Persönlicher Glaube steht am Anfang eines evangelikalen Glaubensverständnisses. In diesem Beitrag geht es um einige Aspekte dieser Idee. Es gibt ausser positive, leider auch negative Auswirkungen solcher Ideen. Man sollte offen darüber reden können.

Dreht sich alles um «Glaube»?

Dreht sich alles in der Bibel um «Glaube»? Das ist eine sehr populäre, evangelikale Sichtweise. Was denkst Du? Geht es darum, ob, was oder wie ich glaube? Ist Gott von meinem Glauben abhängig? Ist das ein Thema?

Oft liegt eine starke Betonung auf einem persönlichen Glauben. Dieser Glaube soll «retten», «befreien», «zu Gott führen». Bei einer starken Betonung kommt man nicht darum herum, einen solchen Glauben als Vorbedingung und deshalb als Leistung zu entlarven. Nur wer «glaubt» wird «gerettet». Da gibt es eine Kausalität. Im Vergleich mit der Bibel erscheint das problematisch. Denken wir etwas darüber nach.

Logischerweise kommt es bei vielen zu Fragen, ob man «genug» oder «richtig» glaubt. Man weiss es oft nicht genau. Unsicherheit ist das Resultat. Glaube wird trotzdem gefordert, aber bleibt dem Wesen nach etwas schwammig. Glaube verkommt zu einer Leistung, die man erbringen muss, und misst sich an dem Mass des vermeintlich «richtigen Glaubens». Bei solchen Vorstellungen wird Gott jedoch unsicher, sogar unberechenbar. Wer nicht richtig glaubt, steht unter Druck. Unsicherheit wird gefördert und es entstehen Ausdrücke wie «Heilsgewissheit». Nicht etwa, weil das ein Thema in der Bibel sein sollte, sondern weil sich viele Menschen unsicher fühlen.

Heilsgewissheit

Moderner Ablasshandel

Wenn Glaube zum alles beherrschenden Merkmal christlicher Identität hochstilisiert wird, entsteht so etwas wie ein christlicher Ablasshandel. Man macht einen Deal mit Gott. Das sieht dann so aus: Ich glaube und Gott rettet. Jeder leistet seinen Teil. Glaube ist die Währung, womit man Gott bezahlt. Das führt zu seltsamen Folgerungen:

  • Nur wer glaubt, wird gerettet (Glaube wird zum Schlüssel zur Rettung)
  • Wer nicht glaubt, wird nicht gerettet (Da wird Gott leider ohnmächtig)
  • Mein Glaube verpflichtet Gott (Er muss, weil ich will)
  • Unsicherheit ist die Folge: Glaube ich genug? Glaube ich richtig? (Heilsgewissheit wird ein Thema).

Das Problem ist eine schräge Einschätzung von dem, was Glaube ist. Man sieht Glauben als Leistung und Startpunkt. Als Leistung ist es die Zahlung dafür, dass Gott mich rettet. Als Startpunkt ist Glaube der Beginn von Gottes Rettung. Ohne meinen Glauben ist Gott leider machtlos, meinen so manche evangelikale Vorstellungen. In der Bibel ist es umgekehrt: Glaube ist die Folge, nicht die Voraussetzung einer frohen Botschaft.

Der Startpunkt der Bibel liegt immer in dem, was Gott macht. Das ist auch ein typischer Ausgangspunkt für das Evangelium, das Paulus verkündet. Er spricht von Gnade, weil Gott es zuvor bereits gemacht hat. Gnade muss nicht verdient werden. Gnade wird geschenkt. Darauf kann ich mit Vertrauen antworten. Das ist dann mein Glaube. Die Botschaft hat es bewirkt. Gnade führt zu Dank.

Ist Glaube eine Leistung, die ich erbringen muss?

Die evangelikale Verführung

Man liest in der Bibel von Menschen, die ihren Glauben ausgelebt haben. Sie haben Gott vertraut. Sie waren zuversichtlich und rechneten mit Gottes Wirken. Das ist kostbar. Das Problem liegt aber darin, dass man den eigenen Alltag mit diesen einzelnen Zeugnissen vergleicht. Was einzelne Menschen einmal oder wenige Male im Leben erlebten, muss plötzlich für alle Gläubigen jeden Tag gelten. Das kann nicht gut gehen. Glaube wird persönlich, was sowohl gut als auch fraglich sein kann. Persönlich ist gut, aber wenn Gott auf Schritt und Tritt im Leben persönlich erfahren werden muss, will man etwas, das in der Bibel nirgendwo erwähnt ist. Je persönlicher ein Glaube sein soll, desto abgehobener ist in der Regel das Glaubensverständnis.

