Die heutige Kirche oder Gemeinde wird als selbstverständlich hingenommen. Das war sie am Anfang jedoch nicht. Es war eher alles aussergewöhnlich. Die Entwicklung von «keine Gemeinde» zur «heutigen Gemeinde» begann mit Paulus. Jesus und die zwölf Apostel waren auf Israel fokussiert. Sie sprachen über eine messianische Zukunft. Das entspricht nicht der heutigen Kirche. Die begann mit Paulus, dem «Apostel der Nationen» (Röm 11,13). Er hat etwas Neues verkündet und eine neue Gemeinde begonnen, die nicht auf eine messianische Zukunft wartete.

Keine Gäste mehr

Mit Paulus begann etwas Neues. Er enthüllte Geheimnisse, von denen niemand vorher sprach. Erstmals wurden Nichtjuden direkt adressiert, mit der frohen Botschaft, die Paulus mehrfach «mein Evangelium» nannte (Röm 16,25-27). Diese Entwicklung war grossartig, aber der Anfang entsprach nicht der Situation, die wir heute kennen. Es wurde kein Schalter umgedreht. Vielmehr war es ein Prozess. Die Gläubigen aus den Nationen waren nämlich zuerst nur Gäste dieser Situation. Sie gehörten dazu, aber noch nicht ganz. Erst im Epheserbrief jedoch werden bisherige Unterschiede zwischen Gläubigen aus den Juden und Gläubigen aus den Nationen aufgehoben. Schauen wir dies noch einmal kurz an.

Im letzten Abschnitt aus dem Epheserbrief (Eph 2,13-18) hat Paulus erklärt, dass diejenigen aus der Gemeinde, die einst weit weg waren, durch Christi Blut zu Nahestehenden geworden sind. Anschliessend an diesem Abschnitt schreibt er:

«Demnach seid ihr nun nicht mehr Gäste und Verweilende, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Glieder der Familie Gottes.»
Eph 2,19

Das schreibt er an eine Gruppe in der Gemeinde. Er spricht nicht über «Ungläubige», sondern richtet sich ausdrücklich an Gläubige in der Gemeinde. Wer war ein Gast? Paulus spricht von den nichtjüdischen Gläubigen, wie wir in vorherigen Beiträgen zum Epheserbrief erkannten.

Zuvor sprach er die nichtjüdischen Gläubigen an, die einen neuen Status erhielten. Das bestätigt er hier. Die Gläubigen aus den Nationen sind keine Gäste mehr, keine temporären Mitglieder, die zu dulden sind. Etwas Spezielles geschah, denn sie wurden als vollwertige Mitglieder der Gemeinde aufgenommen. Sie wurden «Mitbürger der Heiligen und Glieder der Familie Gottes». Eine aussergewöhnliche Neuigkeit in der damaligen Zeit.

Die Familie Gottes

Es fällt auf, dass Paulus hier nicht pauschal von einer «Kirche» oder «Gemeinde» spricht. Er benutzt einen erweiterten Ausdruck, wenn er von der Familie Gottes spricht.

«Demnach seid ihr nun nicht mehr Gäste und Verweilende, sondern ihr seid:

    • Mitbürger der Heiligen und
    • Glieder der Familie Gottes.»

«Mitbürger» (gr. συμπολίτης, sumpolites) fragt direkt danach, «mit wem» das gemeint sei. Aus den vorherigen Beschreibungen ist das jetzt unschwer zu erkennen. Die Gläubigen aus den Nationen sind Bürger «zusammen mit den Gläubigen aus Israel». Damit sind die Unterschiede innerhalb der Gemeinde aufgelöst.

Ebenso sind diese nichtjüdischen Gläubigen nun «Glieder der Familie Gottes». Der erweiterte Begriff erscheint hier angebracht, denn es gibt im Laufe der Geschichte nicht nur Gläubige aus Israel, sondern auch weitere, wie Abram (später: Abraham), der lange vor Israel lebte und trotzdem Gott vertraute. Das wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet (1Mo 15,6). Abram gehört also dazu.

Ein Ausdruck wie «Familie Gottes» begrenzt sich nicht auf eine Teilgruppe von Menschen, sondern auf alle, die glauben. In dieser Familie Gottes stehen jetzt auch die Gläubigen aus den Nationen. Sie sind nicht Teil von Israel, aber stehen ab sofort gleichwertig in der Gemeinde. Sie gehören dazu. Wozu? Zu dieser Familie Gottes, die alle Gläubigen umfasst. Da geht es nicht um spezielle Berufungen, sondern um die Zugehörigkeit. Deswegen können mit diesem Ausdruck alle Arten von Gläubigen zusammengefasst werden.

