Wenn man Teil einer Glaubensgemeinschaft ist, wird man die Glaubensstruktur auf eine eigene Weise fördern. Die meisten Kirchen und Freikirchen heute stehen fest in einer Lehrkultur. Demgegenüber steht eine Lernkultur. Was ist der Unterschied?

Vertikal oder horizontal?

Eine Lehrkultur hat eine vertikale Achse. Vertikal ist die Hierarchie, und gelehrt wird von oben herab. Die Lehre wird von oben herab definiert. In dieser Tradition entstand auch der Unterschied zwischen Laien (unten) und Predigern (oben). Es sind die Professionellen, die im Amt sind, welche den Ton angeben.

Demgegenüber steht eine Lernkultur. Es gibt nur eine flache, horizontale Hierarchie. Bei einer Lernkultur gibt es keine vertikale Struktur, worin die Wahrheit von oben herab gelehrt wird, sondern eine horizontale Struktur, worin das gemeinsame Lernen zentral steht. In einer Lernkultur wird Wachstum bis zur Mündigkeit aktiv gegenseitig gefördert.

Selbstverständlich kann und darf es Mischformen geben. Vielerorts wird das auf lokaler Ebene bereits der Fall sein. In diesem Beitrag geht es nicht darum, das eine zu verurteilen und das andere zu hypen. Mir geht es darum, Konzepte des Lernens und die daraus entstehende Kultur des Denkens und Glaubens zu skizzieren. Ich denke, das das hilfreich ist für eine positive Ausrichtung auf gesunde Glaubenskulturen.

Mündigkeit

In einer gesunden Gemeinschaft wird die Mündigkeit aller Mitglieder gefördert. Bei vertikalen Hierarchien gibt es die Gefahr, dass Mündigkeit als Aufstieg in die Hierarchie betrachtet wird. In horizontalen Hierarchien kann Mündigkeit gegenseitig gefördert werden und es ist nicht etwas, das durch eine höhere Ordnung initiiert oder vermittelt wird.

Wachstum hin zur Mündigkeit geht nicht ohne Lehre, aber mehr Lehre bedeutet nicht automatisch mehr Mündigkeit. Lehre wird in horizontalen Strukturen nicht verneint oder gemieden, sondern die Abhängigkeit von Lehren und Lehrern wird aufgelöst und vorgebeugt. Erwachsensein im Glauben setzt Mündigkeit sowohl im Glauben als auch im Leben voraus. Wo das auch heute bereits stattfindet, bewegt man sich in Richtung Zukunft, sowohl für den Einzelnen als auch für die Gemeinschaft.

Mit diesen wenigen Angaben ist nicht alles gesagt. Vielleicht aber kann man mit anderen Menschen darüber reden, welche Art von Kultur weiter führt. Man kann auch daran denken, wie man Abhängigkeiten auflösen kann, und welche Anker man für Seele und Geist benötigt. Es gibt Fragen über Fragen, denen es sich lohnt, nachzugehen. Dabei muss man sich nicht festlegen, sondern man kann mutig zuerst versuchen festzuhalten, was wichtig ist.

Gemeinsam unterwegs

Kirche oder Freikirche sein ist heute anspruchsvoll und nicht mehr so selbstverständlich wie noch vor 100 Jahren. Viele Gemeinden und Kirchen sind im Umbruch. Es ist nicht einfach, bisheriges neu zu denken.

Eine Evaluation bisheriger Kultur wird vielleicht aus der Not geboren. Wenn die Gemeinschaft etwa nicht mehr finanziell tragbar ist, kann das der Auslöser zu einer neuen Auseinandersetzung sein.

Wenn Gemeinden den Anschluss mit der Lebensrealität verlieren und immer mehr Menschen sich kritisch äussern oder austreten, kann man sich fragen, welche Schwerpunkte bislang gesetzt wurden und weshalb diese offenbar nicht mehr funktionieren. Es könnte der Startschuss zu etwas Besserem sein.

Man kann versuchen, sich und seine bisherige Entwicklung zuerst einmal zu verstehen. Das wäre der Ist-Zustand. Danach kann man über den Soll-Zustand nachdenken und was dafür notwendig wäre.

Menschen haben unterschiedliche Erfahrungen und sind unterschiedlich offen für eine Evaluation. Auch das gehört dazu. Vielleicht will nicht jeder Änderung. Es benötigt jedoch immer einige Menschen, die Zusammen eine neue Vision denken wollen. Dies kann eine Aufgabe innerhalb eines grösseren Gefüges sein. Einige werden Änderungen wollen, während andere gegen jede Änderung sind.

Man kann vielleicht versuchen, die Bedürfnisse der Gemeinde zu verstehen. Verschiedene Bedürfnisse gehören zur Vielfalt der Gemeinschaft. Das ist heute so und wird auch für eine Gemeinschaft der Zukunft von Bedeutung sein. Menschliche Bedürfnisse bestehen unabhängig von vertikalen oder horizontalen Strukturen.

Stelle Dir vor, Du warst noch nie in einer Kirche, Freikirche oder Glaubensgemeinschaft. Du weisst nichts von Kirchengebäuden, Liturgien, PowerPoint-Präsentationen und Worship-Bands. Was würde Dir dann wichtig sein? Du kennst vielleicht die Schrift und was liest Du dort? Gibt es Anregungen, die man unbedingt weiter verfolgen sollte? Weshalb und wozu? Lässt sich eine Richtung aller Bestrebungen erkennen?

Mit dieser Art von Fragen lässt sich vielleicht eine Gemeinschaft der Zukunft ausmalen. Im Gespräch lassen sich wichtige Elemente herausfiltern. Eine Vernetzung mit anderen Gemeinschaften, die auch bereits an einer solchen Evaluation beteiligt sind, kann viel Weitblick schenken. Das trifft insbesondere zu, wenn dies nicht Gemeinden der eigenen Denomination sind oder Bibelgruppen mit denselben Ansichten. Vielfalt ist Trumpf.

Unterschiede zwischen einer Lehrkultur und einer Lernkultur können dabei als hilfreiche Wegweiser zurate gezogen werden.

Unterschiede zwischen einer Lehrkultur und einer Lernkultur können dabei als hilfreiche Wegweiser zurate gezogen werden.

Kann man gemeinsam zu neuen Horizonten aufbrechen? Ist das nötig oder eher nicht? Weshalb bewegen sich Menschen in unterschiedliche Richtungen? Was prägt mein Menschsein und was darf mein Christsein prägen?

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