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Der reiche Mann und Lazarus

Vorbemerkungen

Die Geschichte vom reichen Mann und Lazarus ist ein Dreh- und Angelpunkt in der Lehre einer endlosen Hölle. Es ist eines der wichtigsten Argumente und taucht immer wieder als der ultimative biblische Beweis einer Hölle auf – hat doch Jesus selbst diese Geschichte erzählt. Was hier beschrieben wird, soll eine korrekte Abbildung des Jenseits sein, worin die einen gerettet, die anderen aber für ewig von Gott getrennt sein sollen. Aber stimmt diese Interpretation? Das soll nachfolgend geprüft werden.

Die Geschichte ist ein guter Test für die Prinzipien einer biblischen Exegese. Es scheint mir, dass zur Durchsetzung dieser Geschichte als «Höllenbeweis» sämtliche exegetische Regeln über Bord geworfen werden müssen. Nur so lässt sich eine traditionelle Sicht aufrecht erhalten. Das aber wird erst klar, wenn man die Geschichte genauer anschaut und den Text nicht aus der Tradition, sondern vom Kontext bearbeitet.

Die nachfolgende Exegese ist nicht neu und stammt nicht von mir. Ich habe zusammengetragen und nachgeprüft, was im Vergleich verschiedenster Auslegungen am nächsten bei der Geschichte und beim Kontext bleibt. Eine einfache Suche im Internet zeigt sofort weitere Quellen auf. In zahllosen Gesprächen habe ich diese Exegese Befürwortern einer Hölle vorgelegt. Kein einziges Mal konnte diese Exegese aus dem Text oder Kontext widerlegt werden. Aus dogmatischen und ideologischen Gründen wurde die Auslegung jedoch häufig pauschal verworfen. Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Text und dem eigenen Verständnis ist tatsächlich eine Herausforderung. Es ist aber nicht nur eine Herausforderung, sondern auch ein Vorrecht. Wir sollten erwachsen werden im Glauben, damit wir nicht mehr von jedem Wind der Lehre hin und her geworfen werden (vgl. Eph 4,14-15). Das bedingt eine gute Differenzierung und den Mut, theologischen Sprengstoff nicht zur Verwirrung, sondern zum Aufbau zu nutzen. Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigen die wiederholten Gebete von Paulus für die Gemeinden um einen «Geist der Weisheit und Offenbarung in der Erkenntnis seiner selbst» (Eph 1,15-23). Denn darum geht es auch in dieser Geschichte.

Der reiche Mann und Lazarus

«Da war ein gewisser reicher Mann, der sich in Purpur und Batist kleidete und prunkvoll Tag für Tag in Fröhlichkeit dahinlebte. Und da war ein gewisser Armer mit Namen Lazarus, der mit Eiterbeulen vor dessen Torhalle daniederlag und nur begehrte, sich von den Abfällen zu sättigen, die vom Tisch des Reichen fielen. Es kamen jedoch die streunenden Hunde und leckten seine Eiterbeulen.

Dann geschah es, dass der Arme starb und von Boten fortgebracht wurde – in Abrahams Schoss. Aber auch der Reiche starb und wurde begraben. Als er im Ungewahrten in Qualen war und seine Augen aufhob, sah er Abraham von ferne und Lazarus in dessen Schoss.

Da rief er: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Süitze seines Fingers in Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Schmerzen in dieser Flamme.

Aber Abraham antwortete: Kind, erinnere dich daran, dass du dein Gutes während deines Lebens erhieltest und Lazarus gleicherweise das Üble; nun aber wird ihm hier zugesprochen, während du Schmerzen leidest. Zu diesem allen ist zwischen uns und euch eine grosse Kluft festgelegt, damit die, die von hier zu euch hinüberschrieten wollen, es nicht können, auch nicht die, die von dort zu uns herüberfahren möchten.»

Lk 16,19-31 (KNT)

Ein Abbild des Jenseits?

