Es gibt in der Bibel keinen Sündenfall. Das kann man leicht erkennen: Das Wort gibt es nirgendwo. Trotzdem hält sich die Tradition eines Sündenfalls hartnäckig, mit katastrophalen Folgen für so manche Glaubensvorstellungen. Die Frage ist jetzt, ob die Tradition oder die Bibel selbst definiert, was Bedeutung hat.
Die Zeit der Unschuld
Es gab einmal eine Zeit der Unschuld. Das ist die Zeit von Adam und Eva im Garten Eden, bevor sie von der verbotenen Frucht gegessen haben. Wir lesen darüber in den ersten Kapiteln des ersten Buchs Mose. Insbesondere Kapitel zwei zeigt uns den Anfang der Menschheit als die Geschichte von Adam und Eva, wie sie unbekümmert im Garten Edens lebten. Dies könnte man die Zeit der Unschuld nennen.
Eintritt der Sünde
Im dritten Kapitel vom ersten Buch Mose lesen wir von Gott, der mit Namen genannt wird (1Mo 3,1, יְהוָ֣ה אֱלֹהִ֑ים JHWH Elohim, vergleiche 2Mo 3,13-14). Dieser sagt zu den Menschen, sie können von allen Bäumen im Garten essen, ausser von diesem einen Baum, «der Erkenntnis des Guten und Bösen».
Dann erschien eine Schlange und Eva wurde verführt. Adam beteiligte sich. Diese zweifache Übertretung war der Anfang des Unheils für die Menschheit. Sie wird heute meist mit Adam allein verknüpft. Das ist natürlich nicht die gesamte Geschichte. Man kann viele weitere Gedanken diesem Abschnitt entnehmen.
Kein Sündenfall
Dieser Eintritt der Sünde wurde nicht Sündenfall genannt. Auch lesen wir hier nichts über einen Satan, der in Gestalt einer Schlange sein Unwesen trieb. Weder lesen wir von einem Sündenfall noch von einem Satan. Ist das nicht seltsam? Vielleicht denken wir das, aber es ist eine spätere Tradition, die im Text nicht enthalten ist. Projektionen auf den Text können hier die Sicht trüben.
Diese Erkenntnis tut dem Text keinen Abbruch, sondern stellt eine Tradition infrage, um dadurch den Text genauer zu untersuchen.
Unglaubliche Geschichten
Es gibt verschiedene Geschichten in der Bibel, in denen Pflanzen oder Tiere sprechen. Denken wir etwa an:
Jothams Parabel
«Und man berichtete es Jotham. Da ging er hin und stellte sich auf den Gipfel des Berges Gerisim, und er erhob seine Stimme und rief und sprach zu ihnen: Hört auf mich, Bürger von Sichem, so wird Gott auf euch hören! Einst gingen die Bäume hin, einen König über sich zu salben; und sie sprachen zum Olivenbaum: Sei König über uns! Und der Olivenbaum sprach zu ihnen: Sollte ich meine Fettigkeit aufgeben, welche Götter und Menschen an mir preisen, und sollte hingehen, zu schweben über den Bäumen? Da sprachen die Bäume zum Feigenbaum: Komm du, sei König über uns! Und der Feigenbaum sprach zu ihnen: Sollte ich meine Süssigkeit aufgeben und meine gute Frucht, und sollte hingehen, zu schweben über den Bäumen? Da sprachen die Bäume zum Weinstock: Komm du, sei König über uns! Und der Weinstock sprach zu ihnen: Sollte ich meinen Most aufgeben, der Götter und Menschen erfreut, und sollte hingehen, zu schweben über den Bäumen? Da sprachen alle Bäume zum Dornstrauch: Komm du, sei König über uns! Und der Dornstrauch sprach zu den Bäumen: Wenn ihr mich in Wahrheit zum König über euch salben wollt, so kommet, vertraut euch meinem Schatten an; wenn aber nicht, so soll Feuer von dem Dornstrauch ausgehen und die Zedern des Libanon verzehren.»
Ri 9,7-15
Die Frage ist natürlich, ob diese Bäume tatsächlich gesprochen haben, oder ob dies eine Bildsprache ist?
Bileams Esel
«Und als die Eselin den Engel Jahwes sah, legte sie sich nieder unter Bileam; und es entbrannte der Zorn Bileams, und er schlug die Eselin mit dem Stabe. Da tat Jahwe den Mund der Eselin auf, und sie sprach zu Bileam: Was habe ich dir getan, daß du mich nun dreimal geschlagen hast? Und Bileam sprach zu der Eselin: Weil du Spott mit mir getrieben hast; wäre doch ein Schwert in meiner Hand, so hätte ich dich jetzt totgeschlagen! Und die Eselin sprach zu Bileam: Bin ich nicht deine Eselin, auf der du geritten bist von jeher bis auf diesen Tag? War ich je gewohnt, dir so zu tun? Und er sprach: Nein. Da enthüllte Jahwe die Augen Bileams, und er sah den Engel Jahwes auf dem Wege stehen, mit seinem gezückten Schwert in seiner Hand; und er neigte und warf sich nieder auf sein Angesicht.»
4Mo 22,27-31
Hier spricht ein Esel. Bildsprache oder Wirklichkeit? Das hängt von den Vorannahmen ab, mit denen man die Bibel liest. Wer etwa bei Jothams Parabel sagt, dass es eine Bildsprache ist, zweifelt vielleicht bei dieser Geschichte. Nun schauen wir uns die Geschichte über die sprechende Schlange an:
Die sprechende Schlange
«Und die Schlange war listiger als alles Getier des Feldes, das Jahwe Gott gemacht hatte; und sie sprach zu dem Weibe: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr sollt nicht essen von jedem Baum des Gartens? Und das Weib sprach zu der Schlange: Von der Frucht der Bäume des Gartens essen wir; aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt, davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, auf daß ihr nicht sterbt. Und die Schlange sprach zu dem Weibe: Mitnichten werdet ihr sterben! Sondern Gott weiss, dass, an welchem Tag ihr davon esst, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses. Und das Weib sah, daß der Baum gut zur Speise und daß er eine Lust für die Augen und daß der Baum begehrenswert wäre, um Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und ass, und sie gab auch ihrem Mann mit ihr, und er ass.»
1Mo 3,1-6
Es ist eine wichtige und bedeutende Geschichte. Aber was ist mit der Schlange? Es scheint, als sprachen alle Schlangen damals. Spricht die Schlange wie der Esel und wie die Bäume? Ist dies eine typologische Geschichte, in der etwas mit einer Bildsprache erklärt wird? Wer fest in der Tradition einer Verbalinspiration steht, wonach die Bibel bis auf die Buchstaben von Gott diktiert ist, denkt vielleicht bei all diesen Vorkommen, dass Wunder geschahen. Die Idee, dass dies vielleicht eine Bildsprache sei, wird vehement abgelehnt, weil dadurch eigene Annahmen hinterfragt werden. Stillschweigend setzen viele voraus, dass man die Bibel «buchstäblich» lesen muss, ansonsten bezweifelt man sie. Man schaut hier tief in eine christliche Ideologie hinein.
Nachweislich ist nicht alles in der Bibel buchstäblich zu verstehen, wie in diesem Beitrag erläutert wird:
Kulturverweise und Bildsprache zeugen nicht von Unglaube, weil die Bibel dann nicht mehr «buchstäblich» gilt, sondern beide sprechen von der Kraft der Sprache, die in der Bibel so wichtig ist wie im Alltag. Das tut auch keinen Abbruch an der viel späteren Aussage von Paulus, dass die ganze Schrift «gottgehaucht» ist und deshalb nützlich ist (2Tim 3,16-17). Vermeintliche Buchstabentreue war noch nie ein Zeichen von Geistlichkeit (2Kor 3,6). Wenn Jesus etwa Gleichnisse erzählt (Luk 15,3 ff), sind das keine «buchstäblichen» Auslegungen, sondern Geschichten werden dazu genutzt, um etwas anderes zu verdeutlichen.
Könnte das auch in den ersten Kapiteln des ersten Buchs Mose der Fall sein?
Mose stand nicht daneben
Was immer in den ersten Kapiteln vom ersten Buch Mose überliefert wurde: Mose stand nicht daneben und hat es in einem Notizbuch als Augenzeuge aufgeschrieben. Bestenfalls hat er Geschichten zusammengefasst, die es schon lange gab. Etwa Geschichte zur Entstehung der Welt («ich erkläre dir, wie Gott etwas mit dieser Welt, die du kennst, zu tun hat») und auch über den Eintritt der Sünde.
Das ist kein Unglaube, sondern Glaube, wenn ich darauf vertraue, dass diese Geschichte Bedeutung hat. Die Bedeutung liegt jedoch nie in der Buchstäblichkeit. Die überlieferte Geschichte wurde so erzählt, dass die Botschaft deutlich wurde. Eine ehrliche Frage ist also danach, was hier erzählt wird. Die Erzählung schliesst keine Historizität aus, aber da Mose nicht danebenstand, ist Historizität an einem kleinen Ort und niemand kann sagen, was genau historisch war und was nicht. Wir sollten uns deshalb nicht von einer angeblichen Historizität (dafür oder dagegen) verführen lassen, weil der Kern der Geschichte nicht von dieser Historizität spricht. Es kann keine Aussage darüber machen.
Mose stand nicht daneben. Trotzdem haben wir diese Geschichten im ersten Buch Mose erhalten. Ich versuche, mir vorzustellen, was diese Geschichte erklären soll. Es geht um ein Verbot und eine Verführung durch eine Schlange, wonach das Verbot übertreten wurde. Das erklärt, wie Sünde in die Welt eindrang. Sünde, war für jeden Zuhörer sonnenklar. Sie spürten am eigenen Körper und dem eigenen Leben, wie unvollkommen und oft widersprüchlich man unterwegs war. Man ermangelte der Herrlichkeit Gottes, wie es Paulus später beschrieb (Röm 3,23).
Woher kam nun diese Mangelerscheinung, die jeder spürte? Das beantwortet diese Geschichte. Es ist eine Bildsprache, die eine relevante Antwort auf eine echte Frage darstellt. Es ist eines der Hauptthemen der Bibel, eines der Probleme der Menschheit, die hier ursächlich beschrieben werden. Das erste Problem ist diese eingebackene Zielverfehlung im Leben. Das Zweite ist die Sterblichkeit, die ebenfalls bei dieser Geschichte ihren Ursprung findet.
Die Beschreibung vom Eintritt der Sünde ist vielleicht genauer beschrieben mit «die erste Übertretung», weil es ein klares Verbot zum Essen dieser Frucht gab (1Mo 2,16-17). Das Verbot wurde übertreten, wodurch der Mensch der Aufgabe widersprach. Weshalb das für den Menschen attraktiv war und weshalb es eine sprechende Schlange gab, kann man weiter untersuchen.
Mose jedoch hat hier keinen Augenzeugenbericht niedergeschrieben, sondern etwas weitererzählt, wo er nicht dabei war. Aus der Bibel kann man nicht entnehmen, dass Adam und Eva, die einzigen Menschen, die in dieser Geschichte genannt werden, dies etwa aufgeschrieben haben. Mose war also weder Augenzeuge noch erfahren wir, dass er einen Bericht von Augenzeugen abgeschrieben hat. Deshalb ist es wichtig, nicht bei einer angeblichen Historizität hängenzubleiben, sondern die Geschichte auf ihren Inhalt und ihre Bedeutung zu prüfen.
Sündenfall und Erbsünde
Weder Sündenfall noch Erbsünde werden in der Bibel genannt. Das soll Sünde nicht verharmlosen, sondern zeigen, dass Menschen mit den genannten Geschichten nicht zufrieden waren und sie weiter erklären und deuten möchten. So wurden Wörter wie «Sündenfall» und «Erbsünde» in die Glaubenswelt hineingetragen, obwohl sie keinen Ursprung in der Bibel haben. Man kann diese Begriffe getrost beiseitelegen, wenn man verstehen möchte, was die Bibel selbst über diese Themen sagt.
Sündenfall und Erbsünde loszulassen, heisst keineswegs, dass man die Sünde loslässt. Die Sünde ist ein echtes Problem, weil sie die Unvollkommenheit und Zielverfehlung des Menschen beschreibt. Dieses Problem ist real und die Bibel skizziert eine Lösung und Erlösung von diesem Problem. Soweit sind wir jedoch nicht. Hier wird lediglich der Ursprung genannt. Der Ursprung liegt nicht in einem angeblichen «Fall», weder von Satan noch von den Menschen, und was den Menschen anhaftet, ist nicht die Sünde, sondern eine Sterblichkeit. Diese, schreibt Paulus, ist Anlass dafür, dass wir sündigen (Röm 5,12. Vergleiche den Beitrag: «Erbsünde hinterfragt»).
Eine andere Ausgangsposition
Nimmt man die Bibel ernst, gibt es weder Sündenfall noch Erbsünde. Zwei Probleme sind jedoch sehr real, die beide mit dieser Geschichte ihren Lauf nehmen: Der Ursprung von Sünde (Zielverfehlung) und Tod (Sterblichkeit) werden in dieser Geschichte lokalisiert.
Der Mensch ist zuerst sterblich. Paulus schreibt dann, dass diese Sterblichkeit Ursache für das Sündigen ist (Röm 5,12). Wenn wir geboren werden, sind wir also nicht «sündig» und deshalb nicht von Grund auf schlecht oder «Kinder der Verdammnis», sondern wir sind Mensch. Wir haben also ein paar Probleme, sind aber nicht selbst das Problem. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Es gibt eine andere Ausgangsposition, wenn wir den Sündenfall als Fehlannahme entlarven und Sterblichkeit und Tod nicht miteinander verwechseln. Denn wenn du dies liest, dann lebst du, auch wenn du sterblich bist. Wir ermangeln der Herrlichkeit Gottes, aber sind dadurch nicht verdorben. Jetzt geht es um eine Differenzierung bei der Beurteilung von uns selbst. Das wäre auch eine nüchterne Ausgangslage für die Erkenntnis der Lösung und Erlösung, über die die Bibel weiterhin spricht.
Erkenntnis des Guten
Zu dieser Geschichte in 1. Mose 3 kann man viele Fragen stellen. Etwa: Wer hat den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gepflanzt? War jetzt die Schlange das Problem, oder die Anwesenheit des Baumes? Weshalb wurde der Baum gepflanzt? Wäre der Baum nicht gepflanzt oder ausser Reichweite gesetzt gewesen, hätte es kein Verbot benötigt. Oder übersehen wir damit etwas?
Man könnte die Geschichte auch als positive Geschichte lesen. Das geht so: Gott pflanzt den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, weil er die Unschuld aufheben möchte. Es gab weder Erkenntnis des Guten, noch des Bösen. Der Baum ist zuerst der Baum der Erkenntnis des Guten. Das Böse wird erst an zweiter Stelle genannt. Man könnte auch sagen, dass die Polarität zwischen Gut und Böse unbekannt war. Mit der Übertretung trat diese Polarität jedoch ins Bewusstsein. Wenn Gott nun den Baum gepflanzt hat, war das vielleicht sogar Seine Absicht?
Die Übertretung ebnet den Weg für eine weitaus differenziertere Geschichte mit den Menschen, als in der Phase der Unschuld möglich war. Die Übertretung ermöglicht es, Liebe und Gnade auszudrücken. Das sind die Vorbedingungen dafür, dass Gott einst «alles in allen» sein kann (1Kor 15,28).
So betrachtet, kann es kein unerwarteter Sündenfall gewesen sein, sondern eher etwas, das von Anfang an – und mit einem Ziel vor Augen – bekannt war. Die Idee eines Sündenfalls, ob von Satan oder dem Menschen, suggeriert, dass Gott vom Üblen überrascht und überrumpelt wurde. Die Bibel spricht dagegen schlicht vom Ursprung und erlaubt es, hinter allem ein differenziertes Gottesbild mit einem positiven Ziel vor Augen zu erkennen.
Gut und Böse waren beide unbekannt. Durch die Übertretung des Gebots
Der Mensch wurde wie Gott
«Und Jahwe Gott sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unser einer, zu erkennen Gutes und Böses.»
1Mo 3,22
Der Mensch wurde wie Gott, indem er Gutes und Böses unterscheiden konnte. So wurde es möglich, dass auch das Gute einen Platz erhielt, wie Jesaja und Paulus darüber sprachen (Jes 52,7; Röm 10,15). Im gleichen Römerbrief schrieb Paulus, dass wir den «guten, wohlgefälligen und vollkommenen» Willen Gottes erkennen sollten (Röm 12,2). Ohne Sündenfall wäre das nicht möglich gewesen.
Der Mensch wurde wie Gott durch Erkenntnis von sowohl Gutem als auch Bösem. Differenzierung war möglich. Gegensätze werden jetzt erkannt. Es ist diese Erfahrung, die eine neue Erkenntnis gebracht hat. Im Buch Prediger geht es ebenfalls um diese Erfahrung und auch um die Erfahrung des Bösen. Sie ist von Gott gegeben (Pred 1,13). Mehr dazu in folgendem Beitrag:
Die Erfahrung des Menschen
Was lernt man jetzt über diesen Sündenfall? Sie war keine Überraschung, sondern von Anfang an zumindest eine Möglichkeit, weil ein Baum gepflanzt wurde.
Die Geschichte erzählt in einer Bildsprache, was die Erkenntnis war und wie diese Erkenntnis zunahm, als von der verbotenen Frucht gegessen wurde. Menschen wurden dadurch «wie Gott» im Erkennen von Gut und Böse. Auch wurde er sterblich und würde eines Tages sterben. Im Leben sollte es grosse Mühsal geben. Der Tod sollte das Ende werden und der Mensch mangelt der Herrlichkeit Gottes.
All das verweist auf die aktuelle Erfahrung des Menschen, wie diese auch heute zutrifft. Mir erscheint der Bibeltext nüchtern und hilfreich in der Beurteilung meines Lebens und Glaubens.

