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Jesus und Paulus

Es gibt zwei Fehlinterpretationen von Jesus und Paulus, und dem Verhältnis zwischen beiden. Es sind zwei Betrachtungsweisen, die unterschiedlicher nicht sein könnten:

  • Jesus und Paulus sagen dasselbe aus
  • Jesus und Paulus haben nichts miteinander zu tun.

Beide Sichtweisen sind Extreme. An beiden Sichtweisen ist etwas dran. Wie so oft geht es bei einem vertieften Verständnis um ein Prozess der Differenzierung. Wo sagen Jesus und Paulus dasselbe aus? Und wo tun sie das nicht? Solch offene Fragen können herausfordern, denn an den Grenzlinien dieser Fragen verlaufen theologische Debatten mit weitreichenden Konsequenzen. Sich solche Fragen zu stellen ist der Versuch, die Aussagen der neutestamentlichen Aussagen auf die Spur zu kommen. Sich in die damaligen Fragen und Diskursen einzuklinken ist ebenso spannend wie sich anschliessend die Relevanz für Kirche und Gemeinde heute zu überlegen.

Sagen Jesus und Paulus dasselbe aus?

Dass Jesus und Paulus dasselbe aussagen ist eine Sichtweise, die in christlichen Kreisen weit verbreitet ist. Sie sieht das Neue Testament als eine Sammlung Berichten und Briefen mit nur einer einzigen Botschaft. Es gibt keine bewusst wahrgenommene Differenzierung innerhalb des Neuen Testaments. Jesus und Paulus sagen wesentlich dasselbe aus, einfach mit anderen Worten.

Typische Merkmale dieser ersten Sicht sind:

  • Jesus spricht bereits in den Evangelien zur heutigen Gemeinde
  • Aussagen der Evangelien werden «vergeistlicht» (z.B. Nachfolge)
  • Wo von Israel die Rede ist, wird das kurzerhand auf die heutige Gemeinde aus allen Nationen übertragen
  • Paulus ist der Missionar, der die Botschaft von Jesus in die Welt hinaus trägt
  • Paulus passt die Botschaft von Jesus für die Nicht-jüdischen Völker einfach etwas an
  • Die Forderungen der Torah an Israel gerichtet sollen teilweise (10 Gebote, Zehnten, usw.) auch für die Gemeinde aus allen Nationen Relevanz zu haben
  • Andere Forderungen wiederum (Beschneidung) haben keine Relevanz mehr (unbegründete und selektive Wahrnehmung)
  • Orientierung für Predigt und Lebenswandel richtet sich massgeblich nach den Evangelien
  • usw.

Dies ist eine dramatische Simplifizierung des Neuen Testaments. Problematisch ist diese vereinfachte Sicht aus vielen Gründen. Erstens wird Jesus hier aus dem damaligen Kontext herausgelöst. Wer Er war, was Sein Auftrag war, zu wem Er sprach – all dies wird nicht geprüft. Alles wird kritiklos auf die eigene Situtation, bzw. auf die heutige Gemeinde bezogen. Es gibt sozusagen keine kritische Auseinandersetzung mit dem Text im Kontext. Was Jesus in den Evangelien sagt wird ohne weitere Differenzierung auch in dem Rest des Neuen Testaments erwartet. Es ist ja alles dasselbe, nichtwahr? So wird der Entwicklung nach Auferstehung und Himmelfahrt keine Rechnung getragen. Ganz aussen vor bleiben Fragen wie diese: Weshalb wurde Paulus als 13. Apostel berufen? War denn das nötig? Wurden nicht die 12 Apostel schon in alle Welt hinausgeschickt? Warum haben die 12 das nicht umgesetzt? Was geschah eigentlich in der Apostelgeschichte? Wie sind die Briefe des Apostels Paulus einzuordnen? Was geschah mit Israel? Hat Israel eine Zukunft, und wenn ja, wo lesen wir davon im Neuen Testament? Wie stehen die 12 Apostel zu Paulus? Diese und weitere Fragen werden nicht gestellt, weil a priori davon ausgegangen wird, dass dieselbe Botschaft überall im Neuen Testament tönt und es überall nur um die heutige Gemeinde geht.

So die eine Sichtweise. Schauen wir uns jetzt die zweite Sichtweise an.

Hatten Jesus und Paulus eine unterschiedliche Botschaft?