In diesem Beitrag wird dargelegt, dass die Geschichte vom reichen Mann und Lazarus kein Bild des Jenseits und kein Beweis für eine Hölle ist. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Der Text selbst spricht von etwas ganz anderem, wenn wir ihn im Kontext lesen. Der Kontext zeigt, dass Jesus hier nicht vom Jenseits spricht, sondern eine Geschichte zitiert, mit dem Ziel etwas ganz anderes zu erklären. Die wichtigen Fragen sind: Weshalb wurde diese Geschichte von Jesus erzählt, und was wurde erklärt? Die allgemein anerkannte Grundregeln für ein gesundes Bibelstudium sollten auch auf diese Geschichte angewandt werden. Wer das tut, erkennt schnell, dass die Deutung als «Abbild von Himmel und Hölle» so nicht stimmen kann.

Doch alles der Reihe nach. Die Geschichte vom reichen Mann und Lazarus war eine den Zuhörern bekannte Geschichte. Sie stammt aus der rabbinischen Tradition, was historisch belegt ist. Es ist eine ausserbiblische Geschichte, ein Kulturverweis. Jesus zitiert die Geschichte, um damit etwas ganz anderes zu erklären. So handelt es sich hier um eine Bildsprache; die Geschichte wird als Gleichnis erzählt.

Nun sieht das aber nicht jeder so. Viele umgehen den Kontext und Zusammenhang und lesen hier eine «korrekte» Beschreibung des Jenseits. Zumindest Teile dieser Geschichte müssen als Beschreibung der Hölle hinhalten. Eine buchstäbliche Interpretation ist aber selektiv. Sogar Anhänger dieser buchstäblichen Interpretation werden nicht alle Elemente der Geschichte als «buchstäblich» verstehen. So ist zum Beispiel Abrahams Schoss eine Bildsprache und es wird wohl nicht darum gehen, dass wir alle einst buchstäblich in seinen Schoss landen sollten.

Es gibt auch klare Ungereimtheiten: Diese Geschichte steht quer auf das gesamte biblische Zeugnis über ein Jenseits. Hat Jesus nun die Bibel auf den Kopf gestellt? Oder verweist er nicht ausdrücklich auf Mose und die Propheten und fordert uns auf, diesen zu glauben (Lk 16,29)? Weshalb findet man dort dann nichts, was nur entfernt an die hier beschriebene Situation erinnert? Wie man es dreht und wendet – diese Geschichte ist eine exegetische Herausforderung. Sie steht für sich allein, und es finden sich in der Bibel keine Parallelstellen, weder zu den einzelnen Aussagen, noch zur gesamten Geschichte. Hier aber, an dieser Stelle in Lukas 16, steht sie, und wir wollen sie deshalb genau hier ernst nehmen.

Diese Geschichte steht nicht in einem luftleeren Raum. Es ist Teil einer Rede von Jesus, worin auch weitere Geschichten für eine klar benannte Zuhörerschaft erzählt werden. Ich finde es immer wieder erstaunlich, was beim Befragen des Kontextes an Verständnis gewonnen wird. Was immer die Geschichte vom reichen Mann und Lazarus für eine Bedeutung hat, sie muss in diesen Kontext hineinpassen. Die Geschichte muss etwas mit den Menschen zu tun haben, zu denen Jesus sprach. Auch muss die Geschichte für die Zuhörer verständlich gewesen sein. Es muss um etwas gehen, was sie verstanden, was sie kannten, und worauf Jesus nun Bezug nimmt. Wir müssen den Text zuerst im eigenen Kontext verstehen lernen.

