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Kommen wir nach dem Sterben ins Paradies?

Eine Feriendestination?

Es tönt wie eine Feriendestination: Nach dem Sterben sollten wir ins Paradies gelangen. So zumindest heisst es in manchen Lehren über ein Jenseits. Es wird an eine Aussage von Jesus referiert als Er am Kreuz hing. Dort heisst es:

«Einer der gehenkten Übeltäter aber lästerte ihn: Bist du nicht der Christus? Rette dich selbst und uns! Der andere aber antwortete und wies ihn zurecht und sprach: Auch du fürchtest Gott nicht, da du in demselben Gericht bist? Und wir zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeziemendes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst! Und er sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.»
Lk 23,43 Rev. Elbf.

Auf Basis dieser einen Stelle kommen manche zum Schluss, dass man nach dem Sterben ins Paradies kommt. Was das genau sei, ist meist nicht so klar, und immer wieder habe ich gehört, dass dies eine andere Beschreibung des Himmels sei. Nach dieser Ansicht also werden folgende Dinge verstanden:

  • Tod ist nicht Tod, sondern eine andere Form des Lebens
  • Wer stirbt, lebt weiter
  • Wer stirbt, kommt ins Paradies
  • Wer stirbt, kommt in den Himmel («wenn du in dein Reich kommst!»)

Schauen wir hier aber genauer hin, dann steht von alledem gar nichts. Es sind Gedanken, welche man hineininterpretiert und die hier nicht erklärt werden. Dieser Abschnitt handelt weder vom Himmel noch vom Jenseits. Wenn man genau liest, ist vom Tod überhaupt keine Rede. Wie kann es dann eine Erklärung über das Jenseits sein?

Vom Leben in den Tod

Die in der Bibel gut verankerten Sicht über Leben und Tod ist diese:

  • Wir werden sterblich geboren und haben ein schwindendes Leben
  • Wenn wir einmal sterben, dann sind wir anschliessend tot
  • Leben und Tod schliessen sich gegenseitig aus. Wer tot ist, lebt nicht.
  • Leben gibt es wieder durch Auferstehung, Auferweckung und Lebendigmachung

Der Tod ist eine Rückkehr und keine Weiterentwicklung. Der Tod ist keine Feriendestination, sondern ein Ort der Finsternis und ein Land des Vergessens:

«Wirst du an den Toten Wunder tun? Oder werden die Gestorbenen aufstehen, dich preisen? Wird von deiner Gnade erzählt werden im Grab, im Abgrund von deiner Treue? Werden in der Finsternis bekannt werden deine Wunder, und deine Gerechtigkeit im Land des Vergessens?»
Ps 88,11-13

Bei dieser Beschreibung sind «Finsternis» und «Land des Vergessens» bildhafte Darstellungen. Denn die Toten wissen nichts:

«Denn die Lebenden wissen, dass sie sterben werden, die Toten aber wissen gar nichts, und sie haben keinen Lohn mehr, denn ihr Name ist vergessen.»
Pred 9,5

Man ist nicht im Paradies oder im Himmel, sondern Tote sind in dem Scheol (hb.) oder Hades (gr.):

«Denn es gibt weder Tun noch Berechnung, noch Kenntnis, noch Weisheit im Scheol, in den du gehst.»
Pred 9,10

Wenn man stirbt, passiert dies:

«Und der Staub kehrt zur Erde zurück, so wie er gewesen, und der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat.»
Pred 12,7

Diese beispielhaften Texte lassen sich ähnlich im ganzen Alten und Neuen Testament so nachvollziehen. Die Aussagen sind kongruent. Es gibt nur wenige Verse, die anders interpretiert werden. Eines dieser Verse ist die Aussage von Jesus am Kreuz. Sie widerspricht aber dem gesamten Zeugnis der Schrift in allen Stellen, wo es tatsächlich um den Tod geht. Für den Menschen in der Bibel ist der Tod ein Feind (1Kor 15,26). Mit dem Tod ist alles aus, es sei denn, Gott würde selbst eingreifen.

Hiob schreibt:

«Ein Mann aber stirbt und liegt da; und ein Mensch verscheidet, und wo ist er dann? Das Wasser verrinnt aus dem Meer, und der Fluss trocknet aus und versiegt; so legt der Mensch sich hin und steht nicht wieder auf. Bis der Himmel nicht mehr ist, erwacht er nicht und wird nicht aufgeweckt aus seinem Schlaf. Dass du mich doch im Scheol verstecktest, mich verbärgest, bis dein Zorn sich abwendete, mir ein Ziel setztest und dann meiner gedächtest! – Wenn ein Mann stirbt, wird er etwa wieder leben? – Alle Tage meines Dienstes wollte ich harren, bis meine Ablösung käme!»
Hiob 14,10-14

Wo ist der Verstorbene? Das ist hier de Frage. Das hebräische «Scheol» hat denselben Wortstamm wie «Fragen» (hb. scha’al). Der Name Scheol ist deshalb ein passender Ausdruck für das, was mit den Toten geschah. Der Scheol ist das Versammlungshaus aller Lebenden – wenn wir sterben (Hi 30,23).

