Der Umgang mit der Bibel wird von Christen unterschiedlich gepflegt. Das ist eine wertfreie Feststellung. Oft ist die Sicht auf die Bibel so selbstverständlich in den Vorstellungen der eigenen Gemeinschaft eingebettet, dass sie nicht hinterfragt wird. In diesem Beitrag geht es um die Annahme, dass man die Bibel unbedingt wörtlich verstehen sollte. Wie soll man das verstehen?
Zuerst eine Positionsbestimmung von mir selbst. Nehme ich die Bibel ernst? Ja. Lese ich dadurch alles «wörtlich»? Nein. Die Unterscheidung ist wichtig. Ich möchte authentisch mit der Bibel umgehen, mit echten und ehrlichen Fragen sowie mit viel Neugier auf den Text. Was «wörtlich» heisst oder heissen soll, das weiss ich nicht. Das Wort ist schwammig und in der Bibel nicht zurückzufinden. Wir haben es hier also nicht mit einer Betrachtungsweise zu tun, die in der Bibel gelehrt wird. Wer die Bibel «wörtlich» lesen will, steht in einer bestimmten Tradition. Stehe ich nun in Deiner Tradition und sprechen wir dieselbe Sprache Kanaans? Ich weiss es nicht. Möglicherweise haben wir jedoch denselben Wunsch: die Bibel besser verstehen zu lernen, ohne vorschnell zu traditionellen Antworten der eigenen Gemeinschaft gedrungen zu werden.
Wie liest Du oder wie lese ich die Bibel? Authentisch gebe ich zwei Dinge an: Ich nehme die Bibel ernst und ich lese nicht alles wörtlich. Selbstverständlich ist damit vieles noch nicht ausgedrückt. Was meine ich mit der Bibel? Verstehe ich darunter die Übersetzung oder den Grundtext? Und was heisst «authentisch»? Ist das bloss meine Meinung oder ist es das, was ich heute verstehen kann? Wenn wir unterschiedlich denken, was bedeutet das? Und was heisst «ernst nehmen»? Ähnliche Vorbehalte treffen für den Begriff «wörtlich» zu, womit manche ihre Bibelbetrachtung gerne umschreiben. Ohne Erklärung ist es unklar, was man damit meint. Es wäre an dieser Stelle sehr interessant zu erfahren, wie jeder seine Beziehung zu dieser Bibel beschreibt. Ich vermute, dass es mindestens so viele Ansichten wie Menschen gibt.
Hier ist die Herausforderung: Wenn wir nicht über diese Wörter reden, verstecken wir uns hinter Wortgebilden, Traditionen und blinden Annahmen. Das hilft nicht weiter. Deswegen will ich hier thematisieren, was man mit einer «wörtlichen Auslegung» der Bibel über sein eigenes Verständnis aussagt.
Massstab der Rechtgläubigkeit
«Die Bibel wörtlich zu nehmen» ist nicht nur eine Selbstverständlichkeit für viele Christen, vorwiegend evangelikaler Couleur, sondern es ist auch so etwas wie ein Erkennungszeichen. Wenn man die Bibel wörtlich nimmt, so diese Idee, dann gehört man dazu. Es ist ein Erkennungszeichen, ein Code-Wort für Rechtgläubigkeit. Damit hat dieses Wort eine bedeutende Funktion. Es ist die Flagge, wonach alle schauen, ein klarer Punkt in der Landschaft, an dem man sich orientieren kann.
Wer die Bibel wörtlich nimmt, der steht in einer bestimmten Auslegungstradition und bekennt nicht nur, dass die Bibel für ihn ein Massstab ist, sondern auch, dass man die Auslegung und Interpretation ganz «buchstäblich» versteht. Dabei stehen die Begriffe «wörtlich» und «buchstäblich» für eine besonders fromme und wahrhafte Interpretation der Bibel. In Konsequenz heisst dies selbstverständlich, dass man die Bibel, nämlich die angenommene Wahrheit, absolut versteht und vertraut. Man reiht sich selbst in die Liste der Glaubenshelden aller Zeiten ein, zeigt aber durch absolute Annahmen, dass man vielleicht trotzdem einer Ideologie verfallen ist.
Die Bibel wörtlich zu glauben, kann demnach Ausdruck einer ideologischen Überzeugung sein und muss nicht zwingend ein Ausdruck von mehr Glauben oder einem besseren Bibelverständnis sein. Stimmt dieser Vorbehalt, hat man genau das Gegenteil von dem, was man vorhatte, erreicht. Ups!
Wörtlich oder buchstäblich?