Ein Gleichnis, fünf Teile

Die zwei verschiedene Interpretationen dieser Geschichte (einmal buchstäblich wahr, ein andermal eine ausserbiblische Geschichte) müssen sich an dem Kontext messen. Es ist eine einzige Rede von Jesus, und alles gehört zusammen. Jesus fängt die Rede mit den folgenden Worten an:

«Es pflegten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder zu nahen um ihn zu hören. Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt Sünder an und ißt mit ihnen! Er sagte aber zu ihnen dieses Gleichnis und sprach: Welcher Mensch unter euch…»

Lk 15,1-3

Was folgt, ist nicht ein einziges Gleichnis, sondern eine ganze Serie, welche die Zuhörer direkt ansprechen. Diese Rede wird deshalb auch als fünfteiliges Gleichnis gesehen:

  1. Das Gleichnis vom Hirten und dem verlorenen Schaf (Lk 15,3-7)
  2. Das Gleichnis von der Witwe und der verlorenen Drachme (Lk 15,8-10)
  3. Das Gleichnis vom Vater und des verlorenen Sohnes (Lk 15,11-32)
  4. Das Gleichnis vom reichen Mann und seinem Haushalter (Lk 16,1-9)
    (Zwischenbemerkungen)
  5. Das Gleichnis vom reichen Mann und Lazarus (Lk 16,19-31)

Die ersten drei Gleichnisse nehmen sich primär der Zöllner und Sünder an. Es sind drei Dinge, die verloren gegangen sind, und alle wieder gefunden wurden. Sie zeigen, wie Gott sich freut, wenn sie den Weg zu Ihm zurückfinden. Sie waren verloren und werden gefunden. Die zwei letzten Gleichnisse sprechen vor allem von den Pharisäern und Schriftgelehrten. Sie sind der reiche Mann, der zweimal erwähnt wird. Die Lehrer Israels sind in vielem reich und ihnen ist viel überlassen, aber es scheint, sie haben sich nicht um ihre Aufgabe gekümmert. Sie haben selbst Jesu Worte so verstanden (Lk 16,14).

Es sind diese Zielgruppen, die in den Gleichnissen dargestellt werden. Beim Gleichnis vom reichen Mann und Lazarus referiert Jesus an etwas, das den Pharisäern und Schriftgelehrten geläufig war.

Das Wesen eines Gleichnisses

Auch wenn das Wort «Gleichnis» in dieser längeren Rede nur einmal genutzt wird (Lk 15,3), so ist es klar, dass auch die Folgegeschichten alle Gleichnisse sind. Zum Beispiel sind die Anfänge der Gleichnisse alle ähnlich. Das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus liest sich wie der typische Anfang eines Märchens: «Es war aber ein reicher Mann…» (Lk 16,18). Ein ähnlicher Anfang von anderen Gleichnissen liest sich in Lk 16,1 («Es war ein reicher Mann»),  Lk 15,11 («Ein Mensch hatte zwei Söhne») oder in Lk 14,16 («Ein Mensch machte ein grosses Mahl»), und die ersten zwei Gleichnisse sprechen von «Welcher Mensch unter euch» (Lk 15,4) und «Welche Frau» (Lk 15,8).

Es gibt viele Gleichnisse, die nicht speziell als «Gleichnis» bezeichnet werden. Wir werden geachtet, Gleichnisse zu erkennen, ohne dass das speziell erwähnt wird. Ein direkter Vergleich mit den anderen Gleichnissen bestätigt denselben Aufbau. Es ist eine bildhafte Geschichte, die mit einem besonderen Zweck erzählt wird. An anderer Stelle lesen wir, dass Jesus zu den Scharen nichts ohne Gleichnisse sprach (Mt 13,34).

