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Die Verlorenheit der Christenheit

Zugegeben, der Titel ist etwas provokativ formuliert. Von der «Verlorenheit der Christenheit» zu sprechen ist auf den ersten Blick etwas seltsam. Denn sind es nicht die Christen, sind es nicht wir, die von der «Verlorenheit der Welt» sprechen, und uns selbst als «gerettet», also als «nicht-verloren» sehen? Wer von der «Verlorenheit der Christenheit» spricht, rüttelt der nicht am Fundament, am Selbstverständnis der Kirche und der Gemeinschaft?

In diesem Beitrag geht es um etwas ganz anderes. Es geht hier um die «Verlorenheit», wie viele Christen sie sehen. Es ist die Verlorenheit, wie von der Christenheit oft definiert. Dieser Begriff, der so bedeutungsschwangere Wörter wie «Himmel und Hölle», «gerettet werden» oder «verloren gehen» zu umschliessen scheint. Es ist aber auch in anderer Hinsicht die «Verlorenheit der Christenheit», weil es die «Verlorenheit» in der Bibel nicht gibt. Das Wort «Verlorenheit» (als Nomen, also als Sache oder als Zustand) ist der Bibel fremd. In der Bibel nämlich wird ausschliesslich von einem Verb «verloren gehen» gesprochen. Die Traditionen und die Bibel sind nicht kongruent. Das hat Konsequenzen für die Lehre.

Halten wir zuerst fest: «verloren gehen» steht tatsächlich in der Bibel. Das zu verstehen ist wichtig. Die «Verlorenheit» gibt es aber nur in den Meinungen und Lehren über die Bibel. Sie verwirren das Verständnis über Gottes Handeln in dieser Welt. Die Bibel selbst spricht nicht von einem Zustand (Nomen, «Verlorenheit»), sondern nur von einer Tätigkeit, einem Werden (Verb, «verloren gehen»). Es ist kein Zustand, sondern der Wechsel in einen (anderen) Zustand. Die Frage ist nun, welcher Zustand gemeint ist.

Reflektionen

Es ist vielleicht 30 Jahre her, als ich diese Wörter zum ersten Mal in der Bibel nachgeprüft habe. Es war eine ganz überschaubare Anzahl Bibelstellen. Das Thema schien gut abgegrenzt zu sein. Es müsste nicht allzu schwierig sein, die Aussagen der Bibel zu diesem Thema zu verstehen.

In der Lehre wiederspiegelt sich das Gottesverständnis und auch die Gotteserkenntnis. Dort kondensiert sich das Verständnis vom Evangelium, von Gottes Wirken und Absicht mit dieser Welt. Vorausgesetzt man versucht nicht einfach die bekannten Gedanken zu bestätigen, so kann eine Reflektion eine wirkliche Vertiefung des eigenen Verständnisses bringen. Nicht immer wissen wir bewusst und begründet, woher bestimmte Gedanken und Überlegungen kommen. Und manchmal meint man etwas zu wissen, was sich bei näherer Betrachtung als etwas ganz anderes entpuppt. So erging es mir selbst zumindest, als ich das erste Mal die Ausdrücke «Verlorenheit» und «verloren gehen» in der Bibel nachgeschlagen habe.

Als Erstes habe ich mir jedoch eine Liste gemacht – eine Liste mit Wörtern und Begriffen, die ich spontan aus der Erinnerung abrief. Diese, so war ich fest überzeugt, wurden von mir und anderen immer mit «verloren gehen» in Zusammenhang gebracht. Nicht nur hatte ich das selbst so gemacht, sondern landauf und landab fand ich solche Hinweise in Schriften, Literatur, an Bibelschulen gelehrt und in Gesprächen mit anderen erwähnt.

