In dieser Serie zum Epheserbrief sind wir im ersten Gebet von Paulus angekommen. Dieses Gebet ist aufgeschrieben und widerspiegelt, wie Paulus für die Gemeinde betet. Es zeigt, was seine Anliegen sind. In den vorangehenden Versen hat er beschrieben, wie er für die Gläubigen betet, damit sie Gott erkennen mögen. Auch sollten die Gläubigen erkennen, wie gross Seine Kraft ist. Darauf kommt er jetzt zu sprechen.
Gott kennen
Wenn Paulus für die Gläubigen betet, dass sie Gott erkennen mögen, erscheint das auf den ersten Blick etwas seltsam. Sollten Gläubige nicht Gott bereits kennen? Markiert nicht gerade der Glaube an Gott, dass man Ihn kennt? Nun, nicht unbedingt. Wer Gott «kennt», mag ein Verständnis dafür haben, dass es Ihn gibt und sein Leben darauf ausrichten. Es heisst jedoch nicht, dass man auch mit Gottes Wegen und Ausblick bekannt ist.
Gott erkennen umfasst demnach mehr als die eigene Projektion, die erste Begegnung, ein erstes Verständnis. Paulus sieht weiter. Als Apostel hat er die Aufgabe, ein Fundament des Glaubens zu legen. Er hat die Botschaft zu schärfen und entsprechend der Botschaft zu predigen. Eine Botschaft ohne Tiefe und Differenzierung kann nicht sehr weit tragen. Deswegen macht es sehr viel Sinn, für eine Erweiterung der Gotteserkenntnis zu beten.
Dies war die Thematik aus den vorhergehenden Versen (Eph 1,16-19). Die letzte Bemerkung war, dass Paulus dafür betete, dass die Gläubigen die «alles übersteigende Grösse Seiner Kraft ist (für uns, die wir glauben), gemäss der Wirksamkeit der Gewalt Seiner Stärke» (Eph 1,19). Das ist ein komplexer Satz. Paulus ist wegen seiner verschachtelten Sätze berüchtigt.
Möchte man den Wert von Paulus Worten erkennen, reicht es nicht, die Sätze zu überfliegen. Man muss genauer hinschauen und erfährt dann, dass diese «Gewalt von Gottes Stärke» begründet wird. Sie ist:
«Gemäss der Wirksamkeit der Gewalt Seiner Stärke, die in Christus gewirkt hat.»
Epheser 1,19-20
Man kann am Beispiel von Christus erkennen, wie gross und wirksam (!) Gottes Kraft ist. Dies ist die Aufforderung, auf Christus zu schauen.
Die Erhöhung von Christus
Paulus hat in Ihm Gottes Wirken erkannt. Er vertieft das jetzt mit zwei weiteren Aussagen:
«… Als Er Ihn aus den Toten auferweckte und Ihn zu Seiner Rechten inmitten der Überhimmlischen setzt.»
Epheser 1,20
Auferweckung aus den Toten und eine Position «zu Seiner Rechten inmitten der Überhimmlischen» sind die beiden Punkte, worauf der Apostel hinweist.
- Das Erste markiert einen Sieg über den Tod. Auferstehung und Auferweckung sind keine alltäglichen Erscheinungen. Es ist aber die Sterblichkeit des Menschen und der Tod, der darauf folgt, die als eines der Hauptprobleme der Menschheit gesehen werden. In der biblischen Narrative steht ist die Lösung dieses Problems die Erlösung, worüber geschrieben wird.
- Zweitens erhält Christus eine hohe Position «zu Gottes Rechten (Hand)». Der Ausdruck «zur Rechten» kann einfach eine Unterscheidung zu Links bedeuten (1Mo 13,9). Es gibt jedoch auch eine übertragene Bedeutung. Für Rechtshänder ist der rechte Arm der starke Arm (Jes 62,8). In übertragenem Sinne ist «zur Rechten» eine Position der Stärke und Zuversicht und einen Platz der Ehre (1Kön 2,19). Dies ist die Position, die Christus erhält.
Zur Rechten Gottes
Dass Christus «zur Rechten Gottes» gesehen wird, deutet auf eine Position hin. Es ist ein bevorzugter Platz. Der rechte Hand spricht von ähnlicher Würde (Jer 22,24). Der bevorzugte Platz «zur Rechten» nutzt Jesus auch in seiner Endzeitrede:
«Und er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommet her, Gesegnete meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an.»
Mat 25,33-34
Zur Rechten sind die «Gesegneten meines Vaters». Es gibt keinen besseren Platz. Man kann etwa denken an die Vision von Stephanus, der, während er gesteinigt wurde, hinauf schaute und sagte: «Als er aber, voll Heiligen Geistes, unverwandt gen Himmel schaute, sah er die Herrlichkeit Gottes, und Jesum zur Rechten Gottes stehen; und er sprach: Siehe, ich sehe die Himmel geöffnet, und den Sohn des Menschen zur Rechten Gottes stehen!» (Apg 7,55-56).
