Im Epheserbrief beschreibt Paulus den Inhalt des Glaubens für die Gemeinden. «Den Inhalt»? Man sollte etwas vorsichtig sein mit der Bezeichnung «den Inhalt» und «des Glaubens», als sei das eine fixierte Grösse und war schon immer gleich. In der Zeit des Neuen Testaments hat sich gerade erstaunlich viel zugetragen. Kreuz und Auferstehung und etwas später das Erscheinen eines neuen Apostels mit einem Auftrag für die nichtjüdischen Völker haben viele Annahmen auf den Kopf gestellt.
In diesem Studium im Epheserbrief sind wir im ersten Kapitel zu Vers 15 gekommen. Dort heisst es:
«Deshalb ist es, dass auch ich – da ich von dem euch angehenden Glaubensgut in dem Herrn Jesus höre (auch dem für alle die Heiligen), dass ich nicht aufhöre, für euch zu danken …»
Eph 1,15
Paulus beginnt mit «Deshalb …». Eindeutig knüpft er beim vorher Gesagten an. Das ist etwa beim erwähnten Segen aus Epheser 1,3 oder bei der Aussage: «In Ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung, hört» (Eph 1,13). Es gibt für die Zuhörer viel Gutes. Paulus spricht darüber.
Dieser Vers leitet auch ein Gebet ein. Was Paulus für die Gemeinden erkannte, führt hier zu Dank (Eph 1,15-16). In den nächsten Versen erkennen wir das Anliegen des Apostels. Nicht nur musste und wollte er etwas mitteilen, sondern die Botschaft soll auch zu etwas hinführen. Was das ist, verpackt er in einem Gebet, welches hier enthalten ist.
Wer ist hier angesprochen?
Paulus schrieb an Gemeinden, die er kannte. Obwohl der Zusatz «in Ephesus» in den ersten Handschriften fehlt und erst später hinzugefügt wurde, kann man annehmen, dass dieser Rundbrief in vielen Gemeinden in Kleinasien (der heutigen Türkei) gelesen wurde. Als Apostel der Nationen (Röm 11,13) spricht er da vorwiegend Menschen aus den nichtjüdischen Völkern an (Eph 2,11; Eph 3,1). Fast überall gab es auch Juden in der Gemeinde, die auf das Evangelium der Gnade, welches Paulus verkündete, eingegangen sind. Die Gemeinden sind deshalb in der Zusammensetzung gemischt. Dabei gab es immer wieder Auseinandersetzungen über das Befolgen traditioneller jüdischer Gepflogenheiten, insbesondere, wenn die aus der Tenach, dem Alten Testament, für Israel galten. Man bedenke, dass Gott sich mit Israel auseinandergesetzt hat, während die Nationen sich selbst überlassen wurden (Apg 14,16). Wenn jetzt die Nationen von dem Apostel der Nationen berufen werden, entstehen Fragen. Keiner hat dies kommen sehen. Was bedeutet diese Änderung? Bislang hatten Nationen-Gläubige nur die Möglichkeit, sich als Proselyten dem Volk Israel anzuschliessen. Gerade in dieser Hinsicht hat sich etwas geändert.
Im zweiten Kapitel des Epheserbriefes beschreibt Paulus die Situation für die Nationen, dass sie
«Ohne Christum waren, entfremdet dem Bürgerrecht Israels, und Fremdlinge betreffs der Bündnisse der Verheissung, keine Hoffnung habend, und ohne Gott in der Welt.»
Eph 2,12
Sogar für die ersten Gläubigen dürfte dieser Eindruck noch gegolten haben. Es wurde kein Schalter umgelegt («Jesus ist gestorben und auferweckt, deshalb ein grosses Halleluja, weil wir jetzt direkten Zugang zu Gott haben»), sondern es war ein Prozess, in dem immer wieder Fragen auftauchten. Die Selbstverständlichkeit, mit der Christen heute einen «direkten Draht» zu Gott haben, war in der Zeit der Apostel unbekannt. Das musste erst noch geklärt werden. Israel und die Nationen waren bis dahin sehr unterschiedlich. Die Apostelgeschichte und die Briefe lassen uns an diesen Fragen und dieser Entwicklung teilhaben.
Paulus hat sich wiederholt mit der Bedeutung von Beschneidung und Gesetz (Thora) in der Gemeinde auseinandergesetzt. Restlos geklärt wurde nicht alles, bis … wir im Epheserbrief ankommen. Dies ist einer der letzten Briefe des Apostels. Hier klärt er die Position der Nationengläubige. Paulus schreibt nicht aus unserem Betrachtungswinkel, sondern steht auf der Linie einer Entwicklung, wenn er diesen Brief schreibt oder diktiert.
