Sobald ich Aussagen höre wie «Die Bibel sagt!», werde ich hellhörig. Denn die Bibel sagt vieles und auch Unterschiedliches. Auch sagt sie nie, was Du und ich denken. Die Bibel ist schlicht die Bibel. Der Leser interpretiert und die Auslegung ist eine Interpretation. Das geht nicht anders, auch wenn das unbequem ist.
Der Autoritätsanspruch
Wenn die «Bibel etwas sagt», meinen viele damit nur die eigene Interpretation. Manche sind felsenfest davon überzeugt, dass «Gott zum Glück dasselbe denkt wie ich». Das Wort «Bibel» wird so zum Ablenkungsmanöver für einen Autoritätsanspruch. Man kaschiert die eigene Meinung und vielleicht sogar Unsicherheit durch Überheblichkeit und vermeintliche Rechthaberei. Die Bibel, so die Idee, sei «von Gott» und damit «ewig» und «eindeutig». Kaum jemand fällt auf, dass dies alles Vorannahmen sind, mit denen man erst an die Bibel herantritt.
Der Autoritätsanspruch, der oft bestimmte Lehrmeinungen rechtfertigen soll, bleibt strikt in einem bestimmten Auslegungskontext. Das können bestimmte Dogmen, Lehren oder Gemeinschaftsregeln sein. Es kann Lehrmeinungen betreffen oder auch das gesamte Glaubensverständnis.
Ein Beispiel: Die Vehemenz, womit richtig und falsch unterschieden werden, etwa in Bezug auf Lehre, Lebensweise oder Sexualität, verkennt, dass dieselbe Vehemenz in der Bibel so nicht vorkommt. Es scheint, dass man sich in gewisse Vorstellungen hineinsteigert, wenn man die Autorität über andere ausüben möchte. Etwa, wenn man meint, dass die Gesellschaft oder Gemeinschaft nach Deinen Vorstellungen funktionieren sollte und dafür Gott und Bibel als Autorität zitiert. Das ist nicht nur wenig sinnvoll, sondern missbräuchlich und respektlos.
Interpretation verstehen
Eine Interpretation läuft nicht immer gleich ab. Menschen unterscheiden einen Text auf Basis ihrer Blickwinkel. Vereinfacht könnte man etwa einen Schieberegler vorstellen. Zwischen den beiden Extremen gibt es einen Schiebeblock, den man nach links oder rechts schieben kann. Fast niemand steht auf einer extremen Position. Jeder steht aber an einer eigenen Position.
Man kann beispielsweise darüber nachdenken, aus welchem Blickwinkel man argumentativ aufbaut.
- Dogma
Am einen Ende steht die dogmatische Sicht. Sie betrachtet die Bibel ausschliesslich aus dem Blickwinkel einer, wie auch immer gearteten, Tradition. Wenn die Tradition etwa eine Hölle lehrt, und die Tradition behauptet, das sei «biblisch», dann argumentiert man aus der Tradition. - Kontext
Am anderen Ende möchte man vielleicht den Text im Kontext verstehen lernen, so, wie es etwa Jesus damals gesprochen und vielleicht auch gemeint hat. Man möchte verstehen, wie es die ersten Zuhörer haben verstehen können, die mit einer kirchengeschichtlichen Entwicklung gänzlich unbekannt waren.
Im Schieberegler werden die englischen Begriffe genutzt. Wo würdest Du Dich selbst positionieren? Stelle den Schieber spontan an die Stelle, an der Du meinst, zu stehen.
Die eigene Einschätzung
Jetzt wird es spannend. Man hat sich selbst eingeschätzt. Hier ein paar kritische Positionen zur weiteren Vertiefung:
- Bibeltreu
Wer sich als bibeltreu einschätzt, steht meist in einer bestimmten Tradition. Die Position ist dadurch oft stark dogmatisch, obwohl der Begriff bibeltreu so etwas wie einen neutralen Grund darstellen soll. Das ist meiner Erfahrung nach niemals der Fall. Wer meint, sich als bibeltreu einzuschätzen, steht auf dogmatischem Boden. Damit meine ich nicht, despektierlich zu sein, sondern beim Namen zu nennen, was sich abspielt. - Absoluter Wahrheitsanspruch
In der Zeit der Bibel gab es keine Bibel, wie wir sie heute kennen. Weder Mose, die Propheten, noch Jesus und die Apostel, hatten eine Bibel, wie wir sie heute kennen. Man glaubte, und hatte selbstverständlich ein bestimmtes Verständnis, aber das musste durch Verkündigung und vorhandene Bibelteile geformt und bestätigt werden. Eine Behauptung wie «Die Bibel ist Gottes Wort und also unfehlbar» ist eine späte Entwicklung und Interpretation, kein Gegenstand biblischer Aussagen. Man steht hier fest in einer bestimmten Tradition und also auf der dogmatischen Seite. - Kontext verstehen
Obwohl viele eine Bibelwissenschaft verpönen, versucht man hier den Kontext zu verstehen. Auch wenn viele Theologen innerhalb bestimmter dogmatischer Richtlinien arbeiten, ist eine Bibelwissenschaft vielleicht davon geprägt, aber nicht darauf beschränkt. Wissenschaft ist untersuchend, während dogmatische Überlegungen bestimmend sind. Der Unterschied ist beträchtlich. Wissenschaft arbeitet mit Hypothesen, während so mancher Bibellehrer Sicherheit durch vermeintliche Bibelautorität vorgaukelt. Selbstverständlich ist die Realität vielseitiger, vielfarbiger, tragfähiger. Beim Versuch, den Kontext zu verstehen, geht es nicht um eine endgültige Position, sondern um eine Differenzierung bei allen denkbaren Aspekten. Die Grundhaltung: Ich lasse mich vom Bibeltext überraschen, ohne im Vorhinein zu bestimmen, wie das auszusehen hat.
