Komm, ich erzähle Dir ein Geheimnis! Sollte mir jemand so etwas sagen, müsste ich vielleicht nachhaken, ob das für meine Ohren bestimmt ist. Tratsch und Klatsch über andere ist nicht in meinem Interesse. Wenn es jedoch für mich ist, dann höre ich gerne zu. Ein Geheimnis ist spannend. Es betrifft etwas, das ich bislang nicht wusste. Vielleicht spricht es von guten Dingen?
Im Neuen Testament lesen wir mehrfach über Geheimnisse, die bekannt gemacht werden. Sobald sie erwähnt werden, sind sie selbstverständlich keine Geheimnisse mehr. Bis dahin waren sie es jedoch. Speziell beim Apostel Paulus lesen wir darüber. Paulus schreibt etwa von «seinem Evangelium», das in vergangenen Zeitaltern unbekannt war (Röm 16,27). Dadurch darf man verstehen, dass einiges von dem, was Paulus schreibt, sogar für die anderen Apostel schwer verständlich war (2Pet 3,15-16). Paulus selbst schreibt, dass er Sein Evangelium direkt durch Offenbarung Jesu Christi erhielt (Gal 1,11-12). Paulus machte Geheimnisse bekannt. Das sollte uns nicht überraschen.
Keine Geheimniskrämerei
So wie die Bibel über viele Jahrhunderte allmählich aus einzelnen Büchern und Briefen entsteht, werden manche Gedanken zuerst angedeutet und erst später differenziert. Etwa das Protoevangelium in 1Mo 3,15 sieht man als solchen Ansatz.
Anderes war jedoch unbekannt. Erst wenn unbekannte Dinge bekannt gemacht werden, kann man sie erkennen. Das sind die Geheimnisse, worüber Paulus spricht. Niemand wusste davon. Wenn sie bekanntgemacht werden, ist das etwas Neues. Paulus offenbart mehrere Geheimnisse. Hier, in dieser Reihe zum Epheserbrief, werden wir mehrere Male über solche Geheimnisse hören.
Wenn Paulus von Geheimnissen spricht, ist das keine Geheimniskrämerei. Es geht nicht um Dinge, die man nicht wissen kann, sondern um Dinge, die gerade bekanntgemacht werden. Der Apostel verbirgt nichts, wird nicht schwammig in den Aussagen, noch erscheint er mystisch in seinen Annahmen, sondern macht gerade etwas bekannt. Das ist nüchtern und grossartig gleichermassen. Wenn Paulus von Geheimnissen spricht, sind sie es nachher nicht mehr. Die Geheimnisse wurden gelüftet.
Mehrere Geheimnisse
Paulus spricht über mehrere Geheimnisse. Er spricht von Dingen, die bis zu seiner Verkündigung unbekannt waren. Allein schon im Epheserbrief erwähnt Paulus mehrfach den Begriff «Geheimnis». Wir kommen jetzt zum ersten Vorkommen:
«In aller Weisheit und Besonnenheit macht Er (Gott) uns das Geheimnis Seines Willens bekannt.»
Eph 1,9
Dies ist das erste Geheimnis. Der Apostel erwähnt das in einem Nebensatz, der weiter erläutern sollte, was zuvorgesagt war:
«Nach dem Reichtum Seiner Gnade, die Er in uns überfliessen lässt (In aller Weisheit und Besonnenheit macht Er uns das Geheimnis Seines Willens bekannt …).»
Eph 1,8-9
Spricht Paulus über das Geheimnis von Gottes Willen, dann ist das ein Beispiel für den überfliessenden Reichtum Seiner Gnade, die er den Gläubigen erweist. Der Kern der Aussage liegt in dieser Gnade, die uns gilt. Sie wird nur erläutert durch das nachfolgende Beispiel. Wie erfahren wir nun den Reichtum von Gottes Gnade? könnten wir fragen. Die Antwort darauf beschreibt Paulus mit den Worten «in aller Weisheit und Besonnenheit macht Er uns das Geheimnis Seines Willens bekannt». Wie erkennen wir den Reichtum von Gottes Gnade? Nun, etwa dadurch, dass wir erkennen dürfen, was Gott im Sinn hat. In diesen Worten ist eine Intimität mit Gottes Wesen und Wirken enthalten.
Hört man von «Gottes Wille», denken viele Menschen zuerst an sich selbst. Sie fragen sich, was Gott will, dass sie tun müssen, um Gott wohlgefällig zu sein. Das ist ein gutes Rezept für gesetzliches Denken und religiöses Handeln (vgl. Kol 2,23). Wenn Paulus jedoch von Gottes Willen spricht, geht es nicht um uns, sondern um Ihn. Das ist ein grosser Unterschied. Bei Gottes Willen geht es darum, was Er will, welches Ziel Er anstrebt, was Ihm vor Augen steht. Wenn wir diese Verse lesen, steht nichts vom Menschen. Es geht um Gottes Vorhaben. Es geht um das Ziel, welches Gott vor Augen hat. Daran lässt uns Paulus hier teilhaben.
