibel, sondern wer meint, dass wir unser Denken nicht einschalten sollten? Kadavergehorsam gegenüber der Tradition soll empfehlenswert sein? Es gilt hier zu unterscheiden zwischen «Erklärungsversuchen» und «Aussagen der Bibel». Die Lehre ist ein Erklärungsversuch von Theologen, keine Aussage der Bibel.

Wir können es grossartig finden, dass sich in vergangenen Zeiten Menschen mit diesen Fragen auseinandergesetzt haben. Deswegen müssen wir aber nicht ungeprüft hinnehmen, was sie damals gedacht haben. Wir werden nicht alles erklären können aus der Bibel, aber zumindest kann man unterscheiden zwischen Dingen, die in irgendeinem Kontext tatsächlich geschrieben sind und solchen Dingen, die nirgendwo erwähnt werden. Danach kann man versuchen zu interpretieren.

Möchten man sich dem Thema von der Bibel her annähern, helfen diese zwei Fragen:

  1. Wird diese Lehre mit klaren Worten unmissverständlich in der Bibel erwähnt oder wird sie nur hineininterpretiert?
  2. Was finden wir zum Thema in der Bibel?

Die erste Frage sucht Aussagen die klar den angenommenen Tatbestand ausdrücken. Keine Bildsprache, keine Andeutungen, die keiner versteht, sondern unmissverständliche direkte Aussagen. Wenn es ein wichtiges Thema in der Schrift ist, müssen diese Dinge vorhanden sein. Ansonsten ist die Lehre kein Thema in der Bibel. Auf diese Art gewinnt man einen ersten Eindruck und sammelt Informationen. Schritt für Schritt lässt sich so ein besseres Verständnis erarbeiten. Dieses Vorgehen ist ganz anders als die Lehre oft präsentiert wird. Studien zum Thema gehen häufig von einem ganz bestimmten Mix an blinden Annahmen aus:

  1. Man geht ungeprüft davon aus, dass diese Lehre stimmt. Das ist die unverrückbare Ausgangslage.
  2. Man zitiert Jesaja 14 und Hesekiel 28, um daraus diesen angeblichen Fall zu fabrizieren.
  3. Es gibt Folgerungen über verschiedene weitere Texte.
  4. Direkte Aussagen der Bibel zum Thema werden vermieden.

Ich habe diese Art der Darstellung meist als ein Wiederkäuen alter Ansichten empfunden. Erkennt man einmal, wie die Lehre «bewiesen» wird, ist der Weg für eine nähere Prüfung frei. Die erwähnten Bibelstellen werden in folgenden Beiträgen näher angeschaut. In diesem Beitrag geht es darum, die grundsätzliche Annahmen sichtbar zu machen, womit gearbeitet wird. Diese stehen in einem direkten Kontrast mit der Bibel selbst, wozu gleich nachher einige Texte zitiert werden.

Satan sündigt «von Anfang an»

Die Lehre von einem «Fall Satans» geht davon aus, dass bei diesem Fall der Ursprung der Sünde gesucht werden muss. Das Wesen, das später zum Teufel wurde, wäre vorher ein makelloses und sündenfreies Wesen gewesen. Diese Annahme liest sich jedoch an keiner einzigen Stelle in der Bibel. Sie wird zwar in Jesaja 14 und Hesekiel 28 hineininterpretiert, aber in diesen beiden Kapiteln wird mit keinem Wort von Satan gesprochen. Auf diese beiden Kapitel kommen wir noch in separaten Beiträgen zu sprechen.

Ist es nun so, dass Satan irgendwann angefangen hat zu sündigen und war er vorhin tadellos? Nein. Johannes schreibt:

«Der Widerwirker sündigt von Anfang an.»
1Joh 3,8

Dies ist das Zeugnis der Schrift. Es ist eindeutig. Satan hat von Anfang an gesündigt und nicht erst später damit angefangen. Nicht nur fehlt also jede Spur eines angeblichen Fall Satans als Geschichte oder Beschreibung, sondern es gibt Bibelstellen, die diese Annahme direkt widersprechen. Johannes sagt jedoch noch mehr zum Widerwirker.

