An der Schwelle zum dritten Kapitel des Epheserbriefs beginnt Paulus mit einer Zusammenfassung. Er betont noch einmal, was er in den letzten Kapiteln erläutert hat. Die Wiederholung ist dann ein Anlauf für einen noch weiteren Ausblick. Es geht um seine Aufgabe für die Nationen.

Zusammenfassung der Gnade für die Nationen

In dieser Auslegung des Epheserbriefs, die hier weitergeführt wird, kommt der Apostel jetzt zu einer Wiederholung und Zusammenfassung. Kapitel drei beginnt wie folgt:

«Mithin bin ich, Paulus, der Gebundene Christi Jesu für euch, die aus den Nationen – wenn ihr nämlich von der Verwaltung der Gnade Gottes gehört habt, die mir für euch gegeben ist.»
Eph 3,1-2

Das erste Wort dieses Abschnitts (übersetzt als mithin, deshalb, weswegen) leitet eine Begründung ein. Es verbindet nachstehendes mit dem vorherigen. Das griechische toutou (gr. τουτου, «von diesem») findet sich im gleichen Brief auch noch an folgenden Stellen: Eph 2,2 (der Lauf dieser Welt); Eph 3,1 (Mithin ich, Paulus); Eph 3,14 (Mithin beuge ich meine Knie); Eph 5,31 (Deshalb wird der Mann Vater und Mutter verlassen); Eph 6,12 (die Weltbeherrscher dieser Finsternis). Das eine gehört zum anderen. Sie sind ursächlich verbunden.

Was nun im Epheserbrief folgt, ist eine Zusammenfassung des vorher gesagten. Das erwähnt er explizit in Eph 3,3, wenn er von der Enthüllung eines Geheimnisses spricht, «so wie ich gerade vorher in Kürze schrieb». Kapitel 3 ist also nicht sofort etwas Neues, sondern er knüpft bei Kapitel 1 und 2 an. «Mithin bin ich, Paulus», erzählt, auf Basis der vorigen Worte, wo er jetzt steht.

«Mithin bin ich, Paulus, der Gebundene Christi Jesu für euch, die aus den Nationen.»
Eph 3,1

In Kapitel 2 hat Paulus ausführlich dargelegt, dass die Gläubigen aus den Nationen, die in der Gemeinde sind, jetzt als vollwertige Mitglieder gelten. Keiner der Apostel erzählt davon, als nur Paulus. Der Apostel sieht sich als Gebundener Christi Jesu für euch, die aus den Nationen.

Obwohl Paulus also in Rom in Gefangenschaft war und römische Soldaten Wache hielten (Apg 28,16), sah Paulus sich nicht als Gefangener der Römer, sondern als «Gebundener Christi Jesu». Das ist seine Interpretation. Es ist eine bemerkenswerte Aussage, die von seinem Glauben und Vertrauen spricht. Seine Lebenssituation sieht er jederzeit mit seiner Aufgabe und mit seinem Herrn, Christus Jesus, verknüpft. Hier ist nicht gesagt, dass Christus Jesus ihn gefangen genommen hat, sondern eher umgekehrt, dass er selbst seine Gefangenschaft in Bezug zu Christus Jesus und seiner Aufgabe sieht.

Das Neue an der Botschaft von Paulus

Es kann nicht genug betont werden, wie mit Paulus vieles neu wird. Bis dahin hatten Jesus und die zwölf Apostel ausschliesslich von der Erwartung von Israel und deren Erfüllung gesprochen (Mt 15,24; Apg 1,6; Röm 15,8). Einzig Proselyten aus den Nationen kämen für diese messianische Erwartung in Betracht. Man erkennt das an den wenigen Personen aus den Nationen, die in den Evangelien in Kontakt mit Jesus kamen. Das ist nicht die heutige Situation.