Positiv
- Glaube ist tatsächlich persönlich, denn wie sollte jemand anders für Dich glauben können?
- Natürlich will man authentisch glauben.

Negativ
- Je persönlicher etwas sein muss, desto schräger ist die Glaubensvorstellung.
- Gott kann nur wirken, wenn der Mensch glaubt. Gott wird vom Menschen abhängig.

Ein persönlicher Glaube wird häufig so verstanden, dass alles vom Menschen abhängig ist. In der Schrift liest man, dass Gott uns mit Gnade begegnet. Es ist eine gute Botschaft, die Glauben bewirkt. Im evangelikalen Selbstverständnis ist es häufig umgekehrt. Zuerst muss geglaubt werden, damit man Zugang zu Gottes Gnaden erhält. Diese Umkehrung der biblischen Botschaft ist die Verführung vom Evangelikalismus.

Umkehrung der biblischen Botschaft

Die evangelikale Verführung erkennt man durch diese Umkehrung, die stattfindet:

  • Bibel: Gott wirkt > das bewirkt in mir Glaube, Vertrauen, Dank.
  • Evangelikal: Der Mensch glaubt > als Vorbedingungen dafür, dass Gott wirkt.

Manchmal ist es auch eine Mischung beider Komponenten. Es sind jedoch kritische Fragen angebracht: Wenn der Glaube eines Menschen über seine Rettung, Heilung und dergleichen entscheidet, wo liegt die Kraft der Heilung? Bei Gott oder bei den Menschen, die es Gott «erlauben zu heilen»? Und umgekehrt, wenn Gott tatsächlich Gott ist, weshalb würde er noch unsere Zustimmung oder unser Flehen benötigen? Vielleicht findet man dann vereinzelt zu Antworten. Allerdings zeigt keine dieser Antworte, soweit sie mir begegnet sind, auf eine «Notwendigkeit» unserer Anstrengung.

Die Attraktivität evangelikaler Vorstellungen liegt vielleicht darin, dass dem Menschen grosse Aufmerksamkeit gewidmet wird, der Mensch in allem zentral gestellt wird. Das ist attraktiv für Menschen, die gerne etwas «tun», die gerne «religiös» sind, oder von einem «magischen Denken» eingenommen sind («Gott denkt, aber der Mensch lenkt»). Es liegt eine Verführung darin, weil Gott nicht mehr Gott ist und Mensch nicht mehr Mensch sein kann.

Diese Kritik gilt auch, wenn man unablässig von «Jesus» spricht, denn das ist die Projektion, wo hindurch die menschliche Anstrengung gelten muss. In der Bibel ist es umgekehrt. Der Vater wirkt durch den Sohn, ganz unabhängig von unserer Zustimmung oder Anstrengung. Die Grundlagen der eigenen Annahmen zu erkennen kann ein Schlüssel zu einem befreiten Glauben werden. Das ist dann der Fall, wenn wir nicht länger auf eigene Anstrengung, sondern auf Gottes Anstrengung vertrauen. Das ist, was man «radikal» nennt. Die Wertschätzung der Gnade beginnt dort. Gnade ist das Ende aller eigener Anstrengung und der Beginn von einem klaren Gottesvertrauen.

Persönlicher Glaube

Einen persönlichen Glauben anzustreben ist verständlich, gut und nützlich. Wird jedoch alles vom Glauben des Menschen abhängig gemacht, bleibt Gottes Allmacht auf der Strecke. Nirgendwo in der Bibel ist Glaube ein ständiger Höhenflug. Wir sind gerade nicht mit Gott vergleichbar. Wer Glauben immer spüren und fühlen muss, ständig Bestätigung aus dem Himmel erwartet, ist in einem besonderen Rauschzustand unterwegs.