Es gibt viele weitere Verweise auf diese Position:
«Der Herr nun wurde, nachdem er mit ihnen geredet hatte, in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes.»
Mt 16,19
«Fortan aber wird der Sohn des Menschen sitzen zur Rechten der Macht Gottes.»
Luk 22,69
«Christus ist es, der gestorben, ja noch mehr, der [auch] auferweckt, der auch zur Rechten Gottes ist.»
Röm 8,34
«Wenn ihr nun mit dem Christus auferweckt worden seid, so suchet, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.»
Kol 3,1
«Er aber, nachdem er ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht, hat sich auf immerdar gesetzt zur Rechten Gottes, fortan wartend.»
Heb 10,12
«Hinschauend auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, welcher, der Schande nicht achtend, für die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.»
Heb 12,2
«Jesus Christus, welcher, in den Himmel gegangen, zur Rechten Gottes ist, indem Engel und Gewalten und Mächte ihm unterworfen sind.»
1Pet 3,22
Die Position von Christus
Der Apostel fährt weiter mit einer Beschreibung der Erhöhung von Christus:
«… Als Er Ihn aus den Toten auferweckte und Ihn zu Seiner Rechten inmitten der Überhimmlischen setzte, hoch erhaben über jede Fürstlichkeit und Obrigkeit, Macht und Herrschaft, auch über jeden Namen, der nicht allein in diesem Äon, sondern auch in dem zukünftigen genannt wird.»
Eph 1,20-21
Bei dieser Beschreibung geht es um viele Begriffe und Namen, die auf hohe Positionen hinweisen. Christus aber erhielt eine Position weit höher. Paulus nennt alles, was in diesem Äon und dem künftigen Äon genannt wird. Heute ist vielleicht eine schwierige Zeit, voller Herausforderungen, während die künftige Zeit (oder: Äon) von einer messianischen und von Gott gelenkten Zeit spricht. In beiden gibt es bevorzugte Positionen. Christus ist aber sowohl heute als auch in Zukunft weit darüber erhaben.
Was Paulus hier skizziert ist der Unterschied zu allen möglichen, bekannten und vielleicht auch unbekannten Mächten, heute wie in Zukunft, und Christus. Im Vergleich hat Christus die höhere Position. Man denke dabei auch an seinen Worten im Philipperbrief. Darin schreibt Paulus über die Selbstentäusserung von Christus, wonach die Antwort folgt:
«Darum hat Gott Ihn auch überaus hoch erhöht und Ihn mit dem Namen begnadet, der über jeden Namen ist.»
Phil 2,9
Wie Gott seinen Christus bestätigt
In seiner Beschreibung, kommt Paulus jetzt dazu, die Wertschätzung Gottes für seinen Christus bekanntzumachen. Man bedenke, dass dies immer noch Teil des Gebetes ist. Paulus spricht hier über Dinge, die er im Gebet sagen würde. So wie das Gebet eines Menschen die Antwort an seinen Gott ist, reflektieren die Worte auch das Verständnis von Gott, das Paulus hier den Gemeinden weitergibt. Der Anfang seines Gebets für die Gläubigen war, dass sie Gott erkennen möchten. Was das beinhaltet, dazu kommt Paulus hier.
«Alles ordnet Er (Gott) unter»
Eph 1,22
Wem betrifft das? Christus. Alles ordnet Er Ihm unter, nämlich Christus. Im Griechischen wird Christus nicht genannt, aber im Kontext ist Er hier gemeint.
«Alles ordnet Er Ihm unter, Ihm zu Füssen»
Eph 1,22
Dass alles Christus zu Füssen gelegt wird ist ein Prozess, der zeigt, dass Christus einen Namen über jeden anderen Namen erhalten hat. Da ist es logisch, dass alles sich diesem Christus unterordnet. Aus dem 1. Korintherbrief kann man entnehmen, dass Paulus dies für jeden erdenklichen Bereich sieht. Er nennt da ebenfalls eine Unterordnung unter Christus, im Hinblick auf eine zeitliche Abfolge hin zu Gottes Endziel. Es geht hier um die Vollendung der Lebendigmachung:
«Wenn Er (Christus) die Königsherrschaft Seinem Gott und Vater übergeben, wenn Er jede Oberherrschaft, jede Obrigkeit und Macht aufheben wird.»
1Kor 15,24
Dies tönt sehr ähnlich wie der Schluss vom ersten Kapitel des Epheserbriefes, den wir gerade vorhin gelesen haben. Paulus fährt im ersten Korintherbrief weiter:
«Denn Er (Christus) muss als König herrschen, bis (!) Er alle Seine Feinde unter Seien Füsse legen wird.»