Aber, so wendet man vielleicht ein, auch ein Gleichnis muss doch einen wahren Kern haben? Denn ansonsten versteht niemand die Geschichte. Ohne Bezug zur Realität kann es gar kein Gleichnis sein. Das stimmt selbstverständlich. Wir sollten aber nicht voreilig folgern, dass dadurch die Geschichte vom Jenseits handelt. Das wäre ein Kurzschluss. In Gleichnissen gibt es tatsächlich einen Bezug zu reellen Dingen, und es wird tatsächlich eine Wahrheit zur Erläuterung einer anderen Wahrheit zitiert, aber das Gleichnis wird dem Ziel der Erzählung angepasst. Die Frage lautet also, was genau der Bezugspunkt sein soll, und mit welchem Ziel die Geschichte gerade so zitiert wird. Wenn ein Gleichnis erzählt wird, geht es nie um die Geschichte vom Gleichnis, sondern um die Aussage, die damit gemacht wird. Das eigentliche Thema steht zentral, nicht jedoch der bildhafte Teil des Gleichnisses, der nur einen bestimmten Aspekt vom eigentlichen Anliegen erläutern soll.

Nehmen wir zum Beispiel das Gleichnis vom Hirten und dem verlorenen Schaf. Tatsächlich gibt es Hirten und Schafe. Auch kann es passieren, dass ein Schaf verloren geht. Nicht aber muss es einen wirklichen Bezug geben. Jesus erzählte nicht von einem bestimmten Hirten, der genau 100 Schafe hatte, von denen ein einziges verloren ging. Es ist keine Berichterstattung. Den Bezug zur Wahrheit gibt es also, aber die Verwendung im Gleichnis ist dem Ziel vom Gleichnis angepasst. Im Gleichnis vom verlorenen Schaf geht es nicht um die Schafzucht, nicht um den Beruf des Hirten, und auch will damit nicht gesagt werden, dass alle Schafherden aus exakt 100 Schafen bestehen, von denen immer ein einziges verloren geht. Ähnliches lässt sich von den weiteren Gleichnissen feststellen. Auch vom reichen Mann und Lazarus.

Ein Gleichnis kann sogar von erfundenen Dingen sprechen. Zum Beispiel das Gleichnis von Jotam aus Richter 9 redet von sprechenden Bäumen (Ri 9,7-15). Das Gleichnis ist ausdrucksstark, aber es ist keine korrekte Auskunft über das Pflanzenreich. Ebenso ist das Gleichnis vom reichen Mann und Lazarus keine Lehre über das Jenseits, sondern der Inhalt dient einem ganz anderen Zweck, der aus dem Kontext direkt hervorgeht.

Merksatz: Ein Gleichnis nutzt bekannte Dinge, um damit etwas anderes zu erklären.
(Das Bild im Gleichnis ist nicht das Thema, und wird dem Ziel der Geschichte angepasst. Manchmal ist die Referenz auch nicht reell.)

Weil die Geschichte vom reichen Mann und Lazarus ein Gleichnis ist ebenso wie auch die umringenden Geschichten, soll uns sofort klar sein, dass es hier nicht um eine Erklärung des Jenseits geht. Das Thema ist ein anderes. Ausserdem sind einige klare Aussagen dieser Geschichte doch sehr sonderbar. Denn nehmen wir diese Geschichte wörtlich, dann landet der reiche Mann in die Flammen, nur weil er reich war, und Lazarus in Abrahams Schoss, ausschliesslich weil er arm war:

«Abraham aber sprach: Sohn, bedenke, daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben und Lazarus gleichermaßen das Böse; nun wird er getröstet, du aber wirst gepeinigt.»
(Lk 16,25).

Das entspricht schon gar nicht den Folgerungen einer Himmel- und Höllenlehre, die nur selektiv interpretiert. Trotzdem muss auch dieses Gleichnis einen wahren Kern haben, wonach verwiesen wird. Die Frage lautet: Wonach verweist Jesus?

