Am Leben verzweifeln

«Bei traurigem Gesicht ist das Herz in rechter Verfassung.»


23. September 2021In Kurzgedanken, Leben und GlaubenBy Karsten Risseeuw14 Minutes

Bist Du schon einmal am Leben verzweifelt? Dann bist Du nicht allein. Viele Personen der Bibel kennen eine hohe persönliche Not. Die Bibel spricht offen darüber, was für mich einen Grund mehr ist, diese Schriften zu vertrauen. Die Bibel erscheint mir weit realistischer als jede Ideologie oder Projektion. Der Apostel Paulus war schon mal am Leben verzweifelt. Bekannt sind auch die Worte von Jesus am Kreuz: «Eloí, Eloí, lemá sabachtháni?, was übersetzt ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Mk 15,34). Am Leben verzweifeln, sogar sich von Gott verlassen zu fühlen, findet man in der Bibel zurück. Es sind reale menschliche Erfahrungen. Darüber geht es in diesem Beitrag.

Paulus verzweifelt am Leben

Der Apostel Paulus schreibt von eigener Erfahrung:

«Denn wir wollen euch nicht in Unkenntnis lassen über unsere Drangsal, Brüder, die uns in der Provinz Asien widerfahren ist, weil wir ausserordentlich, über unsere Kraft, beschwert wurden, sodass wir am Leben verzweifelten.»
2Kor 1,8

Das ist kein rosiges Bild von einem «siegreichen Glauben», wie mancher sich das gerne wünscht. Paulus spricht unverblümt von Not und Druck, die er selbst erlebte. Er blendet diese Dinge nicht aus, sondern bewusst ein, wenn er schreibt: «Denn wir wollen euch nicht in Unkenntnis lassen».

Wer glaubt, lebt dadurch nicht in einer Scheinwelt. Glaube lebt sich nur in dieser Welt. Nüchterner Glaube muss sich immer wieder neu bewähren. Glaube ist nicht zu verwechseln mit starren Ansichten, mit Besserwisserei oder mit angeblichen «Vorteilen für diejenigen, die glauben». Glaube hat aber die Kraft die Welt in einem anderen Licht zu sehen. Das geschieht, wie es Paulus beschreibt, wie ein Aufleuchten in der Finsternis.

«Denn Gott, der gebot: Aus der Finsternis leuchte das Licht, der lässt es in unseren Herzen aufleuchten zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi.»
2Kor 4,6

Das ist Gottes Wirken in uns. Das ist eine ganz andere Seite der Erfahrung. Dem gegenüber liegt die Verzweiflung am Leben. Einerseits gibt es die manchmal sehr heftige Realität dieser Welt. Andererseits gibt es die Realität des Glaubens, der nicht im Hier und Jetzt stecken bleibt.

Wo stehen wir?

Licht und Finsternis sind nicht immer zusammen da. Manchmal beherrscht die Dunkelheit die Erfahrung. Am Leben zu verzweifeln ist kein Pappenstiel. Dann ist die Existenz bedroht. Paulus spricht unumwunden darüber, macht das jedoch nicht zum Selbstzweck und stellt seine Not nicht in den Mittelpunkt. Er berichtet offen, damit er von etwas anderem sprechen kann – wir kommen gleich dazu.

Bibelschreiber berichten immer wieder von eigener Not. Die Psalmenschreiber berichten häufig davon, auch in anderen Büchern lesen wir solches. Nicht immer wissen sie die Antwort. Mancher Psalm beschreibt nur die Not, als Momentaufnahme. Nirgendwo ist diese Not jedoch das Endziel. Einmal ist die Not in einer biblischen Geschichte eingebettet sein und man wird angeregt, die Geschichte zu Ende zu lesen, oder jemand – wie hier der Apostel Paulus – spricht von seiner Not, damit er etwas anderes hervorheben kann. Mit anderen Worten: Auf das Ende kommt es an.

Ein Vorbehalt müssen wir hier jedoch machen: Dieses «durchringen zu einem guten Ende» gelingt nicht immer im Leben. Deshalb stellt die Bibel uns einen Gott vor Augen, der weit grösser ist als unser Erleben und von Anfang bis zum Schluss alles in Händen hält. Das umschliesst unser Leben und geht darüber hinaus. Das Verständnis ist: Wir können nie tiefer als in Seine Hände fallen. Darin ist grosser Trost enthalten und daraus erwächst auch grosse Zuversicht.

