In einer freien Gemeinde fragte ich mal den dort amtierenden Pastor, weshalb es kein Bibelstudium in seiner Gemeinde gab. Seine Antwort beleuchtete zwei Aspekte: Erstens «lohnt es sich nicht», wenn nicht einmal 10 Leute kommen, andererseits sei Bibelstudium «gefährlich». Das waren erstaunliche Geständnisse.
Ein zweites Beispiel: In früheren Jahren besuchte ich schon einmal eine Freikirche, in der Sonntag nach Sonntag die Bibel nicht mehr erwähnt wurde. Das hat mich mit der Zeit frustriert und dazu bewogen, diese Gemeinde zu verlassen. Jetzt hörte ich erneut von einer Abwendung von der Bibel, und zwar von einem Pastor. Das hat mich sehr befremdet.
Aufgaben in der Gemeinde
Zurück zum ersten Beispiel. Bibelstudium lohnt sich nicht, meinte dieser Pastor, weil nicht einmal 10 Menschen kommen würden. Die Realität war jedoch, dass jemand anderes ein Bibelstudium in derselben Gemeinde organisierte, mit Einverständnis der Gemeindeleitung, und über 50 Leute da waren, die sich über den Unterricht freuten. Weil dies «gratis» gemacht wurde, belastete das nicht den Pastor, der meinte, es «lohne sich nicht». Der Pastor machte eine Fehleinschätzung über das Interesse und m. E. ebenfalls eine Fehleinschätzung über seine Aufgabe innerhalb der Gemeinschaft. Kein Wunder, dass kein Pastor dieser Gemeinde dabei war. Die Vision einer Gemeinde war von anderen Dingen geprägt. Ausserdem erwähnte er, dass Bibelstudium «gefährlich» sei. Dabei erwähnte er Entgleisungen, wie sie tatsächlich stattfinden, an Sonderlehren und sonderlichen Menschen mit lehrmässigen Steckenpferden, die Spaltungen in Gemeinden verursachen, indem sie Menschen bloss an sich selbst binden.
Die Vorsicht kann ich verstehen, aber wäre es nicht gerade die Aufgabe eines Pastors, gesundes Denken in der Gemeinschaft zu fördern und solchen Entgleisungen vorzubeugen? Wäre gerade das nicht eine der Aufgaben einer gesunden Bibelbetrachtung? Hat nicht etwa Paulus von einem gesunden Gemeindeaufbau gesprochen, worin auch Lehrer eine Rolle spielen?
«[Christus] Derselbe gibt die einen als Apostel, die anderen als Propheten, wieder andere als Evangelisten oder als Hirten und Lehrer – zur Anpassung der Heiligen an das Werk des Dienstes, zur Auferbauung der Körperschaft Christi, bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zum gereiften Mann, zum Mass des Vollwuchses der Vervollständigung des Christus, damit wir nicht mehr Unmündige seien, von jedem Wind der Lehre wie von brandenden Wogen hin und her geworfen und umhergetragen durch die Unberechenbarkeit der Menschen, durch die List, die darauf ausgeht, den Irrtum planmässig zu verbreiten.»
Eph 4,11-14
Paulus beschreibt hier den Aufbau der Gemeinde als Aufgabe von Aposteln, Propheten (die beiden legten die Grundlage, Eph 2,20), Evangelisten, Hirten und Lehrern. Ein Pastor wird nicht genannt, aber jeder Pastor findet hier seine Aufgaben. Christus gibt Menschen als Gabe an die Gemeinde. Es geht hier nicht um «Gaben an Menschen», wie etwa im Korintherbrief, sondern um «Menschen als Gabe». Sie erscheinen ganz natürlich, weil Christus diese Menschen gibt, wie etwa der Mann, der für die Gemeinde ein Bibelstudium organisierte, auch wenn der Pastor davon nichts wissen wollte.