Das Geheimnis Seines Willens
Paulus beschreibt das Geheimnis von Gottes Willen wie folgt:
«In aller Weisheit und Besonnenheit macht er uns das Geheimnis Seines Willens bekannt,
nach Seinem Wohlgefallen
das Er Sich in Ihm vorsetzte
für eine Verwaltung der Vervollständigung der Fristen,
um in Christus das All aufzuhaupten:
beides, das in den Himmeln und das auf der Erde.»
Eph 1,8-10
Was war bislang geheim? Dass Gott im Sinn hat, alles in Christus aufzuhaupten. Das hier verwendete griechische Wort (gr. anakephalaio) findet man sonst nur noch in Römer 13,9, wo es heisst «Denn das Gebot: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht morden, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch zeugen, du sollst nicht begehren, oder irgendein anderes Gebot, es gipfelt in diesem Wort, in dem ‚Lieben sollst du deinen Nächsten wie dich selbst!’» (Röm 13,9).
Wenn man übersetzen könnte, «alles unter ein Haupt zusammenzubringen in dem Christus», bedeutet das nicht «gewaltsam gefügig machen», wie es gerne von Hölle-Liebhabern ausgelegt wird. Es geht nämlich nicht um Menschen, sowenig, wie es um Glauben an Jesus oder Ähnliches geht. Hier wird bloss Gottes Wille bekanntgemacht. Es geht um Sein Ziel. Welches Ziel hat Gott vor Augen? Alles in Christus zusammenzufassen, oder alles unter Christus oder in Christus zu bringen. Das ist Gottes Wille und kein kraftloses Wünschen (vgl. Eph 1,11).
Wenn Paulus in Epheser 1,3 schrieb, dass wir in Christus gesegnet sind, richtet er sich an die Gemeinde, also an «alle Heiligen, die auch Gläubige in Christus Jesus sind» (Eph 1,1). Hölle-Liebhaber sehen die Gläubigen gerne auf ewig als eine Sondertruppe, die von heute Ungläubigen getrennt bleibt. Das ist das ganze Konzept der Hölle: Trennung machen und erhalten. Hier jedoch lesen wir von Gottes Willen, dass Er viel Besseres im Sinn hat. Das Geheimnis Seines Willens ist, alles zu Christus zu führen.
Das «aufzuhaupten» wird im Römerbrief als «gipfeln» übersetzt, weil es nicht um eine Machtausübung geht, sondern um ein Ziel, wohin etwas führt. Alle Zwischenschritte werden ausgelassen. Es ist, als steht man an einer Bushaltestelle und liest auf der Tafel, welches das Endziel der Fahrt ist. Diese Tafel ist keine Reisebeschreibung, spricht nicht von dem, wieviele Haltestellen es gibt. Man liest nur über die Enddestination. Diese wird uns hier vor Augen geführt.
Was Gott will, das tut Er. Darum ist er Gott. Was will Er erreichen? Gott will alles in Christus zusammenfassen. Das ist das Ziel. Das erreicht Er auch, nicht weil der Mensch etwa so superfromm und gefügig ist, sondern weil Er Gott ist. Es ist Sein Wille. Das wird auch durch mehrere andere Bibelstellen so bestätigt. Sogar im gleichen Kapitel spricht der Apostel davon:
«(Christus, …) hocherhaben über jede Fürstlichkeit und Obrigkeit, Macht und Herrschaft, auch über jeden Namen, der nicht allein in diesem Äon, sondern auch in dem zukünftigen genannt wird. Alles ordnet Er (Gott dem Christus) unter, Ihm zu Füssen; und Ihn gibt Er als Haupt über alles der herausgerufenen Gemeinde, die Seine Körperschaft ist, die Vervollständigung dessen, der das All in allem vervollständigt.»
Eph 1,20-23
Jede Unterordnung ist mit einem Ziel. Die Gemeinde hat daran eine Aufgabe zu erfüllen. Wir sind als Körperschaft die Vervollständigung von Christus, der das All in allem vervollständigt. Paulus beschreibt das nicht als frommer Wunsch von Gott, dem der Mensch noch zustimmen müsste, sondern als Gottes erklärter Wille, den Er auch ausführen wird (Eph 1,11).
Ein aussergewöhnlicher Ausblick
Diese Stelle im Epheserbrief ist voller Zuversicht, voller Klarheit. Gott hat ein grossartiges Ziel vor Augen. Dies hat Er uns bekanntgemacht. Es war das Geheimnis Seines Willens. Wir aber dürfen das heute schon erkennen. Das entspricht dem Reichtum Seiner Gnade, die uns heute gilt. Wir erhalten einen Ausblick auf Gottes Ziel. Das entspricht nicht nur Gnade für uns, wie das gerne jeder annimmt, sondern auch einem Ausblick auf eine Auswirkung für alle anderen Menschen. Dieser Reichtum der Gnade, der uns heute gilt, hört bei uns nicht auf. Gott selbst hat etwas Grösseres vor. Das war ein Geheimnis, aber Paulus macht es hier bekannt.
