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Sind Freikirchen Sekten?

Sind Freikirchen Sekten? Und wie unterscheide ich religiöse Strömungen? Es liegt öfters ein Unbehagen in der Luft, wenn das Gespräch auf Freikirchen kommt. Manchmal ist es auch nur eine Unsicherheit, weil man das Phänomen «Freikirche» nicht einordnen kann. Andere haben selbst Erfahrungen gemacht, waren mal in einer Freikirche zu Gast, besuchten einen Gottesdienst oder man kennt diese oder jene Menschen, die selbst Freikirchen besuchen. Für viele Menschen ist das etwas undurchsichtig. Was nun sind Freikirchen, und was unterscheidet die von «normalen» Kirchen und wie unterscheiden sie sich von Sekten?

Sekten

Sekten kennzeichnen sich durch bestimmte Merkmale. Eine beliebige Gemeinschaft ist also nur dann als Sekte einzustufen, wenn die Merkmale einer Sekte vorhanden sind. Was aber ist eine Sekte? Die Evangelische Informationsstelle zu Kirchen, Sekten und Religionen hat gleich auf der Einstiegsseite ihrer Website einige hilfreiche Informationen zusammengefasst:

  • Merkmale problematischer Gemeinschaften
    relinfo.ch

Die Website ist eine hervorragende und neutrale Informationsquelle über alle mögliche religiöse Gruppen. Das Merkblatt mit Merkmalen problematischer Gemeinschaften lässt sich als PDF herunterladen und beispielsweise als Referenz für ein Gespräch nutzen.

Freikirchen

Freikirchen sind Glaubensgemeinschaften die frei sind von der Staatsgebundenheit der Landeskirchen. Der Ausdruck «Freikirche» besagt also zuerst etwas über die Art der Organisation. Meistens kommen Freikirchen aus den Kirchen der Reformation hervor, oder stehen zumindest in einem Teil dieser Tradition. Es gibt jedoch auch freie Gruppen mit einem katholischen Hintergrund. So wie es viele Kirchen gibt, so gibt es auch viele Freikirchen.

Freikirchen unterscheiden sich aber in weiteren Punkten von den Landeskirchen. Mitglied einer Freikirche wird man nicht durch Geburt, sondern durch eine persönliche Entscheidung. Deswegen sind Freikirchen in der Regel gut besucht, weil der persönliche Bezug und der persönliche Glaube einen hohen Wert haben. Ausserdem werden viele Freikirchen keine ausführliche Liturgie in den Gottesdienst kennen, sondern eher den Eindruck eines spontanen und lebendigen Ablaufs feiern. Diese Lebendigkeit in der Feier ist für viele Menschen sehr attraktiv.

Kirchen

Jede Kirche hat einmal als Freikirche angefangen. Als Jesus und die Apostel auf Erden wandelten, gab es keine Kirchen in heutigem Sinne. Es gab Hausgemeinden, örtliche Zusammenkünfte und dergleichen. Es gab reisende Lehrer wie Apollos (Apg 18,24-28) oder Apostel wie Paulus, welche mit einem Evangelium der Gnade Gottes in die Welt hinauszogen und Menschen von der umwerfende Liebe Gottes erzählten, die in Christus Jesus sichtbar wird. Überall dort, wo Menschen darauf reagierten, entstanden Glaubensgemeinschaften.

Erst mit der Zeit wurden diese Glaubensgemeinschaften dogmatisch verfestigt, wurden zu Institutionen und mit breiter Anerkennung zu Volkskirchen. Der nächste Schritt war dann im 4. Jahrhundert zur Staatskirche (312 n.Chr., Konstantin). Damit fand eine Entwicklung hin zu einem Machtgebilde statt, welches zur Identität eines Landes oder einer Kultur werden konnte, sogar dann wenn der persönliche Bezug fehlte. Der ursprüngliche Charakter ging damit weitgehend verloren, was viele Menschen in den letzten 2000 Jahren dazu veranlasst hat, ausserhalb der Staatskirche auf eine andere Art Gemeinschaft zu pflegen.