Richtige und falsche Lehre
Es ist vielleicht eine Entgleisung christlicher Gemeinschaft, wenn Auseinandersetzungen über Glaubens- und Lebensfragen dazu genutzt werden, Dinge «festzulegen». Sie werden zu Dogmen, oder zu Lehransichten verfestigt. Man hat etwas erkannt, und macht daraus eine Lehre. Danach gibt es Menschen, die dafür oder dagegen sind. Es entstehen Ideen über «richtige» und «falsche» Lehre. Schon gerät man sich gegenseitig in die Haare.
In manchen Gemeinschaften werden richtige und falsche Ansichten besonders stark betont. Auch wenn man sich darüber einigt, dass Ansichten eher richtig oder eher falsch sind, so geht es trotzdem nicht um richtig oder falsch oder darum, dass wir eine bestimmte Lehre anhängen oder eine andere abweisen müssen.
Paulus hatte im vorgenannten Bibelabschnitt bereits angegeben, worum es geht:
«[Christus] Derselbe gibt die einen als Apostel, die anderen als Propheten, wieder andere als Evangelisten oder als Hirten und Lehrer –
zur Anpassung der Heiligen an das Werk des Dienstes,
zur Auferbauung der Körperschaft Christi,
bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen,
zum gereiften Mann, zum Mass des Vollwuchses der Vervollständigung des Christus,
damit wir nicht mehr Unmündige seien, von jedem Wind der Lehre wie von brandenden Wogen hin und her geworfen und umhergetragen durch die Unberechenbarkeit der Menschen, durch die List, die darauf ausgeht, den Irrtum planmässig zu verbreiten.»
Eph 4,11-14
Zuerst geht es um die Anpassung der Heiligen (Gläubigen) an das Werk des Dienstes. Das ist so ganz anders als was Rechtgläubige fordern, die auf eine «lupenreine Zustimmung zu menschlichen Lehren» pochen. Die simple Realität: Wer heute von der Botschaft der Gnade erfasst wird, wird sein Denken neu ausrichten. Dann wird Glaube praktisch. Glaube, schreibt Paulus, wird erst durch Liebe wirksam (Gal 5,6). Es geht um eine Zurüstung für den Dienst:
«Alle Schrift ist gottgehaucht und nützlich
zur Belehrung,
zur Überführung,
zur Zurechtweisung,
zur Erziehung in Gerechtigkeit,
damit der Mensch Gottes zubereitet sei, ausgerüstet zu jedem guten Werk.»
2Tim 3,16-17
Das Ziel biblischer Unterweisung liegt also nicht darin, zu den Guten oder den Bösen zu gehören, die eine Lehre anzunehmen oder die andere Lehre abzulehnen. Auch wenn jede Lehre Konsequenzen hat und dadurch eine Bedeutung erhält, geht es nicht um die Lehre. Vielmehr will das Studium der Bibel in uns etwas bewirken. Die Frage nach richtige oder falsche Lehre sollte eher nach den richtigen oder falschen Folgen der Lehre fragen. Was bewirkt eine Lehre in mir oder in Dir? Es geht eher um die Frage «wozu» die biblischen Bücher einst überliefert und festgehalten wurden.
Der Sinn des Bibelstudiums
Der Sinn einer Auseinandersetzung mit der Bibel liegt nicht in der Bibel selbst, sondern in dem, was die Auseinandersetzung bewirkt. Was macht diese Auseinandersetzung mit unserem Herzen? Was bewirkt diese Auseinandersetzung in der Gemeinde? Wie richtet die gehörte Botschaft mein Leben aus? Welche Aussicht erhalte ich, wodurch ich meinem Leben in dieser Welt eine Richtung geben kann?
