Glaube wird immer wieder mit Wissen verwechselt. So, als müsse man Theologe oder Bibellehrer sein, um «richtig glauben» zu können. Man sollte Lehren und Interpretationen zustimmen, sich vielleicht sogar auf eine bestimmte Art kleiden, sich angepasst verhalten und mehr solcher Dinge. Das muss man alles wissen: Bibel, Verhaltensregeln, Ansichten. Aber stimmt das eigentlich?

Es kann ziemlich verwirrend sein, wenn man aus lauter Neugierde sich einmal in eine Kirche oder Gemeinde hinsetzt oder an einer Bibelgruppe teilnimmt. Selbstverständlich hat jede Gemeinschaft eine eigene Prägung, aber was sollte man tun, wenn man gar nichts versteht, von dem was da vorne abläuft?

Was Glaube ist

Glaube ist dem Wesen nach «Vertrauen». Das wurde in vielen anderen Beiträgen bereits erwähnt. Vertrauen ist jedoch nicht vermeintliches Wissen. Es geht beim Vertrauen nicht um Fakten, nicht um Texte, sondern um eine Ausrichtung des Herzens. Glaube hat, strikt genommen, gar nichts mit Bibelwissen, Verhaltensregeln oder etwas dergleichen zu tun. Glaube ist Vertrauen. Genauer: Glaube ist Gottvertrauen. Der Rest ist bloss Ausschmückung.

Das Geheimnis des Glaubens

Paulus spricht zu Timotheus über das «Geheimnis des Glaubens» (1Tim 3,9). Er spricht über die Anforderungen für Menschen, die in der Gemeinschaft eine Rolle erfüllen. Sie sollten «das Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen bewahren». Wer Verantwortung in der Gemeinde übernehmen will, sollte das zu Herzen nehmen.

Zwei Dinge sind hier erwähnt: Erstens wird vorausgesetzt, dass es so etwas wie ein «Geheimnis des Glaubens» gibt. Wer so lebt, als wisse er alles oder müsse alles wissen, verkennt, dass man nicht alles wissen kann und muss. Es gibt ein Geheimnis des Glaubens. Das sollte für jeden klar sein. Nichtwissen ist keine Schande, sondern vielleicht nur die Offenheit, dass es mehr als nur Wissen gibt. Paulus erwähnt das direkt. Dieses Geheimnis des Glaubens ist nicht falsch, weil etwas «unklar» wäre, sondern dieses Geheimnis sollte «bewahrt werden».

Es gibt ein Geheimnis des Glaubens. Das sollte für jeden klar sein.

Das Geheimnis des Glaubens ist eine Realität, die nicht exakt zu bemessen ist. Jeder glaubt für sich (Röm 14,22) und kann nicht alles beschreiben. Keine zwei Menschen denken und glauben identisch. Irreführend wäre auch der Gedanke, dass nur man selbst alles versteht und alle anderen falschliegen. Die Begrenzung des menschlichen Denkens und Glaubens ist gegeben, aber Vollkommenheit wird nicht gefordert. Jeder bleibt vollkommen unvollkommen.

Das Geheimnis des Glaubens wird darin gelebt, dass der unvollkommene Mensch nicht alles weiss, aber alles in Vertrauen seinem Gott überlassen kann. Wer authentisch glaubt, gibt dem Gottvertrauen Raum. Paulus beschreibt das mit den Worten «in einem reinen Gewissen bewahren».

Man sollte sich bewusst sein, dass dieses Geheimnis des Glaubens nicht ein bestimmtes Geheimnis wäre, sondern es betrifft den Glauben selbst. Es ist das Geheimnis «des Glaubens». Das mag etwas schwammig erscheinen, wenn man gerne «weiss, wie Gott und die Welt ticken». Ein Geheimnis des Glaubens steht deshalb in einem Spannungsfeld mit evangelikalen Ideen, dass Glaube «mit der richtigen Lehre exakt definiert werden kann».

Lebendiger Glaube

Das Geheimnis des Glaubens ist nüchtern. Es hat mit der menschlichen Erfahrung des Glaubens zu tun, worin nicht alles zu erklären ist. Dadurch ist Paulus noch kein Mystiker und auch wir müssen Mystik nicht mit diesem Geheimnis verwechseln. Eine «exakte Lehre» gibt es  nicht. In dem Spannungsfeld zwischen Wissen, Erfahrung und Gottvertrauen wächst lebendiger Glaube, ohne sich auf einen Begriff zu fixieren.

Buchstabensuppe

Niemand, der in der Bibel genannt wird, hat «an die Bibel geglaubt». Ein «Bibelglaube» ist ein Phänomen der evangelikalen Bewegung und in der Bibel selbst unbekannt. Das kann man leicht verstehen, denn in der Zeit des Alten oder Neuen Testaments gab es die Bibel in der heutigen Form nicht. Man konnte also nicht «an die Bibel glauben», wie man das heute oft als notwendig beschreibt.