Den Text befragen

Ein guter Einstieg, um unseren Fragen auf den Grund zu gehen, bietet der Text selbst. Wir könnten und sollten den Text im eigenen Kontext befragen. Die nachfolgenden Fragen helfen dabei:

Frage Antwort Bibelstelle
Wer spricht? Jesus. Der Abschnitt gehört zu einer längeren Rede von Jesus. Lk 15,3 bis Lk 16,31
Worüber? a) Die ganze Rede ist eine Antwort auf das Murren der Pharisäer und Schriftgelehrten
b) Die Geschichte vom reichen Mann und Lazarus folgt der Bemerkung von Jesus über die Pharisäer, dass sie versuchen, sich selbst zu rechtfertigen.
c) Jesus erzählt hier ein Gleichnis, bzw. eine Reihe von Gleichnissen.
a) Lk 15,2
b) Lk 16,14-15
c) Lk 15,3
Mit wem? Zuhörer sind Zöllner, Sünder, Pharisäer und die Schriftgelehrten sowie die Jünger Jesu Lk 15,1-2
Lk 16,1
Mit welchen Worten? Die Referenz an ein «Jenseits» wird über das griechische Wort hades definiert, was Luther mit «Hölle» übersetzt hat. Die Rev. Elberfelder transkribiert schlicht «Hades». Schlachter 2000 übersetzt in Anlehnung an die griechische Mythologie mit «Totenreich». Lk 16,23
In welchem Zusammenhang Es ist der Dienst von Jesus auf Erden, vor dem Kreuz, an die verlorenen Schafe des Hauses Israels, um die Verheissungen an Israel zu bestätigen. Mt 15,24
Rö 15,8
Mit welchem Ziel? Verkündigung an Israel, um genau die verlorenen Schafe zu retten, die als «Zöllner und Sünder» zu ihm gekommen waren, «um Ihn zu hören». Lk 15,1-7
Joh 10,3 und weiter

 

Die Antworten geben Aufschluss über alle relevante Punkte der Passage. Alles, was die Geschichte aussagen soll, muss in diesem Kontext verstanden werden.

Die Zuhörer und der Ursprung der Geschichte

Jesus hat mit Sicherheit eine für die Zuhörer verständliche Aussage gemacht. Auch wenn wir der eigentlichen Aussage noch nicht nachgegangen sind, so wissen wir doch bereits viel mehr. Es geht hier um ein Gleichnis. Auch haben wir anhand anderer Beispiele entdeckt: Die Geschichte von einem Gleichnis ist nie das eigentliche Thema. Es geht hier also nicht um eine Beschreibung des Jenseits, noch kann diese Geschichte als Lehre über die Hölle zitiert werden. Was ist im Gespräch das unterliegende Thema?

Im Gespräch mit Zöllnern und Pharisäer steht Jesus gleichermassen einfachen und gebildeten Leuten gegenüber. Gleichnisse haben die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auf einen guten Nenner zu bringen, der für jeden verständlich ist. Mit dem vorangehenden vierten Gleichnis über den reichen Mann und seinen Hausverwalter haben sich die Pharisäer direkt angesprochen gefühlt. Sie nämlich sind die Hausverwalter, die für Gott das Haus Israel verwalten sollten. Das wäre ihre Aufgabe. In dem vierten Gleichnis nimmt Jesus ihre Geldgier und Laxheit aufs Korn. Die Pharisäer fühlen sich direkt angesprochen:

«Das alles hörten aber auch die Pharisäer, die geldgierig waren, und sie verspotteten ihn. Und er sprach zu ihnen: Ihr seid es, die sich selbst rechtfertigen vor den Menschen, aber Gott kennt eure Herzen; denn was bei den Menschen hoch angesehen ist, das ist ein Greuel vor Gott.»
Lk 16,14-15

Jesus erkannte, dass die Pharisäer versuchten, sich selbst zu rechtfertigen. Bereits in der Bergpredigt hat Jesus vermerkt: «Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft, so werdet ihr gar nicht in das Reich der Himmel eingehen!» (Mt 5,20).  Und wenn Jesus vom Gebet spricht, bezieht er sich erneut auf heuchlerische Frömmigkeit vieler (nicht: aller!) Pharisäer: «Und wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler; denn sie stellen sich gern in den Synagogen und an den Straßenecken auf und beten, um von den Leuten bemerkt zu werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon empfangen.» (Mt 6,5).

