Was wir glauben, ist wichtig. Das wird gerade in evangelikalen Kreisen mit absoluten Vorstellungen zelebriert. Es gibt jedoch mehr als nur das Was des Glaubens. Es gibt auch ein Wie des Glaubens und ein Wozu des Glaubens. Ich nutze diese drei Begriffe für eine kurze Standortbestimmung.
Wohin soll sich diese Website entwickeln? Ich habe diese Frage hier auf dieser Website und auch auf dem YouTube-Kanal gestellt. Ich bin dabei, eine Standortbestimmung zu machen. Wo komme ich her, wo geht es hin? Dazwischen: Wo stehe ich? Ich habe bereits auf YouTube dazu ein Video erstellt.
Was, Wie und Wozu
Drei Aspekte des Glaubens
Eine Standortbestimmung hilft dabei, den bisherigen Weg zu beurteilen. Als ich 2014 diese Website anfing, habe ich lediglich versucht, die vielen Gespräche abzubilden, die ich bis heute immer noch habe, mit der Hoffnung, dass diese Ideen und Einblicke auch anderen weiterhelfen. In über 10 Jahren hat sich die Website stetig erweitert, und es gibt jetzt eine breite Auswahl an Themen und mehrere Hundert Beiträge. Bei dieser Vielfalt erscheint mir heute eine bessere Fokussierung wichtig.
Bei der Evaluation geht es nicht nur um einzelne theologische Fragen. Es geht auch darum, wie wir unseren Glauben prägen möchten. Eine solche Frage nach der Ausprägung ist keine simple Frage nach dem, was ich tun darf und was nicht, als ginge es lediglich um eine Richtlinie. Es geht viel tiefer und viel breiter. Wesentlich geht es darum, wie man sein Leben und auch seinen Glauben einrichten will. Darüber kann man nachdenken.
Drei Begriffe erscheinen mir dabei hilfreich. Es sind diese drei Fragen:
- Was glaube ich
- Wie glaube ich
- Wozu glaube ich.
Diese Fragen definieren nicht die Details, sondern fragen nach der Ausrichtung. In welche Richtung will man sich entwickeln? Was soll dabei helfen, was ist vielleicht nicht hilfreich? Solche allgemeinen Fragen dienen der Selbstreflexion. Das kann für einzelne Personen, aber auch für eine Gemeinde wichtig sein. Persönlich könnte ich danach fragen, wie mein Glauben sich anfühlen sollte, was ich damit im Alltag tun könnte. In einer Gemeinschaft kann es darum gehen, was für eine Art Gemeinschaft man sein möchte, für welche Menschen man eine offene Tür haben will und was man als Gemeinschaft für Menschen innerhalb und ausserhalb sein könnte.
Ganz allgemein könnten dabei auch Fragen berücksichtigt werden nach dem, was Glaube eigentlich ist, oder ob ich mir das bloss einbilde. So bedrohlich diese Frage für manche Menschen ist, so wichtig ist sie für andere Menschen. Es sind existentielle Fragen, die in einer lebendigen Gemeinschaft Raum haben sollten. Ebenso verdienen sie Beachtung in der Ausprägung des persönlichen Glaubens.
Was wir glauben
Man kann dazu verführt werden, speziell in evangelikalen Kreisen, seinen Glauben an sein Wissen zu definieren. Es geht dann um die Lehre, um die Erkenntnis und darum, das «Richtige» zu glauben. Was wir glauben, das sind Lehren, Ideen, Theologien. Es sind Dinge, die in den Kopf hineingehen, aber was passiert damit? Sollten wir in Lehren und Ideen hängen bleiben? Ich beobachte manchmal, dass eine Fixation auf die Bibel allzu leicht dazu führt, dass Menschen sich von anderen abgrenzen, sich in Ansichten versteifen und nicht selten rechthaberisch über andere herziehen. Ich denke nicht, dass das sehr sinnvoll ist. Deshalb gibt es noch zwei weitere Begriffe.
Wie wir glauben
Eine gesunde Lehre ist nicht unwichtig, aber nur eine Hilfe dafür, sich in diesem Leben zu bewähren. Wie wir glauben, kann das ermöglichen oder verhindern. Wie wir glauben, hat etwas mit der Form zu tun. Menschen, die von einengenden Lehren, von Drohbotschaften und dergleichen einst bedrängt wurden, haben grosse Mühe, sich daraus zu verabschieden. Wie wir glauben, hat einerseits damit zu tun, was wir glauben, aber fragt auch nach der Kultur, worin dieser Glaube gelebt wird. Die Frage «Wie?» beschreibt die Art, worauf wir unserem Leben und diesem Glauben eine Form geben.
Wenn die Subkultur der eigenen Gemeinde nicht mehr lebensfähig erscheint, verlassen Menschen die Gemeinschaft oder die Kirche. Es greift zu kurz, dabei sofort «Unglaube» zu wittern und diesen Unglauben dafür zu nutzen, die «Abtrünnigen» auszuschliessen. Solches passiert leider immer wieder. Die Verurteilung oder Verketzerung anderer sind die Absage an eine Auseinandersetzung.
Gibt es da keine bessere Möglichkeiten?