In der Zeit des Alten oder Neuen Testaments gab es die Bibel in der heutigen Form nicht. Man konnte also nicht «an die Bibel glauben».

Trotzdem gab es natürlich schon viele Schriften, bevor sie in eine Bibel zusammengetragen wurden. Etwa zur Zeit Jesu gab es viele Schriften des Alten Testaments. Diese waren jedoch nicht zusammengetragen und «kanonisiert». Dasselbe gilt erst recht für die Bücher des heutigen Neuen Testaments. In der Zeit des Neuen Testaments hat etwa Paulus seine Briefe geschrieben. Er schrieb die Briefe nicht «als Teil der Bibel», sondern es sind einfache Briefe, an Personen oder Glaubensgemeinschaften gerichtet. Erst später hat man den Wert erkannt und sie als Zeugnis in den Kanon der Bibel aufgenommen. Das war lange, nachdem die Briefe geschrieben wurden.

Obwohl es die Bibel so nicht gab, wie wir die heute kennen, haben viele Gläubige genau auf die verfügbaren Schriften geachtet. Man hat gelernt und erkannt, dass man den Zeugnissen vertrauen konnte. Aber nicht nur das. Religiöse Menschen sind manchmal ganz menschlich und gesetzlich im Denken. Man könnte sogar eine Fixierung auf Buchstaben und eine bestimmte Interpretation entwickeln, die man für «unfehlbar» hält. Paulus warnt etwa:

«Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.»
2. Korinther 3,6

Diese Aussage steht selbstverständlich nicht in einem luftleeren Raum. Paulus berichtet direkt aus seiner Erfahrung. Man kann nicht einfach nur diesen Text zitieren und gleichzeitig meinen, der Kontext spielt keine Rolle. Es geht hier nicht darum, dass Buchstaben etwas «Böses» sind, während Geist etwas «Gutes» ist. Paulus spricht im Kontext darüber, dass er und die mit ihm «Diener eines neuen Bundes wurden». Geist und neuer Bund gehören zusammen, sowie Buchstabe und alter Bund zusammengehören. Es geht um den Dienst und die Änderung darin.

Der Buchstabe tötet

Liest man die Briefe des Apostels aufmerksam, sieht man immer wieder die Auseinandersetzung zwischen der frohen Botschaft, welche Paulus verkündigt, und religiösen Gepflogenheiten und Annahmen, die es in der jüdischen Religion damals gab. Das ist jedoch keine Verteufelung von allen jüdischen Menschen noch aller ihrer Ansichten. Paulus geht es um eine Änderung, die stattgefunden hat. Der Kontrast, den er herausarbeitet, soll dazu dienen, die neue Ausrichtung zu erfassen.

Paulus stellt fest, dass seine Botschaft nicht von Buchstaben lebt, sondern von Geist. Es ist etwas Neues entstanden. Er nutzt dafür eine Bildsprache, um einen Kontrast herauszuschälen. Die Bildsprache umfasst die Begriffe «Buchstaben» und «Geist». Die Änderung ist das, worauf er hinweist.

Hier ist der Kontrast: Der «Dienst der Buchstaben» ist die, welche «in Stein gefasst wurde», was eine Anspielung auf die beiden steinernen Tafeln ist, die Mose auf dem Berg für das Volk Israel empfangen hat (2Mo 19-20). Der Kontrast ist zwischen diesem Gesetz und der Gnade der Verkündigung. Man sollte mit diesen Begriffen nicht oberflächlich umgehen. Auch das Gesetz ist nicht böse. Das Gesetz ist «heilig, gerecht und gut» (Röm 7,12). Aber die Anweisungen von Mose hatten nicht das Ziel, vollkommen zu machen. Wer das probiert, entdeckt, dass das Gute (1Tim 1,8) das Gegenteil bewirkt, sogar Tod (Röm 7,7-10).

Wenn der Buchstabe tötet, dann nur, weil es das Gesetz betrifft und dieses gerade dazu gegeben war, die Unzulänglichkeit des Menschen zu beweisen (Röm 3,19).

Wer das Befolgen von bestimmten Vorstellungen, den Glauben an Buchstaben oder Ähnliches vergöttert, landet in Problemen. Die Gnade, welches das Merkmal von Paulus’ Verkündigung ist, spricht eine andere Sprache. Gnade befreit. Eine «Buchstabensuppe» kann das nicht. Die Vergöttlichung der Bibel ist weder Ziel noch Vorgabe und gewiss keine Lösung.

Man muss nicht Theologe werden

Glaube ist nicht von einem Studium abhängig. Weder von einer theologischen Ausbildung noch von einem Bibelstudium. Beides kann sinnvoll und bereichernd sein, aber es macht den Glauben nicht besser, nur weil man mehr Wissen ergattert.