«Ihr seid von dem Vater, dem Widerwirker, und wollt nach den Begierden eures Vaters handeln. Derselbe war ein Menschentöter von Anfang an und hat nicht in der Wahrheit gestanden, weil keine Wahrheit in ihm ist.»
Joh 8,44

Johannes kennt keinen Fall Satans, kein Lichtwesen, das einen Fehltritt gemacht hat und in Sünde gestürzt ist. Dieser Satan war ein Problemfall «von Anfang an». Dazu erwähnt der Apostel auch noch, dass dieser Widerwirker «nicht in der Wahrheit gestanden hat». Es gab keine gute alte Zeit, sondern der Widerwirker war von Anfang an ein Widerwirker. Das ist sein Wesen. Es ist keine Wahrheit in ihm.

Es braucht Mut und Geduld, etwas zu prüfen

Wenn man auf diese Weise Schritt für Schritt untersucht, was an einer Aussage dran ist, braucht das Mut. Man muss bereit sein, bestehende Gedanken in konkreten Fragen umzuwandeln, um diese dann nachzuprüfen. Wird man nicht konkret, gelingt auch keine Prüfung. Erhält man auf konkrete Fragen nun auch konkrete Antworte, kann das Erstaunen oder gar Bestürzung auslösen. Erneut braucht es Mut, sich auf den Text einzulassen. Es gilt nun weitere Fragen zuzulassen und nicht sofort eine bekannte Antwort hineinzuprojizieren. Nach und nach gewinnt man einen Einblick zu dem, was tatsächlich geschrieben und erlangt ein Verständnis für breitere Zusammenhänge.

Dieser Prozess ist anspruchsvoll und keinesfalls fehlerfrei. Wer sich so mutig auf den Weg macht, läuft auch mal eine falsche Fährte nach. Dann kann man umkehren und den Faden dort aufnehmen, wo man ihn verloren hat. Neugierig bleiben hilft dabei, sich unvoreingenommen auf den Text einzulassen. Was geschrieben steht (z.B. Satan hat von Anfang an gesündigt) kann in direktem Kontrast zur Lehre stehen (Satan war am Anfang gut und makellos). Diese Unterschiede muss man sich erst einmal bewusst machen und erst dann lässt sich nach weiteren Hinweisen suchen, wie es in der Bibel geschrieben steht.

Der Fall Satans ist ein Hoax. Damit ist gesagt, was es nicht ist. Es müssen noch weitere Schriftstellen näher betrachtet werden, wie beispielsweise die erwähnten Stellen in Jesaja und Hesekiel. Auch benötigt es eine positiv formulierte Erkenntnis über das, warum es hier wirklich geht.

Stay tuned.


Ist Gott ausschliesslich «gut»?

Ist Gott ausschliesslich «gut»?

Gut und Böse in der Bibel


23. April 2020By Karsten Risseeuw19 Minutes

Gott erkennen ist gar nicht so einfach. Ist Gott nur gut, oder hat Er auch etwas mit dem Böse zu tun? Wer die Welt betrachtet sieht darin nicht nur Gutes, sondern auch durchaus sehr böse Dinge. Wir sehen und erfahren Ungerechtigkeit, Krankheit, Leiden, Tod, Krieg, Hunger, Epidemien, Arbeitslosigkeit, Verlust von Freunden, Kindern, Eltern und vieles mehr. Das Leben in dieser Welt ist nicht einfach. Wäre Gott da nicht zuständig? Warum ist da keinen Ausgleich sichtbar? Hat Gott nicht alles in Händen?

Gut und Böse

Fragen über Fragen! Diese Welt ist komplex und wir spüren das sofort. Gerade deshalb suchen viele Menschen nach vereinfachten Denkansätzen. Etwa so, dass Gott nur gut sei (sein sollte). Der Teufel sei dann zuständig für das Üble in der Welt. So sehen es ganz viele Menschen. Wir sehen darin ein dualistische Gottesbild und einen Kampf von Gut und Böse. Unzählige religiöse Vorstellungen werden so beschrieben. Diese Dualität von Gut und Böse ist auch im Kino omnipräsent (StarWars-Filme u.a. Interessant auch, wie StarWars-Figuren ihre Namen erhielten). Es sind die Märchen, die die Kassen klingeln lassen.