Zwischen den Evangelien und den Briefen von Paulus gibt es viele Kontraste. Sie führen immer wieder zu Auseinandersetzungen. Der eine erkennt vermeintliche Widersprüche, die von anderen schnell unter dem Teppich gekehrt werden. Unter den verschiedenen Betrachtungen gibt es auch eine radikale Sicht, die aussagt, dass Paulus die Lehre von Jesus verlassen hat. Bei Paulus also läuft das biblische Zeugnis aus dem Ruder. Oder salopp gesagt: Mit Paulus fangen die Probleme an. Andere beschreiben dies so: Erst mit Paulus fängt die christliche Kirche an, denn bis und mit Jesus war alles noch rein jüdisch. Das Christentum sei also eine Neuerfindung von Paulus. Jesus blieb Jude, mit einer Erwartung für Israel, während Paulus sich von diesem Kontext entfernte.

Jüdische Neutestamentiker, die sich mit Jesus und Paulus auseinandersetzen, stellen immer wieder fest, dass Jesus nicht einer bestimmten christlichen Kirche zuzuordnen war, sondern Er agierte als Jude, mit einer durch und durch jüdischen Botschaft. Er sprach von der Erfüllung der Verheissungen an Israel. Nie ginge Jesus darüber hinaus. In Kirchen ist man sich dessen meist nicht bewusst. Unter Christen ist dafür der Blick meist verloren gegangen, denn zu sehr hat man sich an der Tönung der eigenen Brillengläser gewöhnt, als dass man die ursprünglichen Farben noch erkennen kann. Diese jüdische Erwartung – davon weicht erst Paulus ab. Eine Trennlinie läuft nach dieser Sicht also nicht zwischen Tenach (Altes Testament) und Neues Testament, sondern zwischen Paulus und dem Rest der Bibel. In einer extremen Ausprägung wird daraufhin Paulus, bzw. die angestammte christliche Identität oder das kirchliche Verständnis der Gemeinde verworfen.

Typische Merkmale dieser zweiten Sicht sind:

  • Jesus sprach als Jude zu Juden
  • Jesus sprach über eine jüdische Erwartung
  • Paulus sprach als Jude zu Nicht-Juden
  • Paulus sprach über eine Erwartung für Nicht-Juden
  • Jesus blieb fest in Israel und in den Verheissungen an die Väter verankert
  • Paulus verliess Israel und die jüdische Erwartung und startete etwas Neues
  • Glaubenskonzepte und Gottesverständnis von Jesus seien anders als von Paulus (so z.B. Martin Buber in «Two Types of Faith», welches im Nachwort von David Flusser jedoch etwas vielseitiger dargestellt wird)
  • Paulus kehrt sich von der Botschaft von Jesus ab
  • Paulus lehrt ein anderes Gottesbild, Weltbild und Menschbild als Jesus (und dem Judentum)

Einiges hier ist wichtige Erkenntnis. Es sind Dinge, die konkret aus dem biblischen Text entnommen werden. Andere Punkte sind jedoch problematisch. Wann wird diese Sicht problematisch? Unterschiede werden manchmal als trennend gesehen, sodass Jesus und Paulus gegenüber einander zu stehen kommen. Es findet eine Polarisierung statt, die Jesus gegen Paulus ausspielt. Dabei gehen die Übereinkünfte vergessen, ebenso wie die starke christozentrische Verkündigung von Paulus. Wer jedoch die Unterschiede als unüberwindbar darstellt, kommt hier zum Schluss, dass Paulus zwar auf Christus zentriert ist, dieser Christus jedoch ein völlig anderer sei als der Messias von Israel. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zur Annahme, dass Paulus eine neue Religion gestiftet hat. Für jüdische Leser des Neuen Testaments ist dies durchaus verständlich, umsomehr als die Kirche sich in der Tradition immer weiter vom ursprünglichen Kontext des Neuen Testamentes entfernt hat. Vielleicht aber könnte man hier auch Parallellen ziehen zur Tenach und die jüdischen Traditionen, die sich ebenso vom Ursprung entfernten. War es nicht gerade das, was Jesus immer wieder kritisierte? Zwischen Jesus und Paulus gibt es dennoch Unterschiede.

Unterschiede erkennen

Die Kontroverse um Jesus und Paulus ist eine wichtige Auseinandersetzung um das Verständnis der Bibel. Speziell geht es dabei um das Verständnis des Neuen Testaments. Es geht aber auch um die Personen und Gruppen, die dort erwähnt werden: Jesus, seine Jünger – die späteren Apostel, dazu auch Paulus als Zusatz-Apostel –, es geht um die Gemeinde und selbstverständlich um Israel und Israels Erwartung. Alle diese Personen sind unzertrennlich miteinander verwoben. Unzertrennlich will auch sagen: Wir können Jesus und Paulus nicht einfach auseinander dividieren. Ohne Jesus hätte es einen Paulus nicht gegeben. Ohne Paulus aber hätte es die Kirche heute nicht gegeben.