Paulus in Asien

Das Asien des Neuen Testaments ist das, was wir heute Kleinasien nennen und weitgehend mit der heutigen Türkei korreliert. Dort hatte Paulus seinen grössten Wirkungskreis. Hier berichtet er aber von grosser Drangsal und Not. In seinem vermutlich letzten Brief berichtet er, dass ihn alle in Asien verlassen haben (2Tim 1,15). Ich stelle mir vor, dass der Apostel viel darüber nachgedacht hat. Es muss eine sehr schwierige Erfahrung gewesen sein. Im gleichen Brief berichtet er von seinem eigenen Lebenslauf und sagt – nur von sich selbst: «Den edlen Ringkampf habe ich gerungen, den Lauf habe ich vollendet, den Glauben habe ich bewahrt» (2Tim 4,7). Gar nichts war selbstverständlich für den Apostel. Es war einen Ringkampf und Wettlauf, worin man den Glauben verlieren könnte – er hatte ihn aber bewahrt.

Im Korintherbrief schreibt er weiter über seine Erlebnisse:

«… weil wir ausserordentlich, über unsere Kraft, beschwert wurden, sodass wir am Leben verzweifelten. Hatten wir doch den Bescheid des Todes in uns, damit wir nicht auf uns selbst vertrauen sollten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt, der uns aus einem Tode solchen Ausmasses geboren hat und bergen wird. Auf den verlassen wir uns…»
2Kor 1,8-10

Die Bildsprache, welche der Apostel hier benutzt, lebt von den Wörtern «Leben» und «Tod». Paulus und diejenigen, mit denen er in Asien unterwegs war, «verzweifelten am Leben». Sie hatten sogar «den Bescheid des Todes» in sich, also rechneten damit, dass ihre letzte Stunde hätte schlagen können. In Ikonion beispielsweise wurde Paulus gesteinigt (Apg 14,19). Andernorts schreibt Paulus von seinen «Verfolgungen und Leiden, derart wie sie mir in Antiochein, in Ikonium, in Lystra widerfahren sind: doch ich überstand derartige Verfolgungen und aus ihnen alle barg mich der Herr» (2Tim 3,11). Seine Arbeit war keine Studienreise im Car, noch waren es touristische Badeferien.

Die Realität einblenden

Paulus verzweifelte am Leben. Ich kenne ebenfalls Menschen, die – aus ganz unterschiedlichen Gründen – am Leben verzweifeln. Es kann durch die Lebenssituation entstehen, durch die gemachten Erfahrungen, durch Depression oder andere Leiden. Alle diese Dinge sind sehr real. Lassen wir sie ernst nehmen. Lassen wir die Menschen ernst nehmen, die darüber sprechen. Lasst uns die Realität dieser Welt einblenden.

Wozu Du mich verlassen hast

Es gibt oft nichts Besseres, als in der Not neben jemand zu stehen, zu schweigen, zu weinen, zu warten. Was in einem Leben an schweren Erlebnissen durchbrechen kann, verdient es nicht mit Bibeltexten totgeschlagen zu werden. Stehen wir einmal still bei diesem Bericht, wo von Jesus die Rede ist, als Er am Kreuz hingerichtet wird:

«Als die sechste Stunde gekommen war, breitete sich Finsternis über das ganze Land aus bis zur neunten Stunde. Um die neunte Stunde aber schrie Jesus mit lauter Stimme auf und rief: Eloi, Eloi, lema sabachthani!», das ist verdolmetscht: «Mein Gott, Mein Gott, wozu Du mich verlassen hast!» (vgl. Ps 22,2)
Mk 15,33-34

Jesus hing stundenlang am Kreuz. Es ist eine grausame Art der Hinrichtung. Die hier genannten drei Stunden gehen unmittelbar an Seinem Sterben voraus. Es wurde im ganzen Land dunkel, heisst es, was die Atmosphäre gut kennzeichnet, als zieht Gott sich von Seinem Sohn zurück. So in etwas hat es Jesus vermutlich empfunden, wenn er mit lauter Stimme aufschreibt und sagt: «Mein Gott, Mein Gott, wozu Du mich verlassen hast!».

