Es mag seltsam erscheinen, aber viele Menschen reden über Gott, als müsse er sich wie ein Gutmensch verhalten. Das wird manchmal als Grund gesehen, diesen Gott abzulehnen. Er sei nicht, wie man sich ihn selbst erfunden hat.

Kann ich beweisen, dass es einen Gott gibt? Nein, das kann ich nicht. Es ist die einzige nüchterne Ausgangslage, wenn ich über mein Gottvertrauen reden will. Es gibt hier zwei verschiedene Annäherungen:

  1. «Gott ist», so rede ich von Ihm und vertraue Ihn (Heb 11,6)
  2. «Gott ist nicht», als philosophischer Ausgangspunkt für ein Reden über Gott, wie es Franz Rosenzweig beschreibt.

Diese beiden Annäherungen können nicht unterschiedlicher sein. Beide Annäherungen «beweisen» Gott nicht. Sie legen Zeugnis von einem Ausgangspunkt ab und entstehen in unterschiedlichen Situationen. Man könnte die erste Position als aktiver, lebendiger Glaube ansehen. «Rechne mit Gott und Er begegnet Dir.» Franz Rosenzweig dagegen macht den Versuch einer philosophischen Annäherung, die nüchtern und nicht in voreiligen Projektionen beginnen möchte.

Aber was passiert, wenn man sich ein Bild von Gott vor Augen malt, dem er nie entsprochen hat? Keiner sagt, man muss an Gott glauben, aber wer Ihn ablehnt, weil Er angeblich nicht so ist oder das tut, wie Du Ihn Dir ausgemalt hast, wovon sprechen wir dann?

Von Gott wissen wir nichts

In seinem Buch «Der Stern der Erlösung», beginnt Franz Rosenzweig im ersten Kapitel mit dieser Feststellung:

«Von Gott wissen wir nichts. Aber dieses Nichtwissen ist Nichtwissen von Gott. Als solches ist es der Anfang unseres Wissens von ihm. Der Anfang, nicht das Ende.»

Für ihn ist es der einzig denkbare Ausgangspunkt über Gott, der nicht mit angeblichem Wissen, sondern mit Nichtwissen beginnt. Erstaunlich, nicht wahr? Das ist so ganz anders als die Christen, die auf sich aufmerksam machen durch ihr angebliches Wissen von Gott. Dabei übergeht man vielleicht die Essenz, das Wesen unserer Erkenntnis. Denn auch wir, die wir uns gläubig nennen, begannen einst ohne Wissen über Gott.

Meinungen über Gott

So mancher versucht Gott als Nicht-Gott darzustellen. Das geschieht etwa dadurch, dass man eine Meinung auf Gott projiziert, und Gott dieser Meinung entsprechen müsste. Das hört sich in etwa so an:

«Wenn es einen Gott gäbe, würde in der Welt Frieden herrschen, Krankheit und Tod nicht existieren und alle Menschen glücklich sein.»

Diese Art von Vorwurf versucht Gott dadurch zu verneinen, dass Er – sollte Er bestehen – sich nicht wie ein Gutmensch verhält. Das setzt man jedoch voraus: Man redet über einen Gott, an dem man nicht glaubt, stellt sich diesen Gott als eine Art «Gutmensch» vor, um dann festzustellen, dass er deinen Kriterien nicht entspricht. Der Mensch projiziert von sich aus auf Gott und reklamiert dann, dass er nicht ist wie er meint. Das erscheint sowohl willkürlich als auch reichlich überheblich. Man bildet sich ein, die Ablehnung von Gott zu legitimieren und sich selbst diesem Gott als überlegen zu präsentieren. Es ist ein billiges Manöver, denn hier steht keine ehrliche Frage nach Gott in den Raum, sondern bloss eine Erwartungshaltung mit dem Ziel, dass Er das nie erfüllen könnte und sollte. Sich selbst als Massstab zu inszenieren ist jedoch etwas anderes, als authentische Fragen zu stellen.

Das ist ähnlich wie der Versuch, die Allmacht Gottes, die hier oben vorausgesetzt wird, durch folgende Frage zu diskreditieren: «Wenn Gott allmächtig ist, kann er einen Stein so gross erschaffen, dass er ihn selbst nicht aufheben könnte?». Spitzfindigkeiten, die eher beweisen, wie unehrenhaft man bei der Fragestellung vorgeht. Hier ist man, wie es scheint, eher von sich selbst eingenommen.