Unter Christen ist dieses dualistische Bild von Gott stark verbreitet. Gott wird immer als gut dargestellt. Besser noch: Gott soll ausschliesslich gut sein. Der Teufel dagegen soll die Ursache für alles Böse sein. Et voilà, schon ist das dualistische Gottesbild geboren. Gott und der Teufel kämpfen miteinander um die Vorherrschaft – StarWars lässt grüssen. Das geht in manchen, vor allem charismatischen Kreisen so weit, dass man in den «geistlichen» Kampf gegen den Teufel zieht. Mit der Bibel hat diese Sicht allerdings nichts mehr zu tun. (Nein, auch Epheser 6,10-17 spricht nicht davon.)

Wer sich ständig in einem Kampf zwischen gut und böse mit ungewissem Ausgang verwickelt sieht, kann Angst, Stress und Ungewissheit erfahren. Es ist nicht unproblematisch, was hier geschieht.

Die Sehnsucht der Schöpfung

Ein dualistische Gottesbild entspricht nicht den Angaben der Bibel. Gott steht nicht im Kampf mit einem gleich starken anderen Gott. Gott steht über allem. In der Bibel lesen wir unmissverständlich und wiederholt: «Alles ist aus Gott». Das muss das Böse mit einschliessen, ansonsten ist es nicht alles. Gott bewirkt alles nach dem Ratschluss seines Willens, und nicht nur etwas und nur ab und zu (Eph 1,11). Das ist ein grosser Unterschied zu einem dualistischen Gottesbild.

Allerdings ist diese Feststellung noch keine Erklärung für die Not dieser Welt. Diese Not ist real. Sie kann uns selbst betreffen. Es liegt eine Last auf diese Welt, von der auch Glaubende nicht ausgenommen sind. Es ist eine Sehnsucht und Vorahnung, dass es doch so nicht enden kann. Paulus beschreibt das wie folgt:

«Denn ich rechne damit, dass die Leiden der jetzigen Frist nicht wert sind der Herrlichkeit, die im Begriff steht, in uns enthüllt zu werden. Denn die Vorahnung der Schöpfung wartet auf die Enthüllung der Söhne Gottes.»
Röm 8,18-19

Paulus schaut voraus, und weiss, dass Gott alles in Händen hat. Er beschreibt nirgendwo einen Kampf zwischen Gut und Böse, als müssten wir Satan die Herrschaft entreissen, damit Gott gewinnen kann. Der Apostel spricht von einer Gewissheit. Er «rechnet damit», dass sich Dinge ändern. Er vertraut darauf, dass die aktuelle Situation aufgelöst und erlöst werden wird.

Während er im Vertrauen auf Gott fest mit einer Erlösung rechnet, gibt es von der Rest der Welt zwar keine Zuversicht, aber doch eine «Vorahnung». Menschen sehnen sich nach einer Lösung. Hollywood und Bollywood beschreiben diese Sehnsucht und Vorahnung in vielen Kinofilmen. Betrachtet man die Themen der Filmen aus dieser Perspektive, erkennt man leicht die Geschichten, die von einer Erlösung sprechen, von einem Happy End. Diese sind vielleicht nicht ganz real aus menschlicher Perspektive, aber es entspricht trotzdem der Sehnsucht und der Vorahnung, die in der Welt allgegenwärtig ist. Deswegen sprechen diese Kinofilme viele Menschen an.

Paulus schreibt im Römerbrief jedoch noch mehr:

«Denn die Schöpfung wurde der Eitelkeit untergeordnet (nicht freiwillig, sondern um des Unterordners willen) in der Erwartung, dass auch die Schöpfung selbst befreit werden wird von der Sklaverei der Vergänglichkeit zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes.»
Röm 8,20-21

Hier erwähnt der Apostel, dass die Schöpfung nicht etwa freiwillig in diese missliche aktuelle Lage geriet. Vielmehr war es Gottes Wirken, der die heutige Situation bewirkte. Es geschah «nicht freiwillig, sondern um des Unterordners willen». Bevor jetzt einen Aufschrei kommt, fährt der Apostel bereits weiter und schreibt, dass dies alles in einer bestimmten «Erwartung» geschah und auf ein bestimmtes Ziel hin. Die Schöpfung selbst wird befreit werden von der Abhängigkeit der Vergänglichkeit. Das Ziel für die Schöpfung ist klar: Sie soll befreit werden zur «Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes». Oder mit anderen Worten: So wie die Glaubenden, so auch der Rest.