Der Sinn des Bibelstudiums liegt in der Auseinandersetzung, die uns ändert. Ferner bringt uns das Bibelstudium mit der Bibel und dadurch mit Gott selbst in Berührung, wie es Paulus hier oben beschrieb, dass «Alle Schrift gottgehaucht» ist, nämlich von Gottes Geist durchdrungen. Man könnte auch sagen, dass, getragen von den Worten der Bibel, Gottes Geist wirken kann, oder Gottes Geist weht durch die Zeugnisse der Bibel. Es kann deshalb mehr als Wissen vermitteln. Das Lesen oder Hören der Bibel kann uns berühren, wie nur Gott uns berühren kann. Das ist etwas ganz anderes als die Bibel zu vergöttlichen oder als unfehlbar darzustellen, oder im Gegenteil, die Bibel zu vermenschlichen oder als gänzlicher Fehler hinzustellen. Diese Gegenüberstellungen verkennen die Kraft der Bibel, weil keine menschliche Interpretation darüber entscheiden kann.
Es ist eher so etwa wie ein Zeugnis. Das Zeugnis mag unvollständig sein, aber es kann etwas Wahres berichten. Wahr, nicht im Sinne einer journalistischen oder wissenschaftlichen Berichterstattung (es ist losgelöst von diesen erfundenen Kriterien), sondern wahr im Sinne von «Sichtweise», wahr im Hinblick auf die Erfüllung unseres Lebens, auf die Ausrichtung unseres Denkens und Erwartens. Wahr, indem es auf Dinge hinweist, die wir als wahr erkennen, als wahr hinnehmen, und damit als Grundlage für unser Leben betrachten. Das muss dadurch nicht relativ und deshalb unzuverlässig erscheinen.
Ein Zeugnis ist per definitionem nicht die ganze Wahrheit, sondern immer relativ zum Zeugen und dessen Wahrnehmung. Deswegen hat etwa jeder Abschnitt der Bibel bloss ein eigenes Zeugnis und wird nicht überall dasselbe wiederholt. Deshalb sind Zeugnisse nicht etwa «unwahr», sondern sie sind das Zeugnis für sich selbst und im eigenen Kontext, und wir können uns daran freuen. Vielleicht erkennen wir das Zeugnis. Vielleicht werden wir dadurch motiviert. Eventuell erhalten wir durch Zeugnisse sogar Zuspruch.
Der Sinn des Bibelstudiums ist es, die Bibel besser zu verstehen, nicht etwa der Bibel wegen, sondern weil da hindurch auf das Zeugnis hingewiesen wird. Das Zeugnis berichtet von Gott und dieser Welt und wie die beiden in Beziehung stehen. Die Bibel ist Gottes Wort, nicht weil «jeder Buchstabe göttlich» ist, sondern weil genau diese Worte als Zeugnis von Gott gedacht waren. Das Zeugnis bewirkt immer wieder Glauben bei Menschen. Die Bibel selbst schreibt das nicht der Bibel zu, sondern dem Wirken von Gottes Geist.
Bibelstudium macht Dinge verständlich und erfahrbar, nicht weil es «magisch» ist, sondern weil es geradezu «nicht magisch» ist. Die Bibel bleibt nüchtern, auch wenn das Zeugnis persönlich ist. Ein Problem bei vielen Evangelikalen ist, dass diese Nüchternheit abhandengekommen ist und damit das persönliche Zeugnis der Bibel missinterpretiert wird. Das Zeugnis ist missinterpretiert, weil es jetzt auf Dinge hinweisen sollte, die nicht wichtig sind: eine «richtige Lehre», eine «absolute Wahrheit» und mehr solcher Dinge. Daraus entsteht eine fehlgeleitete «Rechtgläubigkeit».
Der Unsinn der Rechtgläubigkeit
Immer wieder begegne ich Menschen aus dem evangelikalen Umfeld, die auf absolute Wahrheiten pochen. Meist geht es darum, dass man bestimmte Ideen verteidigt, die man unbedingt glauben will. Unerheblich ist es, ob diese Dinge in der Bibel stehen, aber Rechtgläubige glauben eben Dinge wie eine «Hölle» und dergleichen Dinge mehr. Sobald liebgewonnene Ansichten infrage gestellt werden, melden sie sich zu Wort und verteidigen vehement, was sie als «die absolute Wahrheit» erkennen. Ein Schwarzweiss-Denken prägt ihre Aussagen. Selbstverständlich gehören sie selbst immer zu den Guten, womit sie sich von der restlichen Welt abgrenzen. Das kann dann etwa heissen «wir sind gerettet, die anderen bisher nicht», was in frommer Tarnung dann so erscheint: «kommt, lasst uns evangelisieren gehen».
