Ist die Allversöhnung «biblisch»?

Wie kann man das feststellen?


In diesem Beitrag geht es um die Lehre der sogenannten «Allversöhnung». Was ist das und wie kann man sich darüber eine Meinung bilden? Gibt es Argumente dafür und solche dagegen? Diese Frage berührt viele Themen. In diesem Beitrag geht es nur um diese eine Frage: Kann die Allversöhnung als «biblisch» gelten?

Verschiedene Lehren in Konflikt

Kommt Gott mit dieser Welt zum Ziel? Die Lehre der Allversöhnung beantwortet diese Frage positiv und sagt: «Ja, Gott kommt mit dieser Welt und mit allen Menschen zum Ziel». Viele Christen sind jedoch mit einem ganz anderen Bild aufgewachsen. Ihnen wurde erklärt, dass Gott zwar retten «will», aber es leider nicht «kann», wenn Menschen nicht «für Jesus wählen». Diese Aussage entstammt der Himmel- und Hölle-Lehre, wonach die Menschheit einmal in zwei Gruppen aufgeteilt wird:

  1. Die Menschen, die «Jesus angenommen haben»
  2. Die Menschen, die «Jesus nicht angenommen haben».

Die Hölle-Lehre sagt: Es soll einen zweifachen Ausgang der Welt- und Heilsgeschichte geben. Ein kleiner Teil der Menschheit wird gerettet werden. Sie werden glückselig im Jenseits oder an einen anderen Ort bis in alle Ewigkeit «froh sein», auch wenn der übergrosse Teil der Menschheit andernorts ohne Unterlass «gequält wird». Der übergrosse Teil der Menschheit landet nach dieser Lehre in der Hölle. Dort erfahren diese Unglücklichen eine ewige Gottesferne, werden von Gott ewig am Leben erhalten, damit Er sie endlos peinigen kann und sie haben keine Chance auf Rettung mehr.

Die erste Gruppe wird fröhlich lachend ein ewiges Leben erhalten, während die andere Gruppe auf ewig verdammt wird. Wer das nicht als absurd erkennt, hat diese Sicht vielleicht zu lange verinnerlicht. Die letzte monströse Aufgabe der Peinigung wird manchmal zu einem anderen Wesen, genannt Teufel oder Diabolos, ausgelagert («Outsourcing»), damit Gott nicht ganz so schlecht erscheint.

Problematisch ist diese Sicht von Himmel und Hölle aus vielen Gründen.

  • Sie ist theologisch problematisch,
  • sie hat nichts mit der Bibel zu tun und
  • sie ist mit Sicherheit keine frohe Botschaft, wie man es gerne darstellt.

Das Marketing der Hölle-Befürworter («Jesus liebt Dich») entspricht nicht der Realität der Lehre. Wer die Hölle-Lehre einmal von innen her gesehen hat, wird sich ob der vielen bedrohlichen Darstellungen nicht mehr ruhig ins Bett legen können. Wenn es stimmt, was die Lehre sagt, dann sieht es für diese Welt düster aus. Genau das wird auch gelehrt.

Problematisch sind auch die Folgen dieser Lehre. Wer die Aussagen der Himmel- und Hölle-Lehre ernst nimmt, gerät nicht selten in grossen inneren Konflikten, denn diese Lehre lässt sich nicht mit dem Bild eines allmächtigen und liebenden Gott versöhnen. Es gibt ein Spannungsfeld, dass schmerzhafter nicht sein könnte. Die verkündete Liebe Gottes steht der Himmel- und Hölle-Lehre diametral gegenüber. Das Gottesbild einer Himmel- und Hölle-Lehre ist radikal anders als das Gottesbild der sogenannten Allversöhnung, wonach Gott mit allen Menschen zum Ziel kommt.

Gilt also die Hölle-Lehre, also eine «ewige Verdammnis», oder spricht die Bibel von einem umfassenden positiven Ausgang, einer «Allversöhnung»? Was ist «biblisch» vertretbar und wo liegen die Knackpunkte? Das sind zu viele Fragen, um auf einmal beantwortet zu werden. Hier geht es um ein paar Ansätze im Denken und am Schluss gibt es ein paar Links, worüber man weitere Themenkreise für sich erschliessen kann.