Das nun ist auch der Hintergrund für die Geschichte vom reichen Mann und Lazarus. Der reiche Mann, das wäre in der Geschichte der selbstgerechte Pharisäer. Der arme Lazarus, das wäre der Jude, für den der Pharisäer eigentlich hätte da sein sollen. Immer wieder richtet sich Jesus in den Evangelien an die Missstände bei der religiösen Elite. Lesen wir auch dieses Zeugnis von Jesus:

«Da redete Jesus zu der Volksmenge und zu seinen Jüngern und sprach: Die Schriftgelehrten und Pharisäer haben sich auf Moses Stuhl gesetzt. Alles nun, was sie euch sagen, daß ihr halten sollt, das haltet und tut; aber nach ihren Werken tut nicht, denn sie sagen es wohl, tun es aber nicht. Sie binden nämlich schwere und kaum erträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; sie aber wollen sie nicht mit einem Finger anrühren. Alle ihre Werke tun sie aber, um von den Leuten gesehen zu werden. Sie machen nämlich ihre Gebetsriemen breit und die Säume an ihren Gewändern groß, und sie lieben den obersten Platz bei den Mahlzeiten und die ersten Sitze in den Synagogen und die Begrüßungen auf den Märkten, und wenn sie von den Leuten »Rabbi, Rabbi« genannt werden. Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen, denn einer ist euer Meister, der Christus; ihr aber seid alle Brüder. Nennt auch niemand auf Erden euren Vater; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. Auch sollt ihr euch nicht Meister nennen lassen; denn einer ist euer Meister, der Christus. Der Größte aber unter euch soll euer Diener sein. Wer sich aber selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. Aber wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, daß ihr das Reich der Himmel vor den Menschen zuschließt! Ihr selbst geht nicht hinein, und die hinein wollen, die laßt ihr nicht hinein. Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, daß ihr die Häuser der Witwen freßt und zum Schein lange betet. Darum werdet ihr ein schwereres Gericht empfangen!»
Mt 23,1 und weiter

Der Sprung zum Gleichnis vom reichen Mann und Lazarus ist nun nicht mehr gross. Sobald wir den näheren und weiteren Kontext anschauen, werden die Gruppen konkret, an denen sich Jesus richtet. Es handelt sich bei den fünf Gleichnissen in Lukas 15 und Lukas 16 nicht um eine komplett neue Situation, sondern um ein immer wiederkehrendes Thema.  Es sind immer die Zuhörer in den Gleichnissen erwähnt. Sie sind hier «im Bild».

Die Geschichte vom reichen Mann und Lazarus ist eine Geschichte aus der Tradition der Pharisäer. Wir haben in Matthäus gelesen, wie sie sich selbst «auf Moses Stuhl gesetzt» haben. Sie haben sich selbst den besten Platz gegeben. Ihre Eigengerechtigkeit hat sich auch in ihren Traditionen niedergeschlagen, wo sie sich selbst «in Abrahams Schoss» wähnten, während die anderen Menschen (wie Lazarus) aussen vor blieben. Jesus kehrt diese Geschichte radikal um. An anderer Stelle sagte Er: «Die Zöllner und die Huren kommen eher in das Reich Gottes als ihr! Denn Johannes ist zu euch gekommen mit dem Weg der Gerechtigkeit, und ihr habt ihm nicht geglaubt. Die Zöllner und die Huren aber glaubten ihm» (Mt 21,31-32).

Flavius Josephus und das Buch Henoch

Diese rabbinische Geschichte, wie Jesus sie in Lukas 16 zitiert, findet sich sowohl bei Flavius Josephus als auch im Buch Henoch zurück. Josephus hat für eine griechische Hörerschaft ein Traktat erstellt, speziell über die jüdischen Gedanken über den Hades. Alle Elemente aus Lukas 16 werden hier zurückgefunden: Die unüberbrückbare Kluft, das Höllenfeuer, die Peinigung, Abrahams Schoss, usw. Aus seiner Berichterstattung geht hervor, dass es eine rabbinische Geschichte ist, ein Volksglauben sozusagen, eine Art des Selbstverständnisses der religiösen Führer. In etwa so vielleicht, wie man heute noch über Himmel und Hölle spricht.