Wir/uns
Paulus schreibt von «wir» oder «uns» in folgenden Versen:
Eph 1,3 «Gesegnet sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns … segnet.»
Eph 1,4 «so wie Er uns in Ihm … auserwählt hat», «damit wir …»
Eph 1,5 «In Liebe hat Er uns für Sich … vorherbestimmt.»
Eph 1,6 «die uns in dem Geliebten begnadet.»
Eph 1,7 «In Ihm haben wir …»
Eph 1,8 «Gnade, die Er in uns überfliessen lässt»
Eph 1,9 «Er macht uns das Geheimnis Seines Willens bekannt»
Eph 1,11 «In Ihm hat auch uns das Los getroffen …»
Eph 1,12 «damit wir zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit seien, die wir eine frühere Erwartung in Christus haben»
Eph 1,19 «die alles übersteigende Grösse Seiner Kraft, für uns, die wir glauben.»
Eph 2,3 «auch wir alle einst … in den Begierden unseres Fleisches»
Eph 2,4 «Gott aber, … der uns liebt»
Eph 2,5 «die wir den Kränkungen und Begierden gegenüber tot sind»
Ihr/Euch
Paulus schreibt von «ihr» oder «euch» in folgenden Versen:
Eph 1,13 «In Ihm seid auch ihr …»
Eph 1,14 «In Ihm seid auch ihr …»
Eph 1,15 «da ich von dem euch angehenden Glaubensgut höre»
Eph 1,16 «dass ich nicht aufhöre, für euch zu danken.»
Eph 1,17 «dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus … euch geistliche … gebe.»
Eph 1,18 «Nachdem die Augen eures Herzens erleuchtet wurden», «damit ihr wisst …»
Eph 2,1 «Auch euch, die ihr tot seid euren Kränkungen und Sünden gegenüber»
Eph 2,2 «in denen ihr einst wandeltet»
Eph 2,5 «in der Gnade seid ihr Gerettete.»
Zusammen
Liest man sorgfältig über die Unterscheidung von wir/uns und ihr/euch, fällt das zunächst nicht auf. Man kann sich die Änderung verschieden erklären. Im zweiten Kapitel jedoch liest man von zwei Gruppen, die nicht weiter erklärt werden, aber die nun «zusammen» in einer neuen Realität landen.
Eph 2,5 «Er macht uns zusammen lebendig in Christus (in der Gnade seid ihr Gerettete), Er erweckt uns zusammen und setzt uns zusammen nieder inmitten er Überhimmlischen in Christus.»
Im Konkordanten Neuen Testament ist das erste «zusammen» hervorgehoben, ebenso «auch euch» (Eph 2,1) und «auch wir» (Eph 2,3). Worauf weist der Text hin?
Unterscheiden, was anders ist
Wenn man zu rekonstruieren versucht, weshalb Paulus bestimmte Dinge schreibt, ist das eine Entdeckungsreise. Wir stehen rund 2000 Jahre nach Paulus auf dieser Welt und müssen uns erst in die Situation des Apostels einfühlen. Die Unterschiede, welche er in seinem Brief macht, etwa zwischen wir/uns und ihr/euch, fallen vielleicht nicht auf, bis der Begriff «zusammen» erscheint. Dort kann man fragen, um welche zwei Gruppen es geht. Weshalb betont Paulus das?
Paulus richtet sich in seinem Brief an Gemeinden. Er richtet sich nicht an die Welt ausserhalb der Gemeinden. In seinem Brief spricht er nicht über Ungläubige, sondern über verschiedene Gruppen in der Gemeinde. Das wäre heute undenkbar, aber recht logisch in der Zeit von Paulus. Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden wurden in die Gemeinde hineingetragen, weil sie auch ausserhalb galten. Das muss geklärt werden, ebenso wie das Verhältnis zwischen Sklaven und Freien, Männern und Frauen. Was in der Gesellschaft üblich war, wird innerhalb der Gemeinde neu überlegt.
Der Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden hatte nicht nur gesellschaftliche, sondern auch religiöse Relevanz. War Gott nicht mit Israel als seinem Volk unterwegs? War Beschneidung nicht ein Zeichen des Bundes Gottes mit diesem Volk? Logisch, dass Fragen nach der Beschneidung und anderen Dingen gestellt wurden. Paulus ist bemüht, den Menschen zu erklären, dass Beschneidung in der Gemeinde keine Bedeutung hat (Gal 6,15).
Wie liest sich jetzt Epheser 1,15? Wenn er dort über «euch» schreibt, ist das die ganze Gemeinde in Kontrast zu Paulus, dem Schreiber, oder richtet er sich an eine Gruppe innerhalb der Gemeinde?
