Wie müssen wir beten? Die Jünger fragten dies während der sogenannten Bergpredigt, und Jesus lehrte sie das «Vaterunser» (Mt 6,9-13). Das war vor dem Kreuz. Wie ist das heute? Sollten wir beten wie Paulus, der erst nach der Auferstehung zu predigen beginnt?

Vor dem Kreuz

Jesus lehrte, nicht so zu beten wie die Heuchler (Mt 6,5). Er erläutert, dass diese sich selbst feiern und öffentlich auftreten, damit andere Menschen sie als besonders fromm und gläubig anschauen. Das Vaterunser ist dagegen schlicht, kurz und entspricht der Botschaft von Jesus, womit er sich an das Volk Israel wandte (Mt 15,24). Nichts spricht davon, dass hier die heutige Gemeinde gemeint sei. Die entsteht erst viel später. Jesus spricht zu Israel, über die Verheissungen an Israel (Röm 15,8), betreffend ein Königreich, das nahe gekommen war (Mt 4,17). Das Evangelium, das Jesus in dieser Zeit verkündete, war das «Evangelium des Königreichs» (Mt 4,23). Deshalb erwähnt Er im Vaterunser-Gebet das Königreich (Mt 6,9-10). Im damaligen Kontext kann es von nichts anderem gesprochen haben, als was die jüdischen Zuhörer verstanden: Das messianische Reich, das erwartet wurde.

Nichts sprach hier von Tod und Auferstehung, oder von Rettung durch Gnade durch Glaube an Jesus. Das Gebet von Jesus ist für eine andere Situation als heute gegeben. Es erscheint etwas unverständlich, dass man gerade dieses Gebet in vielen Gottesdiensten hervorhebt, während Gebete, die zeitlich nach der Auferstehung aufgeschrieben wurden, völlig aussen vor bleiben.

Nach der Auferstehung

Das Neue Testament zeigt eine Entwicklung. Vor dem Kreuz ist anders als nach der Auferstehung. Paulus weist sogar darauf hin, dass wir (lebend nach der Auferstehung) Jesus nicht mehr kennen sollten, wie er im Fleisch gelebt hat (2Kor 5,16). Das verweist an die Zeit der Evangelien. Die Situation hatte sich grundlegend geändert. Verkündigung, Realität und Ausblick hatten sich geändert. Es kam eine Gemeinde aus allen Nationen, der Körper Christi, wozu man heute als Christ gehört. Dazu gehört eine andere Erwartung, als die einmal für Israel galt. Mit der Auferstehung als Grundlage und der Bekanntmachung einer Gemeinde aus allen Nationen ist die Verkündigung aus der Zeit der Evangelien kein aktuelles Thema mehr. Selbstverständlich lässt sich in übertragenem Sinne viel Gutes aus den Evangelien ableiten, aber vom Text aus betrachtet, betrifft es nicht die heutige Gemeinde.

In dieser neuen Situation kann man sich fragen, wie man denn heute betet. Da die Briefe des Paulus besondere Bedeutung für die Gemeindelehre haben, kann man daraus viel lernen. Paulus hat in mehreren Briefen Gebete aufgeschrieben. Diese sind besonders wertvoll, weil sie auf der Realität und Verkündigung nach der Auferstehung basieren und für die Nationen besondere Relevanz haben.

Beten wie Paulus

Müssen wir jetzt beten wie Paulus? Das ist eine ernst gemeinte Frage vieler Menschen, die sich der Entwicklung im Neuen Testament bewusst sind. Die Usanz, Gebete von Paulus nachzubeten, ist Zeugnis eines solchen Verständnisses. Man sucht die Wörter des Apostels, weil man sich der Änderung bewusst ist. Zu Recht hat man erkannt, dass die Gebete von Paulus dem Inhalt nach für die heutige Zeit besonders wertvoll sind. Man findet hier bedeutende Hinweise auf Gottes Anliegen für die Gemeinde und für die Ausprägung der heutigen Botschaft. Man kann viel daraus lernen.

Muss man aber so beten wie Paulus? Natürlich nicht. Paulus hat seine Gebete in seinen Briefen erwähnt, weil sie dort eine Funktion hatten. Es sind keine Formel für Rechtgläubigkeit oder Besserwisserei. Jeder betet, nachdem, was er selbst versteht. Gott erkennt das Herz des Beters. Zusätzlich haben wir selbst vielerlei Annahmen über das Gebet, sodass manche sich einen Wortschwall zurechtbiegen und andere schweigend in sich kehren. Paulus sagt einmal, dass wir gar nicht wissen, was wir beten sollten (Röm 8,26). Ebenso sagt der Apostel, dass wir im Gebet anhalten sollten (Röm 12,12). Was wir jedoch beten sollten, wird nur vage angedeutet.

Hier ist die Aufgabe, wenn man an Antworte interessiert ist: Man kann die Bibelstellen zu «Gebet» und «beten» speziell in den Briefen des Apostels Paulus versuchen zu verstehen. Man kann die Bibelstellen jeweils im Kontext untersuchen. Das hilft dabei, ein Verständnis für Gebete heute aufzubauen. Nachspüren, was Paulus gesagt hat und dies nicht mit anderen Aussagen zu vermischen, schenkt einen klaren Blick auf das Verständnis des Apostels.

Tun kann man auch etwas: Man kann die Gebete von Paulus testweise einmal als Vorlage nutzen, nachbeten und auf diese Art nachempfinden, was ihm wichtig war. Gleichzeitig kann man sich darüber Gedanken machen, wie man selbst bis anhin betet, welche Wörter und Ausdrücke man benutzt, und weshalb das (vielleicht) anders tönt als bei Paulus.  Man kann sich darüber einmal mit anderen unterhalten. Das ist sehr lehrreich. Wir können uns so dem Glaubensverständnis des Apostels annähern. Nicht die Nachahmung seiner Worte, wohl jedoch Entdeckung seiner Glaubenshaltung und Ausdrucksweise kann dabei helfen, das geistliche Verständnis zu erfassen, das er hatte.

«Werdet meine Mitnachahmer, Brüder, und achtet auf die, die so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt.»
Phil 3,17

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