Ist die Bibel zuverlässig? (1)

Was heisst es, wenn wir von «Gottes Wort» sprechen?


Was meine ich mit «zuverlässig»?

Ist die Bibel zuverlässig oder nicht? Schwarz oder weiss? Bei einer solchen Frage lässt sich keine direkte Antwort geben, wenn wir nicht zuvor geklärt haben, was denn «zuverlässig» für uns heisst.

Hier ein Vergleich: Ein Käsehobel ist zuverlässig, wenn sie richtig und im Zusammenhang mit Käse verwendet wird. Für andere Aufgaben ist er eher ungeeignet. «Zuverlässigkeit» definiert sich also aus dem Zusammenspiel von «Werkzeug» und «Aufgabe», sowie der «richtigen Handhabung». Das ist mit der Bibel auch der Fall.

Wenn ich sage, dass die Bibel «zuverlässig» ist, dann meine ich damit eine verlässliche Verwendung für den anvisierten Zweck. Die Bibel spricht von Gott und der Welt und von uns Menschen. Es geht um Verhältnisse, Beziehungen, Erfahrungen, Ursprünge und Ziele. Das ist der Käse. Dafür ist der Hobel da.

Ein Käsehobel ist dagegen weniger geeignet zum Holz hacken (auch wenn der Griff möglich aus Holz besteht), um Eisenerz ans Tagelicht zu fördern (auch wenn der Hobel zweifellos aus Metall gemacht wurde). Eine uneigentliche Verwendung wäre wenig effizient. Nicht-passende Erwartungen lassen sich ebenfalls nicht erfüllen. Ein Käsehobel wäre hier nur das Beispiel aus dem Alltag. Wenn wir die Bibel vor Augen haben sollten wir jedoch auch daran denken, dass wir kein Universal-Werkzeug vor uns haben, sondern ein Buch mit einem bestimmten Ziel. Wir sollten die Bibel «schriftgemäss» verwenden, entsprechend dem eigenen Ziel. Sonst vergewaltigen wir die Bibel.

Verbalinspiration

Mit dem Wort «Verbalinspiration» wird ein Bibelverständnis gemeint, das jedes Wort als «von Gott inspiriert» sieht. Nach diesem Verständnis ist jede Buchstabe von Gott «vorgegeben». Verbalinspiration sagt: Es ist Gottes Wort, Wort für Wort und Buchstabe für Buchstabe – als wäre es diktiert. Für einige gilt diese Aussage für den Grundtext. Andere wollen diese Sicht gar auf bestimmte Übersetzungen (King James, alte Lutherübersetzung) übertragen. Man verteidigt dieses Wort als wäre es Gott selbst.

Nicht jeder sieht die Bibel als Diktat. Das lässt sich sogar aus der Bibel begründen. Manche Schreiber der Bibel stellen klar, dass sie selbst – als Mensch – reagieren, sprechen, schreiben (z.B. Jes 6,5 oder 1Kor 7,12). Deswegen ist es keine mechanische Wiedergabe, wie bei einer Diktiermaschine, «sondern von Gott her redeten Menschen, getrieben von Heiligem Geist» (2Pet 1,21 Elbf.). Die Menschenworte werden als übereinstimmend mit Gottes Absicht betrachtet. Die Worte sind immer noch Gottesworte, aber Gott hat den Menschen miteinbezogen.

Wer sich als «bibelgläubig» definiert (das sind nicht wenige), muss sich die Frage gefallen lassen, ob man jetzt an der Bibel glaubt? Und wie ist denn das mit Gott? Sind Gott und Bibel identisch? Oder ist Gott grösser als die Bibel? Das Wort «bibelgläubig» ist ein wirklich seltsamer Konstrukt gegen den Hintergrund der Bibel selbst. Ich selbst rede schon lange nicht mehr von «bibelgläubig», sondern davon, dass ich der Bibel und deren Aussagen «vertraue». Wie ich vertraue ist damit noch nicht geklärt. Es braucht Reflektion und einen Kontext, damit ich dieses «Vertrauen» eine Farbe und Identität gebe.