Bei vielen Kirchen heute ist die Tradition sozusagen das äussere Gerüst, innerhalb dessen sich Glaube und Gottvertrauen entwickeln können, während bei Freikirchen der Glaube und das Gottvertrauen als Startschuss für die Gemeinschaft gesehen werden. Die Ausgangslage und Betrachtungsweise sind anders, aber der Kern kann derselbe sein und bleiben. Es geht in beiden Fällen um Ausdrucksweisen christlicher Identität. Allerdings: Nicht für jeden gilt einen persönlichen Glauben als Merkmal eines «Christen».

  • Für einige ist jeder, der in einem «christlichen» Land geboren wurde, bereits ein «Christ».
  • Für andere ist jeder ein Christ, der in einer Kirche getauft wurde (Mitglied einer Landeskirche)
  • Für wieder andere ist der ein Christ, der  sich selbst so betrachtet (Individualismus ohne bestimmte Prägung)
  • Für einige ist man erst dann Christ, wenn man erkennt, dass Gott durch Jesus Christus sich mit Dir und mir versöhnt hat und wir auf diese Botschaft mit einer persönlichen Lebensübergabe antworten
  • Für einige ist man nur dann Christ wenn man dieser oder jener Glaubensgemeinschaft zugehörig ist (der Rest ist verloren)
  • Für einige ist «Christ-sein» gleichbedeutend mit «Spiritualität» (das hat mit Christus nicht unbedingt etwas zu tun)
  • Für andere ist «Christ-sein» ein Stempel, das man aufgedrückt bekam, und man schleunigst loswerden will (die Last der Tradition)
  • Für manche ist «Christ-sein» eine Zugehörigkeit, die aus Gottes Berufung hervorgeht.

Mann findet vielleicht noch weitere «Meinungen» darüber, was denn genau ein Christ ist. Typisch für Freikirchen ist, dass man nicht «in den Glauben hineingeboren» werden kann. Es bleibt immer eine persönliche Entscheidung, die aus einem erlebten Gottesvertrauen heraus wächst und auf die frohe Botschaft von Jesus Christus basiert. Das ist nun allerdings kein Alleinstellungsmerkmal einer Freikirche, denn auch in Landeskirchen, in Hausgemeinden und ausserhalb dieser Institutionen finden sich Menschen, die sich in dieser Beschreibung erkennen. Lebendiger Glaube lebt nicht aus oder in einer bestimmten Schublade. Lebendiger Glaube bezeichnet Menschen die in einer Beziehung stehen, nicht solche, die irgendwo Mitglied sind.

Eine Gemeinschaft hat in der Regel eine gemeinsame Basis und ein gemeinsames Selbstverständnis. So funktioniert die Welt. Problematisch kann es werden, wenn bei diesem Selbstverständnis eine Entwicklung hin zu einer sektiererischen Ausrichtung stattfindet.

Wann wird eine Gemeinschaft zu einer Sekte?

Weder Kirchen noch Freikirchen sind a priori Sekten. Wie aber jede andere Gemeinschaft auch, können sowohl Kirchen wie Freikirchen sektiererische Züge annehmen. Das hängt vor allem von den Menschen ab, die in einer bestimmten Versammlung oder Kirche aktiv sind, und von den Lehren, die als grundlegend betrachtet werden. Das bereits genannte Merkblatt listet viele Punkte auf, die zur Vorsicht drängen: Abzocke von Mitgliedern, Heilungsversprechen, Diskrimination, Drohbotschaften, Elitarismus und Exklusivität, Führerkult, Geheimlehren, Kontaktabbruch, Kritikverbot und weitere. Wenn eines oder mehrere dieser Punkte zutreffen, ist Vorsicht geboten. Alle diese Punkte habe ich schon mal irgendwo beobachtet, aber ich habe ebensoviele ganz hervorragende Gemeinschaften kennengelernt, geführt von Menschen mit Weitblick und offener Lebenshaltung. Es gibt keine einfache Antworten. Hier aber einige Anhaltspunkte:

