Einst betrachtete ich mich als bibeltreu, während ich christliche Ideologien auf den Leim gegangen war. Was als «bibeltreu» verkauft wurde, entpuppte sich immer wieder als christliche Ideologie. Heute verstehe ich, dass dies passieren kann. Mein Weg hinaus aus der Enge bestimmter Annahmen war auch Weg zu einem befreiten Glauben. Mein Hilfsmittel dabei war primär die Bibel.
Bibel als Medizin gegen christliche Ideologien? Ja, das geht. Die Bibel ist nicht so eng und verschroben, wie manche Christen das eigene Verständnis ausleben. Nachfolgend werde ich ein paar Dinge auflisten, die ich bis heute bei selbst ernannten «bibeltreuen» Christen feststelle. Dabei geht es mir nicht darum, etwa den Wert der Bibel zu diskreditieren. Mir geht es vielmehr darum, einen ungesunden Umgang mit der Bibel hervorzuheben, damit man es, im Sinne eines ständigen Lernens, stetig besser machen kann.
Wann wird eine Bibelauslegung chaotisch?
Willkür in der Auslegung führt zu chaotischer Bibelauslegung. In der Regel heisst das, dass man zwar Bibelstellen zitiert, jedoch nur aus dem Blickwinkel der eigenen Tradition, die man mit der Bibel selbst verwechselt. Zwei Dinge fallen dabei besonders auf:
- Keine Übereinstimmung mit dem Grundtext.
- Keine Übereinstimmung mit dem Kontext.
Eine chaotische Bibelauslegung findet durch Missachtung von Text und Kontext statt, was besonders durch fixierte Glaubensvorstellungen geprägt wird. Dabei werden zwar Bibeltexte zitiert, jedoch nur zur Ausschmückung der eigenen Vorstellungen.
Beispiel 1
Bibelstellen als Alibi. Oft habe ich bei Sonntagspredigten erlebt, dass gelegentlich Bibelstellen «eingestreut» werden, als würde man damit die Erzählung begründen und unterstützen. Die Bibel und ihre Geschichte selbst stehen nicht im Zentrum, sondern die Bibel wird lediglich als Alibi zitiert, um einen biblischen Bezug vorzugaukeln, der nicht gegeben ist. Themen-Predigte sind oft so geprägt.
Beispiel 2
Auslegung im Zirkelschluss. Bei Predigten oder in Bibelstudien werden Bibelstellen zitiert, von dem man auf Vorderhand etwas behauptet, weshalb man die Bibelstellen danach zitiert. So lässt man die Bibel genau sagen, was man selbst meint. Das ist keine Exegese, sondern Eisegese; es ist keine Auslegung, sondern Einlegung. Besonders penetrant ist diese Auslegungsart bei Befürwortern einer Hölle. Hier liest man zuerst in die Bibel etwas hinein, bevor man sie anschliessend herausliest. Jesus hat keine Hölle introduziert, sondern sprach von der Gehenna, womit etwas ganz anderes als eine mittelalterliche Hölle gemeint ist. Das fällt so lange nicht auf, als man darauf beharrt, zuerst festzulegen, dass Jesus von der Hölle sprach, um danach die Aussagen der Gehenna aus dem Kontext zu reissen und im Sinne der Tradition auszulegen.
Es reicht eben nicht, eine Bibelstelle zu zitieren, um etwas zu «beweisen».
Blinde Flecken im Verständnis
Jeder steht in der Gefahr, von den eigenen Vorstellungen ausgetrickst zu werden. Dann entstehen blinde Flecken im Verständnis der Bibel. Das können Bibelbücher oder Themen sein, die man nicht versteht. Luther etwa schrieb im Vorwort zu seinem Buch über den Hebräerbrief, dass der Jakobusbrief eine «stroherne Epistel» sei. Er konnte die Rechtfertigungslehre von Paulus im Römerbrief mit den Aussagen im Jakobusbrief nicht vereinen. Und Calvin konnte etwa mit dem Buch Offenbarung nichts anfangen, weil er in seiner Theologie dafür keinen Platz hat.