Rechtgläubigkeit entspricht einem Glaubensverständnis, worin es um richtig und falsch geht, um richtige Lehre gegenüber falscher Lehre. Darin wird das Anliegen der Schrift, nämlich ein verändertes Leben und ein Ausleben der Gnade Gottes, bestenfalls eine untergeordnete Rolle spielen. Rechtgläubigkeit verketzert und erhebt die eigene Erkenntnis über alle anderen Menschen. Rechtgläubigkeit spricht nach meiner Erfahrung und Verständnis von Angst und Unsicherheit.
Ein befreites Christsein spricht anders. Dies geht einher mit einem befreiten Menschsein. Wer sich von Gott in Christus geliebt weiss, der entspannt sich und muss weder sich selbst noch seine Ansicht verteidigen. Man bleibt bei sich und lässt den Anderen Raum zum Leben und Denken oder lädt dazu ein. Man hat keine absoluten Ansichten mehr, lässt auch Zweifel zu, und weiss sich trotzdem getragen. Hier getraut man sich zu glauben, was man selbst erkannt hat, ohne sich in Floskeln zu verlieren. Ich denke, dass Paulus etwa so spricht:
«[ … ] Nicht dass ich dies schon erhielt oder hierin schon vollendet sei. Ich jage aber danach, ob ich wohl ergreifen möge, wozu ich auch von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, es ergriffen zu haben. Eins aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist.»
Phil 3,12-13
Sogar Paulus hat es bis dahin nicht ergriffen. Das ist offen, nüchtern, ehrlich, voller Zweifel und Glauben gleichzeitig. Er hat es zwar noch nicht ergriffen, aber weiss sich von Christus ergriffen. Etwas hat er, anderes nicht. Paulus scheut sich nicht, solches zu nennen. Von dort aus geht es weiter. Rechtgläubigkeit dagegen bietet keine Perspektive. Deshalb wenden sich viele Menschen vom Glauben und von der Bibel ab, weil ihr Umfeld keinen Raum zum Atmen oder zur Entwicklung schenkt. Ich finde das mehr als verständlich und wer sich davon befreien will, soll das unbedingt tun. Für mich hört es mit einer Ablehnung von Rechtgläubigkeit und «absoluten Ansichten» jedoch nicht auf. Ich denke, es geht auch anders. Sogar mit der Bibel, sogar aufgrund der Bibel. Das Beispiel von Paulus hier oben möchte das veranschaulichen. Ich denke, dass eine Auseinandersetzung mit der Bibel etwas Gutes sein kann.
Vielfach beginnt es mit einer Suche nach besseren Lehren, nach besseren Ansichten zu bekannten Themen. Bibelstudium kann von traditionellen Ansichten befreien. Man kann entdecken, dass bestimmte Ansichten in der Bibel tatsächlich fehlen. Das kann ein Aha!-Erlebnis sein, was den Weg für weitere Entdeckungen ebnet. Hat man jedoch einmal die wichtigsten Punkte für sich selbst geklärt, und landet man wieder bei der Schrift, dann kann man wie Paulus den Nutzen der Schrift erkennen, wie das vorhin zitiert wurde (2Tim 3,16-17).