Vom Tod ins Leben

Hiob schrieb: «Bis der Himmel nicht mehr ist, erwacht er nicht und wird nicht aufgeweckt aus Seinem Schlaf.» Der Schlaf ist das einzige Bild, womit der Tod in der Bibel verglichen wird. Tote schlafen solange, bis sie aufgeweckt werden. Darum heisst es auch Auferweckung und Auferstehung, weil jemand aus dem Todesschlaf aufgeweckt wird, und danach auch wieder aufstehen kann. Es sind starke bildhafte Vergleiche. Die ganze biblische Erwartung richtet sich auf die Auferstehung. Im Tod ist keine Erwartung.

Im Johannes Evangelium steht der Bericht von Jesus’ Freund Lazarus, der krank wird und stirbt, bevor Er anwesend sein kann. Martha spricht zu Jesus:

«Herr, wenn Du hier gewesen wärst, wäre mein Bruder nicht gestorben! Nun weiss ich aber auch , dass Gott Dir alles geben wird, was Du von Gott erbitten magst. Jesus erwiderte ihr: «Dein Bruder wird auferstehen!» Da sagte Martha zu Ihm: «Ich weiss, dass er in der Auferstehung am letzten Tag auferstehen wird». Jesus entgegnete ihr: «Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an Mich glaubt, wird [für den Äon] leben, wenn er auch stirbt, und jeder der [dann] lebt und an Mich glaubt, wird für den Äon keinesfalls sterben! Glaubst du dies?»
Joh 11,21-26

Lazarus ist gestorben. Womit vertröstet Jesus Martha? «Dein Bruder wird auferstehen!». Keinesfalls sagt Jesus, dass Lazarus nun einfach weiterlebt an einem anderen Ort, oder etwa im Paradies sei. Auferstehung ist der Zuspruch! Martha bestätigt darauf das biblische Verständnis, von dem entfernt auch Hiob gesprochen hat: «Ich weiss, dass er in der Auferstehung am letzten Tag auferstehen wird». Das war ihr Ausblick und es war genau dasselbe, wie es Jesus sagte. Dann aber erweitert sich der Ausblick im Gespräch. Es wird persönlich, und die Auferstehung wird in der Person von Jesus Christus tastbar.

Jesus sagte: «Ich bin die Auferstehung und das Leben!». Auch in dieser Aussage gibt es das Leben nur zusammen mit der Auferstehung. Das ist zum Verständnis der folgenden Zeilen bedeutsam. Wenn Jesus anschliessend sagt: «Wer an Mich glaubt, wird leben, wenn er auch stirbt», wird hier kein Leben im Tod angenommen, sondern ein Leben durch Auferstehung. Auch wenn jemand stirbt wird er wieder leben durch Auferstehung.

«Jeder der lebt und an Mich glaubt, wird für den Äon keinesfalls sterben! Glaubst du dies?». Oft werden diese Verse völlig losgelöst vom Kontext, dem Wortlaut und dem biblischen Ausblick von dem Jesus und Martha sprechen, als Beweis zitiert, dass man eben «im Tod lebt». Das widerspricht dem Text. Jesus spricht davon, dass alle, die einst auferstehen und im kommenden Äon dabei sind, dann nicht mehr sterben werden. Glauben wir das?

Zusammenfassend können wir in der Bibel erkennen, dass

  • ein Mensch lebt bis er stirbt
  • ein Mensch tot ist bis er wieder aufersteht.

Das Gespräch am Kreuz

Worüber sprechen nun Jesus und der Übeltäter am Kreuz? Bereits stellten wir fest, dass das Thema nicht etwa der Tod sei oder ein Jenseits. Die Frage des Übeltäters war ganz konkret:

«Jesus, gedenke meiner, wenn Du in Dein Reich kommst!»

Jesus sprach in Seinem Dienst an und unter Israel von dem kommenden «Königreich der Himmel» (Mt 3,2 Mt 4,17 u.a.). Dies war das messianische Reich, welches auf Erden aufgerichtet werden sollte (jedoch einen himmlischen Ursprung hat). Mehr dazu im Artikel «Das Königreich der Himmel». Keineswegs ist dieses Reich «im Himmel». Der Übeltäter hat aufgrund der Verkündigung von Jesus und der Erwartung für Israel gefragt: «Gedenke meiner, wenn Du in Dein Reich kommst». Logischerweise ist dies die Zeit, da Jesus als Messias die Herrschaft in Israel anfängt. Etwas anderes war den damaligen Zuhörern nicht bekannt. Die Frage war ein Hinweis auf das messianische Reich auf Erden. Der Übeltäter war sich bewusst – wie Martha, wie wir vorhin gelesen haben –, dass es noch eine Auferstehung gibt. Dann geht die Geschichte machtvoll weiter, auch für diejenigen, die bis dahin sterben.