Ein anderes Beispiel: Dieses Jahr habe ich den Römerbrief (II) von Karl Barth noch einmal gelesen. Als reformierter Theologe steht er in einer bestimmten Tradition. Kapitel für Kapitel ist er durch den Römerbrief hindurchgegangen und hat dabei sehr viel Glaubensweisheit und Einsicht weitergegeben. Ein blinder Flecken fiel mir aber auf. Überall, wo Paulus von «Israel» schrieb, münzte Karl Barth das verzögerungsfrei auf «die Kirche» um. Das ist vielleicht am ehesten eine Auswirkung der Bündnistheologie, worin die Kirche das Volk Israel «abgelöst» hat. Es ist, als hatte Karl Barth dort eine theologische Brille auf, die verhinderte, dass er einfach «Israel» lesen konnte und dabei tatsächlich am Volk Israel dachte. Vieles im Römerbrief bleibt so verborgen, etwa die Auseinandersetzung über die Bedeutung von Israel und Unterschiede zur heutigen Kirche. Paulus hat ebenfalls betont, dass Israel keinesfalls ausser Spiel gesetzt wurde (Röm 11,25-27). Wenn eine Theologie aber genau dies lehrt, prägt das offenbar auch die Sicht auf Teile der Bibel. Wohl deshalb ist Israel in den meisten Kirchen kein Thema heute, obwohl es das bei Paulus war.
Keiner ist vor solchen blinden Flecken gefeit. Sich dessen bewusst zu bleiben, kann vor Hochmut schützen.
Merkmale chaotischer Bibelauslegung
Chaotische Bibelauslegungen haben gewisse Merkmale. Nachfolgend nenne ich einige dieser Merkmale. Sie dienen bloss zur Orientierung. Anschliessend werden einige Konzepte beschrieben, die dabei helfen können, chaotische Bibelauslegungen zu vermeiden.
1. Mehr Bibelstellen sind nicht immer besser
Ich kenne viele Bibellehrer evangelikaler Prägung, die ein wirklich grosses Bibelwissen haben. Ich wage nicht, mich mit ihnen zu vergleichen. Einige haben sich jedoch die Aura eines Bibellehrers angeeignet und bezeugen das in Unmengen von biblischen Zitaten. Die Menge der Bibelzitate begründet jedoch nicht den Wahrheitsgehalt einer Lehre.
Pro: Bibelstellen werden in der Regel als Begründung zitiert. Dahinter kann schlicht die Annahme stecken, dass «viel» einfach «besser» ist. Zumindest kann es das für den arglosen Leser sein, der von der Menge der Bibelstellen überwältigt, daraus folgert, dass es «also» wahr sein muss. Das ist fehlgeleitet.
Kontra: Ist mehr tatsächlich besser? Dann muss man hinschauen. Sinnvoll sind Bibelstellen, worin das Gesagte buchstäblich steht. Das ist häufig nicht so. Regelmässig begegnen mir Texte und Videos, worin etwas behauptet wird, das in den zitierten Texten mit keinem Wort erwähnt wird.
So las ich letzthin einen Text, worin jemand versuchte, die Hölle mit Bibelstellen zu begründen. Es wurden über 60 Bibelstellen im Neuen Testament erwähnt. Das sind wirklich viele Bibelstellen. Man würde meinen, dass die Hölle im Neuen Testament breit ausgemessen wird, nur wegen der Menge dieser Bibelstellen. Gleich anschliessend wurde vermerkt, dass es mehrere Wörter für «Hölle» gibt, jedoch das Wort für «Gehenna» wohl am ehesten zutraf. Und hier liegt nun das Problem: Es gibt keine 60 Bibelstellen zur Gehenna im Neuen Testament. Was war hier passiert?