Das gemeinsame Wachstum
Diesen Beitrag begann ich mit den Aussagen zweier Pastoren. Sie konnten offenbar in der Bibel nicht die Kraft und Zuversicht finden, die Bibel in Ihrer Arbeit zum Aufbau zu nutzen. Ebenso sehe ich Bibellehrer, die alles mit der Bibel begründen, aber ihre Begeisterung über die Bibel kann leicht mit Mündigkeit verwechselt werden. Die Bibel wird hier zwar genutzt, aber dadurch entsteht nicht zwingend geistliches Wachstum. Menschen werden von der Begeisterung und dem Verständnis des Lehrers angezogen, aber führt dies automatisch zu einem erwachsenen Glauben und zu einer gesunden Gemeinschaft? Hier wird zwar die Bibel genutzt, aber wehe der Gemeinschaft, die an begeisterten Lehrern hängen bleibt, als wäre ihre Begeisterung das Ziel.
Die echte Herausforderung liegt darin, was die Lehre im Leben der Zuhörer bezweckt. Darin haben viele Lehrer, gerade im Internet, keinen Einblick. Die Gefahr besteht, dass Zuhörer bloss Nachfolger des Lehrers, statt Nachahmer von Christus sind. Hier ist die Frage für echtes Wachstum: Wie soll die Lehre zu einer gesunden Auseinandersetzung, zu einer gesunden Glaubenshaltung führen?
Lehre ist gut und notwendig, und keinen Bezug zur Bibel erscheint für Christen abwegig, aber … Das Problem liegt darin, dass man sich an Lehre ergötzen kann. Es passt alles so schön. Darin liegt eine Verführung. Lehrer dürfen und sollen sich fragen, wohin die Lehre führt, und was dies im Leben der Zuhörer bewirkt. Begeisterung bei Zuhörern ist schön, aber wohin soll das führen? Zuhörer dürfen sich fragen, was sie unternehmen werden, wo sie die Botschaft der Gnade besser verstehen lernen (vgl. Röm 12,1-2). Wie kann man eine gesunde Entwicklung fördern? Vielleicht darin, dass man nicht in der Lehre hängen bleibt, sondern aktiv eine Glaubensgemeinschaft fördert. Denn im Miteinander ist eine Verheissung enthalten:
«Damit Christus durch den Glauben völlig in euren Herzen wohne und ihr, in Liebe gewurzelt und gegründet, erstarken möget, um mit allen Heiligen zu erfassen, was die Breite und Länge und Tiefe und Höhe ist (um auch die alle Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus zu erkennen), damit ihr zur gesamten Vervollständigung Gottes vervollständigt werdet.»
Eph 3,17-19
Bibelstudium mit Weitblick findet dort statt, wo man sich mit der Bibel im Sinne einer Lernkultur auseinandersetzen darf. Dazu benötigt es zuerst Gemeinschaft mit anderen, dann auch eine gesunde Grundlage. Eine Überdosis an Bibelwissen löst die Aufgabe jedoch nicht, wenn man nur die altvertrauten Lehrmeinungen wiederholt und vertieft. Solche Versuche greifen nach meiner Erfahrung nicht. Eine Lernkultur findet innerhalb der Glaubensgemeinschaft statt.
Es ist, als wirft man einen Stein ins Wasser. Von dort aus weiten sich die Wellen nach aussen aus. Ähnlich verhält es sich mit dem Evangelium. Das Resultat sollte sich nach aussen hin erweitern. Das Evangelium der Gnade findet zuerst in mir einen Klang und Widerhall. Dann im Kreis der Nächsten. Danach in der Gemeinschaft. Anschliessend ausserhalb der Gemeinschaft. Das wäre das Natürliche und Geistliche. Was bewirkt die Auseinandersetzung mit dem Evangelium der Gnade in Dir und mir? Eine Lernkultur ist innerhalb der Gemeinschaft, also «halbwegs», sozusagen. Es darf ein prägendes Erlebnis werden, worin und wodurch man Neues lernt und Gutes übt. Dann aber bewegt sich das weiter nach aussen, nicht als Pflicht, sondern als logische Auswirkung.