Es ist nützlich, aufmerksam zuzuhören, wenn Menschen ihre Glaubenserfahrungen beschreiben. Darin hört man auch ihr Gottesverständnis. Oft ist das Gottesverständnis magisch geprägt. Es ist der Glaube, dass, wenn man nur auf die richtigen Knöpfe drückt, Gott alles so macht, wie man sich erdacht hat. Glaubenserfahrungen oder -erwartungen, die eine Wirkung Gottes für den Alltag heraufbeschwören, können in Beschwörungsritualen münden. Mehrfach habe ich das so erlebt, etwa im Gebet beim Krankenbett.

Wer Glauben immer spüren und fühlen muss, ständig Bestätigung aus dem Himmel erwartet, ist in einem besonderen Rauschzustand unterwegs.

Persönlicher Glaube ist keine Erfolgsformel. Es heisst lediglich, dass man persönlich, also selbst, glaubt. Das ist jedoch keine Garantie, dass alles nun (vielleicht oder bestimmt) nach eigenen Vorstellungen abläuft. Persönlicher Glaube wird meist als Beziehung verstanden. Es ist jedoch keine Beziehung, die wir als Menschen untereinander pflegen. Man denkt etwa, dass Gott durch die Bibel spricht. Wir reden zurück durch Gebet. Werden wir still im Gebet, sollte Gott auch zu uns sprechen können, aber dieses Sprechen ist nicht mit einem gewöhnlichen Gespräch zu vergleichen. Es gibt keine Spezialeffekte zur Bestätigung. Was sind deshalb Grenzen des persönlichen Glaubens? Was sind die Grenzen solcher Beziehungen?

Persönlicher Glaube ist keine Erfolgsformel.

Und wenn es keine Spezialeffekte gibt, ist es dann noch real? Das sollte man auch einmal fragen dürfen. Das ist kein Zweifel, sondern eine authentische Auseinandersetzung mit dem, was einen bewegt. Verstehen wir, wie wir glauben? Erkennen wir, was das bedeutet und erklärt es uns, wie wir uns Gott vorstellen, den man weder sehen noch hören kann?

Persönlicher Glaube ist oft nicht greifbar, nicht erklärbar, nicht hörbar und nicht sichtbar. Ebenso ist Geist ähnlich wie der Wind: Man sieht ihn nicht, aber hört das Sausen durch die Blätter (Joh 3,8). Wenn etwas also nicht sichtbar oder hörbar ist, nicht lückenlos bewiesen werden kann, ist das kein Zeichen zur Beunruhigung. Wohl jedoch sollte man fragen dürfen, wie sich das abspielt, woran man glaubt. Vielleicht jedoch gibt es im Alltag dann nicht nur Höhenflüge. Es gibt auch Tage mit Windstille. Bietet Deine Theologie und verinnerlichtes Glaubensbild dafür Platz?

Glaube ist subjektiv

Jeder hat den eigenen Glauben vor Gott, schreibt Paulus (Röm 14,22). Glaube ist persönlich. Ausserdem ist Glaube höchst subjektiv. Ist es deshalb, dass Paulus sagt, dass jeder den eigenen Glauben nur selbst halten kann und dies vor Gott tut? Jeder steht sozusagen mit seinem Verständnis allein vor Gott. Paulus missbilligt keinen persönlichen Glauben, aber vergöttlicht ihn ebenfalls nicht. Persönlicher Glaube ist nur dies: persönlich. Wir sollten deshalb nicht über andere urteilen.

Eines der Argumente gegen jegliche Glaubensideen ist gerade die Subjektivität von Glaubensvorstellungen. Man kann dem nur recht geben. Glaube ist nicht absolut. Glaube ist kein «Ding», sondern ein Verb. Es ist etwas, das man tut. Menschen können «glauben». Man kann «Glaube» deshalb nicht festnageln. Festnageln kann man nur den Inhalt des Glaubens. Diesen kann man beschreiben. Glaube selbst bleibt davon unberührt, weil es eine Tätigkeit ausdrückt.

Glaube ist nicht absolut. Glaube ist kein «Ding», sondern ein Verb. Es ist etwas, das man tut. Menschen können «glauben».

