Es tönt besonders fromm, überzeugend und vermeintlich als in der Bibel begründet. Wenn jemand sagt, «Gott hat mir gesagt», was passiert dann? Fühlst Du Dich eingeschüchtert oder gerade stark in Deinen Glaubensvorstellungen bestätigt?

Spricht Gott zu Dir? Eine solche Behauptung gehört zu einem relevanten Glaubensverständnis mancher Gemeinschaften. Es ist toll, wenn Gott höchstpersönlich zu einem spricht. Das markiert relevanz, nicht wahr? Dem möchte ich in diesem Beitrag etwas Aufmerksamkeit widmen. Ich möchte es auch bezweifeln. Immer dann, wenn ich so etwas höre wie «Der HERR sagte mir», «Jesus zeigte mir» oder «Gott sagte mir», gerate ich ins Grübeln. Was treibt einen Menschen zu solchen Aussagen? Was passiert hier? Gibt es heute Propheten wie in den alten Tagen oder ist dies bloss ein Auswuchs frommer Glaubensvorstellungen? Wie soll ich das einschätzen?

Konkret werden

Es tönt fromm, wenn man solche Redewendungen hört. In charismatischen Gemeinschaften ist dies am ehesten verbreitet. Liest man so etwas nicht auch in der Bibel? Bei Jesaja liest man etwa:

«Der Herr hat ein Wort gesandt wider Jakob, und es steigt hernieder in Israel»
Jes 9,8

Das steht direkt in der Bibel. Soll nicht alles in der Bibel ewig gelten und immer und zu jeder Zeit «wahr» sein? Jesaja spricht dann dieses Wort. Heisst dies nun automatisch, dass Gott sein Wort heute zu Dir oder mir schickt? Das ist eine wichtige Frage, denn der Wortlaut allein macht keine Aussage zu einem göttlichen Ausspruch. Jesaja schreibt ebenfalls:

«Denn der Herr, Jahwe der Heerscharen, vollführt Vernichtung und Festbeschlossenes inmitten der ganzen Erde»
Jes 10,23

Erlaubt eine solche Aussage jetzt, dass man heute und für Gott irgendetwas über die Gemeinde oder über das Leben von anderen aussagen kann? Ist es besonders sinnvoll, wenn man eine solche Vernichtung etwa über andere ausspricht?

Behauptet jemand, in Gottes Namen zu sprechen, sollte man konkret nachfragen: Wo und wie hast Du das gehört? Bist Du ein selbsterklärter Prophet oder hat Dich jemand dazu genötigt? Wie kommt es, dass Menschen plötzlich in Gottes Namen beginnen zu weissagen?

Jesaja sprach in Gottes Namen. Er sagte etwa:

«Darum spricht der Herr, Jahwe der Heerscharen, also: Fürchte dich nicht, mein Volk, das in Zion wohnt, vor Assur, wenn er dich mit dem Stocke schlagen und seinen Stab wider dich erheben wird nach der Weise Ägyptens!»
Jes 10,24

Auch sagt er so etwas:

«Denn also hat der Herr zu mir gesprochen: Geh hin, stelle einen Wächter auf; was er sieht, soll er berichten»
Jes 21,6

Wenn nun jemand aufsteht und dieselben Wörter benutzt, was passiert dann? Ist diese Person ein Prophet wie Jesaja? Es ist angebracht, danach zu fragen, wie diese Person die Botschaft vernommen hat. Dazu später mehr.

Eine Warnung gegen den Wortlaut

Zweifel sind angebracht, wenn jemand einen göttlichen Ursprung für seine Aussagen beansprucht. Denn nicht jeder, der «Herr, Herr!» ruft, tut dies im richtigen Sinne. In der Bergpredigt, in der Jesus über das messianische Königreich spricht, heisst es:

«Nicht jeder, der zu mir sagt: „Herr, Herr!“ wird in das Reich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: „Herr, Herr! Haben wir nicht durch deinen Namen geweissagt, und durch deinen Namen Dämonen ausgetrieben, und durch deinen Namen viele Wunderwerke getan?“ Und dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch niemals gekannt; weicht von mir, ihr Übeltäter!»
Mt 7,21-23

Der Wortlaut allein reicht also nicht. Es soll nach Jesu Worten mit «wer den Willen meines Vaters tut» ergänzt werden. So liest man das in Matthäus 7. Wer so etwas wie «Der Herr sagte mir» behauptet, erfüllt dadurch allein keinen göttlichen ISO-Norm für Prophetentum. Wie überall in der Schrift ist nicht die Aussage, sondern die Auswirkung im Alltag von Bedeutung.

