Letzthin habe ich das Wort «Verantwortung» in der Bibel nachgeschlagen und dabei festgestellt, dass es keine Vorkommen gibt. Nirgendwo spricht die Bibel über «Verantwortung». Nicht, wie wir das Wort heute nutzen. Dass man jedoch das Wort nicht kennt, heisst selbstverständlich nicht, dass die Bibel deshalb verantwortungslos ist.

Engagement

Heute ist das Wort «Verantwortung» fester Bestandteil unserer Sprache. Menschen können Verantwortung übernehmen, Verantwortung ausweichen und etwa Verantwortung abgeben. Dabei erscheint es so, dass es ein «Ding» ist, das man in die Hand nehmen könnte, oder auch jemand anders weiterreichen kann. Diese Art von Verantwortung äussert sich auch darin, dass Menschen sich verpflichten, etwas zu übernehmen. Mit diesem Engagement sollen etwa Aufgaben in einer Gemeinschaft getragen werden.

Das Engagement kann freiwillig oder genötigt sein. Wenn man als Freiwilliger angewiesen wird («Du bist Freiwilliger!»), ist das eher genötigt. Wenn jemand sich entscheidet, für eine Ausbildung eines Kindes eine Patenschaft zu übernehmen, ist das vermutlich freiwillig. Engagement ist selbstgewählte Verantwortung in Aktion.

Engagement ist selbstgewählte Verantwortung in Aktion.

Die Bibel spricht jedoch nicht von Verantwortung und auch nicht von Engagement. Es sind Wörter unserer Zeit, keine Ausdrücke aus der Bibel. Ich behaupte jedoch, dass die Ideen von Verantwortung und Engagement sehr wohl in der Bibel enthalten sind. Damit meine ich nicht, dass ich eine Verantwortungs-Lehre befürworte, aber man kann entdecken, wie man einer Verantwortung damals vielleicht Ausdruck verliehen hat. Andere Wörter zeigen einen anderen Blickwinkel.

Verteidigung

Wenn man in einer Übersetzung das Wort «Verantwortung» zurückfindet, dann steht da im Neuen Testament häufig der Begriff «Verteidigung» (gr. apologia). Verantwortung ist dann die Verteidigung einer Aussage, Annahme oder Handlungsweise. Man steht für etwas ein und legt dafür Verantwortung ab (Apg 22,1). Eine solche Verteidigung entspricht einer Mündigkeit, nicht einer Aufgabe.

Mündigkeit

Ein Kind kann noch keine Verantwortung übernehmen. Das geschieht erst, wenn es mündig wird. Paulus beschreibt eine solche Entwicklung im folgenden Abschnitt:

«Ich sage aber: Solange der Losteilinhaber unmündig ist, besteht kein wesentlicher Unterschied gegenüber einem Sklaven, wiewohl er Herr von allem ist. Er ist vielmehr Vormündern und Verwaltern unterstellt bis zu der vom Vater festgesetzten Zeit.»
Gal 4,1-2

Wenn dieser vom Vater festgesetzten Zeit kommt, wird das Kind zum Sohn. Jetzt kommt Verantwortung, wie wir das heute nennen. Der Sohn wird erwachsen und die Verantwortung wird wie von selbst übernommen. Diese Verantwortung kommt aus der Reife. In diesem Zusammenhang ist Verantwortung kein abstraktes «Ding», sondern der Zustand, indem er ohne Vormündern und Verwaltern zu «erwachsenen Beschlüssen» gelangt. Bis dahin war das bloss Übungsgelände mit Lehrern und anderen. Das Ziel ist jedoch die Mündigkeit, das Erwachsensein. Es ist die Entlassung in die verantwortungsbewusste Freiheit des Erwachsenen.

Unmündig (gr. nepios) sind etwa Säuglinge und junge Kinder (Mt 21,16). Paulus zieht auch Vergleiche mit den Gläubigen, wenn er den Begriff wie folgt verwendet:

«So konnte ich, Brüder, zu euch nicht wie mit geistlich Gesinnten sprechen, sondern nur wie mit fleischlich Gesinnten, wie mit Unmündigen in Christus. Mich gab ich euch zu trinken, nicht feste Speise; denn die konntet ihr noch nicht aufnehmen.»
1Kor 3,1-2

Ob in dieser Welt oder ob in einem geistlichen Vergleich: Unmündige sind junge Kinder, die noch keine feste Speise zu sich nehmen können. Das jedoch ändert sich. Kinder werden zu Erwachsenen und mündig.