Paulus sieht der aktuelle Status der Welt als vorübergehend. Im Glauben sehen wir das und können damit rechnen. Allerdings sollten wir da ruhig den Blick über den Horizont schweifen lassen, wie Paulus es gerade vorführt. Die Zuversicht hört nicht bei den «Geretteten» der aktuellen Zeit auf, sondern bezieht die ganze Welt mit ein. Es gibt einen Ausblick und eine Erlösung für die ganze Welt. Dann fährt der Apostel weiter:

«Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis nun mit uns ächzt und Wehen leidet. Aber nicht sie allein, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst ächzen in uns, den Sohnesstand erwartend, die Freilösung unseres Körpers. Denn auf diese Erwartung hin wurden wir gerettet.»
Röm 8,22-24

Wir sind alle im gleichen Boot, die Schöpfung und wir selbst. Die Erwartung teilen wir. Wir selbst wissen, dass wir auf diese Erwartung hin gerettet wurden. Die Schöpfung weiss es noch nicht genau, aber sie hat eine Vorahnung.

Niemand ist gut ausser dem Einen

Ein dualistisches Gottesbild wird nirgendwo in der Bibel gelehrt. Gott ist zuständig. Auch wenn Satan der «Gott dieses Äons» genannt wird (2Kor 4,4), so prägt das nur diese Zeit. Gott selbst steht jedoch weiter über all dem und wird «König der Äonen» genannt (1Tim 1,17). Er regiert über alle Äonen (Zeitalter).

Die Bibel differenziert. Sie leugnet keine Dualität, aber macht klar, dass nicht Gott selbst, sondern nur diese Welt die Dualität kennt. Während also die Dualität in der Schöpfung anerkannt wird, gibt es kein dualistisches Gottesbild. Gott steht über allem. Er ist Ursprung und Ziel aller Dinge und trägt alles. Ein dualistisches Gottesbild scheint sich Gott als ein Teil der Schöpfung vorzustellen.

Unser Gottesverständnis kann getrübt sein. Von einer solchen Situation lesen wir in den Evangelien, wenn Jesus mit einem «Oberen» ins Gespräch kommt:

«Dann fragte Ihn ein Oberer: Guter Lehrer, was soll ich tun, damit mir äonisches Leben zugelost werde? Jesus aber antwortete ihm: Was nennst du Mich gut? Niemand ist gut ausser dem Einen: Gott.»
Luk 18,18

Jesus weist ab, dass Er ein «Guter» Lehrer sei. Gut ist nämlich nur Einer, nämlich Gott selbst. Achten wir hier auf den Unterschied:

Jesus sagt nicht: Gott ist nur gut.
Jesus sagt: Nur Gott ist gut.

Das ist ein gewaltiger Unterschied. Wirklich gut, in absolutem Sinne, ist nur Gott. Jesus ist nicht Gott – auch das geht hier hervor. Sonst macht die Aussage keinen Sinn. Nur Gott ist gut. Das heisst aber noch lange nicht, dass Gott «nur gut» ist. Zwischen beiden Gedanken sollten wir klar unterscheiden.

Die weitverbreitete Idee, dass Gott nur mit dem Guten etwas zu tun hat, ist undifferenziert und schlicht falsch. Er ist Ursprung aller Dinge und nicht nur «guter» Dinge. Jesus verweist darauf, dass Er nicht Gott ist. Der Oberer sollte ihn nicht «anhimmeln». Wirklich gut ist nur Gott selbst. Wir sollten Gott kennen. Da ist die Korrektur.

