Rechtfertigung für alle Menschen

Keine Bedingungen, keine Vorbehalte. Dies gilt allen Menschen.


20. Juni 2021In Allaussöhnung, BibelbücherBy Karsten Risseeuw12 Minutes

Was ist die Reichweite des Evangeliums? Kommt Gott mit nur wenigen Menschen zum Ziel oder schafft Er es mit allen Menschen zum Ziel zu kommen? Die Himmel-und-Hölle-Lehre ist eine Drohbotschaft. Nach dieser Lehre werden nur wenige gerettet und alles hängt vom menschlichen Entscheid ab. Dagegen spricht die Bibel selbst von etwas ganz anderem, nämlich davon, dass Gott alle Menschen erreichen wird. Das ist eine Botschaft voller Zuversicht, weil das Vertrauen auf Gottes Zusagen beruht und alle einschliesst.

Wie weit reicht das Evangelium?

In dieser Serie zum Römerbrief haben wir bereits die Grundlagen von Gottes Wirken erkannt. Paulus hat ausführlich davon geschrieben, dass Gottes Gerechtigkeit im Evangelium enthüllt wird (Röm 1,16-17). Da geht es nicht um meine Gerechtigkeit, sondern um Seine Gerechtigkeit. Das ist keine Gerechtigkeit, die Gott etwa von uns fordert, sondern es die Gerechtigkeit, die Er selbst bereits bewirkt hat. Diese Gerechtigkeit Gottes wird im Evangelium bekannt gemacht.

Auf diese Gerechtigkeit kommt Paulus ausführlich ab Römer 3,21 zu sprechen. Gott hat Seine Gerechtigkeit in Christus bewirkt. Das geschah am Kreuz, das wurde bestätigt in der Auferstehung (Röm 4,25). Darauf können wir nun mit Gott Frieden haben (Röm 5,1). Gottes Wirken gilt uns und führt in die Beziehung ein.

Welche Reichweite hat nun dieses Evangelium, das Paulus im Römerbrief mehrfach «mein Evangelium» nennt? Nun, die Reichweite ist umfassend. Paulus macht Gottes Wirken in Christus so gross, dass es alle Menschen und die Welt umfasst. Das ist nun die wirklich frohe Botschaft.

Eine Kränkung und einen Rechtsspruch

In den folgenden Versen aus Römer 5 vergleicht der Apostel diese zwei: Adam und Christus. Darauf hatte der Apostel in den vorangegangenen Versen hingearbeitet. Er spricht von Adams Ungehorsam und stellt dem den Gehorsam Christi gegenüber. Diese Verse fassen zusammen, was gerade vorher von Paulus geklärt wurde. Vers 12 findet in Vers 18 den Gegenpol. Adam und Christus im Vergleich:

«Demnach nun,
wie es durch die eine Kränkung
für alle Menschen zur Verurteilung
kam,

so kommt es auch durch den einen Rechtsspruch
für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens.

Denn
ebenso wie durch den Ungehorsam des einen Menschen
die vielen als Sünder eingesetzt wurden,

so werden auch durch den Gehorsam des Einen
die[selben] vielen als Gerechte eingesetzt werden.»

Röm 5,18-19

Die Vergleiche sind eindeutig. Was durch Adam an Unheil in diese Welt eindrang, wird durch Christus mehr als gut gemacht. Das ist die Auswirkung von Gottes Wirken in Christus. Glaube heisst, dass wir Gottes Wirken als zentral erachten. Es geht hier nicht um unseren Glauben, oder das von anderen Menschen. Hier geht es um die Reichweite des Evangeliums, und von Gottes Wirken. Das ist, was nach Paulus wirklich zählt.

  • Durch eine Kränkung kommt es für alle Menschen zur Verurteilung
    Durch einen Rechtsspruch kommt es für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens
  • Es gibt den Ungehorsam des einen Menschen (Adam)
    Es gibt den Gehorsam des Einen (Christus)

Alle Menschen – ohne Vorbehalte

Paulus baut seine Argumentation sorgfältig auf. Wir können Verse nicht einzeln zitieren, sondern sie stehen in einem Kontext. Das können wir an Wörtern wie  «demnach nun, wie… so… auch» erkennen.


Wie
die Kränkung durch Adam zu allen Menschen durchdrang, genau so wird auch durch einen Rechtsspruch für alle Menschen Rechtfertigung des Lebens erreicht. Da ist keiner ausgenommen.

Wer davon überzeugt ist, dass die Himmel-und-Hölle-Lehre stimmt, wird hier jetzt «Halt!» rufen. «Das geht gar nicht, was Paulus hier macht. Das ist zu einfach. Da wird gar nichts mehr vom Menschen gefordert. Du musst zuerst an Jesus glauben, sonst ist Gott machtlos.». Aus solchen Bemerkungen lässt sich ablesen, dass die Himmel-und-Hölle-Lehre zutiefst anthropozentrisch ist. Der Mensch und sein Wirken stehen in dieser Lehre zentral. Bei Paulus jedoch geht es um etwas anderes. Bei ihm stehen Gott und Sein Wirken in Christus zentral. Der Unterschied ist entscheidend.

«So…auch» will heissen: Auf die gleiche Art. Sowenig wie wir die Auswirkung von Adams Kränkung irgendwie auf wenige Menschen begrenzen können, können wir es auch nicht hinsichtlich der Auswirkung des Rechtsspruches. Wie das eine – so das andere. Da kann man nichts falsch verstehen. Für alle Menschen kommt es zur Verurteilung. Das werden auch Befürworter der Himmel-und-Hölle-Lehre nicht ablehnen. Sie lehnen aber den zweiten Teil ab, wo es heisst: «so kommt es auch durch den einen Rechtsspruch für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens» (Röm 5,18).

