Im letzten Beitrag wurde dargelegt, wie Paulus sich an verschiedene Gruppen richtet. Auch haben wir gesehen, welche Gruppen das sind. Mit diesem Wissen kann man jetzt das zweite Kapitel des Römerbriefes mit neuen Augen lesen.

Auch euch … auch wir

Paulus beginnt das zweite Kapitel mit folgender Aussage:

«Auch euch, die ihr tot seid euren Kränkungen und Sünden gegenüber, in denen ihr einst wandeltet gemäss dem Äon dieser Welt, gemäss dem Fürsten des Vollmachtsgebietes der Luft, des Geistes, der nun in den Söhnen der Widerspenstigkeit wirkt
(unter denen auch wir alle einst in den Begierden unseres Fleisches einhergingen, den Willen des Fleisches und unserer Denkart ausführten und von Natur aus Kinder des Zorns waren wie auch die übrigen).»

Eph 2,1-3

Zwei Gruppen: ihr und wir. Wie im letzten Beitrag erklärt, und wie das aus dem weiteren Verlauf dieses Kapitels sichtbar wird, geht es um zwei Gruppen von Menschen innerhalb der Gemeinde. «Euch» betrifft die Gläubigen aus den Nationen und «Wir» betrifft die jüdischen Gläubigen in der Gemeinde, wozu auch Paulus gehört.

Von Anfang an hing zwischen beiden Gruppen etwas Spannung in der Luft. Ausgehend von den Vorrechten der Juden (vergleiche Römer 3,1-2 und Römer 9,4-5) und der Unmöglichkeit, als Jude den Nichtjuden zu begegnen (vergleiche Apg 11,3 und Apg 22,21-22), waren diese Worte von Paulus von grosser Bedeutung. Er sprach jetzt beide Gruppen an und bricht damit so etwas wie ein Tabu.

Paulus vergleicht die beiden Gruppen, worüber er in den nächsten Versen näheres erzählt. Es ist beachtenswert, dass er nicht etwa mit positiven Worten oder göttlichen Weisungen beginnt. Im Gegenteil geht er vielmehr von der gemeinsamen Erfahrung dieser beiden Gruppen aus. Dabei gilt es zu bedenken, dass es sich hier um Gläubige handelt. Er spricht sie auf ihre menschliche Erfahrung an.

Das gemeinsame Thema, das der Apostel hier anspricht, ist die Erfahrung von Kränkungen und Sünden Gott gegenüber und vom  bisherigen Lebenswandel. Dieser war «gemäss dem Äon dieser Welt». Man hat sich verhalten, als gäbe es keinen Gott in dieser Welt, sondern man hat «gemäss dem Fürsten des Vollmachtsgebietes der Luft, des Geistes, der nun in den Söhnen der Widerspenstigkeit wirkt» gelebt. Das eine entspricht dem anderen. Beides ist nicht besonders gut. Ihr Leben hat Kränkungen (die das Herz verletzen) und Sünden (Zielverfehlungen) hervorgebracht.

Die jüdischen Gläubigen hatten, trotz all ihrer Vorteile und Segnungen, keinen wirklich anderen Status. Paulus spricht von «Begierden unseres Fleisches» und davon, wie sie «den Willen des Fleisches und unserer Denkart ausführten und von Natur aus Kinder des Zorns waren wie auch die übrigen». Juden und Nichtjuden hatten dieselben Erfahrung im Leben gemacht. Diese Ausführung erinnert auch stark an Römer 3, wo Paulus erklärt, das kein Mensch gerecht ist.

Alte und Neue Menschheit

Später im Brief kommt Paulus noch einmal auf diese Erfahrung zurück. Das ist im zweiten Teil des Briefes. So wie der erste Teil über «Lehre» spricht (Kapitel 1-3), ergänzt der zweite Teil des Briefes diese Lehre mit dem darauf basierenden Lebenswandel (Kapitel 4-6). Gerade haben wir über diese gemeinsame Erfahrung gehört, die der Apostel als verbindendes Element zwischen Nichtjuden und Juden in der Gemeinde erwähnt. Wenn er später auf den Lebenswandel zu sprechen kommt, verweist er als Kontrast auf diese Erfahrung zurück:

«Dies nun gebiete ich und bezeuge es im Herrn, dass ihr nicht länger so wandelt wie die Nationen (in der Eitelkeit ihres Denksinns) wandeln, die in ihrer Denkart verfinstert und dem Leben Gottes gegenüber Fremde sind infolge der Unkenntnis, die wegen der Verstockung ihres Herzens in ihnen ist. So abgestumpft, haben sie sich selbst der Ausschweifung hingegeben und betreiben alle Art von Unreinheit in Habgier.

