Geistlich ist der Gegensatz von «greifbar». Was «im Geist» stattfindet, scheint nicht so hübsch und erstrebenswert. Es ist abstrakt und deshalb schwerer zu begreifen. Was man greifen kann, be-greift man einfacher. Wer spürt und fühlt, kann nach-spüren und ein-fühlen. Es sind menschliche Mechanismen. Glaube jedoch funktioniert an einem anderen Ort. Glaube begegnet man als geistliche Realität.

Paulus, in seinem Rundbrief an verschiedene Gemeinden, später Epheserbrief genannt, hat gleich zu Anfang erwähnt, dass Gott uns segnet. Das ist sehr positiv, denn Gott segnet mit jedem geistlichen Segen inmitten der Überhimmlischen in Christus (Eph 1,3). Es gibt jedoch einen Haken dabei: wir selbst.

Weshalb Glaube keine Kraftanstrengung ist

Nicht greifbar

Nach diesen Eingangsversen beschreibt Paulus, dass wir gesegnet sind, und zwar «mit jedem geistlichen Segen». Darin mangelt es an nichts. Das Wesen dieses Segens ist jedoch geistlich und deshalb nicht greifbar. Paulus ergänzt das mit dem Hinweis, dass dieser Segen Gottes «inmitten der Überhimmlischen in Christus Jesus» ist. Hier auf Erden ist also nichts. Es handelt sich um geistlichen Segen und der ist nicht in uns, sondern in Christus. Das hat Vor- und Nachteile.

Ein Nachteil ist, dass es nicht in uns und nicht spürbar ist. Oberflächlich betrachtet «hat» man davon nichts im Hier und Jetzt. Immer wieder bin ich Menschen begegnet, die vor allem praktischen Nutzen vom Glauben im Alltag suchten. Sie möchten begreifen, spüren und fühlen. Sie wünschten sich konkrete und sofortige Linderung aktueller Probleme. Damit hatten sie Vorteile in dieser Welt vor Augen. Einige fragten sich deshalb «Weshalb sollte ich sonst glauben?». Ich kann das gut verstehen, aber das ist nicht, was verheissen wurde. Die eigene Vorstellung muss nicht realistisch sein. Oder umformuliert: Der Geber, nicht der Empfänger, entscheidet über das Geschenk. Du kannst es annehmen oder abweisen.

Es gibt jedoch auch Vorteile von einem geistlichen Segen, der nicht einmal in uns, sondern in Christus ist. Man denke etwa daran, dass dieser Segen bei der Quelle gut aufgehoben ist. Dort ist der Segen sicher. Ich kann mich zwar auf diesen Segen beziehen, aber ich kann sie nicht verderben. Der Segen ist geschützt vor mir, aber ich kann mich trotzdem darauf verlassen. Ein geistlicher Segen ist zwar nicht direkt spürbar, aber die Auswirkung in Frieden, Zuversicht und Freude, kann sehr wohl erfahren werden.

Versiegelung

Im weiteren Verlauf des ersten Kapitels des Epheserbriefs erläutert Paulus nähere Details. Er spricht von Gottes Liebe, welche zu diesem Segen geführt hat (Eph 1,5). Auch spricht er von der Freilösung und von Gottes Gnade, worin wir aufgehoben sind (Eph 1,7-8). Gegen Ende des Kapitels kommt er zu einer weiteren Aussage:

«In Ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung, hört – in Ihm seid auch ihr, die ihr glaubt, versiegelt mit dem Geist der Verheissung, dem heiligen (der ein Angeld unseres Losteils ist bis zur Freilösung des uns zugeeigneten) zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit.»
Eph 1,13-14

Die Versiegelung, worüber Paulus hier spricht, ist im Sinne einer Bildsprache. Es geht nicht um ein sichtbares oder tastbares Siegel. Es ist ebenfalls eine geistliche Realität und sie ist erneut «in Ihm», d. h. «in Christus».

Wir sind in Ihm versiegelt.