Eine Lernkultur beginnt in der Gemeinschaft mit gegenseitigen Fragen und Gegenfragen. Bibellehrer haben darin eine Funktion, aber nicht die, dass sie sich und ihre Lehre in das Zentrum rücken. Das kann und darf nie das Ziel sein. Eine Lernkultur will gemeinsames Wachstum ermöglichen, das von der Lehre zu einem veränderten Denken und von dort in ein segensreiches Tun kommt. Das ist nicht super-fromm, sondern super-praktisch, weil es von geistlichem Wachstum getragen ist. Da kommen die Bibel und die Lehre ins Spiel, als Hilfen zur Mündigkeit und Glaubensfreude. Hierzu sagt Paulus etwa:
«Nicht dass wir die Herrschaft über euren Glauben hätten, sondern wir sind Mitarbeiter an eurer Freude.»
2Kor 1,24
Weitblick sieht im Austausch und in der Auseinandersetzung einen Reichtum, der selbst zu mehr Weitblick führt. Fragen dürfen Offenheit, keine falsche Sicherheit vermitteln. Was lerne ich aus der Bibel, aus diesem Abschnitt, aus diesem Wort in diesem Kontext? Was kann ich dazulernen? Wie prägt das mein Sein in dieser Welt? Welchen Ausblick erhalte ich? Was macht dieser Ausblick mit mir, mit unserer Gemeinschaft? Können wir Zweifel zulassen, ebenso wie wir andere Menschen ermutigen, hin zu Christus hinzuwachsen?
Wenn dieser letzte Schritt gerade etwas «fremd» oder «zu fromm» anfühlt, wie sollte man die Bibel lesen können? In einer Lernkultur hat man vor Zweifel keine Angst. Man sucht keine absoluten Antworten, sondern nur eine nächste Antwort, eine nächste Differenzierung, etwas, das weiter hilft, das Neugierde und Vertrauen stärkt, und so Lust auf Entwicklung vermittelt. Wachstum findet gemeinsam statt. Dabei wird man auch auf Ängste und Unsicherheiten vieler Menschen eingehen müssen, denen man mit Gnade begegnen kann. Es geht nicht um billige Pflaster, etwa gesetzliche Anforderungen, einen 5-Schritte-Plan-zur-Glückseligkeit oder einen 40-Tage-Gemeinde-Kurs, als führen diese Marketing-Strategien zum Erfolg. Die Rede von «absoluter Wahrheit» und «Gewissheit» dient nach meiner Wahrnehmung immer nur zur Beruhigung der eigenen Ungewissheit. Gnade und Gemeinschaft, sowie eine gesunde Zurüstung dürfen jedoch zu einer vertrauensvollen Mündigkeit führen. Hier geht es um die Ausrichtung, die weiterführt.
Paulus schreibt etwa:
«Wenn wir aber wahr sind,
sollten wir in Liebe alles zum Wachsen bringen,
hinein in Ihn, der das Haupt ist, Christus,
von dem aus der gesamte Körper
(zusammen verbunden und vereinigte durch jede Einverleibung des Dargereichten entsprechend der Wirksamkeit nach dem Mass jedes einzelnen Teils)
das Wachstum des Körpers vollzieht, zu seiner eigenen Auferbauung in Liebe.»
Eph 4,15-16
Lehrer unterstützen deshalb nicht sich selbst, sondern bloss das Wachstum des Körpers. Dies sollten Lehrer stets vor Augen haben. Der Körper baut sich selbst auf in Liebe, und einige unterstützen dabei. Die Selbstauferbauung ist jedoch der Kern. Jeder in der Gemeinde hat seinen eigenen Beitrag zu diesem Wachstum. Paulus beschreibt, wie jede Person dazu ein eigenes Mass an Wirksamkeit beiträgt.
Keine absoluten Erkenntnisse und Sicherheiten führen also weiter. Das sind bloss Pflaster auf die Wunde der Unsicherheit. Wer absolute Wahrheit in den eigenen Auslegungen findet, stellt sich selbst im Zentrum. Die Förderung zur Mündigkeit ist etwas anderes. Dafür lohnt es, sich einzusetzen, wie es Paulus gemacht hat.