Die Liste sah etwa so aus:

  • Verlorenheit
  • Ewige Verlorenheit
  • für ewig verloren
  • verloren sein
  • wer nicht glaubt ist verloren
  • Hölle
  • Verdammung
  • Gottverlassenheit
  • Strafe und Peinigung
  • Unter dem Zorn Gottes

Anschliessend habe ich eine griechische Konkordanz zur Hand genommen und alle Stellen im Neuen Testament nachgeschlagen; ich habe sämtliche Bibelstellen gelesen, wo von diesem «verloren gehen» die Rede war. Anschliessend habe ich die Resultate mit meiner Liste verglichen. Das war eine ernüchternde Bestandsaufnahme. Alle Verknüpfungen, die ich meinte machen zu müssen, waren in der Bibel selbst nicht zu finden. Meine Liste sah nach einer ersten Sichtung so aus:

Die Liste nach einem ersten Vergleich mit der Bibel:

  • Verlorenheit
  • Ewige Verlorenheit
  • für ewig verloren
  • verloren sein
  • wer nicht glaubt ist verloren
  • Hölle
  • Verdammung
  • Gottverlassenheit
  • Strafe und Peinigung
  • Unter dem Zorn Gottes

Es blieb von meinen ersten Annahmen gar nichts übrig. Nichts von dem, was ich dachte, fand ich in der Bibel zurück. Natürlich konnte ich einige bekannte Stellen so verbiegen, dass ich es irgendwie darin zurückfand, aber das war nicht das Ziel. Ich wollte nichts in die Bibel hineininterpretieren, sondern ich wollte herausfinden, was die Bibel selbst sagt. Und all  die Verknüpfungen mit anderen Wörtern, die ich wie selbstverständlich angenommen hatte, waren der Bibel fremd.

Oops!

Verloren gehen

Eine der meist zitierten Stellen steht in Johannes 3:

«Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.»
Joh 3,16

Nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben. Darum geht’s. Stimmt’s? Oder stimmt es nicht? Die Antwort auf diese Frage ist davon abhängig, wie wir die Ausdrücke «verloren gehen» und «ewiges Leben» interpretieren. Sie werden beide in diesem Vers nicht erklärt. Das Einzige, was sich hier ableiten lässt ist, dass sie in einem Kontrast zueinander stehen. Das wollen wir also beibehalten. Was aber diese Begriffe bedeuten, muss aus dem gesamten biblischen Zeugnis her erklärt werden, weil es hier nicht erläutert wird.

Dies ist vermutlich auch die Stelle, womit eine «ewige Verlorenheit» begründet wird. Zwar steht es nicht da, aber die Folgerung lautet: «Wenn das Leben ewig ist, soll es das «verloren gehen» auch sein». Es wird der Umkehrschluss gemacht. Dass man damit aber völlig am Kontext vorbei denkt und den Wortlaut missachtet, scheint nur Wenigen aufzufallen. Der Druck der Tradition ist stark.

Ist «ewiges Leben» wirklich ein Ziel? Ist das die Formulierung von Gottes Willen? Ist das Ziel die Verlängerung unseres Lebens? Ist das Erfüllung und Erlösung? Oder bleibt Er selbst bei dieser Formulierung aussen vor? Die Reduktion auf eine endlose Dauer des Lebens erscheint wenig mit Gott selbst zu tun zu haben…

Wenn wir nun dem Wort «verloren gehen» (gr. apollumi) nachgehen, dann nur deshalb, weil es uns dabei helfen soll, die Bibel besser zu verstehen.

Verloren gehen

Das griechische Wort für «verloren gehen» ist apollumi. Es ist ein Verb und drückt eine Entwicklung, eine Bewegung, eine Aktivität aus. Wenn etwas «verloren geht», dann passiert etwas. Nachfolgend alle Stellen, womit sich jeder selbst ein Bild machen kann:

apollumi (gr. ἀπόλλυμι) – verloren gehen, umkommen

Das Wort erscheint ausserdem noch in einer Zusammensetzung: sunapollumai (gr. συνἀπόλλυμι) – zusammen umkommen

Es gibt kein Wort wie «Verlorenheit». Es gibt kein Nomen, sondern nur ein Verb.

Etwas verlieren

Das Wort apollumi ist nach der Etymologie zusammengestellt aus apo (hinweg) und ollumi (auflösen). Das apo verstärkt das auflösen. So kommt es zu einem etymologischen Begriff «ganz auflösen». Vielleicht lässt sich das am besten mit unserem Ausdruck «in Luft auflösen» vergleichen. Wer nämlich etwas verliert, für den hat sich der Gegenstand in Luft aufgelöst. Es ist verschwunden. Es ist verloren gegangen und jetzt ist es weg.