Der grosse Unterschied

Hier ist nun der grosse Unterschied zu so manchen christlichen Annahmen: Verantwortung heisst nicht, dass wir bestimmte Dinge tun oder nicht tun, sondern dass wir erwachsen werden, mündig werden. Das ist viel bedeutungsvoller und breiter betrachtet als eine Gleichschaltung mit bestimmten Aufgaben. Verantwortung entspringt einem verantwortungsvollen Lebensverständnis. Oder anders gesagt: Man beginnt zu denken wie ein Erwachsener. Das gilt im eigenen Leben und ebenso wird das als Bild für geistliches Wachstum genutzt.

Gerade in einer Glaubensgemeinschaft sollte das Wachstum voranstehen. Das betont Paulus immer wieder, wenn er beispielsweise schreibt:

«Gemäss der mir von Gott gegebenen Gnade lege ich (Paulus) als weiser Werkmeister den Grund, ein anderer aber baut darauf weiter. Ein jeder aber gebe Obacht, wie er darauf baue!»
1Kor 3,10

«Und dafür bete ich, dass eure Liebe noch mehr und mehr in Erkenntnis und allem Feingefühl dazu überfliesse, dass ihr prüft, was wesentlich ist, damit ihr auf den Tag Christi aufrichtig und unanstössig seid.»
Phil 1,9-10

Das, was wesentlich ist, sollten wir erkennen lernen. Das ist ein Lernprozess. Der Begriff «wesentlich» im Griechischen ist «dia-phero». Es ist das, was durch-tragend ist. Mit anderen Worten: Wer erwachsen wird, entdeckt, was im Leben weiter hilft und was nicht. Er lernt zu unterscheiden und erkennt, was wesentlich ist.

Hier ist die Knacknuss für Aufgaben in der Gemeinschaft: Wer weiterhin nicht erwachsen ist, kann viele Dinge weder tragen noch verstehen. Müssen sie trotzdem getan werden, sieht man Symptome von Erwachsensein, jedoch nicht das Wachstum. Wer erwachsen ist, kann sich hinter den kommunizierten Aufgaben der Gemeinde stellen und sie verantwortungsvoll mittragen, oder die gleichen Aufgaben verantwortungsvoll gegenüber sich selbst, Gott und der Gemeinde, auch ablehnen. Beides kann Ausdruck von verantwortungsvollem Handeln sein.

Problematisch ist es, wenn Gemeinschaften auf äusserliche Merkmale fokussiert sind. Manchmal entartet das, wie ich erlebt habe, zu einer Forderung von Kadavergehorsam der Mitgliedern. Sie sollten sich so oder so zu verhalten, dieses oder jenes tun, lassen oder gar glauben. Das fördert bloss Gleichschaltung, aber ist kein echtes Wachstum.

Gewächshaus

Sind diese Ausführungen nun der Weisheit letzter Schluss? Kaum! Es geht hier nicht um richtig oder falsch, sondern darum, eine gesunde Glaubenshaltung zu spüren. Die kann man dann anstreben. Weil ich mehrfach in Gemeinden war, worin Gehorsam gegenüber der Gemeindeleitung als «richtig» und «erwachsen» markiert war, bin ich heute kritischer. Dort entsprangen die Anforderungen an Mitglieder aus einer verinnerlichten Überlegenheit. Mit Erwachsensein in biblischem Sinne kann ich das jedoch bis heute nicht erklären.

Ich frage mich also, wohin man käme, wenn man einmal nicht dem Aktionismus verfällt, sondern Aufbau zur geistlichen Reife vorantreibt. Wo steht man wenige Jahre später? Die Vision für geistliches Wachstum lässt sich nicht durch Kurzschlusshandlungen und Kadavergehorsam erpressen. Verantwortung ist richtig, wenn sie richtig angewandt wird und Ausdruck eines erwachsenen Glaubens ist.

Vergleichen kann man dies auch mit dem Unterschied zwischen den «Werken des Fleisches» und der «Frucht des Geistes» (Gal 5,19-26). Das eine wird durch Arbeit errungen, und nicht im besten Sinne. Die Frucht des Geistes gedeiht jedoch automatisch unter den richtigen Umständen.

Man stelle sich nun die Gemeinde als Gewächshaus vor. Darin nützt es wenig, wenn man den Pflanzen sagt, dass sie «wachsen müssen», damit sie zu verantwortungsvollen Pflanzen heranwachsen. Das funktioniert nicht. Wie gelingt das Wachstum besser?

Die Pflanzen gedeihen und die Frucht wird zur rechten Zeit heranreifen.

Wenn die Gemeinde das Gewächshaus ist und die Gemeindeleitung die Gärtner sind, wird man für das Wachstum der Pflanzen, für genügend Ernährung, Licht, Wärme und anderes sorgen. Die Pflanzen gedeihen und die Frucht wird zur rechten Zeit heranreifen.

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