Manchmal prallen Welten aufeinander. Das geschieht etwa, wenn Menschen mit ganz unterschiedlichen theologischen Ansichten darüber reden, wie man eine Bibelstelle «sehen muss». Das beschäftigt mich immer wieder.
Hier gibt es zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen: universelle und spezifische Auslegung. Eine universelle Auslegung der Bibel lebt aus der Annahme, dass alles immer Gültigkeit hat oder haben muss. Eine spezifische Auslegung differenziert vielleicht und erkennt, dass einige Teile der Bibel speziell für bestimmte Menschen oder eine bestimmte Gruppe sind. Es geht bei einer Differenzierung oft um die Relevanz für diese oder jene Menschen. Dabei erkennt man auch, dass nicht alles von mir selbst spricht.
Universell
Eine universelle Auslegung kann aus einer einfachen Annahme entspringen, wonach die Bibel als Gottes Wort, und deshalb als allgemeingültig gesehen wird. Das ist zwar eine Folgerung, aber die Absicht kann es sein, die gesamte Bibel als Glaubensgrundlage anzunehmen. Wenn man ein positives Gottesbild hat, könnte sich das positiv auswirken. Hat man jedoch das Bild eines fordernden und strafenden Gottes, dessen Gerechtigkeit unberechenbar und dessen Liebe unnahbar ist, dann wird eine universelle Auslegung zu einem universellen Problem. Eine «universelle Auslegung» ist keine Garantie für ein besseres Glaubensleben.
Spezifisch
Eine spezifische, differenzierende Auslegung kennt andere Probleme. Eine systematische Theologie, die Unterscheidungen pflegt, ist der Dispensationalismus. Darin lebt die Annahme, dass Gott zwar immer derselbe ist, aber in verschiedenen Zeiten unterschiedlich handelt. Die heutige Zeit etwa ist von Gnade geprägt, während andere Zeiten etwa von Gericht oder nochmals andere Dinge sprechen.. Unterschiede im Text werden beachtet und die Differenzierung führt zu einem besseren Verständnis von Gottes Wesen und Wirken. Man nennt dies auch «Schriftteilung» in Anlehnung an eine Aussage von Paulus (2Tim 2,15). Ich betrachte diese Sicht als hilfreich, weil sie auf den Text hinweist und klarstellt, dass in Text und Kontext der Schlüssel zum Verständnis enthalten ist. Es gibt aber auch eine mögliche Entgleisung. Die geschieht, wenn man absolute Trennungen zwischen diesen und jenen Schriftteilen macht. Dann redet man vielleicht besser von «Zerschneidung», weil das theologische Verständnis zur absoluten Wahrheit erhoben wird.
Eine andere spezielle, differenzierende Auslegung kann man in der Bibelwissenschaft erkennen, wenn man bestimmte Schriften als «authentisch», andere als «nicht authentisch» definiert. Während eine Auseinandersetzung mit dem Text im grösseren literarischen und kulturellen Kontext hilfreich ist, habe ich auch hier erlebt, dass manche Theologen dieses Verständnis zur absoluten Wahrheit erheben und dadurch selbst nicht mehr authentisch erscheinen.
Drittens kann man den Text auch als Abbild damaliger Glaubenserwartungen und damaliger Kultur verstehen. Nicht alles nämlich wird nur aus Text und Kontext geklärt. Man denke etwa an die Erwähnung von «Jannes und Jambres» (2Tim 3,8), die nirgendwo in der Bibel mehr genannt werden. Nach jüdischer Überlieferung sind es die Namen der ägyptischen Zauberer, die gegen Mose und Aaron antraten. Das scheint ein eindeutiger Hinweis darauf zu sein, dass man nicht nur «Schrift mit Schrift» erklären kann, sondern anderes sehr wohl für ein besseres Verständnis berücksichtigen kann.
