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Das Trugbild eines Freien Willens

Zentral in der  Lehre von Himmel und Hölle steht die Lehre eines sogenannten «Freien Willens» des Menschen. Dazu steht zwar nichts in der Bibel, aber sie ist umso wichtiger für die Befürworter einer Hölle. Auch zum traditionellen Bild einer Hölle findet sich in der Bibel nichts, was z.B. hier bereits näher ausgeführt wurde. Die Ideen halten sich aber hartnäckig entgegen dem biblischen Befund, und das ist nicht zuletzt davon abhängig, dass diese Lehren sich gegenseitig bedingen. Es sind Folgerungen über die Schrift, die sich gegenseitig verstärken. Die Lehren bedingen einander, wie in einem Kartenhaus keine Karte herausgenommen werden darf, ohne dass das gesamte Konstrukt in sich zusammenfällt.

Freier Wille und Hölle-Lehre

Zeigt man in einem Gespräch über die Hölle auf, dass es die Hölle in der Bibel nicht gibt, dann gibt es häufig ganz heftigen Widerstand. Dabei habe ich immer wieder erlebt, dass man der klaren biblischen Rückmeldung dadurch ausweicht, dass von dem «freien Willen» des Menschen gesprochen wird. Es ist geradezu der «freie Wille», der auch eine Hölle heraufbeschwört. So die verinnerlichten Folgerungen.

Diese Lehre wird dazu benutzt, einerseits Gott von dem Schmach der Hölle zu befreien, und andererseits die Verantwortung für die Hölle zu 100% bei dem Menschen zu legen. Es findet eine Umdeutung von Gottes Liebe und von Gottes Wirken in Christus Jesus statt und eine Verschiebung der Zuständigkeit. Der Mensch soll für sein Endgeschick 100% selbst verantwortlich sein. Dass wir nicht einmal den nächsten Tag voraussehen können, hindert diese Theologie nicht daran, dem Menschen für eine fiktive Ewigkeit eine Last aufzubürden. So geht der Kern des Evangeliums verloren.

Die Umdeutung von Gottes Liebe

Folgerungen der Himmel- und Hölle-Lehre

«Gott kann nur retten, wer gerettet werden will. Es ist der «freie» Wille des Menschen, der ihn wählen lässt zwischen Leben und Tod, Himmel und Hölle. Gott ist an diesen «Freien Willen» des Menschen gebunden. Gott will zwar die Rettung von allen Menschen (1Tim 2,4), aber der Wille des Menschen ist stärker als Sein Wille. Es ist nicht so, dass Gott nicht liebt, aber Gott kann nur zur Rettung lieben, wer diese Liebe Gottes auch annimmt. Ohne bewusstes «Ja» zu Gottes Liebe in Christus Jesus ist es ein klares «Nein». Gott kann dann nicht anders als Dich endlos zu peinigen in der Hölle. Das verlangt sozusagen Seine Gerechtigkeit.»

Es ist eine krasse Umdeutung des Evangeliums. Vielen erscheint diese Kritik als ketzerisch, weil man sich nicht bewusst ist, wie wenig diese Gedanken in der Schrift unterstützt werden. Ideen eines «100% freien Willens des Menschen» werden als «biblische Lehre» eingestuft. Es gibt jedoch in der Bibel keinen Ausdruck wie «freier Wille». Es ist ein Unding.

Nur Gott hat einen 100% freien Willen

Wer meint, dass der Mensch einen 100% freien Willen hat, macht sich Gott gleich oder stellt sich direkt über Ihn. Die Schrift lässt keinen Zweifel darüber bestehen, dass nur Gottes Wille über allem steht, und dies insbesondere für unsere Berufung in Christus zutrifft:

«In Ihm [in Christus] hat auch uns das Los getroffen, die wir vorherbestimmt sind, dem Vorsatz dessen gemäss, der alles nach dem Ratschluss Seines Willens bewirkt, damit wir zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit seien»
Eph 1,11

Wenn nun Gott alles nach Seinem Ratschluss bewirkt und unsere Berufung Seinem Vorsatz entspricht, wie können wir da noch behaupten, dass unser Wille etwa stärker sei als Sein Wille? Es ist keine Einladung zur Lethargie. Denn dies zu erkennen bedeutet noch lange nicht, dass wir Marionetten in Gottes Theater sind noch, dass eine doppelte Prädestination (calvinistischer Ausprägung) biblisch wäre. Möchten wir aber verstehen, was die Bibel sagt, dann können diese Verse nicht einfach ignoriert werden.

