Einige Christen zeichnen sich durch eine hohe Leidensbereitschaft aus. Nicht, dass sie etwa verfolgt werden, sondern es ist diese Annahme, dass alle Christen verfolgt werden, weil sie eben von niemand verstanden werden. Man leidet «für Christus» und ist deshalb so etwas wie ein besserer Mensch. Unnötig hervorzuheben ist die missliche Lage, worin man sich nur selbst gebracht hat.
Haben Christen ein schweres Los gezogen? Ich denke nicht. Ich denke sogar, dass sie einen grossen Reichtum habe. Das sehen jedoch nicht alle so. Es scheint für einige Gemeinschaften ein frommes Vergnügen zu sein, zum Glauben zu kommen, um dann zu «Leiden für Christus». Wenn man heute den Ausdruck «Leiden für Christus» im Internet sucht, erscheinen dazu viele Beiträge.
Ein schweres Los
Natürlich kann es richtig schwierige Situationen geben, aber das ist häufig nicht der Fall. Es geht um eine religiöse Abwertung des Selbst, wodurch man sich eher selbst erhöht. Es kann von Vorteil erscheinen, sich durch Leidensgeschichten hervorzuheben. So im Sinne: «Ich werde nicht verstanden, also leide ich für Christus». Das erscheint eine fromme Projektion zu sein.
Bei dieser Interpretation der Wirklichkeit wird man Opfer der Ungläubigen, der gottlosen Welt, der anderen Menschen. Wer sich verfolgt sieht, ohne es an Leib und Leben zu sein, hat tatsächlich Probleme. Eine religiös geprägte Opferhaltung ohne realen Grund ist oft nur selbst eingebrockt. Es ist ein gewähltes Leiden, eine religiöse Projektion, die oft aus einer bestimmten Tradition entspringt. Denn ja, es gibt Gemeinschaften, worin dieses selbst heraufbeschwörte Leiden bewusst Teil der Frömmigkeit ist.
Wer auf diese Art leidet, erwartet daraus Vorteile. Man spürt vielleicht besser, wie gläubig und richtig man unterwegs ist. Ist es dadurch eine Art Selbstbestätigung, analog dem Wunsch, «Glaube sichtbar, begreifbar und verständlicher zu machen»? Oder möchte ich damit jemand anders einen bestimmten Eindruck vermitteln?
Diesem Phänomen möchte ich hier etwas Positives gegenüberstellen. In dieser fortlaufenden Betrachtung über den Epheserbrief sind wir jetzt bei Epheser 1,11 angekommen. Dort heisst es:
«In Ihm hat auch uns das Los getroffen, die wir vorherbestimmt sind, dem Vorsatz dessen gemäss, der alles nach dem Ratschluss Seines Willens bewirkt, damit wir zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit seien, die wir eine frühere Erwartung in Christus haben.»
Eph 1,10-11
Was dort steht, ist unser Los. Ist es ein schweres Los? Schauen wir es uns an.
Ein besseres Los
Wenn Paulus im Epheserbrief vom Los spricht, das uns als Gläubige getroffen hat, dann ist das kein schweres Los. Ein Los ist ein neutraler Begriff. Es ist etwas, das ohne Gegenleistung «zugelost» wurde. Es wurde uns zugeteilt «in Ihm», das heisst «in Christus».
Mit den Versen 11 und 12 des ersten Kapitels beschliesst Paulus einen Abschnitt, in dem es fortlaufend um eine Position «in Christus» und dessen Auswirkungen ging. So schrieb der Apostel, dass Gott uns mit jedem geistlichen Segen in Christus segnet (Eph 1,3). Es folgen viele weitere Angaben, die jedoch in diesen letzten Versen zum Abschluss kommen. Noch einmal erwähnt er, dass uns in Christus ein Los getroffen hat. Anschliessend beschreibt er das.
Ein Los ist etwas, womit ein Los gezogen wird. Ursprünglich sind das nur kleine Steine, die für die Bestimmung des Loses genutzt werden. Hier im Text steht kein Los, kein Nomen, demnach kein Gegenstand, sondern es geht um das Verb «zulosen» oder «uns trifft das Los» (gr. kleroō). Es ist das, was uns zugesprochen ist. Indem ein Verb genutzt wird, steht die Tätigkeit zentral und damit der Geber, der uns das zuspricht. Die Segnung der Zusage erhalten wir «in Ihm», also «in Christus». Christus erhielt das Los, und wir erhalten es «in Ihm». Deshalb heisst es «In Ihm hat auch uns das Los getroffen». Auch uns, d.h. Christus erhielt es und in Ihm jetzt auch wir.