In einer messianischen Erwartung kommt der Segen via Israel zu den Nationen. Israel zuerst, und dann die Nichtjuden. Das war die Erwartung. Sie ist nicht eingetreten. Heute kommt Segen gerade nicht via Israel, sondern läuft direkt (Röm 11,11-13). Das ist, was die meisten Christen erwarten. Das gab es alles jedoch vor Paulus nicht. Nur bei Paulus erhalten die Nationengläubige Segen direkt (Eph 2,18). Die Änderung ist markant und von grosser Bedeutung. Es war aussergewöhnlich und neu.

Wenn Paulus seine Verkündigung beginnt, tritt er als Apostel der Nationen (Röm 11,13) und als Lehrer der Nationen (1Tim 2,7; 2Tim 1,11) auf. Das hat es noch nie gegeben. Was Paulus verkündete, war ein Geheimnis vor ihm (Röm 16,25).

Wenn heute Paulus mit einem Schulterzucken abgetan wird, ist das die Folge einer langen Tradition, in der Paulus immer mehr an den Rand gedrückt und die Verkündigung der Botschaft der Evangelien popularisiert wurde. Das ist die Verkündigung des nahe gekommenen messianischen Reiches. Darin geht es nicht um die heutige Kirche und es verschwinden gleich mehrere Dinge auf einmal:

  • Die Gläubigen aus den Nationen, die es durch die Verkündigung von Paulus gab (die heutigen Kirchen und Gemeinden), stehen ohne Grundlage da. Die Evangelien und die Verkündigung der Zwölf waren nie darauf ausgerichtet, einen Weg zu Gott einzurichten, der ohne Vermittlung von Israel auskäme.
  • Gleichzeitig fehlt auch die Verkündigung auf Basis der Auferstehung, die in der Predigt von Jesus nie zur Reife kam. Das geschieht erst später, nach der Auferstehung.

Man stelle sich einmal vor, wie das dazumal gewesen sei. Es gab noch keine Gläubigen aus den Nationen, welche ebenbürtig mit den Gläubigen aus Israel in den Gemeinden standen. Das ist das Thema, welches Paulus im Epheserbrief aufbricht. Es ist neu. Es ist dermassen neu, dass er es jetzt wiederholen muss.

«Mithin bin ich, Paulus, der Gebundene Christi Jesu für euch, die aus den Nationen – wenn ihr nämlich von der Verwaltung der Gnade Gottes gehört habt, die mir für euch gegeben ist.»
Eph 3,1-2

Hier ist die einzig wichtige Frage, die wir so nachsprechen können: Haben wir von dieser Verwaltung der Gnade Gottes gehört, die Paulus speziell für die Nationen gegeben wurde? Dort ist die bahnbrechende Neuigkeit. Haben du und ich davon gehört? Ist das Teil der Verkündigung in deiner Kirche oder Gemeinde? Dann fährt er weiter:

«Da mir durch eine Enthüllung das Geheimnis bekanntgemacht wurde (so wie ich gerade vorher in Kürze schrieb, woran ihr beim Lesen mein Verständnis für das Geheimnis des Christus begreifen könnt.»
Eph 3,3-4

Achtung: Paulus hat hier nichts von den anderen Aposteln übernommen. Was er zuvor und hier schreibt, betrifft ein Geheimnis, das vorher also unbekannt war. Die Türen wurden für die Nationengläubige weit geöffnet. Sie haben jetzt erstmals freien Zugang zum Vater (Eph 2,18), ohne eine weitere Vermittlung von Israel. Das war ungehört und sollte deutlich machen, wie gross das Verständnis von Paulus für das Geheimnis des Christus war.

