In dieser Serie über den Epheserbrief geht es im zweiten Kapitel um eine einmalige Entwicklung. Diese Entwicklung bringt «Friede» hervor. Man beachte jedoch, dass dieser Friede in einem speziellen Kontext steht. Für eine bestimmte Situation wird jetzt Friede verkündigt.

Er ist unser Friede

Manchmal eignen Texte sich hervorragend dazu, missbraucht zu werden. Dieser ist einer davon:

«Er ist unser Friede!»
Eph 2,14

Wie kann man diesen Text missbrauchen? Indem man ihn so, ohne Kontext, zitiert. Wer sich nach Frieden sehnt, liest hier die Bestätigung, dass Christus unser Friede ist. Und Friede heisst dann soviel wie ein warmes Gefühl im Bauch. Christus schenkt mir Friede im Bauch. Wer die Bibel so auslegt, richtet sich nach eigenen Wünschen und wähnt sich selbst im Zentrum alles Geschehens.

Gefühle sind wichtig, aber hier geht es nicht um dieses Gefühl. Es geht um einen anderen Zusammenhang. Es ist nichts dagegen zu sagen, dass Christus Dir Frieden und Entspannung im Gefühl schenkt, aber das ist nicht die Aussage dieses Abschnitts. Zwischen eigenen Gefühlen und dem Text unterscheiden zu können ist eine Voraussetzung für ein besseres und ehrlicheres Verständnis. Darin kann man erkennen, dass man eigene Gefühle hat, aber die Bibel nicht überall von Deinen Gefühlen spricht.

Warum geht es in diesem Abschnitt?

Nun aber, in Christus Jesus

Dies ist der Text:

«Nun aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst in weiter Ferne wart, durch Christi Blut zu nahestehenden geworden. Denn Er ist unser Friede, der die beiden eins gemacht und die Mittelmauer der Umfrieden (die Feindschaft in Seinem Fleisch) niedergerissen hat (indem Er das Gesetz der Gebote in Erlassen aufhob), um die zwei in Sich selbst zu einer neuen Menschheit zu erschaffen (indem Er Frieden macht) und die beiden in einem Körper mit Gott durch das Kreuz  auszusöhnen: so in ihm die Feindschaft tötend. Mit seinem Kommen verkündigt Er als Evangelium: Frieden euch, den Fernstehenden, und Frieden euch, den Nahestehenden, weil wir beide durch Ihn in einem Geist Zutritt zum Vater haben.»
Eph 2,13-18

Was hier geschieht wird von Paulus gleich deklariert: in Christus Jesus werden zwei Gruppen eins gemacht. In Christus, so wird erklärt, entsteht auch dieser Friede. In Christus heisst nicht «in uns». Es ist gerade «in Christus». Paulus nutzt diesen Ausdruck regelmässig im Epheserbrief, wenn es darum geht zu erklären, wie sich durch Gottes Handeln «in Christus» eine neue geistliche Realität entsteht. Das ist nicht in uns, sondern in Ihm. Wir aber haben daran einen Anteil (Eph 1,3).

Es geht hier um zwei Gruppen innerhalb der Gemeinde, nämlich Juden und Nichtjuden in der Gemeinde. Ausführlich wurde darauf bereits im letzten Beitrag hingewiesen.

Statusänderung für Nationengläubige

Die beiden eins gemacht

«Nun aber,
in Christus Jesus,
seid ihr, die ihr einst in weiter Ferne wart,
durch Christi Blut zu Nahestehenden geworden.
Denn Er ist unser Friede,
der die beiden eins gemacht
und die Mittelmauer der Umfriedung
(die Feindschaft in Seinem Fleisch)
niedergerissen hat.»
Eph 1,13-14

Paulus spricht hier eine bestimmte Gruppe an, zu der er selbst nicht gehört. Er spricht von «ihr». Wie bereits im letzten Beitrag erklärt, geht es hier um die Nationengläubige. Sie waren, obwohl Gläubig, noch nicht voll integriert. Zwar wurde in früheren Briefen darauf hingedeutet, aber die Umsetzung und endgültige Gleichschaltung, erfolgt erst hier, in diesem späten Epheserbrief.

Paulus relatiert die Änderung an Christus. Es ist «durch Christi Blut». Obwohl es eine «Feindschaft in Seinem Fleisch» gab, wurde dies nun aufgelöst «in Christus». Die ehemalige Feindschaft war «im Fleisch», sichtbar gemacht durch Beschneidung oder Nichtbeschneidung. Wer beschnitten war, war Jude und hatte im Fleisch bereits das Zeichen des Bundes von Gott mit Israel erhalten. Die Nichtbeschneidung war zwar eingeladen durch Gottes Gnade, aber die Position war damit nicht automatisch besser oder gleichwertig mit Israels Position. Auch wenn es das war, gab es hier offenbar eine Notwendigkeit für Paulus, explizit auf die Änderungen zu sprechen zu kommen. Hier wird Niet- und Nagelfest festgehalten, dass sich etwas geändert hat: «Nun aber, in Christus Jesus …».

Die Referenz an die «Mittelmauer der Umfriedung» ist eine Referenz an die Abtrennung durch den Vorhof des Tempels. Diese Abtrennung war eine Mauer (Soreg), hinter der Menschen aus den Nationen nicht gehen durften. Diese Mauer bestand zurzeit von Paulus im Tempel, der noch nicht vernichtet war. Es ist diese Mauer der Umfriedung, der «in Christus» niedergerissen wurde. Das spiegelt eine geistliche Realität. Damit war es den Gläubigen aus den Nationen erstmals möglich, zusammen mit den Gläubigen aus Israel, im Geist gleichgeschaltet, auf gleiche Art zu Gott zu stehen.

