Alle Gläubigen sind «in Christus gleich». Was heute selbstverständlich ist, war es zu Anfang nicht. Es gab deutliche Unterschiede innerhalb der Gemeinde. Einige waren Juden, andere dagegen Nichtjuden. Zwischen beiden gab es Unterschiede im Verständnis und der Abstammung. Zu Anfang war das noch nicht geklärt. Paulus hat im Epheserbrief, im ersten Kapitel, betont, was wir «in Christus» erhielten und weitet das im zweiten Kapitel von der persönlichen Situation auf die Gemeinde und das Gemeindeverständnis aus. Es gibt eine umwerfende Neuerung.
Menschen gehören Gruppen an. Einige gehören zum jüdischen Volk, wie auch Jesus und die Apostel. Andere dagegen stammen aus den «übrigen Nationen». Das religiöse Selbstverständnis der Juden war gross. Ihr Einfluss in der Gemeinde war entsprechend geprägt. Dass nun Gott direkt mit Gläubigen aus den Nationen etwas zu tun haben sollte (so die Verkündigung vom Apostel Paulus) war zwar nachvollziehbar, aber die Folgen für die Gemeinde müssten noch geklärt werden. Diese Klärung fand nicht schlagartig, sondern über eine Entwicklung statt. Heute liegt diese weit hinter uns. Versuchen wir, uns hier etwas in die Zeit von Paulus zurückzuversetzen. Das wird uns dabei helfen, die Bedeutung des Epheserbriefs zu erfassen.
Der Epheserbrief gehört zu den späteren Briefen. Was Paulus hier schreibt, war nicht automatisch schon lange bekannt. Was wir im Neuen Testament zügig durchlesen können, entstand über eine lange Zeit. Paulus enthüllt und erklärt und schreibt, was er erkennt. Vom wütenden Verfolger der Jesus-Sekte (Apg 9,1) bis zu einem «bejahrten Paulus» (Phlm 1,8-9) dauerte es Jahrzehnte. Während seines Lebens hat er immer wieder Enthüllungen erhalten. Diese kamen direkt von Jesus Christus (Gal 1,11-12).
Deswegen gibt es immer wieder neue Dinge zu lesen. Die Paulusbriefe sind nicht als ein Eintopf-Gericht zu betrachten. Die Briefe entwickeln sich mit dem Apostel. In diesem Sinne schreibt der Apostel mehrfach von «Geheimnissen». Diese sind nicht etwa unbekannt, sondern werden gerade enthüllt. Geheimnisse sind Informationen, die früher unbekannt waren. Sie werden durch Paulus aber bekanntgemacht. Es sind Meilensteine auf dem Weg des Verständnisses. Paulus klärt auf und erzählt Neues.
Der Grundsatz ist demnach, dass Paulus nicht etwas verbirgt, sondern bekanntmacht. Das passiert auch im Epheserbrief. Der Apostel schreibt direkt von Geheimnissen in einigen Kapiteln (Eph 1,9; Eph 3,3-4; Eph 5,32; Eph 6,19). Er spricht jedoch nicht explizit über ein Geheimnis in Kapitel 2. Daraus kann man allerdings nicht folgern, dass es «also nicht geheim war». Paulus wurde von Christus unterrichtet und macht einiges bekannt, was als «neu» zu betrachten ist.
Eine solche Bekanntmachung spielt auch in Epheser 2.
Verschiedene Gruppen in der Gemeinde
Die Ausgangslage für den Epheserbrief betrifft eine Auseinandersetzung innerhalb der Gemeinde. Dort gab es zwei Gruppen von Gläubigen: Juden und Nichtjuden. Diese Gruppen waren nicht gleich. Wiederholt kommt es zu Auseinandersetzungen.
«Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht; steht nun fest und lasset euch nicht wiederum unter einem Joche der Knechtschaft halten. Siehe, ich, Paulus, sage euch, dass wenn ihr beschnitten werdet, Christus euch nichts nützen wird. Ich bezeuge aber wiederum jedem Menschen, der beschnitten wird, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist.»
