Es gibt ein Thema, das in verschiedenen Denominationen, Kirchen und Gemeinschaftsformen immer wieder auftritt. Es wird manchmal «die Frauenfrage» genannt. Dort geht es oft um eine «Unterordnungslehre», das Verhältnis zwischen den Geschlechtern und damit verbunden eine Interpretation über eine angeblich notwendige Kopfbedeckung der Frau. Es geht um Traditionen und die Begründungen dafür.
Zuerst soll anerkannt sein, dass es viele Traditionen gibt und grosse Teile der Christenheit über die letzten 2000 Jahre diese Traditionen durch äusserliche Zeichen eine Form gegeben haben. Dazu zählt auch eine Kopfbedeckung der Frau. Viele Menschen schätzen Traditionen. Eine Tradition ist aber keine Begründung, sondern erscheint anstatt einer Begründung.
Nun soll es hier nicht darum gehen, die eine Sicht zu verteufeln, eine andere dagegen als superheilig zu deklarieren. Das nämlich wäre nur ein sinnloser Kampf um Äusserlichkeiten. Viel sinnvoller erscheint es mir, nach den Begründungen zu fragen. Während einige wie selbstverständlich und ohne weitere Überlegungen die Traditionen ihrer Umgebung abbilden, suchen andere aktiv nach Begründungen dafür. Sowohl Frauen als auch Männer suchen nach Zusammenhängen, weil man sein Leben kongruent mit Glaubensvorstellungen leben möchte.
Eine «Kopfbedeckung der Frau» erscheint in vielen Kulturen, auch in manchen christlichen Traditionen. Das heisst jedoch keinesfalls, dass sie überall gleich interpretiert wird. Im Westen erscheint eine Kopfbedeckung der Frau oft als ein Anachronismus, als etwas, das aus der Zeit herausgefallen ist, sogar als unpassend, rückwärtsgerichtet. Die Selbstverständlichkeit, mit der christliche Frauen heute eine Kopfbedeckung tragen, ist auf einige Glaubensgemeinschaften und Denominationen begrenzt. Wie immer man die eigene Usanz wertet: Mitnichten ist eine Kopfbedeckung überall ein Ausdruck christlicher Kultur.
Was Paulus schreibt
Die Kopfbedeckung wird häufig aus der Bibel begründet. Dabei verweist man vorwiegend auf ein bestimmtes Kapitel aus dem ersten Korintherbrief. Dies ist der Text, um den es sich handelt:
«Werdet meine Nachahmer, so wie auch ich des Christus!
Ich lobe euch aber, dass ihr euch in allem meiner erinnert und die überlieferten Anweisungen festhaltet, wie ich sie übergeben habe. Ich will euch aber noch zu wissen geben, dass eines jeden Mannes Haupt der Christus ist, das Haupt der Frau aber ist der Mann und das Haupt des Christus ist Gott.
Jeder Mann, der beim Beten oder prophetischen Reden den Kopf bedeckt hält, schändet sein Haupt. Jede Frau hingegen, die beim Beten oder prophetischen Reden den Kopf unverhüllt hat, schändet ihr Haupt; ist es doch ein und dasselbe, als wäre sie kahl geschoren. Doch falls eine Frau sich nicht verhüllt, dann mag sie sich auch scheren lassen. Wenn es aber für die Frau schandbar ist, sich scheren zu lassen oder kahl geschoren zu werden, so soll sie sich verhüllen. Der Mann jedoch soll den Kopf nicht verhüllen, da er das Bild und die Herrlichkeit Gottes ist. Die Frau hingegen ist die Herrlichkeit des Mannes; ist doch der Mann nicht aus der Frau erschaffen, sondern die Frau aus dem Mann. Denn der Mann ist nicht um der Frau willen erschaffen, sondern die Frau um des Mannes willen. Deshalb soll die Frau um der Boten willen Vollmacht über ihren Kopf haben.
Indessen im Herrn ist weder die Frau etwas ohne den Mann noch der Mann ohne die Frau. Denn ebenso wie der Frau aus dem Mann ist, so ist auch der Mann durch die Frau; alles aber ist aus Gott.
Urteilt für euch selbst: Geziemt es sich für die Frau unverhüllt zu Gott zu beten? Lehrt euch denn nicht die Natur selbst, dass, wenn der Mann sein Haupthaar lang trägt, es ihm zur Unehre gereicht? Wenn hingegen die Frau ihr Haupthaar lang trägt, ist es ihre Herrlichkeit, da ihr das Haupthaar anstatt einer Umhüllung gegeben ist.
Wenn aber jemand meint, er dürfe rechthaberisch sein: Wir haben solche Gewohnheit nicht und auch nicht die herausgerufenen Gemeinden Gottes.
Wenn ich nun das Folgende anweise, lobe ich euch nicht, da ihr nicht zu etwas Besserem zusammenkommt, sondern zu etwas Minderwertigem. Denn erstens höre ich nämlich, dass bei euren Zusammenkünften in der herausgerufenen Gemeinden Spaltungen unter euch vorkommen; und zum Teil glaube ich es. Denn es muss auch bei euch Sektenbildung geben, damit die Bewährten unter euch offenbar werden.»
1. Korinther 11,1-19
Es ist ein langer Text, aus einem noch längeren Brief an eine chaotische Gemeinde. Nicht nur fordert Paulus die Gemeinde auf ihn, Paulus, nachzuahmen, wie er selbst Christus nachahmt. Er verweist auch auf Spaltungen und Sektenbildung. Das ist nicht das erste oder einzige Mal in diesem Brief. Er spricht bereits im ersten Kapitel von Missständen (1Kor 1,10-13) und im zweiten und dritten Kapitel davon, dass eine geistliche Haltung fehlt (1Kor 2,6; 1Kor 3,1-4). Die Korinther waren noch Unmündige im Glauben.
