Print Friendly, PDF & Email

Erlösung im Römerbrief

Der Bezug zur Realität

Es ist unsere Realität, die als Hintergrund für das Evangelium gilt. Gottes Zusagen sind nicht für weltfremde Spinner, sondern möchten konkret die Realität dieser Welt und damit auch unser Leben ansprechen. Unsere Welt wird in der Bibel weder geschönt noch verteufelt. Sie ist unvollkommen und geplagt von Vergänglichkeit. Die ganze Schöpfung, schreibt Paulus, ist in Not. Das ist eine schlichte Feststellung. Ganz besonders deutlich wird das im Römerbrief, der so etwas wie eine Übersicht über die Not dieser Welt und Gottes Antwort darauf bietet (Röm 8,20-23).

Der Römerbrief ist so etwas wie eine Übersicht über die Not dieser Welt und Gottes Antwort darauf.

Die Not der Welt, das Leiden und der Tod, die Zielverfehlung und die Sünde – sie alle bedingen eine Erlösung. Mit einer schwammigen Spiritualität ist das nicht zu begegnen. In der Bibel geht es nicht um religiöse Gefühle. Gefühle hast Du für Dich, während eine Beziehung nur gelebt werden kann. Da liegt der Unterschied: Spiritualität kannst Du nur für Dich selbst pflegen und ist auf das eigene Erleben gerichtet, während die Bibel in eine Beziehung hineinführt. Das Evangelium ist nicht schwammig oder auf religiöse Gefühle zu reduzieren. Das Evangelium ist konkret, weil unsere Not konkret ist. Gesegnet ist, wer keine Not spürt, aber jeder wird irgendwann im Leben an die eigenen Grenzen geraten. Von dieser Not wünschen und brauchen wir Befreiung und Erlösung. Das ist eine nüchterne Lebensbetrachtung. Die Relevanz des Evangeliums schliesst dort an. Aus eigener Kraft gelingt diese Erlösung nicht. Wir sind in unserer Vergänglichkeit gefangen. Deshalb ist das Evangelium eine befreiende Botschaft. Gott Selbst macht frei, indem er durch Jesus Christus, Seinen Sohn, Seine eigene Gerechtigkeit bewirkt, wo wir es nicht erreichen können. Das ist dann die Grundlage für alles, was Gott in der Bibel als frohe Botschaft bekanntgibt. Das ist auch die Grundlage für eine (neue) gelebte Beziehung mit Ihm, der uns im Sohn Seiner Liebe (Kol 1,13) begegnet. Tönt das etwas theoretisch? Gehen wir dem Schritt für Schritt nach.

Wenn Paulus im Römerbrief die Ungerechtigkeit des Menschen sowie die Gerechtigkeit von Gott ausformuliert, dann geht es erstaunlicherweise nicht um Dinge, die wir «tun sollten», als fordere das Evangelium bestimmte Verhaltensweisen oder Leistungen. Paulus schildert keinen fordernden Gott. Es geht nicht um das, was wir «tun sollten», sondern um das, was «in der Welt ist». Paulus beschreibt eine Realität, einen wahren Zustand. Zuerst ist es die Realität des Menschen, mit all seinen Verfehlungen. Danach schildert er die Realität des Evangeliums, worin Gott selbst Erlösung schenkt. Paulus fordert uns im Römerbrief auf, dass wir uns mit der Realität auseinandersetzen. Wenn er die Realität beschreibt, so geht es um das Verhältnis zwischen Gott und uns und selbstredend auch über das, was wir dadurch erreichen (bzw. nicht erreichen). Paulus führt uns hierhin: Wenn wir unsere Realität im Licht von Gottes Realität erkennen, wachsen Zuversicht und Glauben.

Worüber das Evangelium (nicht) spricht

Worüber Paulus im Römerbrief spricht ist ebenso wichtig als das, worüber er nicht spricht. Bereits erfuhren wir, dass das Evangelium über Gottes Gerechtigkeit spricht (Röm 1,16-17). Vielleicht verwundert es, dass das Evangelium, welches Paulus beschreibt, nicht über Himmel und Hölle spricht. Stattdessen spricht der Apostel über Gerechtigkeit und Versöhnung, Leben und Tod. Warum ist das so?