Zwei Arten der Differenzierung
Vielleicht ist es hilfreich, danach zu fragen, was man mit dem eigenen Bibellesen bezweckt? Was ist Dein Anliegen, was ist mein Anliegen? Sucht man nur Zuspruch für den Alltag? Möchte man Einblick in Gottes Wesen und Handeln erlangen? Diese und weitere Fragen sind sowohl persönlich als auch in der Gemeinschaft von Bedeutung.
Es gibt demnach zwei Arten der Differenzierung:
- Differenzierung der Bibelbetrachtung besteht neben der
- Differenzierung der eigenen Anliegen.
Beide sind eine Chance zu einem besseren Verständnis. Sie können leider auch als Mittel zur Abgrenzung eingesetzt werden, wonach man sich in den eigenen Elfenbeinturm zurückzieht. Möchte man sich gemeinsam mit der Bibel auseinandersetzen, wäre es vielleicht hilfreich, solche Ansätze bereits im Vorfeld zu klären: Was ist mein Anliegen in der Bibelbetrachtung und was erhoffe ich mir als Resultat?

Zwischen Theologie und Glaube
Ein Schlüssel zu einem differenzierten Verständnis der Bibel muss eine Differenzierung ermöglichen. Was ist wertvoll und weshalb? Das ist eine ganz andere Frage im Theologiestudium als in der Gemeinschaft. Ich selbst neige ebenso zu einer universellen wie zu einer speziellen Auslegung. Ich denke, dass beide Ansätze nützlich sind. Jedem Ansatz gebührt der eigene Platz.
Die Bibel ist universell, wenn ich bereit bin, aus der ganzen Bibel zu lernen. Paulus etwa schreibt an Timotheus, dass «alle Schrift gottgehaucht ist, und nützlich … damit …» (2Tim 3,16-17). Er meinte damit selbstverständlich die Schriften, die damals allgemein von ihm anerkannt waren. Es gab noch keine Bibel, wie wir sie heute kennen. Alle Schrift war nützlich, weil daraus etwas Positives entnommen werden konnte, was den «Menschen Gottes» aufbaut und zurüstet. Die Schrift sieht Paulus als Werkzeug im Leben eines Gläubigen.
Die Bibel ist speziell, indem sie verschiedene Menschen und Menschengruppen über eine lange Zeit anspricht. Differenzierung ist angebracht, weil sich auch die Botschaft ändert, erweitert, neu gestaltet. Beachtet man Entwicklungen, werden viele Bibeltexte verständlicher. Man beginnt, Bibeltexte nicht wahllos auf sich selbst zu beziehen, sondern anerkennt, was im Text enthalten ist.
Beide Ansätze sind hilfreich, wenn man die jeweiligen Grenzen erkennt. Niemand ist damit gedient, dass man radikal Texte von der Betrachtung ausklammert. Dabei spielt es keine Rolle, ob dies aus dispensationalistischen oder bibelwissenschaftlichen Überlegungen heraus geschieht. Wer einfach etwas «wegnimmt», kann dies zwar aus guten Gründen tun, aber verhindert dadurch einen positiven Einstieg. Es lohnt sich nicht, nur das «Nein» auszusprechen, wenn man das «Ja» nicht kennt. Wo soll der Fokus gelegt werden?
Einerseits soll ich keine Bibelteile auf mich beziehen, die ausdrücklich nichts mit mir oder meiner Situation zu tun haben, während ich andererseits ganz allgemein, etwas über Gott und Sein Handeln erkennen kann. «Universell» ist der Ansatz, dass ich aus allem etwas lernen kann, während «speziell» der Ansatz ist, wonach nicht immer alles direkt von mir spricht. Beides ist hilfreich, jedoch auf unterschiedliche Art.
Eine differenzierte Betrachtung soll mir dabei helfen, einerseits aus der ganzen Bibel etwas lernen zu können, während ich andererseits erkenne, dass nicht alles mit meiner Situation zu tun hat. Der Grundsatz gesunder Bibelbetrachtung ist dieser:
«Alles ist zwar für mich, nicht alles jedoch spricht von mir.»