Teile der Geschichte kann man auch im apokryphen Buch Henoch erkennen. Henoch fragt dem Engel Raphael:

«Zu dieser Zeit also erkundigte ich mich über ihn und über das allgemeine Gericht und sagte: Warum ist einer von dem anderen getrennt? Er antwortete: dreies ist gemacht worden zwischen die Geister der Toten, und so sind die Geister der Gerechten getrennt worden, nämlich eine Kluft, Wasser und Licht darüber. Und auf dieselbe Weise werden auch Sünder getrennt, wenn sie sterben und in der Erde begraben werden, hat sie das Gericht nicht ereilt bei ihren Lebzeiten. Hier werden ihre Seelen getrennt. Überdies ist ihr Leiden groß bis zur Zeit des großen Gerichts, der Züchtigung und der Qual derjenigen, welche ewig verfluchen, deren Seelen gestraft und gebunden werden bis in Ewigkeit. Und so ist es gewesen vom Anfange der Welt an. So war dort vorhanden eine Trennung zwischen den Seelen derjenigen, welche Klagen vorbringen, und derjenigen, welche lauern auf ihre Vernichtung, sie zu morden an dem Tage der Sünder. Ein Behältnis dieser Art ist gemacht worden für die Seelen der ungerechten Menschen und der Sünder, derjenigen, welche Verbrechen vollbracht und sich zu den Gottlosen gesellt haben, denen sie gleichen. Ihre Seelen sollen nicht vernichtet werden am Tage des Gerichts, noch sollen sie auferstehen von diesem Platze.»

Buch Henoch, Kapitel 22, Paragraph 5.

All diese Dinge finden wir aber nirgendwo in der Bibel beschrieben. Weder eine Kluft, noch die verschiedenen Abteilungen, und auch der Schoss Abrahams werden nirgendwo erwähnt. Es sind fantasievolle Erzählungen, die sich in der Tradition der Schriftgelehrten fanden – nicht aber in der Bibel selbst. Den Bezug, den Jesus herstellt, ist zu den Gedanken der Schriftgelehrten und Pharisäer über sich selbst, nicht jedoch zu einem reellen Jenseits.

An diesem Ort, der in Lukas 16 «Hades» genannt wird, brennt auch kein Feuer, wenn wir in der Bibel sonst darüber lesen. Im Hades (hb. Scheol) wird auch nicht geredet, denn es herrscht Stille (Ps 31,18, Jes 38,18-19 u.a.). Jesus zitiert also keine biblische, sondern eine ausserbiblische Geschichte – und dass es im Hades/Scheol stille war, bis Jesus diese Geschichte erzählt, erscheint wenig plausibel. Es fehlt zu einer buchstäblichen Interpretation jeder Zusammenhang.

Abraham

Weil die selbstgerechten Führer des Volkes sich in ihren eigenen Erzählungen auf Moses Stuhl und in Abrahams Schoss sahen, kann Jesus einen reellen Bezug herstellen. Hermann Lichtenberger schreibt zur Bedeutung des Namens Abrahams:

«Die Frage nach der Vaterschaft Abrahams und nach seinen legitimen Nachkommen ist nun aber im frühen Judentum und im entstehenden Christentum in mehrfacher Hinsicht umstritten. Wessen Vater ist Abraham? Und wer darf sich Abrahams Sohn oder Tochter, Abrahams Same oder sein Kind nennen? Was bedeutet dieser Status? Wie erringt man ihn, und woran ist er zu erkennen?

