In der Bibel wird mehrfach von «Gottes Wort» gesprochen. Ist damit die Bibel gemeint? Wohl kaum, denn niemand, der in der Bibel genannt wurde, kannte die Bibel, wie wir sie heute kennen. Man hat also nie auf unsere heutige Bibel verwiesen. Was wurde mit dem Ausdruck «Gottes Wort» gemeint?

Heute ist es üblich, über die Bibel als über «Gottes Wort» zu sprechen. Niemand in der Bibel kannte jedoch die Bibel in der heutigen Form. Trotzdem sprach man immer wieder von Gottes Wort. Berechtigt erscheint demnach die Frage, ob «Gottes Wort» ein gutes Synonym für die Bibel ist und in welcher Hinsicht.

Dass die Bibel «Gottes Wort» ist, erscheint heute oft eine Annahme über die Bibel zu sein, die primär aus der Lehre der Verbalinspiration begründet wird. Dadurch erscheint die Bibel als Gottes Wort, weil sie sozusagen von Gott «diktiert» sei. Damit soll die Bibel als göttlich deklariert werden? Die Göttlichkeit wird aus einer Übernatürlichkeit erklärt. Das ist ein Zirkelschluss: Der Zirkel ist rund, weil er rund ist. Die Bibel ist übernatürlich, weil sie übernatürlich ist. Das begründet noch erklärt etwas. Vor allem hat diese Ansicht nichts mit den biblischen Aussagen zu tun.

Der Ausdruck «Wort Gottes» besagt vielleicht etwas anderes als «Übernatürlichkeit». Wie beschreiben es die Menschen in der Bibel selbst?

Das Wort der Kunde Gottes

Paulus schreibt in seinem ersten Brief an die Thessalonicher Folgendes:

«Und darum danken wir auch Gott unablässig, dass, als ihr von uns das Wort der Kunde Gottes empfangen habt, ihr es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern, wie es wahrhaftig ist, als Gottes Wort, das auch in euch, den Glaubenden, wirkt.»
1Thess 2,13

Das Wort der Kunde Gottes ist das, was Paulus der Gemeinde in Thessaloniki verkündete. Das Wort der Kunde Gottes ist die Verkündigung. Die Thessalonicher haben diese Verkündigung nicht als Menschenwort, sondern als Gottes Wort aufgenommen. Dafür hat Paulus die Gemeinde gelobt, denn sie hatten offenbar das Wesen der Verkündigung erkannt.

Nicht also die Bibel, sondern die Verkündigung wurde als das Wort Gottes, nämlich als das «Wort von Gott», erkannt. Die Botschaft stand dabei zentral. Es ging nicht um den göttlichen Ursprung der Buchstaben, sondern um den göttlichen Ursprung der Verkündigung. Wessen Botschaft ist das? Es ist Gottes Wort! Selbstverständlich haben wir einen Abdruck oder Muster dieser Verkündigung in der heutigen Bibel, aber es ging niemals um die Buchstaben, sondern stets um die Botschaft und dessen Urheber.

Der Apostel Paulus beginnt seinen Brief an Titus mit folgenden Worten:

«Paulus, Knecht Gottes, aber Apostel Jesu Christi, nach dem Glauben der Auserwählten Gottes und nach der Erkenntnis der Wahrheit, die nach der Gottseligkeit ist, in der Hoffnung des ewigen Lebens, welches Gott, der nicht lügen kann, verheissen hat vor ewigen Zeiten, zu seiner Zeit aber sein Wort geoffenbart hat durch die Predigt, die mir anvertraut worden ist, nach Befehl unseres Heiland-Gottes.»
Tit 1,1-3

Hier erkennt man leicht, wie das Wort von Gott durch Predigt, bzw. Verkündigung bekanntgemacht wird. Vergleiche dazu auch folgende Aussage an Timotheus:

«Der Herr aber stand mir bei und stärkte mich, auf daß durch mich die Predigt vollbracht werde, und alle die aus den Nationen hören möchten.»
2Tim 4,17

Wie das Wort Gottes sichtbar wird

Paulus hat dies bereits gesagt:

«Gottes Wort, das auch in euch, den Glaubenden, wirkt.»
1Thess 2,13

Gottes Wort, also die Verkündigung von Paulus, wirkte in den Glaubenden. Dort wurde es sichtbar. Als Paulus schrieb, dass alle Schrift gottgehaucht ist, war das kein Glaubenssatz, sondern es wurde mit einer bestimmten Auswirkung verknüpft:

«Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, auf daß der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke völlig geschickt.»
2Tim 3,16-17

Das Wort Gottes, die bekannte Schrift, ist hauptsächlich nützlich, damit der Mensch Gottes zugerüstet wird, nämlich zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet wird. Das Wort ist ein Werkzeug.

Es ist demnach an den Glaubenden sichtbar, dass es sich um Gottes Wort handelt. Es ist die Auswirkung  dieses Wortes in unserem Leben, welches Zeugnis ablegt und erklärt, was diese Verkündigung bewirkt. Ein Bekenntnis mit dem Mund allein reicht da nicht aus.

Gottes Kraft

Was soll die Bibel bewirken? Was soll in meinem und deinem Leben erreicht werden? Paulus schreibt etwa an anderer Stelle:

«Ich werde aber bald zu euch kommen, wenn der Herr will, und werde erkennen, nicht das Wort der Aufgeblasenen, sondern die Kraft.»
1Kor 4,19

Es geht nicht um das Wort, sondern um die resultierende Kraft. Wenn Glaubenden die Verkündigung als das Wort Gottes erkennen, wirkt sich das aus, bewirkt es etwas. Es ist die Botschaft, die das tut, nicht etwa eine magische Interpretation von einem «göttlichen Diktat», weshalb die Bibel «Gottes Wort» sei. Dass es um den Inhalt, um die Botschaft geht, wird auch etwa hier ersichtlich:

«Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die wir errettet werden, ist es Gottes Kraft.»
1Kor 1,18

Wenn die Verkündigung in unserem Leben verwurzelt wird, entpuppt sich das als Gottes Kraft. Aus dieser Kraft heraus dürfen wir unser Leben leben. Das «Wort vom Kreuz» ist für einige Torheit, für andere jedoch Gottes Kraft (Röm 1,16). Glaube gründet also nicht in unserem Tun, sondern in Gottes Tun, was wir als Gottes Kraft wahrnehmen.

«Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und in vielem Zittern; und meine Rede und meine Predigt waren nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, auf daß euer Glaube nicht beruhe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes-Kraft.»
1Kor 2,3-5

Hier ist nun der Unterschied zur Religiosität:

  • Religiosität geht vom Menschen aus und verlangt vom Menschen eine Anstrengung, um Annehmbar vor Gott zu werden
  • Glaube geht von Gott aus und von dem, was Er gemacht hat und jetzt uns gilt.

Die Position ist komplett verschieden. Der Glaubende hat die Perspektive gewechselt und schaut jetzt von Gottes Warte aus auf das eigene Leben. Er ist geborgen und gerettet in dem, was Gott selbst bewirkt hat. Deshalb heisst es auch, dass wir «in Christus» gesegnet sind (Eph 1,3).

Ursprung und Wirkung

Wenn man in der Bibel von «Gottes Wort» spricht, geht es um Ursprung und Wirkung.

Ursprung

Das Wort ist von Gott, womit primär die Verkündigung gemeint wird. Die Verkündigung zeigt sich als Gottes Wort, weil es von Gottes Wirken und von Seiner Kraft spricht.

«Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen. Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin geoffenbart.»
Röm 1,16-17

Das Evangelium ist Gottes Kraft zur Rettung für jeden Glaubenden, denn in diesem Evangelium wird Gottes Gerechtigkeit offenbart. In dem Evangelium wird dargelegt, wie Gott Seine eigene Gerechtigkeit erreicht hat. Gott Selbst hat dies bewirkt. Er steht zentral. Es geht nicht um meine Kraft, meine Gerechtigkeit oder meine Errungenschaften. Im Gegenteil. Es geht um Gottes Kraft, um Seine Gerechtigkeit und Seine Errungenschaften.

Das Evangelium steht mit seiner Botschaft deshalb quer auf jede Religiosität, worin alles vom Menschen und seinem Tun abhängig ist. Im Evangelium ist dagegen alles von Gott und Seinem Christus abhängig. Weil der Ursprung so ganz anders ist, wird auch die Auswirkung, das Ziel, ganz anders sein.

Wirkung

Jetzt schliessen wir den Kreis wieder zum erstgenannten Bibelvers:

«Und darum danken wir auch Gott unablässig, dass, als ihr von uns das Wort der Kunde Gottes empfangen habt, ihr es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern, wie es wahrhaftig ist, als Gottes Wort, das auch in euch, den Glaubenden, wirkt.»
1Thess 2,13

Gottes Wort, das Wort der Kunde Gottes, wirkt in den Glaubenden. Die Wahrhaftigkeit, wie es einem Wort Gottes angemessen erscheint, wird zuerst angenommen und wirkt sich dann im Leben aus. Wenn Glaubenden die Verkündigung als von Gott verstehen, wenn sie es als Gottes Wort aufnahmen, wird sich das im Alltag zeigen. Das Leben der Glaubenden wird Zeugnis vom Usprung dieser Worte ablegen. Mit einer Rechtgläubigkeit hat das nichts zu tun. Mit Buchstaben hat das nichts zu tun. Glaube, so schreibt Paulus, wird durch Liebe erst wirksam (Gal 5,6). Glaube wird sich einen Ausdrucksform in Liebe auswählen und dabei, wie von selbst, vom «Wort der Kunde Gottes» Zeugnis ablegen.

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