Was wird mit «biblisch» gemeint?

Für viele hat das Wort «biblisch» eine besondere Bedeutung. Es ist wichtig zu verstehen, was damit gemeint wird und was man selbst damit ausdrücken möchte. Die erste Erklärung ist oft, dass etwas «in der Bibel steht». Dadurch erhält eine Aussage ein besonderes Gewicht, denn die Bibel ist Gottes Wort und deshalb «wahr».

Diese Sicht der Bedeutung vom Wort «biblisch» ist jedoch etwas romantisiert. Die Absicht erscheint gut und auch ich unterstütze sie. Die Realität ist jedoch nicht so rosig. Was als «biblisch» verkauft wird, ist häufig nur ein Sammelsurium an Ideologien und Lehren, die nicht unbedingt etwas mit der Bibel zu tun haben. Biblisch ist oft nur das, was in der eigenen Gemeinschaft gelehrt wird. Das zu erkennen ist wichtig.

Nüchtern betrachtet ist «biblisch» ein unbiblisches Wort. Wir finden es nicht in der Bibel. Von «biblisch» zu reden ist demnach beschreibend und von einer Interpretation abhängig. Möchte man in diesem Wirrwarr an Gedanken etwas Ordnung bringen, müsste man klären, was man selbst als «biblisch» bezeichnen will.

Hier ein Vorschlag:

  • Das Wort «biblisch» soll das bezeichnen, was klipp und klar in der Bibel genannt wird.
  • Das Wort «biblisch» soll nicht bezeichnen, was man in die Bibel hineininterpretiert und nirgendwo steht.

Beispiele:

  • Nirgendwo wird in der Bibel von einer «ewigen Verdammnis» gesprochen. Das ist ein «unbiblischer Ausdruck».
  • Ganz deutlich wird in der Bibel von der «Aussöhnung des Alls» (Kol 1,20) gesprochen. Das ist demnach ein «biblischer Ausdruck».

Natürlich ist diese Sicht vereinfacht. Die Bibel korrekt zu lesen bedingt etwas mehr Sorgfalt. Denn: Jedes Wort der Bibel erhält die primäre Bedeutung nur im eigenen Kontext. Wir können Bibelverse nicht beliebig zitieren. Was in der Bibel steht, ist wahr, aber es ist zuerst nur wahr im eigenen Kontext.

Alles ist zwar für uns, nicht aber spricht alles von uns.

Manche lesen die Bibel undifferenziert im Sinne «alles spricht von mir». Dabei missachtet man den Kontext. Daraus entsteht jedoch ein Konflikt. Ich kann und darf Bibelstellen nicht nach Gutdünken missbrauchen. In diesem Spannungsfeld müssen wir lernen zu unterscheiden zwischen «Bedeutung der Aussage im ursprünglichen Kontext» und der «Übertragenen Anwendung des Gelernten im Alltag». Hier gilt: Alles ist zwar für uns, nicht aber spricht alles von uns. Wir müssen unbedingt zurück zur Bescheidenheit und zu einer besseren Differenzierung, wenn es darum geht, etwas als «biblisch» einzustufen oder als «unbiblisch» abzulehnen.

Wird die Allversöhnung in der Bibel genannt?

Ja, die Allaussöhnung (bzw. Allversöhnung) wird im Neuen Testament direkt genannt. In Kolosser 1,18-20 lesen wir:

«Er [der Sohn Seiner Liebe. Kol 1,13] ist das Haupt der Körperschaft, der herausgerufenen Gemeinde, deren Anfang Er ist als Erstgeborener aus den Toten, so dass Er in allem der Erste werde,

da die gesamte Vervollständigung ihr Wohlgefallen daran hat, in Ihm zu wohnen und durch Ihn das All mit Sich auszusöhnen (indem Er durch das Blut Seines Kreuzes Frieden macht), durch Ihn, sei es das auf der Erde oder das in den Himmeln.»
Kol 1,18-20

Die Bibel spricht also davon, dass Gott durch Christus das All mit sich aussöhnen wird, indem Gott durch das Blut des Kreuzes mit dem All Frieden macht. Diese Aussöhnung aller Dinge umfasst alles, die gesamte Schöpfung, Himmel und Erde (vgl. 1Mo 1,1).