Dieser Hintergrund für den Brief ist bedeutsam. Wir werden diese Dinge weiter anschauen und uns dabei fragen, wie die Wörter von Paulus im elften Kapitel sein Anliegen für diese Gemeinde prägen. Gibt es eine Forderung von Gott, dass Frauen Textil auf dem Kopf haben müssen, während Männer unbedingt den Kopf unbedeckt halten müssen? Oder spricht Paulus eine bestimmte Situation in der Gemeinde an, die er korrigieren möchte?
Aufgrund vom Bibeltext komme ich zu folgender These: Paulus beschreibt hier die damalige Sitte und führt keine neue, ewig gültige Regel ein. Die Antwort auf die Frage nach der Kopfbedeckung lautet demnach: Nein, Gott fordert keine Kopfbedeckung. Nachfolgend gehen wir die Überlegungen verschiedener Ansätze durch und scheuen auch die Bibelauslegung nicht. Denn: Es hat Bedeutung, welches Anliegen der Apostel hatte und wem dies mit welchen Beispielen galt. Mit anderen Worten: Es geht um eine andere Auslegung als viele lehren, die trotzdem direkt aus dem Bibeltext stammt.
Bedeckt oder unbedeckt?
Ehrfurcht vor Gott drückt man als Mann im Christentum anders aus als im Judentum. Im Christentum müssen Männer etwa den Kopf aus Achtung in Kirchen unbedeckt halten. Im Judentum dagegen ist gerade die Kopfbedeckung des Mannes Ausdruck von Ehrfurcht vor Gott. Das erinnert an eine aussergewöhnliche Szene der Verwirrung in einer Komödie von Louis de Funès, der als Katholik im Laufe des Films in einer Synagoge landet, worauf ein heilloses Chaos ausbricht. Es beginnt damit, dass die Kopfbedeckung missinterpretiert wird:
Original auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=ClDuBwZYNKQ
Religiosität
Wer eine Kopfbedeckung trägt, tut dies aus religiösen Überlegungen. Was aber ist Religiosität?
Religiosität ist der Ausdruck einer Glaubensvorstellung nach aussen hin. Glaubt man mit dem Herzen, ist das innerlich. Wenn diese innerliche Glaubensvorstellung nach aussen drängt, wird es äusserlich. Menschen können sich für äusserliche Dinge entscheiden und pflegen damit eine bestimmte Religiosität. Jeder ist frei, den eigenen Ausdruck, die eigene Religiosität zu wählen. Steht man in einer Gemeinschaft, möchte man vielleicht bewusst Teil dieser Gemeinschaft sein und gleicht sich dem religiösen Ausdruck des Glaubens an. Damit «gehört man dazu». Man kleidet sich ähnlich, gleicht sich der lokalen Kultur an, pflegt dieselben Rituale und dergleichen mehr.
Was nun ist die Funktion eines Kopftuches? Ist das Bedecken oder gerade das Nichtbedecken des Kopfes Ausdruck dieser Glaubensvorstellungen? Ist das religiöses Verhalten? Oder ist man «Gehorsam gegenüber der Bibel», weil man diesen oder jenen Ausdruck des Glaubens als «biblisch» erklärt bekam? Ich frage hier nach Beweggründen. Jeder darf den eigenen Ausdruck wählen und ich urteile hier keinesfalls. Ich bin und bleibe jedoch neugierig danach, was dich bewegt.
Hier ist die Klarstellung: Gott ist nicht religiös, der Mensch ist es. Es ist der Mensch, der sich bestimmte Ritualen, Traditionen oder Gewohnheiten auswählt, um dadurch seiner Religiosität Ausdruck zu verleihen. Es kann hilfreich sein, zwischen «innerlich» und «äusserlich» zu unterscheiden, um dabei zu fragen, welche Funktion der äusserliche Ausdruck für dich, mich oder jemand anders hat.
Religiosität äussert sich in Kleidung, dem Halten von bestimmten Tagen oder Festen, der Entsagung bestimmter Nahrungsmittel und dergleichen mehr. Paulus hat sich in Kolosser, Kapitel 2, ausführlich damit auseinandergesetzt und fasst diese Religiosität mit den Worten zusammen: «die von keinerlei Wert sind, ausser zur Befriedigung des Fleisches» (Kol 2). Mit anderen Worten: Der Mensch dient mit seiner Religiosität nur sich selbst und nicht Gott. Damit ist Religiosität nicht falsch, aber schlicht die eigene Wahl, die man einer Bedeutung zuordnet. Vielleicht kaschiert man das mit Ausdrücken wie «Es steht in der Bibel», aber Paulus etwa hat nie so etwas begründet. Das darf aufhorchen lassen.
Wenn Paulus also einerseits sehr kritisch über religiöse Ritualen und Gewohnheiten spricht, weshalb sollte er in 1. Korinther, Kapitel 11, so etwas wie eine Kopfbedeckung einführen wollen?

Kontextualisierung
Viele Kulturen kennen Kopftücher. Steht man heute aber in Westeuropa, gilt da meist keine Tradition von Kopftüchern mehr. Trotzdem findet man die Tradition als Ausdruck eines bestimmten Glaubensverständnisses. Darüber reden wir hier.
Viele Christen lesen die Bibel heute aus dem Blickwinkel der Lehre der Verbalinspiration, die oft so interpretiert wird, dass Gott jeden Buchstaben der heutigen Bibel inspiriert hat. Diese Inspiration wird mit zwei Ideen ausgelegt: Einerseits soll jeder Buchstabe von Gott diktiert sein (was zur Vergöttlichung der Bibel führt), während andererseits die nun vergöttlichte Bibel Verhaltensmuster für Gläubige geben sollte, die immer gültig sind. Nach der Vergöttlichung kommt die Verallgemeinerung der Bibel für alle Zeiten.
Zwei Dinge passieren hier als Interpretation: Die Bibel wird einerseits vergöttlicht, andererseits verallgemeinert. Beide Dinge sind Annahmen über die Bibel und keine Dinge, die man in der Bibel zurückfindet. Sowohl die Vergöttlichung als auch die Verallgemeinerung der Bibel sind nicht Teil der biblischen Botschaft und müssen als Interpretation vorausgesetzt werden, damit man etwa «Paulus Brief an die Korinther» plötzlich als «Gottes Anforderungen für Gläubige aller Zeiten» lesen kann. So kommt man von einem Bibelverständnis als «Zeugnis» zu einem Verständnis als «Fashion-Handbuch für heute».
Wenn es sich dabei nur um Kleidung handeln würde! Das tut es aber häufig nicht. In einer Kultur, in der das Tragen von Kopftüchern keine Usanz mehr ist, scheint es in einigen christlichen Gemeinschaften bis heute ein Ausdruck besonders frommes Verhaltens zu sein. Dazu gesellen sich möglich weitere Annahmen. Die Kleidung ist nur Ausdruck dafür, was man selbst verinnerlicht hat. Im Klartext: Dieser Umgang mit der Bibel entspricht einem bestimmten, vielleicht sogar gesetzlichen Denken, worin das «richtige Tun und Glauben» zentral stehen. In dieser Sicht versteht man: Kopftuch für Frauen = gut.
Hier ist der trickreiche Teil und die Frage, die man sich stellen könnte: Wenn ich die Bibel als Grundlage für Leben und Glauben annehmen möchte, gilt das
- buchstäblich (nach der Interpretation meiner Gemeinschaft),
- zur Inspiration oder
- nochmals anders?
In eher gesetzlich denkenden Kreisen wird das buchstäblich verstanden und alles wird auf sich selbst bezogen. So kommt man von fromm zu frommer zu Kopfbedeckung. Meine Frage lautet hier: War das die Absicht des Apostels Paulus?
Stellt man diese Frage in den Raum, kann man nach dem Anliegen des Apostels fragen. Warum beginnt er über dieses Thema zu sprechen, warum nennt er hier eine Kopfbedeckung und was ist seine Absicht dabei? Diese Fragen möchten Interesse für die Anliegen des Apostels wecken. Es geht um eine Kontextualisierung des Geschriebenen.
Eine Kontextualisierung versucht, den Text im eigenen Kontext zu lesen. Das ist ein Versuch. Es ist auch der Gegensatz davon, die Bibel als zeitloses Orakel zur Bestimmung religiöser Verpflichtungen zu betrachten. Bei einer Kontextualisierung geht man davon aus, dass der Brief für eine bestimmte genannte Zuhörerschaft geschrieben wurde und für diese Zielgruppe eine direkte Bedeutung hat. Das ist sozusagen die erste Stufe der Textbetrachtung. Man möchte hier herausfinden, was der Schreiber zu den Korinthern sagte, und weshalb er das so schrieb, wie er es getan hat. Es ist der Wunsch nach einem Verständnis für die damaligen Zuhörer und Zuhörerinnen.
Eine Kontextualisierung fragt nach den Adressaten in ihrer Zeit. Eine solche Frage steht natürlich quer auf der Annahme, dass die Bibel «göttlich ist und für alle Zeiten Gültigkeit hat». Man schürt Angst, wenn man nach dem fragt, was die ersten Zuhörer gehört haben können. Sofort entsteht Gegenwind. Weshalb? Es ist sehr unbequem, weil man möglicherweise Dinge findet, die nicht mit den verinnerlichten Vorstellungen zu tun haben. Man fühlt sich bedroht. Das löst Gegenreaktionen aus.
Ich möchte hier Entwarnung für alle Seiten geben: Jeder interpretiert. Wir müssen interpretieren und können eine Interpretation nicht verhindern. Wir können dem gar nicht ausweichen. Derjenige erweist sich als nüchtern, der sich nicht in vermeintlich absoluten Vorstellungen verschanzt, sondern neugierig nach Zusammenhängen fragt.
Paulus kontextualisiert bewusst
Die Überlegungen bis anhin wollen nur etwas verdeutlichen: Unsere Ausgangspunkte für die Auslegung eines Textes liegen oft ausserhalb des Textes. Wie wir die Schrift auslegen, ist fast nie nur von der Bibel abhängig, sondern auch von den Annahmen, die wir zuerst über die Bibel hinüber stülpen. Diese Grundannahmen prägen, was in der Auslegung möglich ist. Das zeigt sich insbesondere bei Texten wie hier in 1. Korinther 11, wo es um äusserliche Dinge geht, die nicht gross erklärt werden.
Hier ist eine Annahme, die vielleicht trotz allem etwas weiter hilft: Wenn eine bestimmte Usanz, eine Sichtweise, eine Handlung nicht gross erklärt wird, ist anzunehmen, dass sie trotzdem von den ersten Zuhörern verstanden wurde.
Spricht Paulus etwa von «Geziemt es sich …» (1Kor 11,13), dann erklärt er dadurch, dass er sich auf eine Usanz, ein moralisches Verständnis oder ähnlich abstützt, das er bei seinen Zuhörern als selbstverständlich voraussetzt. Das entspricht einer Kontextualisierung.
Dasselbe gilt für eine Aussage wie «Lehrt euch denn nicht die Natur selbst …» (1Kor 11,14). Das ist keine naturwissenschaftliche Erkenntnis über «die» Natur, sondern das Naturverständnis seiner Zeit. Oder vielleicht noch besser: Ein Verständnis darüber, was in seiner Zeit als «natürlich» betrachtet wurde. Auch das ist stark von Mode, dem Zeitgeist und dergleichen abhängig. Alles andere macht für einen normalen Brief an eine Gemeinschaft keinen Sinn. Paulus erklärt hier nicht das Universum, die Natur im Allgemeinen. Noch weniger macht er eine bestimmte Sicht für alle Zeiten verbindlich. Es geht nicht um «die Natur», sondern um ein Verständnis von dem, was in seiner Zeit als natürlich galt.
Alles andere macht für einen normalen Brief an eine Gemeinschaft keinen Sinn.
Keiner erwartet in einem Gemeindebrief eine Ausführung über «ewige Werte». Wer hätte so etwas dort benötigt oder verstanden? Das würde den Rahmen des Briefes bei weitem Sprengen. Man bedenke, dass Paulus‘ Briefe erst Jahrhunderte später als Teil des biblischen Zeugnisses erkannt und im Kanon des Neuen Testaments aufgenommen wurden. Erstaunlich, dass heute nicht wenige über solche natürlichen Grenzen als «Absicht des Briefes» hinwegsehen und allgemeingültige Regeln daraus ableiten wollen.
Paulus kontextualisiert. Kommen wir zur Auslegung.
1. Die Ausgangslage
Paulus schreibt an eine Gemeinde, die sich selbst erst am Entdecken ist. Alles geht noch chaotisch zu und her. Sie werden von Paulus als Unmündige beschrieben, wie wir vorhin gelesen haben.
Am Schluss des zehnten Kapitels schreibt der Apostel, wie sich die Gläubigen in ihrer Gesellschaft bewähren sollten:
«Benehmt euch unanstössig bei Juden wie auch Griechen und in der herausgerufenen Gemeinde Gottes, so wie auch ich danach trachte, allen in allem zu gefallen, indem ich suche, nicht was mir selbst, sondern den vielen förderlich ist, damit sie gerettet werden. Werdet Meine Nachahmer, so wie auch ich Christi Vorbild folge!»
1Kor 10,32-11,1
Diese Aussagen gehen unmittelbar an Kapitel 11 voraus. Paulus sucht nicht sich selbst, sondern hat das vor Augen, was vielen förderlich ist. Wenn er anschliessend sagt: «Werdet meine Nachahmer!», gilt diese Aussage auch über sein Verhalten in der Welt. Nicht nur in Bezug auf Gott und sein persönliches Leben sollte man Paulus nachahmen, sondern ausdrücklich auch in Bezug auf die Gemeinde und die Gesellschaft ihrer Zeit. Paulus betont, was allen weiterhilft. Es ist, als sagt er: «Hört mit der Nabelschau auf und schaut euch mal in der Welt herum!».
Dieselbe Haltung erwartet er von den Korinthern. Sie sollten ihm darin nachahmen, weil es der Haltung von Christus entsprach. Man achte darauf, dass er hier von «Juden wie auch Griechen» spricht, zusätzlich der herausgerufenen Gemeinde Gottes. Allen möchte er hier gefallen, was eine andere Beschreibung dafür ist, «unanstössig zu sein».
Ausdrücklich verweist Paulus hier an die typischen Gruppen, womit die Gemeindemitglieder es in ihrer Gesellschaft zu tun haben: Juden und Griechen in Korinth (einer griechischen Stadt im römischen Reich). Der Apostel besteht darauf, dass die Gläubigen unanstössig in ihrer Welt stehen und sogar versuchen, allen zu gefallen. Erst danach kommt die Beschreibung von Kopfbedeckung. Eine Kontextualisierung in der Zeit des Apostels wurde vom Apostel selbst angegeben. Kontextualisierung ist demnach «biblisch».
2. Unterordnung
Besonders wichtig in vielen Begründungen einer Kopfbedeckung ist die Lehre einer Unterordnung. Die Frau soll sich dem Mann unterordnen, aber es geht um deutlich mehr. Das wird aus Versen wie hier abgeleitet. Paulus schreibt:
«Ich will euch aber noch zu wissen geben, dass eines jeden Mannes Haupt der Christus ist, das Haupt der Frau aber ist der Mann, und das Haupt des Christus ist Gott.»
1Kor 11,3
Es gibt nach dieser Aussage von Paulus und der Interpretation seiner Worte eine Hierarchie: Gott > Christus > Mann > Frau. Sie wird von vielen als göttliche Hierarchie betrachtet, oder als Goldstandard für die Vermittlung von Gottes Segen. Die Idee dahinter ist: Stellen wir uns in einer Linie mit dieser Unterordnung auf, kann der Segen Gottes fliessen. Ein nobles Streben.
Die Kehrseite ist diese: Wer sich dieser Hierarchie widerstrebt, widerstrebt Gottes Segen. Das steht zwar nicht da, aber es wird so abgeleitet. Der Fokus liegt auf einer Hierarchie, die auf einen Segen erweitert wird. Was vermittelt wird, ist, dass jeder ein Segenskanal für den nächsten sein will. Unterordnung anerkennt diese Wirkungshierarchie. So oder ähnlich habe ich das verinnerlichte Verständnis häufig gehört.
Unterordnung ist ein wichtiges Thema für den Apostel, das er an verschiedenen Orten in seinen Briefen erwähnt. Unterordnung geht so weit, dass es eine wichtige Beschreibung in der Vollendung von Gottes Ziel wird. Im gleichen Brief schreibt Paulus:
«Denn Er (Christus) muss als König herrschen, bis Er alle Seine Feinde unter Seine Füsse legen wird. Der letzte Feind, der abgetan wird, ist der Tod. Denn alles ordnete Er (Gott) Ihm (Christus) unter: unter seine Füsse. Wenn Er dann sagt: „Alles hat sich untergeordnet!“, so ist es offenkundig, dass Gott ausgenommen ist, der Ihm das All unterordnete. Wenn Ihm aber das All untergeordnet ist, dann wird auch der Sohn Selbst dem untergeordnet sein, der Ihm das All unterordnete, damit Gott alles in allen sei.»
1Kor 15,25-28
Unterordnung ist hier die Voraussetzung dafür, dass Gott einmal «Alles in allen» sein kann. Das wäre das ultimative Ziel Gottes, wie er das in der Bibel beschreibt. Es ist der weiteste Weitblick, den wir in der Schrift finden. Paulus schaut hier weit hinter der Reichweite von etwa der Offenbarung.
Man könnte hier auch lesen: Paulus verstand in seiner Zeit, dass alles seinen Platz haben sollte, und Unterordnung war die Art, wie man sich das am besten vorstellen konnte. Damit relativiere ich die Unterordnung nicht, sondern erkläre sie nicht als «Gottes Wille», sondern als «Verständnis von Gott und der Welt». Das erste wäre eine absolute Anordnung, sozusagen eine von Gott diktierte Gesetzesanordnung, dem man durch Gehorsam Folge leisten muss, während das Zweite ein allgemeines Verständnis war, das sowohl innerhalb der Gemeinde als auch bei Juden und Griechen verstanden wird (vergleiche dazu 1Kor 10,32-33). Im zweiten Fall wäre es ein Konzept, das Paulus aus der damaligen Gesellschaft herausgelöst hat, um es als Werkzeug in seiner Verkündigung zu nutzen.
Folgt man dieser letzten Interpretation als ein Verständnis von Gott und der Welt, passt das sowohl in dem Brief als auch in der Zeit und im allgemeinen Verständnis jener Zeit. Zugleich folgt man Paulus in seinem Bestreben, in seiner Zeit kulturell relevant zu bleiben. Der Text passt dann besser im Kontext vom 1. Korintherbrief, als wenn man das 11. Kapitel als «ewig gültige Regeln für eine Kopfbedeckung» postuliert.
Unterordnung wäre ein Thema für sich, denn die Weltsicht und das Glaubensverständnis nutzen diese Sprache beide. Insofern eine Unterordnung in der Gesellschaft verankert war, findet man diese in den antiken Gesellschaften tatsächlich zurück. Das wäre ein Ausdruck von einem patriarchalischen Verständnis, das Paulus nicht allgemein kritisiert, das aber in der Gesellschaft bestimmt anwesend war. In aller Deutlichkeit: Paulus befürwortet nirgendwo ein Patriarchat oder Ideologien. Sein Anliegen zeigt sich immer anders. Er nimmt die allgemeine Struktur wahr, ohne sie zu verteidigen oder zu widerlegen.
Hier ist die Differenzierung: In dem Moment, da Paulus diese Realität berücksichtigt, will er die Gleichschaltung innerhalb der Gemeinde nicht aufheben, sondern differenziert bewusst zwischen Gesellschaft einerseits und Gemeinde andererseits. Innerhalb der Gemeinde sind Mann und Frau gleich (Gal 3,28; 1Kor 11,11-12). In Bezug auf das Verhalten in der Gesellschaft betont er, dass er unanstössig sein möchte, weil sein Thema offenbar nicht Unterordnung, sondern Christus ist (1Kor 10,32-33). Sein Anliegen ist nicht die Einführung von Sittenregeln, sondern Menschen für Christus zu gewinnen.
3. Hauptschaft
Paulus erwähnt die Unterordnung mit dem Verweis auf eine «Hauptschaft» für Mann, Christus und Gott. Das Haupt des Christus ist Gott. Das Haupt der Frau sei der Mann. Dieser Vergleich soll verdeutlichen, wie das Verhältnis ist. Diese Unterordnung wird nun als Beispiel für einen christlichen Lebensentwurf gesehen.
Immer wieder habe ich gehört, wie die Gleichschaltung von Mann und Frau einen anderen Aspekt hat, worin die Frau sich dem Mann unterordnen sollte, ebenso wie sich Christus freiwillig Gott unterordnet. Es ist mehr oder weniger freiwillig, aber es wird doch mit Nachdruck gelehrt. Es gibt dabei einen Zweistufenplan: Die Gleichschaltung soll «in Christus» sein, während die Unterordnung im Lebenswandel und im Ausdruck «im Herrn» zurückzufinden sei.
Hier, im 1. Korintherbrief, heisst es jedoch «Indessen im Herrn ist weder die Frau etwas ohne den Mann, noch der Mann ohne die Frau» (1Kor 11,11). Das ist hier deutlich «im Herrn». Siehst Du das bislang auch so? Dann betrachte diesen Text als Anregung, die Schrift mit neuen Augen lesen zu lernen. Die Unterordnungslehre erscheint mir nicht ganz kongruent zu sein.
Gerade weil sich viele Menschen aus besten Überlegungen in diese Unterordnungs-Ideen einfügen möchten, soll hier hervorgehoben werden, dass Paulus mit diesen Gedanken dem Zeitgeist seiner Zeit stattgibt. Zeitgeist ist für viele Evangelikale ein «böses Wort»: Bibel ist gut, aber Zeitgeist ist böse. So in etwa. Ich weiss das, weil ich dort einmal stand. Dass Paulus nun ausdrücklich seinen Brief im Kontext der Gesellschaft stellt und aus dieser Gesellschaft Konzepte als Beispiel erwähnt, ist bedeutsam. Er widerspiegelt mit diesen Ideen seine Zeit und die Ideen um die Gemeinde herum. Er nutzt diese Ideen nüchtern, um Ordnung darzustellen, ist aber nicht in höheren Sphären entrückt, um «himmlische Wahrheiten» auszudrücken.
Paulus referiert ausdrücklich an die Gesellschaft in Korinth ausserhalb der Gemeinde. Ich vermute einen ähnlichen Vergleich wie in seiner Rede auf dem Areopag, wo er auf die Religiosität der Athener Bezug nimmt (Apg 17). Er tut das nicht, um die Ideen der Athener als Glaubensinhalt zu übernehmen, sondern um damit etwas anderes zu erklären.
Es wundert mich an dieser Stelle eher, dass die Unterordnung, oder eine Hauptschaft von Mann über die Frau, als göttliche Geschlechtereinstufung verstanden wird. Ich verstehe zwar, dass dies aus dem direkten Vergleich von Christus und Gott geradezu anbietet, aber die Argumentation kann, ohne dem Text Gewalt anzutun, auch umgekehrt gelesen werden: «So wie diese Prinzipien in der Gesellschaft um Euch herum funktionieren, nutze ich die jetzt beispielhaft im Hinblick auf Gott und seinen Christus». Paulus verweist auf eine allgemein anerkannte Ordnung, die weder für Juden noch für Griechen, noch für Menschen in der Gemeinde fremd klingen würde.
Der Grund für all diese Dinge ist diese: «ich trachte allen in allem zu gefallen, indem ich suche, nicht was mir selbst, sondern den vielen förderlich ist, damit sie gerettet werden. Werdet meine Nachahmer, so wie auch ich Christi Vorbild folge!» (1Kor 10,32-11,1).
Paulus kommt auf diese Ordnung zu sprechen, weil in der korinthischen Gemeinde Unordnung herrschte. Er führt hier kein Patriarchat ein, sondern verweist auf Ordnung hin, um geistliches Wachstum zu ermöglichen. Dazu will er animieren. Die chaotische Gemeinde sollte sich den Ordnungen in ihrer Gesellschaft verinnerlichen, weil offenbar nicht alles ihres bisherigen Glaubensverständnisses für den Aufbau geeignet (förderlich) ist. Ein Problem in der Gemeinde war offenbar, dass es aufgrund der Gnade zur Annahme kam, dass es gar keine Schranken mehr gäbe. Man hat richtig verstanden, dass durch Gnade alles erlaubt ist, aber die Funktion von Gnade trotzdem missverstanden. Zwar ist tatsächlich alles erlaubt, aber nicht alles baut auf. Das Letzte ging irgendwo verloren und damit erhielt Unordnung und Chaos Einzug in die Gemeinde.
Im Kapitel zuvor hat Paulus geschrieben: «Alles ist mir erlaubt, jedoch nicht alles ist förderlich. Alles ist mir erlaubt, jedoch nicht alles baut auf» (1Kor 10,23). In Anbetracht der Sektenbildung und anderen Problemen dieser speziellen Gemeinde scheint es so, als hat man die Gnade Gottes als Freibrief für ein liederliches Leben verstanden (vgl. 1Kor 5,1). Chaotische Zustände mussten korrigiert werden. In diesem Sinne verweist Paulus auf geordnete Strukturen in der Gesellschaft, wie «Unterordnung» als Prinzip, und «Struktur zwischen Eheleuten» als allgemein verständliche Hinweise. Sie sollten die Korinther dazu ermutigen, mehr Ordnung in ihrem Leben und Ihrer Gemeinschaft zuzulassen.
Paulus führt hier nicht superfromm ein Patriarchat ein, als müssten «ernsthafte Gläubige» dieses jetzt implementieren. Er bestätigt auch kein Patriarchat. Sein Anliegen ist Aufbau in der Gemeinde, Erwachsensein und eine entsprechend orientierte Verhaltungsweise. Er führt keine Ideologien ein, kämpft auch nicht für ideologische Interpretationen, sondern nutzt Elemente und sogar Sichtweisen aus seiner Umgebung, um die Gemeinschaft zu gesunden.
4. Kopfbedeckung
In 1. Korinther 11,4-10 wird von einer Kopfbedeckung gesprochen. Viele Christen lesen dies als direkte Anweisung und möchten das befolgen. So im Sinne: «Hier steht es, also tue ich das».