Es gibt allerdings auch andere Sichtweisen, die nicht weniger davon ausgehen, dass Gott der Autor der Bibel ist. Bei dieser anderen Betrachtung geht es um die Frage, wo die Autorität liegt. Zuverlässigkeit ist dort, wo die Autorität liegt, und nicht an einem anderen Ort. Es ist wohl Gottes Wort, aber es ist kein Diktat direkt von Ihm. Menschen haben Gottes Absicht wiedergegeben, aber mit den eigenen, menschlichen Wörtern. Deswegen können auch Schreib- oder andere Fehler enthalten sein. Gott Selbst wird dadurch nicht in Frage gestellt, so wenig wie die Zuverlässigkeit meines Vertrauens auf Ihn. Hier könnte man auch die Worte aus dem Buch der Sprüche bedenken: «Vertraue auf den HERRN mit deinem ganzen Herzen und stütze dich nicht auf deinen Verstand!» (aus: Spr 3,5-8).

Betrachten wir hier noch einmal den Text aus dem 2. Petrus Brief. Er schrieb, dass Menschen «von Gott her redeten, getrieben von Heiligem Geist», aber sie taten dies mit eigenen Worten. Die Wörter tragen die Botschaft, so wie das Papier die Schrift aufnimmt, aber die Unfehlbarkeit liegt beim Autor, nicht bei der menschlichen Abschrift.

Jetzt haben wir bereits zwei Begriffe:

  • «Zuverlässigkeit», ein Begriff den wir für die Bibel klären wollen, und
  • «Autorität», woraus die Zuverlässigkeit hervorgehen will.

Wo liegt die Autorität der Bibel?

Diese Frage ist nicht Ausdruck von Zweifel, sondern davon, dass ich die Bibel so verstehen möchte, wie sie gemeint ist. Ich will der Bibel keine Ideologie überstülpen und auch keine noch so gut gemeinte Autorität unterstellen. Es ist eine neutrale Frage, aber ich stelle sie aus der Erfahrung heraus, dass dieses Wort mich definitiv näher zu Gott gebracht hat und ich dieses Wort als «vertrauenswürdig» erfahre. Aber was genau heisst das? Bin ich mir meinen eigenen Annahmen bewusst? Verstehe ich, was die Bibel selbst zu diesem Thema sagt – oder auch nicht sagt?

Worin also liegt die Autorität der Bibel? Mögliche Varianten:

  • Liegt sie in der Göttlichkeit/Buchstäblichkeit der Worte?
    Das Wort wäre göttlich, nämlich Gott selbst, oder mit ihm gleichzusetzen.
  • Liegt sie in der Realität Gottes, der sich uns offenbart?
    Das Wort ist von Gottes Geist durchdrungen, und zwar so, dass wir dadurch Ihn kennenlernen. Das Wort ist nicht göttlich, aber der Geist, den das Wort durchweht, ist göttlichen Ursprungs. Es ist eine zweckgebundene Zuverlässigkeit, nicht aber per sé in jeder Buchstabe geklärt.
  • Liegt die Autorität im Zeugnis der Menschen, die das Wort geschrieben haben?
    Geht es um die menschliche Geschichten vom lebendigen Gott? Das Zeugnis ist real, und in diesem Sinne sind die Geschichten real und zuverlässig.

In keinem dieser Ansichten, die ich einfach mal probehalber aufgeführt habe, wird die Existenz Gottes bezweifelt, noch wird der Wert der Bibel als «Wort Gottes» bezweifelt. Trotzdem sind die Sichtweisen recht unterschiedlich. Ich lasse das gerne einmal wertfrei als Anregung so stehen.

Den Text für sich selbst sprechen lassen

Die Idee der Verbalinspiration hat mich sehr viel gelehrt. Dasselbe gilt aber auch für eine moderne Bibelwissenschaft. Es ist kein «entweder/oder» Vergleich. Ich muss für mich selbst entscheiden, was ich hier wie dort als wertvolle Information mitnehme. Beide Sichtweisen bereiten mir auch Schwierigkeiten. Das liegt nicht sosehr an die gewonnene Einsichten, als mehr an der Haltung, womit sie kommuniziert wird. Vertreter beider Richtungen haben ich zuweilen als stur und einseitig empfunden. Vermutlich fällt mir das auf, weil ich es selber auch sein kann.