Es gibt mit dieser Annahme «Gott müsse sofort alle unsere Anliegen erfüllen» viele Probleme. Etwa, dass er sich wie ein Geist aus der Flasche («Du hast 3 Wünsche!») verhalten müsste, oder immer das tun sollte, was Menschen von Ihm erwarten. Oder ist gerade das eine Projektion und deshalb ungültig? Müsste man diese Erwartung an Gott als Machtergreifung werten, so wie Narzissten durch «Gaslighting» ihre Opfer zu manipulieren versuchen?

Meinungen über Gott sind selten hilfreich, weil man sich zu leicht als Gott inszeniert, statt einmal selbst Verantwortung zu übernehmen. Denn: Vielleicht geht es heute nur darum, dass wir die Realität prägen.

Gott erkennen

Wer Gott erkennen möchte, weiss zuerst nichts. Keiner wird mit «Gotteserkenntnis» geboren. Bescheidenheit ist angebracht. Man kann fragen und beginnt also nicht mit einer Meinung. Die vorher zitierte erste Annäherung, wie wir diese im Hebräerbrief begegnen, erklärt Gott nicht, sondern stellt schlicht dar, dass man davon ausgehen kann, dass «Gott ist». Das ist so etwas, wie Paulus in einem anderen Zusammenhang schreibt, dass wir mit etwas «rechnen sollten» (Röm 6,11: «haltet euch» oder «rechnet damit»). Eine solche Haltung rechnet mit einer Möglichkeit als Ausgangspunkt. Mit etwas zu rechnen ist die Annahme, die im Glauben Sinn ergibt. Das ist keine Überheblichkeit, sondern eine Möglichkeit, sich selbst vorwärtszubewegen. Glauben zu können, ist menschlich. Der Glaubensinhalt wird jedoch über Zeit geformt und geprägt.

Gott zu erkennen, wird häufig mit einer bestimmten Sicht von Gott verwechselt. Die Meinung vernebelt oder verhindert die Wahrnehmung. Wer sagt, dass «Gott sich auf diese oder jene Weise verhalten sollte», der versucht Ihn zu manipulieren. Das gelingt nicht, wenn Er tatsächlich Gott sei. Denn Gott und Mensch sind nicht identisch, nicht verwechselbar. Man muss nicht superfromm sein, um die «fehlende Bereitschaft zum Erkennen» zu erkennen.

Die Erfahrung von Hiob

Im Buch Hiob finden wir eine höchst spannende Auseinandersetzung über das Leiden. Wie verhält sich unsere menschliche Erfahrung mit einer Frömmigkeit und göttlichen Erfahrung? Es folgt eine Auseinandersetzung über das Leiden und endgültig auch über Gott im Leiden. Zum Buch Hiob findet sich auf dieser Website eine eigene Serie:

Das Buch Hiob

Die Erfahrung von Hiob wird im Laufe dieser Geschichte erst dann geändert, wenn Gott ihm begegnet. Wenn Gott spricht, ändert sich der Blickwinkel. Es geht nicht mehr um die Meinung über Gott, sondern die Rede von Gott zeigt auf einen fundamentalen Unterschied zwischen Gott und Mensch hin:

«Und Jahwe antwortete Hiob aus dem Sturme und sprach:
Wer ist es, der den Rat verdunkelt, mit Worten ohne Erkenntnis?
Gürte doch wie ein Mann deine Lenden; so will ich dich fragen, und du belehre mich!
Wo warst du, als ich die Erde gründete? Tue es kund, wenn du Einsicht besitzest!»
Hiob 38,1-4

Wenn man etwas aus dieser Erzählung lernen kann, dann ist es dies: Hier wird der Unterschied zwischen Mensch und Gott dargestellt. Das bestätigt Hiob am Schluss des Buches:

«Und Hiob antwortete Jahwe und sprach:
Ich weiss, daß du alles vermagst, und kein Vorhaben dir verwehrt werden kann. Wer ist es, der den Rat verhüllt, ohne Erkenntnis? So habe ich denn beurteilt, was ich nicht verstand, Dinge, die zu wunderbar für mich waren, die ich nicht kannte. Höre doch, und ich will reden; ich will dich fragen, und du belehre mich! Mit dem Gehör des Ohres hatte ich von dir gehört, aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum verabscheue ich mich und bereue in Staub und Asche.»
Hiob 42,1-6

Im Licht dieser Geschichte wirkt die Behauptung «Wenn es einen Gott gäbe …» deplatziert und überheblich. Die Geschichte prägt ein Verständnis, in dem Gott gerade nicht ein Mensch ist. Der Unterschied ist das, worauf es beim Erkennen ankommt. Gott ist kein Mensch und man sollte auch nicht tun, als wäre Er es. Wenn man sein eigenes Verständnis auf Gott projiziert, ist das definitionsgemäss unvollständig und vermutlich etwas «schräg».