Nur Gott hat einen 100% freien Willen. Er ist Gott. Wir haben bestenfalls einen eigenen Willen. Wir sind nicht Gott. Ebenso wie der Ausdruck «freier Wille» der Bibel fremd ist, so gibt es auch kein Wort für «Verantwortung». Die Idee, dass etwas «ewige, nämlich endlose» Folgen haben wird, und dies ganz in unserer Verantwortung liegt, wird in die Bibel hineininterpretiert. Siehe dazu auch die Beitragsserie über den Begriff «Ewigkeit». Wenn jemand für diese Schöpfung Verantwortung hat, dann kann das nur Gott sein. Ansonsten ist Er nicht Gott.

Die Behauptung, dass der Mensch einen absolut freien Willen hat, setzt ihn auf die gleiche Ebene wie Gott, macht ihn sozusagen Gott-gleich. Es braucht jedoch nicht viel Überlegen, damit wir erkennen, dass wir ganz und gar nicht frei sind.

David erkannte:

«HERR, niemand ist dir gleich, und es gibt keinen Gott außer dir, nach allem, was wir mit unseren Ohren gehört haben.»
1Chr 17,20 Rev. Elbf.

Niemand ist Ihm gleich. Wir sind nicht Gott-gleich. «Es gibt keinen Gott ausser Dir!». Und lesen wir, was David dann zur Auswahl Israels sagt:

«Und du hast dir dein Volk Israel zum Volk bestimmt für ewig; und du, HERR, bist ihr Gott geworden.»
1Chr 17,22 Rev. Elbf.

Gott bestimmt. Niemand sonst. Alles was wir selbst bestimmen, sagen, entscheiden, ist dem Willen Gottes untergeordnet. Wir sind nicht Gott. Das macht uns aber nicht zu Marionetten in einem makaberen Spiel, wie es so manche Prädestinationslehre vorsieht. Das wäre ein Schwarzweiss-Denken, wonach wir entweder 100% frei oder 100% gebunden sind. Hier braucht es eine gesunde Differenzierung und ein sorgfältiges Lesen der biblischen Aussagen.

Unser eigener Wille

Wir müssen nur lernen, uns selbst zu erkennen. Es ist nämlich entscheidend für dieses Leben, für unser Menschsein, mit allen Fehlern und Begrenzungen, dass Gott Seinen Sohn geschickt hat. Es ist für ganz normale, sehr begrenzte Menschen, dass es eine frohe Botschaft der Gnade in Christus Jesus gibt. Uns mangelt es an der Herrlichkeit Gottes, und wir verfehlen fortwährend die Herrlichkeit Gottes (Röm 3,23). Wir sind so anders wie Er. Wie sollte uns da von Gott eine Verantwortung für eine endlose Ewigkeit auferlegt werden?

Wie soll es in unserer Begrenztheit möglich sein, dass wir einen 100% freien Willen haben, der sogar so mächtig ist, dass er Gottes Wille zur Rettung aushebeln kann? Wie kann es sein, dass unser begrenztes Erkennen eine Folge «für die Ewigkeit» hat? Stehen wir tatsächlich in Konkurrenz zu Gottes Allmacht? Wer sagt denn, dass Gott begrenzt ist durch die Ablehnung eines Menschen? Hat Ihn die Ablehnung eines Menschen schon je daran hindern können Sein Ziel zu erreichen? Oder ist es eher so, wie es Paulus im Römerbrief schreibt, als Abschluss des lehrmässigen Teils:

«Denn Gott schliesst alle zusammen in die Widerspenstigkeit ein, damit Er Sich aller erbarme.»
Röm 11,32