Was überfliesst, ist mehr als genug. Es ist so überströmend viel von Gnade vorhanden, dass nicht nur unser Becher in einer Bildsprache gefüllt wird, sondern dieser Becher überfliesst. Die Gnade ist grösser und mehr, als wir selbst benötigen. Der Überfluss ist so gross, dass einst das All in Christus zusammengefasst wird, bis auch Christus sich selbst Gott unterordnet, damit Gott alles in allen werden kann (1Kor 15,25-28).
Paulus offenbart ein Geheimnis und zeigt, dass Gottes Ziel nicht exklusiv nur mit der heutigen Gemeinde zu tun hat, sondern inklusiv das ganze All umfassen wird.
Wann wird das stattfinden?
Dieses Ziel Gottes, worüber Paulus spricht, ordnet er auch einer Zeit zu. Paulus schreibt, dass Gott Sich in Christus ein Ziel gewählt hat «für eine Verwaltung der Vollständigung der Fristen» (Eph 1,10). Dann wird er in Christus das All aufhaupten. Was Paulus bekanntmacht, hat mit einer speziellen Zeit am Ende aller Zeiten zu tun.
Im dritten Kapitel des Epheserbriefes nimmt Paulus noch einmal auf dieses Geheimnis Bezug, wenn er schreibt:
«Mithin bin ich, Paulus, der Gebundene Christi Jesu für euch, die aus den Nationen – wenn ihr nämlich von der Verwaltung der Gnade Gottes gehört habt, die mir für euch gegeben ist, da mir durch eine Enthüllung das Geheimnis bekanntgemacht wurde (so wie ich gerade vorher in Kürze schrieb).»
Eph 3,1-3
Paulus sieht keine unmittelbare Erfüllung aller Wünsche. Gnade ist gerade etwas, das spielt, wenn Wünsche nicht sofort erfüllt werden, gar unerreichbar scheinen. Lesen wir im ersten Kapitel vom Epheserbrief sorgfältig mit Paulus mit, erkennen wir leicht, dass jeder Segen, jedes Handeln Gottes als «in Christus» lokalisiert wird. Das ist nicht in uns, sondern in Ihm.
Logisch, dass wir diesen Segen nicht spüren, nicht sehen. Es geht nicht um eine sichtbare und sofortige Lösung aller Wünsche und Dinge, sondern um einen geistlichen Ausblick. Möchten wir «glauben wie Paulus», dann müssen wir uns damit arrangieren, dass wir, wie Paulus, nicht alles sofort erfüllt sehen. Einiges liegt in der Zukunft verborgen. Gottvertrauen und ein Vertrauen auf Seine Aussagen richten das Herz auf Gottes Wirken, statt auf eigene Wünsche und religiöses Verhalten.
Wir sind gesegnet mit jedem geistlichen Segen in Christus (Eph 1,3). Das ist real. In dieser Realität erfahren wir auch den Reichtum von Gottes Gnaden und erhalten einen Einblick und Ausblick auf Gottes ultimative Ziel. Auch das ist geistlich, deshalb nicht greifbar, aber nicht weniger real. Wer einen Ausblick hat, kann sein Leben aus dieser Perspektive betrachten.
Gläubige leben demnach heute, auf dieser Welt, mit einem nüchternen Glauben, einem Gottvertrauen und aus Gnade. Gleichzeitig erhalten wir einen Ausblick, der unserem Leben, Denken und Danken eine Ausrichtung gibt. Das ist besonders wertvoll. Fromme floskeln helfen dabei nicht. Vielleicht freuen wir uns als Mitglied einer Kirche oder Freikirche auf diesen Ausblick. Vielleicht stehen wir ausserhalb religiöser Gemeinschaften und sprechen nicht die «Sprache Kanaans». Das spielt keine Rolle. Der Reichtum ist da. Er ist für Dich und mich. Wer wird da gegen uns sein? (Röm 8,31).
Weisheit und Besonnenheit
Es gibt einige Wörter dieser Verse, die wir bisher nicht angeschaut haben. Das trifft etwa für folgenden Ausdruck zu: «In aller Weisheit und Besonnenheit» macht Gott uns das Geheimnis Seines Willens bekannt. Weisheit gepaart mit Besonnenheit. Das ist die Haltung, womit Gott uns das Geheimnis bekanntmacht. Dahinter ist eine Absicht. Es ist etwas, das Weisheit benötigt und in Besonnenheit erzählt wird. Auf welche Art?
Zuerst erscheint es logisch in einem grösseren Kontext, woraus Weisheit immer operiert, aber es erscheint sinnvoll aus pragmatischen Überlegungen, wofür Besonnenheit plädiert. Gott selbst lässt uns an Seinem Ziel und diesem grösseren Kontext teilhaben. Gnade bleibt nicht bei uns stehen, sondern drängt zur Erfüllung dieses grossen Kontextes. Besonnenheit erachtet diese Verkündigung als nötig, damit die Gnade in unserem Leben wirksam wird. Es dreht sich nicht alles um uns und um unseren Glauben. Gott hat Grösseres vor. Das darf und soll unser Leben befruchten.
Glaube darf unserem Verständnis eine Richtung geben: Was Gott im Sinn hat, ergibt Sinn. Werdet weit im Herzen.