Ihr jedoch habt Christus nicht so kennengelernt, wenn ihr Ihn nämlich gehört habt und in Ihm gelehrt wurdet (so wie in Jesus Wahrheit ist), dass ihr das frühere Verhalten ablegt, die alte Menschheit (die sich durch verführerische Begierden selbst in s Verderben bringt), und im Geist eures Denksinns verjüngt werdet und die neue Menschheit anzieht, die Gott gemäss erschaffen wird in Gerechtigkeit und huldvoller Heiligkeit der Wahrheit. Darum legt die Lüge ab und redet Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten; denn wir sind untereinander Glieder.»
Eph 4,17-25

Nicht nur erwähnt Paulus hier die gemeinsame Erfahrung, sondern weist auch auf den Kontrast mit der aktuellen Glaubenserfahrung hin. Die menschliche Erfahrung entsprach einer «alten Menschheit». Dafür sollten die Gläubigen jetzt eine «neue Menschheit» mit neuen Merkmalen anziehen. Paulus sagt hier nicht, dass wir etwa «neu geboren» werden müssten, denn eine «Wiedergeburt» wie beim Apostel Johannes in den Evangelien finden wir bei Paulus nirgendwo. Dagegen spricht er von einer alten und einer neuen Menschheit. Das ist entscheidend für sein Verständnis.

Diesen neuen Menschen finden wir auch im zweiten Kapitel des Epheserbriefes zurück, wenn auch erst einige Verse weiter. Dort beschreibt der Apostel das wie folgt:

«Um die zwei zu einer neuen Menschheit zu erschaffen (indem Er Frieden machte) und die beiden in einem Körper, mit Gott durch das Kreuz auszusöhnen.»
Eph 2,15-16

Im Epheserbrief lesen wir also zuerst, dass die zwei (Juden und Nichtjuden) zu einer neuen Menschheit erschaffen wurden. Sie werden beiden in einem Körper, mit Gott durch das Kreuz ausgesöhnt. Diese neue Menschheit beseitigt also bisherige Unterschiede. Sie werden miteinander und mit Gott gegenseitig ausgesöhnt.

Die gemeinsame Erfahrung

Wir haben nun gesehen, dass Paulus mit einer gemeinsamen Erfahrung Juden und Nichtjuden als ebenbürtig nebeneinander stellt. Wenn er darauf in den nächsten Versen diese beiden Gruppen zusammenführt, ist die Grundlage in Nüchternheit und Bescheidenheit gegründet. In der Erfahrung gelten weder religiöse Vorteile noch vermeintliche Überlegenheit. In der Erfahrung sind alle Menschen gleich.

Paulus geht weise vor. Argumentativ legt er hier das Fundament für eine entscheidende Weiterentwicklung in seiner Verkündigung, worin er Juden und Nichtjuden erstmals sonnenklar in der Gemeinde als gleichwertig bezeichnet. Für die Juden sind damit zwar die vermeintlichen Vorteile auf Basis ihrer Abstammung nicht mehr da, aber die Nichtjuden kommen entscheidend viel näher zu einer würdevollen Integration in der Gemeinde aus allen Nationen.

Frage

Sollten auch wir anderen zuerst als Mensch begegnen, wenn wir sie ernst nehmen wollen oder Gnade erweisen möchten?

4
0

Text und Bild: Alle Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Möchten Sie Texte verwenden, nehmen Sie bitte vorrangig mit mir Kontakt auf. Zitate mit Vermerk des Urhebers sind, wie überall, erlaubt, wobei Zitate nicht ganze Texte sein dürfen. Bitte bei Zitaten auf den ursprünglichen Beitrag verlinken. Bilder werden speziell für diese Website lizenziert.

Die Basissprache dieser Website ist Deutsch. Zur Beachtung: Übersetzungen nach Englisch und Niederländisch werden automatisiert und werden hier und dort etwas holprig formuliert sein.

Zentrum für Datenschutzpräferenzen

Geschützt durch Security by CleanTalk