Es ist eine bemerkenswerte Änderung. Die Feindschaft, die es «im Fleisch» gab, wurde niedergerissen, als wäre es die Soreg, die niedergerissen war. Was passierte dort? Gläubige aus der Gemeinde, sowohl jüdische wie auch nichtjüdische Gläubige, wurden gleichgeschaltet. Keiner war wichtiger als der andere. Die nichtjüdischen Gläubigen, die einst «in weiter Ferne» waren, wurden zu «Nahestehenden», d. h. den jüdischen Gläubigen gleichgestellt. Das war nicht «im Fleisch», sondern «in Christus».

Soreg

Wurde das Gesetz aufgehoben?

Paulus erwähnt anschliessend, dass diese Änderung möglich war, weil «Er das Gesetz der Gebote in Erlasse aufhob» (Eph 2,15). Soll das jetzt heissen, dass Paulus das Gesetz überbord wirft? Keinesfalls. Das Gesetz war Israel gegeben. Paulus hebt das Gesetz nicht auf (Rom 3,31). Im Bezug auf die Stellung der Nationengläubige jedoch war das Gesetz nie denen gegeben. Das Gesetz mit allen Geboten und Erlassen wurde Israel allein gegeben. Wenn Paulus hier zu den Nationengläubige spricht, sagt er:

«indem Er das Gesetz der Gebote in Erlassen aufhob, um die zwei in Sich Selbst zu einer neuen Menschheit zu erschaffen (indem Er Frieden macht) und die beiden in einem Körper mit Gott durch das Kreuz auszusöhnen: so in ihm die Feindschaft tötend.»
Eph 2,15-16

Das Ziel von Paulus Aussage ist nicht, das Gesetz pauschal ausser Kraft zu setzen. Es ging ihm hier darum, wie «in Christus» nun «die zwei in Sich Selbst» zu einer neuen Menschheit erschaffen wurden. Das Ziel ist die Gleichstellung von Juden und Nichtjuden innerhalb der Gemeinde. Das ist der Kontext. Das sind die Menschen, an die sich Paulus hier richtet. Er spricht ausschliesslich über die Gläubigen in der Gemeinde. Sie wurden in Christus Jesus zu einer neuen Menschheit erschaffen.

Zuerst schreibt der Apostel über die Feindschaft, die «im Fleisch» besteht. Hier spricht er über das «Gesetz der Gebote in Erlassen», dass er aufhob. Beide Dinge passieren «in Christus» und sind demnach geistlich zu verstehen. Es ist nicht «in mir», noch «in der Welt und im Fleisch», sondern alles in «in Christus» und «durch Sein Blut».

In einem Körper

Die neue Menschheit, von der Paulus hier spricht, ist tatsächlich neu. Neu innerhalb seiner Briefe. Neu in der Gemeindelehre. Man findet den Ausdruck im Epheserbrief (Eph 2,15; Eph 4,24) und im Kolosserbrief (Kol 3,9). Beides sind das Gefangenschaftsbriefe, die er vermutlich in Rom schrieb.

Einführung Gefangenschaftsbriefe

Schreibt Paulus hier, dass sie «in einem Körper mit Gott durch das Kreuz ausgesöhnt wurden: in in ihm die Feindschaft tötend» (Eph 2,16), so liegt die Betonung auf die Einheit des Körpers. Es war kein mehrstufiger Körper, worin einige besser dran waren, mit mehr Vorrechten, als andere, sondern sie wurden in einem einzigen Körper mit Gott ausgesöhnt. Unterschiede, die vielleicht in der Gesellschaft bestehen würden, galten hier nicht. Dies war «in Christus» und es war Gottes Wirken durch das Kreuz.

Evangelium des Friedens

«Mit seinem Kommen verkündigt Er als Evangelium: Frieden euch, den Fernstehenden, und Frieden euch, den Nahestehenden, weil wir beide durch Ihn in einem Geist Zutritt zum Vater haben.»
Eph 2,17-18

Dieses Evangelium sagt: Frieden! Frieden für alle, nämlich für Juden und Nichtjuden in der Gemeinde. Beide, ob einst weiter weg oder durch fleischlicher Abstammung stets nahestehend, dürfen die Friede in Christus erkennen. Beide Gruppen haben durch Christus in einem Geist Zutritt zum Vater. Während im Tempel diese Trennmauer (Soreg) noch da war, wurde diese Trennmauer zwischen Juden und Nichtjuden in Christus abgerissen. Beide haben deshalb in einem und denselben Geist Zutritt zum Vater.

Frieden

Mehrfach wird in diesem Abschnitt über Friede gesprochen. Nicht als Gefühl, sondern als ausgesöhnte Begegnung, die in Christus möglich ist. Paulus zeigt hier auf direkte Folgen des Kreuzes Christi. So interpretiert er das. Immer wieder nimmt Paulus das Blut Christi und das Kreuz als Anlass dazu, das Wirken Gottes noch grösser und weiter zu denken als bis anhin. Hier im Epheserbrief, Kapitel 2, werden die Unterschiede zwischen jüdischen und nichtjüdischen Gläubigen aufgehoben. Das geschieht in Christus, nämlich geistlich.

Löst das jetzt ein gutes Gefühl aus?

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