Diese reflexartige Interpretation entspringt zwar dem Wortlaut, jedoch nicht dem Text, den Paulus einst an die Gemeinde aus Korinth für speziell ihre Situation schrieb. Der Unterschied ist beachtenswert. Was diesem Reflex zugrunde liegt, habe ich bereits zu Anfang dieses Beitrages erwähnt: Es sind die Vergöttlichung der Bibel und die Verallgemeinerung der Aussagen, die dazu führen. Es sind also Annahmen über den Text, die zu einer bestimmten Auslegung führen, nicht die Angaben aus dem Text.
Kopfbedeckung, insbesondere für verheiratete Frauen in der Antike, ist bezeugt. Wenn also Kopfbedeckung in jener Zeit aussagt, dass man als Frau verheiratet ist, war das eine Sitte. Eine Referenz daran kann allgemeine gesellschaftliche Relevanz ausdrücken und so von Ordnung sprechen. Paulus referiert daran, weil in der korinthischen Gemeinde Chaos herrschte. So kann man lesen:
«Jeder Mann, der beim Beten oder prophetischen Reden den Kopf bedeckt hält, schändet sein Haupt. Jede Frau hingegen, die beim Beten oder prophetischen Reden den Kopf unverhüllt hat, schändet ihr Haupt; ist es doch ein und dasselbe, als wäre sie kahl geschoren»
1Kor 11,4-5
Das liest sich als ein Hinweis auf allgemein bekannte Sitten, nicht als Einführung neuer Verhaltensweisen. Bedeutsam auch den letzten Zusatz: Ein unverhülltes Haupt einer verheirateten Frau deklariert sie als kahl geschoren. Es gibt Hinweise, dass verheiratete Frauen, die ohne Kopfbedeckung das Haus verliessen, als unsittlich galten.
Ebenso wird von kurzen Haaren der Männer gesprochen. Jeder soll «von Natur aus» erkennen, was richtig ist. Man bedenke jedoch auch, dass Männer wie Absalom oder Simson langes Haar hatten und dies keinesfalls gerügt wurde. Ausserdem hat Paulus einmal seine Haare für ein Gelübde geschoren, und es nachher lange nicht geschnitten. War Paulus auch einmal mit langen Haaren unterwegs? Und wie ist es heute, wenn jemand als Folge einer Chemotherapie oder aus anderen Gründen die Haare verliert? Wird dann Gnade gelten?
All diese Situationen waren kein Problem. Man soll sich demnach hüten, hier von allgemeinen «ewigen Regeln» zu sprechen oder die Aussagen aus ihrem kulturellen Kontext zu ziehen. Das würde dem Text nicht gerecht werden. Fordert Paulus (bzw. Gott) hier nun eine Kopfbedeckung? Das lässt sich jetzt schon besser beantworten. Die Antwort ist einfach: Nein! Paulus beschreibt hier die damalige Sitte, führt aber keine neue Regel ein.
Ob eine Christin eine Kopfbedeckung nutzt oder nicht, sollte Ausdruck der Gepflogenheit ihrer Umgebung und Zeit sein. In manchen Ländern ist das üblich, und das ist okay. In anderen Ländern ist das unüblich und deshalb ebenfalls okay. Möchte man einer orthodoxen oder wie auch immer geprägten Glaubensgemeinschaft beipflichten, weil man gerne dorthin geht, dann ist das die lokal gefärbte Kultur. Vor Gott spielt es keine Rolle, ob man mit kurzen oder langen Haaren, mit oder ohne Kopfbedeckung irgendwo erscheint. Die Einordnung in Kategorien wie falsch, halb-richtig oder ganz-richtig entspricht bloss menschlichen religiösen Anstrengungen, keiner göttlichen Ordnung. Wer sich der lokalen Kultur anpasst, tut dies also, um sich selbst und den Menschen um sich herum zu gefallen. Es gibt keinen anderen Grund.
Du bist vor Gott frei, mit oder ohne Kopfbedeckung dorthin zu gehen. Allerdings kannst du Respekt zeigen. Eine solche Haltung hat nicht mit deinem Gewissen, sondern mit dem der anderen zu tun (siehe dazu die Auseinandersetzung über das Opferfleisch im gleichen Brief. 1Kor 8,8-13).
Du bist frei zu tun und frei zu lassen. Bedenke, was zum Aufbau dient. Dieses Bestreben entspricht der Gnade.
5. Engel
Ausser der Unterordnungslehre gibt es noch eine weitere Begründung, weshalb man als Frau eine Kopfbedeckung tragen müsste. Das soll wegen der Engel sein:
«Deswegen soll die Frau um der Boten (Engel) willen Vollmacht über ihren Kopf haben.»
1Kor 11,10
Die Frau ist hier im Kontext selbstverständlich wieder die Ehefrau. Sie solle «um der Boten willen» eine «Vollmacht über ihren Kopf haben». Diese Vollmacht soll dann aus Textil sein (manchmal Schleier, Tuch, Hut oder eine Kombination daraus, wie ein Hut mit Schleier). Paulus erklärt diese Dinge nicht gross, weshalb anzunehmen ist, dass er erneut an bekannte Normen oder Geschichten referiert, die seinerzeit bekannt waren. Es gibt keine direkten biblischen Bezüge für diese Aussagen.
Vermutlich referiert Paulus an kursierende Geschichten oder Interpretationen. Wie vorhin erklärt, geht es ihm nicht um die Einführung neuer, sondern um die Berücksichtigung vorhandener Sitten. Das Respektieren dieser Sitten führt zu mehr Ordnung in der korinthischen Gemeinde. Es sollten keine absonderlichen Lehren aus diesen wenigen Verweisen abgeleitet werden; Keine Engelslehren und keine Fantasien über was die Vollmacht genau sein sollte helfen weiter.