Einige werden sagen, sie nehmen die Bibel «wörtlich», was eine besonders neutrale, wahre und treue Darstellung biblischer Aussagen bezeichnen sollte. Aber: An welchen Dingen misst man das? Mir fällt immer wieder auf, dass eine sogenannte wortgetreue Auslegung oft nur bestimmte Lehren und Vorstellungen bestätigen soll, statt den Text tatsächlich zu befragen. Das ist etwas anderes als eine neugierige, offene und ergebnisoffene Untersuchung. Das Letzte wird oft als bedrohlich empfunden, womit die ideologische Prägung deutlich wird.
Wo man auf die wörtliche Interpretation Wert legt, findet man häufig auch den Ausdruck «bibeltreu». Wenn sich also jemand als «bibeltreu» einschätzt, ist es recht wahrscheinlich, dass man die eigene Bibelinterpretation als «wörtlich» einschätzt. Die Benutzung dieser Begriffe sagt vielleicht mehr über Zugehörigkeit zu einer bestimmten christlichen Subkultur als über die tatsächliche Art der Exegese aus.
Wie zuvor erwähnt: Diese Begriffe sind nichtssagend. Man muss sie erklären. Es kann nämlich leicht missverstanden werden. Hier einige Beispiele:
- Paulus an Timotheus
Wenn der Apostel Paulus seine Briefe an Timotheus schreibt (1Tim 1,2; 2Tim 1,2), und ich das «wörtlich» interpretiere, dann ist das keine Botschaft für mich, sondern nur für Timotheus. Ein «wörtlich» glaubender Christ sollte dann konsequent sagen: «Finger weg von diesen Briefen!». Das wird aber keiner so interpretieren. Man nimmt es keinesfalls wörtlich. - Das Buch Offenbarung
Im Buch Offenbarung schreibt Johannes, dass er «im Geist in des Herrn Tag» war (Offb 1,10). Das erinnert stark an einen alttestamentlichen Ausdruck, den «Tag des Herrn». Mit anderen Worten: Er beschreibt möglicherweise eine Vision über die Zeit, die als «Tag des Herrn» bereits bei den Propheten bekannt war. Dorthin war er in einer Vision entrückt. Das ist nicht neu, sondern vertieft, was bereits alt war. Er hatte in dieser Vision Dinge gesehen, die er aufschrieb. Alles, was man dazu sagen kann, ist als Interpretation zu verstehen. Einige deuten seine Vision als Abbild der Kirchengeschichte, speziell die ersten paar Kapitel über die sieben Gemeinden. Andere deuten seine Vision als Abbild seiner Zeit. Wieder andere deuten diese Geschichten als prophetischen Ausblick auf eine kommende Zeit. In manchen Bibelübersetzungen wird «in des Herrn Tag» mit «am Sonntag» übersetzt. Alles klar? Ist das nun alles «wörtlich» zu verstehen? Was soll der Begriff «wörtlich» dort genau aussagen? Stelle Dir vor, Du könntest das beschreiben, was dort «wörtlich» sei, dann bestätigst Du lediglich die eigene Interpretation. - Epheserbrief
Der Epheserbrief heisst so, weil Paulus sich, laut dem Text, an die Gläubigen wendet, «die in Ephesus sind». Dabei ist es eindeutig, dass die Bezeichnung «in Ephesus» in den ältesten Handschriften fehlt, jedoch in dem Kodex Vaticanus von Hand neben dem Text hingekritzelt wurde. Die Wörter «in Ephesus» sind eine spätere Ergänzung. Der Brief war, wie viele andere Briefe auch, ein Rundbrief, der von vielen gelesen werden sollte (vergleiche auch Kol 4,16). Muss oder kann ich jetzt «in Ephesus» wörtlich interpretieren, oder kreiere ich damit eigene Probleme?
Diese paar Beispiele könnte man um typische Spracheigenschaften wie Bildsprache, poetische Sprache und dergleichen ergänzen. Diese erfüllen nicht den Zweck «wörtlicher» Berichterstattung, sondern erzählen das eigene Anliegen auf eigene Weise. Die Bibel kennt Bildsprache, Poesie und andere Textstile. Man spürt bereits, dass das Wort «wörtlich» nicht alles klärt, sondern ohne weitere Erklärung nichtssagend ist. Statt einer pauschalen Aussage mit realer Gültigkeit wendet man den Begriff «wörtliche Interpretation» recht willkürlich an. Wer wörtlich interpretieren will, geht selektiv vor. Wer meint, nur ein wörtlicher Umgang mit der Bibel wird dem Text gerecht, stellt sich vor allem elitär und selbstgerecht auf. Das ist keineswegs neutral.
Das mahnt zur Vorsicht.