Dies ist weder schwierig noch unklar im Kontext. Der Kontext ist umfassend. Christus, als der Sohn von Gottes Liebe (Kol 1,13), ist das Abbild des unsichtbaren Gottes und der Erstgeborene vor einer jeden Schöpfung (Ko 1,14-15). In Ihm ist das All erschaffen, es ist durch Ihn und zu Ihm hin erschaffen (Kol 1,16), und Er ist vor allem und das All besteht zusammen in Ihm. Hier ist alles inklusive – genauso wie in den nächsten Versen. Es ist eine durchgehende Argumentation des Apostels, woran nichts falsch zu verstehen ist.

Nun geht es weiter. Gott söhnt alle Dinge mit sich aus, indem er Frieden macht durch das Blut des Kreuzes. Das ist das Ziel: Ein gegenseitig ausgesöhntes All. Gott ist der «Aussöhner des Alls». Er ist der einzige «Allversöhner», wenn man so will. Die Aussöhnung wird erreicht, indem Er Frieden macht durch das Blut des Kreuzes. So schreibt es Paulus in Kolosser 1,20. Das ist mehr christozentrisch als jede Variation der Hölle-Lehre je war. Paulus spannt in dem grösseren Abschnitt einen Bogen vom Ursprung aller Dinge über den aktuellen Lauf der Dinge bis hin zur gegenseitigen Aussöhnung mit Gott den Lauf dieser Welt.

Ist es also «biblisch», von einer Allaussöhnung zu sprechen? Ja, das ist es. Natürlich widerspricht das der Himmel- und Hölle-Lehre. Der Widerspruch ist demnach nicht mit der Bibel, sondern mit dieser Lehre. Die Hölle-Lehre verwirft etwas, das direkt in der Bibel genannt ist, lehrt dafür vieles, was nirgendwo erwähnt wird. Für manche mag das überraschend sein, dass so etwas wie Allaussöhnung in der Bibel steht – in vielen Gemeinschaften werden solche Texte nämlich totgeschwiegen und viele Menschen kennen sie deshalb nicht.

Selbstverständlich «interpretieren» das einige ganz anders, aber eine nüchterne Bestandsaufnahme der biblischen Aussagen muss diese Stelle in Betracht ziehen. Es ist unerheblich, ob man dem unterschreibt oder ablehnt. Diese Bibelstelle gehört zur Bibel und wir sollen sie ernst nehmen. Nicht auszublenden was geschrieben steht, ist ein erster Schritt hin zur Klärung. Ginge man bei der Himmel- und Hölle-Lehre ebenso klärend an die eigenen Lehrmeinungen heran, müsste man feststellen…

Wie prüft man, ob eine Lehre «wahr» ist?

Das ist eine wichtige Frage. Wie geht man vor, wenn man eine Lehre, beispielsweise über die «Allversöhnung» oder auch die «Himmel- und Hölle-Lehre» prüfen möchte? Bereits habe ich hier aufgezeigt, dass man die «Aussöhnung des Alls» nicht einfach ausblenden kann, denn es gibt dazu eine unmissverständliche Bibelstelle. Wir müssen also nicht mehr prüfen, ob eine Allversöhnung in der Bibel steht, sondern wir müssen klären, in welchem Verhältnis diese Aussage zu anderen Aussagen steht. Wir müssen Pro und Kontra zu verschiedenen Ansichten abwägen. Dasselbe gilt natürlich auch für die Bibelstellen, wo in manchen Übersetzungen «Hölle» erwähnt wird. Auch diese Bibelstellen soll man betrachten.

Der erste Grundsatz lautet: Nichts ausblenden, was in der Bibel steht.

Pro und Kontra gibt es zu fast jeder Lehre. Einige Bibelstellen sagen dieses aus, andere Stellen scheinen etwas anderes auszudrücken. Dafür gibt es Gründe. Einige der biblischen Angaben sind Stationen auf dem Weg, während andere Bibelstellen tatsächlich das Endziel definieren. Einige Bibelstellen richten sich an eine Gruppe von Menschen, während andere Bibelstellen von anderen Gruppen sprechen. Diese Eigenschaften der biblischen Berichte müssen wir schätzen und würdigen lernen. Das ist nicht etwa «schwierig», sondern es ist das, was wir mit allen Texten und allen Geschichten ganz natürlich tun müssen. Nur bei der Bibel wird es häufig missachtet, nicht zuletzt durch bestimmte Lehrmeinungen, die als «biblisch» durchgesetzt und über die Bibel übergestülpt wurden. Sie verhindern eine mehr neutrale Auseinandersetzung.

