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Abraham’s Bibel

Wissen Sie, wie man Christen echt irritieren kann? Wenn man nach Abraham’s Bibel fragt. Damit ist gemeint: Die Bibel, die Abraham benutzte. Und diese Frage irritiert, weil Abraham gar keine Bibel hatte. Für die einen ist die Frage also absurd, aber für mich ist sie sehr relevant.

Die Frage nach Abraham’s Bibel ist wesentlich eine Frage nach unserem Glaubens- und Bibelverständnis. Denn heute ist es klar, dass sich unser Glaube aus der Bibel ernährt. Stehen wir in der Tradition der Reformation, dann sind Ausdrücke wie «Sola Scriptura» (lat. nur die Schrift) Grundlage des Glaubensverständnisses. Natürlich wurden solche Aussagen in einem bestimmten geschichtlichen Kontext gemacht. Sie haben jedoch nachhaltig das Glaubensverständnis bis auf den heutigen Tag geprägt.

Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen: Glaube gibt es für viele Christen nicht losgelöst von der Bibel. Im Extremfall sogar gibt es «richtigen» und «falschen» Glauben, je nachdem, welche Lehre man anhängt. Manche Menschen tauchen immer tiefer in die Schrift ein und verlieren sich in einer Ansicht, wonach Gott und Bibel fast austauschbar sind. Man glaubt an die Bibel, statt an Gott. Deshalb ist die Frage nach Abraham’s Bibel so wichtig. Denn Abraham hatte gar keine Bibel. Trotzdem nennt ihn Paulus «unser aller Vater», wenn er über verschiedene Ansichten über die Bedeutung des Gesetzes innerhalb von Israel spricht. Abraham vereint eben die, welche genau nach dem Gesetz leben und ebenso die, die aus Glauben leben. Beides ist nämlich nicht so relevant wie Gottes Verheissung die darunter liegt (Röm 4,16).

Abraham kümmerte sich um all diese Überlegungen nicht ins Geringste – er kannte sie nicht. Seine Geschichte zeigt, was der Kern des Glaubens ausmacht – und es ist nicht die Bibel als Buch. Glaube lässt sich ohne Gesetz leben, und ganz ohne «Religionszugehörigkeit». Das sollte man einmal in Ruhe auf sich einwirken lassen. Damit meine ich nicht, dass alle Religionen dasselbe aussagen, sondern nur, dass Glaube in der Bibel dort anfängt, wo ein Mensch sich auf Gott vertrauensvoll einlässt. Das hat nichts mit Dogmatik zu tun und nichts mit der Zugehörigkeit zu einer Institution. Es hat nicht einmal etwas damit zu tun, ob man Jude oder Christ ist. Ebensowenig hat es etwas damit zu tun, was ich alles damit in Verbindung bringe – Lehren und Sonderlehren, religiöse Praktiken, usw.

Es ist erstaunlich, aber Abraham kam ganz ohne Bibel aus (Ich höre einen Aufschrei: Unmöglich!). Es ist ausserdem nicht überliefert ob er tägliche «Stille Zeit» hielt (Empörung!). In die Synagoge oder Kirche ging er ebenfalls nicht (Unerhört!). Was wir sicher wissen ist, dass er weder Jude noch Christ war, denn diese Religionen kamen erst viel später. Abraham war also jemand, der keine Bibel hatte, weder Jude noch Christ war und trotzdem sprach Gott mit ihm. Und Abraham? Abraham glaubte Gott und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet (1Mo 15,6). Von Reglementen und Kirchenordnungen war da nicht die Rede, und all dies geschah noch bevor er beschnitten wurde. Abraham passt so gar nicht in die heutigen Schemen rein.

Abraham hatte einen Glauben, aber dieser Glaube gestaltete sich ganz anders als wir das heute vielleicht verstehen. Oder ist es vielleicht umgekehrt? Kann es sein, dass die Art wie Abraham einfach «Gott glaubte» (vgl. Apg 27,25) und Seine Worte ernst nahm, die eigentliche Grundlage für jedes weitere Glaubensverständnis ist? So zumindest referiert Paulus daran.

Da gibt es noch ein theologische Problem für heutige Evangelikale. Abraham hatte Jesus nie gekannt. Ist das nicht verstörend? Ist Abraham nun gerettet? Denn darum geht es heute vielen, dass man sich für Jesus entscheidet und dann gerettet wird. Armer Abraham. Er konnte gar nichts von Jesus wissen. Strikt genommen wäre er nach der Himmel- und Hölle-Lehre in einer fiktiven Ewigkeit nicht dabei. Vielleicht darf Abraham hoffen, dass man für ihn ein paar Sonderregelungen erfunden hat? Das aber wäre eher tragisch – nicht für Abraham, sondern für die gerade genannte Theologie. Denn Abraham wird nach einer Aussage von Jesus sehr wohl dabei sein (Mt 8,11). Wenn solche Ungereimtheiten in der Bibel auffallen, folgt daraus nicht vor allem, dass das eigene Glaubensverständnis vielleicht zu eng geknüpft war?

Abraham hatte also keine Bibel. Zum Glück aber hat die Bibel Abraham.

Abraham hatte also keine Bibel. Zum Glück aber hat die Bibel Abraham. Seine Geschichte schenkt Weitblick. Es geht bei dieser Betrachtung auch darum, unseren Weg in dieser Welt zu finden. Häufig sehen Christen auf Andersglaubende herab. Gewiss gibt es da Menschen, die unsere Ansichten nicht teilen. Es gibt aber auch Leute, die nicht in unserem Reli-Club daheim sind, die vielleicht einiges oder vielleicht vieles ganz anders sehen, die aber ebenfalls einen aufrichtigen Glauben pflegen. Aufrichtig nämlich vor Gott. Und die Beurteilung kann ich getrost in Seinen Händen lassen.

Ganz ähnlich kann ich heute Menschen anderer Religionen ganz offen und neugierig begegnen. Vielleicht treffe ich ein echtes Gottvertrauen an, obwohl ich die Ansichten des Gegenübers nicht teile. Früher hielt ich das nicht für möglich. Heute weiss ich, dass es tatsächlich echte Begegnungen gibt. In das Herz des Gegenübers kann ich nicht schauen, aber ich kann dem Anderen zumuten, dass er wie Abraham bei Nacht aus dem Zelt tritt, eingeladen von Gott, dass er hinaufschaut und Gott vertraut.

«Und er führte ihn hinaus und sprach: Blicke doch auf zum Himmel, und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst! Und er sprach zu ihm: So zahlreich wird deine Nachkommenschaft sein! Und er glaubte dem HERRN; und er rechnete es ihm als Gerechtigkeit an.»
1Mo 15,5-6

 

Vertiefung

  • Woraus bestand der Glaube von Adam und Eva? Glaubten sie? Was für einen Glauben war denn das?
  • Was macht es heute einfacher zu glauben? Was macht es schwerer?
  • Welche Bedeutung hat die Bibel für Dein Glaubensverständnis?
  • Paulus glaubt Gott (Apg 27,25). Vergleiche seine Aussage mit der über Abraham in 1Mo 15,6. Siehe auch den Beitrag «Ich vertraue Gott».
  • Bin ich frei, Andersgläubige zuerst als Mensch und wahrhaft zu begegnen?

 

Bildnachweis:
Ephraim Moses Lilien, 1908. Wikimedia Commons.