Paulus betet. In seinen Briefen finden wir Muster seiner Gebete. Daraus kann abgeleitet werden, was ihm wichtig war. Als Gebet ausgesprochen weist das auch darauf hin, dass er die Hilfe zur Realisierung dieser Anliegen bei Gott suchte. Indem er die Gebete aufschreibt, will er zwar deutlich machen, was ihm wichtig ist, jedoch gleichzeitig klarstellen, dass diese Anliegen auch Teil seiner regulären Gebete sind. Man kann daraus ableiten, was ihm wichtig ist und wo er in seinem Glaubensverständnis steht.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Apostle_Paul_(Jan_Lievens)_-_Nationalmuseum_-_132629.tif?page=1

Gemälde vom Apostel Paulus, erstellt von Jan Lievens in Leiden, Niederlande, etwa 1627-1629.

Das erste Gebet

Ab Epheser 1,15 finden wir das erste ausgeschriebene Gebet des Apostels im Epheserbrief. Er betet aufgrund des Glaubensinhalt, womit er, Paulus, bekanntgemacht wurde (Eph 1,15). Dies teilt er jetzt den Gemeinden mit, an denen er diesen Brief richtet. Seitdem er von diesem Glaubensinhalt, diesem «Glaubensgut» gehört hat, hört er nicht auf …

«Für euch zu danken und in meinen Gebeten zu erwähnen.»
Eph 1,16

Dann fährt er weiter und es folgt ein ausführliches Gebet. Es ist kein Worship und kein Bibelstudium. Er erwähnt in diesem Gebet, wofür er Gott dankt und bittet. Paulus erwähnt konkrete Dinge. Er hat etwas gehört, das für die Epheser von Bedeutung ist. Er wurde von dieser Botschaft berührt. Seitdem er das gehört hat, dankt und betet der Apostel. Er erwähnt die angenommenen Leser seines Briefes und betet:

«Dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch geistliche Weisheit und geistliche Enthüllung zur Erkenntnis Seiner Selbst gebe (nachdem die Augen eures Herzens erleuchtet wurden).»
Eph 1,17-18

Als Erstes bittet er darum, dass Gott dem Wesen nach erkannt werden darf. Erstaunlicherweise betet der Apostel das für die Gläubigen. Hier geht es nicht etwa um Ungläubige, wofür Paulus betet, dass sie nun «endlich im Glauben Gott erkennen» mögen. Das wäre nicht nur reichlich überheblich, und mit dem, was er hier schreibt, hat das schon gar nichts zu tun. Aber sein Gebet für Gläubige zu beten, ist das nicht seltsam? Gläubige kennen Gott doch? Oder etwa nicht?

Paulus betet um geistliche Weisheit und geistliche Enthüllung – zur Erkenntnis Seiner Selbst. Gott zu erkennen, darum geht es. Präziser: Es geht darum, Gott selbst zu erkennen. Das scheint mehr als eine oberflächliche Beschreibung zu sein. Gott Selbst zu erkennen, bedingt geistliche Weisheit und geistliche Enthüllung. Deswegen richtet sich Paulus an Gläubige. Das kann für sie wirksam werden.

«Geistliche Weisheit und Geistliche Enthüllung zur Erkenntnis Seiner Selbst.» Das ist keine gewöhnliche Weisheit. Es scheint nicht so zu sein, dass man das Wesen Gottes einfach nebenbei erkennt. Andernorts erwähnt Paulus: «Uns aber enthüllt es Gott durch Seinen Geist; denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes» (1Kor 2,10). Dies legt nahe, dass Gottes Geist diese geistliche Weisheit und geistliche Enthüllung ermöglicht. Nur so geht das. Man kann auch am Römerbrief denken, worin Paulus erklärt: «Denn ihr erhieltet nicht den Geist der Sklaverei, wiederum zur Furcht; sondern ihr erhieltet den Geist des Sohnesstandes, in welchem wir laut rufen: Abba, Vater! – Der Geist selbst bezeugt mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind» (Röm 8,15-16).

Gott zu kennen gelingt nur, indem Gottes Geist mit unserem Geist «spricht». Geistliches Erkennen geht von Geist zu Geist. Nicht etwa von Geist zu Seele. Erkenntnis wird uns von Gott her geschenkt und in uns bewirkt. Paulus ergänzt im Gebet: «nachdem die Augen eures Herzens erleuchtet wurden». Unser Sehen und Erkennen, sagt Paulus, benötigt ein Upgrade. Die Augen müssen erleuchtet werden! Die Art, wie wir sehen, muss geistlich werden. Wir müssen lernen, Gott zu erkennen, um dann die Welt aus dieser Perspektive betrachten zu können.

Im dritten Kapitel vom Epheserbrief finden wir ein weiteres Gebet aufgeschrieben. Dort erwähnt Paulus, dass Gott es geben möge, dass wir «durch Seinen Geist in Kraft standhaft werden am inneren Menschen» (Eph 3,16). Auch dort ein Hinweis auf die Wirkung von Gottes Geist.