Das griechische Wort Gehenna (gr. γέεννα) wird lediglich 12x im Neuen Testament erwähnt. Das ist überschaubar und die Stellen lassen sich stimmig im jeweiligen Kontext prüfen. Wie ist es jetzt mit den übrigen 48+ Bibelstellen, die erwähnt wurden? Dort wurde die Idee einer Hölle hineininterpretiert, bevor man es herauslas. In der Darstellung wurden viele Bibelstellen erwähnt, die nur ein bereits bestehendes Bild einer Hölle bestätigen konnten. Das Problem besteht also nicht in der Menge der Bibelstellen, sondern in einer wahllosen Anwendung. Spricht man etwa von einer Hölle, muss man klären, um welches Wort es geht, wo das Wort genutzt wird und dann diese Bibelstellen gesondert betrachten. Meint man dann, dass viele weitere Stellen damit zu tun haben, müsste man einen klaren Link zwischen den ersten Bibelstellen einer angeblichen Hölle und den damit verknüpften Gedanken finden und aufzeigen können, dass diese Dinge zusammengehören. Gelingt das aus Kontext und Grundtext nicht, ist der Beweis einer Verknüpfung nicht gegeben. Das wäre meiner Erfahrung nach typisch für die sogenannte Hölle-Lehre.
Projektionen und wahllose Anwendung von vielen Bibelstellen machen etwas nicht besser. Eine Lehre entsteht nicht durch viele Bibelstellen, sondern durch eine sorgfältige und gut begründete Exegese aus dem Text heraus, wobei man einzelne Begriffe klärt und nicht wahllos miteinander verknüpft.
2. Die Bibel ist kein Einheitsbrei
Die Idee, dass alles in der Bibel «etwa vom Gleichen» spricht, ist pure Ignoranz gegenüber dem Text. Diese Idee gehört leider zu den Grundannahmen vieler Christen. Hier darf man unterscheiden lernen: Die Bibel ist eine Geschichte in Entwicklung und so entwickelt sich ihre Botschaft. Es ist zwar alles für mich, damit ich davon lernen kann, aber nicht alles spricht von mir und kann ich direkt auf mich oder auf die heutige Zeit anwenden.
Pro: Manche Bibelausleger schaffen es, in allem etwas Positives und Verbindendes zu sehen, etwas zum Aufbau zu erkennen. Das ist wunderbar und für eine Ermutigung und zum Aufbau oft hilfreich (vgl. 2Tim 3,16-17).
Kontra: Es ist nicht alles gleich in der Bibel. Die Bibel ist kein Einheitsbrei. Es gibt grosse Unterschiede in der Botschaft, Zielgruppen und Ziele. Wir werden selbst in der Bibel nicht genannt und die Relevanz für die heutige Zeit bedarf Überlegung und Interpretation. Die Bibel entstand in der Geschichte und berichtet von einer Entwicklung. Wer Antwort auf dringende Fragen haben will, ist nicht mit diffusen Aussagen gedient. Wer konkret fragt, möchte auch konkrete Antworten haben. Es ist deshalb hilfreich, bei konkreten Fragen den Text genauer zu untersuchen, auf Unterschiede zu achten und diese sorgfältig zu analysieren.
Ein allgemeines Verständnis der Entwicklung in der Bibel ist nützlich. Besonders hilfreich ist es, wenn man Schlüsselstellen in der Bibel erwähnen kann, welche diese Entwicklungsstufen kennzeichnen. So kann man lernen, warum man eher diese und nicht jene Bibelstellen für heute gelten lassen soll. Eine Arche zu bauen, ist keine Aufgabe für heute, auch wenn die Aufgabe für Noah in der Bibel erwähnt ist. Nicht alles in der Bibel spricht also von meiner Situation, obwohl ich aus allen Geschichten etwas lernen kann.
3. Ideologien erkennen
Chaotische Bibelauslegungen sind häufig ideologisch geprägt. Damit meine ich nicht, dass sie mir «fremd» sind und ich sie deshalb ablehne. Ideologien kann man als «erstarrte Leitbilder» beschreiben. Es sind Ideen über Gott und die Welt und wie sie funktionieren. Häufig sind es Ideen, die eine Vereinfachung unserer komplexen Welt bieten. Die komplexe Realität wird auf wenige Themen und Ansichten begrenzt, die von möglichst vielen Leuten unbedingt geglaubt und mit Feuer und Schwert verteidigt werden (müssen). Es gibt Ideologien für alle Lebensbereiche. Auch christliche Ideologien sind so geprägt. Es sind erstarrte Lehransichten, die oft eine tragende Funktion in traditionellen Gemeinschaften erhalten. Wer darin steht, muss sich an die Vorstellungen der Ideologie halten, sonst ist man nicht «rechtgläubig». Menschen können von diesen Arten von Glaubenssystemen, mehr als von Gott, abhängig werden. Dann glaubt man plötzlich «an die Hölle», «an die Bibel», «an Geistesgaben» und dergleichen mehr. Man hebt etwas hervor, das nichts mit Gottvertrauen, wohl aber mit bestimmten Vorstellungen zu tun hat. Das sind sichere Hinweise auf ideologische Prägungen.