«In Ihm hat auch uns das Los getroffen, die wir vorherbestimmt sind.» Da lässt sich nichts Negatives entdecken, sondern vielmehr eine positive Bestätigung, dass Segnung und Reichtum in Christus sind und uns «in Ihm» gegeben wird.
Diese Vorherbestimmung ist «dem Vorsatz dessen gemäss, der alles nach dem Ratschluss Seines Willens bewirkt». Vorherbestimmung bei Paulus wird als Gottes Handeln erkannt. Man kann dafür oder dagegen sein, einer Auserwählung zustimmen oder ablehnen. Nüchternheit gebietet mir, diese Aussagen nicht auf Vorderhand ein- oder auszuschliessen, sondern als Aussagen des Apostels stehen zu lassen. Die Zuversicht des Apostels ist diese: Alles ist in Gottes Hand und auch mit unserem Leben geht er entsprechend seinem Vorsatz um.
Gott hat alles in der Hand
Es scheint überflüssig zu erwähnen, dass Gott alles in Seiner Hand hat. Das ist es leider nicht. Der Gott der Bibel hat Himmel und Erde erschaffen. Zwar gibt es viele Götter, Götzen und dergleichen, aber es gibt diesen einen Gott, der alle anderen übersteigt (1Kor 8,5-6). Er ist der grösste und definitive Unterordner. Das ist keine moralische Bewertung, sondern eine Positionsbestimmung. Er steht über allem. Er hat alles in Seinen Händen und bewirkt alles nach dem Ratschluss Seines Willens. Das ist die Sicht von Paulus. Paulus hat einen allmächtigen Gott, dem er in allem vertraut.
Wenn wir vorherbestimmt sind, dann deshalb, weil Gott alles in Händen hält. Paulus schliesst demnach von der Erkenntnis Gottes auf die zuversichtliche Realität für die Gläubigen. Dieser Gott, der alles in Händen hält, dieser hat uns vorherbestimmt. Wir sind nämlich, schreibt Paulus, vorherbestimmt nach dem Vorsatz Gottes, der alles in Händen hält.
Was Paulus hier schreibt, wird nicht im Detail erklärt oder ausgeführt. Es gibt hier schlicht die Aussage, dass unsere Vorherbestimmung und das Los, welches wir erhalten, einem Vorsatz entspricht. Paulus beschreibt das als den «Vorsatz dessen, der alles nach dem Ratschluss Seines Willens bewirkt». Daraus spricht grosse Zuversicht.
Wenn Gott alles tut und macht, was Er sich vornimmt, was heisst denn das für uns? Das ist die Frage, die Paulus hier hinsichtlich unseres geistlichen Reichtums und Segens beantwortet. Wir können jedoch mehr aus diesem Satz entnehmen: Gott bewirkt alles, und nicht nur etwas, wie Er es sich vorgenommen hat. Daraus lässt sich keine Doppelte Prädestination ableiten, noch eine Verharmlosung dieses Willens. Vielmehr ist Gott der Einzige, der auch tun kann, was Er will.
Evangelikale sind oft Meister in der Verharmlosung. Da liest sich etwa bei Paulus, dass Gott «will», dass alle Menschen gerettet werden (1Tim 2,4). Das wird dann ruckzuck umgedeutet zu einem schwachen «wünschen». Gott «möchte zwar alle Menschen retten, aber er kann es nur bei denjenigen, die so denken wie ich». Der sogenannte «freier Wille» des Menschen erhält dann ein höheres Gewicht als Gottes Wille zur Rettung.
So kommt man dazu, den Gott, der alles bewirkt nach dem Vorsatz Seines Willens, auf die Stufe des Menschen abzuwerten, um gleichzeitig dem Menschen die Last der Ewigen Verdammnis aufzubürden, weil dieser ein «absolut Freier Wille» haben sollte. In den Annahmen so mancher Hölle-Liebhaber ist der Wille des Menschen göttlich und was Gott will, ist nur menschlich. Eine seltsame Umkehr.
Paulus sieht das hier also anders. Gott bewirkt alles nach dem Ratschluss Seines Willens. Das ist die Grundlage für weitere Annahmen und eine feste Grundlage für die Zuversicht des Apostels.
Wozu hat uns das Los getroffen?
In Christus hat uns das Los getroffen, lesen wir in Epheser 1,11. Wozu soll das gut sein und worum geht es? Der Apostel beschreibt das, wenn er sagt:
«Damit wir zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit seien.»
Eph 1,12
Die Zuordnung des Losteils ist nicht so sehr um unseretwillen, sondern um Seinetwillen. Es ist, damit wir zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit seien. Mit anderen Worten: Gott hat Gutes mit uns vor, weil Er die Frucht davon haben will. So ganz uneigennützig ist das nicht. Das Ziel ist gesetzt. Nicht wir, sondern Er ist das Ziel. Göttliche Herrlichkeit ist der Inbegriff für alles Gute, was von Gott kommt.