Eine nüchterne Betrachtung der Bibel fragt nach zwei Dingen: Weshalb und wozu werden diese Dinge genannt? Das Chaos in der Gemeinde in Korinth und das Anliegen des Apostels, dort wieder Ordnung und gemeinschaftliches geistliches Wachstum stattfinden zu lassen, geben genügend Anlass für alle seine Aussagen.
6. Mann und Frau
Nachdem Paulus alle diese Dinge aufgeführt hat, betont er gleich anschliessend, wie Mann und Frau in der Gemeinde gleich sind:
«Indessen im Herrn ist weder die Frau etwas ohne den Mann, noch der Mann ohne die Frau. Denn ebenso wie die Frau aus dem Mann ist, so ist auch der Mann durch die Frau; alles aber ist aus Gott.»
1Kor 11,11-12
Ist dies die logische Fortsetzung oder die notwendige Korrektur? Wer aus den vorangehenden Sätzen ableiten würde, dass Frauen «sich unterordnen müssen», wird hier eines Besseren belehrt. Wer Patriarchat einführen möchte, wird hier korrigiert. Man sollte bedenken, dass die Gemeinde ein Gegensatz zur damaligen Kultur war. Wenn auch ausserhalb der Gemeinde Unterschiede galten, so wurden sie innerhalb der Gemeinde aufgehoben (Gal 3,28).
Möchte man diese Verse als Fortsetzung der vorherigen Gedanken sehen, muss man über die Anliegen des Apostels hinwegsteigen. Sein Bemühen war es, in der Gemeinde Ordnung herzustellen, jedoch nicht auf Kosten von diesen oder jenen. Wer nur an Rangordnungen interessiert ist, verkennt die Anliegen des Apostels. Frieden in der Gemeinde und Wachstum der Gemeinschaft sind durch Hierarchien nicht abzubilden. Man misst sie an anderen Dingen.
7. Urteilt für euch selbst
Paulus hat jetzt den Zusammenhang abgeschlossen. Er will Ordnung in der Gemeinde ermöglichen. Hat jeder das verstanden? Er stellt jetzt zusammenfassend noch einige ähnliche Fragen und beginnt mit:
«Urteilt für euch selbst!»
1Kor 11,13
Damit kommt die Interpretation zur korinthischen Gemeinde. Sie sollen sich nicht einfach für oder gegen Paulus aussprechen. Ihr sektenhaftes Verhalten hat das bereits ähnlich gemacht. Man hat sich für diesen und gegen jenen ausgesprochen. Paulus hält sie jetzt selbst verantwortlich, indem er sagt: «Urteilt für euch selbst!». Mit anderen Worten: Lerne jetzt selbst die richtigen Schlussfolgerungen aufzustellen!
Nun erwähnt er verschiedene Ausdrücke, die ich bereits anfangs nannte: «Geziemt es sich für die Frau, unverhüllt zu Gott zu beten?» (1Kor 11,13). Der Apostel verweist an Gepflogenheiten, an ein allgemeines Verständnis darüber, «was sich gehört». Mehr ist nicht dabei. Jeder sollte das aus der gängigen Kultur wissen. Wenn wir das heute nicht tun, dann deshalb, weil wir in einer anderen Kultur daheim sind. Paulus hätte den Gläubigen in der heutigen westlichen Kultur vermutlich etwas anderes gesagt. Weshalb? Er wollte kein Patriarchat oder Oberflächlichkeit einführen, keine religiöse Symbolik hochstilisieren, sondern auf das Wesentliche fokussieren. Ordnung in der Gemeinde sollte eine Entwicklung des Glaubens ermöglichen.
Ebenso sagt Paulus: «Lehrt euch denn nicht die Natur selbst …» (1Kor 11,14). Es folgen danach noch Beispiele. Alles spricht hier jedoch von einem Naturverständnis, das nicht mit der Natur, sondern mit lokalen Sitten zu erklären ist. Bereits wurden Männer mit langem Haar genannt. Die Natur ist hier ein anderer Ausdruck für die akzeptierte Kultur. Paulus wollte keinen Öko-Rasierer vermarkten. Ihm ging es, wie erwähnt, um das Verhalten und den Auftritt in der Gemeinde, bei Juden und Griechen. Dort sollte keiner sich anstössig aufführen. Jeder sollte das Wohl des anderen vor Augen haben und darauf achtgeben (1Kor 10,29; 1Kor 10,33).
Es scheint, dass Haarspaltereien zu Spaltungen in der Gemeinde führten (1Kor 11,17-19). Sektenbildung war das Resultat. Ob und wie man jetzt die Haare bedeckte war sekundär. Das war etwas, das in der Gesellschaft getan wurde. Die Gemeinde wird dagegen von anderen, besseren Dingen, geprägt.
«Wenn der Mann sein Haupthaar lang trägt, gereicht es ihm zur Unehre. Wenn hingegen die Frau ihr Haupthaar lang trägt, ist es ihre Herrlichkeit, da ihr das Haupthaar anstatt einer Umhüllung gegeben ist. Wenn aber jemand meint, er dürfe rechthaberisch sein: wir haben solche Gewohnheit nicht und auch nicht die herausgerufenen Gemeinden Gottes.»
1Kor 11,14-16
Haarspalterei führt zu Rechthaberei. Beides dient niemand. Paulus klärt hier seinen Standpunkt, indem er deutlich macht, dass er sich bei solchen Ideen nicht aufhalten will.