«Welcher Mensch unter euch, der hundert Schafe hat und eins von ihnen verloren hat, lässt nicht die neunundneunzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, so legt er es mit Freuden auf seine Schultern; und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und die Nachbarn zusammen und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir! Denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.»
Lk 15,4-6

«Oder welche Frau, die zehn Drachmen hat, zündet nicht, wenn sie eine Drachme verliert, eine Lampe an und kehrt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie sie findet? Und wenn sie sie gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und spricht: Freut euch mit mir! Denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte.»
Lk 15,8-9

Wer etwas verliert, für den ist es weg. Es ist aus dem Blickfeld verschwunden. Es gibt also keinen Zustand wie «Verlorenheit», sondern nur etwas, dass sich zuträgt. Was verloren geht, das ist «weg», «unsichtbar», «aus dem Blickfeld verschwunden». Was weg ist, kann aber auch wieder gefunden werden. Auffällig: Alles, was in der Bibel tatsächlich als «verloren gegangen» genannt wird, wird auch wieder gefunden, wie in diesen Gleichnissen in Lukas 15.

Der verlorene Sohn

«Er sprach aber: Ein Mensch hatte zwei Söhne; und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Vater, gib mir den Teil des Vermögens, der mir zufällt! Und er teilte ihnen die Habe. Und nach nicht vielen Tagen brachte der jüngere Sohn alles zusammen und reiste weg in ein fernes Land, und dort vergeudete er sein Vermögen, indem er verschwenderisch lebte.

Als er aber alles verzehrt hatte, kam eine gewaltige Hungersnot über jenes Land, und er selbst fing an, Mangel zu leiden. Und er ging hin und hängte sich an einen der Bürger jenes Landes, der schickte ihn auf seine Äcker, Schweine zu hüten. Und er begehrte seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Schweine fraßen; und niemand gab sie ihm.

Als er aber zu sich kam, sprach er: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Überfluss an Brot, ich aber komme hier um vor Hunger. Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und will zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen! Mach mich wie einen deiner Tagelöhner!

Und er machte sich auf und ging zu seinem Vater. Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen. Der Vater aber sprach zu seinen Sklaven: Bringt schnell das beste Gewand heraus und zieht es ihm an und tut einen Ring an seine Hand und Sandalen an seine Füße; und bringt das gemästete Kalb her und schlachtet es, und lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld; und als er kam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Reigen. Und er rief einen der Diener herbei und erkundigte sich, was das sei. Der aber sprach zu ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiedererhalten hat. Er aber wurde zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber ging hinaus und redete ihm zu. Er aber antwortete und sprach zu dem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir, und niemals habe ich ein Gebot von dir übertreten; und mir hast du niemals ein Böckchen gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre; da aber dieser dein Sohn gekommen ist, der deine Habe mit Huren durchgebracht hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.

Er aber sprach zu ihm: Kind, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, ist dein. Aber man muss doch jetzt fröhlich sein und sich freuen; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden und verloren und ist gefunden worden.»
Lk 15,11-32

Der Sohn war «verloren gegangen», nämlich aus dem Blickfeld verschwunden. Bildlich gesprochen war er für den Vater «gestorben». Als der Sohn zurück kam, erhielt der Vater ihn sozusagen wieder aus den Toten zurück. Er wurde wieder gefunden.

Ausser Zweifel steht hier, dass der Sohn nicht einer «ewigen Verlorenheit» oder einer «Hölle» anheim fiel. Auch war die Situation nicht unumkehrbar. Vielmehr ist der einzige Vergleich der mit dem Tod.

Umbringen und Umkommen

Das erste Mal wo dieses Wort benutzt wird, lesen wir im Matthäus Evangelium:

«Als sie aber hingezogen waren, siehe, da erscheint ein Engel des Herrn dem Josef im Traum und spricht: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter zu dir und fliehe nach Ägypten, und bleibe dort, bis ich es dir sage! Denn Herodes wird das Kind suchen, um es umzubringen.»
Mt 2,13

Herodus wollte das Kind «umbringen». Es hat nichts damit zu tun, dass Herodes das Kind in eine Hölle oder ewige Gottverlassenheit stossen würde. Er wollte Jesus aus dem Weg räumen, nämlich töten. Seine Anwesenheit musste in ein Abwesenheit geändert werden. Er wollte, dass Jesus sein Leben verliert. Dieser Jesus, als König der Juden angekündigt (Mt 2,2) musste von der Bühne verschwinden. Wenn dieser Aspekt vordergründig ist, ist apollumi im Neuen Testament das genutzte Wort.