Galater 5,1-3
Aus solchen Bemerkungen kann man ableiten, dass manche jüdische Gläubigen es als notwendig erachteten, in der Gemeinde dieselben Anforderungen wie einst für Israel zu etablieren. Paulus verneint dies und meldet sich wiederholt zu Wort, wie im vorgenannten Abschnitt aus dem Galaterbrief. Es ist, als gäbe es eine Zweiteilung in der Gemeinde, die auf Abstammung und Anstrengung für Gebote und Verbote aus der Thora hinweist.
Eine solche Zweiteilung ist unglücklich. Man versuchte, aus den Streitigkeiten zu entkommen, indem man eine Entscheidung der Apostel in Jerusalem forderte. Das ist das berühmte Apostelkonzil, worüber in Apostelgeschichte 15 gesprochen wird. Zu dieser Zeit scheinen also die zwölf Apostel noch eine bedeutsame Entscheidungskraft, sogar für die Gemeinden von Paulus, zu haben. Dieses Konzil wird jedoch nicht wiederholt und bleibt ein einmaliges Ereignis.
Das Apostelkonzil
Man denke einmal an das Apostelkonzil, worüber wir in Apostelgeschichte 15 lesen:
«Und etliche kamen von Judäa herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr nicht beschnitten worden seid nach der Weise Moses‘, so könnt ihr nicht errettet werden. Als nun ein Zwiespalt entstand und ein nicht geringer Wortwechsel zwischen ihnen und dem Paulus und Barnabas, ordneten sie an, dass Paulus und Barnabas und etliche andere von ihnen zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem hinaufgehen sollten wegen dieser Streitfrage.»
Apg 15,1-2
Hier ging es um die Frage der Beschneidung. Das war natürlich nur ein Merkmal, ein gemeinsamer Nenner für viele weitere Fragen. Wegen Streitigkeiten darüber wurde in Apostelgeschichte 15 eine Delegation nach Jerusalem gesandt, um von den zwölf Aposteln darüber Weisung zu erhalten. Man beachte, dass dies weit vor der Zeit liegt, in der der Epheserbrief geschrieben wurde.
Was beim Apostelkonzil deutlich wurde, war die Erwartung von manchen, dass die Nationen-Gläubigen, die Nichtjuden in der Gemeinde, angehalten wurden, Gesetzesforderungen nachzukommen.
«Etliche aber derer von der Sekte der Pharisäer, welche glaubten, traten auf und sagten: Man muss sie beschneiden und ihnen gebieten, das Gesetz Moses‘ zu halten. Die Apostel aber und die Ältesten versammelten sich, um diese Angelegenheit zu besehen.»
Apg 15,5-6
Petrus steht dann auf und stellt fest, dass die Grundlagen Gottes Handeln und Glauben sind. Das sagt Petrus nach seiner Erfahrung mit Kornelius (Apg 10) und der Auseinandersetzung darüber in der Jerusalemer Gemeinde (Apg 11). Er sagte das, im vollen Bewusstsein, dass die Gemeinde in Jerusalem aus «Eiferer für das Gesetz» (Apg 21,20) bestand. Die Gemeinde in Jerusalem hat demnach ein Verständnis, worin die Forderungen des Gesetzes sehr wohl gelebt wurden, und der Unterschied zu den Nationengläubige wird jetzt geklärt. Petrus sagte:
«Nun denn, was versucht ihr Gott, ein Joch auf den Hals der Jünger zu legen, das weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten? Sondern wir glauben durch die Gnade des Herrn Jesus in derselben Weise errettet zu werden wie auch jene.»
Apg 15,10-11
Beachtenswert ist in der Jerusalemer Gemeinde also Folgendes: Hier waren Gesetzeseiferer (!), die trotzdem die Gnade des Herrn Jesus voranstellten. Das Gesetz war demnach kein Schlüssel zur Rettung, aber sie haben es trotzdem befolgt. Für die Nationen-Gläubigen der paulinischen Gemeinden kam jetzt etwas anderes als das Gesetz.
«Deshalb urteile ich, daß man diejenigen, welche sich von den Nationen zu Gott bekehren, nicht beunruhige, sondern ihnen schreibe, dass sie sich enthalten von den Verunreinigungen der Götzen und von der Hurerei und vom Erstickten und vom Blut. Denn Moses hat von alten Zeiten her in jeder Stadt solche, die ihn predigen, indem er an jedem Sabbat in den Synagogen gelesen wird.»