Damit wir Bibelstellen den eigenen Wert zurückgeben, müssen wir sie im eigenen Kontext lesen. Jede Bibelstelle steht in der Geschichte einer Entwicklung. Die Gemeinde von heute ist aus allen Nationen aufgebaut, während Jesus in den Evangelien mit einem bestimmten Auftrag ausschliesslich für das jüdische Volk kam (Mt 15,24; Röm 15,8). Diese Unterschiede zu erkennen bedeutet, dass wir die biblische Berichterstattung ernst nehmen.

Wer versucht, die Bibel auf die Spur zu kommen, kann nur Schriftstelle für Schriftstelle vorwärtsgehen. Nicht alles ist auf einmal klar. Vielleicht erkennt man, dass die Bibel tatsächlich von einer «Allversöhnung» spricht aber man fragt sich, wie denn das mit den anderen Bibelstellen über Gericht und Hölle vereinbar ist? Das sind wichtige Fragen, aber es gibt hier keine Abkürzung.

Einige Menschen werden von der Allaussöhnung hören, erleichtert aufatmen und sagen: «Das habe ich schon immer gewusst, denn Gott ist über allen». Manche wollen dazu gar nicht alle Details wissen. Sie umarmen die neugewonnene Erkenntnis und sind froh, dass sie nun Bibelstellen entdecken, die von der Rettung aller Menschen (1Tim 4,9-11), der Rechtfertigung aller Menschen (Röm 5,18), der Lebendigmachung aller Menschen (1Kor 15,22) und dergleichen mehr sprechen.

Andere Menschen jedoch müssen sich richtig mit allen Argumenten dafür und dawider auseinandersetzen. Das war mein Weg und vielen Anderen geht es ebenso. Es ging mir nicht darum, einfach eine unbequeme Lehre loszuwerden, sondern ich wollte tatsächlich verstehen, ob diese Hölle-Lehre in der Bibel gelehrt wurde – oder nicht. Wer prüfen möchte, braucht einen längeren Weg, weil man sich mit Pro und Kontra auseinandersetzen muss. Erst dann kann man entdecken, dass die Bibel nicht von einer Hölle spricht, sehr wohl aber von Gericht. Man kann lernen, wie man Fragen Schritt für Schritt lösen kann.

Der zweite Grundsatz lautet: Text im Kontext und nach dem Grundtext betrachten

Auf dieser Website gibt es deshalb viele Beiträge, die auf die Argumente Pro und Kontra Allversöhnung eingehen. Schwierige Bibelstellen werden nicht ausgewichen, sondern es werden immer mehr Bibelstellen aus Kontext und nach dem Grundtext beleuchtet. Nur so lassen sich meines Erachtens Fragen wirklich klären. Wer weiter in diese Fragen eintauchen will, findet deshalb auf kernbeisser.ch Themenseiten mit vielen Beiträgen:

Wer sich noch nie mit verschiedenen biblischen Ansichten zu letzten Dingen auseinandergesetzt hat, findet im folgenden Beitrag eine Orientierung:

Vielleicht bist Du mit diesen Ausführungen gar nicht einverstanden. Eventuell sind Dir sofort einige Bibelstellen in den Sinn gekommen, die meinen Ausführungen widersprechen. Das ist eine gute Reaktion. Bibelstellen wollen ernst genommen werden. Aber: Zu diesen Bibelstellen gibt es auf dieser Website vermutlich bereits eine Antwort. Mehr als 250 Beiträge fassen zu vielen Bibeltexten das Pro und Kontra der vorherrschenden Interpretationen zusammen. Es können gute Hilfen sein, sich näher mit verschiedenen Ansichten auseinanderzusetzen. Zur Einstieg: In der Navigation im Menü findet sich den Eintrag «Themen». Darunter sind verschiedene breite Themenkreise aufgeführt, alle mit mehreren Beiträgen.