Aus der Rede von Gamaliel vor den jüdischen religiösen Führern:

«Denn vor diesen Tagen stand Theudas auf und sagte, dass er selbst etwas sei, dem eine Anzahl von etwa vierhundert Männern anhing; der ist getötet worden, und alle, die ihm Gehör gaben, sind zerstreut und zunichte geworden. Nach diesem stand Judas der Galiläer auf, in den Tagen der Einschreibung, und machte eine Menge Volk abtrünnig und brachte sie hinter sich; auch der kam um, und alle, die ihm Gehör gaben, wurden zerstreut.»
Apg 5,36-37

Judas der Galiläer kam um, genauso wie Theudas getötet wurde. Er starb und verschwand von der Bühne. Was danach geschieht ist hier kein Thema. Apollumi heisst an vielen Stellen schlicht «umkommen». Wer umkommt, der stirbt. Der Zustand, worin man dann gelangt ist der Tod, nicht eine irrationale Verlorenheit. Weitere Bibelstellen worin dies ähnlich beschrieben wird sind beispielsweise Lk 11,51 und Lk 13,33.

Ein weiteres Beispiel lesen wir im Johannes Evangelium. Jesus war gefangen genommen und vor dem Synedrium beraten die Juden über das Schicksal von Jesus:

«Einer aber von ihnen, Kaiphas, der jenes Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts und überlegt auch nicht, dass es euch nützlich ist, dass ein Mensch für das Volk sterbe und nicht die ganze Nation umkomme.»
Joh 11,49-50, vgl. Joh 18,14

Besser stirbt ein Mensch, als dass die ganze Nation umkommt. «Dies aber sagte er nicht aus sich selbst, sondern da er jenes Jahr Hoherpriester war, weissagte er, dass Jesus für die Nation sterben sollte; und nicht für die Nation allein, sondern dass er auch die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammelte.» (Jh 11,51-52).

Ohne Auferstehung alle verloren

Aus den bisherigen Stellen kann auf keiner Weise auf eine endlose Trennung von Gott oder auf eine Peinigung in einer Hölle geschlossen werden. Im Gegenteil: Die Aussagen sind konkret und sehr deutlich. Wer umkommt, der stirbt. Weiter geht der Gedanke nicht. Die Person verschwindet aus der Wahrnehmung.

Kongruent mit diesen Aussagen ist auch folgender Hinweis von Paulus:

«Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, so ist auch Christus nicht auferweckt. Wenn aber Christus nicht auferweckt ist, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden. Also sind auch die, welche in Christus entschlafen sind, verloren gegangen.»
1Kor 15,16-18

Paulus spricht in diesem Kapitel über die Auferstehung. Kern seiner Aussage ist, dass die Auferweckung von Christus Drehpunkt des Evangeliums ist. Sollte die Auferstehung nicht stattfinden, dann wäre alles umsonst. Die Auferweckung von Christus ist Gottes Bestätigung der Gerechtigkeit (Röm 4,25). Ist Christus nicht auferweckt, dann wären auch wir noch in unseren Sünden. Und die, welche als Gläubige gestorben sind, wären verloren gegangen.

Wie ist es möglich, dass jemand in Christus verloren geht? Ohne Auferstehung, sagt Paulus, ist aber auch der Gläubige verloren. Denn ohne Auferstehung bleibt der Tod. Im Tod ist kein Leben. Der Tod ist der Gegensatz vom Leben. Nur Auferstehung stellt dem etwas entgegen. Ohne Auferstehung gibt es keine Erwartung, auch nicht für die Gläubigen. Dies zeigt eindrücklich, dass:

  • verloren gehen = umkommen = sterben (mit Tod als Resultat)
  • dies gilt nicht nur für Ungläubigen, sondern ausdrücklich auch für Gläubigen
  • es gibt kein Leben im Tod, sondern nur nach dem Tod – durch Auferstehung
  • ohne Auferstehung ist alles aus und sind wir «die erbarmungswürdigsten aller Menschen» (1Kor 15,19)
  • mit einer Hölle oder Gottverlassenheit hat «verloren gehen» nichts zu tun

Übergang in einen anderen Zustand

Verloren gehen gibt es also, aber nicht in dem Sinne, wie es häufig immer noch gelehrt wird. Verloren gehen heisst in allen klaren Kontexten «umkommen» oder «umbringen», wenn es um das Geschick von Menschen geht. Nichts geht darüber hinaus. Wer verloren geht, der verliert sein Leben und ist nachher «weg», soweit es diese Welt betrifft. Auf diesen Aspekt liegt die Betonung des griechischen apollumi. Von einem Ende in der Hölle kann keine Rede sein, denn ohne Auferstehung sollten auch die Gläubigen verloren gegangen sein, hat Paulus geschrieben. Er bestätigt damit die Bedeutung des Umkommens als «im Tod landen».

Das Fazit der biblischen Aussagen ist sehr nüchtern. Wer umkommt, der stirbt. Allerdings kann das durchaus einen Verlust markieren. Denn wer gestorben ist, kann an dem aktuellen Leben keinen Teil mehr haben. Wir wissen aber, dass es eine Auferstehung der Toten gibt, und zwar eine Auferstehung zum Leben ebenso wie eine Auferstehung zum Gericht (Joh 5,28-29). Dann geht es weiter. Wie es genau weiter geht ist aber nicht Inhalt des Begriffs «verloren gehen». Dieser Begriff reicht nur bis zum Tod und nicht darüber hinaus.

Den Horizont verlegen

Was wir jetzt an biblischen Hinweisen gelesen haben ändert die traditionelle Sicht grundlegend. Am besten lässt sich das mit einer Grafik veranschaulichen:

verloren-gehen-reichweite.jpegDie traditionelle Sicht des «verloren gehens», wie sie von Vertreter einer «Himmel- und Hölle» Lehre vorgestanden wird, sieht die Reichweite als ewig und den Zustand als unwiderruflich. Der Startpunkt scheint nicht immer so klar, denn einige meinen, wir haben nie einen guten Start hingelegt, sondern wir sind bereits von Geburt an verloren, während eine andere Gruppe es so sieht, dass der Mensch, der nicht glaubt immer noch umkehren kann, bis er stirbt. Wenn er gestorben ist, erst dann ist er unwiderruflich entweder gerettet oder verloren.

Das biblische Zeugnis dagegen spricht ganz anders. Hier beginnt das verloren gehen nicht mit dem Sterben, sondern es ist der Sterbeprozess es endet dort mit dem Tod.

Das griechische apollumi deutet auf ein umkommen hin, das von dem Tod abgeschlossen wird. Ein Mensch ist danach solange tot (nicht: verloren!), bis er auferweckt wird und zum Gericht erscheint (z.B. Joh 5,28-29 und Offb 20,15).

Die traditionelle Sicht macht aus dem «verloren gehen» einen Zustand. Aus dem Verb wird ein Nomen gemacht, eine «Verlorenheit» die endlos dauert. Die Bibel dagegen spricht über ein «verloren gehen» als über etwas, das geschieht und den Wechsel in einen anderen Zustand kennzeichnet. Wer umkommt, der stirbt und ist Tod. Es entstehen völlig entgegengesetzte Begriffwelten.

Der zeitliche Horizont wird nach durchlesen der biblischen Aussagen extrem verkürzt. Die Bibel wird damit nicht verharmlost, noch verliert die Aussage an Kraft. Wir verlieren nur die falsche Zuordnung, was ganz erfrischend sein kann, weil es den Blick für Gottes Wirken frei macht. Keine Endlosigkeit, sondern eine konkrete Aussage über den Verlust des aktuellen Lebens steht im Zentrum. Allerdings gibt es da noch einen Haken, denn dieser Verlust des Lebens hat sehr wohl Konsequenzen – und deshalb spricht Jesus darüber.

Der Ausblick in den Evangelien

Zu Anfang dieses Artikels stand dieser Vers:

«Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.»
Joh 3,16 Rev. Elbf.

Dies ist eine Kernaussage für viele Christen, die damit einerseits die Liebe Gottes für diese Welt zum Ausdruck bringen wollen, andererseits aber auch der Ernst der Ablehnung von Christus (mit allen Konsequenzen) ausmalen. Zuckerbrot und Peitsche. Die Liebe Gottes und der Zorn Gottes. Himmel und Hölle. Ewiges Leben und Ewige Verlorenheit. Aber ist diese Interpretation stimmig mit dem Grundtext und dem Kontext?