Das Wort für «Familie» ist im Griechischen οἰκεῖος (oikeios), was auch mit Hausgenossen übersetzt werden kann. Das ist recht bedeutsam, denn es geht nicht um eine menschliche Abstammung, als wäre es eine Blutlinie, sondern es geht um diejenigen, die zum «Haus» gehören. Man denke an weiteren Menschen des Haushalts, die nicht aus derselben Blutlinie stammen. Das ist die Situation für die Gläubigen aus den Nationen. Sie gehörten nicht zu Israel, aber gehörten jetzt trotzdem dazu.

Die gemeinsame Grundlage

Paulus fährt weiter und schreibt:

«… Aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, deren Schlussstein der Ecke Christus Jesus ist, in welchem das gesamte Gebäude, zusammen verbunden, zu einem heiligen Tempel im Herrn wächst.»
Eph 2,20-21

Der Zusammenhang skizziert das als starke Grundlage. Die Nationengläubige gehören jetzt zur Familie Gottes und werden auf der Grundlage der Apostel und Propheten aufgebaut, deren Schlussstein der Ecke Christus Jesus ist. Sie stehen nun auf derselben Grundlage, die auch für die jüdischen Gläubigen gilt.

Diese Grundlage von Aposteln und Propheten, deren Schlussstein Christus Jesus ist, ist nicht nur eine distanzierte Grundlage, sondern es ist Grundlage für das Gebäude der Gemeinschaft, das jedoch weiter aufgerichtet wird. Darin sind die nichtjüdischen Gläubigen vollwertig eingebunden. Dieses Gebäude, worin jeder seinen Platz hat, «wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn».

Wo genau ist dieser Tempel? Sie wächst «im Herrn». Das ist ein geistlicher Bau. So schreibt Paulus:

«In Ihm werdet auch ihr mitaufgebaut zu einer Wohnstätte Gottes im Geist.»
Eph 2,22

Spricht Paulus zuerst von einem «heiligen Tempel im Herrn», so erläutert er das gleich anschliessend als «eine Wohnstätte Gottes im Geist». Damit sei erklärt, dass es bei diesem heiligen Tempel nicht um ein Meisterstück der Architektur geht, sondern darum, dass die Gemeinde aus jüdischen und nichtjüdischen Gläubigen zu einer Wohnstätte Gottes wurde. Das ist das Ziel, dass Gott in dieser Gemeinschaft «wohnen» kann. Ich kann mir das nicht physikalisch vorstellen. Paulus sagt dann auch, dass dies «im Geist» ist. Weil wir es nicht sehen können, müssen wir uns das vorstellen. Weil diese Wohnstätte im Geist ist, ist die Gemeinschaft ebenso geistlich.

Man stelle sich die Gemeinde also als einen Ort vor, worin Menschen aufgrund ihres Glaubens zusammenkommen. Vielleicht tut Dir diese Gemeinschaft gut, aber das ist nicht, wofür zusammengebaut wird. Als Gemeinde bildet man, in geistlichem Sinne, eine Wohnstätte Gottes. Man kann nur hoffen, es sei nicht nur eine Bleibe für das Wochenende. Die Gemeinschaft bietet sozusagen eine Möglichkeit, dass Gott dort gegenwärtig ist. Bilden die Gläubigen eine Wohnstätte Gottes im Geist, so kann Gott, bildhaft gesprochen, inmitten der Gemeinde gegenwärtig sein.

Worauf Paulus hinaus will, ist dies: Er schliesst in diesem Abschnitt alle Gläubigen ein. Sowohl die Gläubigen aus Israel, als auch die Gläubigen aus den Nationen (die bis dahin Gäste und Verweilende waren), bilden zusammen ein einziges Gebäude. Sie teilen dieselbe Grundlage, haben Christus Jesus als Eckstein und werden so zusammen ein heiliger Tempel im Geist. Als Tempel ist es eine Wohnstätte Gottes im Geist.

Tempel

Man stelle sich vor, wie die messianische Erwartung auf einen Tempel in Jerusalem wartet. Nicht so mit diesem Tempel. Dieser heilige Tempel ist kein Gebäude aus Stein, sondern eine Wohnstätte Gottes im Geist. Die beiden Dinge sind unterschiedlich.

Fragen

  • Beschreibe die hier skizzierte Entwicklung für die Gläubigen aus den Nationen
  • Wie änderte dies die Gemeinde jener Zeit?
  • Warum haben die übrigen Apostel nie davon gesprochen?
  • Seit wann gehören Gläubige aus allen Nationen gleichwertig zur Gemeinde, zum Körper Christi, wovon nur Paulus sprach?
  • Das Bild zu diesem Beitrag ist vom Kidron-Tal mit Blick auf das «Golden Gate». Der Messias soll dort einmal in Jerusalem einziehen. Wie wichtig sind solche Vorstellungen für das Verständnis der Gemeinde heute?
  • Was siehst Du als Kern der heutigen Gemeinde? (Und hat das mit diesem Beitrag zu tun?)
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