Das Neue Testament ist keine Einheitsbrei. Was im Neuen Testament geschrieben ist, ist Abbild einer Entwicklung. Nicht alles geschieht gleichzeitig. Einiges findet etwa nur vor der Kreuzigung, anderes erst nach der Auferstehung statt. Eine Entwicklung benötigt Zeit. Das kann man auch hier im Epheserbrief erkennen.

Die Ausgangslage

Stelle Dir vor, Du wärst ein Nichtjude, der in der Zeit von Paulus zum Glauben kamst. Warst Du damit sofort ein Reformierter oder Evangelikaler? Nicht doch! Diese Gruppen waren noch nicht bekannt. Alles, was heute für diese oder jene Tradition als «typisch christlich» gilt, war dazumal unbekannt. Zwar begann mit Paulus die heutige Gemeinde aus allen Nationen, aber die Identität dieser Gruppe und der Gläubigen aus dieser Gemeinde war nicht von Anfang an klar. Es gab keine Christen nach heutigem Verständnis. Das Selbstverständnis und Glaubensverständnis wurde erst allmählich definiert. Es hat viel Zeit benötigt. Im Epheserbrief stehen wir am Ende einer jahrzehntelangen Entwicklung bei Paulus.

Nichtjuden in der Gemeinde

Der Epheserbrief wird von Paulus am Ende seines Lebens geschrieben. Er hat bereits viele Jahrzehnte seinen Dienst ausgeübt. Lebensweisheit und Glaubensweisheit benötigen Zeit zur Entwicklung. Das hat der Apostel erlebt. Auch seine Botschaft wurde angepasst. Im Epheserbrief finden wir, sozusagen am Schluss einer langen Entwicklung, eine merkwürdige und befreiende Botschaft für die Nichtjuden. Er schreibt:

«Darum seid dessen eingedenk, dass einstmals ihr aus den Nationen dem Fleische nach – Unbeschnittene genannt von der sogenannten Beschneidung (die am Fleisch mit Händen gemacht wird) – dass ihr zu jener Frist von Christus getrennt wart, Fremde gegenüber dem Bürgerrecht Israels und Gäste der Bundesverheissungen, dass ihr keine Erwartung hattet und in der Welt ohne Gott wart.»
Eph 2,11-12

Hier spricht Paulus explizit zu den Nichtjuden in der Gemeinde. Es geht nicht um alle Menschen in der Gemeinde, auch nicht um alle Nichtjuden weltweit, sondern um eine Gruppe von Gläubigen aus der Gemeinde, die er in seinem Brief direkt anspricht: «Ihr aus den Nationen dem Fleische nach». Da geht es um eine grobe Zuordnung zu gesellschaftlich relevanten und bekannten Gruppen. So schreibt er das mit ebenfalls bekannten Ausdrücken: «Unbeschnittene genannt von der sogenannten Beschneidung (die am Fleisch mit Händen gemacht wird)». Gleich anschliessend beschreibt er die Juden als die «sogenannte Beschneidung (die am Fleisch mit Händen gemacht wird)». Fleisch heisst hier so viel wie «durch Geburt» oder «Abstammung». Es geht nicht um geistliche Dinge oder hochfromme Selbsteinschätzungen, sondern um das, was vor Augen ist. Es beschreibt eine Situation für die nichtjüdischen Gläubigen in jener Zeit und verweist auf die gesellschaftlich relevanten Gruppen.

Wo standen die Nationengläubige damals? Paulus richtet sich in seinem Brief an die Gemeinde, führt aber allgemein bekannte Gruppenbezeichnungen ein. Wie sollte man diesen Mix in den Worten von Paulus verstehen?

Von Christus getrennt

Es heisst unter anderem, dass sie «zu jener Frist von Christus getrennt» waren. Das wird nur von den Gläubigen aus den Nationen gesagt, nicht von den jüdischen Gläubigen. Waren jüdische Gläubige etwa nicht von Christus getrennt? Worauf bezieht sich Paulus? Von welcher Zeit spricht das?

Der Reflex bei vielen Interpretationen ist jetzt, dass man «von Christus getrennt» als Gegensatz zum aktuellen Glaubenszustand stellt. Man verweist sozusagen auf eine Zeit, dass diese Gruppe nicht «gläubig war». Im gleichen Abschnitt liest man sogar davon, dass sie «ohne Gott in der Welt waren». Der Sprung zur Interpretation, dass dies «sicher» auf eine Zeit des Unglaubens verweist, erscheint auf den ersten Blick logisch. Sobald sie Gläubige sind, gehören sie doch zu Christus, nicht wahr?

Es gibt hier jedoch ein Problem: Man schliesst von heute auf damals, von heute vielleicht üblichen oder denkbaren Situationen auf die Bibel, und von sich auf die Menschen jener Zeit. Das ist unglücklich. Diese Lösung ist «einfach und sauber, aber falsch». Denn trifft das, aus heutiger Sicht betrachtet, nicht ebenfalls auf die jüdischen Gläubigen zu? Sie waren doch auch einmal «ohne Christus, dem heutigen Verständnis nach»? Problematisch ist also dies: Man schliesst von sich und vom heutigen Verständnis auf andere und auf andere Verhältnisse. Man geht von heutigen Folgerungen aus, und nicht vom Text und vom Zusammenhang.

Etwas innehalten und den Text für sich sprechen lassen, bringt Erstaunliches hervor. Es ist unverständlich, weshalb dies speziell zu den Gläubigen aus den Nationen gesagt werden müsste. Die jüdischen Mitglieder der Gemeinde werden hier jedoch ausgelassen. Weshalb? Möglich ist nämlich auch eine andere Interpretation. Es liegt daran, wie man den Text im eigenen Kontext deutet.

Paulus beschreibt eine Zugehörigkeit aufgrund eines äusseren Merkmals am Körper (Männer waren beschnitten oder unbeschnitten). Paulus spricht hier nicht darüber, im Verborgenen oder im Herzen zu glauben. Das ist viel zu fromm. Nicht die innerlichen Vorstellungen, sondern pragmatische äussere Merkmale nennt er. Es geht nicht um vermeintlich tiefe Glaubenserkenntnisse, sondern um pragmatische Sichtbarkeit. Es geht um Zugehörigkeit. Dabei spricht er bekannte Gruppen in der Gesellschaft an. Er spricht von Juden und von Nichtjuden.

Juden haben ihre Glaubensvorstellungen und die aus den Völkern hatten andere Vorstellungen. Hier geht es nicht um eine Einschätzung entlang der Linien heutiger Vorstellungen. Es geht um eine damals bekannte äussere Zugehörigkeit. Juden waren beschnitten, Menschen in den Nationen jedoch nicht. Deshalb war es aufgrund dieser Usanz, Männer zu beschneiden (1Mo 17,1-14), sehr einfach, zwischen beiden Gruppen zu unterscheiden.

Es ging weder um Beschneidung noch um Beschnittenheit, sondern um die Position dieser Gruppen, mit ihren jeweils eigenen weiteren Merkmalen. Äusserlich waren diese Gruppen unterschiedlich, aber in Bezug auf den Gott Israels hatten die Juden Vorteile, die bei Nichtjuden fehlten. Damals war das «der Stand der Dinge». Man muss sich nur vorstellen, was das damals bedeutete. Die Entwicklung der Kirchengeschichte bis heute war unbekannt. Es gab keine Reformierten, Katholiken oder Evangelikale. Die Situation war anders.

Man muss sich nur vorstellen, was das damals bedeutete.

Wenn es um Äusserlichkeiten geht, was heisst dann «von Christus getrennt»? Und: Wann war das? Hier eine Möglichkeit: Wer gläubig war in jener Zeit, hatte keinen Anteil an den typischen Verheissungen für Israel. Christus war für die Nationengläubige nicht der Messias. Sie waren, wie es Paulus beschreibt, «ohne Gott in der Welt» (Eph 2,12; vergleiche dazu Apg 14,16). Sofern diese Menschen aus den Nationen zur Gemeinde stiessen und im Glauben standen, hatten sie dennoch – als Menschen aus den Nationen – keine solche Geschichte wie Israel. Sie waren immer noch dem alten Schema «ohne Gott in der Welt» verhaftet. Die Situation der Gläubigen aus den Völkern war noch nicht restlos geklärt. Wer von den Nationen zu einem lebendigen Glauben fand, stand dadurch nicht automatisch in einer innigen Beziehung zu Gott. Die Innigkeit gehörte zu Israel, nicht zu den Nationen.

Die Gläubigen aus den Völkern hatten die Gnade Gottes kennengelernt. Damit war aber nicht alles schlagartig deutlich. Es gab spürbare Unterschiede zwischen den Gruppen. Was ist aber jetzt in der Gemeinde zutreffend? Mit diesen Fragen setzte Paulus sich hier auseinander.

Die Situation war anspruchsvoll, gerade weil sie nicht ganz geklärt war. Paulus ist hier jedoch dabei, die Heimatlosigkeit der Nationen zu lösen. Das geschieht dadurch, dass alle Menschen, ob Jude oder Nichtjude, als Gläubige in die grosse Familie Gottes aufgenommen werden. Das geschah «in Christus». Wie immer Paulus bis dahin davon gesprochen hat, wird es erst hier, im Epheserbrief, so ausgeweitet, dass Gläubige aus den Nationen ganz in diese Familie Gottes aufgenommen wurden.

Zwar bedeutet das griechische «Christus» dasselbe wie das hebräische «Messias», aber das heisst nicht, dass das griechische «Christus» für Nationengläubige dieselbe Bedeutung wie das hebräische «Messias» für Juden hat. Der hebräische Messiasbegriff wurde als Verheissung für Israel verstanden. Damit hatten die Nationen nichts zu tun. Das überträgt sich auf die Gläubigen aus den Nationen, die Paulus anspricht. Man kann dies salopp so ausdrücken: «Schön, dass ihr Juden in der Gemeinde eine solche Geschichte mit Eurem Gott habt, aber wie passe ich in diese Geschichte hinein?». Das war das Dilemma, das Paulus hier angeht.

Die Nationen hatten keinen direkten Anteil an der Erwartung für Israel. Deshalb kann Paulus sagen, dass die Nationengläubige «von Christus getrennt» waren, ebenso wie sie «Fremde gegenüber dem Bürgerrecht Israels» und «Gäste der Bundesverheissungen» waren. Das gehört alles zusammen.

Es werden drei Dinge erwähnt:

  1. Von Christus getrennt
  2. Fremde gegenüber dem Bürgerrecht Israels
  3. Gäste der Bundesverheissungen.

Diese drei Dinge stehen in derselben Argumentationsebene. Alles gehört zusammen. Deshalb erschien, wer ein «Gast der Bundesverheissung» war, auch bei den übrigen zwei Begründungen. Auf Ungläubige kann dies nicht zutreffen. Sie waren keine Gäste und standen deshalb nicht draussen. Sie waren Gast, also waren sie im Haus, aber mit einem anderen Status als der Hausherr. Paulus richtet sich nicht an Ungläubige, sondern an Gläubige, die einst «Gäste», «Fremde» und «Getrennte» waren. Das spricht nicht von einer Zeit des Unglaubens, sondern von einer Zeit des Glaubens.

Wovon spricht Paulus hier?

Statusänderung

Paulus schrieb diesen Brief am Ende seines Lebens, als er in Rom in Gefangenschaft war. Zuvor hatte er jedoch viele Gemeinden gegründet und besucht. Es ist naheliegend, dass er zu damaligen Gläubigen sprach. Die Nationengläubige waren zwar gläubig, aber hatten trotzdem nicht dieselben Aussichten wie Israel. Man bedenke, dass in den ersten Jahrzehnten nach der Auferstehung viele Fragen zum Wesen der Gemeinde herrschten und darüber, wie es mit dieser Gemeinde weiterging.

Hier, im Epheserbrief, passt Paulus dies an. Es geht um eine Statusänderung und um eine vollständige Integration. Zuerst die Feststellung: Gläubige aus den Nationen hatten keine Vorteile, verglichen mit Israel. Ganz deutlich war dies: Die Gläubigen aus den Nationen waren nicht voll integriert.

Gleich im nächsten Vers wird deutlich, dass sich Dinge ändern:

«Nun aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst in weiter Ferne wart, durch Christi Blut zu Nahestehenden geworden.»
Eph 2,13

Für die Nationengläubige wird in dem Moment die Trennung aufgehoben. Das ist die Integration. Es geschieht nichts äusserlich, im Fleisch, sondern es geschieht «in Christus Jesus». Das ist eine geistliche Realität. Paulus betont das in diesem Brief öfter. Wo wir im Glauben stehen, hat nichts mit unserer Abstammung, sondern mit einer geistlichen Realität zu tun.

Paulus fordert die Nationengläubige nicht auf, so zu tun, als seien sie Israel. Sie mussten auch keine messianische Gemeinde werden. Das ist nicht relevant. Nach äusseren Merkmalen bleiben die Gruppen, wie sie eben sind. In Christus jedoch werden die Unterschiede aufgehoben.

Man kann also sagen, dass es nach äusseren Merkmalen wie der Beschneidung tatsächlich Unterschiede gab. Man könnte diese Unterschiede so werten, dass Israel viele Vorteile und eine eigene Erwartung hatte, an der die übrigen Nationen keinen direkten Anteil hatten. Aber! Dann kommt der Epheserbrief, und «in Christus Jesus» wurden diejenigen, die in weiter Ferne waren, zu Nahestehenden.

Das ist speziell.

Von Fremder zu Nahestehender

Es ist schon bemerkenswert: Zuerst beschreibt Paulus, dass nach Abstammung und Erwartung die Nationengläubige «von Christus getrennt» waren. Dann aber macht er diese Gruppe «in Christus Jesus» zu Nahestehenden. Hier ist der Unterschied: Die Trennung von Christus war nach dem äusseren Merkmal der Beschneidung. Diese geschah «am Fleisch», nämlich am Körper. Was jedoch neu passiert, ist «in Christus Jesus» und deshalb geistlich zu verstehen.

Beim Ausdruck «in Christus», den wir bereits im ersten Kapitel vom Epheserbrief besonders häufig angetroffen haben, geht es um eine geistliche Realität. Gott wirkt in und durch seinen Sohn, bekannt als Christus, und wir haben Anteil an den Auswirkungen «in Ihm». Was jedoch im ersten Kapitel gesagt wurde, ist nicht ganz dasselbe wie das, was hier im zweiten Kapitel genannt wird. In diesem zweiten Kapitel werden die Aussagen vom ersten Kapitel weiterentwickelt. Neue Dinge werden gesagt. Der Begriff wird ausgeweitet. Das hat insbesondere für die Nationengläubige eine Auswirkung.

Zuvor hatte Paulus bereits erwähnt, dass die jüdischen und nichtjüdischen Gläubigen «zusammen lebendig gemacht wurden in Christus» (Eph 2,5). Darauf wurde in einem vorigen Beitrag bereits ausführlich hingewiesen. Jetzt erweitert der Apostel das und erklärt wenige Verse weiter, dass Gläubige aus Juden und Nationen beide «in Sich Selbst zu einer neuen Menschheit erschaffen wurden» (Eph 2,15). Das ist die Erklärung, worauf der Apostel hinsteuert.

Paulus fasst in Christus alle zusammen, als gleichwertig, nicht als unterschiedlich. Auch wenn es Unterschiede in Abstammung oder Verheissungen gab, so werden diese in Christus aufgehoben.

Eine gleichwertige Einstufung für nicht jüdische Gläubige erscheint heute nicht «neu». Damals war es jedoch eine umwälzende Änderung. Es wurde auch die Grundlage für die heutige Gemeinde mit Gläubigen aus allen Völkern.

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