«Was heißet ihr mich aber: Herr, Herr! -und tut nicht, was ich sage?»
Lk 6,41

Hier sollte man keinen Umkehrschluss fantasieren, also «Wenn ich das Richtige tue, kann ich nachher sagen, was ich will». So funktioniert das nicht. Was aber, wenn man ein paar Schritte zurückgeht und von etwas Distanz auf diese Gepflogenheiten und «Herr, Herr!»-Rufe schaut? Welchen Anspruch leiten Menschen daraus ab? Weshalb sagt man das so? Hier sind zwei Möglichkeiten:

  1. Überheblichkeit
    Man fordert Gehorsam von anderen Menschen als Bestätigung der eigenen Annahmen oder die Annahme durch andere ist der «Beweis» der eigenen Selbstgerechtigkeit, Richtigkeit und Frömmigkeit.
  2. Unsicherheit
    Man kaschiert durch den Gottes- oder Jesus-Bezug die eigene Unsicherheit oder es ist der Versuch, in dieser Gemeinschaft, in der solche Äusserungen besonders wichtig sind, «dazuzugehören».

Wer sich als göttliches Orakel inszeniert, darauf vielleicht die Etikette «Prophet» klebt, gewinnt dadurch noch keinen fiktiven Glaubenspokal. Es gibt Warnungen und man sollte nicht voreilig aus menschlichen Worten einen göttlichen Ursprung ableiten.

Dein Wort oder Gottes Wort?

Welcher Ursprung gilt? Bibelschreiber geben darauf auch andere Antworte als «Ich bin ein Prophet, also rede ich an Gottes Stelle». Paulus schreibt demütig:

« … um der Gnade willen, die mir von Gott gegeben ist.»
Röm 15,15

Auch differenziert er deutlich zwischen den Worten des Herrn und seinen eigenen Gedanken:

« … weise ich an, das heisst nicht ich, sondern der Herr.»
1Kor 7,10

«… habe ich keine Anordnung vom Herrn, gebe aber meine Meinung ab als (einer, der auf Grund des) vom Herrn erlangten Erbarmens glaubwürdig ist.»
1Kor 7,25

Selbstverständlich hat das Wort von Paulus eine Bedeutung. Er ist Apostel. Das aber führt er hier nicht auf, als müsse man da «blind glauben», sondern er berichtet von einer eigenen Erkenntnis aufgrund des vom Herrn erlangten Erbarmens. Seine Erfahrung und das erlebte Erbarmen Gottes sollten ihn glaubwürdig machen. Das ist nüchtern und macht seine Aussagen eher glaubwürdig.

Die Botschaft hören

Wie hören Menschen eine Botschaft? Nun, ich habe dazu verschiedene Äusserungen gehört.

  • Eingebung
    Jemand meint, was ihn gerade in den Sinn gekommen ist sei das Wort Gottes. Kritisch: Sind das keine eigene Gedanken?
  • Traum
    Jesus erschien in einem Traum. Kritisch: Meinst Du, dass das Jesus war? Bist Du Jesus schon mal real begegnet, dass Du diese Behauptung machen kannst?
  • Vision
    Jesus erschien in einem Gesicht. Kritisch: Könnte dies eine Projektion sein?

Dies sind Angaben, die ich am ehesten gehört habe. Sie sind alle nicht überprüfbar und tauchen vorwiegend dort auf, wo man die Glaubensannahmen um diese Art von Spezialeffekten aufbaut. Es lässt sich nicht vermeiden, darüber kritische Fragen zu stellen. Denn: Wenn ich die «Richtigkeit» meiner Annahmen durch solche Spezialeffekte bestätigen will, wieso glauben Menschen auch ohne solche Spezialeffekte? Ist nun die Richtigkeit mit Spezialeffekten grösser als ein nüchterner Glaube, der auf Gott vertraut?