Mit Glauben kann man nur unterwegs sein. Wer meint, dass Glaube absolut sei, verwechselt das eigene Vertrauen mit göttlicher Autorität und den Inhalt seines Glaubens mit absoluter Wahrheit. Da beginnen Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit. Der Absolutheitsanspruch mancher Zeitgenossen, egal welcher Glaubensrichtung, ist vielleicht nur die Art, wie man Unsicherheit kaschiert. Wer im Recht sein will, grenzt sich von anderen ab. Das Bestreben hat mit «glauben können» nichts zu tun. Glauben zu können, ist menschlich. Glaube ist subjektiv, weil Menschen nie etwas anderes sein können.

Subjektivität kann man stattgeben, auch wenn man der Wahrheit verpflichtet ist. Man kann der Wahrheit verpflichtet sein, ohne diese zu besitzen. In einem unvollkommenen Vergleich: Wer bei Nacht auf einen Leuchtturm zusteuert, besitzt diesen Leuchtturm nicht, aber nutzt ihn als Richtungsweiser.

Instrumentalisierung von Gott

Nicht selten wird Gott für eigene Ziele instrumentalisiert. Man erwartet, dass Gott bestimmte Dinge tut. Das tönt dann vielleicht so: «Wenn Gott rettet, ist das bloss seine Aufgabe. Mein Glaube sollte dies auslösen.» Oder man erwartet andere Dinge, etwa, dass Gott die eigene Lebenssituation lösen sollte. Auf diese Weise setzt man sich selbstgerecht auf einen eigenen Thron und Gott wird dem Menschen hörig.

Erwartungen an Gott sind immer heimtückisch. Er ist kein Wunscherfüller. Er ist Gott. Unsere Erwartungen führen oft ins Abseits. Es kann uns um Rettung, Heilung, Wohlstand oder anderes gehen. Der Mensch, der so denkt, will letztlich bestimmen, was Gott tun soll. Er sieht sich selbst zentral. Es gibt verschiedene Spielarten, aber nur ein Problem: Evangelikales Denken ist zutiefst anthropozentrisch (der Mensch steht zentral). Die Folgen solcher Lehren sind auf zwei Arten verstörend: Gott wird vermenschlicht und der Mensch wird vergöttlicht.

Erwartungen an Gott sind immer heimtückisch. Er ist kein Wunscherfüller. Er ist Gott.

In vielen Vorstellungen ist Glaube die Vorbedingung des Heils. Das wird zwar nirgendwo so genannt, aber es beherrscht die evangelikalen Narrative. Man stützt sich etwa auf die Geschichte eines Gefängniswärters, der vor Paulus und Silas auf die Knie ging und sagte «Ihr Herren, was muss ich tun, auf daß ich errettet werde?» (Apg 16,30-31). Losgelöst vom Kontext ist dies das evangelikale Verständnis in einem Satz. Hier eine Frage: Wovon hoffte der Gefängniswärter, gerettet zu werden? Sollte er «von» oder «für» etwas gerettet werden? Warum geht es ihm? Man liest, dass er «frohlockte, an Gott gläubig geworden» zu sein (Apg 16,34). Geht es im Kontext um mehr?

Aufgrund einer Betonung des persönlichen Glaubens in evangelikalen Gemeinschaften würde man ähnliche Aussagen auf jeder Seite des Neuen Testaments erwarten. Das ist aber nicht der Fall. Das Thema «Glaube» scheint deswegen überbetont zu werden. Dadurch kommt es zu Entgleisungen. Nicht mehr eine frohe Botschaft («Evangelium») ist die Ausgangslage, sondern es beginnt mit Deinem und meinem Glauben. Es ist nicht mehr «Gott wirkt», sondern es geht um «mein Wirken». Das sind keine subtile Unterschiede, sondern grob fahrlässige Änderungen.

Diese Kritik soll nicht despektierlich sein. Mich bewegen die Effekte solcher Lehren auf Menschen. Ich höre immer wieder von Angstzuständen, die durch «Glaubenslehren» verursacht und verstärkt werden. Die Auswirkungen von «Du musst glauben» sind oft katastrophal. Theologisch gesehen ist die Betonung menschlicher Leistung eine Verballhornung der Gnade Gottes.

Der Kern der Gnade gründet in «Es ist vollbracht» (Joh 19,30). Das ist die frohe Botschaft. Es geht um Gottes Werk, nicht um meine Leistung. Es ist nicht von mir abhängig. Gnade ist dadurch nicht billig, sondern bereits bezahlt. Gnade führt zu Glauben. Die Umkehrung ist die evangelikale Verführung. Gnade wird nicht aufgrund meiner Glaubensleistung zugewiesen, sondern Gnade ist das Geschenk, womit Gott einem Menschen begegnet (Eph 2,8-9).

