Eine aussergewöhnliche und verstörende Interpretation einer Aussage von Paulus führt zur Annahme, dass Frauen durch das Gebären von Kindern gerettet werden. Was meint der Apostel mit dieser Aussage?

Worüber reden wir hier?

Es geht um diese Stelle:

«Denn Adam wurde zuerst gebildet, und danach Eva. Auch wurde nicht Adam getäuscht, sondern die Frau geriet, völlig getäuscht, in Übertretung, wird aber durch das Kindgebären gerettet werden, (so auch alle,) wenn sie im Glauben, in der Liebe und der Heiligung mit gesunder Vernunft bleiben.»
2Tim 2,13-15

Die Frau wird also «durch das Kindgebären gerettet»? Ich dachte immer, dass Menschen nur durch die Gnade Gottes und aufgrund des Kreuzes und der Auferstehung Christi gerettet werden? Frauen sollten einen anderen Mechanismus kennen? Es soll auch durch Kindgebären möglich sein? Leider ist das ein populärer Kurzschlussgedanke, «weil es so in der Bibel steht». Hier kann man sehen, was passiert, wenn man alles «buchstäblich» interpretiert und sich nicht fragt, was hier das Thema ist und wie Paulus das meint. Die Idee ist so absurd, dass viele etwas ratlos bleiben. Ein gute Ausgangslage, um eine mehr differenzierte Sicht zu fördern. Aber wie gelingt das?

Die erste Feststellung ist jedoch eine einfache: Hier wird keine Lehre breit ausgemessen, sondern die Aussage von Paulus erscheint in einem Nebensatz. Eine voll ausgereifte Lehre aufzustellen ist deshalb nicht nur müssig, sondern verkennt, dass das eigentliche Thema nicht das Gebären von Kindern oder eine Rettung von Sünde und Tod, sondern etwas anderes ist.

Das eigentliche Thema beginnt bereits einige Verse zuvor:

«Ich beschliesse nun, dass die Männer an jedem Versammlungsort beten …»
1Tim 2,8

Paulus spricht in diesem Abschnitt nicht nur von Frauen. Der direkte Kontext spricht vom Verhalten in der Gemeinschaft und in der Gesellschaft, mit Beispielen für Männer wie Frauen. Das gilt es zu berücksichtigen. Wir müssen also nicht nur diesen Vers, sondern den Vers im gesamten Kontext beachten.

Kinder gebären

Das «Kinder gebären» (gr. teknogoneo) wird von Paulus 1x genutzt:

«Ich beschliesse nun, dass die jüngeren (Witwen) heiraten, Kinder gebären, Hausfrauen seien und dem Widerstrebenden keine Handhabe zugunsten schimpflicher Nachrede geben.»
1Tim 5,14

Auch hier beschliesst Paulus etwas, wie zuvor in 1Tim 2,8. An beiden Orten geht es um praktische Auswirkungen, damit der Lebenswandel «keine Handhabe zugunsten schimpflicher Nachrede» ergibt. Man könnte dies als Absicht von Paulus erkennen. Auch in 1Tim 5 geht es um den praktischen Lebenswandel. Das Thema ist nicht «Kinder gebären» noch wird mit dem Wort «Rettung» das gemeint, was nur durch Gottes Wirken erreichbar ist. Das halte fest.

Das Wort «Kindgebären» (gr. teknogonia) wird ebenfalls nur 1x genutzt (1Tim 2,15), im gleichen Brief. Es ist also kein Dauerthema, aber fällt im gleichen Kontext des 1. Timotheusbriefs.

Beide Bibelstellen erwähnen das «Kinder gebären» als Beispiel der eigentlichen Aussage. Es ist eine Erläuterung, ein Vergleich der damaligen Zeit. Jeder verstand das. Männer wie Frauen wurden angehalten, keinen Aufruhr zu verursachen, keine üble Nachrede zu kreieren. Dafür sollten sich beide, Männer wie Frauen, nach den Normen ihrer Zeit, anständig verhalten. Oder, mit anderen Worten: Kümmere Dich um Dein Leben, Deine Familie und was damit zu tun hat. Es ist ein Verweis auf die Moralität, die durch «Kinder gebären» einen Ausdruck fand. Mit dieser Normalität rettet man das stille und unauffällige Leben.