«Damit wir zum Lobpreis von Gottes Herrlichkeit seien» ist keine geringe Sache. Im Römerbrief hat Paulus hervorgehoben, dass wir von uns aus nicht imstande sind, Gottes Herrlichkeit zu erreichen (Röm 3,23). Wir ermangeln diese Herrlichkeit. Wir haben eine Mangelerscheinung, die man dem Begriff «Sünde» zuordnen könnte.
Hier jedoch, im Epheserbrief, sollten wir «zum Lobpreis von Gottes Herrlichkeit sein». Das ist recht erstaunlich, weil wir von uns aus dazu keine Möglichkeit haben. Wir werden von einer Mangelerscheinung geprägt. Uns fehlt die Herrlichkeit Gottes, diese absolut reine und schwerwiegende Heiligkeit und Würde. Wir können jedoch zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit sein. Das ist auch nicht selbstverständlich, aber möglich durch unsere Position «in Christus».
Man könnte auch sagen, dass Gott es möglich macht, wozu uns die Veranlagung, Kraft und Pracht fehlt. Er macht es möglich «in Christus», und wir erhalten daran Anteil «in Ihm». Los geht’s, weil Gott selbst dazu die Möglichkeit schenkt und Seinen Vorsatz ausführt «in Christus». So haben auch wir Anteil an dieser Entwicklung.
Die frühere Erwartung
«Damit wir zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit seien, die wir eine frühere Erwartung in Christus haben.»
Eph 1,12
Zweimal erwähnt Paulus «wir». Damit wir zum Lobpreis sind, die wir eine frühere Erwartung haben. Das zweite Wir schliesst beim ersten Wir an. Es ist wie eine Erweiterung, eine erweiterte Erklärung. Wir sind zum Lobpreis, weil wir es sind, die eine frühere Erwartung haben.
Was dieser Ausblick und Dienst auszeichnet, ist das Wesen einer früheren Erwartung. Es gibt verschiedene Erwartungen in dieser Welt, aber die Gläubigen erhalten eine frühere Erwartung. So könnte man das interpretieren. Es gibt jedoch weitere Interpretationen.
Ein Vergleich mit dem nächsten Vers zeigt, dass sich Paulus dort direkt an die Gläubigen richtet und spricht «auch ihr». Das Wir aus Vers 12 scheint auch ein Kontrast mit dem Auch Ihr aus Vers 13 zu sein. Dafür ist sogar einiges zu sagen. Stimmt das, dann bezieht sich das Wir aus Vers 12 auf Paulus und seine Mitarbeiter, während das Auch Ihr auf die Gläubigen in Kleinasien zutrifft. Paulus hätte dann zuerst von sich selbst und von seiner Position aus gesprochen, um erst danach explizit die Leser des Briefes einzubeziehen. In dem Rest des ersten und auch des zweiten Kapitels wird dies eine Rolle spielen.
Die frühere Erwartung könnte also auf Paulus und vielleicht auf andere jüdische Gläubige zutreffen, die in den nächsten Versen um die Gläubigen aus den Nationen ergänzt wird. Das wird im weiteren Verlauf dieser Betrachtungen noch zum Zug kommen. Vereinfacht könnte man jedoch auch sehen, dass die Gläubigen darauf vertrauen, dass Christus zurückkommt und deshalb speziell für die Gläubige eine frühere Erwartung als für den Rest der Welt gilt. Es ist die Erwartung des Heils, die zuerst für die Gläubigen zutrifft.
Vertiefung
- Welche Aussagen aus Epheser 1,11-12 sind Dir neu?
- Welche Themen kannst du in diesen Versen erkennen?
- Welche Begriffe oder Aussagen möchtest du weiter prüfen?
- Müssen Christen Leiden, weil sie ein hartes Los haben?
- Was denkst du über Verfolgung und Leiden? Diskutiere!
- Gehört Leiden zum Leben, zum Glauben, oder einfach zu beiden?
- Gibt es Vorteile, wenn man leidet? Sollte man eine Todessehnsucht entwickeln?
- Spricht Paulus in diesem Abschnitt über das Leiden?
- Wenn Paulus über ein Los spricht, was meint er damit?
- Frage mal andere Menschen, ob sie eine Erwartung für Ihr Leben haben und welche? So kann man leicht ins Gespräch kommen.
- Musst du alles wissen, was Gott tut, um «sicher» zu sein? Wie sieht das Paulus (vgl. Röm 11,33-36)?