Die Absicht verstehen
Wer die Bibel «wörtlich» verstehen will, hat in der Regel eine lobenswerte Absicht. Man möchte Gott «beim Wort nehmen» und, wie Paulus im Sturm, nicht nur an Gott glauben, sondern direkt Gott glauben, nämlich Ihn glauben, d.h. glauben, was Gott sagt (Apg 27,25).
Die Absicht ist gut. Das ist jedoch häufig nicht, was passiert. Wer die Bibel «wörtlich» interpretiert, meint in der Regel bloss zu sagen, dass man die eigene Tradition ernst nimmt. Wer das offen deklariert, steht authentisch im Dialog. Wenn jedoch nur mit einem ideologischen Wahrheitsbegriff argumentiert wird, bestätigt man bloss die Tradition. Das erkennt man daran, dass die Bibel nicht mehr zur Korrektur eingesetzt werden kann. Das ist schade, denn der Bibeltext hat oft mehr zu erzählen als vereinfachte Vorstellungen erfassen können.
Zusammenfassend: Die Absicht ist gut, die Umsetzung ist häufig jedoch mangelhaft und nicht neutral. Eine wörtliche Auslegung der Bibel ist oft nicht möglich, weil man auch dort, wo man diese Flagge hochhält, nicht wörtlich, sondern selektiv vorgeht.
Von heute auf damals schliessen
Wer die Bibel wörtlich nehmen möchte, kann dies nur selektiv machen. Das wurde hier oben vor Augen geführt. Das ist aber nur die eine Seite. Es gibt noch eine weitere Seite, die Beachtung verdient. Das ist diese: Wer die Bibel wörtlich verstehen will, hat in der Regel kein Interesse am damaligen Kontext, sondern schliesst von heute auf die damalige Zeit.
Das heisst, man schliesst vom heutigen Verständnis auf eine alte Schrift, verbietet sich und anderen nach dem damaligen Kontext zu fragen, weil das angeblich Unglaube und Liberalismus entspricht, und legt den Text anschliessend entsprechend der eigenen Tradition aus. Man schliesst zuerst von sich, von der heutigen Zeit oder von der angenommenen Wahrheit auf die Bibel, um dann die Bibel so auszulegen, wie man sie vorhin definiert hat.
Beispiel
Ein typisches Beispiel ist etwa die evangelikale Sicht auf «Homosexualität»: Das heutige Verständnis wird auf Texte der Bibel projiziert, um danach zu sagen, dass die Bibel Homosexualität abweist. Eine mehr differenzierte Sicht wird als «liberal» abgetan und eine wertfreie Untersuchung nach Text und (damaliger) Kontext wird aktiv dämonisiert.
Hier ist die Unterscheidung bei solchen Unterstellungen: Kann man die biblischen Referenzen einfach ignorieren? Natürlich! Aber hier ist die unbequeme Realität: Nicht jeder Versuch, den Text im damaligen Kontext zu lesen, ist von Unglaube geprägt, wie das unterstellt wird. Und: Wer den Text untersucht, tut dies, um der Bedeutung auf die Spur zu kommen. So können auch falsche Annahmen korrigiert werden. Das ist die Gefahr, wenn man sich bildet. Das heisst aber nicht, dass man entweder bei einer traditionellen Sicht oder beim Unglauben landet. Vielleicht ist die Realität etwas vielfarbiger und schlicht anders als heute.
Also, wenn jemand von den Annahmen der Gemeinschaft abweicht, heisst das nicht automatisch, dass die Ansichten dieses Menschen verdammungswürdig sind. Man kann den Spiess leicht umdrehen: Jeder, der einer ehrlichen Auseinandersetzung mit Text, Kontext und Kultur ausweicht oder dämonisiert, steht in Verdacht, die Bibel nicht ernstzunehmen.
Der Punkt ist dieser: Wer Fragen stellt, nimmt dadurch noch keine Position ein. Wer untersucht, der untersucht. Nichts weiter. In einem Umfeld, in dem in schwarzweissen Gegensätzen gedacht wird, ist es besonders schwierig, ohne sofortige Bewertung etwas zu denken oder zu sagen. Wer also nur eine Andeutung auf eine Differenzierung macht, wird sofort von Teufels Einfluss bezichtigt. Das muss nicht sein.
Bibelauslegung
Beachte, dass dies weder eine Auslegung noch eine Ablehnung ist, ich weder etwas gutheisse noch ablehne. Ich beschreibe hier lediglich Mechanismen im Umgang mit der Bibel. Ich werte hier weder die Theologie noch die Homosexualität. Diese Distanz nehme ich bewusst ein, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil ehrliche Textarbeit zunächst Beschreibung verlangt, nicht sofortige Bewertung. Wofür ich einstehe, ist dies:
- Lese den Text im Kontext und
- versuche, Text und Kontext als «Erstleser im damaligen Kontext» zu verstehen.