Im Kontext der Evangelien hat Jesus einen klaren Auftrag: Er war nur geschickt zu den verlorenen (apollumi) Schafen des Hauses Israels (Mt 15,24). Paulus schreibt später, dass Jesus ein Diener der Beschneidung wurde, um die Verheissungen an die Väter zu bestätigen (Röm 15,8). Hier in Johannes 3 spricht Jesus zu Nikodemus, dem «Lehrer Israels» (Joh 3,10) über das Königreich Gottes (Joh 3,3), welches bei Matthäus auch das «Königreich der Himmel» genannt wird, das mit Jesus ganz nah gekommen war (Mt 4,17), das Königreich welches Daniel in Visionen bereits voraus sah, als der Gott des Himmels ein Königreich unter allen Himmeln aufrichten wird (Dan 2,44Dan 7,27). Dies ist das messianische Reich, von dem die Propheten sprachen. Nikodemus steht dem Messias gegenüber und dies ist das Gesprächsthema. Darin wird nun gesagt:

«… damit jeder, der an ihn glaubt,
nicht verloren geht,
sondern ewiges Leben hat»

 Zu «glauben» ist hiernach der Schlüssel dazu, ob man «verloren geht» oder «ewiges Leben» hat. Es sei nur noch zu verstehen, was mit «glauben», «verloren gehen» und «ewiges Leben» im Kontext gemeint ist.

Nicht verloren gehen – der berühmte Vers

Der bekannte Vers in Johannes 3,16 kann nur im eigenen Kontext richtig verstanden werden. Was steht eigentlich geschrieben?

  1. jeder der an ihn glaubt…
    Dies wird in den vorherigen Versen erklärt: «So wie Mose die Schlange in der Wildnis erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden, damit jeder, der an Ihn glaubt, nicht umkomme, sondern äonisches Leben habe» (Joh 3,14-15 KNT). Die Israeliten, wenn von den Schlangen gebissen, mussten einzig auf die bronsene Schlange schauen, damit Sie am Leben blieben (4Mo 21,9). Es war keine eigene Leistung, sondern sie mussten ihre Blicke und Erwartung auf die bronsene Schlange richten. Das war die von Gott gegebene Lösung, um am Leben zu bleiben. Von diesem Vergleich geht es nahtlos in den bekannten Vers hinüber. Auch hier geht es um Leben oder Tod: Jeder der glaubt, wird nicht umkommen (gr. apollumi), sondern ewiges (gr. aionios) Leben haben.
  2. nicht verloren gehen…
    Dies wurde nun ausführlich begründet: Es geht hier um ein «umkommen», bzw. sterben. Das Resultat ist der Tod. Wer Tod ist, kann am messianischen Reich keinen Anteil haben.
  3. ewiges Leben…
    Der Unterschied zwischen diesem Zeitalter und dem zukünftigen messianischen Zeitalter ist ein wiederkehrendes Thema in den Evangelien. Keineswegs ging es hier um ein endloses Leben, sondern um das Leben des zukünftigen Zeitalters, wie zum Beispiel in folgendem Abschnitt: «Dann begann Petrus Ihn zu fragen: «Siehe, wir haben alles verlassen und sind Dir gefolgt: Was wird wohl unser Teil sein?» Jesus entgegnete ihm: «Wahrlich, ich sage euch: Da ist niemand, der sein Haus, Brüder oder Schwestern, Vater oder Mutter, Frau oder Kinder oder Felder Meinetwegen und wegen des Evangeliums verlassen hat, der dies nicht hundertfältig wiedererhält: nun, in dieser Frist, Häuser, Brüder und Schwestern, Mutter und Vater, Kinder und Felder – unter Verfolgungen – und im kommenden Äon äonisches Leben.» (Mk 10,28-30 KNT). Hieraus geht hervor, dass das äonische Leben das Leben des kommenden Äons oder Zeitalters ist. Für Nikodemus, als Lehrer Israels, war dies ein bekanntes Konzept. Teilzuhaben am messianischen Reich war der Ausblick der Propheten. Eine endlose Ewigkeit ist hier völlig fehl am Platz.