Es geht hier also nicht um ein Gesetz, dass etwa «Frauen nur durch das Gebären von Kindern gerettet werden» können. Dies ist eine Erläuterung im Kontext. Man bedenke, dass es nicht darum geht, dass alle Frauen Kinder gebären müssen (!), damit sie gerettet werden können. Das ist reichlich absurd. Denn wie steht es um Frauen, die keine Kinder gebären können, aus welchen Gründen auch immer? Wer hier so etwas lehrt wie «Frauen müssen Kinder gebären, damit sie gerettet werden können», stolpert bald über die eigenen Inkonsistenzen, die eine allumfassende Liebe und Gnade Gottes ausser Kraft setzen (wie im gleichen Kapitel, gerade zuvor: 1Tim 2,5-6).

Kinder zu gebären, ist hier ein Beispiel und nicht das eigentliche Thema. Es kann keine Lehre daraus abgeleitet werden.

Das eigentliche Ziel

Im genannten Abschnitt (1Tim 2,8-15) beschreibt Paulus allgemeine Situationen in der Gemeinde. Es geht um den Lebenswandel und das Lebensverständnis im Licht des Glaubens. Wie sollte man sein Leben einrichten? Stets ist Paulus recht konservativ und beschreibt zurückhaltend, wie man sich einordnet, damit man in der Gemeinschaft sowie in der Gesellschaft nicht negativ auffällt. Nicht etwa wegen der anderen Menschen, sondern damit man selbst in Frieden leben kann.

«Ich spreche Dir nun vor allem anderen zu, dass Flehen, Gebete, Fürbitten und Danksagung getan werden für alle Menschen, für Könige und alle, die in übergeordneter Stellung sind, damit wir eine ruhige und stille Lebensweise vollführen mögen.»
1Tim 2,1-2

Die Begründung liegt hier: «damit wir eine ruhige und stille Lebensweise vollführen mögen». Das ist der Wunsch. Er sagt nicht etwa: «damit wir schön die Lehren, Ideen, Projektionen und Anforderungen anderer erfüllen mögen». Ihm geht es nicht um andere, sondern um die Folge eines solchen Verhaltens: «eine ruhige und stille Lebensweise». Paulus sieht weder sich selbst noch die anderen im Rampenlicht stehen. Alle Glaubenden stehen in der Welt, aber wünschen eine ruhige, stille Lebensweise darin.

Eine ruhige und stille Lebensweise ist das Ziel.

Anleitung zum Glücklichsein

Paulus hat, wie wir gerade sahen, ein klares Ziel vor Augen. Weiterhin beschreibt er, dass Gottes Ziel diesem Ziel entspricht:

«Denn dies ist schön und willkommen vor den Augen Gottes, unseres Retters, welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.»
1Tim 2,3-4

Was die Gemeinde sucht und was Gott will, stehen in seiner Argumentation nun auf einer Linie. Paulus doppelt nach, wenn er anschliessend schreibt:

«Denn Gott ist einer, ebenso ist einer auch Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus, der Sich Selbst für alle zum Ersatzlösegeld gibt, als Zeugnis für dessen eigene Fristen, für welches ich als Herold und Apostel eingesetzt wurde (ich sage die Wahrheit, ich lüge nicht), zum Lehrer der Nationen in Erkenntnis und Wahrheit.»
1Tim 2,5-7

Jetzt gilt es, diesen Gedanken auszubauen. Der Apostel tut schrittweise, indem er «beschliesst» (1Tim 2,8), wie sich Männer wie Frauen verhalten sollten. Danach schreibt Paulus an Timotheus (nicht an eine Gemeinde!), wie er sich das vorstellt. Liest man den Abschnitt 1Tim 2,8-15, dann fällt auf, dass seine Bemerkungen in seiner Zeit zum Ziel führen sollten, nämlich, dass die Gläubigen eine ruhige und stille Lebensweise vollführen mögen. Das war das Ziel. Was Paulus beschreibt, ist so etwas wie eine Anleitung zum Glücklichsein, mit dieser ruhigen und stillen Lebensweise vor Augen.