Individualismus

Die Idee, dass Glaube persönlich sei, ist verständlich. Die Kehrseite liegt im Ausdruck «Individualismus». Eine Betonung des persönlichen Glaubens kann darüber hinwegtäuschen, dass Glaube ebenso ein Gemeinschaftserlebnis ist. So betont es etwa die Römisch-katholische Kirche oder betonen es die Orthodoxen Glaubensgemeinschaften. Sie pflegen Gemeinschaft, woraus Glaube hervor blühen kann. Evangelikale Kreise prägen mit ihren Vorstellungen den umgekehrten Weg. Persönlicher Glaube führt zur Gemeinschaft.

Die Bibel kennt viele Gemeinschaften. Man denke an Israel, an die Gemeinde, an die Familie. Wenn Gott zu Israel spricht, richtet er sich an das ganze Volk, nicht nur an die superfrommen. Gott handelt mit Israel gesamthaft. So verstehen es viele andere Menschen. Sie sind Teil einer Gemeinschaft, stehen in einer Tradition und lernen darin, was Glaube bedeutet. Mich dünkt das ein nüchterner Weg, worin die Gemeinschaft für den Einzelnen grossen Wert hat.

Logischerweise bleiben diese Wege verschieden. Wegen der Betonung individueller Glaubensentscheidungen geraten evangelikale Christen häufig in Konflikt mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Wer sich jedoch mutig und kritisch mit eigenen Glaubensvorstellungen auseinandersetzt, gewinnt auch viel Freiheit und Zuversicht bei der Differenzierung anderer Fragen.

Individuelle Glaubensvorstellungen, weil sie subjektiv sind und bleiben, können auch in Sonderlehren entarten. Die Besonderheit der Erfahrung rückt etwa in den Mittelpunkt. Damit einhergehend kommen Vorstellungen wie «Jesus sagte mir», «der Herr hat mir gezeigt» und weitere besondere Erkenntnisse. Wer darf diese Berichte anzweifeln?

Gerade hier entstehen viele Probleme individualistischer Vorstellungen. Unsicherheit kann man mit speziellen Erkenntnissen oder mit «Gottes Führung» kaschieren. Es sind geradezu «Beweise», dass Gott mit Dir oder mir einen speziellen Band pflegt. Oder etwa nicht?

Ist Glaube eine Projektion?

Niemand hat je Gott gesehen. Wenn in der Bibel erzählt wird, dass Gott redet, hört man eine «Stimme», sieht aber Gott nicht. Gott ist Geist (Joh 4,24). Weder Stimme noch Aussehen können von Geist festgestellt werden. Gerade deswegen ist es Geist. Was wir uns von Gott vorstellen, wie wir ihn in der Welt erfahren, bleibt ebenso verborgen. Wir können etwas «als von Gott» wahrnehmen, aber dies bleibt unsere Interpretation. Es ist kein Beweis.

Nehmen wir einmal an, dass jemand sagt: «Gott hat mir gezeigt». Was wird damit gemeint? Geht es um eine innere Sicherheit? Wie wurde die erreicht? Wie ein Blitz aus heiterem Himmel? Im Gebet? Nach reifer Überlegung? Durch Vergleiche mit biblischen Aussagen? In Gesprächen mit anderen? Oder hat Gott selbst eine Whatsapp-Nachricht geschickt? Fragen über Fragen.

Bestimmte Erkenntnisse werden innerhalb von christlichen Gemeinschaften als «Gottes Zusagen» erkannt. Das ist ein spezieller Kontext. Nüchtern betrachtet kann es sich um menschliche Erkenntnisse handeln, die jedoch «als von Gott» akzeptiert werden. Auch das ist möglich. Was aber ist die absolute Wahrheit? Lässt sich das feststellen? Oder ist man am Lernen und lernt täglich dazu. Die Erkenntnis kommt als Teil des Lernprozesses.

