Wenn Paulus im ersten Teil vom zweiten Kapitel des Epheserbriefes die Nationengläubige als gleichwertig mit jüdischen Gläubigen erkennt, so erweitert er diese Grundlage in den nachfolgenden Versen um praktische Aspekte, welche diese Gnade Gottes hervorheben.

Zwei Gruppen wurden in Christus eins

Gerade zuvor hat Paulus über zwei Gruppen innerhalb der Gemeinde Folgendes geschrieben:

«Er (Gott) macht uns zusammen lebendig in Christus
(in der Gnade seid ihr Gerettete),
Er erweckt uns zusammen und
setzt uns zusammen nieder inmitten der Überhimmlischen in Christus Jesus,
um in den kommenden Äonen
den alles übersteigenden Reichtum Seiner Gnade in Güte gegen uns in Christus Jesus zur Schau zu stellen.»
Eph 2,5-7

Gläubige aus den Juden und solche aus den Nationen, soweit von Gottes Gnade in der heutigen Gemeinde berufen, wurden in Christus gleichwertig zusammengebracht. Paulus betont hier das «zusammen» mehrfach und stellt auch klar, dass beide Gruppen «in der Gnade» gerettet wurden.

Das ist aber nicht alles. Paulus erwähnt dasselbe auch weiter im Brief. Das Geheimnis des Christus, wie Paulus darüber in Epheser 3,4 schreibt, handelt von dieser Gleichschaltung:

«Im Geist sind die aus den Nationen
gemeinsame Losteilinhaber und eine
gemeinsame Körperschaft und
gemeinsame Teilhaber der Verheissung in Christus Jesus
durch das Evangelium, dessen Diener ich geworden bin,
dem Geschenk der Gnade Gottes entsprechend.»
Eph 3,6-7

Der Apostel präsentiert dies hier als Selbstverständlich und der Gnade entsprechend. Nie zuvor jedoch hat er das so klar gesagt. Der Epheserbrief gilt als eines der letzten Briefe des Apostels. Deshalb ist dies so etwas wie die ultimative Offenbarung über das Wesen der Gemeinde für diese unterschiedlichen Gruppen.

In der Gnade

Dieses Zusammenfügen zweier Gruppen war nicht selbstverständlich. Ausserhalb der Gemeinde waren diese Gruppen gar sehr unterschiedlich. Innerhalb der Gemeinde gab es Fragen zur religiösen Überlegenheit, indem einige darauf pochten, die Beschneidung oder das Halten der Thora-Anweisungen seien auch für Gläubige aus den Nationen von Vorteil. Paulus hat sich regelmässig damit auseinandergesetzt. Stets betont er, dass diese Haltung nicht richtig sei. Wer in der Gnade gerettet ist, hätte das verstehen sollen.

Hier nun werden die Gruppen zusammengeführt. Das geschieht ausdrücklich in der Gnade.

«Denn in der Gnade seid ihr Gerettete, 
durch Glauben,
und dies ist nicht aus euch,
sondern Gottes Nahegabe,
nicht aus Werken,
damit sich niemand rühme.
Denn wir sind Sein Tatwerk,
erschaffen in Christus Jesus
für gute Werke,
die Gott vorherbereitet,
damit wir in ihnen wandeln.»
Eph 2,8-10

Was heisst dies? Dem wollen wir nun etwas nachgehen. Wenn Paulus hier die Gläubige in der Gemeinde anspricht, tut er das wieder als eine Einheit. Gerade zuvor hat er zwei unterschiedliche Gruppen zusammengeführt. Deshalb ist es berechtigt, sie hier gemeinsam anzusprechen, indem er sagt «Denn in der Gnade seid ihr Gerettete». Das gilt nun für beide Gruppen gleichermassen, denn sie stehen ebenbürtig in derselben Gemeinde Christi.