Apg 15,19-21
Dies ist in vielerlei Hinsicht eine bemerkenswerte Aussage. Die Nichtjuden in der Gemeinde mussten zwar nicht beschnitten werden, aber erhielten trotzdem einige Hinweise zur Befolgung. Dabei referiert Petrus an die Thora, worin nach der Überlieferung mehrere universale Gebote Gottes mit den Menschen galten. Sie wurden als die Noachidische Gebote bekannt. Für die Juden wurde später ein spezieller Bund eingerichtet. Für die übrigen Nationen sollten jedoch weiterhin die 7 Regeln der Noachidische Gebote gelten, die Petrus hier als 4 Regeln wie folgt zusammenfasst:
- Enthaltung von Verunreinigungen der Götzen
- Enthaltung von der Hurerei
- Enthaltung vom Erstickten (kein Fleisch von Tieren essen, die durch Erstickung umkamen)
- Enthaltung von Blut (kein Fleisch mit dem Blut essen).
Diese Anweisungen werden erstmals nach der Sintflut formuliert, also bevor Israel als Nation entstand und vor einer Gesetzesgebung auf dem Berg Sinai. Der Endpunkt liegt hier:
«Nur das Fleisch mit seiner Seele, seinem Blute, sollt ihr nicht essen.»
1Mo 9,4
Bis dahin, nach rabbinischer Überlieferung, galten bereits 6 weitere Gebote. So kommt man heute auf eine Gesamtzahl von 7 Geboten. Dazu gäbe es noch viel zu sagen, aber bedeutsam ist, dass Petrus diese Gebote als Richtlinie für die paulinischen Gemeinden bekanntgibt. Es ist bezeichnend, dass er direkt auf Mose hinweist und auf die Synagogen.
Bei diesem Konzil werden zwei Dinge klar:
- Es gibt eine Entlastung für die Nationengläubige, die das ganze Gesetz nicht halten müssen.
- Es gibt ganz offensichtlich trotzdem ein Gefälle, worin Paulus die zwölf Apostel um Weisung bittet.
Diese Situation, die zweifellos begründet war, galt zu jener Zeit. Ein Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden in den paulinischen Gemeinden war zwar entschärft, aber es gab nach wie vor Unterschiede und Anforderungen. Im Epheserbrief wird diese Situation jedoch grundlegend geändert. Paulus macht also viele Jahre später eine Klärung, wofür er nicht nach Jerusalem reist.
Die Idee «in Christus» zu sein
Juden und Nichtjuden sind beide Teil der Gemeinde, wenn sie der Botschaft der Gnade folgen, wie Paulus die verkündigt. Die jüdischen Gläubigen hatten etwas mehr «religiöses Gewicht», scheint es. Das wurde zwar geordnet, etwa beim Apostelkonzil, jedoch war das nicht dasselbe als die Feststellung von Paulus im Epheserbrief, dass wir alle «in Christus» gesegnet sind. Zwar war das bekannt (1Kor 1,2), aber weniger klar war die Auswirkung, die das haben sollte.
Einerseits schreibt Paulus im Galaterbrief:
«Denn so viele euer auf Christum getauft worden sind, ihr habt Christus angezogen. Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Weib; denn ihr alle seid einer in Christo Jesu. Wenn ihr aber Christi seid, so seid ihr denn Abrahams Same und nach Verheissung Erben.»
Gal 3,27-29
Hier wird es so dargestellt, dass die Gläubigen «Christus angezogen» hatten, darin sind alle «einer in Christo Jesu». Dies regelt die Verhältnisse untereinander als Kontrast zur Gesellschaft. In der Gesellschaft gibt es Unterschiede, aber in der Gemeinde ist das anders. In übertragenem Sinne sind alle «Abrahams Same und nach der Verheissung Erben». Das schliesst alle in dieselben Verheissungen ein, hier noch mit einem Verweis auf Abraham und als Erben. Das spricht beides von dem Resultat älterer Vorstellungen.
Die Weiterentwicklung
Spannend wird es im Epheserbrief, wo diese frühen Ideen nochmals anders betont und erklärt werden. Im Epheserbrief geht es um den Segen, den alle «in Christus» haben. Das ist keine Erbschaft aus alter Zeit, sondern etwas, das nach der Auferstehung neu entstand. Es geht nicht mehr nur darum, «einer in Christo Jesu» zu sein, was die Verhältnisse untereinander bezeichnet. Vielmehr geht es um eine andere Realität, nämlich die, welche «in Christus» entstand.