In Jh 8,39 halten «die Juden» Jesus die bekenntnishafte Selbstvorstellung entgegen: «Unser Vater ist Abraham». Jesus gesteht ihnen in seiner Antwort zwar zu, «Same Abrahams» zu sein, nicht aber «Kinder Abrahams», da sie nicht seine «Werke» tun. Er differenziert also zwischen der genealogischen Abstammung und der ethisch-religiösen Zugehörigkeit und Legitimität.

Dieselbe Differenzierung finden wir im Lukas-Evangelium. Der Satz «Wir haben Abraham als Vater» begegnet ähnlich emphatisch in der Täuferpredigt in Lk 3,8 par., hier aber polemisch gewendet, indem der Täufer diese fingierte Selbstprädikation des jüdischen Auditoriums sogleich bestreitet: «Gott kann aus diesen Steinen Abraham Kinder erwecken». Andererseits gibt Jesus in Lk 13,16 einer kranken jüdischen Frau den Ehrentitel «Tochter Abrahams». Entsprechend erhält in Lk 19,9 der Zöllner Zachäus den Ehrentitel «Sohn Abrahams». Besonders interessant ist die Vorstellung von Abrahams Schoss in Lk 16,19-31, der Erzählung vom reichen Mann und dem armen Lazarus. Der Reiche, ein Jude, spricht Abraham aus seiner Sicht ebenso korrekt wie vertrauensvoll als «Vater Abraham» an. Abraham antwortet dementsprechend mit der Anrede «Kind», kann sachlich aber nichts für den Reichen tun. Alle diese Sätze zeigen, dass im Lukas-Evangelium die selbstverständliche Prädikation aller Juden als Abrahamskinder zugunsten einer individuellen Differenzierung aufgehoben ist.»

Hermann Lichtenberger und Ulrike Mittmann-Richert, Deuterocanonical and Cognate Literature. Yearbook / Biblical Figures in Deuterocanonical and Cognate Literature, Walter de Gruyter, 2009, S. 570. (Direktlink). Hervorhebung hinzugefügt.

Jesus zitiert eine rabbinische Überlieferung

Die volkstümliche und traditionelle Geschichte ist der Kern der Wahrheit, auf die sich Jesus im Gleichnis bezieht. Er passt die bekannte rabbinische Geschichte dem Zweck seiner Aussage an, weshalb die Pharisäer (der reiche Mann) in Seiner Version in den Flammen landen, während Lazarus (die verlorenen Schafe des Hauses Israels) sich in Abrahams Schoss wiedefindet. Die Rede war für die Ohren der Zuhörer unmissverständlich. Es ist jedoch keine biblische Lehre über das Jenseits. Fragen zum Jenseits, zu Gericht, Tod und Auferstehung müssen aus anderen Bibeltexten beantwortet werden.

An diesem Beispiel erkennen wir, wie Kulturverweise ganz logisch und passend in den biblischen Geschichten erscheinen. Für die damaligen Zuhörer, bekannt mit den genannten Referenzen, war das eine klare Sprache. Was aber im Laufe der Zeit aus dem Gleichnis vom reichen Mann und Lazarus gemacht wurde, ist haarsträubend. Nur die hier oben genannte Zusammenhänge erklären den Text im eigenen Kontext – ein Grundsatz für gesundes Bibelstudium.

Eine Lehre über eine ewige Hölle lässt sich aus dieser Geschichte also nicht ableiten. Tut man das trotzdem, gerät man theologisch gesehen in Teufels Küche. Buchstäblich interpretiert geht es in dieser Geschichte nicht um ein «Leben durch Glauben», denn Glaube ist in der Geschichte kein Thema. Es ist völlig genügend «reich zu sein», um verdammt zu werden, oder «arm zu sein», um in Abrahams Schoss zu landen. Die Geschichte hat gar nichts mit dem Evangelium der Gnade zu tun, woraus wir heute schöpfen dürfen. Wirklich einleuchtend ist nur das Verständnis aus dem direkten Kontext. Jesus hat bei seinen Zuhörern Missstände und ihre Selbstgerechtigkeit sehr direkt angesprochen.