Durch Glaube, nicht aus Werken

Eine typisch evangelikale Auslegung dieser Bibelstelle würde hier folgenden Zusammenhang betonen:

«Denn in der Gnade seid ihr Gerettete,
durch Glauben.»
Eph 2,8

Die Idee, die Rettung findet durch meinen oder Deinen Glauben statt, ist weitverbreitet. Man verknüpft dann Rettung mit einer Glaubensanstrengung der Gläubigen. Das ist der Ablasshandel, auf dessen Niveau man sich herabgelassen hat: Glaube wurde zu einem Werk, zu einer Leistung, umgebaut, wodurch Gott sich verpflichten würde, Dich oder mich «nur dann zu retten, wenn wir glauben». Das ist eine problematische Auslegung und der Gegensatz von dem, was als Evangelium verkündigt wird. Es ist auch eine fromme Verführung.

Im Text geht es hier nämlich um etwas anderes. Die Rettung ist nicht durch Glauben, sondern «in der Gnade seid ihr Gerettete». Die Rettung ist mit Gnade, nicht mit Glaubensleistung verknüpft. Betone ich das im Zitat, sähe es etwa so aus:

«Denn in der Gnade seid ihr Gerettete,
durch Glauben.»
Eph 2,8

Der Ausdruck «durch Glauben» steht in einem anderen Zusammenhang, wie hier hervorgehoben:

«Denn in der Gnade seid ihr Gerettete, 
durch Glauben,
und dies ist nicht aus euch,
sondern Gottes Nahegabe,
nicht aus Werken,
damit sich niemand rühme.
Denn wir sind Sein Tatwerk,
erschaffen in Christus Jesus
für gute Werke,
die Gott vorherbereitet,
damit wir in ihnen wandeln.»
Eph 2,8-10

Es ist «durch Glauben», nämlich «nicht aus Werken». Nur das bestätigt die Gnade. Unmöglich also, dass Glaube so etwas wie eine Leistung und Vorbedingung sein müsste, damit Rettung erst möglich wird. Evangelikale Grundmuster sehen die Rettung als Halbfabrikat Gottes, das von des Menschen Glauben fertig montiert werden muss. Die Kehrseite ist dann, dass alles vom Menschen abhängig ist, ob dieser gerettet werden kann. Ein Leistungsglauben ist keine Frohbotschaft, kein Evangelium, sondern eine unheilige Drohbotschaft. Diese mündet meist in einer Drohung mit der Hölle, wenn man nicht sofort einlenkt und fromm glaubt, was gepredigt wird.

Ich skizziere hier die scharfen Kanten des modernen christlichen Ablasshandels, damit man sie leichter erkennt. Sofort wird natürlich die Frage laut, ob es auch anders geht? Natürlich geht das anders. Paulus spricht hier gerade davon. Rettung ist geschenkt und nicht etwas, das man erarbeitet. Es ist:

«durch Glauben,
und dies ist nicht aus euch,
sondern Gottes Nahegabe.»

Glaube ist der Gegensatz von Leistung. Wer glaubt, der vertraut der frohen Botschaft, dass es für Dich und mich bereits gemacht ist. Es ist ausdrücklich «nicht aus euch, sondern Gottes Nahegabe». Die Rettung ist die Gabe, das Geschenk, womit Gott uns in Christus naht. Es ist eine Nahegabe. Sie wird von Gott selbst zu uns herangetragen, ohne dass wir dafür noch dieses oder jenes ausführen müssen, bevor «es wirkt». Eine solche Frohbotschaft bewirkt Glauben im Nachhinein und fordert solches nicht im Voraus.

Glaube ist der Gegensatz von Leistung.

Die Kurzfassung lautet: Gnade umfasst die Frohbotschaft, die Rettung von Sünde und Tod und dessen Folgen, womit Gott ohne weitere Forderungen an uns herantritt. Bedenken wir hier auch, dass das Evangelium die Gerechtigkeit Gottes enthüllt (Röm 1,15-16). Enthüllung ist möglich, weil sie bereits da ist. Sie ist bereits da, weil sie von Gott selbst durch Kreuz und Auferstehung erreicht und bestätigt wurde (Röm 3,21-24; Röm 4,25; Röm 5,18).