Gottes Geist wirkt nicht aus einem unbekannten Grund «magisch», als spürbare Kraft, als Gefühl. Es ist «geistlich», weil es von Geist getragen ist. Das ist eine Wirkung, die für sich steht. Geistliche Weisheit und geistliche Enthüllung führen dazu, dass wir Gott dem Wesen nach erkennen können. Der Selbst steht in diesem Prozess zentral. Es geht nicht um uns oder etwa um Spezialeffekte, die uns versprochen werden, sondern es geht darum, Gott Selbst in seinem Wesen zu erkennen. Seine Anliegen, Sein Erwarten, Sein Wirken, Sein Ausblick reden alle von Ihm Selbst. Darüber geht es in den nächsten paar Versen.

Wie erkenne ich geistliche Weisheit?

Was Paulus schreibt, bedingt eine Einwirkung von Gottes Geist. Wir benötigen geistliche Weisheit und geistliche Enthüllung. Dieses «Geistliche» hat mit unserem Geist zu tun. Dort muss es ankommen, damit wir es als geistliche Weisheit erkennen. Es ist die Weisheit, die wir benötigen, die «geistlich» geprägt ist. Dabei geht es um eine geist-gewirkte Zuordnung und Enthüllung. Wie erkennt man das? Wie bereits vermerkt, ist es kein Gefühl. Man kann nicht eines Morgens aufwachen und meinen «jetzt bin ich geistlich weise». So funktioniert das nicht. Woran merken wir das etwa?

Paulus macht es vor. Nachdem er erkannt hatte, was für die Gemeinden wichtig war, hörte er nicht auf, für sie zu danken und in seinen Gebeten zu erwähnen. Geistliche Weisheit äussert sich in Danksagung und Gebet. Es wird sichtbar im Bemühen, andere ebenso zu beglücken. Oder mit anderen Worten: Man hat die Anliegen Gottes verinnerlicht und Seine Ziele vor Augen. Daran orientiert man sich jetzt und richtet sein Handeln und die Haltung darauf aus.

Was wir wissen sollten

Warum bittet Paulus all dies?

«Damit ihr wisst.»
Eph 1,18

Geistliche Weisheit und geistliche Enthüllung zur Erkenntnis Gottes waren die Grundlage. Jetzt aber geht es weiter. Paulus nennt drei Dinge, die wir wissen sollten:

  1. «Was das Erwartungsgut Seiner Berufung ist, und
  2. Was der Reichtum der Herrlichkeit Seines Losteils inmitten der Heiligen, und
  3. Was die alles übersteigende Grösse Seiner Kraft ist (für uns, die wir glauben).»
    Eph 1,18-19

Der Apostel formuliert drei Dinge als Ziel für die Gemeinden. Es sind Dinge, die sie erkennen sollten. Das Erwartungsgut von Gottes Berufung ist ein Erkennen von dem, was vor uns liegt und wozu wir berufen sind. Zweitens spricht Paulus über den Reichtum der Herrlichkeit von Gottes Losteil inmitten der Heiligen. Damit sind allgemein die Gläubigen gemeint (vgl. Röm 1,7). Der «Reichtum der Herrlichkeit» verdient einen eigenen Aufsatz. Paulus erklärt das hier nicht, sondern erwähnt das als etwas, das «inmitten der Heiligen» geschieht. Dort ist also dieser Reichtum der Herrlichkeit anzutreffen: In der Gemeinde. Drittens erwähnt der Apostel, dass die Gläubigen erkennen sollte, was die alles übersteigende Grösse von Gottes Kraft ist, gerade für die Gläubigen.

Drei Dinge sind genannt. Jedes dieser Dinge kann man weiter ausführen. Betrachtet man aber den Gesamteindruck dieses Gebets, dann erwähnt er diese Dinge zusammen. Darin ist ein überfliessender Reichtum enthalten. Paulus erwähnt nicht etwas, sondern gleich drei Dinge. Es geht a. um die Erwartung, die uns gegeben wurde, b. um Gottes Herrlichkeit innerhalb der Gemeinde und c. um Seine Kraft für die Gläubigen. Man könnte auch sagen, dass Paulus drei Themen erwähnt: Ausblick des Glaubens, Reichtum der Gemeinschaft in Gottes Gegenwart und Grösse von Gottes Kraft.

Angefangen mit dem Ausblick, spricht der Apostel von der Gemeinschaft in Gottes Gegenwart und schliesslich von der Kraft Gottes. Wer Gottes Wesen und Wirken versteht, was geistliche Weisheit und geistliche Enthüllung voraussetzt, kann aus einem zuversichtliche Ausblick des Glaubens den Reichtum von Gottes Herrlichkeit in der Gemeinschaft und Gottes Kraft im persönlichen Leben erfahren.

Dies ist, was die Gemeinden wissen sollte. Deswegen nennt er das in einem Gebet, damit Gott Selbst dies in den Gemeinden schenken mag. Anschliessend kann Paulus dies ausarbeiten und für den Aufbau vertiefen.

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