Für mich geht es schon lange nicht mehr um einen ideologischen Grabenkampf zwischen verschiedenen Lagern. Denn die Bibel will zuerst einfach gelesen werden. Es ist ein Buch. Wer meint, man könne das Buch nur mit einer einzigen bestimmten Brille auf lesen, verpasst den Reichtum des Austausches, des Dazulernens, der grösseren Gemeinschaft.

Wenn ich die Bibel lese, dann gehe ich davon aus, dass der Text sinnvoll ist. Welcher Sinn, das kann ich versuchen zu verstehen. Die Zuverlässigkeit der Bibel kann ja nicht sein, dass alles «buchstäblich» wahr wäre, denn dann liegt der Fokus auf den Träger der Botschaft (der Buchstabe), nicht auf die Botschaft selbst (der Geist. vgl. 2Kor 3,6). Sinnvoll ist der Text nicht wegen den Buchstaben, sondern wegen der Botschaft, wegen dem Geist und dem Leben, die darin enthalten sind (Joh 6,63).

Lese ich die Schrift, dann gebe ich dem Text – und damit dem Autor – erst einmal Raum die Geschichte zu erzählen. Wenn ich lese, dann will ich hinhören. Natürlich liest kein Mensch unvoreingenommen, aber ich kann mich darum kümmern, den Text ernst zu nehmen.

Lese ich von «Israel», dann gehe ich davon aus, dass Israel gemeint wird. Sollte es anders sein, dann muss ich das im Kontext begründet sehen. «Speisung der 5000»? Dann höre ich zuerst hin, und verheddere mich nicht in «das ist ein Wunder» oder «es gibt keine Wunder». Die Speisung der 5000 ist keine Lehre über Wunder. Die Geschichte hat ein ganz anderes Ziel. Ich bezweifle die Geschichte nicht, wenn ich zuerst und vor allem danach frage, was denn genau bezeugt wird. Es war zweifellos wichtig, die Leute zu sättigen, aber das war nicht das Ziel. Jesus war und ist nicht im Business der Wunder, der Gastronomie oder der Logistik.

Manchmal muss man beim Lesen die eigenen eingeschliffenen Gedanken einmal hinterfragen. Nicht, damit etwas als «richtig» oder «falsch» definiert wird, sondern damit man wieder unvoreingenommen, sozusagen «ergebnisoffen» dem Text begegnen kann. Neugierig sein. Offen sein dafür, Neues zu lernen.

Wenn es beispielsweise in den ersten Versen der Bibel heisst: «In [einem] Anfang schuff Gott Himmel und Erde…» (1Mo 1,1), dann wird im Text eine Verbindung zwischen dem Einen Gott und der Realität um uns herum hergestellt. Die haben direkt miteinander zu tun. Es geht um Gott und die Welt, nämlich um die Welt, in der wir leben. Diese Eingangsverse sagen uns, dass dieser Gott die Welt um uns herum erschaffen hat. Es geht darum einen Link zwischen Gott und uns zu erstellen. Es ist keine Aussage über «Schöpfung» kontra «Evolution», keine naturwissenschaftliche Aussage, worin es um «richtig» oder «falsch» geht. Weder Mose noch eines der Propheten, weder Jesus noch eines der Apostel, fordert uns auf «an die Schöpfung zu glauben und gegen die Evolution zu sein». Werden wir in solche Grabenkämpfe verwickelt, dann befindet man sich schlagartig auf einem Nebenschauplatz. Der Bibeltext spricht von etwas anderem.

Was immer die Bibel zu sagen hat, wir müssen sie zuerst einfach nur lesen.

Hinweise der Bibel

Die Bibel ist nicht schwarzweiss. Gotteswort oder Menschenwort? Darum geht es gar nicht. Es geht darum, auf welche Weise die Bibel Gottes Wort ist. Hinweise dazu gibt es genügend in der Bibel selbst. Wenn wir die Bibel ernst nehmen, werden wir anfangen zu differenzieren. Hier einige Beispiele:

  • Menschenworte in der Bibel
    Einige Worte stehen zwar «in der Bibel», aber sie sind deutlich «Menschenworte». So zum Beispiel in Apostelgeschichte 17,23, wo von einer Aufschrift auf einem Götzenaltar die Rede ist. Sie sind Teil der Bibel, aber nicht unbedingt Aussagen von Gott selbst.
  • Es kommt auf jeden Buchstaben an
    Gleichzeitig können wir erkennen, dass hier und dort Bibeltexte von Bibelschreibern «ultra-buchstäblich» gelesen wurden. So wird in Galater 3,16 beispielsweise der Unterschied zwischen Einzahl und Mehrzahl hervorgehoben.
  • Persönliche Perspektive
    Manchmal geht es auch um eine persönliche Wahrnehmung eines Bibelschreibers. Sie ist völlig richtig aus seiner Perspektive, jedoch grundlegend falsch aus wissenschaftlicher Perspektive. So berichtet Lukas von einer Schiffsreise, «dass sich ihnen Land näherte» (Apg 27,27). So hatten es die Schiffsleute wahrgenommen. Es ist eine Wahrnehmung, aber keine Physik. Vieles in der Bibel wird aus dem Blickwinkel der Wahrnehmung beschrieben. In einem ganz anderen Kontext hat Paulus einmal zwischen den Worten von Jesus (1Kor 7,10) und seiner eigenen Einschätzung (1Kor 7,12) deutlich unterschieden.
  • Bildsprache
    Die Bibel steht voller Bildsprache. Wenn Paulus auf seiner letzten Reise den Schiffsleuten zuspricht «keinem von euch wird ein Haar des Hauptes verloren gehen» (Apg 27,34), so ist es klar, dass hiermit keine Erfolgsaussichten für den Coiffeur gemeint sind, sondern sie sollten alle «vollständig gerettet» werden, sogar wenn dabei unversehens ein paar Haare in die Fluten verschwinden würden. Denn in der Bildsprache geht es nie um das Bild, sondern um das, was damit ausgedrückt werden soll. Zwischen Bild und Aussage muss stets klar unterschieden werden. Ultra-buchstäblich ist manchmal ultra-ungeschickt.

Verstehen wir diese und weitere Punkte, dann lernen wir beim Lesen den Text besser verstehen, wir erfassen einen roten Faden, erkennen, dass eine Geschichte erzählt, ein Anliegen erklärt wird. Buchstäblichkeit allein ist nämlich keine Garantie für ein besseres Verständnis – im Gegenteil! Eine blinde Buchstäblichkeit verkennt die Sprache und den Kontext. Die Bibel ist nun mal geschrieben in einer Sprache, mit Wörtern und Beispielen aus einem Alltag, der sich vor 2000–3500 Jahren abgespielt hat. Ist es Gotteswort? Ja, aber es ist auch Menschenwort, nämlich Gottes Aussagen in einer Form, wie wir sie verstehen können, gesprochen und geschrieben von Menschen. Das sollten wir einblenden, nicht ausblenden.

Im nächsten Beitrag zum Thema werden wir einige Bibelstellen näher betrachten, die als Begründung für eine Verbalinspiration zitiert werden.

Vertiefung

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  • Lesetip: Siegfried Zimmer, Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Klärung eines Konflikts.
    ISBN 978-3-525-57306-8. Auch als e-Book: ISBN 978-3-647-57306-9.
  • Die moderne Bibelwissenschaft ist auch als «bibelkritisch» verschrien. Wie wird das in Deiner Gemeinschaft gesehen? Wird das in Detail begründet? Wird gegen «die Liberalen» gewittert? Oder sieht man auf die «Fundis» herab?
  • Es gibt durchaus kritische Stimmen zur modernen Bibelwissenschaft, wie beispielsweise von der Theologin Eta Linnemann.
  • Gegenüber der Bibelgläubigkeit kann es eine Wissenschaftsgläubigkeit geben. Sind das die zwei Alternativen, die wir haben? Oder spricht die Bibel selbst von etwas anderem? Was ist eigentlich Gegenstand unseres Glaubens?
  • Die historisch-kritische Theologie stammt aus Deutschland. Bibelwissenschaft gibt es jedoch auch in anderen Ländern. Differenzierung: Viele Menschen haben sich mit unterschiedlichen Resultaten wissenschaftlich mit der Bibel auseinandergesetzt. Kennst Du andere Sichtweisen?