Es ist auffällig, dass nicht die 12 Apostel, sondern Paulus als 13. Apostel die grösste evangelistische Arbeit gemacht hat (1Kor 15,10). Weshalb kam das so? Wieso ist einer unterwegs in aller Welt, während die anderen mehr oder weniger daheim blieben? Damit aber nicht genug. Bestimmte Ausdrücke wie «Körper Christi» finden sich nur in den Briefen von Paulus. Sie wurden zur Grundlage des heutigen Gemeindeverständnisses. Dagegen findet sich ein Ausdruck wie «Königreich der Himmel» nur in den Evangelien, dort sogar nur bei Matthäus. Es gibt also Eigenheiten, die nur in einer Gruppe von Berichten oder Briefen gefunden werden und sonst nirgendwo eine Bedeutung haben. Manche Ausdrücke erscheinen also nur hier, nicht dort. Sie stehen in einem bestimmten Kontext, werden aber in einem anderen Kontext nicht erwähnt. Es ist also mitnichten der Fall, dass alle immer vom Gleichen reden. Und dies berechtigt die Frage nach den Unterschieden und Übereinkünften zwischen Jesus und Paulus.

Zwischen Kult und Glaube

Ein Problem will hier noch genannt werden: Unsere eigene Betrachtung der Bibel. Die Bilder, die wir uns selbst von den biblischen Gestalten machen, können leicht zu Kultfiguren werden. Eine Kultfigur ist nie das, was die Person selbst ist, sondern nur das, was die Nachfolger daraus machen. Nicht immer lassen sich die heute zelebrierten Bilder von Jesus in der Schrift zurückfinden. Immer wieder beobachte ich so etwas wie ein Jesus-Kult, wenn Dinge gedacht und gesagt werden, die von dem biblischen Zeugnis weit entfernt sind. Jesus kann zu einer Kultfigur werden, zu einer religiösen Projektionsfläche, die mit der Bibel wenig gemeinsam hat. Wenn der Name Jesus in jedem zweiten Satz erwähnt wird, aber niemals an den Kontext des Neuen Testaments referiert wird, vermute ich schnell eine religiöse Projektion. Mit dem biblischen Zeugnis hat so etwas wenig zu tun. Nüchternheit wäre dazu der wohltuende Kontrast. Geschah ähnliches nicht auch mit der Person Maria in der katholischen Kirche? Wir können Dinge und Personen aus der Bibel zitieren, ohne damit wirklich vertraut zu sein (vgl. Mt 7,21-23). Es reicht nicht, einfach Dinge aus der Bibel zu zitieren.

Jesus ist nach der Bibel keine Projektionsfläche und Kult-Figur. Jesus soll hier nicht entmystifiziert werden, sondern lediglich im eigenen Kontext betrachtet werden. Zwischen Kult und Glaube haben wir selbst zu entscheiden. Als Grundsatz könnte man hier festhalten: Was geschrieben wird will ernst genommen werden. Nicht mehr und nicht weniger. Dasselbe soll auch für beispielsweise Paulus getan werden. Denn Paulus soll nicht zum Religionsstifter hochstilisiert, sondern nur im eigenen Kontext erkannt werden. So wie Jesus mit einem Auftrag kam, kam auch Paulus mit einem Auftrag.

Ein neuer Ansatz

Das Zeugnis der Bibel lässt aber noch einen dritten Ansatz zu, der gut in der Schrift verankert ist. Dem wollen wir als Alternative Betrachtung jetzt hier etwas mehr Raum geben. Es geht darum, die Zeugnisse im jeweils eigenen Kontext zu lesen und zu verstehen. Unterschiede zwischen Jesus und Paulus sind dann das Resultat verschiedener Situationen, verschiedener Aufträge und verschiedener Zielgruppen. Jede Botschaft hat einen Wert im eigenen Kontext, kann aber nicht ohne weiteres auf einen anderen Kontext angewendet werden.  Es ist also nicht «Entweder Jesus, oder Paulus», noch «reden beide überall vom Gleichen».