Das ist Gottes Wirken. Er liebt nicht nur Gläubige. Er liebt Feinde (Röm 5,8). Gottes Gedanken sind oft anders als die harte Lehren menschlicher Tradition. Gott ist Gott, und Er kümmert sich um Seine Schöpfung. Jesus, der Christus, als Gottes Sohn, ist der Beweis. Gerade darin liegt das Evangelium beschlossen. Unser Wille ist gar nicht ausschlaggebend, sowenig wie er für die Erreichung von Gottes Gerechtigkeit nötig ist. Seine Gerechtigkeit wurde am Kreuz erreicht (siehe auch «Gerechtigkeit und Gericht»). Das ist vollbracht.

Bei keinem Gericht geht es darum, dass nun Gottes Gerechtigkeit herbeigeführt werden müsste. Bei künftigen Gerichten geht es nur um die Werken, die ein Mensch im Leben verübt hat, und an keiner Stelle um Glaube, Entscheidung für Jesus oder dergleichen. Bei allen Gerichten finden diese nicht zur Rettung oder Verdammung statt, sondern zur Beurteilung (das gilt gleichermassen für die Gemeinde 1Kor 3,13 wie für die übrige Menschheit Offb 20,13). Es ist völlig absurd, dass etwa eine ewige endlose Strafe Gottes Gerechtigkeit herbeiführen könnte. Gerade eine «endlose» Strafe zeigt, dass die Gerechtigkeit so niemals erreicht würde. Strafe führt nie zu Gerechtigkeit.

Der Wille des Menschen ist begrenzt. Es ist eine irrige Theologie, die daraus Dinge ableitet, die in der Bibel nirgendwo geschrieben stehen. Selbstverständlich werden Bibeltexte zitiert. Sie können einzeln betrachtet und ausgelegt werden. In der Regel aber werden «ewige» Konsequenzen dort abgeleitet, wo der Kontext von begrenzten Situationen spricht.

Frei sein, die Irrlehre eines «freien Willens» loszulassen

Die Lehre eines «Freien Willens» ist Teil eines Kartenhauses. Nimmt man eine Karte weg, bricht das Haus zusammen. Es geht hier nicht um Nebenschauplätze, worüber geschrieben wird. Es sind bedeutende Themen. Wir sollten diese nicht leichtfertig beurteilen. Tatsache ist: Es gibt in der Bibel keinen freien Willen des Menschen. Es ist ein wildes Durcheinander an frei erfundenen Dingen, die nur einer Sache dienen: dem Aufrechterhalten der Tradition über Himmel und Hölle. Sie versucht Gott von der dunklen Seite der Höllenlehre zu befreien, indem der Mensch für sein Endgeschick verantwortlich gemacht wird – und Gott aus der Verantwortung enthoben wird. Das ist jedoch ein Kurzschluss und in letzter Konsequenz die Verneinung der Gottheit Gottes und des Kreuzes Jesu Christi.

Die Lehre eines 100% «Freien Willens» wird eine befreite Sicht auf Gottes Wirken und Zusagen verbergen. Das aufzudecken ist für manche bedrohlich, für andere aber befreiend. Es geht nicht darum, etwas in der Bibel nicht zu glauben, sondern die Bibel zu diesem Punkt zu Wort kommen zu lassen. Es geht darum, giftige Gedanken anhand der Bibel auszusortieren. Manche Theologien sind – in einem Vergleich mit der Computerwelt – «Malware». Es sind schädliche Konzepte, die ganze Systeme verseuchen können und die immer wieder Menschen in Angst und Schrecken versetzen. Wer wirklich christozentrisch denken will, muss anfangen Gott beim Wort zu nehmen. Die Reden von einem «freien Willen» gehören nicht dazu.

Richard Imberg hat das schon lange verinnerlicht. Er scheint frei gewesen zu sein, diese Irrlehre loszulassen. Die folgende Worte zeigen gesunde Zusammenhänge.

Die Freiheit des Menschen ist begrenzt durch die Souveränität Gottes
und über der Verantwortung des Menschen vor Gott steht Gottes Gnade.
–Richard Imberg