Hier ist ein Beispiel: Viele betrachten etwa Glossolalie, das «Zungenreden», als von Gott. Das ist eine Interpretation. Unverständliche Wörter bedeuten nicht automatisch, dass dies das ist, was in der Bibel geschrieben ist. Im Gegenteil betont Paulus, dass es zu jederzeit verständlich sein sollte, also in der Gemeinde übersetzt werden müsse und nur wenige gestattet wäre (1Kor 14,13; 1Kor 14,27). Ich habe mehrere Gottesdienste charismatischer Gruppen besucht, in denen fast alle gleichzeitig in Zungen sprachen. Wie hätte wohl Paulus reagiert? Glossolalie ist kein ausschliesslich christliches Phänomen. Schamanismus und andere Religionen kennen diese Effekte ebenso. Ausserdem gibt es moderne Erklärungsversuche für dieses Phänomen, in einem Versuch zu verstehen, was hier geschieht.

Der Punkt dieses Beispiels liegt in der Interpretation. Man interpretiert, dass die Praxis «biblisch» sei. Das ist der Ausgangspunkt. Ein Vergleich mit etwa 1. Korinther 14 lässt sofort daran Zweifeln. Die Praxis weicht von der Bibel ab. Man benötigt viel Projektion, Glossolalie aus der Bibel ableiten zu wollen. Zudem gibt es ähnliche Phänomene auch ausserhalb christlicher Gemeinschaften. Eine Deutung ist also nicht «automatisch christlich und richtig». Soll nun Zungenreden das wichtigste Zeichen göttlicher Präsenz sein, wie manche es heute noch vertreten?

Entdeckung eigener Ansprüche

Wenn man sich vorstellt, dass Glaube eine Projektion sei, ist das kein Unglaube. Man stellt die Erfahrung nicht infrage. Stattdessen hinterfragt man den verinnerlichten Kontext und die daraus abgeleiteten Ansprüche. Die Projektion entsteht aus dem verinnerlichten Glaubensbild, das man mit bestimmten äusseren Merkmalen verknüpft. Man denkt und formuliert den Zusammenhang und glaubt dann diesem Anspruch. Die Interpretation erklärt, was richtig sei und von realen Dingen spricht, auch wenn man es nicht beweisen kann. Es wird zu einer Weltsicht. Diese erfüllt selbstverständlich verschiedene und durchaus gute Funktionen. Was für eine Weltsucht sucht man selbst, weshalb und wozu?

Glauben zu können, scheint eine menschliche Fähigkeit zu sein. Es gehört zu unserem Menschsein. Was wir dagegen glauben und wie wir das interpretieren, ist stark von persönlichen Entscheidungen und dem kulturellen Kontext abhängig. Auch die eigene Glaubensgemeinschaft gehört zum kulturellen Kontext. Glaubensvorstellungen sind wichtig, aber menschlich. Wenn diesen Vorstellungen göttlicher Autorität und absoluter Wahrheit beigemessen wird, dürften diese als Projektionen gelten. Sinnvoll erscheint es, wenn man eine Projektion als solche wahrnehmen kann, ohne diese jedoch sofort zu werten. Reflexion fragt vielleicht, wieso man dies so sieht, woher das kommt und was damit bezweckt wird. So lernt man, die eigene Einschätzung zu differenzieren.

Projektionen müssen nicht falsch sein. Die Unterscheidung beginnt hier: Die Verwechslung von eigener Interpretation mit absoluter Wahrheit ist verdächtig. Die «eigene Interpretation» kann man auch durch einen Satz wie «aber es steht in der Bibel» erkennen. Wer die Autorität einer Interpretation von sich auf die Bibel abwälzt, kaschiert damit die eigene Projektion. Es ist ein sicheres Zeichen dafür, dass man der eigenen Interpretation als «absolute Wahrheit» auf den Leim gegangen ist.

Man löst «Glaube» von «Glaubensinhalt», indem «Glaube» von dem Verb «glauben» kommt. Die Tätigkeit «glauben zu können» ist anders als der «Inhalt des Glaubens». Gelingt es dies zu differenzieren, wird schlagartig deutlich, dass überall auf der Welt Menschen glauben, jedoch unterschiedliche Glaubensinhalte haben. Glauben zu können, verbindet alle Menschen. Was sie jedoch glauben, kann unterschiedlich sein.

Ist man sich den eigenen Ansprüchen bewusst, kann man besser erkennen, wie man bisher glaubt und prüfen, wie man künftig glauben möchte.

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