Stark vereinfacht könnte man sagen, dass die Zeit vor dem Kreuz nicht gleich ist an der Zeit nach der Auferstehung. Damit wäre schon viel an Klarheit gewonnen. Auch könnte man erkennen, dass Jesus als Jude fast ausschliesslich zu Juden sprach – einige Begegnungen mit Proselyten dagelassen. Paulus dagegen geht hinaus in die Welt und spricht vor allem zu Nicht-Juden. Auch diese Feststellung hilft bereits bei der Interpretation der biblischen Geschichte. Das ist aber erst der Anfang. Es geht noch weiter.

Doch alles der Reihe nach.

Gesandte

Jesus ist von Gott ausgegangen (Joh 8,42). Er kam zum Gericht in die Welt, um – in übertragenem Sinne – Blinde sehend und Sehende blind zu machen (Joh 9,39), Er kam nicht um Gerechte, sondern um Sünder zu rufen (Mk 2,17). Jesus kam in die Welt um Sünder zu retten (1Tim 1,15). Jesus wurde von anderen erkannt als Sohn Gottes (Joh 1,34, Joh 1,49 u.v.m.), welche Beschreibung laut dem Hohepriester zum erwarteten Messias passen würde (Mt 26,63, vergleiche auch die Aussage von Petrus in Mt 16,16). Jesus selbst sagt, dass er «im Namen Seines Vaters» kam (Joh 5,43). Paulus dagegen kam als «Sklave Jesu Christi, berufener Apostel» (Röm 1,1). Sogleich nachdem Paulus Jesus auf den Weg nach Damaskus begegnet war und sein Leben eine neue Grundlage erhielt, fing er in der Synagoge in Damaskus an zu verkünden, dass «Jesus der Sohn Gottes ist» (Apg 9,20).

Jesus kam also im Auftrag von Gott, der Ihn gesandt hat. Paulus kam als Gesandter von Jesus Christus.

Zwei Aufträge

Hören wir, was Jesus über Seinen eigenen Auftrag aussage:

«Ich wurde lediglich zu den verlorenen Schafen vom Hause Israel gesandt»
Mt 15,24

Jesus kam, um Sein Volk von ihren Sünden zu retten (Mt 1,21). Mit diesem Volk ist im Kontext nicht die Kirche gemeint, sondern ganz klar das Volk Israel. Paulus bestätigt dies später, wenn er schreibt:

«Denn ich sage, Christus ist der Diener der Beschneidung geworden für die Wahrhaftigkeit Gotes, um die Verheissungen der Väter zu bestätigen.»
Röm 15,8

Paulus aber erhielt einen ganz anderen Auftrag. Von diesem Auftrag sagte Jesus zu Ananias in Damaskus:

«Dieser ist Mir ein auserwähltes Gerät, Meinen Namen vor die Augen der Nationen wie auch der Könige und der Söhne Israels zu tragen»
Apg 9,15–16

Zwar wird hier auch Israel erwähnt, aber ganz neu ist, dass Christus Jesus ein Apostel speziell für die nicht-israelischen Völker berufen wurde. Paulus war der Apostel der Nationen (Röm 11,13) und er schreibt:

«Mithin bin ich, Paulus, der Gebundene Christi Jesu für euch, die aus den Nationen»
Eph 3,1

So stehen hier zwei Aufträge nebeneinander:

  1. Jesus’ Auftrag galt zuerst und speziell Israel,
  2. der Apostel Paulus wurde von Jesus (!) speziell für die übrigen Völker berufen.

Damit liessen sich nun auch Unterschiede in den Aussagen von Jesus und Paulus gut begründen und verständlich darstellen.

Paulus und die 12 Apostel

Die Berufung von Paulus verdient eine nähere Betrachtung. Es gab nämlich bereits 12 Apostel, die den Befehl erhalten hatten, in die ganze Welt hinauszugehen. Dies war der sogenannte «Missionsbefehl» (Mt 28,19), welche Jesus Seinen Jüngern gab. Weshalb braucht es dann Paulus noch, der zusätzlich noch zu den Nationen geschickt wird? Paulus ist nicht einmal Teil der 12 Apostel. Bereits die Berufung von Paulus in Apostelgeschichte 9 ist eine Abweichung von der Situation, die Jesus in den Evangelien aufgebaut hat. Als der Platz von Judas ersetzt wurde, haben die übrigen Apostel dort angegeben, was nötig war für den Amt des Apostels: Es musste jemand sein, der von der Zeit der Taufe des Johannes bis zum Himmelfahrt bereits mit den übrigen mitgezogen war (Apg 1,21–22). So wurde es bei den Aposteln in Jerusalem gehandhabt. Bei Paulus war das aber offensichtlich nicht der Fall. Was war hier eigentlich los?