Gott erschafft das Böse

Die Idee, dass Gott etwa «nur gut» sei, ist ein typischer Auswuchs christlicher Theologie. Im Judentum wird das ganz anders gesehen. Hier verweist man gerne nach Jesaja, der folgende Worte schreibt:

«Ich bin JHWH Elohim, und da ist sonst keiner! Ausser Mir ist kein Elohim! Ich gürte dich, doch kennst du Mich nicht.
Damit sie erkennen mögen, die vom Aufgang der Sonne und die vom Westen, dass da niemand ist ausser Mir:
Ich bin JHWH Elohim, und da ist sonst keiner!
Der Ich bilde das Licht und erschaffe das Finstere,
bewirke das Gute und erschaffe das Böse,
Ich, JHWH Elohim, mache all dieses.»
Jes 45,6-7

Im Judentum ist die Ansicht weit verbreitet, dass Gott das Böse erschaffen hat. Das ist keine Meinung, sondern ein Verweis nach Jesaja. Im Christentum wird dies selten erkannt. Das hat aber mit dem Gottesbild zu tun, das man sich selbst erschaffen hat. Die Bibel ist durchaus vielseitiger und differenzierter als die eigene Theologie oder Tradition. Das Wort für «erschaffen» ist hier dasselbe als das, was für die Erschaffung von Himmel und Erde gebraucht wird (hb. bara).

Ist Gott nur gut?

Diese Frage lässt sich nun differenzierter beantworten: Nur Gott ist gut, aber Er hat auch das Böse erschaffen. Es geht hier um die Gottheit Gottes, ähnlich wie Hiob diese erfahren musste. Als Hiob sich mit Gott anlegte, musste er vermeintliche Bilder über Gott korrigieren. Er musste die Gottheit Gottes kennenlernen. Hiob berichtet dann:

«Und Hiob antwortete dem HERRN und sagte: Ich habe erkannt, dass du alles vermagst und kein Plan für dich unausführbar ist. “Wer ist es, der den Ratschluss verhüllt ohne Erkenntnis?” So habe ich denn meine Meinung mitgeteilt und verstand doch nichts, Dinge, die zu wunderbar für mich sind und die ich nicht kannte. Höre doch, und ich will reden! Ich will dich fragen, und du sollst es mich wissen lassen! Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich gesehen. Darum verwerfe ich mein Geschwätz und bereue in Staub und Asche.»
Hiob 42,1-6

Es ist abwegig, Gott nur mit dem Guten in Verbindung zu bringen. Zweifellos sind Licht und Liebe Merkmale seines Wesens. Gott ist nicht rachsüchtig. Das heisst aber noch lange nicht, dass Er für das Üble nicht zuständig sei. Gott selbst ist nicht Böse, aber es wird von Jesaja bezeugt, dass Er das Böse erschaffen hat. Das müssen wir erst einmal verinnerlichen.

Wer glaubt, dass Gott mit dem Bösen nichts zu tun hat, der hat keinen Gott, der diesen Namen verdient.

Häufig reagieren Leute gereizt, wenn man diese Gedanken erwähnt. Das passt so gar nicht ins eigene Gottesverständnis. Man hat sich auch alle mögliche Theorien zurechtgelegt, vom Fall Satans über Erbsünde und jene andere Lehren, damit man die Frage nach der ultimativen Zuständigkeit beiseiteschieben kann. Man kann es aber sehr einfach auf den Punkt bringen: Wer glaubt, dass Gott mit dem Bösen nichts zu tun hat, der hat keinen Gott, der diesen Namen verdient.

Es ist deshalb erstaunlich, dass viele Christen einerseits bekennen, dass Gott über allem steht, aber gleichzeitig von Satan reden, als wäre dieser der Anti-Gott, ein zweiter Gott, der dem «echten Gott» sozusagen die Beute streitig macht. Mit dem Gottesbild der Bibel hat das nichts zu tun. Wenn Gott «Gott» ist, dann steht Er allein über allem, dann ist allein Er gut, dann bringt allein Er alles zu Ende.

Wirkliches Gottvertrauen beginnt dort.

Vertiefung

Mit dieser kurzen Einführung in ein komplexes Thema werden nicht alles Aspekte erwähnt und nicht alle Fragen beantwortet. Das war auch nicht das Anliegen. Manche Bibelstellen hat man hier vielleicht zum ersten Mal gelesen. Die Aussagen sind kongruent mit der gesamten Schrift. Warum geht es bei diesem Thema wirklich? Es geht um unser Gottesverständnis und unser Gottvertrauen. Wenn Gott wirklich ohne Ausnahme für alles zuständig ist, was ändert sich dadurch?