Wie die Reichweite hier, so die Reichweite dort. Möchten wir das Evangelium verstehen, müssen wir darüber nachdenken. Diese Verse werden jedoch häufig ausgeblendet. Was Paulus hier sagt, sprengt vereinfachte und falsche Ideen wie «Glaube an Jesus oder brenne für ewig in die Hölle». Eine umfassende Gnade ist gerade der Stein des Anstosses. Das Übermass der Gnade und das Geschenk der Gerechtigkeit (Röm 5,17) werden hier von Paulus auf alle Menschen ausgedehnt – ohne Unterschied. Wie das geschieht, ist hier kein Thema, dass es aber geschieht ist eine zuversichtliche Aussage.

Gott wird einst alle Menschen rechtfertigen und Leben schenken.

Paulus sagt: So wirkt Gott. Heute ist das noch nicht sichtbar. Paulus spricht hier von Gottes Absicht und Ziel. Das liegt noch in der Zukunft. Er baut weder Zweifel noch Vorbehalte ein, wie das die Himmel-und-Hölle-Lehre ständig macht. Paulus sagt voller Zuversicht: So weit reicht die frohe Botschaft, dass alle eingeschlossen sein werden.

Dies ist die zentrale Aussage: Gott wird einst alle Menschen rechtfertigen und Leben schenken.

Sind «die vielen Menschen» eine Teilmenge?

Wenn man Anhänger der Himmel-und-Hölle-Lehre mit Römer 5,18 konfrontiert, wird das häufig abgelehnt. Statt den Ausblick auf Gottes Wirken zu schätzen, wird häufig versucht, den Vers zu demontieren. Beliebt ist dabei den Hinweis auf den nächsten Vers, wo nicht mehr von «allen Menschen» gesprochen wird, sondern von «vielen Menschen» die Rede ist. Darüber wird dann gefolgert, dass «viele» doch nicht «alle» heisst, und also unzählige Menschen noch «verloren gehen» werden. So versucht man die ewige Hölle zu retten (braucht es das?).

Diese Aussage verkennt den Kontext. In Römer 5,18 geht es um den Vergleich zwischen Adam und Christus und die Auswirkung auf alle Menschen. Hier wird eindeutig von allen Menschen gesprochen. Das lässt sich nicht schmälern. Der Vergleich lässt das nicht zu.

In Vers 19 geht es nicht mehr um die Menge, sondern um den Vergleich zwischen Ungehorsam und Gehorsam. Dabei nimmt Paulus direkten Bezug auf den vorherigen Vers, wenn er sagt «Denn…». Mit diesem Wort werden Vers 18 und 19 verknüpft.

«Denn ebenso wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen als Sünder eingesetzt wurden…»
Röm 5,19a

Möchte man klären, was hier mit «die vielen» gemeint ist, sollte man auf den vorherigen Vers Bezug nehmen. Sollte hier der Ausdruck «die vielen» irgendwie begrenzt sein? Sollten einige Sünder sein und andere nicht? Das wäre unsinnig und ausserhalb der Argumentation von Paulus. Es ist klar, dass die vielen ein Verweis auf «alle Menschen» aus dem vorherigen Vers sind.

«so werden auch durch den Gehorsam des Einen die[selben] vielen als Gerechte eingesetzt werden»
Röm 5,19b

Wie die eine Gruppe, so die andere Gruppe. «Die vielen» sind exakt dieselben, die gerade vorher genannt wurden, ansonsten der Vergleich nicht aufgeht. Auch hier geht es um einen Verweis auf den vorherigen Vers. Die einzig mögliche Schlussfolgerung wäre, dass nun dieselben «vielen» Sünder einmal als Gerechte eingesetzt werden.

Erreicht Gott alle Menschen?

In Römer 5,18 lesen wir eindeutig, dass Gott einmal alle Menschen rechtfertigen wird. Man kann die Aussagen von Paulus nicht beiseiteschieben. Immer wieder habe ich jedoch erlebt, dass Menschen diesen Vers (oder andere gleichlautende Verse) ablehnen, weil es ihr Verständnis von Gottes Wesen und Wirken durcheinander bringt. Wer mit einem rachsüchtigen Gott aufgewachsen ist, sich die Himmel-und-Hölle-Lehre verinnerlicht hat, dem fällt es schwer, sich einen Gott vorzustellen, der viel grösser, viel gnädiger, viel radikaler vorgeht, als man es gelernt hat.

Ob Gott alle Menschen erreicht ist nicht von mir oder dir abhängig. Er kann das. Wer das ausblendet, vertraut Gott nicht. Denken wir beispielsweise an die Frage der Jünger «Wer kann dann gerettet werden? Da blickte Jesus sie an und sagte: Bei den Menschen ist dies unmöglich, jedoch nicht bei Gott; denn bei Gott sind alle Dinge möglich» (Mk 10,26-27).

Wer auf eine Hölle beharrt, und darauf, dass alles vom menschlichen Entscheid (für oder gegen Jesus) abhängt, der kennt nicht nur die Bibel nicht, sondern traut Gott nichts zu. Man hat einen kleinen Gott, der vom menschlichen Willen gebunden ist. Jesus dagegen spricht deutlich aus, dass bei Gott alle Dinge möglich sind. Vertraust Du darauf?

Dass Gott nicht nur wenige Gläubige, sondern alle Menschen vor Augen hat, lesen wir beispielsweise hier in Römer 5,18, jedoch auch an vielen anderen Stellen (z.B. Röm 11,32-36; 1Tim 4,9-11; 1Kor 15,20-28). Hier im Römerbrief stellt Paulus klar:

«Demnach nun, wie es durch eine Kränkung für alle Menschen zur Verurteilung kam, so kommt es auch durch einen Rechtsspruch für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens.»
Röm 5,18