Noch etwas stimmt nachdenklich: Wer von den Aposteln hat den Missionsbefehl je umgesetzt? Keiner! Nicht nur haben die 12 Apostel den Missionsbefehl niemals befolgt, sondern es gibt auch einen klaren Unterschied zwischen der Formulierung dieses Missionsbefehls und dem Dienst von Paulus. Jesus sprach davon, dass ganze Nationen zu Jünger gemacht werden sollten. Paulus dagegen beruft Menschen «aus» allen Nationen.

Ob ganze Völker zu Jünger gemacht werden oder einzelne Menschen aus den Völker in die Gemeinde gerufen werden ist eben nicht dasselbe. Was immer dazu noch gesagt werden könnte, eines ist klar: Paulus hat den Missionsbefehl ebenfalls nie umgesetzt. Er spricht nie in der Weise davon, wie Jesus davon sprach. Paulus macht keine Nationen zu Jünger. Glaubende aus den Nationen, durch den Dienst des Paulus gerufen,  werden nie «Jünger» genannt. Dieser Begriff gehört ganz in den Evangelien. Zusammenfassend: Die Apostel haben den Missionsbefehl nicht umgesetzt – weder die Zwölf, noch Paulus. Die brennende Frage wäre hier, warum das so ist?

Zwar war Paulus weit aktiver als alle andere Apostel (1Kor 15,10), aber seine Reisen waren keine «Missionsreisen», auch wenn sie gerne so genannt werden. Paulus war mit einer anderen Botschaft unterwegs und hat eben keine Völker zu Jünger gemacht. Paulus hat nicht dasselbe vor Augen als die Zwölf in Jerusalem. Der Galaterbrief beschreibt ausführlich, wie die Verhältnisse sich zutragen. Nach seinem Glaubensanfang berichtet Paulus, dass es Gott wohlerschien, Seinen Sohn in ihn zu enthüllen, damit er Ihn als Evangelium unter den Nationen verkündigt. Er unterbreitete dieses Evangelium nicht den anderen Aposteln, sondern zog zuerst in die arabische Wüste (Gal 1,15-17). Erst 3 Jahre später zog Paulus nach Jerusalem, zuerst als persönlicher Besuch, und dann noch einmal, 14 Jahre später, um das von ihm verkündete Evangelium auch den 12 Aposteln vorzustellen (Gal 1,18 bis Gal 2,2).

Mein Evangelium

Was ist «das von ihm [Paulus] verkündete Evangelium»?

Am Ende vom Römerbrief spricht Paulus von «seinem Evangelium», das «gemäss der Enthüllung eines Geheimnisses war, das in äonischen Zeiten verschwiegen war, nun aber offenbar wurde» (Röm 16,25). Nicht nur spricht der Apostel hier ausdrücklich von einem «ihm» gehörenden Evangelium, also von etwas, das seine Verkündigung prägt, sondern ebenfalls spricht er davon, dass dieses Evangelium durch eine Enthüllung kam. Enthüllt wurde ein Geheimnis, etwas, das bis dahin unbekannt war. Und das geschah so:

«Denn ich mache euch bekannt, Brüder: Das von mir verkündigte Evangelium ist nicht menschengemäss. Denn ich erhielt es weder von einem Menschen, noch wurde ich es gelehrt; vielmehr wurde es mir durch eine Enthüllung Jesu Christi zuteil»
Gal 1,11-12

Paulus erhielt also das von ihm verkündigte Evangelium nicht von den 12 Aposteln. Er erhielt es direkt durch eine Enthüllung von Jesus Christus. Es war neu, weil bis dahin Verborgenes offenbart wurde. Vielleicht erhielt er Details während der Zeit als er in der arabischen Wüste war? Auf jeden Fall sollte er Jesus als Gottes Sohn unter den Nationen verkündigen (Gal 1,16). Halten wir fest, dass es hier um eine frohe Botschaft von Jesus Christus ging. Jesus steht hier zentral. Es geht um Seine Person. Das ist das Verbindende zwischen verschiedenen Ausprägungen. Das begründet die Erkenntnis, dass andere erkannten «Der uns einstmals verfolgte, verkündigt nun als Evangelium den Glauben, dem er einst nachstellte. Und sie verherrlichten Gott im Hinblick auf mich» (Gal 1,23-24).

