Wer will schon allzu fromm erscheinen, allzu geistlich sein? Das scheint völlig abgehoben in dieser Welt. Aber was, wenn das Wesen von Gottes Gnade geistlich ist? Was, wenn diese Gnade nicht sichtbar ist, ausser es bewirkt etwas in uns und durch uns hindurch?

In dieser Serie über den Epheserbrief lernen wir, dass Paulus einen geistlichen Segen für die Gemeinde vor Augen hatte (Eph 1,3). Geistlich beinhaltet unter anderem: nicht sichtbar, nicht greifbar. Wer gerne etwas sehen, spüren, greifen und erleben möchte, hat vermutlich keine Freude an rein geistlichen Dingen. Sie sind nicht in sich selbst konkret. Sie werden erst konkret, wenn sich geistliche Dinge in unserem Leben auswirken.

Geistlich oder spirituell?

Es gibt einen bemerkenswerten Unterschied zwischen «geistlich» und «spirituell». Viele Menschen pflegen eine Spiritualität. Viele Menschen verstehen zutiefst, dass es auf dieser Welt mehr als die unmittelbaren körperlichen Bedürfnisse gibt. Dieses «mehr» gehört zu unserem Menschsein. Spiritualität erscheint die Antwort, die Erfüllung, dieses «mehr» zu sein. Ich interpretiere das einmal als die Suche des Menschen nach einem Sinn, was sich in Ritualen und Gewohnheiten ausdrückt. Spiritualität gehört zu Menschen, aber ist das auch geistlich, wie Paulus darüber redet?

Wenn Paulus schreibt, dass wir mit jedem geistlichen Segen gesegnet sind, hält er gleichzeitig fest, dass Gott uns zuerst damit gesegnet hat (Eph 1,3). Gott ist Geist, schrieb Johannes, und deswegen sollten wir Gott anbeten in Geist und in Wahrheit (Joh 4,24). Dass Gott wesentlich Geist ist, also nicht sichtbar ist, ist ein Hinweis auf die Art der Vermittlung. Gott segnet nicht sichtbar, auch wenn einige Prediger gerne auf Spezialeffekte pochen.

Geistlicher Segen ist naturgemäss das, was von Gott kommt. Es ist sein Geist, der mit unserem Geist bezeugt, dass wir Kinder Gottes sind (Röm 8,16). Gottes Geist spricht zu unserem Geist, wenn wir uns das vorstellen möchten. Das ist alles «immateriell», nicht greifbar, aber dadurch nicht weniger real.

Spiritualität ist das, was der Mensch möchte. Geistlicher Segen ist dagegen das, was von Gott kommt. Spiritualität sollte man nicht als «ungeistlich» abtun, sondern erkennen als das, was es ist. Es ist der Mensch, der Gutes tun und erleben will und anerkennt, dass es im Leben noch eine zusätzliche Dimension gibt, die wahrgenommen werden möchte. Es geht nicht nur um «Sex and Drugs and Rock and Roll» (vergleiche, wie es Johannes beschreibt in 1Joh 2,16). Deswegen gibt es in allen Religionen gelebte Spiritualität. Spiritualität ist ein Ausdruck und als solcher zu honorieren. Geistlicher Segen dagegen ist etwas anderes. Es ist Paulus, der den Gemeinden schreibt, dass Gott, der Geist ist, uns segnet «mit jedem geistlichen Segen». Die Quellen für Spiritualität und das, was geistlich ist, sind unterschiedlich. Spiritualität gründet sich im Suchen des Menschen (vgl. Pred 3,11), während geistlicher Segen als Geschenk von Gott kommt.

Das ist jedoch keine Entschuldigung dafür, das eine gegenüber dem anderen zu verdammen. Spiritualität ist nicht «böse», wie ich das unter Evangelikalen immer wieder gehört habe, sondern bloss etwas anderes. Der Unterschied ist wichtig, aber: Ein Schwarzweiss-Denken ist weder spirituell noch geistlich, sondern hat eher mit den «Werken des Fleisches» zu tun (Gal 5,19-20).