Gnade ist der Kern der Frohbotschaft, die froh macht, weil keine Gegenleistung erbracht werden muss. In Römer 8 beschreibt es Paulus mit knapper Wortwahl: «Wenn Gott für uns ist, wer wider uns? Er, der doch seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat: wie wird er uns mit ihm nicht auch alles schenken?» (Röm 8,31-32).

Paulus sagt hier auch ganz deutlich:

«nicht aus Werken,
damit sich niemand rühme.
Denn wir sind Sein Tatwerk,
erschaffen in Christus Jesus.»

Wenn es nicht aus eigener Anstrengung ist, dann auch deshalb, damit sich niemand auf Eigenleistung berufen kann. Niemand soll sich mit der Eigenleistung brüsten. Berühmt sind indessen die Einschätzungen vieler Gläubigen, die «sich bekehrt» haben. Sie sprechen damit von einer Tradition, die von Eigenleistung geprägt ist und von frommer Anstrengung lebt. Paulus war da viel nüchterner in den Beschreibungen seiner eigenen Glaubensvorstellungen (Gal 1,15; Phil 2,13).

Gottes Tatwerk

Zusammenfassend schreibt Paulus:

«Denn wir sind Sein Tatwerk,
erschaffen in Christus Jesus
für gute Werke,
die Gott vorherbereitet,
damit wir in ihnen wandeln.»

Paulus sagt klipp und klar, dass Gläubige Gottes Tatwerk sind. Man denke noch einmal zurück an die zwei Gruppen, Gläubigen aus den Juden und aus die Nationen, die in der Gemeinde zusammenkamen. Sie werden jetzt zusammengefasst in der Gnade Gottes und damit in Gottes Handeln: «wir sind Sein Tatwerk».

Etwas ergänzt der Apostel, wenn er schreibt, wir sind «erschaffen in Christus Jesus». Auch das wäre aus unserer eigenen Leistung unmöglich. Wir können uns selbst nicht erschaffen oder aus eigener Anstrengung die hohe Position «in Christus» erwerben. Das ist Gottes Werk. Er hat uns so erschaffen zu einer neuen Menschheit, erwähnt er ein paar Verse weiter (Eph 2,15). Neu deshalb, weil die Unterschiede aufgehoben wurden und auch weil die Grundlage ein anderer ist.

Dass die Gläubigen erst durch Gottes Wirken zu Gläubigen wurden, wird meist erst im Nachhinein erkannt. Paulus stellt auch gleich klar, dass die Berufung kein Ziel, sondern Mittel zum Zweck war. Der Zweck beschreibt er wie folgt:

«für gute Werke,
die Gott vorherbereitet,
damit wir in ihnen wandeln.»

Wer für gute Werke bestimmt ist, hat nicht sich selbst im Fokus. Vielmehr wurde er zu einem Einsatzteam berufen. Die Einsätze werden von Gott selbst vorbereitet, damit wir in ihnen wandeln.

Entspannung

Dieser Abschnitt aus dem zweiten Kapitel des Epheserbriefs war mir immer zur Ermutigung. Es erlaubte mir, mich auf Gottes Führung abzustützen, weil ich wusste, dass Er gute Werke vorbereitet, damit ich darin wandle. Dasselbe gilt für jeden in der Gemeinde. Paulus sprengt hier den theoretischen Rahmen, zerschmettert religiöse Voreingenommenheit und lässt uns entspannt darauf warten, was wir als Nächstes unternehmen dürfen. Es wird gute Werke geben, worauf wir mit unserem Einsatz antworten dürfen.

Dass ich diese Werke erkennen darf, dafür darf ich mich im Vertrauen und Gebet an meinen Gott und Vater wenden. Das entspannt, macht zuversichtlich und stellt meinen Fuss auf weiten Raum (Ps 31,8).

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