Hier kann man sehen, dass ein unterschiedlicher Blickwinkel zu ganz unterschiedlichen Interpretationen führt.

Projektionen auf Gott

Menschen projizieren ihre Ideen auf Gott und meinen vielleicht gar, dass Gott eine Projektion des Menschen ist. So müsse Gott sich den Wünschen der Menschen beugen, und zwar sofort und in bester Ausführung. Das ist nicht nur sehr überheblich, sondern auch ignorant. Die Sicht geht von der Annahme aus, dass alles Leiden hier sofort gelindert werden müsste. Wer aber sagt das?

Man könnte sich Gott und diese Welt auch noch anders vorstellen. Hier einige Varianten:

  • Gott ist niemandem etwas schuldig, wenn Er diese Bezeichnung verdient. Gott ist Gott und kein Mensch.
  • In unserer Zeit lässt Gott die ganze Welt ihre eigenen Wege gehen.
  • Vielleicht müssten wir in dieser Zeit zeigen, was wir können?
  • Wenn Gott generell heute nicht eingreift, heisst das noch lange nicht, dass Er das eines Tages nicht doch tut
  • Wenn Deine Anforderungen an Gott nicht heute, sondern morgen (oder: zu einem anderen Zeitpunkt) erfüllt werden, was bewirkt das bei Dir?
  • Nicht zuletzt: Jede Theologie begrenzt die Möglichkeiten des Denkens unterschiedlich.

Wenn Gott nichts tut?

Was wäre, wenn Gott nichts tut und nur Gnade die heutige Kraft ist? Man stelle sich vor, dass keine Endzeit stattfindet, keine Spezialeffekten im Himmel und auf der Erde erscheinen, keine Wunder und Beweise eine Existenz Gottes begründen? Was prägt dann Deinen Glauben und weshalb?

In der Bibel finden wir Höhepunkte und spezielle Situationen beschrieben. Es ist oft schwer zu sagen, was «wörtlich» und was «ersonnen» ist. Das alles wirkt vielleicht bedrohlich für Dich, aber Fragen sollte man stellen können. Die Sicht des Glaubens rechnet mit vielen Annahmen, ohne sie beweisen zu können. Man denkt oft, dass Dinge wahr sein müssen, nur weil das die bevorzugte Lehre sagt. Was aber, wenn man das hinterfragt? Was, wenn Gott nichts tut?

Ein wichtiger Punkt für die heutige Gemeinde aus allen Nationen ist dieser: Das Evangelium von Paulus war in früheren Zeiten verborgen (Röm 16,25). Wir finden also nichts über die heutige Zeit bei den Propheten, nichts bei Hiob, nichts in den Evangelien. Dort war dieses Evangelium für heute verborgen. Paulus enthüllt Geheimnisse, weil das bis dahin unbekannt war. Sobald der Apostel über Geheimnisse spricht, macht er sie bekannt. Sie werden erst dann bekannt und waren zuvor «geheim».

Bei Paulus wird der Fokus auf Gnade gelegt. Diese Gnade wird sich auswirken, zuerst in unserem Leben, um einmal alle zu erreichen (Eph 2,6-7; Röm 5,18). In diesem Evangelium von Paulus, das er mehrfach «mein Evangelium» nennt, geht es nicht darum, dass Gott heute alle Menschen zufriedenstellt. Menschen stehen gar nicht im Zentrum. Im paulinischen Evangelium geht es um Gott und seine Schöpfung, und darum, dass dieser Gott einst alle zu Ihm führt (Röm 11,32-36).

Was, wenn also Gott meinen Vorstellungen nicht entspricht? Ist das gut, schlecht, unbequem, nötig, selbstverständlich, ein Startpunkt oder ein Endpunkt?

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