  • Wie? Mit dem Geist der Verheissung, dem heiligen.
  • Und was soll das? Es ist ein Angeld unseres Losteils.
  • Weshalb nur eine Anzahlung? Weil es bis zur Freilösung des uns zugeeigneten gilt, also bis zum Empfang des ganzen Losteils, der ganzen Verheissung.

Es gibt in diesem Abschnitt viele Punkte, die man näher anschauen sollte. Bleiben wir aber etwas bei dieser Versiegelung. Diese Versiegelung mit Gottes Geist wurde mit einer Verheissung verknüpft. Gott hat Gutes mit uns vor. Er ist für uns (vgl. Röm 8,31). Wir gehören dazu, wenn Er die Welt zu einem besseren Ort macht (Eph 1,8-10). Die Versiegelung ist dafür die Bestätigung.

Die Versiegelung ist die Zusicherung, dass etwas auf uns wartet, auch wenn wir es bislang nicht direkt vor unseren Augen erkennen. Das ist nicht schwammig, sondern liegt in der Natur von Verheissung und Erwartung (vgl. Röm 8,23-25).

Paulus kommt später im Epheserbrief auf diese Aussage zurück, wenn er schreibt:

«Und betrübt nicht den Geist Gottes, den heiligen, mit dem ihr für den Tag der Freilösung versiegelt seid.»
Eph 4,30

Anzahlung

Was bestimmt die nüchterne Realität unserer Erfahrung? Wir sind gesegnet, aber sehen und spüren weiterhin nicht ganz, was das bedeutet. Hier und jetzt haben wir einen geistlichen Segen. Er ist nicht einmal in uns, sondern in Christus. Es ist aber auch etwas mit Ausblick, denn wir wurden mit einer Verheissung gesegnet. Gottes Geist hat uns in Christus mit dieser Verheissung versiegelt. Das heisst: bis zur Erfüllung ist die Verheissung sicher. Implizit erwähnt ist dadurch natürlich auch die Erfüllung sicher.

Spüren und Fühlen sind heute jedoch nicht dabei. Wir können uns an diesem Segen erfreuen, und es ist ratsam, diesem Gefühl Raum zu geben. Der Segen selbst ist aber kein Gefühl und kann nicht an einem unbekannten Ort «in uns» lokalisiert werden. Wer ganz auf sich bezogen ist, dürfte dies als Mangel erfahren. Geistlich betrachtet ist der Ausblick jedoch sinnvoll, denn die Erfüllung steht uns noch bevor. Der Apostel Paulus schreibt über die Sicherheit der Erfüllung. Damit spricht er den Gläubigen zu. Es ist ein Ausblick durch Einblick und Vertrauen.

Keiner muss also eine rosarote Brille tragen, wenn er gläubig ist. Wir müssen nicht tun, als sind wir superfromm. Das sind wir nicht. Wir haben jedoch eine Verheissung. Die können wir vertrauen, auch wenn wir mit beiden Beinen fest auf der Erde verwurzelt sind. Nüchternheit prägt das Hier und Jetzt. Darin sind die Worte von Paulus ein Zuspruch.

Gerade weil nichts sichtbar ist, scheinen die Worte aus dem Epheserbrief gut bei der Realität anzuschliessen. Gläubige werden nicht auf ein schwammiges Jenseits vertröstet, noch wird uns der Himmel auf Erden im Hier und Jetzt versprochen. Nüchternheit ist mit unserer Realität verknüpft. Als Zusage Gottes ist die Verheissung für uns eine Richtschnur. Es ist ein Anker für die Seele, mit einem geistlichen Ursprung. Wir leben mit dem «bisher nicht», aber trotzdem mit Blick nach vorn. Wir erhielten eine Verheissung und wurden mit dem Geist der Verheissung versiegelt. Das kann ich zwar nicht weiter beschreiben oder etwa eine Farbe zuordnen. Die Verheissung ist als geistliche Realität trotzdem für uns da. Die Erfüllung wartet noch.

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