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Was ist Allversöhnung?

Zur Einführung

Unter dem Stichwort «Allversöhnung» wird eine biblisch begründete Lehre verstanden, die bezeugt, dass einst alle Menschen gerettet werden. Was es damit genau auf sich hat, will in diesem Artikel nachgespürt werden.

Die Befürworter der Allversöhnung sehen dies als gesunde biblische Lehre, die so direkt in der Bibel gelehrt wird. Gegner sehen hier eine Ketzerei, die auf schärfste verurteilt und ausgegrenzt werden muss. So steht der Begriff «Allversöhnung» häufig in einem theologischen Spannungsfeld. Gegen den Hintergrund dieses Spannungsfelds werden in dieser Artikelserie verschiedene Anhaltspunkte für ein besseres Verständnis geboten. Zwischen den verschiedenen Ansichten bleiben allerdings markante Unterschiede bestehen.

Die Allversöhnung betrifft keine Detailfrage, sondern eine Kernfrage des Glaubens nach Gottes Wesen und Handeln – bis hin zur Vollendung von Gottes Wegen. Die Brisanz liegt darin, dass es das ganze Glaubensverständnis in die Weite hinauszuführen vermag. Für einige darf das beängstigend tönen, aber für andere ist es befreiend, weil wichtige Fragen auf Grund der Bibel gestellt und gestillt werden dürfen.

Die Allversöhnung wird häufig kontrovers diskutiert. Deshalb soll hier der Versuch gemacht werden eine möglichst neutrale – aber dennoch kritische – Einführung zu machen. Damit ist weder eine historische Abhandlung noch eine dogmatische Prüfung aller Einzelheiten gemeint, sondern eine Präsentation verschiedener Ansätze mit den meist genannten Argumenten. Ganz neutral wird das nicht sein können. Immer wieder wird für die Allversöhnung auch ein apologetischer Ansatz gewählt. Auf die Argumente und Konsequenzen einer Himmel-und-Hölle-Lehre nehme ich regelmässig Bezug, weil diese häufig unbekannt sind – nicht zuletzt dort, wo sie gelehrt wird. Das Ziel dieses Artikels ist es, zu einer gesunden und differenzierten Auseinandersetzung anzuregen.

 

Allversöhnung oder Allaussöhnung?

Zum Wortlaut: In der Bibel gibt es die drei unterschiedliche Wörter im Griechischen, die sich als «sühnen», «versöhnen» und «aussöhnen» übersetzen lassen. Aus der Verwendung der Wörter in der Bibel lässt sich begründen, dass der Ausdruck «Allaussöhnung» eher zutrifft als «Allversöhnung». Deshalb wird im folgenden Artikel immer wieder von «Allaussöhnung» gesprochen. In Wikipedia gibt es unter dem Stichwort «Apokatastasis» eine Begriffsübersicht.

 

Hat Gott ein Ziel – und erreicht Er das?

Die Allversöhnung ist ein Verständnis der Bibel, wonach Gott mit Seiner Schöpfung sicher zum Ziel kommt. Das Ziel am Ende von Gottes Wegen ist die gegenseitige Aussöhnung aller Geschöpfe mit Ihm, dem Schöpfer, durch Jesus Christus. Die Allaussöhnung in heutiger Ausprägung ist eine heilsgeschichtliche Interpretation der Bibel, die darin erkennt, dass Gott ein Ziel verfolgt und dies konsequent und erfolgreich durch Jesus Christus bis zur Vollendung umsetzt. Wenn der Mensch vorerst nicht will, so gilt hier doch die Erkenntnis, dass «der Mensch denkt, aber Gott lenkt» (vgl. Spr 16,9). Gott hat das letzte Wort, wenn es um das Endgeschick Seiner Welt geht.

Die Allversöhnung (alle werden gerettet) steht in direktem Kontrast zur «Himmel-und-Hölle»-Lehre (wenige werden gerettet). Bei der Himmel- und Hölle-Lehre hat Gott zwar auch ein Ziel, aber kann das leider nicht erreichen. Die Maxime der Höllenlehre ist «Gott denkt, aber der Mensch lenkt». Der Mensch hat das letzte Wort, wenn es um sein eigenes Endgeschick geht.

Die Allaussöhnung gibt es in verschiedenen Ausprägungen, ebenso wie es die Himmel-und-Hölle-Lehre in verschiedenen Ausprägungen gibt. Die Gedanken der Allaussöhnung sind nicht einer bestimmten theologischen Richtung zuzuordnen und es gibt Glaubende aus allen kirchlichen Richtungen welche aus der Bibel erkannten, dass Gott einst mit allen Menschen zum Ziel kommt. Es gibt Gemeindemitglieder, Pastoren, Kirchengänger und Pfarrer, die daran glauben. Es braucht keine theologische Ausbildung, um an Gott zu glauben, und so braucht es auch keine, Ihm alles zuzutrauen. Von einem solchen Vertrauen und einer solchen Erfahrung liest man zum Beispiel in den Klageliedern: «Denn nicht für ewig verstößt der Herr, sondern wenn er betrübt hat, erbarmt er sich nach der Fülle seiner Gnadenerweise. Denn nicht von Herzen demütigt und betrübt er die Menschenkinder» (Kl 3,31-33). Bei der theologischen Verankerung und bei den Antworten auf «schwierige» Texte gibt es selbstredend Unterschiede. Das ist aber bei jeder anderen Thematik und jeder anderen Lehrmeinung ebenso der Fall.

 

Lohnt es sich, über diese Frage nachzudenken?

Auf jeden Fall! Es geht um grundlegende Erkenntnisse, um den Ausblick des Evangeliums, die Reichweite von Tod und Auferstehung von Jesus Christus und dabei um Gott Selbst. Wer sich die Mühe nimmt diese Frage nachzugehen wird mit grossem persönlichem Gewinn durch die Bibel lesen. Wer die Reise anfängt kennt vielleicht noch nicht alle Zwischenstops und hat auch noch kein klares Ziel vor Augen. Man muss sich nicht auf eine bestimmte Tradition oder Erkenntnis festlegen, sondern kann versuchen, ganz offen und neugierig Gottes Aussagen zu diesem Thema zu lesen.

Haben Sie zum Beispiel schon einmal eine Predigt zu folgendem Abschnitt gehört?

«Glaubwürdig ist das Wort
und jeden Willkommens wert
(denn dazu mühen wir uns und werden geschmäht),
dass wir uns auf den lebendigen Gott verlassen,
welcher der Retter aller Menschen ist,
vor allem der Gläubigen.
Dieses weise an und lehre.»

1Tim 4,9-11

Es geht um die Klärung bedeutender Fragen und übereilte Antworte sind nicht angebracht. Die Aufsätze hier möchten Anregungen zur vertieften Auseinandersetzung vermitteln.