Dass dies der richtige Zusammenhang ist, liest sich auch aus anderen Stellen:

«Und als er von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte; auch wird man nicht sagen: Siehe hier! Oder: Siehe dort! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. Er sprach aber zu den Jüngern: Es werden Tage kommen, da ihr begehren werdet, einen der Tage des Sohnes des Menschen zu sehen, und ihr werdet ihn nicht sehen. Und man wird zu euch sagen: Siehe dort!, oder: Siehe hier! Geht nicht hin, folgt auch nicht!

Denn wie der Blitz blitzend leuchtet von einem Ende unter dem Himmel bis zum anderen Ende unter dem Himmel, so wird der Sohn des Menschen sein an seinem Tag. Vorher aber muss er vieles leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht.

Und wie es in den Tagen Noahs geschah, so wird es auch sein in den Tagen des Sohnes des Menschen: Sie aßen, sie tranken, sie heirateten, sie wurden verheiratet bis zu dem Tag, da Noah in die Arche ging und die Flut kam und alle umbrachte.

Ebenso auch, wie es geschah in den Tagen Lots: Sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten; an dem Tag aber, da Lot von Sodom hinausging, regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und brachte alle um.

Ebenso wird es an dem Tag sein, da der Sohn des Menschen offenbart wird. An jenem Tag – wer auf dem Dach sein wird und sein Gerät im Haus hat, der steige nicht hinab, um es zu holen; und wer auf dem Feld ist, wende sich ebenso wenig zurück. Gedenkt an Lots Frau! Wer sein Leben zu retten sucht, wird es verlieren; und wer es verliert, wird es erhalten.»
Lk 17,20-32 Rev. Elbf.

Wie in Johannes 3 geht es auch hier um Pharisäer, die mit Jesus über das Königreich Gottes, dem messianischen Reich sprechen. Es werden Vergleiche gemacht. Wenn das Königreich Gottes kommt, bzw. «in den Tagen vom Sohn des Menschen» (Lk 17,26 vgl. Dan 7,13), wird es ähnlich ablaufen wie in den Tagen Noahs oder in den Tagen Lots. Wer dann nicht gehört hat und den Blick auf den Messias gerichtet hat, wird umkommen (gr. apollumi Lk 17,27Lk 17,29). Wer in diesen Tagen versucht seine Seele anzueignen, wird sie verlieren (gr. apollumi), wer sie aber verliert (gr. apollumi), wird sie zum Leben zeugen. Die Botschaft ist klar: Jesus erzählt den Pharisäern, dass es besser ist, seine Seele (sein Leben) zu verlieren (richtig hinhören: Jesus empfiehlt, die Seele verloren gehen zu lassen!), um dann Anteil am messianischen Leben zu erhalten.

Das Bild was hier allmählich aus den Evangelien entsteht ist ein ganz anderes als meist gelehrt wird. Im Gespräch mit Nikodemus geht es um den Zugang zum messianischen Reich, und wer in diesem Kontext glaubt, wird in den vorangehenden Gerichten nicht umkommen, sondern Anteil am Leben des messianischen Zeitalters erhalten. Wer sich vom Messias abwendet, wird umkommen und am messianischen Leben und Zeitalter keinen Anteil erhalten. Dies ist der Gegensatz. Es geht um Leben und Tod, und darum, wer beim Königreich auf Erden dabei ist. Wenn diese Worte gesprochen werden ist die heutige Gemeinde noch nicht einmal erwähnt worden, geschweige denn eine Aktualität. Eine Verknüpfung mit dieser Zeit und einem ewigen Geschick aller Menschen steht für Jesus und Nikodemus nicht zur Diskussion – und sollte es auch für uns nicht stehen.

Es geht um Leben und Tod, und darum, wer beim Königreich auf Erden dabei ist.

Der Ausblick in den Briefen

Das Wort «verloren gehen» wird massgeblich von den Evangelien her interpretiert. Die Verknüpfung mit einer unbestimmten Ewigkeit und die Abänderung von einem Verb zu einem Nomen waren sehr ungeschickt, wie wir bereits gesehen haben. In den übrigen Schriften des Neuen Testaments kommt das Wort noch weitere Male vor. Auch dort lässt es sich nirgendwo mit einem absoluten Endgeschick von Menschen verbinden. Ein Kontrast zwischen «umkommen» und «gerettet werden» ist sehr reell, aber die Bedeutung des umkommens wird nirgendwo auf eine endlose Zeit inklusive ewige Verwerfung, Strafe, Hölle und dergleichen ausgedehnt.

«Denn das Wort vom Kreuz ist zwar denen, die umkommen, eine Torheit;
uns aber die gerettet werden, ist es Gottes Kraft»
1Kor 1,18

Vergleichen wir hier auch eine weitere Stelle, damit wir diese erste Aussage besser verstehen:

«… denn ein Wohgeruch Christi sind wir für Gott bei denen, die gerettet werden und bei denen, die umkommen: den einen ein Geruch aus dem Tod zum Tod, den anderen jedoch ein Geruch aus dem Leben zum Leben
2Kor 2,15-16

Der Kontrast ist zwischen «gerettet werden» oder «umkommen», zwischen «Leben» und «Tod». Hier zeigt sich erneut, dass die Übersetzung von apollumi mit umkommen sehr treffend ist und es nicht über die aktuelle Lebenszeit hinausgeht.

«Wenn aber unser Evangelium auch verhüllt ist, so ist es in denen verhüllt, die umkommen, in welchen der Gott dieses Äons die Gedanken der Ungläubigen blendet, damit ihnen der Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit des Christus nicht erstrahle, der das Abbild des unsichtbaren Gottes ist»
2Kor 4,3-4

In all diesen Bibelstellen klingen die Ansätze aus den Evangelien nach. Speziell in den frühen Briefen von Paulus steht die Erwartung von Christi Wiederkommen lebendig vor Augen. So, wie in den Evangelien das messianische Reich «vor der Tür stand», so sieht auch Paulus das Erscheinen von Christus und der Übergang in eine neue Zeit als konkret bevorstehend.

«Wir ersuchen euch aber, Brüder, betreffs der Anwesenheit unseres Herrn Jesus Christus und unserer Versammlung zu Ihm hin… Dann wird der Gesetzlose enthüllt werden… dessen Anwesenheit gemäss der Wirksamkeit Satans ist, mit aller Kraft, Zeichen und Wundern der Lüge und durch jede Verführung der Ungerechtigkeit unter denen, die untergehen (apollumi), darum, weil sie die Liebe der Wahrheit nicht angenommen haben, um gerettet zu werden. Deshalb wird Gott ihnen eine Wirksamkeit des Irrtums senden, damit sie der Lüge glauben, auf dass alle gerichtet werden…»
2Thess 2,1-12

Die Rettung ist reell, ebenso wie das Untergehen. Beide finden aber hier auf Erden statt und betreffen das aktuelle Leben. Das Resultat ist natürlich sehr verschieden. Wer hier gerettet wird, geht hindurch bis in die neue Zeit («unsere Versammlung zu Ihm hin»), während andere untergehen, «auf dass alle gerichtet werden». Die Gläubigen werden den Blick auf Christus haben und Ihn erwarten. Die übrigen Menschen werden eigene Wege gehen, und durch das Gericht hindurch gehen. So schrieb Paulus bereits vorher den Thessalonichern:

«Da wir aber Söhne des Tages sind, lasst uns nüchtern sein und den Panzer des Glaubens under der Liebe anziehen, samt de Helm, welcher die Erwartung der Rettung ist: Denn Gott hat uns nicht zum Zorn (vgl. Rö 1,18) gesetzt, sondern zur Aneignung der Rettung durch unseren Herrn Jesus Christus, der für uns starb, damit wir, ob wir wachen oder schlummern, zugleich mit Ihm leben. Darum sprecht einander zu, und einer baue den anderen auf, so wie ihr es auch tut.»
1Thess 5,8-11

Es ist viel verloren gegangen

Wenn man die biblischen Zeugnisse sorgfältig durchliest, so scheint viel vom biblischen Zusammenhang verloren gegangen zu sein. Aber es kann wieder gefunden werden. Die Verknüpfung mit «sterben» lässt sich auf Schritt und Tritt im Neuen Testament nachspüren. Gegen den Hintergrund eines bevorstehenden Umbruchs dieser Welt, von dieser Zeit in eine neue Zeit hinein, können wir Ihn entdecken, der für uns starb, damit wir, ob wir wachen oder schlummern, zugleich mit Ihm leben.

So können wir einander zusprechen und alles Weitere Ihm überlassen, der alles bewirkt nach dem Ratschluss Seines Willens (Eph 1,11), denn: «Einer allein ist der Gesetzgeber und Richter, Er, der rettet und umbringen kann» (Jak 4,12).