Der Ausdruck «in Christus» hat im Epheserbrief zuerst einmal nichts mit der Gemeinde zu tun. Kapitel 1 beschreibt, wie wir in Christus gesegnet sind. Es ist der Ort der Segnung, der mit Christus verknüpft ist und dem Wesen nach als «geistliche Realität» gilt. Es ist eine angenommene Position aufgrund der Verkündigung. Sie gilt uns, wenn wir diese Position auch nicht sehen können. Nehmen wir diese Position «in Christus» als Anlass für weitere Überlegungen. Es ist der Beginn neuer Zusammenhänge, die sich in Konsequenz auch auf die Gemeinde auswirken.
Im Epheserbrief schreibt Paulus nun andererseits etwas von einem Ziel:
«Für die Verwaltung der Fülle der Zeiten: alles unter ein Haupt zusammenzubringen in dem Christus, das, was in den Himmeln und das, was auf der Erde ist, in ihm.»
Eph 1,10
Der Gott, der Himmel und Erde erschuf, fasst in einer «Verwaltung der Fülle der Zeiten» alles unter einem Haupt «in Christus» zusammen, nämlich alles in den Himmeln und alles auf der Erde. Diese Bedeutung von «in Christus» wurde jetzt sehr weit ausgedehnt. Nicht mehr geht es nur um zwischenmenschliches Verhalten innerhalb der Gemeinde, sondern um ein Zusammenbringen der gesamten Welt.
Zwei Gruppen in Epheser 2
Diese anvisierte Einheit in Christus für die gesamte Welt hat Paulus in Epheser 1,10 angedeutet und dann in Epheser 1,23 nochmals erwähnt: Die Gemeinde ist die Vervollständigung von dem, der alles in allem erfüllt. Unmittelbar geht es dann im zweiten Kapitel weiter. Dort geht es nicht pauschal um «alle», sondern mehr spezifisch um die Gläubigen. Er benennt sie als «die ihr tot wart in euren Vergehungen und Sünden» (Eph 2,1).
Hierauf gilt es im Text zu achten:
«Auch euch … (Eph 2,1)
auch wir … (Eph 2,3)
zusammen …» (Eph 2,5)
Tipp: Hast Du ein Konkordantes Neues Testament? Darin werden diese drei Begriffe mit gespreiztem Buchstabenabstand gedruckt. Es soll darauf hinweisen, dass im Text verschiedene Gruppen genannt sind.
Hier sieht man zwei Gruppen. Paulus richtet sich an «Euch», spricht dann aber von «auch wir» als sei das eine andere Gruppe und erläutert anschliessend, dass nun etwas «zusammen» geschieht. Man könnte jetzt meinen, dass er sich im Epheser 2,1 an «Euch», nämlich an eine spezifische Gemeinde wendet. Dann wäre das ein lokaler Bezug. Es wurde aber bereits darauf hingewiesen, dass der Epheserbrief nicht an die Gemeinde in Ephesus geschrieben wurde, sondern als Rundbrief konzipiert wurde. Daraus erscheint es naheliegend, dass er sich allgemein an verschiedene Gemeinden richtete. Es gibt keinen lokalen Bezug.
Hier sieht man zwei Gruppen. Paulus richtet sich an «Euch», spricht dann aber von «auch wir» als sei das eine andere Gruppe und erläutert anschliessend, dass nun etwas «zusammen» geschieht. Man könnte jetzt meinen, dass er sich im Epheser 2,1 an «Euch», nämlich an eine spezifische Gemeinde wendet. Dann wäre das ein lokaler Bezug. Es wurde aber bereits darauf hingewiesen, dass der Epheserbrief nicht an die Gemeinde in Ephesus geschrieben wurde, sondern als Rundbrief konzipiert wurde. Daraus erscheint es naheliegend, dass er sich allgemein an verschiedene Gemeinden richtete. Es gibt keinen lokalen Bezug.
Aber was meint Paulus dann mit «auch wir»? Meint er damit sich selbst und seine direkten Mitarbeiter? Oder wäre das ein Interpretationsversuch ohne direkten Beweis? Die unscheinbaren Angaben im Text verdienen eine weitere Beachtung.
Wer mit «Euch» gemeint ist, erkennt man nicht direkt aus dem vorherigen Text, sondern eher aus dem nachfolgenden Text. So schreibt der Apostel einige Verse weiter:
«Darum seid dessen eingedenk, dass einstmals ihr aus den Nationen dem Fleische nach Unbeschnittene genannt von der sogenannten ‚Beschneidung‘ (die am Fleisch mit Händen gemacht wird), dass ihr zu jener Frist von Christus getrennt wart, Fremde gegenüber dem Bürgerrecht Israels und Gäste der Bundesverheissungen, dass ihr keine Erwartung hattet und in der Welt ohne Gott wart.»
Eph 2,11-12
Allzu leicht könnte man hier jetzt folgern, dass das von Nationen allgemein spricht und von «Ungläubigen». Das ist aber nicht der Fall. Diese Menschen aus den Nationen waren von ihrer Abstammung her «Fremde gegenüber dem Bürgerrecht Israels». Sie waren aber nicht losgelöst von Israel, sondern sie waren «Gäste der Bundesverheissungen». Das lässt daraus schliessen, dass sie bei Israels Erwartung irgendwie angedockt waren. Die Betonung liegt auf «irgendwie», denn das Andocken entsprach keiner messianischen Verheissung. Mit anderen Worten: Die Situation für die Nationengläubige war noch nicht ganz geklärt. Ich werte diese Beschreibung deshalb als Verlegenheitslösung. Es waren Ausdrücke, die die Menschen in den Gemeinden verstanden. Der Text spricht hier von Gläubigen. Insbesondere richtet sich Paulus an die Gemeinden, sodass es naheliegt, hier von Nationengläubige in der Gemeinde zu reden.
Diese Nationengläubige waren zwar in Christus gesegnet, aber Gottes Wirken in der Geschichte galt mehrheitlich Israel. Gott hat sich nicht speziell mit den Nationen beschäftigt (Apg 14,16). Die Nationen hatten keinen besonderen Gottesbezug. Israel aber hatte einen solchen Bezug. Die Nationen waren dagegen «in der Welt ohne Gott». Jetzt, wo einige gläubig wurden und in den paulinischen Gemeinden daheim waren, erfuhren sie, dass sie in Christus gesegnet waren. Das war an sich schon neu. Sie waren aber im Gemeindeverständnis noch nicht voll integriert, sondern «Gäste der Bundesverheissungen».
Damit wird jetzt keine messianische Verheissung gemeint, denn die gibt es in der Verkündigung von Paulus nicht. Es geht um Gläubige, die selbst noch nie einen direkten Bezug zu Gott hatten. Die Ideen über ein messianisches Reich wurden von den zwölf Aposteln weitergetragen. Bei Paulus war das anders. Wie das Apostelkonzil bewies, waren die Nationengläubige noch nicht unabhängig von Israel. Das aber ändert Paulus hier. Deswegen schreibt er von «euch», «auch wir» und «zusammen». Damit sind gemeint: Die Nationengläubige und die jüdischen Gläubigen, die nun zusammenkommen sollten.
Die umwerfende Botschaft
Paulus ändert den Status der Nationengläubige. Das ist das Thema in Epheser 2. Er macht sie zu vollwertigen Mitgliedern der Familie Gottes:
«Demnach seid ihr nun nicht mehr Gäste und Verweilende, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Glieder der Familie Gottes.»
Eph 2,19
Dies ist die umwerfende Botschaft des Epheserbriefs, die in keinem früheren Brief so klar formuliert wurde. Es hat sich etwas grundlegend geändert. Paulus kehrt nicht etwa zurück zu einem messianischen Verständnis, sondern erklärt etwas Neues. Dass er nun im zweiten Kapitel ganz einfach von «euch» und «wir» spricht und die Gruppen erst später explizit benennt, scheint logisch zu sein. Fragen zum Status waren offenbar lebendig in den Gemeinden. Deshalb konnte Paulus in seinem Brief davon ausgehen. Das berechtigt den einfachen Einstieg. Für uns dagegen, die wir 2000 Jahre später leben, sind die Zusammenhänge nicht ganz so einfach zu erkennen. Wir müssen das ganze Kapitel lesen, um diese Ausdrücke im Kontext zu würdigen.
Jetzt ist die Grundlage für weitere Überlegungen zu Epheser 2 gelegt.