Bestimmt lassen sich noch weitere Themen exemplarisch herbeiziehen. Es geht mir nicht um die Themen selbst, sondern um den Effekt auf das eigene Denken. Wenn meine Glaubensvorstellungen mit absoluter Wahrheit verwechselt werden, stehe ich auf dünnem Eis. Weitaus nüchterner erscheint es mir, wenn man Glauben als Hypothese versteht, dem man bei Mangel an sichtbaren Beweisen einen Vorschuss an Wahrheit verleiht, damit man daraus leben kann. Hier kann man etwa an die Worte von Paulus aus dem Römerbrief denken:
«Denn all das, was vorher geschrieben wurde (also vor Paulus!), ist gerade uns zur Belehrung geschrieben worden, damit wir durch Ausharren und durch den Zuspruch der Schriften Zuversicht haben möchten.»
Röm 15,4
Zuversicht ist also das Ziel der Unterweisung, kein Autoritätsanspruch.
Interpretieren
Wenn jede Auslegung eine Interpretation sei, verunsichere das viele Menschen. Die Bibel, so die Annahme, sei mit absoluter Sicherheit gleichzustellen. Werden jetzt die Aussagen der Bibel auf Interpretationen reduziert, befürchtet man eine Herabsetzung göttlicher Autorität und Sicherheit. Ich habe das oft so gehört. Es ist eine direkte Folge rigider Glaubenssysteme und ideologischer Annahmen. Abweichungen von der verinnerlichten Lehre werden nicht toleriert. Abweichungen verängstigen. Lehrmeinungen werden dann als Schutzwall um das eigene Denken und Empfinden aufgezogen. Logisch, wenn man verängstigt ist. Aber, hat uns Christus nicht für die Freiheit freigemacht? Sollten wir nicht in dieser Freiheit stehen? (Gal 5,1).
Hier kann man entgegenhalten, dass Leben sich entwickelt, ändert, anpasst und Wachstum das Ziel auch im Glauben sei. Man kann mit biblischen Argumenten versuchen, die Rigidität aufzubrechen. Eine Realisierung von Gottes Gnade ist vielleicht noch wirksamer, weil die Gnade Gottes von sich selbst ablenkt und alles von Gott erwartet. Dreht sich nicht mehr alles um die eigene Angst und Annahmen, kann Freiheit entdeckt werden.
Es gibt noch einen weiteren Aspekt.
Interpretation ist nötig, wenn man wachsen möchte. Die Wahrheit ist nicht einfach gegeben, sondern der biblische Zuspruch möchte erarbeitet und entdeckt werden. Die Bibel ist ein Werkzeug, das für den Aufbau und den Zuspruch gegeben ist. Der Mensch Gottes soll laut Paulus durch die Schrift zubereitet werden. Das Ziel: Der glaubende Mensch soll zu jedem guten Werk befähigt werden (2Tim 3,16-17). Interpretation und Auslegung dienen diesem Zweck, damit der Zweck erfüllt wird.
Es gibt sogar eine eigene Disziplin für die Auslegung, die Hermeneutik, die auch für die Bibel einen Anwendungsbereich hat. Eine Hermeneutik fragt nach den Zusammenhängen und den Hintergründen der Texte, um sie dadurch besser zu verstehen. Hermeneutik wird sowohl an Universitäten als auch an Hochschulen und anderen theologischen Ausbildungen als fester Bestandteil unterrichtet.
Bei der Hermeneutik geht es darum, Wege zur Interpretation aufzudecken und zu nutzen. Das sei die Voraussetzung dafür, dass man Texte besser verstehen lernt. Ich bin überzeugt, dass jede Auslegung die Auslegungsmethode offenlegen muss. Das meine ich nicht als ständige Anforderung, aber als generelle Ausrichtung einer Gemeinschaft, worin die Mitglieder zur Mündigkeit und Differenzierung ermutigt werden. Die Auslegungsmethode ist eine direkte Folge der Hermeneutik.
Auf dieser Website gibt es etwa einen Beitrag zum induktiven Bibelstudium. Das ist eine einfache Methode, mit der jeder mit Gewinn die Bibel lesen und zu eigenen Schlussfolgerungen gelangen darf.
Interpretation ist Teil der täglichen Realität. Jeder, der liest, spricht, zuhört, der interpretiert. Das gilt auch für die Bibel, wie wir sie lesen und auslegen. Ohne Interpretation geschieht gar nichts. Wäre es dann nicht besser, man tut dies bewusst und möglichst zum Aufbau?
Dies ist keine Idee, die nur innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft gedeiht. Die Idee ist nicht abhängig von meiner oder Deiner Zustimmung. Es wird ein Fenster zu einem erweiterten Horizont aufgestossen, wenn wir uns trauen, Fragen zum Text zu stellen. Das fördert Mündigkeit, Wachstum im Glauben und grosse Zuversicht. Parallel lernt man, die Grundlagen des eigenen Denkens zu verstehen.