Die Bibel beschreibt die Probleme, womit die Menschheit zu kämpfen hat und reduziert sie auf zwei Kernaussagen: Sünde (Zielverfehlung) und Tod. Das Evangelium stellt dem zwei Lösungen entgegen: Gerechtigkeit (Zielfindung) und Leben.

Selbstverständlich wirken sich diese auf verschiedene Art aus. Soweit es das Evangelium betrifft, welches Paulus im Römerbrief vorstellt, ist das Problem des Menschen nicht die Hölle. Die Lösung ist nicht der Himmel. Auch wenn es immer wieder mal so dargestellt oder verstanden wird – das Evangelium oder das Christentum ist kein «Ticket in den Himmel» und das Evangelium hat nicht einen «Ort» als Inhalt. Es geht um ganz andere Dinge. Es geht um Leben und um Beziehungen. Beide gingen verloren und beide werden durch Gottes Wirken wiederhergestellt. Gott will heute alles in Dir und mir werden, und einmal wird Er Alles in Allen sein (1Kor 15,28). Das letzte ist aber noch Zukunftsmusik. Paulus beschreibt die aktuelle Lage der Menschheit wie folgt:

«…denn alle sündigten und ermangeln der Herrlichkeit Gottes»
Rö 3,23

Als Gott zu Adam und Eva sprach, dass sie nicht von den zwei Bäumen essen sollten, so wurde ihnen bei Übertretung nicht die Hölle angedroht, sondern der Tod in Aussicht gestellt (1Mo 2,16–17). Und genau so geschah es. Paulus fasst zusammen:

«Deshalb, ebenso wie durch den einen Menschen die Sünde in die Welt eindrang, und durch die Sünde der Tod, und so zu allen Menschen der Tod durchdrang, woraufhin alle sündigten…»
Röm 5,12

Der Tod wurde weitergegeben, sagt Paulus – die Sterblichkeit, die uns ständig das Ziel verfehlen lässt. Unsere Sterblichkeit also ist Ursache für die Zielverfehlung und die Sünde. Wir sind sterblich – also sündigen wir. In unserem Leben begegnet uns dann die wirkliche Last der Sünde, dass wir unser Ziel verfehlen, dass wir Gott verfehlen, dass wir bleibendes Leben und im tiefsten Sinne auch die Zukunft verfehlen. Der Tod in uns ist ein Riesenproblem. Das ist die Realität sowohl in uns als auch um uns herum. Paulus schreibt: «Der Lohn der Sünde (buchstäblich: Kost-Ration, d.h. der ärmliche rationierte Kost) ist der Tod» (Röm 6,23). Dem stellt der Apostel im Evangelium überfliessendes Leben entgegen und Auferstehung aus den Toten, sowohl bildlich (Röm 6, Eph 5) als auch einmal körperlich (1Kor 15).

Gott ist für Dich

Nicht umsonst wird der Römerbrief als vielleicht wichtigste Grundlage für das Evangelium gesehen. Luther hat durch das Lesen des Römerbriefes einen gnädigen Gott kennengelernt. Es hat die Reformation ausgelöst. Der Römerbrief ist theologischer Sprengstoff! Hier hat Luther von Gottes Gerechtigkeit, die uns umsonst geschenkt wird, gelesen. Im Römerbrief hat er Gottes Gnade kennengelernt. Es war Gottes «Ja-Wort» in Christus, welches Luther als frohe Botschaft für ihn persönlich erkannte. Hier erfahren auch wir, wie Gott zu uns steht und wie Er uns begegnet.

Sünde und Tod werden in der Bibel als unsere Hauptprobleme gesehen. Die frohe Botschaft ist, dass gerade diese zwei Probleme eine Lösung und wir dadurch eine Erlösung finden. Dies ist nüchtern, befreiend und stärkend. Lesen wir den Römerbrief gegen den Hintergrund unserer Realität, dann werden wir auch der frohen Botschaft begegnen. Gott ist für uns (Röm 8,31-32). Das ist der Kern des Römerbriefes und des Evangeliums der Gnade. Das ist die Aussage, die in Tod und Auferstehung von Christus gründet und es ist die Botschaft, die in Deinem und meinem Leben Raum gewinnen will. Wir werden befreit zu einem Leben in Gottes Gegenwart.