Bemerkenswert, hier in der konkordanten Wiedergabe des Neuen Testaments, ist das Wort «wozu». In anderen Übersetzungen heisst es meist «warum». Im Griechischen heisst es hier «eis ti, εἰς τί» oder in was hinein. Es ist also nicht bloss eine Frage über die aktuelle Situation, sondern es ist eine Frage wozu das gerade stattfindet. Bereits hat Jesus vor der Kreuzigung im Garten Gethsemane verstanden, was kommen wird. Zu Seinen Jüngern sagte er dort bereits:

«Tief betrübt ist meine Seele, bis zum Tod.»
Mt 26,38

Lukas berichtet:

«So geriet Er in ein Ringen und betete noch inbrünstiger, und Sein Schweiss wurde wie Blutgerinnsel, das auf die Erde herabfiel.»
Lk 22,44

Aus diesem letzten Zitat entstand wohl die Redensart «Blut schwitzen», aber das wird hier nicht gesagt. Hier geht es um «Schweiss wie Blutgerinnsel», das auf der Erde herabfiel. Es soll die ausserordentliche Last deutlich machen. Solche Dinge können sich körperlich zeigen.

Reden wir nicht leicht über das Leiden anderer Menschen. Manche können am Leben selbst sogar verzweifeln.

Ausblick

In schweren Situationen darf es keine billige Antworte geben. Lesen wir jedoch die biblischen Berichte, dann können wir daraus Mut schöpfen. Alles jedoch hat seine Zeit (vgl. Prediger 3). Damit wird das Leiden oder der Tod nicht ausgewichen, sondern die Bedeutung wird unterstrichen. Es ging durch schwierigste Situationen hindurch weiter. Manches ist Teil unserer Erfahrung, auch wenn wir sie lieber nicht hätten.

Jesus fragt und sagt: «Wozu du mich verlassen hat». Das ist keine Anklage an Gott, sondern die Feststellung einer extra Dimension, worin sogar ein Ziel anklingt. Bei Paulus klingt ein Vertrauen durch, wenn er schreibt:

«Hatten wir doch den Bescheid des Todes in uns, damit wir nicht auf uns selbst vertrauen sollten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt.»
2Kor 1,9

Für sich selbst und denjenigen, die mit ihm waren, spricht er aus, dass er Den Vertrauen lernte, Der sogar die Toten aufzuerwecken vermag. Er verneint den Tod nicht, sondern sagt, dass er auf Gott vertraut, der mächtig ist, sie alle wieder zum Leben zu erwecken.

Er begründet dies sogar mit einer eigenen Erfahrung, die davon ein Abbild ist:

«Gott… Der uns aus einem Tode solchen Ausmasses geboren hat und bergen wird. Auf Den verlassen wir uns…»
2Kor 1,9-10

Hier spricht Paulus offenbar von einer unmittelbaren Bedrohung, die sich aufgelöst hat. Er dankt Gott dafür und beschreibt, dass er auch weiterhin sich auf diesen Gott verlassen möchte, der ihn ganz konkret noch vor dem Tod bewahrt hat. Gottvertrauen sieht so aus, dass – egal, was geschieht – es bei Ihm und durch Ihn weitergeht. Nicht «Wir können!», sondern «Er kann!» war verinnerlicht.

Geht es weiter?

Lesen wir die Berichte hier oben sorgfältig mit, dann ist es in der schwierigen Situation nur noch «schwierig». Das ist bei uns nicht anders. Wir können die Not aussprechen, müssen aber trotzdem noch hindurch. Oft gibt es keine Abkürzung.

Ich wünsche Dir und mir, dass wir die Realität dieses Lebens in aller Schönheit, aber auch in aller Schwere annehmen können. Ebenso wünsche ich mir, dass wir darin Gottvertrauen lernen können. Wir haben viele Geschichten und Berichten in der Bibel, die von aussergewöhnlich schweren Situationen sprechen. Die sind nicht einfach «fromm», sondern die sind «real». Das ist der Ort, an dem wir oft erst richtig hinhören.

«Bei traurigem Gesicht ist das Herz in rechter Verfassung.»
Pred 7,3

Wer am Leben verzweifelt, steht oft hervorragend im Leben. Das Herz ist in rechter Verfassung. Da ist der Anfang. Wir können nie tiefer als in Seine Hände fallen. Gesegnet ist, wer von anderen Menschen daran erinnert wird.