Das Geheimnis von Christus

Was war also das Geheimnis des Christus? Es war diese gleichwertige Einverleibung der Nationengläubige in der von Paulus gegründeten Gemeinde. So heisst es weiter:

«Das Geheimnis des Christus, das in anderen Generationen den Söhnen der Menschen nicht bekanntgemacht wurde, wie es nun Seinen heiligen Aposteln und Propheten enthüllt wurde: Im Geist sind die aus den Nationen

    • gemeinsame Losteilinhaber und eine
    • gemeinsame Körperschaft und
    • gemeinsame  Teilhaber der Verheissung in Christus Jesus

durch das Evangelium, dessen Diener ich geworden bin, dem Geschenk der Gnade Gottes entsprechend, die mir gemäss der Wirksamkeit Seiner Kraft gegeben ist.»
Eph 3,5-7

Man beachte, wie es Paulus beschreibt: Es ist eine Realität «im Geist». Keinesfalls ist es etwas, das man mit den Händen greifen kann. Es ist eine Realität, aber eine, die im Glauben realisiert wird. Es gibt keine äusserlichen Zeichen, keine Wunder, keine speziellen Insignien. Als geistliche Realität ist dieses Geschenk nur innerhalb der Gemeinde und im Geist.

Dies erinnert selbstverständlich an die letzten Verse des vorherigen Kapitels, wo Paulus schrieb:

«Demnach seid ihr nun nicht mehr Gäste und Verweilende, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Glieder der Familie Gottes, …, in (Ihm, Christus) werdet auch ihr (die aus den Nationen) mitaufgebaut zu einer Wohnstätte Gottes im Geist.»
Eph 2,19-22

Paulus erweitert im dritten Kapitel, was er gerade zuvor geschrieben hat. Er bestätigt, dass die Gemeinde aus allen Nationen nur gleichwertige Mitglieder kennt. Das war neu und ein grosser Zuspruch für diejenigen aus den Nationen, die bis dahin eine nicht ganz geklärte Position in der Gemeinde hatten. Paulus erklärt, dass diese Dinge im Geist sind. Damit betritt er Neuland, denn zuvor gab es für die jüdischen Gläubigen immer noch den Tempel in Jerusalem. Jetzt aber beschreibt Paulus, dass wir alle gemeinsam eine Wohnstätte Gottes im Geist sind.

Unbekannt macht unbeliebt

Wiederholung ist ein didaktisches Mittel, eine Botschaft besser zu verankern. Regelmässig hat Paulus mit Menschen zu tun, die eine Gleichschaltung aller Gläubigen und eine Botschaft der Gnade (ohne Leistung) suspekt erschienen. Wenn Paulus recht hat, ist es zu einfach, nicht wahr? Wer aus Gnade leben kann, nicht aus Leistung, der hat es einfach?

Dies sind verdeckte Mechanismen, wodurch Menschen von der Gnade ablenken. Vorteile von Unterschieden werden bei der Botschaft von Paulus ausgehebelt. Das kann den Verlust von Vorteilen bedeuten oder einen Verlust der eigenen religiösen Bedeutung. Selbstverständlich ist das unbequem. Menschen wehren sich gegen solche Verluste. Paulus ist dies öfter widerfahren. Man denke etwa an folgende Aussagen:

«Ich wundere mich, daß ihr so schnell von dem, der euch in der Gnade Christi berufen hat, zu einem anderen Evangelium umwendet, welches kein anderes ist; nur daß etliche sind, die euch verwirren und das Evangelium des Christus verkehren wollen.»
Gal 1,6-7

«Ihr lieft gut; wer hat euch aufgehalten, daß ihr der Wahrheit nicht gehorcht? Die Überredung ist nicht von dem, der euch beruft. Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig.»
Gal 5,7-9

«Und warum nicht, wie wir gelästert werden, und wie etliche sagen, dass wir sprechen: Lasst uns das Böse tun, damit das Gute komme? Deren Gericht ist gerecht.»
Röm 3,8

Eine Botschaft der Gnade, eine Gleichschaltung von Gläubigen innerhalb der Gemeinde – alle diese Dinge sind nicht selbstverständlich. Sie werden oft abgelehnt. Es ist wichtig, dass Paulus seine Botschaft immer wieder erklärt. Gerade das macht er hier, in Epheser 3,1-7.

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