Eine gesunde Gemeinschaft führt zu einer Mündigkeit der Mitglieder (vgl. Eph 4,11-16). Mitglieder werden in die Freiheit und Selbständigkeit hinausgeführt. Die Welt wird als komplex anerkannt und es gibt keine einfache Antworten. Die Gemeinschaft ist verbindlich im Sinne von «sorgsam, einladend, verantwortungsbewusst, mitfühlsam, tragend, gemeinschaftlich», aber führt nicht zur Abschottung, sondern eher zur Offenheit. Es wird eine Identität gefördert, die auch die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden aushalten kann. Es findet Selbstreflektion statt und es gibt keine Tabu-Themen. Man ist sich der eigenen Prägung und Begrenztheit bewusst und kann diese als Teilerkenntnis sehen. Mann kann das eigene Verständnis mit anderen teilen, und ist auch bereit von anderen zu lernen. Diese Art der Gemeinschaft ist weder elitär noch abgrenzend. Es findet kein (religiöser, emotionaler, usw.) Missbrauch statt, sondern Menschen werden in ihrem Menschsein bestätigt, ebenso wie in ihrem Gottvertrauen gestärkt.

Eine sektiererische Gemeinschaft jedoch führt in eine Unmündigkeit der Mitglieder. Mitglieder werden in Abhängigkeit der geglaubten Lehre und der Leitung gesetzt. Sicherheit gibt es in der vereinfachten Weltsicht, die als absolut gesehen wird. Die Gemeinschaft schottet sich ab, bewusst oder unbewusst, und unterscheidet zwischen der bösen Welt draussen und der heilen Welt in der Gemeinschaft. Eine Auseinandersetzung mit Andersdenkenden wird als bedrohlich erfahren und ein Schwarz-Weiss-Denken ersetzt die kritische Auseinandersetzung mit sich selbst, der Gemeinschaft und der Welt. Mitglieder werden in dem Gemeindeleben so absorbiert, dass dies faktisch einer Abgrenzung von allem anderen gleichkommt. Die Gemeinschaft wird zuerst vielleicht eine Art «Ersatzfamilie», kann aber auch zum Ersatz-Universum für die reale Welt werden, worunter sogar freundschaftliche und familiäre Beziehungen leiden können.

Eine Gemeinschaft kann jedoch nur zur Sekte werden, wenn die Menschen selbst zuerst sektiererisch zu denken anfangen, wenn Abhängigkeit gefördert wird, wenn man bevormundet wird oder wenn Menschen sich der Leitung eines vermeintlichen «Predigers» kritiklos anvertrauen. Die Aufgabe der Mündigkeit ist der Anfang vom Ende.

Das Geheimnis des Glaubens

Durchaus sollte man kritische Fragen stellen. Das nämlich wäre Ausdruck eines gesunden Selbstbewusstseins. Man kann sich mit der Lehre, den Gepflogenheiten, dem Führungsstil, den Aufgaben, dem Ausblick und der Verantwortung der Gemeinschaft auseinandersetzen. Das Ziel kann dabei nicht die Kritik an sich sein, sondern die Förderung des verbindenden Lebens, der Lebendigkeit, der Gestaltung einer tragfähigen Offenheit. Was nicht dorthin führt, darf ohne Umschweife zur Diskussion gestellt werden. Freiheit kommt nicht von selbst, sondern nur durch bewusstes «stehen in ihr» (Gal 5,1).

Wer sich mit einem lebendigen Glauben noch etwas schwer tut, kann möglicherweise nicht alles nachvollziehen, was in einer Glaubensgemeinschaft vor sich geht. Es gibt also auch in der Betrachtung von aussen nicht nur schwarz und weiss. Die Differenzierung ist aber anspruchsvoll, wenn man sich als Aussenstehender versucht, sich eine eigene Meinung zu bilden. Zwar sollte man Gutes und weniger Gutes klar sehen können, aber der Inhalt des Glaubens selbst, des Gottvertrauens und der Zuversicht, kann seltsam bleiben. Bei dem Inhalt des Glaubens, des Gottvertrauens und der Zuversicht fängt aber ein neues Verständnis an. Hier geht es um den Kern der guten Botschaft selbst, welche in unser Leben hinein sprechen will.