Pro: Viele Menschen sehnen sich nach Zuverlässigkeit. Eine «richtige» Bibelauslegung erscheint ein vereinfachter Weg in die Glückseligkeit zu sein. Starre Leitbilder sind attraktiv, primär für Menschen, die von Angst und Unsicherheit geplagt sind. Das sind sehr viele Menschen. Gesetzlichkeit und Abgrenzungslehren (Hölle, Vernichtung, sektenhafte Ausprägungen der Gemeinschaft und dergleichen Dinge mehr) finden hier ihre treuesten Anhänger. Wenn ich «richtig» glaube, kann das dabei helfen, andere Fragen auszuweichen und eine scheinbare Sicherheit und Angstfreiheit zu erlangen. Ideologien erfüllen m. E. Funktionen, die nicht sosehr von dem Inhalt der Ideologie sprechen, als eher von der Auswirkung dieser «Sicherheit» auf das Gemüt des Nachfolgers. Der Wunsch nach Sicherheit erscheint, oberflächlich betrachtet, etwas Gutes zu sein. Deshalb sind sektenähnliche Gemeinschaften durch Ihre Enge attraktiv und es gibt viele Menschen, die Hölle-Lehren in ihrem Glaubensverständnis unbedingt benötigen. Gottvertrauen wäre nüchtern betrachtet zwar einfacher und wirksamer, aber wenn es das gerade nicht gibt, bieten Ideologien und Sekten so etwas wie eine Alternative.
Kontra: Lebendiger Glaube hat mit erstarrten Leitbildern nichts am Hut. Wer Sicherheit will, findet sie nicht in Ideologien, sondern im Vertrauen auf Gottes Wirken. Ideologien versprechen Abkürzungen in die Glückseligkeit, während die Bibel die Komplexität der Welt konkret beschreibt. Die Narrative der Bibel, worin es einen Ausweg und Lösung richtiger Probleme gibt, baut auf Gottes Wirken selbst auf, nicht auf Ideen über Gottes Handeln. Die Bibel ermutigt dazu, Gott selbst zu vertrauen. Es geht nicht darum, nur das vermeintlich Richtige zu tun. Wer das Letzte betont, steht ebenfalls in einer Ideologie, die vermutlich von Gesetzlichkeit geprägt ist.
Eine Ideologie legt die Betonung auf den Menschen. Wer von Ideologien frei ist, wird Gottes Wirken betonen. Noch einmal anders gesagt: Wer gelernt hat, aus Gottes Gnade zu leben, benötigt keine Ideologien mehr. Wer keine Ideologien mehr benötigt, kann anfangen, die Bibel für sich selbst reden zu lassen und wird wieder neugierig, zu erfahren, was man neu lernen kann.
4. Unsere Annahmen über den Text
Keiner denkt und glaubt in einem luftleeren Raum. Wir haben unser Denken geprägt, bevor wir die Bibel ernsthaft zu lesen begannen. Überall schwingen Annahmen mit. Sich dessen bewusst zu sein, kann dabei helfen, mehr Klarheit und Differenzierung zu gewinnen.
Pro: Es ist gut, von etwas auszugehen. Nur so können wir uns vorwärts bewegen. Es ist logisch, dass wir beginnen, womit wir vertraut sind. Wir benutzen Worte, weil wir damit etwas verknüpfen, das uns bekannt ist. Keiner kommt darum herum. Was wir jedoch annehmen, muss nicht richtig sein. Wer jedoch ausgeht, von dem, was er versteht, ist nüchtern. Noch nüchterner ist, wer seine eigenen Ansichten nicht vergöttlicht.
Kontra: Es gibt viele Annahmen über die Bibel, von denen man ausgeht, ohne sich je darüber Gedanken gemacht zu haben. Annahmen über die Bibel können einem besseren Verständnis im Wege stehen. Wer den Wunsch hat, den Text ernstzunehmen, ist oft damit gedient, sich den eigenen Annahmen über den Text bewusst zu werden. So kann man den eigenen Einblick relativieren und wenn nötig durch bessere Erkenntnisse ersetzen.