Glaube ist Vertrauen und Wissen ist kein Ziel. In allem benötigt es die Kunst der Differenzierung, oder, wie Paulus es beschreibt:

«Dass eure Liebe noch mehr und mehr überströme in Erkenntnis und aller Einsicht, damit ihr prüfen möget, was das Bedeutungsvollere sei.»
Phil 1,9-10

Keine Extreme

Es benötigt keine Extreme, damit man glauben kann oder darf. Ein Extrem wäre es, dass man unbedingt an diese oder jene Lehren festhalten muss, man sich in dieser oder jener Kultur festbeissen muss, damit man anerkannt oder geliebt wird. Eine andere extreme Position wäre es, wenn gar keine Angaben gelten sollten, als ginge es nur um «Geist», was launenhaft und schwammig für alles stehen kann, woran man selbst gerade glaubt. Wer in christlichen Kreisen stets nur «Geist» propagiert, meint damit vielleicht so etwas wie «spirituell nach meinem Geschmack». Wer prüft, findet einen Weg zwischen den Extremen. Es ist nicht alles schwammig und ungreifbar einerseits, aber andererseits lässt sich auch nicht jedes Detail definieren.

Wer Extreme vermeidet, vermeidet auch Manipulation. Keiner muss glauben, was dieser oder jener sagt. Das wäre abwegig. Viel gesünder erscheint es, wenn man allein oder mit anderen sich auf den Weg macht, herauszufinden, was Sinn ergibt.

Glaube dreht sich nicht um Wissen oder Erkenntnis. Glaube steht für sich. Wer glaubt, der steht in einer Beziehung. Wer lebendig ist, streckt sich nach Lebensbestätigung aus. Das kann für den einen so und für den anderen anders aussehen. Einige werden sich intensiv mit der Bibel, andere mit etwas anderem auseinandersetzen. Das eine ist nicht besser als das andere. Der eine Christ ist nicht besser als der andere Christ. Glücklich ist, wer sich seiner Einschränkungen bewusst ist und sich dennoch nach Gott ausstreckt. Im Miteinander erkennt man deutlich mehr (Eph 3,18-19).

Der Nutzen der Bibel

Wer sich nur mit sich selbst und seinen Ideen auseinandersetzt, pflegt so etwas wie eine Nabelschau. Man kommt nicht zu neuen Einsichten. Die Auseinandersetzung mit der Bibel bricht jede Nabelschau offen, indem wir mit anderen Menschen und ihren Zeugnissen konfrontiert werden. In der Bibel steht nicht der Mensch, sondern Gott zentral. Wir können Neues lernen, wenn wir uns mit der Bibel auseinandersetzen.

Das Ziel

Sich mit der Bibel auseinanderzusetzen, ist eine Bereicherung. Nicht, weil es um Wissen geht, sondern weil diese Auseinandersetzung uns zu positiven Änderungen befähigt.

«Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke völlig geschickt.»
2Tim 3,16-17

Paulus sprach von «alle Schrift» und meinte damit die ihm bekannten Schriften. Das wäre, was wir heute in etwa als das Alte Testament kennen. Diese Schrift ist «von Gott eingegeben» (gr. theopneustos oder gottgehaucht). Sie ist auch nützlich zur Belehrung, Überführung und Zurechtweisung sowie zur Unterweisung in der Gerechtigkeit. Das alles hat ein Ziel, nämlich, damit der Mensch Gottes (der Gläubige) vollkommen sei, nämlich «zu jedem guten Werke völlig geschickt». Mit anderen Worten: Die Bibel macht für eine positive Lebenshaltung und pragmatische Sicht auf diese Welt fit.

Die Bibel macht für eine positive Lebenshaltung und pragmatische Sicht auf diese Welt fit.

Es gibt aber mehr.

«Denn alles, was zuvor geschrieben ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, auf daß wir durch das Ausharren und durch die Ermunterung der Schriften die Hoffnung haben.»
Röm 15,4

In der Bibel lesen wir von Menschen in schwierigen Umständen. Das sind Vorbilder. Sie haben ausgeharrt. So gibt es durch Ihr Zeugnis, das wir in der Bibel lesen, so etwas wie Hoffnung. Lesen wir von den Zusagen Gottes, können wir Erwartung und Zuversicht entwickeln.

Lesen wir von Zusagen Gottes, können wir Erwartung und Zuversicht entwickeln.

Das Schlüsselwort für die Zukunft ist «Zuversicht». Gerade, wenn man entdeckt, dass Gott einst alles wieder zu sich zurückführt (Röm 11,33-36), kann man Mut für den Alltag fassen. Dieser Ausblick kann unser Leben beflügeln. Auch der heutige Tag liegt auf dem Weg zu dieser Zukunft Gottes. So prägt die Bibel eine Aussicht, Zuversicht und Ausblick auf das Leben.

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