So spricht der Apostel Paulus zu seinem Mitarbeiter Timotheus vom «Geheimnis des Glaubens» (1Tim 3,9). Dieses allgemeine «Geheimnis des Glaubens» sollten die Diener der Gemeinde in reinem Gewissen halten. Das hat weder mit Geheimniskrämerei etwas zu tun, noch mit einer abgehobenen Weltsicht. Es hat eher mit der nüchternen Glaubenshaltung zu tun, die Paulus als Merkmal hervorhebt. Diener sollten sogar von denen ausserhalb der Gemeinde ein ausgezeichnetes Zeugnis haben (1Tim 3,7) und Menschen sollten sich für eine Aufgabe «bewähren» (1Tim 3,10). Nüchternheit und gesunde Vernunft sind Merkmale gesunden Glaubens (1Tim 3,11 und 2Tim 1,7). Es ist in dieser Nüchternheit, worin das Geheimnis des Glaubens bewahrt wird. Es lässt sich nicht beurteilen, nur selbst nachvollziehen. Es lässt sich teilen, aber nicht ganz erklären, sowenig wie man lebendige Beziehung ganz erklären kann. Man kann eine Beziehung aber leben.

Lebendiger Glaube ist der beste Schutz vor sektiererischem Denken. Es mag für Aussenstehende schwer verständlich sein, aber die Auseinandersetzung mit Lebensfragen im Licht der Gnade Gottes schenkt Kraft, Zuversicht und Ausblick. Ein solches Glaubensverständnis beflügelt das Menschsein und befähigt dazu in der Welt zu leben, vielleicht mit ganz eigenen neuen Werten, aber ganz bewusst und ganz gesund. Das ist dann nicht mit einer Sekte zu verwirren.

Und wenn es nun tatsächlich sektiererisch ist?

Sektiererischen Gemeinschaften oder sektiererische Ansichten kennzeichnen sich in der Regel bereits selbst durch Abschottung von anderen. Hier gibt es nur eines: Bleibe fern von diesen Ansichten. Dabei geht es nicht darum, einer «fremden Lehre» fernzubleiben oder das auszugrenzen, was nur unbekannt ist, sondern dem «sektiererischen Verhalten» gegenüber eine gesunde Distanz zu bewahren. Wer beunruhigt ist, kann sich selbst prüfen, kann die Gemeinschaft prüfen, kann Hilfe von anderen beanspruchen, kann sich informieren. Das wäre eine gesunde Haltung. Wenn das nicht toleriert oder gefördert wird, entsteht ein handfestes Problem. Die bereits erwähnte Website relinfo.ch gibt für viele Fragen eine gute Orientierung.

Traumatisierung durch Religion

Sektiererisches Denken hat Folgen. Wer in Glaubensgemeinschaften steht, die vorgeben die absolute Wahrheit zu haben, hat den lebendigen Glauben für eine Ideologie ausgetauscht. Das hat verheerende Folgen. Viele Menschen werden dadurch religiös traumatisiert. Das geschieht auch (aber nicht nur) in Freikirchen. Auf englisch prägt sich hier der Begriff «Religious Trauma Syndrome». Siehe beispeilsweise: Journey Free. Die Drohung mit der Hölle, Schwarzweiss-Denken und dergleichen mehr hinterlassen tiefe Spuren in den Gedanken vieler Menschen. Von der Freiheit in Christus ist wenig mehr zu spüren. Man verliert den Kontakt mit sich selbst, eine freie Entscheidung wird schwierig und man steht ständig unter Druck der Gemeinschaft. Dogmatisch festgefahren ist die Lehre und das Leben muss angepasst verlaufen. Wer aus dieser Welt ausbricht, erfährt eine Befreiung. Damit ist erst ein Teil der Befreiung gelungen. Frei zu werden im Glauben hiesse auch, einen ganz eigenen Zugang zu finden, sich neu von der Gnade Gottes ausrichten zu lassen – ohne Zwang und Dogmen, aber getragen von der Berufung Gottes. Das lässt sich durchaus mit der Bibel begründen. Denn die Bibel selbst ist nicht sektiererisch noch sind es die Menschen, die dort beschrieben werden. Sie sind ganz Mensch, und haben einen lebendigen Glauben, ganz ohne Perfektionsanspruch. Beispielsweise wie es Paulus formuliert:

Ich schätze mich selbst noch nicht so ein, es ergriffen zu haben. Eins aber tue ich: ich vergesse, was hinter mir liegt und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. So jage ich dem Ziele zu, nach dem Kampfpreis der Berufung Gottes, droben in Christus Jesus. Alle von uns nun, die gereift sind, mögen darauf bedacht sein.
Phil 3,13-15

 

Siehe auch: