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Gerechtigkeit und Gericht

In dieser Beitragsserie über das Thema der Allaussöhnung ist ein Beitrag über die Gerechtigkeit und das Gericht unausweichlich. Immer wieder habe ich erlebt, wie eine Allaussöhnung falsch verstanden wir, weil man meint, Allaussöhnung verneint das Gericht. Man meint, dass die Gerechtigkeit Gottes mit einer «Allversöhnung» aus den Angeln gehievt wird.

Fragen wir also nach der Gerechtigkeit und danach, wie die Gerechtigkeit Gottes zustande kommt. Die Frage ist bedeutsam gegen den Hintergrund der Himmel-und-Hölle-Lehre, welche die Liebe Gottes gegen Seine Gerechtigkeit ausspielt: nimmt man die Liebe Gottes zur Rettung nicht an, wird sie durch Gottes Zorn ersetzt. Die Allaussöhnung dagegen sieht Gottes Liebe darin erfüllt, dass Gott Seine Gerechtigkeit am Kreuz erreicht und dies ist die Grundlage von Gottes rettende Handeln. Gerichte stehen nicht anstelle des Kreuzes, sondern führen dort hin. Der Psalmschreiber sagt:

«Gerechtigkeit und Recht sind deines Thrones Grundfeste.
Gnade und Treue gehen vor deinem Angesicht her»

Ps 89,15

Es ist eine bemerkenswerte Aussage, denn Gerechtigkeit und Recht gehen hier mit Gnade und Treue einher. Dieser Psalmvers könnte uns auf eine Spur setzen, Gerechtigkeit und Recht sowie Gottes Gerichte mit neuen Augen zu sehen.

Die Allaussöhnung nimmt die Gerichte Gottes ebenso ernst wie die Aussagen, dass Gott alle Menschen rettet. Beide gehören zur Offenbarung. Die Gerichte sollen aber im eigenen Kontext verstanden werden und die Auswirkung soll nicht über das hinaus ausgedehnt werden, was die Schrift dazu sagt. Gericht und Gnade führen beide zu dem Ziel, welches Gott in der Bibel angegeben hat: Alles ist zu Ihm hin (Röm 11,32-36).

Das Verfalldatum der Gnade

Das nun ist ein ganz anderer Ansatz als den, der von einer Himmel-und-Hölle-Lehre propagiert wird. Dort nämlich gilt Gottes Gnade nur solange ein Mensch lebt und er die Gnade annimmt. Tut er das nicht, dann ist der Tod sozusagen das Verfalldatum der Gnade und der Liebe Gottes, wonach nur noch Strafe und Gericht folgen. Darin gleicht diese Art der Verkündigung dem, was im Gesetz zu lesen ist: Wähle das Leben oder wähle den Tod (5Mo 30,19). Der Mensch wird aufgefordert, die Gerechtigkeit Gottes zu leben. Das Problem ist aber, dass der Mensch das nicht kann. Im Römerbrief schreibt Paulus explizit, dass das Gesetz die Gerechtigkeit Gottes nicht bewirken kann (Röm 3,19). Wenn es von mir abhängig ist, wird es per Definition nicht gelingen. Sogar als Glaubender hat Paulus aus dem eigenen Alltag festgehalten: «Denn nicht das, was ich will, setze ich in die Tat um, sondern das, was ich hasse, tue ich… Denn nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Üble, das ich nicht will, dies setze ich in die Tat um» (Röm 7,15–19). Das soll klarstellen, dass unser Wollen und Tun sehr begrenzt ist. Wenn ich wählen muss, kann ich das als Glaubender schon oft nicht umsetzen, aber von Nicht-Glaubenden wird es als alles-bestimmende-Vorgabe sogar für Dinge mit ewiger Konsequenz verlangt. Viel realistischer scheint hier die Einschätzung von Paulus: «Denn Gott ist es, der in euch wirkt: das Wollen wie auch das Wirken nach Seinem Wohlgefallen» (Ph 2,13). Erneut ist dies eine Aussage für das Leben der Glaubenden, aber wenn bereits wir Gläubige auf Gottes Wirken vertrauen sollten, gilt dieser Einblick nicht vielmehr auch für die gesamte Welt?

Es ist wichtig und aufschlussreich zu verstehen, was die Himmel-und-Hölle-Lehre aussagt. Sie besagt, dass Gott Seine Liebe und Gnade und die durch das Kreuz bewirkt Gerechtigkeit aufgibt, wenn der Mensch nicht will.

Entscheidend in diesen Überlegungen ist, dass die Aufforderung zu «glauben» nicht mehr die ursprüngliche Bedeutung des Vertrauens hat, sondern zu einem «Werk», zu einer «Leistung» verkommen ist. Bestimmt erleben das viele Menschen ganz anders, aber in der Lehre wurde es zum alles bestimmenden Faktor. Die Lehre sagt: Der Mensch selbst wählt zwischen «ewige Rettung» oder «ewige Verlorenheit». Der Mensch entscheidet letztendlich über sein ewiges Geschick. Das ist aber eher ungeschickt.

Glaube als Bedingung und Leistung?

Ist Glaube eine Leistung, die ich zu erbringen habe? Dies ist eine ganz heikle Umdeutung des Begriffes «Glauben», obwohl es auf den ersten Blick auch so aus der Bibel zu stammen scheint. Denn es heisst:

«Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus für alle, die glauben.»
Röm 3,22 (Mehr zu diesem Text findet sich im Artikel «Ist Glaube eine Leistung, die ich erbringen muss?»)

Es ist wichtig und aufschlussreich zu verstehen, was die Himmel-und-Hölle-Lehre aussagt. Sie besagt, dass Gott Seine Liebe und Gnade und die durch das Kreuz bewirkt Gerechtigkeit aufgibt, wenn der Mensch nicht will. Anstelle Seiner Liebe und Gnade tritt dann wieder das Gericht – als sei Christus doch nicht für diesen Menschen gestorben. Was für ein Gott ist das? Das ist eine ernste Sache, die hier provoziert wird. Wird die Gnade also nicht angenommen, stellt Gott Seine erreichte Gerechtigkeit wieder beiseite und «muss» Er Gerechtigkeit walten lassen und auf ewig strafen. Anders als beim Psalmdichter haben Gerechtigkeit und Gnade nichts miteinander zu tun, sondern es sind geradezu Gegensätze. Hört die Gnade auf, dann gibt es nur noch das Gericht, wozu Gott sozusagen «gezwungen» ist aufgrund Seines Gerechtigkeitanspruchs und Seiner Heiligkeit.

Die Leugnung des Kreuzes

Wozu führt dies alles? Dieses Verständnis von Gerechtigkeit ist im Wesentlichen die Leugnung des Kreuzes Christi. Das Kreuz ist nicht länger die souveräne Lösung Gottes, sondern bestenfalls eine Teillösung, die von dem Menschen noch «montiert» werden muss. Es ist eine Art Halbfabrikat, wozu der Mensch das seine dazutun muss, damit es funktioniert. Das ist natürlich nicht ganz falsch, aber es ist auch nicht ganz richtig. Das Problem liegt hier: Die Verschiebung der Zuständigkeit von Gott zum Menschen, mit einer Auswirkung für die Ewigkeit, wie sie von einer Himmel-und-Hölle-Lehre gelehrt wird, führt zu keinem Evangelium. Dass Gott rettet war von jeher der Anstoss des Evangeliums. Verlässt man diese Klarheit, verlässt man das Evangelium der Gnade Gottes. Man vergisst, dass Gottes Gerechtigkeit auf Golgatha Genüge getan wurde. Die Gerechtigkeit wird nie durch unser Handeln erreicht – schon gar nicht Gottes Gerechtigkeit. Das aber ist nun gerade der Kern des Evangeliums – dass Gott Seine Gerechtigkeit ganz ohne uns bewirkt hat.

Tatsache ist: Die Gerechtigkeit Gottes wurde bereits erreicht. Sie muss nicht mehr durch Gericht oder Strafe ausgeglichen werden. Wenn wir in der Schrift über die Gerichte Gottes lesen, dann geht es auch nicht um «Glauben an Jesus» oder um «Gerechtigkeit Gottes», sondern es werden die «Werke» eines jeden geprüft (vgl. u.a. 1Kor 3,13-15 Offb 20,12). Darin werden die Gerichte Gottes gerecht sein, sagen Befürworter der Allaussöhnung.

Die Gerechtigkeit Gottes wurde bereits erreicht. Sie wurde auf Golgatha Genüge getan. Sie muss nicht mehr durch Gericht oder Strafe ausgeglichen werden.

Weshalb diese kritische Fragen wichtig sind

Die Himmel-und-Hölle-Lehre hebelt Gott aus der Verantwortung für Seine Schöpfung aus. Die Lehre «vergisst», dass Seine Gerechtigkeit durch Christus bereits erreicht wurde. Die Lehre macht Gerichte zu einer endlosen Qual wozu Menschen ewig von Gott am Leben erhalten werden. Die Lehre der Vernichtung aller Ungläubigen setzt da noch einen drauf und meint Gott vom Schmach der endlosen Qual zu befreien, indem alle Ungläubige einst vernichtet werden. In meinen Ohren ist das ein perverses Gottesbild. Vielleicht ist so eine Aussage harter Tobak. Sie ist nicht despektierlich gemeint, sondern versucht die Folgerungen der Vernichtungs-Lehre und der Himmel-und-Hölle-Lehre in Konsequenz durchzudenken. Es soll jedem klar sein, womit wir es zu tun haben, und weshalb die Fragen zu diesem Thema von Bedeutung sind.