Trotzdem gab es Unterschiede. Als er dann zufolge einer neuen Enthüllung nach Jerusalem hinaufzog, ging es darum, dass er «sein» Evangelium in Jerusalem den anderen Aposteln vorstellt (Gal 2,2). Er traf sich mit Jakobus, Kephas (Petrus) und Johannes (Gal 2,9).

«Und zwar zog ich zufolge einer Enthüllung hinauf und unterbreitete ihnen (im besonderen aber den Angesehenen) das Evangelium, welches ich unter den Nationen herolde, dass ich also nicht etwa ins Leere renne oder gelaufen wäre»
Gal 2,2

Zwei Evangelien und zwei Zielgruppen

Wenn Paulus genau dasselbe wie die 12 Apostel verkündet hatte, wäre es nicht nötig gewesen, das speziell vorzustellen. Zwar sprachen sowohl die 12 Apostel wie Paulus von Jesus, aber sie taten das in einem jeweils eigenen Kontext.

Kontext der 12 Apostel: Die frohe Botschaft, welche die 12 Apostel verkündeten, stammt aus derselben Erwartung und Verkündigung wie Jesus’ Verkündigung. Jesus verkündete das Evangelium des Königreiches, für (primär) Israel.

Kontext für Paulus: Paulus verkündete bis dahin unbekanntes und richtetete sich speziell an die Nicht-Israeliten.

«Von den Angesehenen aber (was für ein Ansehen, als seien sie etwas, sie einst hatten, macht mir nichts aus, da Gott nichts von dem äusseren Ansehen eines Menschen hält), mir haben diese Angesehenen doch nichts anderes unterbreitet, sondern im Gegenteil, weil sie einsahen, dass ich mit dem Evangelium der Unbeschnittenheit betraut bin, so wie Petrus mit dem der Beschneidung (denn der in Petrus für das Aposteltum der Beschneidung wirkt, der wirkt auch in mir für die Nationen), und da sie die mir gegebene Gnade erkannten, gaben Jakobus, Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen werden, mir und Barnabas die rechte Hand der Gemeinschaft, damit wir für die Nationen, sie aber für die Beschneidung wirkten…»
Gal 2,6-9

Es geht hier um zwei Dinge: Den Auftrags- und Wirkungsbereich einerseits, und den Inhalt des Auftrags andererseits. Paulus war betraut mit dem Evangelium der Unbeschnittenheit, so wie Petrus mit dem Evangelium der Beschneidung betraut war. Ebenso war Petrus mit dem Aposteltum der Beschneidung betraut, so wie Paulus mit dem Aposteltum für die Nationen. Sie erkannten gegenseitig den jeweils anderen Auftrag an und gaben sich die gegenseitig die Brüderhand. Doch wurde auch festgestellt, dass die 12 Apostel für die Glaubenden aus Israel ein eigenes Evangelium hatten, sowie Paulus für die Nationen ein eigenes Evangelium hatte. Was Paulus verkündete, war aufgrund von neuen Enthüllungen von Jesus Christus. Das war gewiss anspruchsvoll für die anderen Apostel, wie auch Petrus später berichtet:

«Darum, Geliebte, befleissigt euch in dieser Erwartung, fleckenlos und makellos vor Ihm in Frieden erfunden zu werden, und erachtet die Geduld unseres Herrn für Rettung, so wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben hat, wie auch in all den Briefen, wenn er in ihnen auf diese Dinge zu sprechen kommt, in welchen etliches schwer zu begreifen ist, was die Ungelehrten und Unbefestigten zu ihrem eigenen Untergang entstellen, wie auch die übrigen Schriften.»
2Pet 3,14-16

Derselbe Herr, unterschiedliche Ziele

Obwohl wir also an dieser wie an anderen Stellen klare Hinweise erhalten, dass alle Apostel miteinander in Kontakt standen, so war auch offensichtlich, dass ihre Botschaften und Zielgruppen unterschiedlich waren. Sie bauten auf den einen Herr, Jesus Christus, auf, wie auch auf dieselbe Erkenntnis, dass Er Sohn Gottes sei. Dasselbe Kreuz und dieselbe Auferstehung sind Grundlage. Unterschiedlich sind aber die Zielgruppen und unterschiedlich ist auch der Ausblick.

Petrus und die restlichen Apostel der 12 hatten nach 3 Jahren Unterricht von Jesus die Aufrichtung des Königreiches für Israel vor Augen (Apg 1,6). Darüber hatte Jesus in den Evangelien gesprochen. In derselben Linie der alttestamentlichen Verheissungen sprach Petrus zu den Glaubenden aus Israel als von einer geistlichen Vorhut: «Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein ‘königliches Priestertum’, eine ‘heilige Nation’» (1Pet 2,9, 2Mo 19,6). Das nämlich war der Ausblick der Propheten, dass zuerst Israel zu seinem Gott umkehren sollte, und erst danach, durch das königliche Preistertum der nun geheiligten Nation Israel, die übrigen Nationen gesegnet würden. Es ist die Erfüllung von den Verheissungen an Israel. Wie der Prophet Micha beispielsweise schreibt:

«Und am Ende der Tage wird es geschehen, da wird der Berg des Hauses des HERRN fest stehen als Haupt der Berge, und erhaben wird er sein über die Hügel. Und Völker werden zu ihm strömen,und viele Nationen werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs, dass er uns aufgrund seiner Wege belehre! Und wir wollen auf seinen Pfaden gehen. Denn von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des HERRN von Jerusalem.»
Mi 4,2

Die Propheten, Jesus und die 12 Apostel sprechen alle von der Aufrichtung des messianischen Reiches für Israel. Israels Rettung ist der Wendepunkt. Dann wird das Wort aus Jerusalem ausgehen und die Nationen werden Jünger werden, wie es der Missionsbefehl vorsieht.

Bei Paulus jedoch werden die Nationen nicht durch den Gehorsam von Israel gesegnet, sondern durch den Ungehorsam von Israel (Röm 11,11-15). Was Paulus schreibt steht also auf einem anderen Blatt der Geschichte als die Propheten je gesehen hatten. So ist das eben mit Geheimnissen – sie waren vormals unbekannt (Rom 16,25). Was wir heute die Gemeinde nennen, die «Ekklesia» oder Herausgerufene aus allen Völkern, ist keine «Neuerfindung von Paulus», wohl aber eine «Enthüllung eines Geheimnisses».

Hier ist nun die Differenzierung: Gott ruft mehr als eine Gemeinde heraus. Die Gemeinde in Jerusalem war die Vorhut, der Erstling aus Israel. Diese Gemeinde war herausgerufen aus Israel (Mt 16,18), damit das Volk als ganzes möge gerettet werden (vgl. die Aufforderung von Petrus zu Pfingsten, Apg 2,36). Die Gemeinde aus allen Nationen jedoch wurde aufgrund einer neuen Berufung herausgerufen, für die Paulus als Werkzeug auserwählt wurde. Er sprach von Geheimnissen, die nun geoffenbart wurden.

Deswegen gibt es Unterschiede zwischen Jesus und Paulus, oder zwischen Petrus und Paulus. Sie stehen sich nicht diametral gegenüber, noch reden sie ganz vom gleichen. Die Erwartung für Israel sieht ein Segen und eine Zukunft auf Erden voraus, während Paulus als einziger Apostel von einem himmlischen Bürgertum spricht. Dies ist wie ein Schlüssel zum Verständnis des Neuen Testaments. Problemlos lässt sich nun der Schlüssel anwenden beim Lesen des Neuen Testaments. So kann man selbst prüfen, ob die gefundene Hinweise einen Sinn machen. Denn die Aussagen sind klar. Es sind Hinweise auf Zusammenhänge. Sie helfen schwierige Bibelstellen zu klären, sie im jeweils ganz eigenen Kontext zu erkennen. Nicht alles ist eben gleich.

Die Entwicklung geht weiter

Im Epheserbrief beschreibt der Apostel die Lage für die Nationen-Gläubigen wie folgt:

«Nun aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst in weiter Ferne wart, durch Christi Blut zu nahestenden geworden. Denn Er ist unser Friede, der die beiden [Glaubende aus Israel und solche aus den Nationen] eins gemacht und die Mittelmauer der Umfriedung (die Feindschaft in Seinem Fleisch) niedergerissen hat…, um die zwei in Sich Selbst zu einer neuen Menschheit zu erschaffen»
Eph 2,13-18

Paulus schreibt hier nicht an Ungläubige. Er schreibt an Gläubige aus den Nationen. «Ihr, die ihr einst in weiter Ferne wart», das waren die Nationen-Gläubige, die zu Anfang der Verkündigung nicht denselben Zugang hatten wie die Kinder Israels. Erinnern wir uns an der kanaanäische Frau, die zu Jesus kommt wegen ihrer dämonisch besessenen Tochter (Mt 15,22-28). Sie spricht Jesus als «Sohn Davids» an, und referiert als Ausländerin, als Nicht-Jüdin, an die Erwartung von Israel. Jesus antwortete ihr: «Es ist nicht schön, den Kindern das Brot zu nehmen und den Hündlein vorzuwerfen». Die Juden, das sind die Kinder. Die Hündlein, das sind die Nationen, zu denen auch die kanaanäische Frau zählt. Diese Frau war sich dessen bewusst, dass sie eigentlich nicht ganz dazu gehörte. Aber sie hatte Glauben und antwortete: «Ja, Herr! Denn auch die Hündlein essen vom Abfall, der vom Tisch ihrer Herren fällt. Da antwortete ihr Jesus: O Frau, dein Glaube ist gross; dir geschehe, wie du willst! Und von jener Stunde an war ihre Tochter geheilt.» In dieser kurzen Geschichte, worin Jesus seine Aufgabe auf Israel begrenzt, kennt Er zwar einen Segen für nicht-jüdischen Menschen, aber sie ist vergleichbar mit den Brotkrümmeln, die vom Tisch fallen. Es ist nicht viel. Das ändert sich auch andernorts nur zögerlich, wenn Petrus sich beispielsweise mit Proselyten einlässt. Er musste mit Visionen dazu gebracht werden, einem Proselyten wie Kornelius näher an sich heranzulassen (Apg 10).

Diese zögernde Haltung den Nicht-Juden gegenüber ändert sich erst mit Paulus. Bei Paulus wird die Gnade gross. Auch das hat Zeit gebraucht. Erst im Epheserbrief, geschrieben aus seiner Gefangenschaft in Rom am Ende Seines Lebens, kommt er auf das Geheimnis zu sprechen. Keine Vermittlerschaft mehr, keine Unterschiede zwischen Glaubende aus Israel und aus den Nationen, sondern alle haben in einem Geist Zutritt zum Vater (Eph 2,18). Das, so schreibt Paulus, war das Geheimnis von Christus, welches vorher unbekannt war. Dort aber – in einem seiner letzten Briefe – macht er das bekannt:

«Im Geist sind [highlight] die aus den Nationen [/highlight] gemeinsame Losteilinhaber und eine gemeinsame Körperschaft und gemeinsame Teilhaber der Verheissung in Christus Jesus, durch das Evangelium, dessen Diener ich geworden bin, dem Geschenk der Gnade Gottes entsprechend…»
Eph 3,6-7

Das gemeinsame war das Geheimnis. Das war neu. Das, was wir heute als Gemeinde bezeichnen, baut wesentlich auf diese Erkenntnis auf. Dies ist das Merkmal der Gemeinde aus allen Nationen, gerufen durch das Evangelium der Gnade, dass darin Jude und Nicht-Jude eins sind, und dass sie beide – ganz ohne Vermittlerrolle von einem Priesterdienst von Israel – direkten Zugang zum Vater haben. Das ist ein prägendes Merkmal der neuen Menschheit in Christus Jesus.

Es findet also im Neuen Testament eine Entwicklung statt. Sie nachzuspüren hilft dabei, die biblische Geschichte im Neuen Testament besser zu verstehen. Ein besseres Verständnis von den Aussagen von Jesus, wie auch von den Aussagen von Paulus, schenkt Klarheit für die Verkündigung.

 

Fragen zum gemeinsamen Austausch:

  • Was ist für Dich prägender: Die Berichten über Jesus aus den Evangelien, oder die Berichten des Auferstandenen in den Briefen des Apostels Paulus? Welchen Input gab Dir diesen Artikel?
  • Paulus berichtet am Ende Seines Lebens, dass alle in Kleinasien ihn verlassen haben (2Tim 1,15). Das war sein grösstes Wirkungsgebiet. Hat man auch heute Paulus in der Verkündigung vielfach vergessen?
  • Nicht nur wurde Paulus weitgehend vor der Tür gesetzt, sondern Petrus wurde an seiner Stelle durch die kirchliche Tradition als Apostel für die Gemeinde aus den Nationen gewählt. So sieht die Römisch Katholische Kirche der Papst als Nachfolger von Petrus. Lässt sich das jetzt hinterfragen?
  • Die Reformation wurde ausgelöst durch Martin Luther, als er die Botschaft vom Römerbrief (ein Paulus-Brief!) verstand. Damit kam die Befreiung. Könnte es heute erneut eine Reformation auslösen, wenn wir uns auf Paulus zurückbesinnen? Wie müsste eine differenziertere Leseart des Neuen Testaments dann aussehen?
  • Wo im Neuen Testament finden wir Gemeindelehre?
  • Wo im Neuen Testament finden wir Ausblick und Erfüllung für Israel?