Reichtum von Gottes Gnade

Paulus schreibt im Epheserbrief folgende Worte:

«In (Ihm, Christus) haben wir die Freilösung durch Sein Blut, die Vergebung der Kränkungen, nach dem Reichtum Seiner Gnade, die Er in uns überfliessen lässt.»
Röm 1,7-8

Im ersten Kapitel des Epheserbriefes beschreibt Paulus, was wir alles «in Christus» haben. Wir sind «in Ihm» gesegnet. So haben wir auch in Christus die «Freilösung durch Sein Blut, nämlich die Vergebung der Kränkungen». Wir haben das «in Ihm», nicht etwa als Eigenleistung und «in uns». Geistlicher Segen ist die frohe Botschaft, dass Gott es in Christus realisierte, was Er Gutes mit uns vorhat. Gott selbst realisiert das und schenkt es uns. Wer das erlebt, kann mit Glauben darauf antworten. Es ist gemäss dem Reichtum Seiner Gnade, die Er in uns überfliessen lässt.

Reichtum haben wir «in Christus». Das ist aber nicht alles. Dieser Reichtum fliesst «in uns» über. Das ist das Resultat. Was fliesst, das fliesst zwischen zwei Punkten. Es beginnt in Christus, aber fliesst in uns über. Das ist eine Richtung. Was geistlich ist, wird in oder durch uns sichtbar. Nicht als Aufgabe, sondern als Gottes Wirkung (Eph 2,8-10). Man beachte, dass Paulus schreibt: «Die Er in uns überfliessen lässt».

Was überfliesst, bezeichnet Überfluss, Sicherheit und Reichtum (vergleiche Psalm 23,5). Es ist der «der Reichtum Seiner Gnade, den Er in uns überfliessen lässt». Das alles kommt von Gott, der uns damit «in Christus» segnet. Paulus skizziert hier, wie wir in die Realität Gottes hinüber gesetzt werden.

  • Wir fühlen das vielleicht nicht in unserem Leben.
  • Wir sind vielleicht nicht gesund.
  • Wir erreichen vielleicht nicht alles, was wir uns vorstellen könnten.
  • Wir leben auch nicht auf einer rosaroten Wolke.

Wir können uns aber als «in Christus gesegnet» betrachten und dadurch den «Reichtum Seiner Gnade» erkennen. Das jetzt bewirkt in unserem Leben einen geistlichen Überfluss. Überfluss ist genau das: Wir haben zu viel davon erhalten und es fliesst über. Das wäre das Normale. Das passiert, wenn es «zu viel» ist. Der Überfluss bleibt nicht schön in uns verborgen, als wäre es ein kleiner Schatz, den es zu verteidigen gilt. Vielmehr ist Gnade grösser als was wir selbst benötigen. Es fliesst über und darf überfliessen. Das ist gerade der Sinn von Gnade.

Überfliessen, wie funktioniert das?

Es ist toll, wenn man von überfliessender Gnade hört. Wie funktioniert das aber in meinem Leben? Da können wir wieder in den Briefen von Paulus nachschlagen. Er schreibt etwa:

«Als geliebte Kinder werdet nun Nachahmer Gottes und wandelt in Liebe, so wie auch Christus euch liebt und Sich Selbst für uns als Darbringen und Opfer für Gott dahingegeben hat, zu einem duftenden Wohlgeruch.»
Eph 5,1 ff

«Euer Wort sei allezeit in Gnade und mit Salz gewürzt, wissend, wie ihr einem jeden antworten solltet.»
Kol 4,6

Gnade erzieht (Tit 2,11-12). Wer in Gnade lebt, wird tägliche Entscheidungen machen, mal besser, mal weniger gut, die in Übereinstimmung mit der Gnade sind. Gnade sich selbst gegenüber, Gnade anderen gegenüber.

Hierfür setzt Paulus sich im ersten Kapitel des Epheserbriefes ein: Wenn wir nur erkennen können, was der Reichtum der Gnade bedeutet.

10
0

Text und Bild: Alle Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Möchten Sie Texte verwenden, nehmen Sie bitte vorrangig mit mir Kontakt auf. Zitate mit Vermerk des Urhebers sind, wie überall, erlaubt, wobei Zitate nicht ganze Texte sein dürfen. Bitte bei Zitaten auf den ursprünglichen Beitrag verlinken. Bilder werden speziell für diese Website lizenziert.

Die Basissprache dieser Website ist Deutsch. Zur Beachtung: Übersetzungen nach Englisch und Niederländisch werden automatisiert und werden hier und dort etwas holprig formuliert sein.

Zentrum für Datenschutzpräferenzen