Wozu wir glauben
Der dritte Begriff ist «Wozu wir glauben». Das hat mit der Auswirkung und dem Ausblick zu tun, wofür wir glauben. Glaube hat einen Nutzen in dieser Welt, auch wenn vieles nicht greifbar scheint und tatsächlich heute nicht greifbar ist. Wozu wir glauben, hat nicht nur damit zu tun, dass wir lieb zueinander sein sollten. Das ist zwar nichts Falsches, aber viele Leute, die nicht glauben, sind auch lieb zueinander. Es ist kein spezielles Merkmal, keine spezielle Auswirkung, die es nur bei Christen oder bei Gläubigen gäbe. Was kann ich jedoch als «christlich» erkennen und als «Identität» pflegen?
Man kann an den Begriff Zuversicht denken, der sich aufgrund der Bibel entwickeln kann. Zuversicht ist im Hier und Jetzt, aber mit einem Auge auf den Horizont gerichtet. Diese Zuversicht kann Kraft und Ausdauer schenken. Kenntnis der Bibel kann uns die Welt in einem anderen Licht erkennen lassen. Wozu wir glauben, ist eine Ausrichtung der Erwartung. Es ist die Gewissheit oder der Beweggrund, womit wir in der Gegenwart handeln.
Die Neufokussierung
Seit dem Anfang gab es viele Beiträge rund die Frage «Was wir glauben». Darin gehe ich auf Themen ein, die den Glauben prägen. Es geht um Lehrvorstellungen und dergleichen. Das sind bis heute die Beiträge, die am meisten gelesen werden. Logisch, denn so ist evangelikales Denken geprägt. Man will «biblisch» sein und «bibeltreu» leben. Deswegen, wenn man beginnt, Gepflogenheiten, Lehren und ein Glaubensverständnis zu hinterfragen, schlägt man zuerst die Bibel auf. Dort sucht man nach Antworten. Dafür sind die Beiträge geschrieben.
Man könnte daraus folgern, dass es mir um Lehre ginge. Das stimmt jedoch nicht. Lehre ist wichtig, aber Lehre ist kein Ziel. Das war es für mich noch nie. Es geht auch ganz besonders nicht um «richtig» und «falsch», als wäre die Unterscheidung der Kern der Dinge. Das ist sie nicht. Lehre ist bloss eine Hilfe zu einem Ziel. So wie eine Landkarte dabei hilft, sich in der Landschaft zurechtzufinden.
Was ich glaube und das Verständnis, das ich aufbaue, ist tatsächlich wichtig. Es geht aber nicht um das Verständnis, sondern um das, was das Verständnis für Leben und Glauben beiträgt. Mit anderen Worten: Es geht darum, wie sich die Botschaft in meinem Leben und in dieser Welt bewährt. Ich muss mich sozusagen mit der Landkarte in der Hand auf den Weg machen. Erst dann kann sich die Karte bewähren.
Betrachte ich das noch etwas eingehender, muss ich eingestehen, dass es in meinem Leben nicht nur um mich selbst drehen kann. Hier ist die Umformulierung für die nächste Stufe: Kann ich mein Leben so leben, dass es eine Frucht zur Ehre Gottes darstellen kann? Das Was, Wie und Wozu tragen dazu bei, dass diese Frucht wachsen kann.
Früchte bringen zur Ehre Gottes? Das ist kein frommes Geschwafel, sondern eine Sprache, um das Wesentliche herauszuschälen. Ich kann das auch, vollkommen unvollkommen, bloss als Frage stellen, worüber man sich austauscht. Und wenn es andere Wörter, eine andere Sprache benötigt, damit es heute in Deinem Leben weiter wachsen kann, dann benötigt es solche neuen Wörter. Vielleicht ist das dann eine Dekonstruktion, die eines Tages mit solchen neuen Wörtern eine Rekonstruktion wagt. Es kann jedoch nie nur eine Frage oder ein Gedanke bleiben. Glaube drängt zu einem Sichtbarwerden in der Welt. Glauben zu können, ist menschlich. Glauben bewusst zu prägen, kann ein geistlicher Entscheid sein. Wie und wozu ich glaube, erweitern dann, was ich glaube.
Was ich glaube, ist demnach wichtig, aber es hat eine untergeordnete, dienende Bedeutung. Als Hilfe zu einem besseren Lebens- und Glaubensverständnis kann es mir bei der Ordnung von Gedanken helfen. Das ist wichtig und nicht zu unterschätzen. Was ich glaube, ist für sich betrachtet jedoch sehr unvollkommen. Es ist zwar essenziell, aber es ist nicht fertig gedacht. Es gibt mehr.
Heute will ich meinen Fokus klar setzen. Nicht «Was ich glaube» sehe ich heute als entscheidend, sondern eher «Wie und Wozu ich glaube». Das gibt nämlich der Erkenntnis eine Ausrichtung. Das fragt danach, wie sich die Ideen in der realen Welt bewähren. Schwierige und unbequeme Fragen sollen und können gestellt werden, weil aus der Auseinandersetzung das Wie und Wozu gestaltet werden.
Wo stehst Du in Deinem Leben? Hast Du schon einmal eine Standortbestimmung und Neufokussierung gewagt?