Es ist erstaunlich, wie häufig aus den Evangelien zitiert wird, als sprechen diese Berichte von der heutigen Zeit.
Beispiel
Es ist erstaunlich, wie häufig aus den Evangelien zitiert wird, als sprechen diese Berichte von der heutigen Zeit. Dazu geführt haben unter anderem folgende vorgefasste Meinungen:
-
- Überall, wo Jesus draufsteht, ist heutige Gemeinde drin
Diese Sicht missachtet die Aufgabe, welche Jesus selbst angibt (Mt 15,24) und etwa von Paulus bestätigt wird (Röm 15,8). - Altes und Neues Testament
Die Unterscheidung zwischen «Altes Testament» und «Neues Testament» ist künstlich. Es geht nicht um ein Testament, denn dieses wird nur wirksam, wenn der Erblasser stirbt. Jesus jedoch stirbt nicht mehr, sondern wurde lebendig gemacht jenseits der Kraft des Todes (1Kor 15,20). Der Begriff «Testament» ist nicht zutreffend. Gemeint sind «Alter Bund» und «Neuer Bund», als hat die Gemeinde («Neuer Bund») das Volk Israel («Alter Bund») abgelöst. Das ist eine Folge der Bündnistheologie. Dadurch hat Israel «abgetan» und man liest überall im Neuen Testament nur die heutige Gemeinde. Das ist eine theologische Interpretation, keine Aussage vom Text. Paulus schreibt etwa, dass wir Jesus nicht mehr so kennen, wie er «im Fleisch» in der Zeit der Evangelien gelebt hat (2Kor 5,16). Auch sollte man hellhörig werden, wenn ein Neuer Bund nur dem Volk versprochen wird, der ein Alter Bund erhielt (Jer 31,31). Die heutige Gemeinde aus allen Nationen hatte nie einen «alten» Bund. Auslegungen sollten das berücksichtigen, nicht herunterspielen. Wer das jedoch tut, geht von theologischen Annahmen aus, nicht vom Text. Wenn aber Gott Israel nicht verstosst, wo liest man dann davon im Neuen Testament? Findet man das heraus, läuft die Grenze nicht mehr zwischen AT und NT, sondern anderswo. - Gott ist immer Derselbe und deshalb spricht alles von mir
Diese blinde Annahme ist ein Kurzschluss. Gott ist zwar immer Derselbe, aber er handelt nicht immer gleich. Die vereinfachte Sicht «alles spricht von mir» ist nicht mit der biblischen Geschichte zu vereinen. Zwar ist alles «für mich», nämlich in übertragenem Sinne, aber nicht alles spricht direkt «von mir». Das ist eine nüchterne Haltung, die Raum für Differenzierung lässt. Ich kann zwar aus allem lernen, aber Gott spricht einmal zu Adam, ein andermal zu Mose, ein weiteres Mal durch den Sohn und später durch Apostel. Nüchternheit gebietet mir zu erkennen, dass kein Mensch, der heute lebt, mit Namen in der Bibel genannt wird. Wir gehören vielleicht zu einer Gruppe, die in der Bibel genannt wird. Deshalb können wir nur interpretieren und versuchen zu verstehen, worum es geht. Trotzdem können wir Wertvolles aus der Bibel ableiten. - Es gibt nur eine Gemeinde, nur ein Evangelium
Wir sprechen hier von Interpretation und Bibelverständnis. Viele gehen davon aus, dass es nur eine einzige Gemeinde und nur ein einziges Evangelium gibt. Das ist in den meisten Gemeinschaften die Grundlage. Beides stimmt jedoch nicht. Es ist eine Interpretation. Die Annahmen prägen ganz viele Ideen über die Gemeinde heute und wofür sie steht. Die Wörter «Gemeinde» und «Evangelium» sind neutral. Schaut man nach, wie diese Begriffe im Neuen Testament verwendet werden, erkennt man leicht, dass verschiedene Evangelien und Gemeinden genannt werden.- Jesus verkündete etwa das «Evangelium des Königreichs» (Mt 4,23), worin das Thema das bevorstehende messianische Königreich speziell für Israel war. Das war die Hauptlast der Evangelien. Von einem «Evangelium der Gnade» hört man erst viel später (Apg 20,24; vgl. Eph 3,1-2).