Das euch angehende Glaubensgut
Paulus spricht von einem Glaubensgut, einem Glaubensinhalt oder einem Glaubensgegenstand. Das ist bedeutsam und keinesfalls so selbstverständlich, wie man das heute vielleicht annimmt. Etwas davon kann man erahnen, wenn man die vorhergehenden Verse betrachtet:
«In Ihm hat auch uns das Los getroffen.»
Eph 1,11
Hier scheint es klar um die Gemeinde gesamthaft zu gehen. Paulus schreibt ab Epheser 1,3 über «uns». Da bezieht er alle ein. Das gilt auch noch in Epheser 1,11. Danach jedoch gibt es eine Änderung:
«Damit wir zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit seien, die wir eine frühere Erwartung haben.»
Eph 1,12
Was ist die frühere Erwartung? Was ist der Vergleich? Wer hat eine spätere und wer eine frühere Erwartung? Hier gibt es keine Angaben im direkten Kontext. Vielleicht verweist dies nach Eph 1,10? Dann ist der Gegensatz zum ganzen All. Die Gemeinde hat eine frühere Erwartung als das gesamte All, das später dran kommt (Eph 1,23). Oder gilt die frühere Erwartung für die Gemeinde aus allen Nationen, die Paulus hier anspricht, im Gegensatz zu Israel? Dann hat die Gemeinde eine frühere Erwartung als Israel.
Dann aber spricht Paulus nicht weiter über «uns», sondern über «euch»:
«In Ihm seid auch ihr, die Ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung hört – in Ihm seid auch ihr, die ihr glaubt, versiegelt …»
Eph 1,13
«Deshalb ist es, dass auch ich – da ich von dem euch angehenden Glaubensgut in dem Herrn jesus höre (auch dem für alle die Heiligen), …»
Eph 1,15
Interessant ist, dass Paulus hier von dem euch angehenden Glaubensgut spricht, während er gleich danach betont, dass es auch für alle die Heiligen gilt. Da scheint ein Kontrast vorzuliegen. «Euch» ist nicht gleich «alle». Euch gehört zu allen, aber ist nicht dieselbe Menge. Wen könnte Paulus hier meinen und weshalb betont er das?
Paulus wollte hier etwas deutlich machen, worüber er im weiteren Verlauf des Briefes noch weiteres schreibt. In Epheser 1,15 beginnt der Apostel mit Dank und Gebet. In Kapitel 2 und 3 geht er ausführlicher darauf ein. Dort erklärt er «das Geheimnis des Christus, das in anderen Generationen den Söhnen der Menschen nicht bekanntgemacht wurden» (Eph 3,4-5). Welches ist das Geheimnis? «Im Geist sind die aus den Nationen gemeinsame Losteilinhaber und eine gemeinsame Körperschaft und gemeinsame Teilhaber der Verheissung in Christus Jesus durch das Evangelium, dessen Diener ich (= Paulus) geworden bin.» (Eph 3,6-7).
Jeder noch ungeklärter Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden in der Gemeinde wird hier aufgehoben. In Christus sind die aus den Nationen gemeinsame Losteilinhaber, eine gemeinsame Körperschaft und gemeinsame Teilhaber der Verheissung. Mit wem? Selbstverständlich mit den jüdischen Gläubigen in der Gemeinde. Hier, in diesem späten Brief des Apostels, wird das erstmals so ausführlich geklärt.
Dies ist «das euch angehende Glaubensgut», womit Paulus sich vermutlich direkt an die nichtjüdischen Gläubigen wendet, ohne das im ersten Kapitel explizit zu erwähnen. Er macht jedoch klar, dass es gleichzeitig das Glaubensgut für alle die Heiligen betrifft. Solches wird in den nachfolgenden Kapiteln weiter erklärt und vertieft.
Grund für Danksagung
Weil Paulus von diesen Dingen jetzt gehört hat, führt das bei ihm zu Dank.
«Dass ich nicht aufhöre, für euch zu danken und in meinen Gebeten zu erwähnen.»
Eph 1,16
Es erscheint mir so, als hätte Paulus davon gehört, vielleicht durch Offenbarung Jesu Christi (Gal 1,11-12), und dies hat seinen Horizont stark erweitert. Das Herz fliesst in Dank über.
Hat jetzt Paulus die Weichen neu gestellt, damit die Nationengläubige vollwertig in der Gemeinde einen Platz erhalten? Wohl kaum. Er hat bloss verkündet, was ihm erzählt wurde. Vielleicht könnte man eher davon ausgehen, dass Gott selbst, oder Christus, diese neue Gemeinde näher in die Weite der Gnade einführt.