Was ist mit der Bibel?

Nüchtern betrachtet gibt es zwei Möglichkeiten für eine vermeintlich prophetische Aussage:

  1. Die Aussage entspricht der Bibel
  2. Die Aussage entspricht nicht der Bibel.

Im ersten Fall zwingt sich die Frage auf, weshalb man zusätzlich noch Prophetie benötigt, wenn es doch bereits in der Bibel beschrieben ist? Im zweiten Fall steht die Prophetie also gegen die Aussagen der Bibel (oder es war nicht nötig, dies in der Bibel festzuhalten). Was möchtest Du dann als Grundlage für Leben und Glauben annehmen? Die Bibel oder die Spezialeffekten?

Wer also nüchtern im Glauben stehen möchte, kann mit Spezialeffekten (Schwärmerei, Projektionen) nicht viel anfangen. Das berechtigt jedoch die Frage, weshalb solche Spezialeffekten für viele Menschen eine grosse Bedeutung haben.

Ist Gott ganz nahe?

Man könnte hier auf eine Aussage von Paulus hinweisen, in der er sagt: «(Er) ist nicht fern von jedem einzelnen unter us; denn in Ihm leben wir und bewegen wir uns und sind wir» (Apg 17,27-28). Das tönt gut. Was aber, wenn ich das nicht «fühle»? Dann bin ich vielleicht etwas ratlos ob meinen Gefühlen und frage mich, wo und wie ich Gott einmal «richtig» begegne. Ein Wunderglaube oder direkte Aussagen von Gott durch einen Propheten, machen Fragezeichen vermeintlich zu Ausrufezeichen. Ich verstehe das Bedürfnis. Bei mir passiert jedoch etwas anderes: Bei den Propheten und Wunderheiler erkenne ich oft die Fragezeichen hinter den Ausrufezeichen.

Man könnte aus diesen Äusserungen zweierlei ableiten:

  1. Mit dem biblischen Kontext dieser Spezialeffekten ist man wenig vertraut.
  2. Man möchte Gott ganz nahe sein, aber wie befriedigt man sein Gefühl?

Zum ersten Punkt gilt es festzuhalten, dass nicht alles gleichzeitig passiert und nicht alles lässt sich im Kontext gelesen auf den heutigen Tag ummünzen. Da geht es um Theologie. Beim zweiten Punkt geht es um ein gültiges Bedürfnis, das sich durch religiöse Rituale oder Spezialeffekte versucht zu behaupten. Das ist so etwas wie die Selbstberuhigung durch eine Projektion nach aussen.

Speziell jedoch die Behauptung «an Gottes Stelle zu reden» steht in einem weiteren Problemkreis, dem der Glaubwürdigkeit und Autorität. Ebenso wie menschliche Religiosität, das Halten von Regeln, Festtagen und dergleichen bloss «zur Befriedigung des eigenen Fleisches» dient (Kol 2,23), scheinen es mir die Spezialeffekte (Wunderheilung, Reden in Zungen, Prophetische Worte) gleich zu tun.

Paulus sagt deutlich, dass er das Wort vervollständigt hat (Kol 1,25). Es kann bei prophetischen Reden heute also nie darum gehen, etwas Neues zu enthüllen. So kommen einige dazu, diese heutigen prophetischen Reden auf persönliche Situationen und Verhaltensweisen zu beschränken. Dann wäre es bloss eine persönliche Mitteilung von Gott.

Die vermeintlich persönliche Mitteilung würde zwar den Wunsch nach direktem Gotteserleben erfüllen, aber es lässt sich auch hier mit denselben Worten wie vorhin hinterfragen. Steht diese Aussage in der Bibel? Weshalb muss es dann trotzdem prophezeit werden? Oder die Aussage steht nicht in der Bibel, und weshalb sollte man der Aussage dann Aufmerksamkeit schenken?

Spricht Gott durch Propheten heute?

Ich hinterfrage das. Und Du?

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