- Ebenso wird das Wort «Gemeinde» in den Evangelien erwähnt (Mt 16,18), wobei Petrus dort, entsprechend dem Evangelium des Königreichs, bildhaft die Schlüssel zu diesem «Königreich der Himmel» verwalten sollte (Mt 16,19). Diese Gemeinde betraf deshalb das Königreich der Himmel, ein Hinweis auf das messianische Königreich, wie Daniel darüber sprach (Dan 2,44; Dan 7,27). Nur weil das Wort «Gemeinde» genutzt wird, heisst das noch lange nicht, dass damit die heutige Gemeinde bezeichnet wird, worin Menschen aus allen Nationen teilnehmen. Sogar Israel in der Wüste wurde als «ekklesia» (Gemeinde) bezeichnet (Apg 7,38). Eine gesunde Differenzierung ist hier gefragt.
- Überall, wo Jesus draufsteht, ist heutige Gemeinde drin
Alle diese Dinge werden gerne auf die heutige Gemeinde aus allen Nationen angewandt, aber dafür gibt es keine Handhabe im Kontext. Es sind Annahmen, die über den Text hinüber gestülpt werden und so massgeblich zu einer bestimmten Interpretation beitragen. Diese paar Beispiele dürfen aufzeigen, dass wir die Bibel meist nicht unvoreingenommen lesen. Die Brille, die wir aufsetzen, bestimmt massgeblich, was wir erkennen können.
Bibelstudium neu denken
Es ist anspruchsvoll, wenn man versucht, die Bibel für sich sprechen zu lassen. Jeder hat stille Annahmen über den Text. Diese bestimmen häufig, was man erkennen kann. Das trifft selbstredend auch für mich selbst zu. Auch ich kann und werde nicht alles erkennen. Paulus betont deshalb die Bedeutung der Gemeinschaft:
«Um mit allen Heiligen zu erfassen, was die Breite und Länge und Tiefe und Höhe ist (um auch die alle Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus zu erkennen), damit ihr zur gesamten Vervollständigung Gottes vervollständigt werdet.»
Eph 3,18-19
Es gibt jedoch einige Dinge, die man selbst tun kann:
- Stelle Fragen
Dabei kann man zum Beispiel fragen, wie sich die Geschichte entwickelt. Was passiert mit Israel? Wann kommen die Nationen-Gläubigen zum Zug und weshalb? Wie ist es mit der Erwähnung von Proselyten in den Evangelien und in der Apostelgeschichte? Warum haben die 12 Apostel unter anderem den Missionsbefehl nie ausgeführt? Warum wurde Paulus als «Apostel der Nationen» berufen, obwohl die 12 Apostel doch die Nationen «bekehren» sollten? Es gibt Fragen über Fragen, die man stellen kann. Vorschnelle Antworten helfen dann nicht weiter. Vielleicht kann man anfangen, die Bibel mit neuen Augen zu lesen, indem man nicht hineininterpretiert, was im jeweiligen Kontext mit keinem Wort erwähnt wird. - Achte auf den Grundtext
Wähle Übersetzungen, die nahe am Grundtext liegen und basiere keine Lehren nur auf Übersetzungen. Wenn möglich, gehe zurück auf das Hebräische und Griechische. Untersuche, wie Wörter im Grundtext durch die Bibel hindurch genutzt werden. - Achte auf den Kontext
Jede Aussage der Bibel erhält seine Bedeutung im eigenen Kontext. Stelle Fragen zum Kontext, etwa wer zu wem spricht, welche der direkte und welche der grössere Zusammenhang ist.
Chaotische Auslegungen vermeiden
Chaos entsteht durch willkürliche Verknüpfungen. Vermeide chaotische Auslegungen, indem man Texte verwendet, die konkrete Begriffe benutzen, die man begründen will. Gibt es keine solchen Bibelstellen oder sagen diese nicht aus, was man im Sinn hat, ist man vielleicht einer eigenen Fehlinterpretation auf der Spur. Es hilft, wenn man Ideen oder Lehren auf bestimmte Begriffe reduziert und diese dann durch die Bibel hindurch prüft. Damit lässt sich einfacher erkennen, was den Bibelschreibern wichtig war, und es kann auch einfacher kommuniziert werden.