In der Gemeinde sollte jeder gleich sein. Zur speziellen Situation in Ephesus, wo Timotheus sich aufhält, gibt es bereits einen längeren Beitrag:

Timotheus in Ephesus

Der verlinkte Beitrag erklärt die spezielle Situation in Ephesus, wo Timotheus arbeitet. Der Punkt ist dieser: Paulus will keine Rettung-durch-Kindgebären-Lehre aufbauen, sondern einem Freund und Mitarbeiter einen Rat für seine spezielle Aufgabe geben. Paulus kennt die Situation und weiss, was in dieser Situation nötig ist.

Männer und Frauen sollen beten, huldreiche Hände aufheben, ohne Zorn und Schlussfolgern (1Tim 2,8-9). Dazu sollten die Frauen sich schlicht kleiden, wie es offenbar einige nicht taten. Mehr noch sollten sie sich mit guten Werken schmücken (1Tim 2,10). Paulus ersetzt zwei Dinge: Unterschiede zwischen Mann und Frau, wie in Ephesus allgegenwärtig, werden aufgehoben und die Betonung von Äusserlichkeiten wird abgelehnt.

Hat Paulus nur so etwas wie eine «Anleitung zum Glücklichsein» gepredigt?

Die Betonung auf Frauen in den nachfolgenden Versen entspricht der Betonung der Frauen in Ephesus und dem Kult um die Göttin Artemis, der in Ephesus gefeiert wurde. Das ist ein sehr spezieller Kontext. Paulus spricht nun von einem Kontrast zu dem allgegenwärtigen Kult dort, wenn er an die Schriften referiert. Er kommt auf Adam und Eva zu sprechen. Das ist eine andere Grundlage, die in scharfem Kontrast zum Artemis-Kult in Ephesus steht.

Liest man die Versen 14 und 15 als Kontrast zur Situation in Ephesus, versteht man, wie Paulus das Gewicht von der Artemis-Kultur ausbalanciert. Hier werden keine Unterschiede eingeführt, sondern der Apostel zeigt auf, dass in Ephesus zwar die Frauen viele Vorteile besassen, aber die Bibel von etwas ganz anderem spricht. Man beachte hier, dass es Paulus nicht darum geht, eine Ungleichheit anderer Art einzuführen.

In Ephesus herrschte so etwas wie ein Matriarchat. Das war in der damaligen Zeit aussergewöhnlich. Ringsherum und auch in der Bibel galt so etwas wie ein Patriarchat. Heute werden diese Begriffe ideologisch geprägt. Für Paulus war das nie ein Thema. Ihm geht es nach wie vor nur um das eine Ziel, nämlich wie man eine ruhige und stille Lebensweise führen kann. Darin sind keine Machtspiele hilfreich. Weder patriarchalische noch matriarchalische Strukturen sind da nützlich. Die Gleichberechtigung in der Gemeinde wird von Paulus konsequent festgehalten und gelehrt.

Das Kindgebären gehört nun in der allgemeinen Beschreibung jener Zeit. Wer sich auf die eigene Familie richtet, fällt nicht auf. Das rettet sozusagen von Aufruhr, schlechtem Benehmen und dergleichen Dinge. Es ist keine absolute Aussage, keine Lehrmeinung darüber, wie man gerettet wird, sondern eine pragmatische Feststellung, die dabei dienen soll, eine ruhige und stille Lebensweise zu führen. Es geht um Kultur, und wie man die Kultur beachten sollte, wenn man ruhig und friedsam leben will. Das ist die Rettung, worauf Paulus hinweist. Mit einer Rettung von Sünde und Tod hat dies nichts zu tun.

Allgemeine Angaben

Sobald man erkennt, dass Paulus hier von allgemeinen Angaben spricht, die der Gemeinde dienen sollten, verschwinden seltsame Lehren. Es geht in diesem Textabschnitt weder darum, dass das Gebären von Kindern anstelle von Kreuz und Auferstehung gelten können, noch geht es bei der Rettung um eine Rettung von Sünde und Tod. All das findet man in diesem Textabschnitt nicht.

Es soll hellhörig machen, wenn jemand einen Bibeltext ohne Kontext zitiert, um danach wilde Fantasien über die Bedeutung aufzustellen. Es empfiehlt sich, dann stets auf den Text im Kontext zu achten, wie es hier oben getan wurde.

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