Der Übeltäter wusste also, dass er am Kreuz sterben wird, wie auch Jesus. Er erkennt aber in Jesus den Messsias für Israel, und bittet einfach, Er möge an ihn denken, wenn Er die messianische Herrschaft antritt. Eine bemerkenswerte Aussage, weil hier ausgedrückt wird, dass der Übeltäter an die Verheissungen für Israel glaubt. Und Jesus bestätigt dies.

«Und er sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.»

Das Paradies erwähnt Jesus hier als Antwort auf die Frage nach dem Reich. Diese beiden Begriffe dürfen auf dasselbe hinweisen. Das Paradies (gr. paradeisos) ist ein Ausdruck, entlehnt nach dem persischen Wort für «Garten». Im Hebräischen findet man das Wort pardesim, wie es genutzt wird in Prediger 2,5 im Unterschied zu einem regulären Garten. Gärten im Orient waren botanische und zoologische Parkanlagen (Bullinger, Companion Bible zu Pred 2,5). In übertragenem Sinne war dies für Jesus offenbar ein Hinweis auf das messianische Reich. Aus der Offenbarung wissen wir, dass das Holz des Lebens im Paradies sein wird (Offb 2,7, vgl. Offb 22,2). Es ist eine Beschreibung der künftigen Zeit.

War es aber so, dass Jesus zum Verbrecher sagte, dass er heute mit ihm in diesem Reich sein würde? Hier liegt der eigentliche Knackpunkt dieser Stelle.

Wahrlich, ich sage dir heute!

Der grosse Knopf, der bei diesem Vers entsteht, liegt an einem Komma. Es macht einen Unterschied, ob hier steht:

  • Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein, oder
  • wahrlich, ich sage dir heute, mit mir wirst Du im Paradies sein.

Im ersten Fall lautet die Aussage, dass an demselben Tag sowohl Jesus wie der Übeltäter im Paradies sein würden, was aber sont nirgendwo in der Bibel bestätigt wird – weder vorher noch nachher. Im zweiten Fall ist es eine betonte Aussage, eine hebräische Redensart, welche die Einmaligkeit und Bestimmtheit der Aussage von Jesus betont. Für die zweite Leseart gibt es weit bessere Gründe als für die erste.

Im Grundtext gibt es keine Kommas, keine Interpunktionen, ursprünglich nicht einmal Wortabstände. Es reihen sich Buchstaben an Buchstaben und die Gliederung in Wörtern, Sätzen und Kapiteln wird bei den Übersetzungen gemacht. Ein Komma ist eine Interpretation, oder eine Wiedergabe des Verständnisses des Übersetzers.

Beispiel eines Bibeltextes ohne Wortabstände, Interpunktionen, usw. Matthäus 6,24-32 in der Codex Sinaiticus. (See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons)

E.W. Bullinger verweist in seiner Companion Bible auf diesen Ausdruck hin, der im Alten Testament häufig zur Betonung einer Aussage genutzt wird. «Ich sage dir heute!» ist eine hebräische Redensart. In einer Fussnote zu 5. Mose 4,26 listet er ganze 42 Bibelstellen im 5. Mosebuch auf, worin dieser Ausdruck vorkommt:

5Mo 4,26 , 39, 40
5Mo 5,1
5Mo 6,6
5Mo 7,11
5Mo 8,1 , 11, 19
5Mo 9,1 , 3
5Mo 10,13
5Mo 11,2 , 8, 13, 26, 27, 28, 32
5Mo 13,18
5Mo 15,5, 15
5Mo 19,9
5Mo 26,3 , 16, 17, 18
5Mo 27,1 , 4, 10
5Mo 28,1 , 13, 14, 15
5Mo 30,2 , 8, 11, 15, 16, 18, 19
5Mo 42,46

 

Nun hört sich die Aussage von Jesus schon ganz anders an. Mit Gewissheit sicherte Er dem Übeltäter zu, dass dieser mit Ihm im Königreich sein würde. Das ist ein grossartiger Ausblick und hat mit dem bevorstehenden Sterben nichts zu tun. Der Übeltäter, der schläft jetzt. Und wenn er auferweckt wird bei der Auferstehung zum Leben, beim Beginn des messianischen Reiches, dann wird er dort dabei sein.

 

 


Austausch

  • Wurde der Text in Lukas 23,43 deutlicher mit dieser Auslegung?
  • Welches Bild von einem Jenseits hast Du selbst?
  • Hast Du dieses Bild bereits einmal biblisch begründet?
  • Welche andere Fragen kommen jetzt auf?
  • Gibt es eine Anregung, selbst noch ein Thema anzugehen? Welches?