1Kor 15,25
Auch dies finden wir ähnlich im Epheserbrief.
«Der letzte Feind, der abgetan wird, ist der Tod. Denn alles ordnete Er Ihm unter: unter Seine Füsse. Wenn Er dann sagt: „Alles hat sich untergeordnet!“, so ist es offenkundig, dass Gott ausgenommen ist, der Ihm das All unterordnete. Wenn Ihm aber das All untergeordnet ist, dann wird auch der Sohn Selbst dem untergeordnet sein, der Ihm das All unterordnete, damit Gott alles in allen sei.»
1Kor 15,26-28
Wenn Gott demnach die Position seines Sohnes würdigt und bestätigt, ist das nicht nur wegen «erbrachter Leistung», sondern auch wegen «zu erbringender Leistung» am Schluss der Zeiten. Der Ausblick hin zu Gottes Ziel ist inbegriffen. Dieses Ziel ist klar: Gott wird alles in allen, und nicht etwas in wenigen sein.
Auf dem Weg hin zum Ziel erhält Christus einen hohen Namen, der über jeden anderen Namen ist. Er wird König sein, aber nur für eine Zeit. Als König hat er eine Funktion zu erfüllen. Ist diese Erfüllung erreicht, geht es weiter. Paulus schreibt: Einst wird Christus die Königsherrschaft seinem Gott und Vater übergeben, damit dieser alles in allen werden kann.
Dieses Ziel ist ebenso im Epheserbrief enthalten. Schauen wir jetzt an, was die heutige Gemeinde damit zu tun hat.
Christus als Geschenk
Paulus führt weiter aus und schreibt:
«Und Ihn (Christus) gibt Er (Gott) als Haupt über alles der herausgerufenen Gemeinde, die Seine Körperschaft ist.»
Eph 1,22
Gott gibt Christus, der Haupt über alles ist, an die herausgerufene Gemeinde, die seine Körperschaft ist. Christus als Haupt ist eine übertragene Bedeutung. Buchstäblich ist der Körper aus vielen Gliedern zusammengestellt und verfügt auch über einen Kopf (1Kor 12,16-17). Christus ist Haupt über alles. Die Aussage wurde nicht in Bezug auf die Gemeinde gemacht.
- Gott ist der Geber
- Das Geschenk ist Christus als Haupt über alles
- Die Gemeinde ist die Empfängerin dieses Geschenks.
Die Dativkonstruktion «der herausgerufenen Gemeinde» entspricht dem Griechischen (τῇ ἐκκλησίᾳ). Die Gemeinde ist Empfängerin des Geschenks. Gott gibt der Gemeinde Christus. Speziell daran ist, dass Christus Haupt über alles ist. Daraus zeigt sich die Grösse des Geschenks sowie die Bedeutung der Gemeinde für die weiteren Schritte hin zum Endziel Gottes.
Die Gemeinde als Vervollständigung Christi
Gott gibt, haben wir gelesen. Er gibt Christus an die Gemeinde,
«die Seine Körperschaft ist, die Vervollständigung dessen, der das All in allem vervollständigt.»
Eph 1,23
Gott gibt Christus an die Gemeinde. Die Gemeinde jedoch ist seine Vervollständigung. Das soll man sich einmal in aller Ruhe auf der Zunge zergehen lassen: Die Gemeinde ist die Vervollständigung von Christus. Das Wort Vervollständigung deutet auf das Hinzufügen des letzten Stücks, die Erfüllung der Fülle, die Ergänzung noch fehlender Teile. Danach ist vervollständigt, was noch inkomplett war. So ist die Gemeinde die Vervollständigung von Christus. Damit wird Christus «voll». Dort hört es jedoch nicht auf.
Mitarbeit am Endziel Gottes
Es werden hier zwei Dinge vervollständigt. Als Erstes wird Christus durch die Gemeinde vervollständigt. Als Zweites wird dann der voll erfüllte Christus genannt, der das All in allem vervollständigt. Die Aufgabe der Gemeinde, als Teil von Christus, ist dann das Erreichen der Fülle aller Dinge. Wenn Gott sich ein Endziel gesetzt hat, einmal alles in allen zu werden, wie wir gelesen haben, dann wird die Gemeinde als Teil von Christus dazu vieles beitragen. Das ist der Ausblick vom Gebet des Paulus. Ist dies die Erkenntnis Gottes, worauf er zu Beginn des Gebets hinweist?
Auf welche Art wird das Ziel erreicht? Wie wird die Gemeinde dazu beitragen? Dazu schreibt Paulus mehr im zweiten Kapitel des Epheserbriefs. Dort stellt er etwa klar, dass die Gemeinde in künftigen Zeitaltern Gottes Gnade zur Schau stellen wird (Eph 2,6-7).