Den Text im Kontext zu lesen, ist die Basis jeder Textauslegung. Der ursprüngliche Kontext zu berücksichtigen, entspricht einem Respekt dem Text gegenüber. Wer jetzt aufschreit und von «Gottes ewiges Wort» spricht, das ohne Kontext gelten soll, missachtet, wie die Bibel entstand.
Es ist hilfreich, auf den ursprünglichen Kontext zurückzuschauen, nicht aus Liberalismus, sondern weil man den Text ernst nimmt. Tut man das, dann lässt sich vielleicht etwas hinzulernen, worüber man nachdenken kann. Nicht aus Unglaube, sondern aus Respekt. Der Bibeltext wurde nicht heute, sondern damals geschrieben. Das hat Bedeutung.
Ich plädiere für eine textimmanente Auslegung, wonach man anschliessend versucht zu verstehen, was Schreiber und Erstleser gemeint und verstanden haben. Das ist Respekt dem Text gegenüber. Wer die Entstehung, die Erstleser und den damaligen Kontext ausblendet oder meint, «wahrhaft Gläubige erkennen durch Gottes Geist, was dort gemeint ist», projiziert heutige (religiöse) Annahmen auf den Text. Das ist nicht hilfreich.
Dieses «von heute auf damals schliessen» ist ein Phänomen, das nicht nur bei Evangelikalen, sondern häufig auch bei Progressiven auftritt. Auch sie schliessen von heute auf damals. Sie schliessen möglicherweise von ihrem eigenen heutigen Empfinden auf eine alte Schrift, die sie nur durch die Brille einer bestimmten Gemeinschaft und Tradition kennengelernt haben. Sie werfen mit der eigenen negativen Erfahrung mit dieser Glaubensgemeinschaft und Glaubensprägung häufig auch andere Möglichkeiten der Interpretation weg, weil sie die Schrift mit der fundamentalistischen Auslegung gleichsetzen. Progressive stehen in der Gefahr, bloss die Tradition zu wechseln, nicht aber die Methode – sie projizieren immer noch von heute auf damals.
Die psychologische Seite dieser Ablehnung kann ich einordnen. Worauf ich versuche hinzuweisen, ist etwas anderes: Die Sichtweise ist möglicherweise nicht neutral. Natürlich kann man alles wegwerfen. Dagegen ist nichts gesagt, wenn das als einzige Möglichkeit erscheint. Aber ist das eine absolute Wahrheit, gültig für alle? Evangelikale sind häufig ideologisch geprägt. Progressive häufig jedoch auch. Man hat zwar das Lager gewechselt, jedoch keine wirklich neue positive Position gefunden. Würde es sich lohnen, darüber nachzudenken?
Evangelikale wie Progressive schliessen von der heutigen auf die damalige Zeit. Das darf man zwar tun, aber man wird dem Bibeltext nicht gerecht. Wer behauptet, «mein Verständnis ist die Wahrheit», hat im selben Moment eine differenzierte Betrachtung ausgeschlossen. Schade. Wenn ich Vorbehalte habe, ist das keine Relativierung einer «absoluten Wahrheit», sondern die Relativierung des Selbst.
Die Bibel beim Wort nehmen
Ich bin ganz dafür, die Bibel ernsthaft zu lesen, auch dann, wenn sie mein Verständnis oder das der Gemeinschaft hinterfragt. Dadurch kann ich lernen. Hier ist also der Unterschied:
- Wer die Bibel wörtlich nehmen möchte, meint das in der Regel positiv, aber erwartet häufig nichts anderes als eine Abbildung der eigenen Tradition. Kontert man liebgewonnene Ansichten mit anderslautenden Bibelstellen, kann das beunruhigen, weil es Bekanntes infrage stellt.
- Wer neugierig auf das Wort achtgibt, findet nicht immer die Tradition bestätigt, kann aber einen besseren Einblick in den Text gewinnen.
Die Frage ist demnach, ob man die eigene Tradition oder den Bibeltext als wichtiger erachtet. Ist es das Erste, dann erübrigt sich jede Differenzierung, weil man sich in eigenen Annahmen verschanzt. Ist es das Zweite, kann man untersuchen und danach wertneutral einordnen, was man gefunden hat. Das darf Neutralität und Nüchternheit markieren, woraus man erst zu einem ausgewogenen Verständnis und vielleicht zu einer authentischen Glaubensannahme gelangt. Eine Verheissung, die von Erfahrung spricht, gibt es hier:
«Wer auf das Wort achtet, wird Gutes erlangen.»
Spr 16,20
Dieser Artikel wurde nach Veröffentlichung sprachlich präzisiert.