Bei der Sonntagspredigt kann man thematische Predigten vermeiden. Es hilft, wenn man direkt von einem Bibeltext ausgeht. Das ist auch für die Besucher vom Gottesdienst einfacher zu erfassen und später nachzulesen. Wer ein Thema ansprechen will, kann dafür ebenfalls Bibelabschnitte wählen, die dann im eigenen Kontext erklärt werden, bevor man das eigene Thema als Anwendung dafür benutzt. Zuhörer werden viel mehr aufnehmen und mitnehmen können.
Reduziere maximal. Etwas wird nicht besser, nur weil Texte, Videos oder Predigten länger sind. Sage, warum es geht.
Vermeide als Kirchgänger und Leser komplexe Darstellungen. Nur wenige Dinge sind komplex und wer etwas richtig versteht, kann es klar, einfach und direkt begründet aus der Bibel erwähnen. Bedenke dabei jedoch, dass die eigenen bisherigen Gedanken bekannt und dadurch einfach erscheinen, während neue Gedanken häufig schwieriger zu erfassen sind. Manchmal muss man sich auf neue Ideen einlassen, damit man diese prüfen kann. Hilfreich zur Erfassung neuer Dinge sind wieder klare Textbezüge, einfache Grundaussagen und eine Berücksichtigung von Kontext und Grundtext.
Einfach, nicht «simpel»
Die Hauptaussage vom Römerbrief gipfelt in der schlichten Feststellung «Wenn Gott für uns ist, wer kann wider uns sein?» (Röm 8,31). Das ist die Quintessenz von Paulus’ Erklärungen im Römerbrief bis dahin. Dies ist der Kern der Botschaft. Gott ist für uns. Das ist einfach und lässt sich gut einprägen. Die Vereinfachung auf einen solchen kurzen Satz, worin Gottes Handeln zentral steht, prägt jede gesunde Lehre. Sie ist bestens begründet im Kontext, nach dem Grundtext und bedarf keiner endlosen Listen mit Bibelstellen. Sie führt auch zu Dank, zu einer klaren Ausrichtung des eigenen Denkens und Handelns.
Einfach soll es sein, aber nicht simpel. Es gibt eine Verführung in der Übervereinfachung von Glaubensfragen. Viele Menschen wollen nur das Altbekannte hören, weil dies mittlerweile vertraut ist. Das erscheint einfach, aber es ist häufig zu simpel. Die Rede von einer Hölle etwa ist simpel, nicht einfach. Es ist für das menschliche Gerechtigkeitsempfinden simpel, sich selbst als gerecht, andere aber als ungerecht abzustempeln und dafür Gottes Zustimmung zu erhalten. Die Narrative einer Hölle kommt dem entgegen. Wer auf eine solche Vereinfachung beharrt, kann mit Gottes eigenen Gerechtigkeit, wie sie im Römerbrief von Paulus etwa erklärt wird (Röm 1,16-17), vielleicht nichts mehr anfangen. Gottes Gerechtigkeit ist jedoch, was für einen positiven Ausgang der Weltgeschichte grundlegend ist (Röm 5,18). Es ist simpler, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen, als die Bibel nach Antworten zu befragen. Nach einem bekannten Film: Die Narrative von Star Wars ist einfacher und akzeptabler als das Evangelium der Gnade Gottes. Die Hölle-Lehre ist dem Universum von Star Wars zuzuordnen.
Die Narrative von Star Wars ist einfacher und akzeptabler als das Evangelium der Gnade Gottes.
Der Wunsch nach einem «einfachen» Evangelium kann in chaotischer Bibelauslegung ausarten, denn es ist verführerisch, Texte ohne Kontext zu zitieren und sich die eigene Geschichte zurechtzubiegen. Allzu simpel ist ungesund. Wer Chaos vermeiden will, muss den Mut aufbringen, sich eingehend sowohl mit der Bibel als auch mit den eigenen Vorstellungen auseinanderzusetzen.

